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Über dieses Buch:

Gerade erst zum Leiter der Potsdamer Mordkommission befördert, muss sich Liebermann schon vor Dienstantritt mit dem ersten Toten befassen: Eine Männerleiche, die aus der Havel gezogen wurde, weist Vergiftungsmerkmale auf. Kurz darauf führt ihn Kater Serrano – der inzwischen bei Liebermanns Freundin eingezogen ist – zu einer Katze, die ebenfalls vergiftet wurde. Kann das Zufall sein? Liebermann hat Wichtigeres zu tun, als sich um eine tote Samtpfote zu kümmern, daher beginnt Serrano, auf eigene Faust zu ermitteln. Doch schon bald muss auch Liebermann einsehen, dass Katzendetektiv Serrano den richtigen Riecher hat …

Über die Autorin:

Nach ihrer Ausbildung zur Buchhändlerin studierte C. M. Anlauff Archäologie, Geschichte und Literaturwissenschaft in Berlin und Potsdam. 2005 erschien ihr Debüt, seitdem veröffentlichte sie neben Romanen auch Hörspiele und ein Theaterstück. Für ihren ersten Krimi Katzengold wurde sie 2010 mit dem Deutschen Katzenkrimipreis ausgezeichnet. C. M. Anlauff lebt in Potsdam.

C. M. Anlauff veröffentlichte bei dotbooks bereits

Katzengold – Kater Serrano ermittelt

Katzenwut – Kater Serrano ermittelt

Die Autorin im Internet: www.christineanlauff.de/

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eBook-Neuausgabe November 2017

Copyright © der Originalausgabe 2012 Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Copyright © der Neuausgabe 2017 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/Prezoom.nl (Katze), Viacheslav Lopatin (Mond)

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (mh)

ISBN 978-3-96148-056-2

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C. M. Anlauff

Katzenmond

Kater Serrano ermittelt

dotbooks.

Kapitel 1

Serrano vermisste den September.

Es war sein Lieblingsmonat, was möglicherweise daran lag, dass er im September geboren worden war. An jenem Montag vor sechs Jahren, um das morgendliche Sechsuhrläuten herum, war ihm die Welt erstmals und darum umso eindrucksvoller in Form einer milchharten Zitze begegnet. Diese Zitze wiederum lag, auf Moos und Gras gebettet und von zwei Schuppen und einem Brennnesselfeld geschützt, mitten im Paradies. In den sechs Wochen, die Serrano dort zugebracht hatte, hatte es kein einziger Mensch betreten und auch sonst kein anderes Wesen, abgesehen von ein paar Insekten und einer Maus, die Serranos Mutter sich sofort einverleibt hatte. Jeden Abend sirrte die Luft vom Gezwitscher der Fledermäuse, und morgens beugten die Quecken, die jeden Zentimeter seiner Heimstatt bedeckten, sich unter der Last des Taus bis auf den Boden.

Vielleicht lag es daran, dass Serrano all das seitdem Jahr um Jahr herbeisehnte, den Tau, die Fledermäuse und die wehmütig an Mauern zerfließende Sonne. Die Wehmut schätzte er besonders, denn sie gab dem September einen Rahmen, der ihn gleichermaßen mit seiner Jugend verband und von ihr trennte.

Davon abgesehen mochte Serrano den September, weil er sich mit Überraschungen zurückhielt. Die Gereiztheit des Frühlings war verflogen, die Rastlosigkeit des Sommers klang ab und ging gemächlich in vollkommene Erwartungslosigkeit über. Alles, was zählte, war der Augenblick, und selbst der blieb manchmal in Spinnennetzen hängen. Dann zählte nur noch die Seligkeit des Nichts.

In diesem Jahr jedoch fühlte er sich in seinem Frieden gestört. Und als er die erste seiner beiden Tagesrunden abging, fragte sich Serrano zum wiederholten Male, warum. Mit Ausnahme der Fledermäuse, die die Erneuerung der Häuser im Revier nicht vertragen hatten, war alles eingetroffen. Ein bisschen zu viel Regen vielleicht. Aber das konnte schon mal vorkommen und verstärkte höchstens die Wehmut, die im Unterschied zu den vorangegangenen Jahren einen bitteren Beigeschmack besaß, als hätte er aus Versehen auf eine Schneebeere gebissen. Aber auch diese Erklärung überzeugte Serrano nur halb. Die Wehmut begleitete ihn schon den ganzen Sommer über, genau genommen seit jenem Tag, als ein fliegendes Menschenweibchen seine Freundin Aurelia zu einer Briefmarke zerdrückt hatte. Um das Unglück perfekt zu machen, war auch noch sein alter Gefährte und Lehrmeister Bismarck mit schabenden Lungenflügeln aus dem Leben geschlichen, hatte der Kiezfleischer Serrano die Männlichkeit gestohlen, alles innerhalb einer einzigen Woche. Als blasser Verwandter der Verzweiflung war ihm die Wehmut über die Zeit hin ein treuer Freund geworden, lange bevor der September Einzug gehalten hatte. Großzügig teilte Serrano sich mit ihr Bismarcks ehemaligen Stammplatz unter dem Fliederbusch eines Vorgartens und einige seiner Gewohnheiten, die er als Reverenz an den Alten kurzerhand übernommen hatte. Nein, die Wehmut war unschuldig. Demnach musste es etwas anderes sein.

In einiger Entfernung erblickte Serrano seinen Sohn Cäsar, der zwischen Spielplatz und Erlöserkirche über die Straße trabte. Er legte ein wenig an Tempo zu und erwischte ihn unterhalb der Kirchentreppe. Nach den tragischen Ereignissen im Frühling hatte er Cäsar die Verwaltungsgeschäfte des Viertels übergeben. Und als er ihn jetzt betrachtete, bereute er es nicht. Cäsar wirkte erschöpft. Über sein graues Fell zogen sich ausgedehnte Staubinseln und verdeckten die feine schwarze Maserung, die er von ihm geerbt hatte. An den Innenseiten seiner Beine entdeckte Serrano getrocknete Schlammklümpchen.

Cäsar blinzelte an ihm vorbei auf die Seitentür des Kirchhofs.

Derartige Respektbezeigungen von Seiten seines Sohnes irritierten Serrano noch immer. Früher hatte Cäsar seinen Blick trotzig gesucht. Er beschloss, das Gespräch zu eröffnen. »Wie laufen die Geschäfte?«

Sofort versteifte sich Cäsar.

»Ich frage ohne Hintergedanken«, fügte Serrano eilig hinzu. »Selbst der verflohteste Eckensitzer bestätigt, dass du deinem Amt gewachsen bist. Nicht, dass ich mich danach erkundigt hätte, sie bestätigen es ganz von …«

»An der südlichen Reviergrenze hat es einen Kampf gegeben«, unterbrach Cäsar ihn mit einer Stimme, die ebenso von Staub verklebt schien wie sein Fell. »Der Knöterich gegen einen Fremden. Die Regeln sind verletzt worden. Ich muss zum Knöterich und herausfinden, wer der Fremde war, ehe er die ganze Gegend auf den Kopf stellt.« Er seufzte. »Das Fatale ist, dass es nicht der erste Kampf dieser Art war. Vor einer Woche wurde einem Halbjährigen die Brust aufgerissen, noch bevor er überhaupt Zeit hatte, in Position zu gehen. Verfluchter September«, fügte er bitter hinzu. »Der letzte roch nach Laub, nicht nach Blut.« Er hob die Augen, und für eine Sekunde hatte Serrano das Gefühl, in sich selbst hineinzublicken. Er versuchte, sich seine Überraschung nicht anmerken zu lassen.

»Du hast es also auch gemerkt«, sagte er nur. »Und du denkst, das Übel dieses Septembers zeigt sich im Geruch von Blut?«

»Und dem nach Erregung«, sagte Cäsar. »Es dürfte wohl auch dir kaum entgangen sein, wie sie herumkriechen, wie sie sich belauern, sich Stöcke zwischen die Pfoten werfen. Am schlimmsten natürlich die, die noch zeugungsfähig sind, aber die anderen auch, um sie zu reizen. Und die Weibchen, weil sie die Konkurrenz fürchten.«

Serrano merkte, dass er langsam den Faden verlor. »Welche Konkurrenz?«

»Als ob jemand alle Gesetze außer Kraft gesetzt hat«, murmelte Cäsar, ohne seinen Einwurf zu beachten. »Ich erkenne das Revier nicht wieder.«

»Das legt sich, wenn es kühler wird«, sagte Serrano noch immer verwirrt.

Cäsar schüttelte den Kopf. »So redet einer, der nur seinen Fressnapf im Sinn hat. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es selbst im Schnee weitergehen wird.«

»Was?«, fragte Serrano, der tatsächlich gerade ein wenig Hunger verspürte. »Wovon, zum Milchbart, redest du?«

Um das Maul des neuen Princeps zuckte es leicht. »Sag mir eines: Es sind kaum dreieinhalb Monate vergangen, seit du dein Amt abgetreten hast, und du bist völlig raus. Wie kann das sein? Willst du mir etwa weismachen, dass du noch nichts von dem Haus gehört hast?«

»Welchem?«, fragte Serrano, schwankend, ob er Cäsar die Beleidigung heimzahlen oder um Informationen betteln sollte. Cäsar schien es zu merken, er ließ das Zucken seiner Barthaare sein und sagte schlicht: »Dem Katzenhaus.«

»Ach so.«

»Schön, du weißt also Bescheid. Ich muss los, der Knöterich wartet.« Mit einem Blick, aus dem eine Mischung aus Zweifel und Mitleid sprach, setzte sich Cäsar in Bewegung.

Serrano sah ihm nach, bis der Dämmer des Kirchhofes ihn geschluckt hatte. Zu seinen Pfoten platzte mit leisem Knallen eine Buchecker. Wütend schlug Serrano sie beiseite. Katzenhaus! War es wirklich schon so lange her, dass er die Geschicke des Viertels gelenkt hatte?

Seit zehn Minuten stand Hauptkommissar Hendrik Liebermann in T-Shirt und Unterhosen vor dem Türspiegel seines Kleiderschranks und versuchte, ein Zeichen von Freude an sich zu entdecken. Außer einem blauen Fleck oberhalb seiner Hüfte fand er keins. Und auch der Fleck stammte genau genommen nicht von ihm, sondern von seiner Freundin Nico. An dem Tag, als der Brief gekommen war, hatte sie ihn so heftig umarmt, dass er rücklings gegen das Treppengeländer geprallt war.

Ihr Überschwang hatte ihn deprimiert, genauso wie ihn jetzt dieser Fleck deprimierte, der immerhin beinahe exakt die Umrisse von Irland wiedergab. Einige bräunliche Verfärbungen in seiner Mitte ließen sogar topografische Strukturen ahnen. Nico hatte ihn fotografiert, »als Erinnerung an den Tag, an dem aus dem Leiter der Vermisstenstelle der Leiter der Mordkommission wurde«.

Der neue Leiter der Potsdamer Mordkommission sah sich dabei zu, wie er in eine dunkle Jeans stieg und die Knöpfe schloss. Einer fehlte, aber das fiel nicht weiter auf, sobald die Blende über der Knopfleiste lag. Für seinen Antritt nächste Woche würde er sich eine neue Hose kaufen, vorausgesetzt, dass er seine Starre bis dahin überwunden hatte. Vielleicht war einfach alles zu schnell gegangen. Ja, das war’s wohl, er hatte zu viele Geschenke hintereinander bekommen.

Nico hätte ihm völlig ausgereicht. Aber nein, kaum war seine Benommenheit darüber, dass eine Frau seine Liebe erwiderte, abgeklungen, hatte Liebermanns Exfrau ihre Wohnung mit einem Großteil des Mobiliars an ihn abgetreten, um in eine buddhistische Landkommune überzusiedeln. Da sie dort nur ein Zimmer hatte, brauchte sie keine Möbel. Und da die nächste Schule von dort eine halbe Tagesreise entfernt war, hatte sie am Ende sogar eingewilligt, ihre gemeinsame Tochter Miri in seiner zweifelhaften Obhut zurückzulassen. Innerhalb von drei Monaten war Liebermann zu einer Geliebten, einer doppelten Vaterschaft – wenn man Nicos Tochter Zyra mitzählte – und einer Vierraumwohnung am Rande des Parks Sanssouci gekommen.

Miri und Zyra waren vor sechs Wochen eingeschult worden. An diesem Tag hatte der in Harmoniebewältigung unerfahrene Liebermann zum ersten Mal gemerkt, dass sein Maß voll war. Aber da war die Bewerbung bereits unterwegs gewesen: Hauptkommissar des LKA Berlin, Dezernat 124, sucht ab sofort in Potsdam …

Eine Blindbewerbung, geschrieben, vergessen und vor einer Woche beantwortet.

Neben seinem Spiegelbild tauchte ein weiteres auf, das ihm knapp bis zur Schulter reichte und ein schmutziges Männerhemd trug. »He!«

Liebermann lächelte. Von Nicos Nasenwurzel zog sich ein schwarzer Streifen abwärts bis zum Mund, wo er in Richtung der Ohren abbog. »He!«, antwortete er.

In der Tür erschienen die Mädchen, beide dreckig wie Hofspatzen. »Wir sind fertig!«, sagte Zyra. »Die vergammelten Blumen haben wir in den Eimer geworfen.«

»Danke«, erwiderte Liebermann und schloss beschämt die Gürtelschnalle.

Nico sah ihm zu, immer noch über den Spiegel. »Alles in Ordnung?«

»Ja. Es ist nur … Eigentlich wollten wir den Balkon zusammen herrichten.«

»Und dann hast du dich beim Umziehen in dein Spiegelbild verliebt. So etwas kommt vor.« Sie schickte die Mädchen ins Bad und schloss behutsam die Schranktür. Einer der beiden Hauptkommissare verschwand. Dafür sah Liebermann die Falte auf Nicos sonst glatter Stirn jetzt umso deutlicher.

»Sag’s mir!«, bat sie. »Ich bin nicht blöd, weißt du?«

Mit den Fingerspitzen berührte Liebermann die Spur, die die Erde in ihrem Gesicht hinterlassen hatte. Schwierig, es ihr zu erklären, wo er selbst keine Worte dafür fand, außer: »Lampenfieber. Ich habe noch nie eine Mordkommission geleitet.«

Die Falte glättete sich. »Aber deine neuen Kollegen auch nicht. Und im Gegensatz zu denen hast du immerhin überhaupt schon mal ein Dezernat unter dir gehabt.« Sie nahm seine Finger aus ihrem Gesicht, küsste sie und legte sie sich in den Nacken.

»Ich muss noch mal zur Havel runter. Kommst du mit?«

»Und die Mädchen?«

»Chorprobe.«

»Ach ja.« Das hatte Liebermann vergessen.

Draußen bei den Hausbooten hockte Frank vor dem Tresen seiner Bar und schob einen neuen Riegel Klammern in die Heftpistole, während er über die Unausweichlichkeit des Verfalls nachdachte. Angefangen hatte er beim Sommer, dessen Niedergang sich hier am ehesten bemerkbar machte. Denn Franks Bar war kein herkömmlicher Treffpunkt für Bierdurstige oder sozial Vereinsamte, wie zum Beispiel das »Katinka« seines Kumpels Jürgen einen halben Kilometer weiter im Herzen der Brandenburger Vorstadt. Jürgen entlockte die Agonie des Sommers vermutlich nur ein müdes Lächeln. Wenn seine Gäste auf der Terrasse zu frieren begannen, wechselten sie einfach ins Innere des Katinka.

Bei Frank gab es nichts Inneres, das war das Problem.

Obschon die »Strandbar« sich romantisch ans Ufer der Havel schmiegte und ihre Cocktails in mehreren Ausflugsratgebern gerühmt wurden, sank die Zahl ihrer Gäste im selben Maße wie die Temperatur auf dem Außenthermometer.

Dagegen ließ sich nichts machen. Da half nur Gleichmut. Schließlich hatte ihn keiner gezwungen, eine Strandbar zu eröffnen. Im Sommer Umsatz, im Winter Glühwein auf dem Boulevard. Allerdings, dachte Frank, als ihm der Wind den losen Bastteppich um die Ohren schlug, konnte man im September ja wohl kaum von Winter sprechen. Im letzten Jahr um diese Zeit war die Bar brechend voll gewesen. Und jetzt? Ein lausiges Safttrinkerpärchen und sein alter Freund Timmi. Immerhin, Timmi würde ihm auch bei Hagel noch die Treue halten.

Sie hatten mal zusammengewohnt, er, Timmi, Jürgen und ihre damaligen Mädchen, in den kurzen Jahren der Narrenfreiheit nach der Wende. Bis die Tragödie passiert war. Danach hatten Jürgen und er wie Übermütter auf Timmi aufgepasst, ihm Süppchen gekocht, die Blödquatscher ferngehalten und ihm zur Not auch die ein oder andere Tüte gedreht. Hatte aber alles nichts geholfen. Von einem Tag auf den anderen war Timmi ausgezogen, wohin, wusste der Teufel. Vielleicht waren sie zu besorgt um ihn gewesen. Vielleicht hatte er auch nur einen guten Riecher gehabt, denn kurz darauf hatte der Schornstein den Geist aufgegeben. Na egal, jetzt war Timmi jedenfalls wieder da. Und, was Frank besonders freute: Er sah beinahe täglich auf ein Bier vorbei. Machte summa summarum sechzig Euro im Monat. Frank blickte zur Seite, wo Timmi in eine Zeitung versunken an seinem Glas nippte. Dafür hatten er und Jürgen ihm aber auch einen schmucken Laden im Viertel besorgt.

Die Heftpistole hing fest. Frank unterbrach seinen inneren Monolog, um vorsichtig an ihr zu ziehen. Nichts. Er zog etwas energischer. Beim dritten Versuch riss er mit der verhakten Klammer die Bastmatte vom Gestänge. Damit ging auch der Rest seines Gleichmuts flöten. Er fluchte wie ein Kutscher über den Wind, den September und, als er sich noch immer nicht besser fühlte, über Jürgen, dem die Jahreszeiten in seiner hippen Bar egal waren. Während er die Klammer aus der Pistole fummelte, überlegte Frank zum ersten Mal, ob er seinen Strand mit den liebevoll angepinselten Liegestühlen nicht aufgeben und in eines der Boote ziehen sollte, die etwa hundert Meter links von ihm vertäut lagen. Es gab da einen alten Kutter, der seit einer Weile leer zu stehen schien, ein bisschen rostig zwar, aber sonst noch gut in Schuss. Und groß genug für ein Lokal, das auch im Winter Frucht abwarf.

»Machst du zu?«

Widerwillig beendete Frank seinen Traum von einem Tresen aus antiken Planken und sah auf. Nico, die Hebamme. Seit einer Weile war sie regelmäßig auf einem der Hausboote zugange. Wenn sie fertig war, kam sie meist auf einen Schwatz und einen Milchkaffee bei ihm vorbei. Summa summarum fünfundzwanzig Euro für die letzten beiden Wochen, überschlug Franks Krämerhirn. Manchmal kam sie auch abends, mit ihrem Freund. Man mochte kaum glauben, dass er Bulle war, wie er da neben ihr stand und nebulös auf die flatternde Bastmatte starrte.

Frank wies erst auf Timmi und dann auf die beiden Gestalten, die in Decken gewickelt in ihren Liegestühlen hingen. »Sieht das zu aus?«

»Ich frage nur, weil du abbaust.«

»Ich bau nicht ab, ich bau an. Wollt ihr was trinken?«

»Zwei Ginger Ale.«

Schnaubend wälzte Frank sich auf die richtige Seite der Bar. Als er Nico die Flaschen zuschob, bemerkte sie mit einem Seitenblick auf Timmi: »Hast du die Zeitung gelesen?«

»Hab keine Zeitungen«, murrte Frank. »Die da sind mitgebracht.«

Sie lächelte. »Im Katinka gibt es welche.«

»Ja und? Hier gibt es Sand und Wasser.«

Nicht, dass er Jürgen seinen Erfolg nicht gönnte, aber alles hatte seine Grenzen.

»Es stand etwas über das Haus drin.«

Frank begriff nicht gleich. »Welches Haus?«

Nico runzelte die Stirn. »Erzähl mir nicht, dass die Gerüchte zu dir nicht vorgedrungen sind! Die ›Aphrodite‹!«

Mit lautem Klimpern fiel bei Frank der Groschen. Die Gerüchte! Klar waren die zu ihm vorgedrungen. Er ging jede Wette ein, dass sie sogar bis unter die Bürzel der Havelenten vorgedrungen waren, die Hohlräume seiner Bastmatten waren jedenfalls voll davon, vielleicht waren sie deshalb so brüchig. »Okay. Und was stand drin?«

»Dass es eine Art Seminarhaus ist.«

»Nicht schlecht!«, brummte Frank. »Ein Seminarhaus für schnucklige Mädchen.«

»Na und. Es gibt bestimmt auch welche für hässliche Jungs.

Die Leiterin ist gebürtige Potsdamerin. Interessant, nicht?«

»Name?«

»Elsa noch was … Lorenz, glaube ich.«

Frank schüttelte den Kopf. »Was stand noch drin?«

»Der Rest war ein bisschen schwammig. Rückbesinnung auf die Potentiale der Weiblichkeit und irgendwas gegen den Verfall der Liebeskultur seit der Renaissance.«

Frank seufzte. Mit Verfall kannte er sich aus. Er sah, dass Timmi zu lesen aufgehört hatte und die Ohren spitzte.

»Ein Foto war auch dabei«, fügte Nico hinzu.

Timmi stand auf und kam zu ihnen herüber. Er pfefferte seine Zeitung auf den Tresen. »Das hier?«

»Genau.«

Frank beugte sich über die Seite und stieß einen Pfiff aus.

»Holla! Bei der würde ich auch gern lernen.«

»Sie ist mindestens vierzig«, bemerkte Nico.

»Aber sie hat Klasse, das sieht man auf den ersten Blick. Außerdem sind Vierzigerinnen so ziemlich das Beste, was einem Mann passieren kann.«

Nico kräuselte die Lippen. »So. Und was machst du mit ihnen, wenn sie fünfzig sind?«

»Ich rede nicht von Zeitspannen, sondern vom Reifegrad«, verteidigte sich Frank und drehte die Zeitung zu Timmi. »Was sagst du?«

Timmi verzog den Mund. »Nicht mein Geschmack.«

»Na ja«, lenkte Frank ein. »Die Haare könnten länger sein.

Und der Schal verdeckt das Dekolleté, ein Jammer. Aber sonst ist nichts dran auszusetzen. Und wenn sie sich auf Liebe versteht …«

»Liebeskunst«, korrigierte Nico.

»Umso besser. Wir lassen uns gern mal von bewanderten Damen einwickeln, was, Alter?«

Timmi reagierte nicht. Er starrte wie gebannt auf das Foto.

»He, das ist meine«, sagte Frank grinsend. »Guck sie mir nicht weg!« Als sein Kumpel darauf nicht einging, runzelte er die Stirn. »Jetzt hör schon auf, dieses schlecht getroffene Bild anzugaffen. Ich geb dir einen aus. Euch auch«, fügte er an Nico und Liebermann gewandt hinzu.

Nichts. Aus irgendeinem Grund schien das Foto Timmi zu paralysieren. Mit einer gemurmelten Entschuldigung trat Liebermann neben ihn und sah ihm über die Schulter.

Er fand nichts Besonderes daran. Das Bild war im Freien aufgenommen worden. Hinter der tatsächlich recht attraktiven Schulleiterin türmten sich Kuchen und Obst auf einem Buffet. Wiederum dahinter reichte ein Mädchen gerade einen Teller an ein männliches Profil am rechten Bildrand weiter.

»Nur weil es mir gerade einfällt«, sagte Frank vorsichtig zu Timmi, als gälte es, einen empfindlichen Patienten nicht zu verstören, »Rolli, der Typ vom roten Hausboot, hat sich erkundigt, ob du Hartgummireifen verkaufst. Auch gebraucht, sogar lieber gebraucht.«

Timmi hob den Kopf und blickte Frank vage an. Dann murmelte er etwas, rollte die Zeitung zusammen und stapfte durch den knirschenden Sand davon. Verblüfft sah Frank ihm nach.

»Versteh das einer«, sagte er, als sein Freund hinter einer der künstlichen Dünen, die die Bar säumten, verschwand. »Er hat nicht mal gezahlt.«

»Irgendwas hat ihn angesprungen«, bemerkte Liebermann. »Woher denn? Aus dem Foto?«

»So sah es aus.«

»Nee«, meinte Frank. »Das wäre mir neu, dass Timmi Schiss vor hübschen Miezen hätte. Im Gegenteil, er hatte selber mal eine, die …« Er brach ab. »Außerdem hast du ja gesehen, dass er Leder mag.« Er deutete auf seine Hose, die aus demselben Material bestand wie Timmis und an den Knien leicht abgewetzt war.

»So einer kriegt keine Krise, nur weil man ihm ein Bild mit zwei Latexmädchen vorsetzt.«

»Also ich habe kein Latex auf dem Foto gesehen«, schaltete Nico sich ein.

»Bildlich gesprochen, natürlich.« Als besänne er sich plötzlich seiner Rolle, griff Frank nach einem Lappen und begann den Tresen abzuwischen. Mit halbem Auge sah er, wie Liebermann seiner Tasche einen zerfledderten gelben Post-it-Block entnahm.

Er hatte schon von dem Tick des Bullen, sich jeden Fatz zu notieren, gehört. Eine blöde Marotte, falls einer nach seiner Meinung fragte. Aber im Grunde interessierte es ihn nicht besonders. Ruhe und Gelassenheit. Das waren die Dinge, die das Leben in der Waage hielten. Und eine langsame Zunge. Seine war ihm eben für eine Sekunde ausgerutscht, nun hatte er den Salat.

Der gelbe Zettel in seiner Hosentasche lenkte Liebermann für einen Augenblick von seiner chronischen Anspannung ab. Er war ihnen dankbar: dem Zettel und dem seltsamen, in Leder gekleideten Burschen, dem er ihn verdankte. Nachdem sie die Mädchen vom Chor abgeholt und sich auf ihre jeweiligen Haushalte verteilt hatten, heftete Liebermann den Schnipsel zu den anderen an die Pinnwand über seinem Schreibtisch. Es war der erste seit dem Eintreffen des schicksalsträchtigen Briefes aus der Potsdamer Mordkommission. Allerdings bei weitem nicht der erste, der das Haus betraf.

Seit Liebermanns Freund und Nachbar Ralph vor zwei Monaten ein Schild mit der Aufschrift »Aphrodite« an einer Villa in der Geschwister-Scholl-Straße entdeckt hatte, sammelten sich auf dem halben Quadratmeter Kork allerhand Meinungen, Beobachtungen und Aufregungen.

»Könnte mir mal einer verraten, was man unter einem Etablissement namens Aphrodite verstehen soll«, hatte Ralph seinerzeit beim Stammtisch im Katinka gefragt, »wenn nicht einen Puff? Und das vor den Schlosstoren eines Frauenverächters«

Während der Sommermonate verdiente sich Ralph ein paar Euro als Fremdenführer dazu. Er vergötterte Friedrich den Zweiten, in dem sich nach seiner Ansicht sämtliche erstrebenswerten menschlichen Eigenschaften vereinigten. Leider verleitete ihn die Anbetung des verblichenen Monarchen zuweilen dazu, sich als dessen Erbverwalter zu betrachten.

»Ich meine, wenn schon einer einen Elitepuff aufmachen will, warum dann nicht in Berlin oder Frankfurt? Warum ausgerechnet hier, wo es überhaupt keine Kundschaft für Lackstiefel am Straßenrand gibt?«

»Lackstiefel am Straßenrand?«, hatte Liebermann gebrummt und sich vergeblich zu erinnern versucht.

Ralph hatte abgewinkt. »Ich rede von der Zukunft. Jemand, der hier ein Bordell etabliert, wird natürlich nicht so blöd sein, gleich in der ersten Woche einen Skandal zu provozieren. Er wird zunächst versuchen, von der Nachbarschaft angenommen zu werden, ehe er seine Netze weiter auslegt. Ich werde euch sagen, wie es vor sich gehen wird: Eine Weile lang werden die Dirnen nur so durch die Gegend streunen, lockere Kontakte knüpfen, Omas über die Straße helfen und so tun, als wären sie welche von uns. Und abends sitzen sie hier im Katinka und klappern maximal ein bisschen mit den Wimpern. Die beiden dahinten zum Beispiel, kennt die jemand?«

Zwei Tische weiter unterhielten sich zwei junge Frauen über ihre Weingläser hinweg. Eine von ihnen hatte prachtvolle rote Locken, die andere sah in erster Linie nett aus. Keine von beiden schien sich sonderlich um die anwesenden Herren zu kümmern.

»Die Rothaarige hat was«, sagte Moritz, Restaurator und festes Stammtischmitglied. »Und die andere hätte was, wenn sie ihrem Teint ein bisschen auf die Sprünge helfen würde.«

»Sie ist nicht im Dienst«, verteidigte sich Ralph. »Die greifen erst in den Farbtopf, wenn sie in Aktion treten.«

Die Tür öffnete sich, und ein Pärchen betrat die Bar. Nach kurzer Rundschau steuerte der Mann auf den Tisch mit den Mädchen zu. Er hatte ihn fast erreicht, als seine Frau ihn am Arm packte und zum Tresen zog, wo zwischen einigen Jungs in Fußballtrikots zwei Barhocker frei waren. Mit enttäuschter Miene ließ ihr Mann sich dort nieder.

»Seht ihr«, knurrte Ralph. »Es geht schon los.«

Damals im Juli hatte Liebermann die Verschwörungstheorien seines Freundes belächelt. Er verstand sie als Kampf um die Seelenruhe eines Toten, der für weibliche Reize wenig übrig gehabt hatte. So wie Tante Lehmann, die Kiezkrämerin, um die Seelenruhe des Viertels kämpfte, indem sie jeden neuen Kunden argwöhnisch nach seiner Herkunft befragte. In letzter Zeit beschränkte sie sich dabei ausschließlich auf Kundinnen.

Im August waren, trotz erhöhter Aufmerksamkeit von Liebermanns Seite, noch immer keine Lackstiefel zwischen den Kastanien der Geschwister-Scholl-Straße gesichtet worden, dafür aber vermehrt männliche Spaziergänger, die wie zufällig vor der Villa mit dem goldenen Schild Halt machten und sie gedankenverloren betrachteten. Einmal hatte er seinen Vermieter, den alten Bellin, dort getroffen und ein paar verlegene Worte mit ihm gewechselt. Bellin hatte starkes Interesse an einer bestimmten Blumensorte bekundet, die in Steinurnen zu beiden Seiten des Tores wuchs, worauf Liebermann einige Kastanien vorgezeigt hatte, die Miri und Zyra zum Basteln benötigten. Danach waren sie ziemlich hastig auseinandergegangen.

Ungefähr zur selben Zeit waren die ersten Gesprächsfetzen an sein Ohr gedrungen, im Grunde harmlos, aber sie gaben Liebermann zu denken. Ein Jugendlicher prahlte vor seinem Freund damit, eine der »Schnecken für umsonst« gehabt zu haben. Eine Frau berichtete einer anderen unter dem Mantel der Loyalität, sie habe deren Mann mit einer jungen Unbekannten im Park getroffen, was natürlich nichts bedeuten müsse, sie wolle es ihr nur sagen. Und Tante Lehmann vertraute Liebermann an, sie wisse aus sicherer Quelle, dass die Aphrodite das Hauptquartier einer internationalen Sekte sei, in der man mittels unvorstellbarer Orgien göttliche Energie zu erlangen suche. »Männer mit Frauen, Frauen mit Frauen, alles durcheinander und in großen Gruppen, wie die Tiere. Das reinste Mittelalter, sag ich Ihnen.«

Liebermann, dem die erotische Vielfalt des Mittelalters bisher entgangen war, erkundigte sich nach ihrer Quelle. Aber da winkte Tante Lehmann ab. Wozu Namen, das würde nur dem Tratsch Vorschub leisten, wichtig seien schließlich die Fakten. Kürzlich habe ein Mädchen zwei Stangen Sellerie gekauft. Damit sei ja wohl alles gesagt.

Kapitel 2

Am Montag, dem 13. September, fehlten zwei Mitglieder der Stammtischrunde im Katinka.

Nils, der universelle Hausmeister des Viertels, befand sich aus Gründen, über die man geflissentlich schwieg, im Gefängnis und galt als entschuldigt. In ebenso schweigendem Einverständnis hielt man ihm jedoch stets einen Platz frei. Ralphs Nachbarin Laura hatte ausrichten lassen, dass sie später käme, weil sie noch an der Uni zu tun hatte.

Es dauerte keine fünf Minuten, bis Moritz und Ralph sich in ihrem neuen Lieblingsstreitthema verstrickt hatten. Während Liebermann versuchte, Nicos aufmerksamen Gesichtsausdruck nachzuahmen, schweiften seine Gedanken in ein fiktives Büro zu einem fiktiven Schreibtisch, auf dem sich Bilder verwesender Leichen stapelten, die ihn aus leeren Augen vorwurfsvoll anstarrten. Er hatte auf einen ruhigen Büroposten gehofft, bei den Eigentumsdelikten oder in der Vermisstenstelle, wo er seine inzwischen recht erkleckliche Erfahrung hätte einbringen können. Leichen störten seinen Schlaf. Den seines Vorgängers offenbar auch, weshalb er spontan beschlossen hatte, in Frührente zu gehen. Oder hatte er Krebs? Liebermann erinnerte sich nicht mehr an die Einzelheiten des Telefonats.

An einem leichten Druck auf den Schläfen merkte er, dass seine Gedanken sich wieder einmal in einer Schleife festrannten. Mit einem Ruck löste er sich daraus und stellte fest, dass der Stammtisch inzwischen die Ebene der Anekdoten und Legenden erreicht hatte. Moritz berichtete eben von einem traumatischen Erlebnis, das ein gewisser Andi unlängst im Park gehabt hatte. Das Trauma eines anderen kam Liebermann gerade recht.

»Weglaufen kam nicht in Frage«, sagte Moritz, »denn dann hätte das Vieh ihn mit Sicherheit verfolgt, und nicht auszudenken, was dann passiert wäre. Also hat er die Zähne zusammengebissen und abgewartet, und dann kam’s …«

Er machte eine Pause, bis Nico höflich fragte: »Was?«

Moritz kratzte sich am Kinn. »Ich hab’s auch erst nicht glauben wollen – nicht, dass ihr denkt, ich fall auf jeden Blödsinn rein. Andererseits ist Andi nicht hell genug, sich solche Geschichten auszudenken … Also, er meint, nachdem das Vieh eine Weile geheult hatte, begann dicht neben ihm plötzlich noch eins. Und dann noch eins. Da hat er’s mit der Angst gekriegt. Er dachte, der erste hätte sein Rudel zusammengerufen.«

»Rudel wovon?«, fragte Liebermann.

Die Köpfe des Stammtisches wandten sich ihm zu.

»Wölfen«, sagte Ralph. »Darum geht’s doch die ganze Zeit. Außerdem kenn ich außer Wölfen keine Tiere, die in Rudeln leben. Du etwa?«

»Hunde«, antwortete Laura, die unbemerkt an den Tisch getreten war. In ihrem Gefolge befand sich ein junger Mann, den alle außer Liebermann zu kennen schienen, denn man nickte ihm freundlich zu. Da die S-Bahn-Bänke besetzt waren, zogen die beiden sich Stühle heran und verschwanden in Richtung Tresen.

»Ich wusste nicht, dass Laura einen Freund hat«, sagte Liebermann.

»Fürs Erste hat sie nur einen neuen Mitbewohner«, erwiderte Ralph grinsend. »Eigentlich wollte sie eine Frau, aber es haben sich nur Jungs auf die Annonce gemeldet. Laura hat sich für David entschieden. Und ich glaube, er ersetzt Estrella ganz passabel.«

Liebermann sah zur Bar, wo eine schwarzhaarige junge Frau mit den beiden schwatzte. Es war noch nicht direkt ein Bauch, was sich unter Estrellas engem Kleid abzeichnete, und die kritischen drei Monate waren kaum vorbei, aber trotzdem war sie vor kurzem zu Jürgen, dem Katinka-Wirt gezogen, um, wie sie gemeint hatte, »von eins nicht gleich auf drei zu fallen«. Wie es aussah, eine weise Entscheidung, jedenfalls strahlte Jürgen seitdem wie ein Honigkuchenpferd und wachte besorgt über Estrellas keimende Rundungen.

»David forscht über Stadtteile, in denen die Einwohner wechseln«, sagte Moritz, offenbar aus dem Bedürfnis heraus, sich mal wieder ins Spiel zu bringen.

»Nicht wechseln, sondern verdrängt werden«, verbesserte Ralph. »Durch steigende Mieten. Man nennt es Gentrifizierung.«

»Und davon kann einer leben?«, fragte Liebermann.

»Darum geht’s nicht. Ich kenne einen, der sich mit Leib und Seele dem Restaurieren alter Kinokarten verschrieben hat. So etwas ist nicht zum Broterwerb gedacht, es ist eine Berufung.«

»Er jobbt nebenbei«, meinte Moritz.

»Halt den Mund!«, sagte Ralph.

»Warum? Ist doch nichts dabei.«

»Wobei«, fragte Liebermann.

»Dass David in der Aphrodite arbeitet. Als Massageproband, der Glückliche. Ich hätte mich auch nicht lange bitten lassen, wenn mich einer gefragt hätte.«

Ralph knallte sein Glas auf den Tisch. »Erst einer, dann zwei, und plötzlich haben sie das ganze Viertel am Strapsband.«

»Sie kommen zurück«, murmelte Nico. »Macht mit den Wölfen weiter.«

Moritz griff hastig nach seinem Bier. »Ja, die Wölfe«, sagte er, als Laura und ihr Mitbewohner sich auf ihre Stühle fallen ließen.

»Andi bekam einen Schock und lief weg«, erinnerte ihn Liebermann.

»Gar nicht«, erwiderte Moritz verwirrt. »Er hatte einen Schock und blieb sitzen. Nur deshalb konnte er ja sehen, wie das Aphrodite-Mädchen über den Wolf gestiegen ist.«

»Wie bitte?«, fragte Nico.

»Sie stieg über ihn«, wiederholte Moritz. »Was ist denn daran so schwer zu verstehen?«

»Nichts«, murmelte sie mit gebrochener Stimme. »Dein Andi muss eine blühende Phantasie haben.«

»Wieso?«

Nico zuckte die Achseln. »Hast du schon mal versucht, dir die Szene, die du gerade beschrieben hast, vorzustellen?«

»Da sei Gott vor!«, sagte Moritz und hob abwehrend die Hände.

»Es ginge auch gar nicht. Ein Mädchen besteigt keinen Wolf! Wenn überhaupt, besteigt der Wolf das Mädchen.« Sie machte Laura und David ein beschwichtigendes Zeichen. Dann prustete sie in ihr Glas. Einer nach dem anderen fiel in ihr Gelächter ein, bis auf Liebermann, der sich fragte, ob es nicht doch eine technische Möglichkeit gab, das Unmögliche möglich zu machen. Mit steinerner Miene stand Moritz auf. »Lasst es mich wissen, wenn ihr euch beruhigt habt«, knurrte er und verließ erhobenen Hauptes die Bar.

Als er weg war, schnappte David nach Luft. »Jetzt hat er eine Rotkäppchen-Neurose.«

Erstaunt sah Liebermann ihn an. Welche Laune der Natur hatte den jungen Mann nur mit solch einer Stimme geschlagen? Hoch und scharf, dem Schaben von Kreide auf einer Tafel nicht unähnlich. Und darüber hinaus vergessen, ihn mit Farben auszustatten? Neben dem dunklen Ralph wirkte David wie ein Fisch mit bleicher Kammflosse und schilfgesäumten Pfützen anstelle der Augen. Zu allem Übel zog sich von seiner Stirn bis zum Kinn ein Teppich aus graubraunen Sommersprossen. Das einzige Detail, das die unappetitliche Sammlung ein wenig auflockerte, war sein Lächeln. Obwohl leicht aus den Fugen geraten, sickerte es durch die gesprenkelten Züge wie Regen durch ein undichtes Zelt. Nein, umgekehrt, wie Sonne durch ein undichtes Zelt. Liebermann riss sich zusammen, um David nicht mit den Fingerspitzen zu Leibe zu rücken. Wie sah das aus, ein Bulle, der einem Fremden am Mund rumfummelte? Außerdem gab es wichtigere Dinge, die seiner Aufmerksamkeit harrten. Irgendwo in Potsdam mordete jemand, möglicherweise genau in diesem Augenblick und möglicherweise nur aus einem einzigen Grund: um ihm das Leben schwerzumachen.

Es ist ein enormer Unterschied, ob man als Irgendwer um Informationen bittet oder als ehemaliger Princeps des Reviers.

Drei Tage hindurch hatte Serrano immer wieder Anlauf genommen, einen seiner alten Bekannten aufzusuchen. Einmal hatte er kurz davorgestanden, den friedlichen Ben rundheraus zu fragen. Ben hätte es ihm sicher erzählt, ohne weiterzutratschen, dass Serrano als Einziger bar jeder Ahnung war. Aber im letzten Moment hatte er das Gespräch in ein Geplauder über das Wetter umgebogen. Selbst dabei hatte Ben allerdings zweimal etwas erwähnt, das mit dem Katzenhaus zusammenhängen konnte. »Schrecklich, das alles.« Und: »Hoffen wir, dass es bald regnet, dann trauen sie sich nicht raus.« Über diese beiden Sätze hatte Serrano sich inzwischen ausführlich den Kopf zerbrochen, jedoch ohne dem Katzenhaus auch nur einen Zentimeter näher gekommen zu sein.

Als er am Dienstag von seiner Nachmittagsrunde heimkehrte, beschloss er, sich ein Nickerchen zu gönnen und dann bei Maja vorbeizuschauen. Sie sammelte Informationen ebenso erfolgreich wie wollene Handschuhe, sie würde es wissen. Und vor ihr schämte er sich weniger als vor anderen.

Kurz vor seinem Flieder stoppte Serrano. Täuschte er sich, oder hatte dort im Schatten des Busches etwas gepiepst?

Er wartete einige Sekunden, dann pirschte er sich vorsichtig an die Quelle des Geräuschs heran. Erneutes Piepsen. Wie vom Blitz getroffen blieb Serrano stehen. Das Piepsen kam ihm auf eine Weise bekannt vor, die ihm nicht gefiel.

Lieber glaubte er an eine Ratte im Todeskampf. Klangen die nicht so, wenn man sie müde gespielt hatte? Irgendjemand hatte offenbar sein Spielzeug verloren, und es war mit letzter Kraft in den Schatten des Flieders gekrochen. Seines Flieders! Entschlossen, dem Spuk ein Ende zu bereiten, grub sich Serrano in den Busch. Er war noch nicht einmal zur Hälfte drinnen, als sich sein Rückenfell aufstellte. Was da über Bismarcks alte Bastmatte torkelte, war keine Ratte.

Das Junge machte einen unbeholfenen Satz rückwärts. Im selben Zug ging Serrano einen Schritt vor. Wie redete man mit etwas, das kaum noch den Namen Katze verdiente?

»Ich bin Serrano. Vielleicht hast du schon von mir gehört?« Sicher, dachte er, falls es sprechende Milchdrüsen gab. Er hatte keine Lust, mit Babys zu reden, er wollte, dass das Ding da schnellstmöglich verschwand. Aber es verschwand nicht. Es stand auf seiner Matte und plärrte. Und noch dazu war es hässlich wie die Nacht. Serrano konnte sich nicht erinnern, je einen so kurzen, borstigen Schwanz und derart schräge Augen gesehen zu haben. Auf dem Nacken des Findlings saß ein weißes Mal, es sah aus wie ein Taubenschiss.

Ungeduldig wartete Serrano eine Atempause des Dings ab, dann versuchte er es erneut: »Einer wie du gehört nicht auf die Straße, sondern zu seiner Mutter. Also setz deine Pfoten in Bewegung und geh einfach denselben Weg zurück, den du gekommen bist, so lange, bis du an eine Zitze stößt. Ich kann dich hier nicht brauchen.«

Das Ding stieß einen unerträglich hohen Laut aus. Serrano begriff, dass es Hunger hatte. »Ich bin ein Kater«, sagte er, um jede Hoffnung im Keim zu ersticken. »Bei mir gibt es nichts zu holen.«

Offenbar verstand das Ding jedoch etwas anderes. Denn kaum hatte er das Wort »Kater« ausgesprochen, kam es unter leisem Gewimmer herangestakst. Es drängte zwischen Serranos Beine, stieß mit der Nase an seinen Bauch und begann zu suchen. Erschrocken stieß Serrano es zurück. »He! Hast du nicht gehört?«

Nein. Mit hektischem Fiepen wühlte das Ding sich wiederum in sein Fell. Es war ein merkwürdiges Gefühl, eine Mischung aus Kitzeln und Drücken. Serrano riss die Geduld. Mit aller Rücksicht, die er aufbringen konnte, nahm er das dehnbare Nackenfell des Kleinen zwischen die Zähne und setzte es zurück auf die Bastmatte. Sofort machte es sich wieder auf den Weg. Das Spiel wiederholte sich einige Male, nur dass das Piepsen jedes Mal verzweifelter wurde. So ging es nicht. Er konnte schließlich nicht warten, bis der kleine Dämlack vor Erschöpfung zusammenbrach.

»Pass auf«, sagte Serrano langsam und deutlich. »Ich werde dich jetzt ein wenig herumtragen. Das wird dir nicht gefallen. Aber die, zu der ich dich bringe, ist eine Mutter, die alle anderen Mütter der Gegend kennt. Sie wird dir helfen.«

Als er noch die Geschicke des Reviers gelenkt hatte und vor seiner schicksalhaften Begegnung mit Aurelia war die dicke Maja lange Jahre Serranos Geliebte gewesen. Sie trug ihm seine Untreue nicht nach, zumal man ihr noch immer mit dem Respekt begegnete, der einer ehemaligen Gefährtin des Princeps und Mutter von Dutzenden seiner Sprösslinge gebührte. Und noch immer galt sie als das am besten informierte Wesen des Viertels. Ihr letzter Wurf war aus gegebenen Gründen von einem anderen gewesen, dem Freigeist Streuner, aber Serrano war dennoch ihr Freund geblieben. Manchmal stieg er zu ihr in den Keller des Lebensmittelladens hinab, um ein wenig zu plaudern. Manchmal, wenn er Fragen hatte. Mit einem Fellbündel im Maul war er noch nie bei ihr aufgetaucht. Aber sie würde ihm auch das nachsehen.

Oder auch nicht, korrigierte sich Serrano, als er vor Majas leerem Lager stand. Das Bündel hing schlapp und stumm aus seinem Maul.

Sogar Krümel war abwesend, ihrer beider bedauernswerte Tochter. Maja hatte ihr Obdach im Vorraum des Kellers gewährt und fütterte sie mit den Resten der Fleischtheke im Laden durch. Dafür hütete Krümel das gemeinsame Heim und nahm Nachrichten entgegen, wenn ihre Mutter auswärts war. Die Apfelstiege, in der sie für gewöhnlich schlief, lag verlassen, der Fressnapf war sauber ausgeleckt, im Wassernapf schwamm eine starre Fliege. Maja duldete keine Insekten in ihrem Wasser, und Krümel hielt sich an die Prinzipien ihrer Mutter, demnach mussten die beiden schon vor einer Weile aufgebrochen sein. Wann sie wiederkommen würden, wusste der Himmel. Aus diesem Grund und einem, den nur der Geist seines toten Freundes Bismarck verstand, stopfte Serrano seine haarige Fracht nicht einfach zwischen Majas Handschuhe. Und weil ihm gerade eine neue Idee durch den Kopf zuckte. Wenn nicht diese, dann musste es eben eine andere Mutter tun.

Nico öffnete die Tür für seinen Geschmack etwas zu schwungvoll.

»Serrano! Was beschert mir …«, sie brach ab, als sie das Ding erblickte. Serrano legte es vor ihr ab.

»Himmel, das arme Würmchen. Wo hast du es gefunden?« Eine rhetorische Frage, Nico wusste, dass Serrano nur seinen Namen verstand, aber manchmal bildete sie sich ein, dass er trotzdem begriff, worum es ging. Sie nahm das Kätzchen vorsichtig in die Hand. Es begann zu fiepen. Serranos Ohr zuckte nervös.

»Hast du deine Mama verloren?«, murmelte sie. »Hunger hast du auch. Und der Onkel hat dich zu mir gebracht? Daran hat er gut getan.« Sie wies ins Innere ihrer Wohnung. Doch statt der Einladung zu folgen, streckte Serrano sich nur und wandte sich der Treppe zu. Er war zufrieden. Jetzt hatte sie den Dämlack am Hals. Hauptsache, sie vergaß über ihrer neuen Mutterschaft sein abendliches Schnitzel nicht.

Nico trug das flaumige Knäuel in die Küche, wo Liebermann mit Zyra und Miri am Tisch saß, vertieft in eine Partie »Kakerlakenpoker«. Er verlor so gut wie immer, er war einfach zu langsam für ein Spiel wie dieses. Wenn er sich endlich für eine Taktik entschied, hatten die Mädchen ihn längst durchschaut. Aus diesem Grund, so vermutete Nico, hatten sie Liebermann zu ihrem Lieblingsgegner erkoren.

Als sie das Knäuel neben ihnen absetzte, herrschte eine Sekunde lang Schweigen. Dann runzelte Liebermann die Stirn, und die Mädchen brachen in Entzücken aus, das auch das Kätzchen wieder an seine Stimmbänder erinnerte. Sie schrien um die Wette, bis Nico Einhalt gebot. Die Mädchen verstummten, die Katze schrie weiter. Nico strich ihr mit dem Finger über den Rücken.

»Was ist das?«, fragte Liebermann.

»Eine Katze. Serrano hat sie gebracht.«

»Serrano?«

Zyra machte Anstalten, nach dem kleinen Gast zu greifen, aber Nico legte schützend eine Hand um seinen gesträubten Buckel. »Es ist völlig verängstigt. Und Hunger hat es auch.«

»Ich hole Milch!«

»Nein. Katzen vertragen keine Kuhmilch, und so kleine schon gar nicht.«

»Soll sie etwa verhungern?«

»Sie?«, fragte Liebermann.

Ein kurzer Blick brachte Auskunft.

»Soll er verhungern?«, verbesserte sich Zyra.

Zu viert saßen sie um das schwarze Wesen, aus dem weiterhin die jämmerlichen Töne flossen.

Nach einer Weile stand Nico auf. »Irgendwo hab ich noch ein paar Proben Pre Aptamil. Vielleicht nicht die optimale Lösung, aber besser als nichts. Pass auf, dass die Mädchen den Kleinen nicht zerdrücken!«

Liebermann nickte verdrossen. Er schob Miri eine Kakerlake hin, die sie nicht beachtete. Wenn ihn nicht alles täuschte, ging dieser Tag gerade den Bach runter.

Als die Milch wohltemperiert auf einer Untertasse schwamm, stellte sich heraus, dass ihr Gast nichts damit anzufangen wusste.

Nico verschwand erneut und kehrte mit einer Babyflasche zurück.

»Wahrscheinlich ist der Sauger zu groß. Aber wir kriegen das schon hin. Nimm den Kleinen in die Hand und heb seinen Kopf an, dann kann ich ihm ein paar Tropfen ins Maul träufeln.«

Widerwillig hob Liebermann den erstaunlich weichen und gewichtslosen Körper des Kätzchens auf. Nadelfeine Krallen bohrten sich in seine Haut. Das Kätzchen schrie um sein Leben. Als der erste Tropfen Milch sein Maul traf, verstummte es. Eine rosa Zunge erschien und begann erst zögernd, dann hastig zu lecken. Der nächste Tropfen.

»Na also«, sagte Nico zufrieden. Und an Zyra gewandt: »Dann zeig mal, wie gut du dich als Mutter machst.«

»Ich bin auch seine Mutter«, sagte Miri.

Liebermann hob zum Protest an, verstummte jedoch angesichts ihres seligen Lächelns.

Nach der Fütterung machten sich Nico und die Mädchen daran, ein Nest für den Eindringling zu bauen. Das war der Name, den Liebermann dem Kater im Stillen gegeben hatte. Er hätte ihn auch Dienstagsmörder nennen können, aber er wollte nicht ungerecht sein. Der Eindringling konnte letztlich nichts dafür, dass Serrano ihn angeschleppt hatte.

Er verabschiedete sich mit der Begründung, einkaufen zu fahren. Nico gab ihm einen flüchtigen Kuss und wandte sich wieder einer Kiste zu, die sie eben mit einer Decke auspolsterte. Miri sah nicht einmal auf. In ihrem Schoß schlief der Eindringling, satt und mit der Welt versöhnt.

Ein Grund für Liebermann, Laura missmutig zuzunicken, die mit ihrem Wohngenossen die Straße herunterkam, als er aus dem Haus trat. Beide trugen Tischtenniskellen.

Serranos Schwanzspitze lugte hämisch unter dem Flieder hervor.

»Wir sprechen uns noch!«, sagte Liebermann zu ihm.

Laura und David blieben stehen. »Mit wem redest du?«, fragte Laura.

»Mit Serrano.«

»Das ist der Kater seiner Freundin«, erklärte sie David.

»Ob sie noch meine Freundin ist, wird sich zeigen«, meinte Liebermann kühl. »Im Moment jedenfalls kreisen ihre Gedanken um einen anderen.«

Laura wurde rot. »Wie … Aber gestern wart ihr doch noch … Bist du sicher?«

»Ich war dabei, als sie sich gefunden haben.«

»Kenne ich ihn?«, sie schluckte.

»Ich glaube nicht. Es ist ein Kater.«

»Ach so.«

Liebermann zog seine Zigaretten aus der Tasche. »Man sollte Kater nicht unterschätzen, vor allem wenn sie klein sind.«

»Wie klein?«, erkundigte sich David.

Wieder regte sich Mitleid in Liebermann, als er seine Stimme hörte. Unwillkürlich sah er zu Laura, die lächelnd neben ihm stand. »Etwa so«, sagte er und zog Daumen und Mittelfinger auseinander.

David nickte. »Dann stehen dir wirklich noch ein paar harte Wochen bevor. Es sei denn, du freundest dich mit dem Kleinen an. Nico fühlt sich als Mutter, und das Herz einer Mutter erobert man in der Regel über die Kinder.«

»Du scheinst dich mit Müttern gut auszukennen.«

»Einigermaßen. Ich hab auch eine. Sie züchtet Abessinier. Wenn ich früher mehr Taschengeld wollte, hab ich eine halbe Stunde lang die Zuchtmutter oder ein paar ihrer Jungen gebürstet. Hat immer geklappt.«

Liebermann kam eine Idee. »Wie wär’s, wenn du das Junge nimmst? Du bist Profi, bei dir hätte es der Kleine gut. Und wenn ich ehrlich bin, hege ich keinerlei Absichten, Nicos Gunst über einen Kater zu erkaufen. Ich hatte nie einen besonderen Draht zu Katzen.«

David wechselte einen Blick mit Laura. »Ich weiß nicht«, sagte er zögernd.

»Es ist wegen Aurelia«, murmelte Laura. »Ich glaube, ich bin noch nicht so weit, entschuldige.«

»Nein, ich muss mich entschuldigen!«

Was war er für ein Idiot! Liebermann warf einen Blick zu Serranos Flieder, diesmal einen versöhnlichen. Vor einem halben Jahr hatte der Kater ebenso wie Laura fassungslos vor der Leiche einer Katze gestanden, plattgedrückt von Gottes Daumen, vorher von beiden geliebt. Ob Serrano den Verlust verwunden hatte, wusste er nicht. Und bei Laura musste ihn erst ein Fremder darauf bringen!

Er war beinahe dankbar, als sich hinter ihm die Tür öffnete und ein sattsam bekannter Werkzeugkoffer ins Tageslicht tauchte. Einige Sekunden lang passierte nichts. Dann folgte dem Koffer die hutzlige Gestalt des alten Bellin. Seit sein Hausmeister im Gefängnis saß, war der Alte gezwungen, seine beiden Häuser selbst in Schuss zu halten. Die Bürde der Verantwortung hatte sich über den Sommer tief zwischen die Runzeln seines Gesichts gegraben. Bei Liebermanns Anblick wurde es noch faltiger. »Sie haben ja einen beschaulichen Tag, wie?«

Liebermann begnügte sich mit einem höflichen Lächeln.

»Ja, freuen Sie sich nur«, knurrte Bellin. »Und wenn Sie damit fertig sind, hätten Sie vielleicht die Güte, mir zu erzählen, wer drüben das Streichholz unter den Lichtschalter auf dem Dachboden gesteckt hat.«