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Mirjam Wyser

 

 

Die Kristallkinder

 

und das Geheimnis der

goldenen Nuss

 

Kinderbuch

 

Ein Buch aus dem FRANZIUS VERLAG

 

Illustrationen: Merli (Gabriele Merl) www.merlimerl.com

Buchumschlag: Jacqueline Spieweg

Korrektorat/Lektorat: Petra Liermann

Verantwortlich für den Inhalt des Textes

ist die Autorin Mirjam Wyser

Satz, Herstellung und Verlag: Franzius Verlag GmbH

Druck und Bindung: SDL, Berlin

 

ISBN 978-3-96050-112-1

 

 

Alle Rechte liegen bei der Franzius Verlag GmbH

Hollerallee 8, 28209 Bremen

 

Copyright © 2017 Franzius Verlag, Bremen

www.franzius-verlag.de

 

 

 

 

 

 

 

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

 

 

 

 

 

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

 

Der alte Nussbaum

Das Geheimnis der goldenen Nuss

Der Bucklige

Kristallkinder

Der Kater

Ein ungewöhnlicher Vogel

Die unheimliche Höhle

Das geheimnisvolle Tor

Die Quelle

Der Drache

Der weiße Tempel

Das Schattenreich

Die goldene Nuss

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Über die Autorin Mirjam Wyser

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Veröffentlichungen des Franzius Verlages:


Der alte Nussbaum

 

Einst stand in einem wunderbaren Garten ein großer Nussbaum, umgeben von Blumenbeeten. Sein Stamm war groß und seine Baumkrone breit. Viele Vögel hatten ihr Nest in den Zweigen. Manchmal hatte man das Gefühl, in dem Nussbaum lebte auch ein alter Baumgeist, der sich wie eine Flamme in den Blättern wiegte.

Oft sah man einen schwarzen Kater, der gerne unter dem Nussbaum schlief. Der Nussbaum gehörte zu einem Herrschaftshaus, das etwas außerhalb von einem größeren Städtchen lag. Das Haus wurde nur von einem Grafen und seinem Diener bewohnt. Schon das Aussehen des Grafen, seine Ausstrahlung, hatte etwas Mystisches, etwas Unerklärliches, wie von einer anderen Welt. Woher er kam, wusste niemand.

Da er sehr zurückgezogen lebte, auch nie ins Wirtshaus ging, wussten die Menschen in der Stadt wenig oder gar nichts über ihn. Anfangs hatten die Dorfbewohner dem eigenartigen Grafen und seinem Diener misstraut. Man hielt den Grafen für einen Sonderling, manche sogar für einen Menschenfeind. Da auch der Diener verschwiegen wie ein Grab war, wurden viele erfundene Gespenster-Geschichten über die beiden erzählt. Es blieb nicht unbemerkt, dass der Graf in seinem Herrschaftshaus viel experimentierte. Gemunkelt wurde, dass er Gold und Edelsteine herstellen konnte. Aber Genaueres wusste niemand. Jedenfalls hatten die Menschen mit der Zeit einen riesigen Respekt vor ihm, weil sie nicht wussten, ob er sie verhexen konnte. So wurde sicherheitshalber immer ein größerer Bogen um das Anwesen gemacht.

Die meisten kannten nur das Leben im Städtchen. Sie gingen nie in die Schule und wussten auch nicht, dass es noch andere Länder gab; große Weltmeere, welche die verschiedenen Kontinente wie Europa, Afrika, Asien, Amerika und Australien miteinander verbinden. Durch ihre Unwissenheit waren die Menschen auch empfänglich für viele Geschichten über Spuk und Aberglauben, welche fantasievoll herumerzählt wurden.

 

Der Graf reiste viel durch Europa, beherrschte viele Sprachen. Er war zum Beispiel von Italien nach Frankreich, Schweden, Dänemark, England, Ungarn und sogar nach Russland gereist. Die Hälfte seines Lebens hatte er in den Polstern der Reisekutschen verbracht. Zu der Zeit, als er sich auf Erden zu erkennen gegeben hatte, hatten auch noch keine Autos, keine Eisenbahnen, keine Flugzeuge existiert. Zum Reisen waren damals Pferde und Pferdekutschen benutzt worden. Es hatte auch keine Telefone oder Handys gegeben. Und Computer schon gar nicht. So etwas hatte man sich nicht einmal vorstellen können.

Das Abenteuer der Landstraßen hatte er gründlich kennengelernt. Damals war es gefährlich gewesen zu reisen. Doch Gefahren hatten ihn nicht aufgehalten, wenn es darum gegangen war, eine Mission zu erfüllen. Er war sogar nach Indien gereist, was damals eine sehr, sehr lange Reise gewesen war, denn dazu musste man eine lange Schiffsreise über die Weltmeere machen. Auch das Land Ägypten mit der Sphinx und den Pyramiden hatte ihn magisch angezogen.

Die Sphinx ist ein Löwenleib mit einem Menschenkopf, der aus einem Fels gehauen worden ist. Man sagt, dass die Sphinx alle Rätsel zwischen Leben und Tod kennt.

Das alles machte den Grafen so geheimnisvoll. Dass er ein Leben kannte, das für die Menschen im Städtchen nicht vorstellbar war.

 

Manchmal lag ein eigenartiger Lichtschein über dem Haus. Bunte Sternblumen glänzten am Nachthimmel. Und in Vollmondnächten glänzte manchmal am Nussbaum eine goldene Nuss. Bevor die Nuss vom Baum fiel, schlich immer ein schwarzer Kater mit grünen Schlitzaugen um den Baum. Er ließ sich nie einfangen und auch von niemandem anfassen, außer vom Grafen.

War der seltsame Graf ein Magier, ein Zauberer, ein Philosoph, ein Komponist, ein Professor oder wirklich ein Alchemist, der Gold machen und künstlich Edelsteine herstellen konnte? In Wirklichkeit lag der kostbarste Schatz in seinem Herzen. Sein Herz verband sich über eine Lichtschnur mit der Himmelswelt. Sein Wesen wurde beflügelt von Übersinnlichem, vom Wissen der unsichtbaren Welt. Daher war er allwissend, ein Universal-Genie, was ihn auch für die Königshäuser ungewöhnlich interessant machte. Er war ein gern gesehener Gast in den Schlössern der Adeligen. Charmant und ritterlich und als guter Gesprächspartner sollte er sich in den höchsten Kreisen beliebt gemacht haben. Er war ein Meister im Musizieren, hatte aber nie verraten, wer ihm das Klavier-, Violine- und Harfenspiel in seiner Perfektion beigebracht hatte.

Bei den Gelehrten und Adeligen wurde gemunkelt, dass er einst direkt von der Sonne heruntergestiegen wäre. Daher sterbe er auch nie und könnte in beiden Welten leben – in der sichtbaren Welt und in der unsichtbaren, der Traumwelt. Er war wirklich ein sehr, sehr weiser Mann, denn er wusste einfach auf jede Frage eine Antwort. Es besaß ein Wissen, das heute schon längst verloren gegangen ist. Und Fragen hatten die Adeligen viele.

Die Kirche übte damals eine große Macht aus und drohte immer mit dem Teufel, wenn die Menschen etwas taten, was ihnen nicht passte. Der Graf antwortete immer:

»Die beste Entdeckungsreise ist die ins eigene Herz, um die Welt mit neuen Augen zu sehen, dann weiß jeder selbst, was richtig und falsch ist.«

Solche Aussagen schufen ihm auch viele Feinde. Denn für die Kirchenväter gab es nur eine richtige Antwort, nämlich die, die sie verbreiteten, auch wenn sie falsch war.

Wenn sich auf der Welt Streit und Krieg anbahnte, tauchte der Graf wie vom Himmel gefallen immer zur rechten Zeit am rechten Ort auf. Wie er sich so schnell von einem Königshaus zum anderen bewegen konnte, blieb immer ein Rätsel. War er ein Zeitreisender? Kannte er das Geheimnis einer Zeitmaschine?

»So ein Quatsch«, war die Antwort auf diese Frage bei den meisten. Einige Wenige waren da aber anderer Ansicht. Zogen es aber vor, darüber zu schweigen, um nicht für verrückt erklärt zu werden. Offenbar kannte der Graf doch ein Geheimnis, wie er mit einer unglaublichen Geschwindigkeit durch die Welt jagen konnte. Dieses Geheimnis wurde nie gelüftet.

Manchmal, in Vollmondnächten, genau um Mitternacht, stellte er sich unter den freien Himmel und murmelte magische Sprüche. Stören durfte ihn dabei niemand. Es war ein heiliges Ritual, fast wie bei einem Gottesdienst in der Kirche. In der Handfläche hielt er als kostbaren Schatz jeweils eine goldene Zaubernuss. Dann musste er die kostbare goldene Nuss aufknacken. Dabei entströmte ihr ein helles, strahlendes Licht, auf dass die Erde mit dem Licht der Engel durchtränkt würde. Diese Lichtkraft der Nuss hatte einen großen Einfluss auf den Frieden. Bald darauf kamen die streitsüchtigen Menschen wieder zur Vernunft und bemühten sich, einen Weg zum Frieden zu finden.

Stets bemühte sich der Graf auch, das Glück der Menschen zu fördern. Er hatte viele Ideen, um den Wohlstand der Menschen zu fördern.

Der Graf soll der einzige Mensch gewesen sein, der wirklich wusste, was Frieden ist. Was sich so einfach anhört – Frieden untereinander zu haben –, ist viel schwieriger, als man denkt. Jeder Mensch hat seine Meinung, davon will er keinen Millimeter abweichen, weil jeder denkt, er sei im Recht. Trotzdem ist der Funken für den Frieden in jedem Menschenherzen zu finden. Vielleicht ist es manchmal nur noch eine Flamme, die schwach flackert, doch man kann sie immer zum Leuchten bringen. Je größer eine Flamme wird, desto mehr Lichtenergie fließt in einen Körper und dann in die ganze Welt. Die Welt braucht immer diese strahlenden Menschen, ob groß oder klein, einst wie heute.

 

Doch plötzlich, im Jahre 1790, verlor sich die Spur des Grafen. Der Graf hatte gehofft, dass die Menschen zu Erwachsenen geworden wären, um ihre Probleme selbst lösen zu können. Doch da hatte er sich getäuscht. Auch mehr als 200 Jahre danach stritten sie sich schlimmer als je zuvor. Er war ein Fremder in dieser Welt geblieben. Eigentlich gab es niemand, der seine Sprache verstand. Denn es gab praktisch niemanden, dessen Geist erwacht war in den inneren Tiefen des Herzens. Diese innere, überwältigende, großartige Kraft, die den Menschen das innere Auge öffnet.