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Anke Bergmann

Enneleyn und der Nordmann

Historischer Liebesroman





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Zitat

 

 

 

 

 

Seelen begegnen

einander

niemals zufällig.

 

 

Unbekannt

Prolog

Die Edda ist seit jeher ein Lehrbuch für Skalden über die skandinavischen Götter- und Heldensagen. In ihr wird neben all den nordischen Gottheiten auch über die Weltenesche Yggdrasil geschrieben, die an der Schicksalsquelle in Åsgard – der Urdquelle – wächst. Und auch über die weiblichen Nornen Urd, Verdandi und Skuld, die an einer der drei Wurzeln von Yggdrasil leben und dort der Menschen Schicksalsfäden spinnen.

Für die junge Enneleyn Eriksdotter sponnen die Nornen ein ungewöhnliches Schicksal.

1

 

Wohlbehütet wuchs Enneleyn unter drei Brüdern bei ihren Eltern auf. Ihr Vater Erik war ein tüchtiger Kaufmann und verstand es, mit anderen Stämmen zu handeln, weshalb er neben dem Hersen Magnus in Torredal als angesehener, reicher Mann galt. Ihre Mutter Vigdis war eine kräuterkundige Frau, was sie zur Heilerin ihres Dorfes machte. Enneleyns Brüder Yngvar, Ulfrik und Folkmar wurden, sobald sie das Mannesalter erreicht hatten, zu Kriegern des Hersen und fuhren schon bald mit den Drachenbooten aus dem heimatlichen Fjord hinaus, um – oft gemeinsam mit ihrem Vater – im Auftrag des Hersen Handel zu treiben.

Ihre Mutter unterwies Enneleyn seit jeher in der Kräuterkunde und so begleitete sie diese oft zu den Erkrankten oder schwangeren Frauen ihres Stammes.

Als Enneleyn ins heiratsfähige Alter kam, begannen die Krieger des Hersen, um ihre Gunst zu werben. Doch zu Enneleyns Glück wollte ihr Vater Erik sie nicht irgendeinem Mann zur Frau geben. Ihre Eltern selbst hatten sich zuvor kennenlernen und entscheiden können und ihr Vater Erik wollte dieses Glück auch seiner einzigen Tochter schenken. So hatte Enneleyn unter den Waffengefährten ihrer Brüder zwar viele Verehrer, die sich jedoch chancenlos Hoffnungen machten. Und so kam es, dass Enneleyn mit nicht ganz siebzehn Wintern noch immer unverheiratet war und im Hause ihrer Eltern lebte.

 

Enneleyns bislang idyllisches Leben änderte sich ganz plötzlich. Es war ein sonniger Spätsommertag, als fast alle kampftüchtigen Männer auf das Meer hinausgefahren waren – Enneleyns Brüder und ihr Vater ebenfalls – und das Dorf von einer Überzahl dänischer Wikinger überfallen wurde. Die Fremden raubten, töteten, brandschatzten und vergewaltigten. Die zurückkehrende Flotte mit ihren Brüdern und ihrem Vater wurde ebenso brutal niedergemetzelt wie die zurückgebliebenen Dorfbewohner.

Nur der Vernunft ihrer Mutter hatte Enneleyn ihr Leben zu verdanken – beide waren auf dem Rückweg vom Kräutersammeln gewesen, als das Dorf überfallen wurde. Ihre Mutter Vigdis hatte Enneleyn zurück in den Wald geschickt, während sie selbst ins Dorf schlich und sich um die Verletzten kümmern wollte.

Enneleyn hatte Stunden um Stunden in ihrem Versteck gesessen, bis in die tiefe Nacht hinein, noch bis zum nächsten Tag, und hatte wie von ihrer Mutter befohlen gewartet, bis sie keine Schreie und Rufe mehr aus der Richtung ihres Dorfes vernommen hatte.

Als sie schließlich dorthin zurückkehrte, konnte sie das, was sie sah, kaum begreifen. Menschen, die sie ihr Leben lang gekannt hatte und mit denen sie aufgewachsen war, waren tot. Sie fand ihren jüngsten Bruder Folkmar mit dem Schwert in der Hand und sie betete unter Tränen zu den Walküren, dass sie ihn und all die anderen sicher nach Walhall bringen würden.

Auf der Suche nach Überlebenden stolperte Enneleyn durch die verkohlten Ruinen ihres Dorfes. Nach einiger Zeit kamen zwei ältere Dorfbewohner zurück, die sich vor dem Übergriff noch hatten retten können. Enneleyn konnte aber nicht bei den Alten bleiben. Sie hatten selbst nicht genug zum Überleben und schickten Enneleyn – die in ihrem bisher beschützten Leben nie ihr Dorf und den Fjord verlassen hatte – in das nächste Tal, um dort bei einem anderen Stamm vielleicht Zuflucht finden zu können.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte die Trauer über ihren Verlust Enneleyns Innerstes noch nicht erreicht. Erst auf ihrer tagelangen Wanderschaft zerbrach ihr junges Herz an dem Schmerz, ihre Familie und ihre Freunde für immer verloren zu haben. Sie weinte und schrie die Nornen an, warum diese ihr dieses Schicksal gesponnen hatten.

Die Tage ihrer Reise vergingen, und manchmal lag sie regungslos im Gras und starrte schluchzend in den Himmel. Sie vergaß die Zeit um sich herum und verlor jedes Gefühl dafür, wie lange und wie weit sie schon gegangen war. Zu tief saß ihr schmerzender Verlust in ihrem Inneren.

 

*

 

Eines Morgens erwachte Enneleyn mit pochenden Kopfschmerzen, verwirrt und orientierungslos, vom Geschrei zweier Raben, die auf einem Felsen in ihrer Nähe saßen. Aus verweinten Augen blinzelte Enneleyn zu den beiden schwarzen Tieren hinüber.

Sind die beiden vielleicht Hugin und Munin? Sind sie hier, um mir zu helfen? Um mir den Weg zu weisen?

„Seid ihr des Göttervaters Raben?“

Die Vögel verharrten beide auf der Stelle und blickten in ihre Richtung. Durch den Tränenschleier vor Augen sah es für Enneleyn sogar so aus, als würde einer der Raben ihr zunicken.

Tief atmete sie durch, wischte sich mit dem Handrücken über die Augen. „Könnt ihr mir sagen, in welche Richtung ich gehen soll?“, wisperte sie ihnen zu. Wieder schien der Rabe zu nicken, krächzte seinem gefiederten Kameraden etwas zu und beide erhoben sich in die Lüfte. Bodennah flogen die zwei am Fluss entlang. Enneleyn erhob sich müde und folgte den beiden Raben. Als hätten diese ihre Lebensgeister wiedererweckt, spürte sie auch mit einem Mal wieder Hunger und Durst.

Seit wie vielen Tagen habe ich nicht mehr gegessen und getrunken? Wie viel Zeit ist seit dem Überfall vergangen?

Enneleyn konnte sich beim besten Willen nicht mehr erinnern.

2


Enneleyn folgte den beiden Raben, so gut sie es in ihrem erschöpften Zustand konnte. Jeder Muskel schmerzte, sie fühlte sich müde und kraftlos. Der immer mehr an Stärke gewinnende Wind, der den Herbst ankündigte, riss an ihrer Kleidung und peitschte ihre Haare wild umher.

Als sie die beiden Raben aus den Augen verlor, machte sie an dem immer breiter werdenden Fluss Rast. Am Ufer ließ sie sich auf die Knie sinken und stützte sich auf die Hände, wobei ihr Blick auf das Spiegelbild auf der Wasseroberfläche fiel. Ihr Gesicht war kaum noch unter der Schicht aus Blut, Staub und Schweiß zu erkennen. Durch ihr Haar, das mit kleinen Zweigen und Moos gespickt war, ähnelte sie eher einem Bergtroll als der Enneleyn, die sie vor dem Überfall gewesen war. Sie schöpfte mit ihren Händen das kühlende Flusswasser und stillte ihren Durst, bevor sie sich Gesicht und Hände wusch.

Einen Moment am Flussufer sitzend, zupfte sie nachdenklich hier und da Ästchen und Moos aus ihrem Haar heraus und begann, mit ihren Fingern ihre dunkelroten Locken durchzukämmen.

Oh Götter, bitte helft mir, bald andere Menschen zu finden!


Nach ihrer Rast folgte sie dem immerzu grünen Flussufer. Dort Beerensträucher zu finden, war beinahe aussichtslos, aber sie wollte das Flussufer, zu dem die beiden Raben sie geführt hatten, nicht mehr verlassen. Die Farben des Tages begannen bereits zu verblassen, als sie eine Stelle erreichte, an welcher der Fluss, dem sie folgte, in einem breiten Fjord mündete.

Plötzlich entdeckte Enneleyn in einiger Entfernung ein Schiff, welches flussaufwärts fuhr. Ihr Herzschlag fing schneller an zu schlagen und sie nutzte ihre letzten Kraftreserven, um ihre schleppenden Schritte zu beschleunigen, stolperte jedoch immer wieder entkräftet über das steinige Flussufer. Sie hatte das Schiff schon fast aus den Augen verloren, als sie endlich die Biegung des Fjords erreichte und erstaunt stehen blieb.

Auf der gegenüberliegenden Uferseite lag ein Dorf, auf welches das Langschiff zusteuerte und das mindestens dreimal so groß war wie ihr eigenes. Der Hafen war gesäumt von vielen Anlegestegen und Schiffen verschiedenster Größen – so etwas hatte sie noch nie zuvor gesehen.

Erschöpft blickte sie zu dem sich immer weiter entfernenden Schiff – es war ihre einzige Rettung. Denn bis zu diesem Dorf würde sie es nicht mehr schaffen, zu schwach war ihr entzerrter Körper. Enneleyn hob ihre Arme und versuchte winkend auf sich aufmerksam zu machen, aber die Strapazen der Reise holten sie nun endgültig ein. Die Welt um sie herum begann zu schwanken und ein dunkler Schleier legte sich über ihren Blick, als sie ohnmächtig zu Boden sank.


*


Enneleyn erwachte in vollkommener Dunkelheit. Jeder Muskel und jede Faser ihres Körpers schmerzte, ihre Glieder fühlten sich schwer wie ein Stein an und Kopfschmerzen quälten sie. Wispernde Stimmen drangen zu ihr vor, doch noch verstand sie diese nicht. Sie versuchte die Augen zu öffnen und ihre Finger zu bewegen, aber ihr Körper wollte ihr noch nicht gehorchen. Langsam wurden die Stimmen um sie herum deutlicher und sie verstand manche Worte. Ein banges Gefühl ergriff Enneleyn.

Wo bin ich? Und warum kann ich nichts sehen?

Ein Tuch, was scheinbar ihre Stirn und Augen kühlen sollte, wurde von ihrem Gesicht genommen und sie konnte durch die geschlossenen Lider endlich Licht wahrnehmen. Jemand berührte ihr Hand, drückte sie sanft, als Enneleyn zu blinzeln begann.

„Keine Sorge, du bist in Sicherheit. Du hast sehr lange geschlafen und dein Körper muss erst wieder zu Kräften kommen – du bist noch sehr schwach.“

Enneleyn bewegte ihre Lippen, aber kein Wort kam darüber. Ihr Hals schmerzte viel zu sehr. Eine Hand fuhr unter ihren Kopf, hob ihn leicht an. Etwas wurde an ihren Mund gelegt und schon spürte sie ein kühles Nass, das erst ihre Lippen befeuchtete und dann hinab in ihre Kehle rann. Durstig nahm sie die Flüssigkeit auf.

„Danke“, versuchte Enneleyn zu flüstern, doch es klang nur wie ein Krächzen. Als hätte die Person an ihrer Seite die Worte verstanden, wurde ihre Hand aufs Neue sanft gedrückt. Dankbar und mit einem Gefühl der Sicherheit schlief Enneleyn wieder ein.


Als sie das nächste Mal erwachte, fühlte sich Enneleyn noch immer schwach, aber bei Weitem besser. Ihre Kopfschmerzen hatten nachgelassen und so öffnete sie blinzelnd ihre Augen und nahm zum ersten Mal ihre Umgebung in Augenschein.

Sie erkannte, dass sie in einem Langhaus war. Der kleine Raum, in welchem sie in einer mit Fellen ausgelegten Bettstatt lag, war eine aus mit Weiden geflochtenen Wänden abgetrennte Kammer. Den Durchgang verschloss ein Vorhang.

Aus dem Langhaus jenseits der Wand vernahm sie schwatzende Frauen, die vermutlich ihrer Arbeit nachgingen. Enneleyn stützte sich zuerst auf ihre Ellbogen, setzte sich dann mühsam auf. Schwindel überfiel sie und alles um sie herum drehte sich. Hastig kniff sie die Augen zusammen und versuchte sich zu konzentrieren, bis der Schwindel endlich nachließ. Auf einem Schemel neben der Bettstatt fand sie einen gefüllten Becher. Mit zittrigen Fingern ergriff Enneleyn ihn und trank ihn aus. Beim Versuch aufzustehen, rempelte sie einen anderen Schemel an, der polternd umfiel. Sofort verstummte das Geschwätz auf der anderen Seite der Wand und sie hörte, wie sich aufgeregte Frauen dem verhangenen Durchgang näherten.

„Oh! Sie ist tatsächlich wach!“, rief eine Frau, die zuerst durch den Vorhang lugte und dann eintrat.

„Aber fürchterlich blass um die Nase ist sie schon noch“, meinte die Nächste, die eintrat.

Die erste Frau näherte sich ihr mit einem liebevollen Lächeln. Sie musste die Frau des Jarl sein oder eine andere wichtige Persönlichkeit in diesem Dorf, denn sie trug einen großen Schlüsselbund an ihrem Gürtel.

„Man nennt mich Guðný. Ich bin die Frau des hiesigen Jarl Olæif aus Geírsbýr. Man hat dich am Fjordufer gefunden, nachdem dich einer unserer Krieger vom Schiff aus gesehen hatte. Du warst in einem fürchterlich schlechten Zustand, Kind. Was ist dir bloß zugestoßen? Ach herrje, ich plappere hier drauf los und lasse dich gar nicht zu Wort kommen!“ Guðný stand vor ihr und stemmte lächelnd ihre Hände in die Hüften. „Wie heißt du denn, Mädchen?“

„Mein Name ist Enneleyn.“ Sie räusperte sich mehrmals, da ihr Hals noch immer schmerzte. „Ich muss tagelang unterwegs gewesen sein. Mein Dorf wurde von dänischen Wikingern überfallen und ...“ Aufkommende Tränen erstickten ihre Stimme. „... es hat so gut wie niemand überlebt. Unsere Männer waren allesamt mit den Schiffen draußen. Als sie zurückkamen, wurden sie ebenso hinterlistig überrascht wie die Leute im Dorf.“ Tränen rannen an Enneleyns Wangen hinab, tropften auf ihr Gewand. „Ich habe nur überlebt, weil meine Mutter und ich Kräuter sammelten und aus dem Wald kamen, als das Dorf überfallen wurde. Sie befahl mir, mich am Waldrand zu verstecken.“ Enneleyn begann zu zittern, als sie die Erinnerung einholte. Ihre Beine wollten ihr den Dienst versagen.

Guðný trat an ihre Seite und half ihr dabei, sich zurück auf die Bettstatt zu setzen. „Setz dich, Enneleyn. Meine Magd wird dir helfen, dich frisch zu machen und dich anzukleiden. Bedauerlicherweise ist das Leid, das du erfahren hast, zu wichtig, um es dem Jarl und seinen obersten Kriegern erst später zu berichten. Ich werde zu meinem Mann Olæif gehen und ihm mitteilen, was du mir eben erzählt hast. Er wird dann wohl unverzüglich einen Rat einberufen, wo du deine Geschichte noch einmal erzählen musst. Denn es geht auch um die Sicherheit unseres Dorfes, Enneleyn. Ich hoffe, du verstehst das?“ Mitfühlend musterte Guðný sie.

„Ja, natürlich. Ich danke Euch, dass Ihr mich aufgenommen und umsorgt habt. Daher werde ich Euch so gut es geht davon berichten.“


Mit Hilfe der Magd zog Enneleyn nach dem Waschen ein neues Gewand an. Ihr eigenes Oberkleid war auf der tagelangen Reise mehr oder minder unbrauchbar geworden war. Danach brachte die Magd sie zu Guðný in die Große Halle im Hause des Jarl, die sich innerhalb kürzester Zeit zum Bersten gefüllt hatte. So viele Menschen in einem so großen Haus hatte Enneleyn noch nie erlebt. Die Frau des Jarl nahm sich ihrer an und stellte sie der Versammlung vor, als Enneleyn Eriksdotter vom entfernten Nachbarstamm des Hersen Magnus aus Torredal, der von dänischen Wikingern fast komplett ausgelöscht worden war. Ein Raunen ging durch die Menge, Frauen legten sich verängstigt die Hände vor den Mund.

Wie von Guðný angekündigt wollte ihr Mann Jarl Olæif jede Einzelheit über den Überfall erfahren: Den Ablauf, wer von außerhalb des Dorfes von dem Umstand, dass fast alle Männer aufs Meer hinausgefahren waren, gewusst haben könnte, und wie die Schiffe und die Drachenköpfe ausgesehen hatten. Enneleyn beantwortete die vielen Fragen so gut sie konnte, die meisten unter Tränen. Niemand schien sich an dem Nass auf ihren Wangen zu stören, sie hatten vielmehr Respekt vor der Tatsache, welch weiten Weg Enneleyn allein, als Frau und ohne Waffe zurückgelegt hatte.

„Hab Dank, Enneleyn Eriksdotter, für deine Worte“, richtete Olæif sich an sie. „Mein Weib Guðný sagte mir, dass du gerne bei uns bleiben würdest. Du bist in meinem Stamm herzlich willkommen. Meine Frau wird dir Arbeit und einen Schlafplatz in den Frauengemächern zuweisen.“

Erleichtert nahm Enneleyn diese Entscheidung auf und nickte dem Jarl ehrerbietig zu. Man behandelte sie in diesem Dorf bislang gut und zollte ihr als Frau einen gewissen Respekt.

Die Nornen scheinen es wieder gut mit mir zu meinen.

Der Jarl wandte sich seinen Hohen Kriegern zu, um sich mit ihnen zu besprechen. Guðný ließ mit einem Wink für alle Anwesenden Met, Brot und weitere Speisen auftragen. „So, und nun solltest du dich erst einmal stärken, mein Kind.“ Sie schenkte Enneleyn ein warmes Lächeln und geleitete sie in Richtung eines Tisches. „Ich hoffe, es stört dich nicht, dass ich die persönliche Anrede beibehalte? Aber ich habe nur Söhne zur Welt gebracht und nun scheint es, als würden mir die Götter eine Tochter schenken.“ Ihrem ansteckenden Lächeln konnte Enneleyn sich kaum entziehen. „Ich kann und möchte dir deine Mutter nicht ersetzen“, warf Guðný schnell ein, „aber nimm bitte meine Fürsorge als solche an – dies würde mich sehr freuen!“

Was sollte Enneleyn diesen gut gemeinten Worten schon entgegensetzen?

„Weib! Kommt doch beide nochmal zu mir“, übertönte unerwartet die Stimme des Jarl die lauter werdende Gesellschaft in seiner Halle. Guðný sah Enneleyn schulterzuckend an. Unruhe kribbelte durch Enneleyns Körper, als sie neben Guðný zurück zum Podest des Jarl ging.

Nachdenklich stützte er sich mit dem Ellbogen auf der Armlehne seines Throns ab, strich sich dabei durch den Bart. „Eriksdotter, wenn sich deine Mutter mit Kräutern auskannte, war sie vermutlich die Heilerin in deinem Dorf?“

„Ja, das ist richtig, Herr.“

„Bist du dessen auch kundig?“

„Vigdis, also meine Mutter, hat mich von klein auf darin unterrichtet. So wie meine Brüder den Handel und den Schwertkampf von unserem Vater lernten, lernte ich die Kräuterkunde von unserer Mutter. Ich selbst habe mich bislang nur um kleinere Wunden und einfache Erkrankungen gekümmert, bin meiner Mutter aber immer zur Hand gegangen, wenn sie gerufen wurde.“ Unsicher, worauf der Jarl hinauswollte, hielt sie den Kopf vor ihm gesenkt.

„Hmm...“, brummte er und strich erneut über seinen mit Silberfäden durchzogenen Bart. „Da du nur von deinen Eltern und Brüdern sprichst, bist du wohl noch unverheiratet?“

Enneleyn nickte und wollte gerade zum Sprechen ansetzen, als Guðný ihr zuvorkam. „Nein, wage es ja nicht! Die Götter haben sie mir gerade erst in die Hände gespielt! So viele Jahre habe ich auf eine Tochter gehofft und einen stolzen Krieger nach dem anderen geboren.“ Sie deutete mit einer ausschweifenden Geste auf die jungen Männer neben ihrem Gemahl, die unzweifelhaft ihrer beider Söhne waren. „Du kannst sie mir nicht gleich wieder entreißen, Olæif! Bitte.“ Die letzten Worte waren nicht mehr als ein Flüstern aus ihrem Mund.

Olæif betrachtete sein Weib mit einem liebevollen Lächeln. „Ich weiß, Frau. Ich möchte sie doch gar nicht in die Ferne schicken, wir können selbst eine Heilerin gebrauchen. Sie soll nicht fort.“

„An wen hast du gedacht?“ Zerknirscht sah Guðný zu ihrem Mann.

Der Jarl setzte sich wieder auf und wies auf einen Krieger an seiner Seite. „Ich dachte, Bjor wäre eine gute Wahl. Er erlangt in letzter Zeit sehr viel Ruhm bei seinen Kämpfen, ist nach unseren Söhnen einer meiner zuverlässigsten Krieger und er hätte das passende Alter für deine Enneleyn.“

Guðný entging seine Vermutung nicht, und er hatte recht: Für sie war Enneleyn von Anfang an wie ein Geschenk der Götter.

Enneleyn war verwirrt, wollte nicht wahrhaben, was gerade passiert war. Sie blickte zwischen den beiden hin und her, versuchte zu verstehen, was hier gerade passiert war. Denn hatte sie eben noch geglaubt, alles käme in Ordnung und die Nornen würden es wieder gut mit ihr meinen, da wurde sie schlagartig eines Besseren belehrt. Sie wollte auf keinen Fall eines Fremden Frau werden. Flüsternd wandte sie sich an die Gemahlin des Jarl.

„Warum soll ich denn gleich heiraten? Wieso kann ich nicht erst einmal unverheiratet bei euch leben?“

Schmerzlich schaute Guðný in Enneleyns grüne Augen. „Es ist bei uns Sitte, dass die besten Krieger unseres Jarl besondere Frauen heiraten. Und du bist auch eine besondere Frau, mein Kind. Du hast den weiten Weg von deinem Fjord hierher allein zurückgelegt, zu Fuß und ohne Waffen durch die Wildnis. Die Götter haben dich beschützt! Zudem wirst du in die Fußstapfen unserer Heilerin treten. Es ist eine große Ehre, dass mein Gemahl dich Bjor zur Frau geben möchte.“

Diejenigen, die dem Jarl in der Halle am nächsten saßen, hatten das Gespräch mitbekommen. Um die beiden Frauen herum wurde nun getuschelt und Enneleyn erntete manch seltsamen, nicht deutbaren Blick, was sie noch mehr verunsicherte.

„Mein Vater hatte mich bereits einem Mann aus meinem Dorf versprochen. Wir wollten im nächsten Frühling heiraten, wenn das Haus fertiggestellt sein sollte“, sprudelte es unüberlegt aus ihr heraus. Es war eine Lüge, doch Enneleyn hatte keine andere Wahl. Sie wollte keinen Fremden aus einem noch fremderen Dorf heiraten. Sie hoffte auf diese Weise, etwas Zeit zu gewinnen.

Der Jarl hatte die an sein Weib gerichteten Worte gehört. „Das ändert natürlich die Situation, Enneleyn. Als dein neuer Jarl kann ich dich unter diesen Umständen Bjor nicht zur Frau geben. Weißt du denn, ob der Mann, dem du versprochen bist, den Überfall überlebt hat?“

Sie musste schnell antworten, damit ihre Lüge nicht erkannt wurde. „Ich habe ihn weder auf den Booten noch in den Trümmern gefunden.“ Sie senkte trauernd den Blick. Es fiel ihr nicht schwer, Trauer zu zeigen, denn sie hatte weder ihre Mutter noch ihren Vater oder ihre beiden anderen Brüder gefunden.

An den vorderen Tischen wurde eifrig über die veränderte Lage geschwatzt. Der Jarl strich sich wieder nachdenklich über seine Bartzöpfe. Er musterte die beiden Frauen vor sich, bevor er das Wort erneut an seine Hohen Krieger richtete, die um ihn umgaben. Das Gespräch dauerte nicht lange.

„Wir werden ein Schiff in deinen Fjord entsenden und du wirst die Mannschaft begleiten, Enneleyn. Die Männer werden sich darauf vorbereiten, die Menschen deines Dorfes zu begraben und den Überlebenden Unterstützung anzubieten. Versuch trotz der großen Trauer um deine Familie den Mann zu finden, dem du versprochen wurdest. Das Schiff wird morgen in aller Frühe auslaufen.“

Damit schien alles gesagt zu sein. Der Jarl stand auf und gesellte sich zu einer Gruppe von Männern. Enneleyn war verunsichert. Den Zurückgebliebenen ihres Dorfes Hilfe zu bringen war mehr, als sie sich beim Verlassen erhofft hatte, auch wenn sie die Lüge über ihren zukünftigen Mann nun eine Weile aufrechterhalten musste.

Guðný führte Enneleyn zurück an den Tisch, an welchen sie sich schon zuvor hatten setzen wollen.

„Ich wünschte, ich könnte dich begleiten, Enneleyn. Aber ich kann hier leider nicht fort. Ich werde dir jedoch eine meiner Mägde mitgeben. Ich möchte nicht, dass du in deiner Trauer allein unter den Männern bist.“

Eine blonde, vollbusige Schönheit näherte sich dem Tisch.

„Ich könnte unsere neue Heilerin doch begleiten, Herrin.“ Noch bevor die Gemahlin des Jarl etwas sagen konnte, setzte sich die junge Frau neben Enneleyn und stellte sich selbst vor. „Ich bin Ragnhild, die älteste Tochter des Schmieds.“ Ein warmes Lächeln umspielte ihre Lippen.

Enneleyn lächelte schüchtern zurück. In Ragnhilds Gegenwart fühlte sie sich wie ein hässliches Entlein. Sie war nicht so groß und vor allem nicht so schlank wie Ragnhild. Enneleyn selbst hatte zwar ein hübsches Gesicht, aber kein besonderes. Keine solch sinnlich geformten Lippen, die das männliche Geschlecht allein schon bei ihrem Anblick verrückt machten. Selbst in diesem Moment drehten sich einige junge Männer nach ihr um.

Ragnhild ergriff erneut das Wort. „Wir dürften ungefähr gleich viele Sommer zählen, wir könnten uns daher gut verstehen und uns auf der Fahrt besser kennenlernen.“ Ihr Blick wanderte nun zu Guðný. „Erlaubt Ihr es mir, Herrin?“

„Nun ja, es schadet nicht, wenn Enneleyn sobald wie möglich Freundschaften knüpft, aber mach die Männer nicht so verrückt, Ragnhild! Sie werden in einer ernsten Mission unterwegs sein.“ Tadelnd schaute die Herrin zu Ragnhild hinüber, dann wandte sie sich wieder Enneleyn zu. „Ich werde meine Mägde veranlassen, dir einige Sachen zu packen. Heute Nacht schläfst du noch einmal hier im Langhaus. Nach eurer Rückkehr sehen wir dann weiter.“ Mütterlich tätschelte sie Enneleyns Schulter und erhob sich, um im Getümmel zu verschwinden.

„Weißt du eigentlich, wie viele junge Frauen dich beneiden, Bjor heiraten zu dürfen?“ Schelmisch lächelte Ragnhild sie an. „Eine Jede träumt des Nachts davon, in seinen Armen zu liegen ...“

„Sie können ihn gern alle haben“, unterbrach sie Ragnhild schmollend. „Ich weiß noch nicht mal, wer er ist.“

Verwundert lächelte Ragnhild sie an und schaute dann an ihr vorbei in Richtung der Männer, die beim Jarl standen.

„Siehst du den blonden Hünen, mit der bestickten, blauen Tunika? Der, der seinen Bart zu einem Zopf geflochten hat? Das ist unser Bjor ...“ Träumend sah sie zu ihm hinüber.

Enneleyn folgte Ragnhilds Blick in Richtung der Krieger und entdeckte den großen Mann. Einen Moment lang betrachtete sie ihren Zukünftigen, der mit seinem sicherlich von Kämpfen gut geformten Körper für viele Frauen wahrlich eine Augenweide war. Doch nicht für Enneleyn. Während sie den ominösen Bjor betrachtete, seine breiten Schultern und starken Unterarme, regte sich nichts in ihr. Für sie war der Verlust ihrer Familie einfach zu gegenwärtig.

„Du magst ihn wohl sehr?“, warf Enneleyn nach einem Moment ein. „Entschuldige, dass ich so abwertend von ihm gesprochen habe, ohne ihn zu kennen. Aber ...“ Enneleyn dachte an ihre Lüge, die sie aufrechterhalten musste. „... ich möchte meinen Liebsten wiederfinden und seine Frau werden.“

Traurig senkte Enneleyn den Kopf und sah zu Boden. Sie sehnte sich in ihr Dorf zurück, zu ihren Leuten. Sie dachte darüber nach, wie es ihr ergangen wäre, wenn sie doch einem der Waffengefährten ihrer Brüder gestattet hätte, um sie zu werben. Hätten die drei Schicksalsnornen ihr dann eine andere Zukunft gesponnen?


*


Bjor hatte Ragnhilds Blick bemerkt und schlenderte mit einem Trinkhorn in der Hand zu dem Tisch, an dem die beiden Frauen saßen.

„Eriksdotter, seid gegrüßt!“ Er nahm Enneleyns Hand und streifte mit seinen Lippen ihre Knöchel. Er lächelte, aber sein musternder Blick verriet ihr, dass er mit der Wahl seines Jarl nicht zufrieden war. „Ihr werdet Euch morgen auf mein Schiff begeben, um Euer Dorf zu suchen. Die Fahrt wird wohl nur einige Stunden dauern, sofern keine besonderen Vorkommnisse dazwischenkommen, und Ragnhild ...“ Ihr schenkte er sofort ein strahlendes Lächeln. „... ich freue mich sehr, dass du unsere neue Heilerin begleitest und mit mir und meinen Männern segelst.“ Sein Blick haftete zu lange auf Ragnhild, als dass Enneleyn entgehen konnte, was zwischen den beiden war.

„Bis morgen früh auf dem Anlegesteg“, verabschiedete sich Bjor und schlenderte zurück zu den anderen Kriegern.

Auch wenn Enneleyn sich klein neben der aufreizenden Ragnhild fühlte, war sie nicht auf den Mund gefallen. Sie gab ihrer noch immer hingerissenen Nachbarin einen Stoß in die Seite. „Euch zwei verbindet doch noch mehr als Freundschaft?“

„Oh, ähem, nein. Er ist einfach nur so wunderbar ...“ Ragnhild konnte sich noch immer nicht von dem Anblick losreißen, den nun seine Kehrseite bot.

„Ich werde schon nichts verraten, ich möchte doch auch gar nicht sein Weib werden. Aber bei deiner offensichtlichen Zuneigung wundert es mich, dass der Jarl nicht dich als sein Weib ausgewählt hat.“ Gutmütig betrachtete Enneleyn die Reaktion ihrer Sitznachbarin.

„Du ... du willst ihn wirklich nicht?“

„Einen Mann aus Liebe heiraten zu können ist für uns Frauen etwas Besonderes. Und mein Vater hatte mir die Möglichkeit gegeben, meinen Zukünftigen selbst zu erwählen und vorher kennenzulernen. Er wollte mir den Grundstein für eine gute Ehe legen ...“ Tränen stiegen erneut in Enneleyns Augen, als sie an ihren Vater dachte. Schnell blinzelte sie die aufkommenden Tränen fort, holte Luft und sah sich vorsichtig um, bevor sie ihr zuraunte: „Wenn ihr euch beide wollt, werdet ihr mir helfen müssen, denn ich weiß nicht, ob mein Zukünftiger nicht schon in Walhall weilt ...“

„Das würdest du wirklich tun? Du kennst uns doch überhaupt nicht! Ich kam immerhin mit meinem Vorschlag, dich zu begleiten, hierher, um dich eigentlich im Auge zu behalten, wenn du morgen mit Bjor auf sein Schiff gehst.“

Enneleyn legte Ragnhild die Hand auf den Arm. „Die Konkurrenz im Auge zu behalten ist nicht schlimm, Ragnhild. Du hast es sicher nicht böse gemeint. Doch deine verliebten Augen sind ja kaum zu übersehen!“ Enneleyn drückte lächelnd Ragnhilds Hand, die die Geste erwiderte. Sollte sie wirklich schon eine Freundin gefunden haben?

„Komm, lass uns ein wenig an die frische Luft gehen. Dort können wir ungestörter reden und ich könnte dir die wichtigsten Orte im Dorf zeigen“, sagte Ragnhild, stand von der Bank auf und nahm Enneleyns Hand.

Ragnhild lächelte verschmitzt und legte den Zeigefinger an ihre Lippen.


Fast hätte sie es übersehen, ehe Enneleyn sich noch einmal umdrehte und erstaunt stehenblieb. An einem der Stützpfosten der zur Halle gewandten Viehstallmauer kauerte ein in Lumpen gehülltes Wesen, das wohl ein Mann war, angekettet auf dem Boden.

„Ach der?“ Ragnhild warf dem verdreckten Wesen einen missbilligenden Blick zu. „Er hat vor einigen Monaten versucht, uns Tiere, Nahrung und Kleidung zu stehlen. Außerdem hat er fast die Getreidescheune in Brand gesetzt. Dabei hätte er den Jarl nur um Hilfe bitten müssen. Man hätte ihn für ein paar Tage bewirtet und Unterkunft geboten, aber er hat sich nach dem Aufgreifen wie ein wildes Tier verhalten. Er hat sogar versucht, einige Krieger anzugreifen und eine wehrlose Magd dabei als Schild missbraucht.“

„Wenn dem Jarl und seinen Männern langweilig ist, lassen sie die Kreatur draußen im Freien gegen die Krieger in einem Faustkampf kämpfen. Das letzte Mal hat es zuvor tagelang geregnet und der Dorfplatz ähnelte einem Schweinestall ...“ Ragnhild lachte verächtlich. „Er wird wohl leider der erste Kranke sein, den du als Heilerin behandeln musst.“

„Er ist angekettet und kann dir nichts tun, wenn du ihm nicht zu nahe kommst. Obwohl ...“ Gespielt hinterlistig warf Ragnhild einen Blick in die Ecke. „... letzte Woche hat er versucht, sich einen vorbeitollenden Welpen zu schnappen, um ihn zu fressen!“ Lachend schubste sie Enneleyn, die nun ängstlich in die Ecke sah.

Doch die traurigen, eisblauen Augen der Kreatur verfolgten Enneleyn in dieser Nacht noch bis in den Schlaf.



Die Kreatur.

„Hast du Schmerzen?“ Enneleyns Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

Ein Schaudern überlief Enneleyns Körper. Unsicher, aber nun etwas lauter, wiederholte sie ihre Worte. „Hast du Schmerzen?“

Im ersten Moment zuckte Enneleyn heftig unter seinen Worten zusammen. Sie betrachtete den Mann, und woher sie mit einem Mal den Mut nahm, wusste sie selbst nicht, aber sie straffte tapfer ihre Schultern, auch wenn ihr etwas tief in ihrem Inneren riet, fortzulaufen. „Ich habe keine Angst vor dir. Mag sein, dass du mich vorhin erschrecken konntest, aber nun nicht mehr.“ Ihr Blick schweifte durch seine Ecke, in der lediglich ein Eimer stand, um den Fliegen schwirrten. „Wann hast du zuletzt etwas getrunken?“

Niemand hatte so etwas verdient. In Torredal hätte der Herse ihn auch für seine Taten bestraft, aber nicht so menschenunwürdig. Da war sich Enneleyn sicher. Sie hob die Lampe auf und ging in den Raum mit der Kochstelle. Sie nahm einen Krug und füllte ihn mit einem Gemisch aus Met und Wasser, damit die Stärke des Alkohols ihn nicht zu hart traf. Auch nach Brot und Käse griff sie, wickelte es in ein Stück Leinen. Zurück, trat Enneleyn zögerlich einen Schritt näher als zuvor an ihn heran, noch immer einen gewissen Abstand wahrend. Mit zittrigen fingern stellte sie die Öllampe auf den Boden, im Arm das Essen und den Krug.

Vorsichtig machte Enneleyn noch ein paar Schritte in seine Richtung. Diese eisblauen Augen beobachteten jede ihrer Bewegungen wie die eines lauernden Raubtieres. Kaum setzte sie einen Schritt zurück, sprang er nach vorne, um nach dem Essen und dem Krug zu greifen. Sie erschrak so sehr, dass ihr ein leiser Schrei entfuhr und ihr Herz einen Schlag lang aussetzte. Fassungslos beobachtete Enneleyn den Sklaven, wie er gierig nach den Sachen grapschte. Den Krug konnte er nicht erreichen – Enneleyn musste sich erneut vorwagen. Mit klopfenden Herzen schob sie den Krug mit der Fußspitze ein Stück weiter in seine Richtung, bis er ihn packen konnte.

„Du solltest verschwinden, Weib“, knurrte er sie an. „Wie oft soll ich es dir noch sagen? Dein zukünftiger Mann wird es auch nicht gern sehen, wenn du dich bei mir herumtreibst!“

„Ich habe Ohren, Weib! Und jetzt zum letzten Mal: Verschwinde endlich!“ Als wolle er seine Worte unterstreichen, warf er den Lappen, in den sie das Essen gewickelte hatte, hinter ihr her. Knurrend verzog der Mann sich wieder in seine Ecke.

Nachdenklich hob sie die Sachen auf, ohne ihn dabei aus den Augen zu lassen, und brachte alles zurück in die Küche. Auf dem Rückweg blieb Enneleyn erneut bei ihm stehen und nahm die Öllampe wieder auf. Sie sah zu ihm hinüber, doch er hatte die Augen geschlossen und den Kopf weggedreht. Ein wenig enttäuscht wandte sie sich ab, um zurück in ihre Kammer zu gehen.

Enneleyn nahm diese Worte als seine Art an, Danke zu sagen. Sie hätte gerne mehr für ihn getan. Aber nicht heute Nacht. Sie würde bald von der Schiffsreise zurückkehren und anfangen, in diesem Dorf als Heilerin zu arbeiten. Dann ergab sich vielleicht eine Möglichkeit, ihm irgendwie zu helfen.