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E.F. v. Hainwald

 

 

 

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Sand. Die Welt schien aus nichts anderem zu bestehen als grellem Sand. Er war überall, so weit das Auge zu blicken vermochte. Im heiß flimmernden Wind krochen die Dünen sanft aber stetig, wie eine alles vertilgende Raupe, über das Land.

Zeemira wurde geblendet und zog die Kapuze ihres tiefbraunen Mantels noch weiter ins Gesicht. Immerhin schütze er sie vor den gleißenden Sonnenstrahlen – wenn er schon nicht die wehenden Sandkörner davon abhalten konnte, in jeder Falte ihres weißen Heilerinnengewandes kleine, immerzu wachsende, Häufchen zu bilden. Obwohl sie erst ein paar Tage im Sattel eines Pferdes verbracht hatte, kam es ihr vor, als wären es bereits Wochen. Die gleichförmige Landschaft, die sengende Hitze und die Geräuscharmut der Wüste nagten an ihr.

Sie blickte unter dem zart bestickten Saum des Stoffes hervor zu dem Gefährten, der einen besonderen Platz in ihrem Herzen eingenommen hatte.

Jaleel ritt stumm neben ihr her und hatte sich in seinen schwarzen Mantel gehüllt. Zeemira sah nur sein mittlerweile mit dunklen Bartstoppeln geziertes Kinn, der Rest seines Gesichtes lag ebenso im Schatten wie ihr eigenes. Man konnte fast vermuten, dass er ein einfacher Wanderer war – so wie es sein Spitzname Jal implizierte – wäre da nicht das Langschwert, dessen schlichter Griff seine Schulter überragte. Der Krieger hatte seine großen Hände nur locker um das Zaumzeug seines Reittieres gelegt und ließ es dahin traben. Die beiden Reisenden erahnten nur, wohin sie ritten und es brachte nichts die Tiere zu hetzen, selbst wenn sie zu einer hitzeresistenten Zucht gehörten.

Zeemira und Jal hatten sich gen Westen gewandt. Das war die Richtung des letzten Lichtsturmes, da er fast niemals zweimal hintereinander aus derselben Richtung über das Land hinwegfegte. Dieses alles Leben vernichtende Phänomen mit seinen zarten Schleiern aus Licht, hatte diese karge Landschaft erschaffen. Es waren nur weit verstreut brüchige Ruinen von den Städten der Menschen vom Langen Vorher – dem Sabiquaan – übrig geblieben, aber auch diese würden mit der Zeit verschwinden. Nur Madina, die Stadt unter dem Schutzschild des Artefaktes Abadaan Jawhaar, trotzte den Lichtstürmen mitten im Herzen der Wüste.

Wehmütig dachte Zeemira an ihre Heimat, die sie zusammen mit Jal hinter sich gelassen hatte. Sie schaute über ihre Schulter zurück in die Richtung, in der sie Madina vermutete, und seufzte leise. Sie würde niemals dorthin zurückkehren können.

Als sie ihren Blick wieder nach vorn richtete, sah sie, dass Jal seinen Kopf gehoben hatte und sie ansah. Der Sand reflektierte das Sonnenlicht und spiegelte sich in seinen grünen Augen wider. Ein wohliger Schauer lief ihr den Rücken hinab – sie war nicht allein. Für ihn hatte sie ihre Heilfähigkeiten geopfert. Doch nur ein Blick reichte ihr, um die Schwere der Vergangenheit aufwiegen zu können. Zeemira lächelte.

Jal zog fragend seine dunklen Augenbrauen nach oben.

„Du vermisst die Stadt bereits?“, fragte er dann.

„Es ist alles, was ich bisher gekannt habe. Loslassen ist offensichtlich nicht so meine Stärke“, sie grinste schief. Der Krieger senkte für einen Moment den Blick.

„Zum Glück – sonst wäre ich jetzt nicht bei dir“, sagte er dann mit sanfter Stimme.

Zeemira schwieg und blickte zum Horizont, dem die Sonne sich immer weiter näherte.

„Lass uns kurz nach Sonnenuntergang eine kleine Rast machen. Auch wenn wir im Sattel eindösen können, die Tiere benötigen Rast. Wir reiten in der Nacht weiter“, hörte sie Jal sagen. Sie nickte gedankenverloren.

Die Nacht brach in der Wüste schnell herein, sobald der Glutball am Himmel seiner silbernen Schwester Platz gemacht hatte.

Beide Gefährten stiegen von ihren Pferden. Zeemira streckte sich und ihre Knochen knackten. Sie war es nicht gewohnt so lange zu reiten und die Sandkörner scheuerten ihre Haut wund. Mit den Schultern zuckend öffnete sie ihren Mantel, breitete ihn aus und ließ sich darauf nieder.

Der Sand war noch angenehm warm, aber er würde bald auskühlen und die Luft empfindlich kalt werden. In der Wüste hielt nichts die Wärme des Tages fest. Sie legte sich auf ihren Rücken und die kupferroten Haare umrahmten ihr Gesicht wie ein glühender Schein. Tausende Sterne schimmerten am Nachthimmel und die Bilder der Erinnerungen zogen vor ihrem geistigen Auge vorüber. Zeemira dachte erneut an das, was sie zurückgelassen hatte.

Da waren Geel und Jabeehra. Die beiden Geschwister waren erfolgreiche Händler und ihre engsten Freunde, obwohl sie die beiden nicht so oft gesehen hatte. Sie befanden sich ständig auf Reisen in den Außenländern – ob sie die zwei dort irgendwann wiedersehen würde?

Jals Kameraden Eerol und Shaheena würden vermutlich gerade gut gelaunt die Weinfässer einer Taverne leeren. Ihre Unbeschwertheit hatte Zeemira stets zum Lachen gebracht und ihre eigenen Sorgen verblassen lassen. Sie vermisste alle schrecklich. Ob es Jal genauso ging?

Zeemira wusste trotz allem wenig von dem Krieger. Er war immer schon etwas anders gewesen als die anderen Soldaten: Er war schlank und athletisch, seine Kampfkunst anders als die seiner Mitstreiter. Die anderen waren auf schiere Kraft trainiert und mussten dem regelmäßigen Ansturm der wilden tierartigen Masakh wie eine lebendige Mauer standhalten, während die Heilerinnen sie am Leben erhielten. Jal hingegen pflegte einen beinahe hinterhältigen Kampfstil – schnell, präzise und tödlich. Er hüllte sich auch weiterhin in Schweigen, was seine Herkunft betraf. Zeemira wusste nur, dass der blutrot gekleidete Jäger, welcher ihn verfolgt hatte, irgendwie in Verbindung mit seiner Vergangenheit gestanden hatte.

Die Erinnerung bereitete ihr eine Gänsehaut. Er hatte Jal getötet und im Sturm ihrer Gefühle waren Zeemiras Fähigkeiten zur vollen Macht erwacht und sie hatte diese genutzt, um die Angreifer mit geradezu spielerischer Leichtigkeit zu töten. Daraufhin hatte das innere Licht – die Quelle ihrer Kraft – sie verlassen und nur in einer letzten Kraftanstrengung, hatte sie ihn ins Leben zurückholen können.

Jal hatte wohl recht – er lebte, weil sie ihn nicht hatte loslassen wollen.

Nun war sie eine Lichtgeborene ohne Kräfte. Konnte sie vorher ihre eigenen Körperprozesse ebenso beeinflussen, wie die der Krieger und so wesentlich stärker und schneller sein als vermutet, so war sie nun eine einfache Frau, ohne jegliches Training für den Kampf.

Sie hob ihre Hand den funkelnden Sternen entgegen. Die Luft war klar – es schien, als könne man den Himmel berühren. Sobald sie ihren Arm ganz ausgestreckt hatte, überkam sie ein überwältigendes Gefühl der Weite. Ihre im Mondlicht bleich schimmernde Haut betrachtend, fragte Zeemira sich, ob jemals wieder heilendes Licht durch sie strömen würde.

Eine gebräunte Hand umfasste sanft ihr Handgelenk und zog es nach oben. Ihre Augen folgten der Bewegung und sahen, wie Jaleel vorsichtig ihre Finger küsste. Sein Bart kitzelte und sie musste unwillkürlich grinsen.

„Ich glaube, selbst in der dunkelsten Nacht leuchtet deine weiße Iris, auch wenn du deine Kräfte nicht mehr einsetzen kannst“, er schien ihre Gedanken gelesen zu haben.

„Ich bin leicht zu durchschauen, was?“, ihre Stimme war nur ein Flüstern.

„Ich kann nur einfach nicht wegschauen“, murmelte er und sie fühlte seinen warmen Atem an ihrem Handgelenk.

Er hatte seine Kapuze zurückgeschlagen und Zeemiras Finger spielten mit seinem zerzausten, schwarzen Haar. Sand rieselte aus ihnen auf ihre Lippen, sie prustete und machte dann ein mürrisches Gesicht.

„Werde ich dich je wieder küssen können, ohne dass mir danach Sandkörner zwischen den Zähnen knirschen?“, quengelte sie.

„Hmmm, ich weiß nicht. Aber du wirst dich daran gewöhnen. Fangen wir gleich mal mit dem Training an“, Jal grinste breit, beugte sich tiefer zu ihr hinab und seine Lippen streiften zärtlich die ihren.

 

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Farbiges Licht fiel durch die hohen Spitzbogenfenster, umschmeichelte die kunstvollen Ornamente an den Wänden und schien ihnen eine fremdartige Lebendigkeit zu verleihen. Ein über die Wände gleitender Schatten entriss sie ihnen wieder, als würden sie dahinwelken.

Maheens Schritte waren lautlos – sie glitt mit unmenschlicher Leichtigkeit durch die Gänge. Ihr langes weißes Gewand umfloss ihren Körper wie Wasser und die braunen sauber hochgesteckten Haare offenbarten keine einzelne lose Strähne. Die Hohepriesterin war tief in Gedanken versunken. Ihre Tochter Zeemira war aus dem unsichtbaren Käfig, der Madina für eine Lichtgeborene bedeutete, entkommen. Ihre Kraftlosigkeit schützte sie vor der direkten Wahrnehmung der anderen, aber sie war nun beinahe hilflos.

Die Situation wäre Maheen beinahe aus den Händen geglitten, als herausgekommen war, dass ihre Tochter sich mit einem Soldaten für mehr, als nur ein Schäferstündchen eingelassen hatte. Der Schatten des Todes war bereits an der Schwelle gewesen und nur die verzweifelte Offenbarung der Hohepriesterin gegenüber ihrer Tochter, hatte ihn abwenden können. Glück im Unglück war es gewesen, dass der Krieger Jaleel sich in sie verliebt hatte und sie nun begleitete.

Ein Gefühl von Verärgerung stieg in ihr auf, aber sie erstickte es sofort. Gefühle trübten das Urteilsvermögen – eine der wichtigsten Lektionen für eine Hohepriesterin und auch diejenige, welche Zeemira am häufigsten verletzt hatte. Maheen konnte sich diese Schwäche nicht leisten und musste ihre künftigen Schachzüge noch sorgfältiger planen, als in den vorangegangenen Jahrzehnten. Zeit war für eine Hohepriesterin nur eine Randerscheinung, denn sie lebten, aus menschlicher Sicht, sehr lange. Dadurch konnten sie viel vorausschauender und mit schier unendlicher Geduld Pläne schmieden.

Maheen hielt inne, trat an eines der Fenster und blickte hinaus. Tief unter der Kathedrale erstreckte sich die Stadt weit in die Wüste hinaus. Ärmliche Häuser bildeten die Grenze genau dort, wo der Schutzschild des Artefakts endete. Die prachtvollsten Gebäude der reichen Gesellschaftsschichten befanden sich der Kathedrale am nächsten und reihten sich wie eine Perlenschnur entlang der lebensspendenden Flüsse, die unter dem Gebäude entsprangen, auf.

Die Stadt war ein Machtinstrument, welches Einfluss auf die gesamte Welt hatte. Nur die Wenigsten waren sich dessen gewahr. Maheen würde das zu ihren Gunsten zu nutzen wissen, aber als Erstes galt es, den Argwohn der anderen Hohepriesterinnen ihr gegenüber zu zerstreuen – denn es lag der Schluss nahe, dass sie ihrer Tochter geholfen hatte.

Irgendwo jenseits der Wanderdünen war ihre geliebte Zeemira. Sie konnte nur hoffen, dass sie schnell einen sicheren Ort erreichen würde. Dieses kurze Aufflackern von Sorge und mütterliche Liebe war das Einzige, was sie sich zugestand.

Ein plötzliches Geräusch erregte Maheens Aufmerksamkeit. Sie senkte ihre Lider und horchte auf. Ihre Sinne waren, ebenso wie ihr Körper, ein Spielball ihres Willens und immerzu auf das Äußerste geschärft. Die anderen Lichtgeborenen musste sie als primäres Hindernis für ihre Pläne betrachten, daher konnte sie sich keine Überraschungen leisten.

In der unteren Etage lief jemand, dessen Gangart auffallend hastig war. Er steuerte die Treppe an und eilte hinauf. Die Schritte schlugen ihre Richtung ein. Maheen wandte sich zu den Geräuschen und faltete ihre Hände vor ihrem Schoß. Sie wartete.

Nach kurzer Zeit kam ihr ein junger Mann entgegen. Er war hochgewachsen und hatte strohblondes Haar. Seine Kleidung war schlicht, doch von so hervorragendem Schnitt, dass seine Körperformen jederzeit positiv betont wurden. Filigrane, goldene Ornamentik zierte den Kragen seines violetten Hemdes. Scharfen Schrittes kam er auf sie zu, stoppte ein paar Meter vor ihr und verbeugte sich elegant.

„Ehrenwerte Hohepriesterin Maheen, wie schön Euch anzutreffen. Ich wurde gesandt, um Euch einzuladen mit diversen Händlern zu sprechen“, begann er mit fehlerloser Aussprache.

„Händler? Hier in der Kathedrale? Wenn wir etwas mit ihnen zu verhandeln haben, senden wir unsere Kontaktpersonen“, antwortete sie knapp. Außerdem behelligt man damit keine Hohepriesterin, fügte sie gedanklich hinzu.

„Das ist richtig, ehrenwerte Dame. Es handelt sich jedoch um ein spezielles Angebot, welches nur den höchsten Autoritäten der Kathedrale gilt. Die Heilerinnen der Verwaltung haben das schnell erkannt und uns daher an Euch verwiesen“, antwortete er. Maheen zog eine Augenbraue nach oben.

„Es gibt nichts, was der Kathedrale derart wichtig wäre“, entgegnete sie kühl und wollte sich bereits abwenden. Sie hatte keine Zeit für einen solchen Unsinn.

„Ich denke, das solltet Ihr entscheiden, sobald Ihr das Angebot gehört habt. Die Weisheit der Hohepriesterinnen ist schließlich unangefochten“, antwortete er blitzschnell. „Bei ungeplanten Reisen kann es sehr hilfreich sein, die richtigen Dinge dabei zu haben – vor allem, wenn man allein in der Wüste unterwegs ist.“

Sie hielt inne. Ihre weißen Augen musterten das Gesicht des Mannes. Jedes seiner perfekt gesprochenen Worte schien auswendig gelernt. Man mochte fast meinen, jeder Satz wäre auf Maheen abgestimmt worden.

Meinte er Zeemira? Keine Veränderung der Gesichtszüge verriet die Gedanken der Hohepriesterin. Dann entschied sie sich für eine Regung: Sie seufzte genervt.

„Nun gut. Bevor Ihr die kostbare Zeit der anderen Hohepriesterinnen auch noch verschwendet, schaue ich mir Euer Angebot an. Sollte es völliger Unsinn sein, werdet Ihr für Eure Unverfrorenheit niemals wieder ein gutes Geschäft in dieser Stadt machen“, sagte sie dann und hob missbilligend ihr Kinn.

„Ich verstehe, hohe Dame. Ich bin mir jedoch sicher, dass es von beidseitigem Gewinn sein dürfte“, seine Antwort war so aalglatt wie die vorherigen. Maheen musste zugeben, dass sie ein wenig beeindruckt war.

Sie folgte ihm durch den Gang und die Treppe hinunter in das untere Stockwerk. Sie traten hinaus in den prächtigen Garten der Kathedrale mit seinen verglasten Zierbögen inmitten von duftenden Blumenbeeten. Er wählte einen der zahlreichen verschlungenen Wege und schweigend liefen sie durch ein Meer aus Farben. Schmetterlinge und Bienen flogen geschäftig umher und labten sich am Nektar der Blüten.

In einem mit Rosen überrankten Pavillon wartete eine Frau. Sie hatte langes, glattes Haar von dunkler Farbe. Ihre Körperform war üppig, aber ihr cremefarbenes Kleid mit dem integrierten Korsett war ideal auf sie abgestimmt. Als sie die Schritte der beiden vernahm, drehte sie sich um und lächelte. Um ihren Hals hing eine goldene Kette mit einem Anhänger, der im Sonnenlicht türkis funkelte. An ihren Ohren hingen dazu passende Schmuckstücke.

Maheen kam zu dem Schluss, dass diese beiden nicht zu jenen schmierigen Händlern gehörten, welche man sonst auf den Märkten der Stadt vorfand und die dort ihren billigen Tand für echte Artefakte vom Sabiquaan ausgaben.

„Guten Tag, ehrenwerte Dame“, grüßte die Frau ihr Kinn senkend. „Wie schön, dass Ihr Euch Zeit für uns nehmt.“

Der junge Mann, welcher Maheen hierhergeführt hatte, trat neben sie und legte ihr eine Hand auf die Schulter.

„Dies ist meine Schwester Jabeehra, mein Name ist Geel. Wir denken, eine Zusammenarbeit könnte sehr fruchtbar sein“, sein Lächeln war makellos.

 

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Zeemira schaute sich immer wieder um und suchte mit ihren Augen den fernen Horizont ab.

Jal spürte ihre wachsende Unruhe, hatte jedoch selbst Mühe seine eigene unter Kontrolle zu halten. Es war schon zu lange ruhig über der Wüste, ein Lichtsturm sollte bald aufziehen – und die Heilerin hatte bisher keine Möglichkeit verlauten lassen, wie sie dem entkommen könnten.

Zeit, die Trümpfe auszuspielen, dachte er sich. Ihre Mutter wird uns nicht blind ins Verderben reiten lassen. Das hoffte er jedenfalls.

„Sag mal … hat die Hohepriesterin – ich meine: deine Mutter – dir verraten, wie wir einen Lichtsturm hier draußen überstehen können?“, fragte er dann doch direkter, als er eigentlich vorgehabt hatte. Zeemira hielt ihr Pferd an und starrte auf den sandigen Boden. Das war kein gutes Zeichen.

„Nun … sie hat mir etwas mitgegeben und gesagt, das würde mir helfen“, antwortete sie dann langsam.

„Dann raus damit, ich denke wir haben nicht mehr viel Zeit“, sagte er drängend und lotste sein Reittier nahe an ihres heran.

Zeemira kramte unter ihrem Mantel und holte ein Knäuel aus bunten Tüchern hervor. Vorsichtig entfernte sie den Stoff. Ein Stück Metall kam zum Vorschein – der Griff eines Dolches. Sie zog ihn heraus und hielt ihm den Gegenstand hin. Jal nahm ihn und drehte ihn hin und her. Die Waffe schien aus purem Silber zu bestehen, war aber durchzogen von seltsamen, rötlich schimmernden Aderungen. In der Mitte des Griffes prangte ein großer, durchsichtiger Kristall. Er war unveredelt und rauchig, schön anzusehen, aber keine gute Qualität. Die Klinge war unspektakulär.

„Und wie soll der uns helfen?“, fragte er zögerlich und runzelte seine Stirn.

„Ich habe nicht die geringste Ahnung!“, ächzte Zeemira plötzlich und legte frustriert ihren Kopf in den Nacken. Jal stand der Mund offen.

„Das kann nicht dein Ernst sein!“, keuchte er.

„Doch, ist es“, die Heilerin rieb sich die Augen. „Meine Mutter sagte nur, es würde mich in Sicherheit geleiten. Das war's.“

Jal starrte sie mit großen Augen an, dann seufzte er. Plötzlich grinste er breit.

„Was ist los?“, sie war offensichtlich verwirrt. „Bist du nun übergeschnappt?“

„Nein. Ich habe nur eben gemerkt, dass deine Mutter mich mehr mag als dich. Jawohl“, er kicherte wie ein Lausbub.

„Ganz offensichtlich bist du irregeworden. Brauchst du einen Schluck Wasser?“, sie schürzte die Lippen und funkelte ihn verärgert mit ihren hellen Augen an.

Jal grinste nur weiter und kramte dann ebenfalls unter seinem Mantel. Er zog eine Schriftrolle hervor und rollte sie auf.

„Tadaaa!“, rief er und macht mit der anderen Hand eine theatralische Geste.

„Was soll das sein?“, die Heilerin beugte sich vor und kniff die Augen zusammen, um besser erkennen zu können, was auf dem vergilbten Papier stand. Dann hellte sich ihr Gesicht auf.

„Eine Karte?“, hauchte sie. Der Krieger nickte. „Meine Mutter hat dir eine Karte gegeben und mir einen nutzlosen Dolch?“

„Ich sagte doch: Mich liebt sie offensichtlich. Aber bei meinem Charme ist das wohl auch verständlich“, er schniefte betont.

„Tja“, nun grinste auch Zeemira breit. „Dann erkläre mir bitte, wo wir lang müssen, du perfekter Schwiegersohn.“

Jal drehte die Karte um und studierte sie. Sein Lächeln gefror und verschwand dann gänzlich. Er konnte kein Wort auf der Karte entziffern. Offensichtlich war das Sechseck mit dem stilisierten Spitzbogen in der Mitte die Stadt Madina. Drumherum waren seltsame Symbole in der Wüste verteilt. Manche Stellen kannte er, dort waren Oasen oder Ruinen zu finden. Dann gab es aber Zeichen und Wörter an verschiedenen Stellen, die er nicht im Ansatz deuten konnte. Er hatte nicht die geringste Ahnung, wohin sie reiten sollten.

„Nun?“, spottete Zeemira nun mit honigsüßer Stimme. „Nur zu, mein charmanter, bezaubernder Krieger.“

Jal grunzte nur. Hatte Maheen sie nun doch beide verraten? Es käme der Kathedrale sehr gelegen, wenn die beiden hier verschwinden würden. Zwei Leichen in der Wüste würde niemand finden und keine unangenehmen Fragen aufwerfen – man wäre Zeemira losgeworden, ohne, dass sich jemand daran stören würde.

„Gib mal her, ein paar Worte der alten Sprache haben wir in der Kathedrale gelernt“, sagte sie dann ernst. Beide wussten, dass ihnen der nächste Lichtsturm, ohne eine Zuflucht, das Fleisch von den Knochen reißen würde – wortwörtlich. Jal reichte ihr das Papier.

„Hmmm“, Zeemira strich mit einem Zeigefinger die Karte entlang. „Dieses Wort hier bedeutet Energielinie und dieses Maximum.“

Sie murmelte weiter vor sich hin.

„Die Worte Strömung und Linse stehen immer zusammen. Interessant ist, dass dies genau an allen sechs verlängerten Ecklinien des Schutzschildes von Madina steht. Hier und hier, siehst du?“, sie hielt die Karte zu Jal gewandt neben ihr Gesicht und zeigte auf die entsprechenden Stellen.

„Und wie soll uns das weiterhelfen?“, fragte er mürrisch.

„Das weiß ich auch nicht so genau, aber es sind die einzigen Stellen, die mit absoluter geometrischer Genauigkeit und Symmetrie eingezeichnet sind – die anderen Symbole sind lose verteilt. Es muss also wichtig sein, denn als ich in der Bibliothek nachgeforscht habe, um meine Fähigkeiten wieder zu erlangen, habe ich bemerkt, dass den Menschen vom Sabiquaan so etwas sehr wichtig war. Es sind also vermutlich Orte, die geschützt sein könnten“, sie nickte bestätigend und schien sich recht sicher zu sein.

Jal atmete laut aus. Das war der einzige Hinweis, den sie hatten. Trotzdem war er argwöhnisch und ein säuerlicher Geschmack breitete sich in seinem Mund aus. Hohepriesterin Maheen war gerissen. Dadurch, dass die Karte in der alten Sprache war, konnte er ohne Zeemira nichts damit anfangen – er war also auf sie angewiesen. So viel zum Vertrauen. Ihre Mutter wollte ganz sichergehen, dass er auch bei ihr blieb und sie beschützte. Aber wenn er ehrlich war, hätte er es vermutlich genauso gehandhabt. Letztendlich zuckte er mit den Schultern.

„Dann lass uns so einen Ort suchen, wir sind genau nach Westen geritten. Es kann nicht mehr so weit entfernt sein“, beschloss er schließlich.

„Dann los“, Zeemira rollte die Karte wieder zusammen und gab sie Jal zurück.

Nachdem sie sich am Sonnenstand orientiert hatten, schlugen sie die entsprechende Richtung ein und hielten Ausschau nach seltsamen Strukturen. Lange ritten die beiden dahin, ohne etwas zu finden. Schließlich stand die Sonne schon tief am Himmel und Jal verlor die Geduld.

„Hier ist nichts! Nur noch mehr Dünen. Wenn es hier mal etwas gab, dann haben die Lichtstürme es längst dem Erdboden gleichgemacht“, stieß er entnervt hervor.

„Ob wir uns bei der Entfernung verschätzt haben? Vielleicht stimmt auch die Richtung nicht ganz“, gab Zeemira zu Bedenken.

„Selbst wenn, man kann meilenweit sehen, nichts behindert unsere Sicht. Wir hätten etwas bemerkt, auch wenn wir vom Weg abgekommen wären. Und so stark können wir das nicht sein“, Jal knirschte mit den Zähnen.

„Lass uns noch mal auf die Karte schauen – wir haben vielleicht etwas übersehen und …“, sie stockte.

„Was ist los?“, Jal hob seine Augenbrauen.

„Ich … fühle mich seltsam“, sagte Zeemira nach einigen Momenten.

„Was meinst du? Bist du durstig?“

„Unsinn, ich kann ja wohl Durst von einem anderen Gefühl unterscheiden“, sie drehte sich im Sattel um und erstarrte.

Jal folgte ihrem Blick und keuchte auf. Am Horizont hinter ihnen schimmerten dünne Bänder aus Licht – ein Lichtsturm näherte sich. Er hatte Madina sicher schon vor einiger Zeit eingehüllt und die Stadt hinter sich gelassen.

„Scheiße. Und wir haben absolut keine Ahnung, wo wir Schutz finden können. Deine Mutter hat uns in den Tod geschickt!“, seine Stimme überschlug sich nun fast. Im Kampf dem Tod gegenüberzutreten war die eine Sache, da hatte er noch ein klein wenig Macht über sein Schicksal. Aber das hier war eine ganz andere Geschichte.

„Los!“, rief er und gab seinem Pferd die Sporen.

Zeemira tat es ihm gleich, sie jagten dahin und der Gegenwind riss beiden die Kapuzen von den Köpfen. Plötzlich rief sie ihm etwas zu. Er konnte es kaum hören und drosselte die Geschwindigkeit seines Pferdes ein wenig, sodass sie zu ihm aufschließen konnte.

„Was?“, schrie er.

„Der Dolch!“, rief sie zurück.

„Was ist mit dem verdammten Ding?“, sie hatten keine Zeit zu verlieren.

„Er vibriert!“, sie zog hart an dem Zaumzeug ihres Reittieres, um es anzuhalten.

„Bist du verrückt? Wir dürfen nicht stehen bleiben! Vielleicht finden wir doch noch etwas!“, schrie er.

Und selbst wenn nicht, ist es immer noch besser in Bewegung zu bleiben, als auf den sicheren Tod zu warten, dachte er sich.

Zeemira packte hastig den Dolch ihrer Mutter aus. Er vibrierte so stark, dass er ihr fast aus der Hand sprang.

„Er zieht meine Hand in Richtung des Sturmes“, erklärte sie. Dann legte sie den Dolch auf ihre flache Hand und er drehte seine Klinge gen Osten – nach Madina.

„Ob er uns etwas zeigen will?“, mutmaßte sie.

„Vielleicht regiert er auch nur auf den Sturm oder das Artefakt. Wir wissen nichts!“, schnappte er aufgeregt.

„Vielleicht“, sie riss ihr Pferd herum.

„Was tust du? Hast du nun völlig den Verstand verloren?“, zischte er.

„Wir können vor einem Sturm nicht davonlaufen und es gibt nichts in Sichtweite, was wir erreichen könnten“, ihre Stimme war fast ein Piepsen. Die Angst stand ihr ins Gesicht geschrieben. „Aber wir haben keine Wahl. Wir müssen den Worten meiner Mutter vertrauen. Sterben würden wir so oder so.“

Sie drückte ihre Fersen fest in die Seiten ihres Pferdes und ritt dem Sturm entgegen. Jal fluchte laut, lenkte nun aber auch sein Pferd um und ritt ihr nach. Am Himmel rauschten die dunklen Wolken mit beängstigender Geschwindigkeit auf die beiden zu. Zwischen ihnen formten die Lichtbänder nun strahlende Schleier, die immer länger in Richtung Boden wuchsen. Die Geräusche der Pferde und des Windes wurden dumpfer und er fühlte, wie sein Schwert zu summen begann. Seine Zähne brannten leicht. Er kannte dieses Gefühl – der Lichtsturm war nahe. Nun zögerte er doch und bremste sein Reittier. Es scheute und wollte sich umdrehen, wegrennen vor dem strahlenden Tod am Himmel. Zeemira schoss noch dahin, aber plötzlich bäumte sich auch ihr Tier auf und warf sie rückwärts ab.

„Zeemira!“, rief er und sprang von seinem Pferd.

Die rothaarige Heilerin landete weich im Sand, rappelte sich jedoch sofort auf und zog erneut den Dolch hervor. Sie schnappte danach, als er ihr fast von der Hand sprang und hastete keuchend weiter.

„Du bist wahnsinnig, komm zurück!“, schrie er aus voller Kehle. Er konnte kaum die eigenen Worte hören – der Sturm hatte sie fast erreicht. Er stieß sich vom Boden ab und rannte ihr hinterher. Ihr Mantel flatterte, das weiße Heilerinnengewand blitzte hervor und ihre roten Haare wehten hinter ihr her wie eine Flamme.

Nein, nein, nein!

Seine Gedanken überschlugen sich.

Plötzlich bremste Zeemira abrupt ab. Die Zeit schien auf einmal sehr zäh zu vergehen. Sie drehte sich langsam zu Jal um und er sah ihre kupfernen Haarsträhnen vor den vor Angst weit aufgerissenen Augen fliegen. Sie öffnete in Zeitlupe den Mund. Er konnte nichts hören. Er schrie ihr entgegen, aber kein Ton verließ seine heisere Kehle. Der Stoff ihres Kleides wiegte sich sanft in der Luft und auf ihrer flachen Hand sah er ein silbernes Glitzern. Der Dolch drehte sich wie ein Kreisel um sich selbst.

Jal streckte ihr seinen Arm entgegen.

Zeemira tat es ihm gleich, ließ dabei den Dolch fallen, der wie eine Feder zu Boden glitt. Ihre schmale Hand griff nach ihm und er sah zwischen seinen, sich nach ihr streckenden, Fingern hindurch, wie funkelnde Tränen den Rand ihrer wunderschönen weißen Augen zum Schimmern brachten.

Jals Fingerspitzen waren den ihren ganz nah und ihre Lippen formten lautlos und unendlich langsam ein Wort – seinen Namen.

Dann wurde alles weiß.

 

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Der Himmel war ein wogendes Meer aus strahlenden Schleiern, als würde die Stadt Madina in zarter Seide baden. Der bläulich schimmernde Schutzschild des Abadaan Jawhaar erzeugte die Illusion, an den zarten Bändern des Sturmes würden abertausende Tautropfen glitzern. Irgendwo dahinter mochte die Sonne scheinen, aber die Wellen aus Licht überstrahlten sie bei Weitem und ließen sämtliche Schatten fast gänzlich verschwinden. Kein Lüftchen war zu spüren und die unheimliche Stille, die mit dem Sturm kam, zeugte von der Abwesenheit jeglichen Lebens.

Schönheit täuscht häufig über große Gefahr hinweg, dachte Maheen, als sie aus dem hohen Fenster auf die vom Lichtsturm umwehte Stadt hinabblickte.

Die Gebäude kauerten sich eng in diesem geschützten Raum zusammen. Waren die wenigen herrschaftlichen Häuser der oberen Klassen nahe der Kathedrale noch mit üppigen Gärten und weitläufigen Terrassen gesäumt, so wurden die Behausungen weiter weg schnell schmaler, bis sie schließlich in den trockenen Armenvierteln, knapp am Rand des Schildes mündeten. Die Gebäude dort waren grobe Verschläge, die man schief übereinander getürmt hatte. Nach oben wurden sie immer kleiner, um eine fadenscheinige Stabilität zu schaffen. Die Meisten mündeten in kleine, krumme Türmchen mit vermutlich herrlicher Aussicht auf enttäuschte Hoffnungen und die Dünen der Wüste.

Die Augenbrauen von Maheen zuckten kurz – sie hatte Kopfschmerzen. Der Sturm mit seinen seltsamen Auswirkungen auf jegliche Materie ging selbst im Schutz der Stadt nicht an den feinen Sinnen Maheens vorbei. Sie konnte sein Tosen spüren – es war, als würde immerfort eine Gabel in ihrem Schädel rühren.

Sie war überreizt und innerhalb eines Blinzelns wies sie ihre Nervenzellen an, die Wahrnehmungen zu reduzieren. Nach wenigen Momenten verebbten die Schmerzen in einem sanften Wummern hinter der Stirn. Zum Glück würde es den anderen Hohepriesterinnen genauso ergehen, denn sie konnte sich keinen unaufmerksamen Moment, ohne ihre künstlich geschärften Sinne, in Gegenwart der anderen leisten.

Vor allem nicht beim Konzil, denn dort waren alle anwesend, inklusive dem nutzlosen Hohepriester Sameer – dem einzigen Mann in diesem machtvollen Kreis. Die Natur hatte ihm durch sein Geschlecht von vorneherein die Macht einer Lichtgeborenen versagt. Er war ein normaler Mensch, der aber aufgrund dieser Umstände eine oft interessante und ergänzende Meinung bei Beschlüssen hatte.

Also gut, gab Maheen in Gedanken zu, er war also nur beinahe nutzlos.

Die Hohepriesterin wandte sich vom Fenster ab und schritt den Gang entlang. Als sie den weitläufigen Raum des Artefaktes betrat, hörte sie das kaum wahrnehmbare Summen, welches von ihm ausging. Sie spürte es mehr in ihren Knochen, als dass sie es wirklich hören konnte. Der mächtige Schutz des, von drei goldenen Ringen umgebenen, Kristalls beeinträchtigte seine lebensspendende Funktion nicht im Geringsten. Und das war gut so, denn ohne das Artefakt, gäbe es inmitten dieser Einöde kein Wasser – wie auch immer es das Hinaufpumpen und Reinigen des kühlen Nasses aus den Tiefen der Erde bewerkstelligte. Aaminah, eine der anderen Hohepriesterinnen, befasste sich eingehend mit diesem Sachverhalt. Maheen hatte kein wirkliches Interesse daran.

Andere Dinge beschäftigten sie: vordergründig die Handelsbeziehungen in die Außenwelt, vor allem jenseits der Wüste. Im Geheimen allerdings die verschiedenen Überlieferungen vom Sabiquaan – vor allem jene der vollständigen Körpermanipulation. Die hoch entwickelten Menschen der Vorzeit hatten es verstanden die Gesetze der Natur derart zu beugen, dass sie Göttern gleich zu sein schienen. Und Maheen dachte nicht daran, irgendwelche Erkenntnisse, die sie dort gewann, mit den anderen zu teilen. Man weiß schließlich nie, wann man mal einen Vorteil gebrauchen konnte – und zwischen so mächtigen Wesen wie den Lichtgeborenen, benötigte man jeden noch so winzigen.

Mit diesen Gedanken schritt sie zu der gewölbten Tür am Rand des Raumes und ein zarter Fingertipp von ihr genügte, um die riesigen Türblätter lautlos aufschwingen zu lassen. Dieser Umstand versetzte sie trotz ihres langen Lebens immer wieder in Ehrfurcht vor den Erbauern der Kathedrale. Selbst wenn Maheen ihre Sinne auf das Höchste schärfte, konnte sie nichts hören. Schon allein diese Tür war reinste Perfektion – vom Rest des Gebäudes kaum zu schweigen.

Zeit, sich zu konzentrieren, dachte sie sich, während sie langsam den Raum betrat.

Das farblose Licht, welches von den Glasbildnissen in der riesigen Deckenkuppel ausging, war wohltuender Balsam für Maheens Augen. Es war niemals zu hell oder zu dunkel und es schonte ihren Sehsinn daher ganz wunderbar.

„Da seid Ihr ja – wir sind nun also vollzählig. Ihr seid ein wenig spät“, begrüßte Hohepriester Sameer sie mit kratziger Stimme und hob seine schlanke faltige Hand.

Er war älter als Maheen – um mindestens einhundert Jahre – weil Hohepriesterin Pheedre ihn in regelmäßigen Abständen mit ihrer Macht am Leben erhielt. Wie genau sie das anstellte, war ihr persönliches Geheimnis. Jede der Hohepriesterinnen schien mindestens eines zu haben.

„Ich habe mir Gedanken über den letzten Lichtsturm und den damit verbundenen Handelsplänen gemacht“, erwiderte Maheen, während sie sich in den Kreis einreihte und ihre Hände vor ihrem Körper zusammenlegte.

„Kommt es zu Engpässen in der Versorgung?“, fragte Pheedre barsch.

Die zierliche Hohepriesterin mit den weißen Haaren schien schlechte Laune zu haben – wie immer.

„Wenn ich es wegen einer so kleinen Widrigkeit zu Engpässen kommen lassen würde, wäre ich sicher nicht die beauftragte Priesterin für diesen Bereich“, antwortete Maheen ruhig.

„Richtig. Und man muss sich fragen, ob Ihr diesen Posten auch weiterhin vertrauenswürdig ausführen könnt“, entgegnete die andere leise und schaute ihr mit der weißen Iris genau in die Augen.

„Was soll das heißen, meine Liebe? Wollt Ihr diese Aufgabe übernehmen?“, Maheens Stimme war sanft, während sie Pheedres forschende Präsenz in ihrem Geist fühlte und diese mit Leichtigkeit ablenkte – so einfach ließ sie sich nicht überrumpeln.

„Nun, wir stellen uns so einige Fragen seit dem Verschwinden von Zeemira – Eurer Tochter“, mischte sich Aaminah ein. Die dunkelhäutige Lichtgeborene sprach freundlich, aber bestimmt.

„Wie konnte sie verschwinden? Trotz ihrer verlorenen Heilkräfte sollten wir sie innerhalb der Stadtmauern spüren können“, warf die üppige Lateefah ein und warf ihr langes blondes Haar genervt über ihre Schulter.

„So schlecht gelaunt heute? So kenne ich Euch gar nicht. Hat Pheedre Euch etwa angesteckt?“, Maheen lächelte emotionslos.

„Um ehrlich zu sein, ist sie heute unausstehlich“, lachte Lateefah und Pheedre erdolchte sie daraufhin mit Blicken. „Aber das ist nicht der Hauptgrund. Tatsächlich bereiten mir die Geschehnisse um Eure Tochter ernsthafte Sorgen. Bitte beantwortet die Frage.“

So einfach gestrickt die kräftig gebaute Hohepriesterin auch wirkt, hinter dieser Fassade ist sie genauso gefährlich wie die anderen, dachte Maheen.

Denn kaum hatte diese ihre Worte ausgesprochen, spürte sie auch schon, wie neben Pheedres Geist, auch der ihrige sie berührte.

„Ich habe dafür nur eine Erklärung …“, begann Maheen und stockte dann kurz.

Sie hätte es beinahe nicht bemerkt: Aaminah hatte ebenfalls subtil ihre magische Aufmerksamkeit auf sie gerichtet. Die Wucht von Pheedre und die Plumpheit von Lateefah hatten sie beinahe blind dafür gemacht.

Vorsicht, ermahnte sie sich.

„Und welche wäre das?“, fragte Pheedre gereizt.

„Zeemira hat meinen alten Dolch. Als ich einige Bücher zurück in die Bibliothek gebracht habe, muss sie ihn aus meinem Zimmer entwendet haben. Wie Ihr wisst, reagiert er auf Lichtstürme. Scheinbar verschleiern seine Energien die meiner Tochter“, erklärte sie.

Das war eine Halbwahrheit, die ihr ermöglichte, den forschenden Einflüssen der anderen ein Schnippchen zu schlagen. Bei den gelogenen Teilen veränderte Maheen ihre Körperprozesse, damit sie die Lüge nicht den anderen offenbarte – bei den wahren Stellen tat sie nichts. So konnte sie der geballten Kraft der Drei unbemerkt ausweichen. Zum Glück war Maheen eine Meisterin der Zellbeeinflussung und den anderen in diesem Gebiet überlegen – nur wussten sie nichts davon, das war ihr eigenes Geheimnis.

Lieber unterschätzt, als überschätzt, dachte sie sich und setzte eine ernste, aber unschuldige Miene auf.

„Das wäre durchaus möglich …“, begann Sameer.

„Und Ihr seid euch sicher, dass Ihr nichts damit zu tun habt? Ihr könntet ihr den Dolch gegeben haben, oder selbst ihre Gegenwart verschleiern“, setzte Pheedre nach.

„Beleidigt mich nicht. Ich bin eine Hohepriesterin und kein emotional geleitetes Wrack wie meine Tochter. Scheinbar seid Ihr selbst gerade etwas zu sehr im Herzen als im Kopf“, schoss Maheen zurück.

Zeit, etwas entrüstet zu sein, dachte sie sich. Zu aalglatt wäre nur auffällig.

Also schürte sie ein wenig ihren eigenen Blutdruck und beschleunigte die Herzfrequenz.

„Wie könnt ihr es wagen…“, begann die andere.

„Was regt Ihr euch so auf, ehrenwerte Pheedre? Zeemira muss noch in der Stadt sein. Sie könnte unmöglich so schnell unbemerkt Proviant und ein Pferd besorgt haben – unsere Stadtwachen haben niemanden bemerkt. Und selbst wenn, der Sturm da draußen hätte sie bereits aus dem Weg geräumt. Lasst uns die Stadt weiter unauffällig von Soldaten durchsuchen“, meinte Lateefah schulterzuckend.

„Wir werden der Sache auf den Grund gehen – zu gegebener Zeit. Wir sollten uns nun um die Händler kümmern, damit der Sturm nicht wirklich einen Engpass verursacht“, sprach Aaminah diplomatisch.

Alle Anwesenden nickten. Maheen entging jedoch nicht, dass nicht eine der anderen ihren Einfluss auf sie beendete. So würde das vermutlich weitergehen, bis das Vertrauen zu ihr wieder hergestellt war – und das würde dauern. Da die Lichtgeborenen so langlebig waren, konnten sie es sich leisten sehr nachtragend zu sein.

„Madina steht im Zentrum vieler Routen, da wir die höchsten Preise für lebensnotwendige Güter zahlen“, begann Maheen schließlich. „Außerdem wollen die reichen Händler keine Gelegenheit verpassen, sich bei der Kathedrale einzuschmeicheln, um Vorteile in den gefährlichen Außenlanden zu erhalten. Wie immer, werden sie die Verluste durch den Sturm verschmerzen. Diejenigen, die derzeit in der Stadt sind, können sie nicht verlassen und verkaufen daher ihre Restbestände, um die Zeit sinnvoll zu nutzen. Ich würde ihnen, wie jedes Mal, diverse Heildienstleistungen anbieten, um ihnen unser Wohlsinnen deutlich zu machen.“

Maheens Erklärungen waren nicht wirklich notwendig, denn das war das übliche Verfahren. Es verschaffte ihrer Verteidigung jedoch eine kleine Verschnaufpause.

„Außerdem habe ich vor ein paar Tagen ein gutes Angebot von zwei Händlern unterbreitet bekommen, welches den Einfluss der Stadt im Handelsgeflecht um einiges vergrößern könnte. Ich habe mich vorerst betont gelangweilt gegeben, damit ich die Konditionen wesentlich verbessern kann“, fuhr sie schließlich fort.

Beim letzten Teil musste sie erneut eine Lüge verschleiern, denn das Angebot von Zeemiras Freunden hatte sie bereits heimlich angenommen.

„Das klingt vielversprechend. Fahrt damit fort und berichtet uns, sobald es Konkretes gibt. Die Details besprechen wir, wenn es so weit ist. Wie sind die Fortschritte bei den Ausbildungen der anderen Heilerinnen, Aaminah?“, Pheedre ging zur Tagesordnung über.

„Es geht etwas schleppend voran“, antwortete die dunkelhäutige Priesterin. „Sie sind nicht so talentiert wie erhofft. Aber für grundlegende Heilungen innerhalb der Stadt ausreichend.“

„Wie steht es mit den Lichtgeborenen?“, erkundigte sich Sameer.

„Eine von ihnen könnte hellsichtige Fähigkeiten besitzen – zwar körperbezogen und bisher nur wenige Sekunden im Voraus – aber das könnte man vielleicht ausweiten. Wir arbeiten daran. Die anderen sind derzeit relativ gewöhnlich. Herausragende Heilfertigkeiten im Vergleich zu normalen Heilerinnen und damit in der Schlacht einsetzbar, aber nicht für tragende Aufgaben in der Stadt oder gar in den Außenlanden geeignet“, berichtete sie.

„Sollte es sich hinsichtlich der Hellsichtigkeit lohnen, sie mit dem Artefakt zu bearbeiten, gebt mir Bescheid“, sagte Pheedre bestimmend.

„Das werde ich, ehrenwerte Pheedre“, Aaminah nickte knapp.

Die Besprechungen über Handelsrouten, Militär, politische Schachzüge und Sozialgefüge der Stadt, wurden routiniert geführt. Die Kathedrale hatte Einfluss auf jegliches Geschehen innerhalb Madinas. In der Außenwelt war er ebenfalls von tragender Rolle, denn der geschickte Einsatz einer Lichtgeborenen konnte in wichtigen Situationen entscheidend sein – das wussten auch die Menschen dort.

Maheen ließ sich trotz weiterer versteckter Anschuldigungen Pheedres, bezüglich des Verschwindens ihrer Tochter, nicht aus der Ruhe bringen und schlussendlich wurde die Versammlung beendet. Alle gingen wieder ihren Tagesaufgaben nach.

Sie ging nach draußen, um durchzuatmen. Der mentale Kampf gegen die Drei anderen war anstrengend gewesen. Maheen betrat die Pfade des Gartens und atmete die von Blumendüften süßliche Luft tief ein. Er kitzelte ihre Nase. Kleine bunte Steine knirschten unter ihren Sohlen und ihr weites Gewand raschelte – donnergleiche Geräusche in ihren Ohren, trotz der weniger geschärften Sinne. Ein sanftes Lüftchen versuchte ein paar Strähnen aus ihren sorgsam hochgesteckten braunen Haaren zu lösen und die Sonne wärmte ihr Gesicht.

Hier hatte sie den Vorschlag von Geel und Jabeehra angenommen. Es war nur ein vorsichtiges Gespräch gewesen – unkonkret und verschleiert. Man konnte kaum sicher sein, dass nicht eine, mit geschärften Sinnen ausgestattete, Lichtgeborene von einem der hohen Spitzbogenfenster aus gelauscht hatte.

Die beiden Geschwister waren jahrelang Zeemiras engste Vertraute gewesen. Sie hielten immer zu ihr und waren weiterhin darauf bedacht sie zu unterstützen. Obwohl sie Händler waren, schien vor allem Geel äußerst intelligent. Maheen war von seiner Wortgewandtheit und Vorsicht beeindruckt gewesen. Die beiden wussten mehr, als sie preisgaben – so wie sie selbst.

Sie hatten sich darauf geeinigt, dass die Geschwister außerhalb von Madina Maheens Augen und Ohren sein würden. Im Gegenzug informierte die Priesterin die beiden über die Geschehnisse in der Kathedrale – vor allem bezüglich des Vorgehens gegen ihre Tochter. Um das zu verbergen, würden sie einen Handelsvertrag eingehen. Da es zu auffällig wäre, wenn sich eine Hohepriesterin persönlich darum kümmerte, musste auch das Abkommen sehr ungewöhnlich sein.

Maheen hatte sich schon ein paar Gedanken darüber gemacht und überlegte nun, wie sie die beiden am besten kontaktieren könnte. Es wäre seltsam, wenn sie in die Stadt gehen würde. Hohepriesterinnen verließen die Kathedrale nur für eine Schlacht.

Das Flattern eines Vogels erhaschte ihre Aufmerksamkeit. Sie wandte den Kopf in Richtung des Geräusches und sah ihn auf einem Ast eines kleinen Apfelbäumchens landen. Das dünne Holz bog sich gefährlich unter dem gut genährten Tier. Offensichtlich beherrschte es die Kunst des Krümelerbettelns in Perfektion.

Ganz wunderbar, dachte Maheen und tippte sich mit dem Zeigefinger gegen das Kinn.

Für eine Hohepriesterin war Zeit kaum von Bedeutung: Die Wahrnehmung dieser konnte sie beliebig verändern, denn sie wurde nur von der Tatsache bestimmt, wie viel das Gehirn gleichzeitig aufnehmen konnte. Maheen kostete es lediglich ein Blinzeln, um diesen Umstand auf ihre Bedürfnisse anzupassen. Der Vogel drehte langsam den Kopf, die Blumen wiegten sich beinahe unmerklich langsam, nicht eine Bewegung der Lichtschleier jenseits des Schutzschildes entging nun ihrer Aufmerksamkeit. Als sie den Blick des Vogels erhaschte, schoss ihr inneres Licht wie ein Pfeil auf ihn zu. Das über die Jahrhunderte aufgenommene Wissen über Anatomie flog durch ihren Kopf und nach wenigen Momenten verformte sie das Tier wie Wachs.

Der Kehlkopf wurde verändert und verdreht, bis er einem Menschen ähnlich war. Der Vogel begann in Zeitlupe den Schnabel vor Schmerz zu öffnen, also betäubte Maheen seine Nerven – im Schock oder Tod war er schließlich nicht zu gebrauchen. Dann verbog sie die Instinkte des Tieres so lange, bis es gezwungen war, bei einem gewissen Reiz bestimmte Worte zu sagen. Auf diesen Reiz programmierte sie die Gesichter der beiden Händler – gleichzeitig, damit sie sicher sein konnte, dass nicht eventuell eine Lichtgeborene, die ihr eigenes Gesicht zu verändern vermochte, ihn abfangen konnte. Noch ein paar kleine Korrekturen, damit der Vogel die Worte der beiden Händler aufnehmen und ihr sagen konnte und fertig war ihr Werkzeug. Gewissensbisse, ein Lebewesen derart zu verwenden, hatte Maheen schon vor langer Zeit abgelegt – mit der Macht kam auch die Routine.

Die Prozedur dauerte nur wenige Wimpernschläge und der Vogel flog wie befohlen in Richtung Stadt.

Maheen wandte sich wieder zur Kathedrale. Erst als ihr auffiel, dass das Gebäude beim Laufen nur quälend langsam näher rückte, normalisierte sie ihre Wahrnehmung wieder.

Man gewöhnt sich so schrecklich schnell an Übermenschlichkeit, dachte sie und gönnte sich ein leises Seufzen.

 

Grafik9

 

Es summte in Jaleels Ohren. Das Geräusch schien jedoch nicht von außen in sie einzudringen, sondern von innen. Seine Zähne kribbelten und er biss sie zusammen, bis es knirschte.

Ich bin in einem Lichtsturm, wie kann ich lebendig sein, fragte er sich.

In seinen Armen spürte er ein zitterndes Bündel aus Wärme. Als er es wagte seine Augen zu öffnen, sah er, dass Zeemira ebenfalls unversehrt war. Sie presste ihre zuckenden Augenlider zusammen und hatte beide Hände zu Fäusten geballt, bereit, die volle Wucht des Sturmes abzubekommen.

„Hey, Augen auf! Wir leben – aber ich habe keinen blassen Schimmer, warum“, flüsterte er ihr zu und rüttelte sie sanft. Seine Stimme klang seltsam blechern.

„Bist du sicher?“, flüsterte sie und behielt die Augen weiterhin fest verschlossen.

„Was soll denn diese Frage?“, raunte er.

„Im Gegensatz zu dir, bin ich vorher noch nie gestorben. Ich weiß nicht, wie es ist“, erwiderte Zeemira.

Jal überlegte kurz, ob sie ihn ausgerechnet in einer solchen Situation aufziehen wollte, aber ihr angespannter Körper an seiner Brust verriet ihm, dass sie es ernst meinte – todernst.

„Glaub mir, du würdest es definitiv wissen“, seufzte er dann. „Na los, schau mich an.“

Zeemira öffnete langsam ihre Augen. Ihre weiße Iris war lebhaft wie eh und je. Ein wohliger Schauer lief über seinen Rücken. Er räusperte sich verlegen und hob den Kopf.

„Bei den Ahnen vom Sabiquaan …“, stieß er plötzlich aus.

Er war noch nie besonders gläubig gewesen, aber das war ein Moment, in dem er es sich noch mal überlegte, denn dieser Anblick schien nur Göttern vorbehalten zu sein.

Um die beiden tobte der Sturm mit unerbittlicher Härte, doch sie blieben davon völlig unberührt. Das Paar saß in einer linsenförmigen schmalen Blase, in der – bis auf die merkwürdigen Einwirkungen auf die Sinne – die tödlichen Schleier aus Licht keinerlei Auswirkungen hatten. Am Rand verblassten sie stark und wehten durch ihre Körper hindurch, ohne Schaden anzurichten. Noch nie war er einem Sturm so nah gewesen. Sie befanden sich wahrhaftig mittendrin. Zeemira streckte ihre Hand aus und griff nach einem der vorbeiziehenden Lichter.

„Wunderschön …“, hauchte sie ehrfürchtig. „Das ist unglaublich – eigentlich völlig unmöglich. Wir sind hier inmitten eines Lichtsturmes. Du hast die Auswirkungen seiner Kraft an vielen Soldaten gesehen, die ihm nur nahe waren und wir können ihn sogar berühren!“, sie rappelte sich auf.

Zeemira blickte sich um, dann lief sie vorsichtig herum und suchte den Sandboden ab.

„Was suchst du? Pass auf, dass du dich nicht zu weit entfernst. Wir wissen nicht, wie weit der Schutz anhält und …“, er stockte kurz. „Eines unserer Pferde hat es auch geschafft!“

Der Krieger klatschte freudig in die Hände und schritt zu dem verängstigten Tier. Es tippelte schnaubend hin und her, traute sich jedoch nicht wirklich vom Fleck. Jal tätschelte dessen Nüstern und redete beruhigend auf es ein.

So viel Glück auf einmal ist beinahe unglaubwürdig, dachte er sich.

Zeemira suchte unterdessen weiter. Schließlich kniete sie sich in den Sand und wühlte darin. Jal ging neugierig zu ihr. Sie schaufelte weiter und zog plötzlich erschrocken die Hände zurück. In dem kleinen Loch rotierte der Dolch ihrer Mutter wie ein Kreisel. Seine Geschwindigkeit hätte ihr mit Leichtigkeit die Finger abhacken können. Er wirbelte umher und grub sich tiefer in den Boden. Jal zog sein Langschwert und schlug mit der flachen Seite der Klinge auf den Dolch. Das kleine Messer stoppte und er hob es auf.

„Oha!“, entfuhr es ihm, als der Dolch sich seinen Fingern entwinden wollte. „Er hat ganz schön Kraft. Was auch immer ihn antreibt, es muss genau hier sein.“

„Aber hier ist nichts! Es sei denn …“, murmelte Zeemira und begann tiefer zu graben.

Jal setzte sich währenddessen hin, ließ sich nach hinten fallen und legte seine Hände hinter den Kopf. Während er den wogenden Himmel über sich betrachtete, dachte er darüber nach, wie viele solcher Orte es wohl in der Wüste um Madina gab.

War es möglich, dass die Masakh davon wussten und sich deswegen manchmal scheinbar selbst opferten, um Soldaten in einen Sturm zu locken? Vor allem konnte er sich kaum vorstellen, dass diese geschützten Gebiete den Tassallul – der Schattengilde – unbekannt waren. Das bedeutete, dass sie vermutlich mehr Einfluss in Madina hatten, als er gedacht hatte. Er war in der Stadt also nie wirklich sicher gewesen – vielleicht war das nicht der schlechteste Zeitpunkt gewesen, dort zu verschwinden.

Auf einmal hörte er Zeemira aufschreien und mit einem Satz war er auf den Füßen, hatte sein Schwert in der Hand und stand in gebückter Kampfhaltung da.

„Ich habe es gefunden!“, rief die Heilerin aus.

Jal entspannte sich grummelnd, lief zu ihr hinüber und steckte die Klinge wieder zurück.

„Was hast du gefunden?“, fragte er neben sie tretend.