Philipp Gessler

Wolfgang Huber

Ein Leben für Protestantismus und Politik

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Impressum

Aktualisierte und erweiterte Neuausgabe 2017

© KREUZ Verlag in der Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2012

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Umschlaggestaltung: Verlag Herder

Umschlagmotiv: © Rolf Zöllner

E-Book-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN (E-Book): 978-3-451-81212-5

ISBN (Buch): 978-3-451-06442-5

Für Rachel

Inhalt

Vorwort von Frank-Walter Steinmeier

A. DER LERNENDE

1. Der Vater: Ernst Rudolf Huber und der Schatten der Vergangenheit

2. Die Mutter: Tula Huber-Simons und die Härte gegen sich selbst

3. Kindheit und Jugend: Wolfgang Hubers Weg in den Glauben

4. Disziplin und Druck: Schul- und Studienjahre eines Professorensohns

5. Kara Huber: Vom Flüchtlingskind zur Bischofsfrau

6. Prägungen und Protest: Eine junge Pfarrerfamilie am Rande der 68er-Bewegung

7. Vorbild und Bruder im Geiste: Dietrich Bonhoeffer im Leben Wolfgang Hubers

B. DER LEHRENDE

8. Der Meisterschüler im Thinktank: Wolfgang Huber an der FEST

9. Kirche und Öffentlichkeit: Die Theologie Wolfgang Hubers

10. Frieden und Fernsehen: Wolfgang Huber in der Nachrüstungsdebatte

11. Basis und Elite: Ein Theologe als Manager des Kirchentags

12. Der junge Professor: Ein Star der politischen Theologie

13. Politik und SPD: Das Liebäugeln mit der Politik als Beruf

C. DIE PRAXIS

14. Die DDR und die Einheit: Wolfgang Hubers langer Weg in den Osten

15. Leitung und Lernen: Die Jahre als Bischof im »gottlosen« Berlin

16. Der verlorene Kampf: Wolfgang Huber und der Religionsunterricht

17. Der Bischof der Berliner Republik: Wolfgang Huber als EKD-Ratsvorsitzender

18. Reform und Renitenz: Das Impulspapier »Kirche der Freiheit«

D. DIE THEMEN

19. Herzenssache und Profilsuche: Wolfgang Huber und die Ökumene

20. Frömmigkeit und Fundamentalismus: Die Evangelikalen und der Kirchenmann

21. Islam, Integration und Interreligiöses: Der Einsatz gegen Schummelei und Sarrazin

22. Südafrika und Nordkorea: Wolfgang Huber und die Weltkirche

23. Anfang und Ende: Ein Sozialethiker in der Debatte um Leben und Tod

E. DIE MENSCHEN

24. Keine Käßmann: Wolfgang Hubers Umgang mit Presse, Personal und Publikum

25. Communio et Communicatio: Ein pensionierter Bischof fasziniert Wirtschaft und Elite

F. ANHANG

Wolfgang Huber: Stationen eines Lebens

Namensregister

Vorwort

Kann ein Leben dichter, spannender, facettenreicher sein als das von Wolfgang Huber? Seine Wege haben sich mit den meinen in den letzten gut zwei Jahrzehnten immer wieder gekreuzt – trotz unserer unterschiedlichen Aufgaben und Verantwortungen. Getroffen haben wir uns nicht nur immer wieder zu intensivem Dialog zwischen Kirche und Politik, sondern auch bei Evangelischen Kirchentagen und am Brandenburger Dom, an dessen 850-jährigem Jubiläum wir gemeinsam als Kuratoren mitwirken durften. Und dazwischen liegen natürlich unzählige weitere Begegnungen und viele private Treffen.

Bei all diesen Begegnungen habe ich Wolfgang Huber als jemanden kennengelernt, dem es gelingt, Brücken zwischen Menschen zu bauen, der Wege für Dialog gangbar macht, der Verbindendes schafft. Wolfgang Huber hat die wunderbare Fähigkeit, seine unterschiedlichen Berufe und Berufungen miteinander zu verweben und sie für andere nutzbar zu machen.

Als wissenschaftlicher Theologe hat er sich größten Respekt erworben, zum Beispiel durch seine Arbeiten über die Rolle der Kirche in der Öffentlichkeit, die auch mich stark geprägt haben. Als Professor der Theologie hat er sein Forschen und Lehren zudem immer auch als Dienst an der und für die Kirche begriffen, als kritisches und gleichzeitig konstruktives Gegenüber. Wolfgang Huber hat stets dafür geworben, dass die Brücken zwischen der Theologie und der kritischen Wissenschaft begehbar bleiben. Statt Glauben und Naturwissenschaft gegeneinander zu stellen, statt die Wahrheit des Glaubens ängstlich gegen die Moderne zu verteidigen, steht Wolfgang Huber für die Überzeugung, dass Glaube freier, ergebnisoffener Forschung nicht im Wege ist.

Als Bischof der Landeskirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und dann als EKD-Ratsvorsitzender hat er mit großem Engagement dafür gesorgt, dass die Kirchen sich nicht in den Raum privater Frömmigkeit abdrängen lassen. Sein Augenmerk lag vielmehr auf ihrem öffentlichen Auftrag – weil er weiß, dass die Kirchen für den inneren Zusammenhalt unserer Gesellschaft notwendig sind. Aus diesem Grund setzt er sich so leidenschaftlich für den Religionsunterricht ein. Und aus diesem Grund liegt ihm die öffentliche Sichtbarkeit der Kirchen so sehr am Herzen.

Wolfgang Huber ist ein streitbarer, aber kluger Verfechter der Ökumene, indem er die Gemeinsamkeiten herausarbeitet, jedoch ohne denjenigen Themen auszuweichen, in denen die Kirchen unterschiedliche Wege gehen. Gerade indem er die verschiedenen Standorte respektiert, ermöglicht er das Gespräch und eröffnet so einen neuen Dialograum für einen konstruktiven ökumenischen Austausch.

Ihm gelingt es nicht nur, den noch wackeligen Steg zwischen christlichen Glaubensgemeinschaften zu festigen. Er erreicht auch viele Menschen auf ganz direktem Weg. Welch ein wortmächtiger Prediger er ist, weiß jeder, der ihn einmal hat hören dürfen, sei es in der Berliner Gedächtniskirche zum siebzigsten Jubiläum der Barmer Theologischen Erklärung, sei es bei seiner Andacht nach den Anschlägen am 11. September im Berliner Dom. Seine Predigten sind Zeitansage und zwingende Analyse, aber sie spenden auch Trost und heilen Zerbrochenes. So ist Wolfgang Huber auch Seelsorger, der tröstet, der stärkt und der Hoffnung und Mut macht. Ein Pastor, der nicht nur eine kraftvolle Sprache findet, sondern der auch die leisen Töne hört und versteht. Der Mensch, der nahe bei den Menschen ist, sie ermutigt und stärkt. Ich habe die Kraft, die von seinen Worten, seinem Zuspruch ausgeht, auch ganz persönlich erfahren dürfen.

Wolfgang Hubers Wirken ist klar verankert in der lutherischen Reformation. Martin Luthers Theologie stellt jeden Christen, wie Bischof Hermann Kunst es formulierte, in die Verantwortung für die Welt hinein. Luthers Aufforderung, sich einzumischen und die persönliche Verantwortung vor Gott und vor der Welt ernst zu nehmen, das war und ist das zentrale Leitmotiv in Wolfgang Hubers öffentlichem Wirken.

Er hat sich stets eingemischt – eloquent, klug und pointiert. In der heutigen Zeit steht Wolfgang Huber für vieles, was wir uns für unsere Gesellschaft so dringend wünschen: Er ist ein Pfadfinder, der neugierig auf die Menschen zugeht. Er ist intellektueller Denker und dabei ein leidenschaftlicher Streiter mit umfassender klassischer Bildung – weit über sein eigenes wissenschaftliches Feld hinaus – und besitzt dennoch Bodenhaftung. Er ist zugewandt und hat den offenen Blick für die Menschen. Heute sehnt sich die Gesellschaft nach Menschen, die neue Orientierung geben können; Wolfgang Huber ist so ein Mensch. Ein Mensch, der durch seine Analysen, seine Zivilcourage und seine Selbstdisziplin Vorbild ist und die Menschen anleitet, kritisch zu sein und sich ihre eigene Meinung zu bilden. Was sein ungeheures Arbeits-, Schreib- und Reisepensum betrifft, habe ich bei Wolfgang Huber immer den Eindruck, dass seine Neugier und die Lust an der Begegnung mit Menschen ihn beflügeln und ihm neue Energie verleihen. Für ihn gibt es keine langweiligen Themen, vielmehr wird durch sein Nachfragen, seine Impulse jedes Thema spannend. Er findet stets eine neue Facette, einen neuen Mosaikstein, der das ganze Feld in neuem Licht erscheinen lässt.

Deshalb ahne ich, dass er auch weiterhin nicht ruhen wird! Ja, ich baue darauf, dass er sich weiter einbringt – gerade jetzt, in Zeiten, in denen der gesellschaftliche Zusammenhalt in Deutschland, aber auch in Europa, wichtiger ist denn je.

Wolfgang Huber ist für mich Ratgeber, Mahner und Wegweiser. Und: Er ist ein Freund. Für diese Freundschaft bin ich sehr dankbar.

März 2017

Frank-Walter Steinmeier

A. DER LERNENDE

Kapitel 1
Der Vater: Ernst Rudolf Huber und der Schatten der Vergangenheit

Es ist nicht leicht, einen Vater zu haben, der ein Nazi war. Und Ernst Rudolf Huber, der Vater von Wolfgang Huber, war nicht irgendein Nationalsozialist unter den rund 7,5 Millionen Mitgliedern der NSDAP. Der brillante Jurist Ernst Rudolf Huber kann neben seinem Doktorvater Carl Schmitt als der führende Verfassungsrechtler der braunen Diktatur bezeichnet werden, wie Historiker meinen. Wer Wolfgang Huber, den früheren Bischof von Berlin-Brandenburg und Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), verstehen will, muss dessen Vater Ernst Rudolf Huber kennen: Ein Mann, der einerseits, kalt wie ein Stein, die Entrechtung, Stigmatisierung und Aussonderung der Juden in Deutschland und später in Europa beschrieb, ja dieser Politik mit dem Ziel des millionenfachen Mordes eine scheinbar legale Fassade gab. Ein Mann zugleich, der von seinem Sohn Wolfgang innig geliebt wurde und rührend mit ihm umging. Wer war Ernst Rudolf Huber?

Ernst Rudolf Huber wird am 8. Juni 1903 in Oberstein an der Nahe, dem heutigen Idar-Oberstein, als Sohn von August Rudolf Huber und seiner Frau Helene, einer gebürtigen Wild, geboren. August Rudolf Huber ist Schmuckgroßhändler, sein Sohn Ernst Rudolf ein aufgeweckter, ehrgeiziger Junge, den die Niederlage des Kaiserreichs im Ersten Weltkrieg stark beschäftigt. Kurz nach dem Krieg, 1919, gründet der 16-Jährige gemeinsam mit Kameraden eine völkisch geprägte Jugendgruppe, den Nerother Wandervogel – es ist eine Kameradschaft, die ihm später noch einmal helfen wird. Als Erster in seiner Familie wagt er nach dem Abitur den Schritt heraus aus Oberstein. Er ist auch der Erste, der studiert, zuerst Philologie und Philosophie in Tübingen, dann Nationalökonomie und Jura in München und Bonn.

Nach einer Referendarzeit in Köln beendet Ernst Rudolf Huber Anfang 1926, erst 22-jährig, mit dem Staatsexamen sein Studium und promoviert im gleichen Jahr. Sein Doktorvater in Bonn ist der schon damals berühmte, jedoch noch nicht so berüchtigte Verfassungsrechtler Carl Schmitt. Huber schreibt seine Dissertation über ein aktuelles Thema des Staatskirchenrechts (als Buch erschienen unter dem Titel »Die Garantie der kirchlichen Vermögensrechte in der Weimarer Verfassung«). Er gilt schon bald als Bonner Meisterschüler Schmitts, »das beste Pferd« in dessen Stall, wie der Staatsrechtler Carl Bilfinger (NSDAP-Mitgliedsnummer: 2 260 247) schreibt. Huber erhält für seine Doktorprüfung im Mai 1927 das Prädikat »Sehr gut«.

Rasch zieht es ihn in die Wissenschaft, ab 1928 ist er wissenschaftliche Hilfskraft im Industrierechtlichen Seminar der Universität Bonn, das von Heinrich Göppert (1867-1937) geleitet wird. Göpperts Mutter ist Jüdin, weshalb er ab 1933 als »Nichtarier« gilt. Mit einer Arbeit über Wirtschaftsverwaltungsrecht habilitiert sich Huber schon mit knapp 28 Jahren. Es ist eine fast schon enzyklopädische Arbeit, die von so hoher Qualität ist, dass sie die Zeiten überdauert und 1953/54 in einer stark erweiterten Auflage noch einmal erscheint. Ab 1931 lehrt Huber in Bonn als Privatdozent unter anderem Staats-, Wirtschafts- und Staatskirchenrecht. Nebenher publiziert er regelmäßig in jungkonservativen Zeitschriften. Über 60 Artikel erscheinen in Zeitschriften wie Ring oder Deutsches Volkstum. »Mein Vater war nach eigenem Verständnis ein Jungkonservativer. Und das ist er zeit seines Lebens geblieben«, sagt Wolfgang Huber.

Sein Doktorvater Schmitt, erbittet von Ernst Rudolf Huber immer wieder Hilfe für juristisch-politische Texte und Aufgaben. So assistiert Huber 1932 Schmitt (und Bilfinger) vor dem Leipziger Staatsgerichtshof beim Verfahren um den sogenannten Preußenschlag. Die geschäftsführende Regierung Preußens unter dem langjährigen Ministerpräsidenten Otto Braun (SPD) war im Juli 1932 im Auftrag von Reichskanzler Franz von Papen abgesetzt und durch Kommissare des Reichs ersetzt worden – dagegen hatte das Land Preußen geklagt. Huber und Schmitt vertreten die Reichsregierung in Leipzig. Im Oktober 1932 erklärt das Gericht die Einsetzung der Kommissare für zulässig. Das demokratische Bollwerk Preußen ist gefallen, die Diktatur rückt näher. In dieser Zeit erwärmen sich Schmitt und Huber für einen »totalen Staat«, eine zumindest zeitweilige und kommissarische Diktatur.

Nach Hitlers Regierungsantritt am 30. Januar 1933 tritt der junge Wissenschaftler am 1. Mai 1933 der NSDAP bei, Mitgliedsnummer: 3 144 494. Begeistert von der nationalen Bewegung steigt Huber rasant auf – auch wenn er später behaupten wird, die »revolutionären Exzesse der ›Machtübernahme‹« hätten in ihm »Bestürzung, Schrecken« ausgelöst, ja er sei »vom Bild der nationalsozialistischen Bewegung abgestoßen« gewesen. Auch nach 1945 findet er für sein NS-Engagement öffentlich nur sehr zurückhaltende Worte des Bedauerns: »Ich war damals jung, ich war aktiv, ich war zum Wagnis bereit – ich habe mich in diesen ersten Jahren aus guten Gründen für eine heillose Sache eingesetzt.«

Der brillante Jurist Huber wird jedenfalls von den Nazis für würdig befunden, ein Prestigeobjekt ihrer ideologischen Hochschulpolitik zu schmücken: Huber wird schon im Wintersemester 1933/34 als Professor an die Rechtswissenschaftliche Fakultät der von den Nazis als »Grenzlanduniversität« geförderten Universität Kiel berufen. Seine Fakultät soll im Sinne der NS-Ideologie vorbildhaft sein, eine »Stoßtruppfakultät«. Sie profiliert sich bald als »Kieler Schule« einer linientreuen »Neuen Rechtswissenschaft«.

Huber, man muss es so sagen, wirft sich dem neuen Regime an den Hals – und er versucht das Unmögliche: Er schreibt dem barbarischen Willkürstaat eine »Verfassung«, so sein 1937 erschienenes Werk, das er nach dem »Anschluss« Österreichs in einer erweiterten Fassung 1939 »Verfassungsrecht des Großdeutschen Reiches« nennt. Er legitimiert damit juristisch Unrecht und Diktatur im Staate Adolf Hitlers. Huber schreibt: »Das völkische Führerreich« beruhe auf der Erkenntnis, »dass der wahre Wille des Volkes nicht durch parlamentarische Wahlen«, sondern »nur durch den Führer rein und unverfälscht hervorgehoben wird«.

Den Holocaust erwähnt Huber in seinen Schriften nicht direkt. Er spricht in seiner »Verfassung« 1937 nüchtern von »Konzentrationslagern, in denen die in Schutzhaft genommenen staatsfeindlichen Personen zusammengefasst wurden«. Über die Nürnberger Gesetze hält er fest, Juden sei darin »eine Sonderstellung zugewiesen«, die sich aus dem Ziel der »völligen Ausscheidung des Judentums« erkläre. Juristisch sei die »Absonderung« ein Teil des »Aufbaus und Ausbaus der deutschen Reichsverfassung«. Noch im Oktober 1940 erklärt Huber in der wöchentlich erscheinenden NS-Edelpostille Das Reich: »Der völkisch-rassistische Gedanke hat sich seit 1933 fortschreitend in einer Fülle von Einzelmaßnahmen durchgesetzt. Abwehrend trat er vor allem in der Ausscheidung des Judentums aus dem Volkskörper hervor«. In diesem Zusammenhang erwähnt er auch »die großen Umsiedlungsvorhaben, die im Zusammenhang mit den militärischen Ereignissen seit dem Herbst 1939 eingeleitet worden sind«.

Trotz dieser – um das Mindeste zu sagen – offensichtlichen Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal der Juden: Es ist wahrscheinlich, dass Huber – anders als Carl Schmitt – kein Antisemit war. Jedenfalls kommt es gerade aufgrund einer klar antisemitisch intendierten Veranstaltung zu einem ersten Bruch mit seinem Doktorvater Schmitt, den zu ehren bis dahin eine Konstante im Leben Hubers war. Es geht um eine von Schmitt geplante Hochschullehrertagung, die für den Oktober 1936 geplant ist. Thema: »Das Judentum in der Rechtswissenschaft«. Wolfgang Huber erzählt diesen Konflikt zwischen Schmitt und seinem Vater so: »Schmitt erwartete ultimativ, dass mein Vater dort hinkäme.« Aber der lehnt ab. »Damit war der Ofen zwischen den beiden aus.« Es dauert knapp zwei Jahre, bis sie sich wieder annähern.

Etwa um das Jahr 1937 scheint Ernst Rudolf Huber etwas Distanz zum NS-Regime zu gewinnen. Wenn man die Sache für ihn wohlwollend betrachtet, mag ein wichtiger Grund darin gelegen haben, dass er als intelligenter Mann nicht zuletzt angesichts staatlicher Mordaktionen wie etwa des sogenannten Röhm-Putsches einsieht, mit seinem Konzept einer rechtlichen Definition eines völlig willkürlich geführten Terrorstaates ganz offensichtlich gescheitert zu sein: Es gibt kein Recht im Unrecht.

Huber selbst hält 1947 fest, er habe mit seinem »Verfassungsrecht« von 1937 versucht, das NS-Regime »aus dem Chaos der Revolution, der Gewaltsamkeit, des Terrors herauszuführen und es auf dem Weg der Ordnung, des Rechts und des inneren Friedens zu lenken«. Sein Sohn Wolfgang Huber hält das durchaus für möglich: »Er wollte der Vorstellung nicht Raum geben, dass der Führer unumschränkte Macht hat, sondern mit Rückgriff auf unter anderem überpositives Recht einen verfassungsrechtlichen Rahmen konstruieren. Er musste dann aber einsehen, dass er so nicht nur sich selbst kompromittierte, sondern auch etwas tat, was gar nicht zu halten war. Etwas, was dem Regime eminent half, aber innerlich haltlos war.«

Huber nimmt 1937 einen Ruf an die Universität Leipzig an. Bei einer Abschiedsfeier trägt ein Kieler Kollege ein Gedicht vor, das die zunehmende Neigung Ernst Rudolf Hubers zur Verfassungsgeschichte als einen Rückzug in eine politisch unverfänglichere Vergangenheit wertet, so die Interpretation Wolfgang Hubers. Zwei Zeilen des Gedichts lauten: »Seit es kein öffentliches Recht mehr gibt, der Hausherr die Geschichte liebt.« Der Wuppertaler Historiker Ewald Grothe, ein Experte für das Thema Ernst Rudolf Huber, äußert dazu jedoch nüchtern die Vermutung, »dass Hubers Hinwendung zur Verfassungsgeschichte einerseits mit dem zunehmenden Bedeutungsverlust des Staatsrechts im Nationalsozialismus zu tun hatte und dass sie andererseits der generellen Aufwertung der Verfassungsgeschichte in der Rechts- und Geschichtswissenschaft geschuldet war«.

Nach der Eroberung Frankreichs wird die »Reichsuniversität Straßburg« 1941 neu gegründet, Huber erhält im gleichen Jahr einen Ruf dorthin. Er folgt ihm und holt später auch seinen Leipziger Assistenten Hellmut Becker nach, der im Russland-Feldzug schwer verwundet worden war. Becker (NSDAP-Mitgliedsnummer: 4 455 499) wirkt nach dem Krieg als Verteidiger des hohen NS-Diplomaten Ernst von Weizsäcker im »Wilhelmstraßen-Prozess« um die Schuld des Auswärtigen Amtes an Krieg und Völkermord. Huber wird Becker bei diesem Prozess helfen. Auch bei ihren Entnazifizierungsverfahren stehen sie sich gegenseitig bei. Becker entwickelt sich später zu einem der führenden Bildungsforscher der Bundesrepublik.

Ernst Rudolf Huber etabliert mit seiner Frau im »deutschen Straßburg« ab 1941 ein wissenschaftliches »Kränzchen«, das als elitär verschrien ist. Zu diesem schicken Kreis gehören auch Ernst von Weizsäckers Sohn, der Atomphysiker Carl Friedrich von Weizsäcker, sowie gelegentlich der spätere Bundespräsident Richard von Weizsäcker. Der Publizist Ulrich Raulff beschreibt dieses Milieu so: »Man liest gemeinsam und diskutiert, lässt kein Konzert und keinen Liederabend aus. Die Frauen tragen Dauerwelle, man spielt bürgerliche Gesellschaft und deutsches Elsass.« Der SPD-Politiker Adolf Reichwein, der später als Mitglied des Kreisauer Kreises von den Nazis hingerichtet wird, kennt Huber »flüchtig«, wie er seiner Frau schreibt, besucht ihn aber in Straßburg und hält im Mai 1943 fest: »Er ist auf der Woge des Nationalsozialismus aufgestiegen und jetzt verzweifelt und resigniert«. Der Journalist und Publizist Erich Kuby schildert Hubers Zirkel abschätzig so: »Hier in Straßburg sind eine Menge ansehnlicher Leute versammelt, die vom Dritten Reich und vom Krieg so viel wie möglich verpassen wollen. Was mich an diesem Kreis stört, ist sein elitäres Gehabe, und was ich am wenigsten vertrag, ist Ironie gegenüber den Nazis, die sich gefahrlos äußert. Diese Kultur- und Wissenschaftsplutokraten tragen ein unsichtbares Schild um den Hals: Wir sind die anderen Deutschen.«

Immerhin, einer der vielversprechendsten Studenten Hubers offenbart sich nach dem Krieg als ein führender Kopf der elsässischen Résistance. In seinen Memoiren schreibt der Politikwissenschaftler Martin Greiffenhagen über Ernst Rudolf Huber: Der habe in dieser Zeit zugunsten von zwei fahnenflüchtigen Marinesoldaten, denen vor einem Kriegsgericht die Todesstrafe droht, ein günstiges Rechtsgutachten erstellt, das die Reichszugehörigkeit des Elsass so definiert habe, dass die beiden Soldaten nicht hingerichtet wurden. In einem Brief an Carl Schmitt schreibt Huber aus Straßburg am Jahreswechsel 1943/44: »Vielleicht hängt für die Zukunft alles davon ab, ob wir den Weg vom Bürger, vom Arbeiter, vom Soldaten wieder zum Menschen finden.«

Das ist die Welt, in die Wolfgang Huber am 12. August 1942 als jüngster von fünf Söhnen geboren wird. Gerade zwei Jahre ist er alt, als die Familie im September 1944 in den Schwarzwald flüchtet, nach Falkau, einem idyllischen Dorf am Feldberg. Große Teile seiner Bibliothek kann Ernst Rudof Huber, der etwa im März 1945 nachkommt, mitnehmen, die letzte Strecke auf einem Leiterwagen, gezogen von Kühen.

Für Ernst Rudolf Huber ist der Krieg damit vorbei, seine Karriere vorerst am Ende. Arbeit als ordentlicher Professor wird er erst wieder 1957 finden. Er führt das Leben eines Privatgelehrten und Hausmanns. Die Familie lebt sehr bescheiden. Trotzdem sind 1948 die Ersparnisse aufgebraucht, von da an kommt vor allem seine Frau – Tula Huber-Simons, sie ist Anwältin – für das Familieneinkommen auf. Unter der Woche ist sie in Freiburg, während Ernst Rudolf mit seinen beiden jüngsten Söhnen Wolfgang (6) und Gerhard (9) in Falkau lebt. Die älteren drei Söhne sind die meiste Zeit auf der Privatschule Birklehof in Hinterzarten, die lange vom Reformpädagogen Georg Picht geleitet wird.

»Er war sicher kein Haushaltsgenie«, sagt Gerhard in Erinnerung an den Männerhaushalt in Falkau. Aber Ernst Rudolf Huber kocht für seine Söhne, die im Haushalt helfen müssen. »Kartoffeln mit Salz« stehen oft auf dem Speiseplan, erinnert Gerhard sich. Oder ein Brei aus gesammeltem und beim Bauern geschrotetem Korn: »Wir waren besonders froh, wenn die Milch sauer geworden war, dann konnten wir seine Portion essen«, erinnert sich Gerhard. Sie erleben ihren Vater fast nur am Schreibtisch sitzend, der Arbeitstag ist streng geregelt, bis in die Nacht hinein. Ernst Rudolf Huber fängt Anfang der 1940er-Jahre seine »Verfassungsgeschichte« an, die am Ende, nach Jahrzehnten, über 7700 Seiten umfasst. Es ist sein Lebenswerk, das in der Zeit der Französischen Revolution 1789 beginnt, aber ganz bewusst beim Jahr 1933 endet – und Geschichtsstudenten noch heute nutzen. Dass ihr Vater erwerbslos ist, bemerken die beiden kleinen Söhne gar nicht: »Wir haben das nicht mitbekommen, weil er immer gearbeitet hat«, sagt Gerhard Huber.

Über die NS-Schuld Ernst Rudolf Hubers darf im Familienkreis damals nicht geredet werden. »Das war eigentlich ein Tabu-Thema … Meine Mutter war da immer etwas ungehalten und hat gesagt: ›Ihr beurteilt das aus eurer heutigen Sicht in Kenntnis dessen, was geschehen ist‹«, so Gerhard Huber.

Zwar schweigt Ernst Rudolf Huber im Familienkreis jahrelang über seine Mitschuld im Nationalsozialismus. Aber immerhin sucht er ernsthaft den, ausschließlich schriftlichen, Austausch mit Carl Schmitt über ihre gemeinsame Schuld. Hubers Briefe zeugen von Erschütterung, und auch von einer gewissen Reue – ganz im Gegensatz zu Schmitt. Huber schreibt am 7. Juli 1948 an ihn: »Ich meine allerdings auch, daß es notwendig ist, das in Nürnberg zusammengetragene Tatsachenmaterial voll in sich aufzunehmen und so wenigstens nachträglich ganz zu realisieren, was das ›Dritte Reich‹ als Vernichtungssystem effektiv bedeutet hat. Für den, der Akten zu lesen versteht, gibt es keine erschütterndere Dokumentation als den aktenmäßigen Niederschlag des Terrorismus.«

Im Sommer 1950 ist in einem Brief Hubers an Schmitt leichte Selbstkritik über seine Rolle in der NS-Diktatur, »Dekomposition« genannt, zu lesen, denn dabei sei »das ›Gesetz‹ zu einer Waffe der planmäßigen Diskriminierung, Entrechtung und Vernichtung« geworden: »So wird die Dekomposition erst vollendet, indem sich zur offenen Brutalität pseudo-legalitärer Setzungen das Gift pseudo-legitimer Beteuerungen gesellt, immer unter dem Beistand einer beflissenen Jurisprudenz.«

Schmitt versteht diese Selbstkritik Hubers auch als Angriff auf sich und verbittet sich brieflich jede Anspielung auf seine Rolle in der Nazizeit. Die Beziehung friert ein. Etwa 220 Briefe und Karten der Korrespondenz sind zwischen den einst führenden NS-Staatsrechtlern erhalten. Nur noch 14 sind es in den 35 Jahren zwischen 1950 und 1985, als Carl Schmitt stirbt.

Für Wolfgang Huber markiert ein Tag, wohl im Jahr 1956, eine Zäsur. Damals gibt Ernst Rudolf Huber dem 14-Jährigen eine kleine Aufgabe: Im sogenannten Archivkeller, einem Raum mit einer Tischtennisplatte, soll sein Sohn die alphabetisch abgelegte persönliche Korrespondenz des Vaters sortieren. Dafür gibt es ein paar Mark. Worauf der brave Sohn dabei stößt, sind die beiden dort ebenfalls gelagerten Werke des Vaters, darunter das »Verfassungsrecht des Großdeutschen Reiches«. Stundenlang liest Wolfgang neben der Tischtennisplatte diese Bücher – und beginnt zu verstehen.

»Es war schon ein Schock«, erzählt er. »Einerseits der Schock in der Eindeutigkeit, die ich da gefunden habe. Andererseits die Schwierigkeit: Wie soll man das als 14-Jähriger vor seinem Vater ansprechen, ohne dabei die innere Loyalität aufzukündigen? Die Konsequenz war, dass ich mir die Zusammenhänge eher selber erarbeitet habe, als dass ich inquisitorisch meinen Vater hätte befragen wollen.« Das Geheimnis im Keller bleibt also erst einmal unausgesprochen.

Im Jahr 1957 ergibt sich für Huber senior auch dank alter Wandervogel-Verbindungen von 1919 und nach heftiger interner Debatte in Fachkreisen die Chance, als ordentlicher Professor nach Wilhelmshaven an die winzige Hochschule für Arbeit, Politik und Wirtschaft zu wechseln. Die junge Hochschule an der Nordsee hat im Wintersemester 1955/56 nicht einmal 200 Studenten und fünf Ordinarien. »Man konnte sich nichts vorstellen, was weiter entfernt ist von Freiburg. Da ist er sicherlich nicht mit großer Begeisterung hin gegangen«, sagt Gerhard Huber. Aber: »Meine Mutter hat ihn darin bestärkt, dies zu machen, weil sie sich vorstellen konnte, wie sehr er darunter leidet, im Universitätsbetrieb keinen Zugang mehr zu finden.« Die Hochschule, die zuvor militärisch genutzt worden war, ist vor allem eine Ansammlung von grauen Baracken aus dem Jahr 1935. Fünf Jahre bleibt Ernst Rudolf Huber dort. »Die Zeit in Wilhelmshaven schwankte zwischen exotisch und Exil«, bringt es Wolfgang Huber auf den Punkt.

Etwa in dieser Zeit versucht der Vater dann doch, zumindest gegenüber seinen Söhnen reinen Tisch zu machen und seine NS-Schuld anzusprechen. Der Anlass ist das Angebot an ihn, in den Rotary-Club aufgenommen zu werden. Dazu muss er einen »Ego-Bericht« abliefern, den er sehr sorgfältig erarbeitet. Eigentlich wissen alle in der Familie schon, was Sache war in der Nazizeit, Wolfgang spätestens seit seinen Stunden im Archivkeller. Aber es war nie darüber geredet worden. Und auch jetzt gab es nur etwas Papierenes.

Trotzdem: »Es hatte etwas Befreiendes, dass er es so klar formuliert hat. Ich hatte auch Verständnis, dass er den Umweg gewählt hat, dies nicht alles unmittelbar und direkt zu erzählen, sondern das Medium eines für andere geschriebenen Textes genutzt hat«, sagt Wolfgang Huber. Aber: »Ich kann mich nicht erinnern, dass einer von uns intensiv nachgefragt hätte.«

Bis Ernst Rudolf und Wolfgang Huber über dieses Thema, über die Schuld des Vaters in der Nazizeit ernsthaft miteinander zu sprechen beginnen, werden noch fast 30 Jahre ins Land gehen.

Kapitel 2
Die Mutter: Tula Huber-Simons und die Härte gegen sich selbst

Anfang der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts – ihr Sohn ist Professor für Theologie und auf dem Sprung, in Berlin Bischof zu werden – stellt der rund 50-jährige Wolfgang seiner Mutter Tula Huber-Simons eine Frage: »Ob sie sich eigentlich dafür interessiere, wie es ihren Söhnen persönlich, in ihrem Innersten, gehe?«, so erinnert sich Wolfgang Huber. »Sie sagte: ›Nein, das fände ich indiskret.‹«

Tula Huber-Simons, geboren am 3. März 1905 in Meiningen, gestorben am 19. Juli 2000 in Freiburg, war eine ebenso beeindruckende wie harte Frau, befähigt zu Größerem, unter ihren Möglichkeiten geblieben wegen der Zeitumstände – und wohl zugleich aus Liebe zu ihrem Mann. Auch wenn sie den Begriff wohl abgelehnt hätte, so war sie doch ein Beispiel für ein selbstbewusstes und emanzipiertes Frauenleben in einer Zeit, in der ein solches Leben sehr schwer war. Die Härte der Tula Huber-Simons gegen sich selbst war groß, ihre Selbstdisziplin eindrucksvoll. Wer war Tula Huber-Simons? Wie hat sie ihren Sohn geprägt?

Tula Simons kommt aus einer kinderreichen, evangelischen Familie. Ihre Eltern Walter und Erna Simons haben acht Kinder, sie ist das sechste. Tula wächst in einem sehr guten Hause auf. Ihre Mutter Erna Simons, geborene Rühle, stammt aus Bonn, wo ihr Vater an der Universität Ordinarius für Innere Medizin ist. Erna Rühle will es ihrem Vater nach tun und eigentlich Medizin studieren. Aber die deutschen Universitäten stehen damals Frauen noch nicht offen, weshalb Erna sogar erwägt, in der Schweiz zu studieren, wo dies Frauen schon möglich ist. Sie verwirklicht diesen Plan jedoch nicht, sondern heiratet den aufstrebenden Juristen Walter Simons.

Walter Simons, der Vater von Tula, legt eine steile juristische Karriere vor: Nach einer Laufbahn als Richter, unter anderem in Meiningen, gelingt ihm der Sprung über das Reichsjustizamt ins Auswärtige Amt und von dort im Oktober 1918 in die Reichskanzlei, die er leitet. Nach Informationen von Wolfgang Huber ist es Walter Simons, der die Abdankungserklärung von Kaiser Wilhelm II. am Ende des Ersten Weltkriegs 1918 so gekürzt veröffentlichen lässt, dass er zumindest einen kleinen Anteil an dem Ende der Monarchie in Deutschland hat: Er lässt den Teil der Abdankungerklärung unveröffentlicht, in dem Wilhelm II. seinen Sohn für die Nachfolge auf dem Kaiserthron bestimmt. »Den Verzicht zugunsten seines Sohnes hat er einfach nicht aufgenommen, weil er das für absolut abenteuerlich hielt«, berichtet sein Enkel Wolfgang Huber.

Walter Simons ist Generalkommissar der deutschen Delegation bei den Friedensverhandlungen von Versailles und später für ein knappes Jahr 1920/21 parteiloser Außenminister der Weimarer Republik im Kabinett von Reichskanzler Konstantin Fehrenbach von der katholischen Zentrumspartei. Es folgen Jahre als Präsident des Reichsgerichts und Reichsstaatsgerichts in Leipzig, ernannt von Reichspräsident Friedrich Ebert (SPD). In dieser Funktion nimmt Walter Simons nach dem Tode Eberts 1925 gemäß der Verfassung die Aufgaben des Reichspräsidenten wahr, allerdings nur für zwei Monate bis zur Vereidigung des neuen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg. Über 80 Jahre später nach dem Rücktritt Horst Köhlers und dann noch einmal beim Rücktritt Christian Wulffs wird auch sein Enkel Wolfgang als deutsches Staatsoberhaupt, als möglicher Bundespräsident im Gespräch sein. Ebenso Ende 2016, als das politische Berlin die Nachfolge Joachim Gaucks diskutiert.

Tula Simons will unbedingt an die Universität. Um die Hochschulreife zu erlangen, lernt sie zeitweise auf einer Jungenschule, dem Realgymnasium in Leipzig, so die Historikerin Marion Röwekamp. Der Vater unterstützt seine ehrgeizige Tochter: Sie fängt in Heidelberg ein Studium der Geschichte, Philosophie und Nationalökonomie an, wechselt aber zur Rechtswissenschaft und absolviert noch die Stationen München, Berlin und Bonn. Nach dem Examen beginnt die 25-Jährige 1930 in Bonn bei Heinrich Göppert ihre Dissertation – bei ihm lernt sie auch ihren späteren Mann Ernst Rudolf Huber kennen, den sie als Assistent von Göppert ablöst. Ihr Thema: »Aufbau der Kohlenwirtschaft nach dem Kohlenwirtschaftsgesetz vom 23. März 1919«. Das Ergebnis: »summa cum laude«. Dr. Tula Simons beeindruckt auch Carl Schmitt. Sie übernimmt für den umstrittenen Rechtsgelehrten im Sommersemester 1931 eine Übung. Der Schmitt-Experte Reinhard Mehring nennt Tula Simons die »Berliner Privatassistentin« Schmitts.

Mit Beginn der NS-Zeit muss die 28-Jährige realisieren, dass ihr eine Karriere als Juristin angesichts der »Heim-zum-Herd«-Ideologie der Nazis verbaut ist. Nach fünf Jahren der festen Beziehung werden Tula Simons und Ernst Rudolf Huber 1933 in der St.-Annen-Kirche von Berlin-Dahlem getraut, und zwar vom späteren Nazigegner und KZ-Insassen Martin Niemöller. Niemöller, der lange Jahre als »persönlicher Gefangener« Hitlers gilt, ist damals schon eine bekannte Persönlichkeit, rückt aber erst langsam vom NS-Regime ab und soll seine Bedeutung in der regimekritischen Bekennenden Kirche erst später erringen.

Kurz nach der Hochzeit zieht Tula Huber-Simons mit ihrem Mann nach Kiel. Sie arbeitet ihm zu. Zugleich kommt 1934 mit Konrad der erste von fünf Söhnen zur Welt. Wolfgang berichtet, seine Mutter habe im Familienkreis häufig gesagt, dass ihr nach ihrem guten Examen der Weg einer preußischen Assessorin offengestanden hätte. Dennoch glaubt er nicht, dass sie ihren Lebensweg bedauert hat: »Sie hat das immer mit einem gewissen Stolz erzählt, nie so, als habe sie da die größte Chance ihres Lebens sausen lassen. Sie hat das innerlich bejaht.« Es war eine Beziehung auf Augenhöhe. Gerhard Huber erzählt: »Sie sagte: ›Es gibt keine Zeile, die mein Mann veröffentlicht hat, die ich nicht vorher gelesen habe.‹« Es ging nicht nur ums Korrekturlesen: »Es war eine intensive, auch fachliche Beziehung.«

Tula Huber-Simons wechselt mit ihrem Mann und der wachsenden Familie von Kiel zunächst nach Leipzig, dann nach Straßburg. Als die alliierten Truppen näherrücken, um die Stadt von den Deutschen zu befreien, verlässt sie mit ihrer Familie – Gerhard wird vorausgeschickt – im September 1944 die Stadt. Ihr Ziel: Falkau im Schwarzwald. Dort hat die Frau des Historikers Hermann Heimpel, der später ebenfalls als Bundespräsident im Gespräch sein wird, ein Haus geerbt, in dem die befreundeten Familien Heimpel und Huber mit ihren insgesamt zehn Kindern zunächst unterkommen. Ernst Rudolf Huber kehrt noch einmal kurz nach Straßburg zurück. Er tut Dienst in einer Volkssturmkompanie, die Heimpel führt – dann flieht auch er.

Der Umzug oder die Flucht von Tula Huber-Simons mit vier Kindern ist für Wolfgang Huber von nachhaltiger Bedeutung. Das liegt daran, dass seine älteren Brüder den kleinen Bruder in späteren Jahren gerne mit einer ziemlich gemeinen Geschichte necken. Sie ist zwar erfunden, beschäftigt aber den Jungen über die Jahre stärker, als ihm lieb ist: Demnach ist Tula Huber-Simons während des Umzugs in den Schwarzwald beim Umsteigen auf dem Bahnhof von Appenweiler mit angeblich fast zwei Dutzend Gepäckstücken so beschäftigt, dass der Jüngste verloren geht. Als der Zug anfährt, greift sie schnell nach einem etwa 2-jährigen Knirps. Nur habe sie leider nicht ihren Wolfgang geschnappt, sondern einen heulenden fremden Jungen. Diese traurige Geschichte, so die Brüder Wolfgangs bei vielen Familienfesten, sei der Grund, weshalb ihr jüngstes Brüderchen gar kein echter Huber sei.

Der Hintergrund ist, dass Wolfgang in frühen Jahren weniger nach den dunkelhaarigen Hubers schlägt, sondern blond ist – und eher den Simons gleicht. Erst als seine Mutter Wolfgang eines Tages Bilder ihres jüngsten Bruders zeigt, der im Krieg gefallen war und Wolfgang sehr ähnlich sah, entspannte sich der verunsicherte Junge: »Das hat mich sehr beruhigt.« Er hat das mal mit den Worten »lebenstauglich durch Brutalisierung« kommentiert.

Das Leben in Falkau unmittelbar nach dem Krieg ist hart. Zwar haben das anfängliche Zusammenleben mit den fünf Kindern der Heimpels und die Natur auch etwas Idyllisches. Aber die Hubers hungern in den ersten Jahre nach dem Krieg. Das liegt nicht vor allem daran, dass Ernst Rudolf Huber für zwölf Jahre keine feste Anstellung hat und es kein Geld gibt. »Wir haben gehungert, aber nicht, weil wir nicht genug Geld hatten, sondern weil es einfach nicht genug zu kaufen gab«, erinnert sich Gerhard. Brot ist eingeteilt, jedes Kind bekommt der Erinnerung nach drei Scheiben pro Tag. Wolfgang Huber hat noch die Geschichte im Kopf, wie ihm eines Tages im Bäckerladen von Falkau die Bäckersfrau sagt, dass es für ihn jetzt nur noch eine halbe Scheibe Brot gebe. »Da sackte mir das Herz in die Hose. Meine Mutter flüsterte mir zu: ›Ich gebe dir was ab.‹«

Die Eltern bauen selbst Kartoffeln an. Sie hatten von einem Bauern ein Stück Wiese zugewiesen bekommen, um es urbar zu machen. Ein Drittel der Erträge ist dem Bauern als Pacht zu geben, im Jahr danach kommt dann das nächste Stück Land dran. Die Kinder müssen in den Wäldern Pilze und Beeren sammeln. »Das war kein Vergnügen, sondern bittere Notwendigkeit«, erinnert sich Wolfgang Huber. Wenn die Getreidefelder abgeerntet sind, müssen die Kinder die übrig gebliebenen Ähren einsammeln, von gesammelten Körnern wird Brei gemacht, auch »schrecklicher Haferschleim, mit Wasser gekocht«.

Aber nicht nur physisch leiden die Kinder. Auch die Seele scheint zu kurz gekommen zu sein. Tula Huber-Simons ist körperliche Nähe zu ihren Kindern eher fremd. Sie hält sie auf Distanz. Ein Beispiel: Der 4-jährige Wolfgang findet 1946 bei einem Spaziergang einen Fliegenpilz und isst ihn auf: »Ich wusste zwar, dass man das nicht macht, aber ich habe ihn trotzdem vor lauter Hunger gegessen.« Die Vergiftungsfolgen sind besorgniserregend. Dem Jungen geht es sehr schlecht. Als große Ausnahme darf er darum sein Lager im Arbeitszimmer der Mutter aufschlagen, wo auch ihr Bett steht. Ein weiteres Mal, als er eine Lungenentzündung hat, wird sein Bett ebenfalls in ihr Zimmer getragen. »Nur in diesen beiden dramatischen Krankheitsfällen habe ich erlebt, dass ich im Zimmer meiner Eltern bleiben durfte«, erinnert Wolfgang Huber sich.

Die Beziehung zur Mutter ist entsprechend eher kühl: »Bei meiner Mutter fehlte es an körperlicher Nähe. Sie sagte sogar, dass sie das nicht will und nicht sucht. Recht außergewöhnlich für eine Mutter«, meint Huber heute. »Sie war sehr tough, manchmal auch sehr schroff, auch mir gegenüber … Emotional ist das Verhältnis zu meiner Mutter und meinem Vater sehr unterschiedlich.«

Etwa im Jahr 1948 ist das Ersparte fast aufgebraucht. Ernst Rudolf Huber kann nur wenig zum Familieneinkommen beisteuern – nur ein paar Mark aus Rezensionen, Gutachten und Beratertätigkeiten für die bizonale Wirtschaftsverwaltung. Er erwägt damals sogar eine Rückkehr nach Oberstein, um das Geschäft seines Vaters wieder zu beleben. »In diesem Augenblick hat meine Mutter gesagt: ›Nein, das kommt nicht infrage. Du arbeitest wissenschaftlich, und ich kümmere mich um die Ernährung der Familie‹«, erinnert sich Wolfgang Huber.

Nach längerem Suchen vertritt Tula Huber-Simons zunächst für ein halbes Jahr eine Rechtsanwältin in Freiburg. Danach wird sie in die Kanzlei der Rechtsanwältinnen Maria Plum und Karola Fettweis aufgenommen. Plum hatte 1928 als erste Frau in Freiburg eine Kanzlei eröffnet. Obwohl es den Führerbefehl »Keine Frauen in der Justiz« gab, konnte Plum ihre Arbeit in der Nazizeit fortsetzen. Ohne ihre ablehnende Haltung gegen die Nazis laut zu äußern, deuten ihre Taten an, was sie von den braunen Machthabern offenbar hält. Immer wieder berät sie Juden in Rechtsfragen, manche Treffen sind geheim. Wegen politischer Äußerungen kassiert sie auch eine Anzeige. Als einige Dozenten der Freiburger Universität Studentinnen aus ihren Seminaren ausschließen, bietet sie in ihrer Kanzlei Privatkurse zur Vorbereitung auf deren Examen an.

Die 43-jährige Tula Huber-Simons nimmt sich ab 1948 ein möbliertes Zimmer in Freiburg, um wochentags in der Fettweis-Plum-Kanzlei – von manchen nur »die Löwentruppe« genannt – arbeiten zu können. Etwa ein Jahr lang fährt sie mit dem ersten Zug am Montagmorgen nach Freiburg und nimmt den letzten am Freitag zurück. Da die Eisenbahnlinie nach Falkau noch zerstört ist, muss sie jede Woche zweimal circa zwei Stunden wandern. »Sicher auch bei Schnee und Regen, unerbittlich«, sagt Wolfgang Huber. Ein knallhartes Urteil über Tula Huber-Simons fällt 2004 der Schriftsteller Christian Heimpel, ein Sohn der Heimpels, der mit seiner Familie damals auch in Falkau lebt. Er wird nach mehreren Diebstählen, die er nicht begangen hat, von seinen Eltern für anderthalb Jahre in ein Heim gesteckt. Obwohl die Geschichte in seinem schmalen Büchlein »Bericht über einen Dieb« leicht fiktiv überformt ist, – Christian heißt nur »der Dieb«, Tula »die Mutter der fünf ›Bauerbuben‹« – ist ihre Charakterisierung vernichtend: »Die Mutter der fünf ›Bauerbuben‹ beteiligte sich zwar nie direkt an der Bestrafung oder gar der Züchtigung des Diebes – dieser Fall trug sich glücklicherweise in der anderen Familie zu, und als Gast sowie als Rechtsanwältin war ihr doppelt klar, daß dies nicht ihr Fall war –, aber bestimmte doch mit ihren ungewöhnlich hoch gesteckten Benehmensnormen für ihre eigenen Kinder die Maßstäbe mit, an denen der Dieb gemessen und nach denen er bestraft wurde. Sie tat dem Dieb nichts, aber sie bedachte ihn mit derart verachtenden und verurteilenden Blicken, daß der Dieb für sein weiteres Leben keine Mühe mehr hatte, sich die Gesichter der Stiefmütter vorzustellen, die in Grimms Märchen zunächst böse sind und dann, welche Lust, in Öl gekocht wurden oder in glühenden Eisenpantoffeln tanzen mußten. Die Scham jedenfalls, die die Eltern des Diebes vor dieser prinzipientreuen und harten Frau empfanden, wirkte für den Dieb strafverschärfend.«

Zwischen Ernst Rudolf Huber und seinem Jüngsten wächst in der Falkauer Zeit eine enge Beziehung. Gerhard meint, der blonde Knirps sei der Lieblingssohn des Vaters gewesen. Wolfgang Huber: »Die Bindung zu meinem Vater war eng, da ich in dieser frühen Zeit mehr vom Vater erzogen wurde als von Mutter, erst recht, als meine Mutter Rechtsanwältin war. Daran hat sich auch nichs geändert, als wir in Freiburg gewohnt haben. Das Verhältnis zu meinem Vater hatte etwas Müheloses und Selbstverständliches.«

Ab 1949 ist die finanzielle Lage der Hubers so sicher, dass die Familie nach Freiburg umziehen kann, zuerst in das Stadtviertel Untere Wiehre, dann ab 1955 in ein eigenes Haus in Zähringen. Um die Kinder und den Haushalt kümmert sich ab 1949 eine Haushälterin, der Vater muss keine Hausarbeit mehr leisten. Ab 1952 ist Ernst Rudolf Huber Lehrbeauftragter, ab 1956 hat er eine Honorarprofessur in Freiburg inne, aber Geld bringt das nicht. Hinter den Kulissen der Universitäten gibt es harte Kämpfe um seine Wiedereingliederung in den akademischen Betrieb. Unter seinen Staatsrechtskollegen ist der Fall Huber bekannt und umstritten, Ernst Rudolf Huber gilt manchen neben Carl Schmitt als ein Paradebeispiel für NS-infizierte Juristen, die auf keinen Fall wieder Hochschullehrer werden sollen.

Der österreichische Staatsrechtler Adolf Merkl etwa beklagt damals, die »Verseuchung der deutschen Hochschulen mit totalitärem Ungeist« schreite fort: »Wann werden Carl Schmitt und Ernst Rudolf Huber für würdig befunden, die Bonner Verfassung zu lehren?« In einem privaten Brief schreibt Bundespräsident Theodor Heuss in dieser Zeit, bei einer Rede von ihm habe es vielen Zuhörern vor allem »gefallen, daß ich, ohne sie zu nennen, gegen einige der Nazijuristen Einiges sagte und jeder wußte, daß Carl Schmitt und Huber gemeint waren«.

Obwohl Huber senior zeitweise erklärt, in der Arbeit zuhause habe er eine »fast gemäße Lebensform« gefunden, wächst doch der Frust, weil ihm der Wiedereinstieg in die akademische Welt nicht gelingt. Sein Sohn sagt:«Ich habe das sehr bewundert, dass wir als Kinder diese Frustration nicht merken konnten, zumindest ich konnte es nicht merken.«

Tula Huber-Simons bleibt unterdessen eisern und fleißig in ihrer Frauen-Kanzlei. Sie arbeitet dort bis zu ihrem 80. Geburtstag. Sowohl Tula wie Ernst Rudolf werkeln auch in ihren letzten Jahren bis in die Nacht an ihren Schreibtischen. Tula hat ihre Arbeit in emanzipatorischer Hinsicht nie besonders hervorgehoben. Ihr für die damalige Zeit doch außergewöhnlicher, jedoch nie offiziell registierter Doppelname spricht nicht dagegen. Nach Auskunft ihres Sohnes Gerhard nimmt sie ihn eigentlich nur an, »weil es in Freiburg so viele Hubers gibt«. Auch zu Zeiten, als in der Kanzlei nur Rechtsanwältinnen arbeiten, steht auf deren Schild »Rechtsanwälte«. Da sie meint, die Berufsbezeichnung müsse geschlechtsneutral sein, bezeichnet sich Tula Huber-Simons ihrem Sohn Wolfgang zufolge stets nur als »Rechtsanwalt«: »Sie sagte das auch immer in einer bestimmten und bestimmenden Tonlage. Sie hat sich immer empört, wenn sie in einem Text von mir den Ausdruck Christinnen und Christen gefunden hat. Da gab es richtig Zoff.« Dahinter habe das Denken gestanden: »Zuerst bin ich Mensch, dann bin ich Frau.« Selbst in der Todesanzeige von Tula Huber-Simons steht unter ihrem Namen nur »Rechtsanwalt«.

Tula Huber-Simons pflegt ihren Mann in den letzten Monaten seines Lebens, da ist sie selbst bereits 85 Jahre alt. Den Trauergottesdienst für den Vater, so erinnert sich Gerhard Huber, lässt sie seinen jüngsten Bruder nicht halten: »Sie meinte, wenn man so nahe dran ist, sei das zu belastend.« Bei der Beerdigung von Tula Huber-Simons aber, zehn Jahre später, amtiert ihr Sohn Wolfgang.

Kapitel 3
Kindheit und Jugend: Wolfgang Hubers Weg in den Glauben

Es ist ein Kampf, ein Kuchen-Wettessen. Jeder darf so viel Apfelkuchen essen, wie er will – das hat Gerhard Huber, damals ein gerade mal 3-jähriger Stepke, noch in Erinnerung. Und: »Ich wunderte mich, dass man so einen einfachen Tisch zum Altar macht, indem man eine weiße Tischdecke darüberlegt.« Es ist Ende 1942/Anfang 1943 in der Wohnung von Professor Ernst Rudolf Huber und seiner Frau Tula im deutsch besetzten Straßburg. Ein evangelischer Pfarrer ist gekommen, Gerhards kleiner Bruder Wolfgang wird zu Hause getauft. »Wolfgang hat sich etwas ungebärdig aufgeführt, weil er geschrien hat während der heiligen Handlung.«