Cover

Über dieses Buch:

Emily, die junge Maskenbildnerin am Theater, hat ein Problem: Sie hält sich für unscheinbar. Und dabei hat sie sich nie mehr gewünscht, eine der graziösen Schauspielerinnen oder Ballett-Tänzerinnen zu sein – denn auf einmal sitzt der attraktive Sänger Paul bei ihr in der Maske. Er lächelt sie an … und sie bringt kaum ein Wort heraus! Als er bald darauf erste Annäherungsversuche unternimmt, kann Emily ihr Glück kaum fassen. Und ausgerechnet jetzt wirbt auch der hilfsbereite Jasper mit der niedlichen Knubbelnase plötzlich um ihre Aufmerksamkeit. So beginnt für das einstige Mauerblümchen Emily ein ganz besonderes Abenteuer voller Gefühle … und jeder Menge Überraschungen!

Über die Autorin:

Beatrix Mannel studierte Theater- und Literaturwissenschaften in Erlangen, Perugia und München und arbeitete dann zehn Jahre als Redakteurin beim Fernsehen. Danach begann sie – auch unter ihrem Pseudonym Beatrix Gurian – Romane für Kinder, Jugendliche und Erwachsene zu schreiben, die in viele Sprachen übersetzt wurden. Für ihre aufwändigen Recherchen reist sie um die ganze Welt. Außerdem gründete sie gemeinsam mit einer Kollegin 2016 die Münchner Schreibakademie.

Bei dotbooks erschien von ihr bereits die Serie S.O.S. – Schwestern für alle Fälle mit den Einzelbänden:

Willkommen in der Chaos-Klinik
Ein Oberarzt macht Zicken
Flunkern, Flirts und Liebesfieber
Rettender Engel hilflos verliebt
Prinzen, Popstars, Wohnheimpartys

und die Jugendbuchserie Jule mit den Einzelbänden Jule – filmreif, Jule – kussecht, Jule – schwindelfrei und Jule – zartbitter.

Daneben erschienen auch bei dotbooks die Jugendliebesromane Korallenkuss, Mittsommertraum und Zauberherz

sowie der historische Jugendroman Die Tochter des Henkers.

Die Autorin im Internet:

www.beatrix-mannel.de

www.münchner-schreibakademie.de/

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eBook-Neuausgabe November 2017

Copyright © der Originalausgabe 2003 Loewe Verlag GmbH, Bindlach

Copyright © der Neuausgabe 2017 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/Look Studio

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (aks)

ISBN 978-3-96148-210-8

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Beatrix Mannel

Zauberherz

Roman

dotbooks.

1.

»Beim ersten Male, da ich euch ansah,
traf mich ein Pfeil, reizende Augen,
und ich erkannte Gott Amors Kraft.«
Alcina 1,1

Ich kann mir keinen besseren Beruf vorstellen als meinen. Oder genauer gesagt: meinen zukünftigen Beruf, den ich gerade lerne.

Eigentlich lerne ich zaubern. Wenn ich in einem Jahr fertig bin, kann ich beispielsweise aus einem Menschen einen Esel machen. Oder ein Mädchen in eine Hexe verwandeln oder ein Monster zu einer atemberaubenden Schönheit werden lassen.

Ich werde Maskenbildnerin.

Wenn ich früher zu meinen Freundinnen gesagt habe, dass ich unbedingt zum Theater will, dann haben sie sich wissend zugelächelt und sich vorgestellt, dass ich applausumbrandet vor einem roten Samtvorhang stehen möchte, um huldvoll Bravorufe entgegenzunehmen.

Aber das war falsch gedacht. Denn mein Ziel war nie die Bühne, sondern die Maske hinter der Bühne. Ich wollte nie Schauspielerin werden. Wollte mich selbst nicht in etwas anderes verwandeln, sondern andere Menschen als neue Persönlichkeiten erschaffen.

So war das jedenfalls bisher.

Aber seit ich Paul kennen gelernt habe, wünsche ich mir, ich könnte jemand anders sein. Eine aufregende, schillernde, interessante Person. Seit ich Paul kenne, möchte ich nicht mehr bloß Emily Ellenbeck mit der blassen Haut und den grauen Augen sein, sondern eine dieser feinen, mager-melancholischen Ballett-Schönheiten.

Vielleicht wäre es sogar noch besser, so hübsch, witzig und schlagfertig wie meine Kollegin Lara zu sein, obwohl Lara eine Nervensäge ist. Lieber eine strahlende Nervensäge als ein blasses Nichts.

Lara ist schon seit zehn Jahren Maskenbildnerin und neben meinem Chef, Erich dem Schrecklichen, die zweite Landplage, die mir die Arbeit hier im Staatstheater Darmstadt manchmal schwer macht.

Zu Erich gehört wenigstens eine nette Sache, und zwar sein Dackel Othello, den er von Pavarotti geschenkt bekommen hat.

Angeblich.

An Lara konnte ich bis jetzt überhaupt nichts Nettes entdecken. Wo immer ihr zarter Körper auftaucht, gibt es eine Sondervorstellung.

Sie betritt einen Raum, schüttelt ihre roten Märchenlocken, verharrt kurz und – jetzt kommt’s – rollt ihre Puppenschlafaugen auf halbmast.

Schaut verträumt unter ihren zitternden Liddeckeln heraus und sagt dann irgendetwas Unmögliches.

Meistens einen Witz, oft auf meine Kosten.

Alle männlichen Wesen, die diesem Schauspiel beiwohnen dürfen, lecken sich die Lippen und überlegen, was sie tun müssten, um diese Augen dazu zu bringen, sich ganz weit zu öffnen.

Auch Paul sieht sie so an und lächelt dann.

Seit ich das zum ersten Mal beobachtet habe, verstehe ich endlich, um was es in dem Märchen vom Schneewittchen geht. Früher tat mir das arme, unschuldige Schneewittchen leid und ich konnte die böse Stiefmutter nicht begreifen. Was war denn schon dabei, dass sie nicht die Schönste war? Ich war noch nie die Schönste, also konnte ich auch nicht verstehen, wieso man deshalb gleich zur Mörderin werden muss.

Aber jetzt bin ich wie die böse Stiefmutter und hasse Schneewittchen. Ich wünsche mir Lara hinter die sieben Berge zu den sieben Zwergen. Und dann käme ich gerne vorbei, um ihr eine lecker vergiftete Pizza zu servieren.

Das alles nur, weil Paul sie anlächelt.

Dabei lächelt Paul mich auch an.

Paul kann nicht anders. Er ist immer gut gelaunt und freundlich. Immer heißt, seit wir uns zum ersten Mal begegnet sind. Und ich weiß noch genau, wie es sich angefühlt hat, unser Zusammentreffen.

Natürlich erinnere ich mich auch sehr gut daran, wann und wie ich meine früheren Freunde das erste Mal getroffen habe. Etwas zum ersten Mal zu tun, ist immer besonders. Nicht unbedingt deshalb, weil es so schön ist. Ich glaube, es ist mehr die Aufregung an sich als das, um was es geht. Deshalb merkt man sich dieses Erlebnis sogar dann, wenn es schrecklich war. Mein erster Kuss zum Beispiel war eine ziemliche Enttäuschung. Das ist allerdings schon länger her.

Dagegen war mein erstes Zusammentreffen mit Paul alles andere als eine Enttäuschung.

Paul kam damals als Letzter in die Maske. Ich durfte an diesem Abend zum ersten Mal mehr tun, als Lara assistieren.

Bisher war ich mir so vorgekommen wie eine unsichtbare OP-Schwester in einer Arztserie: »Tupfer, Zange, Schere, Quaste, Puder«, und Chefchirurgin Lara Zickler heimste den ganzen Beifall ein.

Endlich änderte sich das.

An diesem Abend durfte ich selbst Puder auf Gesichter stäuben. Natürlich nicht in jedes beliebige Gesicht.

Ich fing mit den Statisten an. Die Statisten sind in der Theaterhierarchie ganz unten und deshalb konnte ich da am wenigsten falsch machen. Erst nachdem ich mich an ihnen erfolgreich geschlagen hatte, erlaubte mir Lara erste Versuche am Herrenchor.

Der Frauenchor wäre die nächste Steigerung und irgendwann sehr viel später, gegen Ende der Ausbildung, würde ich einmal Zugang zu den Solistinnen bekommen.

Zum ersten Mal Puder auf Nasen zu stäuben, ist viel spannender, als es sich anhört. Man pudert nicht nur – man gestaltet das Gesicht. Ich war sehr aufgeregt, weil ich es gut machen und Lara beweisen wollte, wie viel ich eigentlich schon konnte.

Als die Inspizientin gerade ihre dritte Ansage durch die Lautsprecher gequäkt und mitgeteilt hatte, dass es nur noch fünf Minuten bis zur Ouvertüre seien, verabschiedete sich Lara auf eine schnelle Zigarette in die Kantine. Sie wäre natürlich nicht gegangen, wenn sie gewusst hätte, wer noch kommen würde. Deshalb war ich allein, als Paul durch die Tür stürmte.

Paul gab mir seine kräftige, warme Hand und lächelte mich so herzlich an, als wäre ich seine verschollen geglaubte Lieblingsschwester. Ich konnte gar nicht glauben, dass so viel Lächeln mir allein gelten sollte.

Aber es war ja sonst keiner da.

Er setzte sich in den Stuhl vor den Spiegel, und ich war froh, dass ich ihn aus beruflichen Gründen so genau anschauen durfte.

Muskeln modellierten sein ärmelloses T-Shirt zu einer kraftvollen Skulptur. Die Härchen auf seinen Armen blitzten immer wieder kupfergolden auf und verwirrten mich wie Irrlichter. Ich beugte mich vor, um seine hellen Augenbrauen nachzuziehen, und atmete seinen unerwartet herben, starken Geruch ein. Musste sofort zurücktreten, so überwältigt war ich.

Sein Körper strahlte eine zufriedene Hitze ab, als ob er den ganzen Tag am Meer in der Sonne gelegen hätte. Seine blauen Augen wurden mein Meer und seine blonden Haare meine Sonne.

Als er nach meinem Namen fragte, konnte ich mich kaum daran erinnern, so sehr war ich mit ihm beschäftigt.

Um wieder zu mir zu kommen, tat ich so, als müsste ich einen Pinsel mit Wasser befeuchten. Dabei ließ ich mir etwas kaltes Wasser über die Handgelenke laufen. Und war endlich in der Lage, meinen Namen hervorzustammeln. Meine Anstrengungen belohnte Paul mit einem noch großzügigeren Lächeln.

Es war so, als ob man Benzin in ein mickriges Grillfeuer schüttete. Mein funzliges Dasein loderte auf und die Flammen fraßen glühende Löcher in mein Herz. Und keine Feuerwehr in Sicht.

Nur eine kleine Abkühlung von Lara, die in dem Moment hereingekommen war und meine Verwirrung bemerkt hatte. Sie erkundigte sich, ob ich auch bei geschlossenem Mund atmen könnte oder ob ich auf gebratene Tauben warten würde.

Paul fand ihre Bemerkung komisch.

Er lachte über mich.

Seitdem möchte ich Laras Herz auf einem Silbertablett sehen.

Zum Glück stürmte dann Erich herein und bekam einen Wutanfall, weil die Ouvertüre schon lief und Paul noch nicht fertig war.

Paul blieb bewundernswert ruhig, trotz Erichs pulsierender Adern und dessen blauroter Gesichtsfarbe. Paul beugte sich sogar zu Erichs Dackel Othello hinab, streichelte ihn und zwinkerte mir kurz zu, bevor er dann auf die Bühne verschwand.

Das war’s. An diesem Abend habe ich sehr lange gewartet, dass Paul zum Abschminken kommt, und mich bereitwilligst dafür gemeldet, Perücken sauber zu machen und Schminkläppchen auszuwaschen. Aber Paul kam nicht wieder.

Nicht an diesem Abend.

2. ER

»Die Flut des Meeres,
der Sturmwind warf uns ans Ufer.«
Alcina 1,1

Heute hat mich Kai gefragt, wieso ich überhaupt in der Oper arbeite. Warum ich mir nichts anderes suche.

Ich liebe Musik und ich liebe Frauen, habe ich zu ihm gesagt. Manchmal kann ich mich gar nicht satt sehen. Tänzerinnen, Sängerinnen, Statistinnen, Maskenbildnerinnen. Viele bewegen sich so leicht. Wie Musik. Vor allem die Neue in der Maske. Sie hat eine Art, durch den Raum zu schweben und dabei Puderpartikel zu verteilen, als sei sie von einem anderen Stern. Ich glaube, Kai ist neidisch, auch wenn er es nicht zugeben würde. In der Musikproduktion, in der er jetzt arbeitet, gibt es eine grauhaarige Sekretärin, und das war es an Frauen dann auch schon.

Mich inspiriert die Oper. Das versteht Kai auch nicht. Er meint, dieses Gequäke hielte doch keiner aus. Unnatürliches Gekreische von bekloppten Texten, die noch dazu kein Schwein verstehen kann oder will.

Dabei war Kai noch nie in einer Oper. Er hätte welche im Fernsehen angesehen, sagt er. Wer’s glaubt.

Aber er hat noch nicht erlebt, wie es ist, wenn der Chor singt, wenn mächtige Musik sich im Theater ausbreitet und Menschen ergriffen sind.

Wenn ich das zu Kai sage, verdreht er die Augen und behauptet, dass ich ein erbärmlicher Romantiker wäre. Die Leute würden nicht »ergriffen« sein, sondern lediglich über ihre Verdauung nachdenken und überhaupt bloß die Oper besuchen, damit sie später bei den Müller-Brauns oder bei Herrn Doktor Amfelder kulturell mitprotzen könnten.

Unseren Streit über die Oper führen wir eigentlich mindestens einmal im Monat, und mir würde etwas fehlen, wenn Kai eines Tages sagen würde: »Wow, gestern die Zauberflöte, da hatte ich direkt eine Gänsehaut ...«

Abgesehen davon dass ich nicht wollte, könnte ich mir auch keinen anderen Job suchen. Kai hat leicht reden. Er ist ja schon viel weiter als ich. Ich muss erst noch die Aufnahmeprüfung zur Musikhochschule schaffen, und solange ich die vorbereite, kann ich tagsüber nicht regelmäßig arbeiten. Da sind die Arbeitszeiten im Theater für mich genau richtig.

Ich muss immer wieder an die Neue in der Maske denken. Sie war so ernst und ihre Hände so zart. Leider haben wir fast kein Wort miteinander gewechselt.

3.

»Mein Herz fühl ich schlagen in Hoffen und Zagen,
vielleicht ist es `Freude, vielleicht ist es Leid?«
Alcina 2,7

Ich fahre jeden Tag mit der Straßenbahn zur Arbeit. Mit der Linie acht von Eberstadt bis zur Rhein-Neckar-Straße. Von dort sind es nur noch wenige Minuten zum Staatstheater Darmstadt.

Das Theater besteht aus zwei gewaltigen Betonklötzen aus den Siebzigerjahren. Der große Würfel ist das Große Haus, in dem die Oper untergebracht ist. Der kleinere Würfel ist dann logischerweise das Kleine Haus, in dem das Schauspiel gezeigt wird. Außerdem gibt es noch eine Werkstattbühne.

Viele Leute hier beklagen sich über diese Würfel und wünschen sich ein kitschiges Theater mit griechischen Säulen und Verzierungen.

Mir gefallen die Würfel. Sie sind so klar. Ein guter Rahmen für das, was wirklich spannend ist, die Handlung, die drinnen auf der Bühne gezeigt wird.

Das Einzige, was mir an dem Gebäude nicht gefällt, ist der Künstlereingang. Eigentlich – so stelle ich mir das vor – sollte ein Eingang für Schauspieler, Sänger oder Musiker ganz oben, am höchsten Punkt des großen Würfels sein. An einem Ort, den man nur mit einem gläsernen Lift erreichen kann. Und nachts, wenn die Künstler – und natürlich auch ich – nach Hause gingen, würden wir von den Sternen zur Erde schweben.

Stattdessen liegt der Eingang in der Tiefgarage. Jedes Mal durchquere ich diesen abgasverseuchten, großen Keller, um in das Theater hineinzukommen.

Hinter der Tür, in einem schmuddeligen weißen, nur von Neonröhren mickrig erhellten Raum, sitzt der Pförtner und kontrolliert jeden, der herein- oder wieder hinausmöchte. Hier hängen auch die Dienstpläne für die nächste Woche und Bekanntmachungen der Theaterdirektion. Außerdem gibt es ein schwarzes Brett für die Angestellten.

So habe ich meine Wohnung gefunden.

Gleich hinter der gläsernen Abtrennung geht es rechts zur Kantine. Sie ist das Herz und das Klatschzentrum des Theaters.

Ich habe immer leichte Beklemmungen, wenn ich die Kantine betrete, denn ich fühle mich beobachtet. Dabei ist mir natürlich klar, dass ich viel zu unwichtig bin und sich niemand für mich interessiert.

Aber trotzdem komme ich mir wie eine Ratte im Laborkäfig vor. Schon oft ist mir der kalte Schweiß ausgebrochen, weil ich mir so gut vorstellen kann, mit dem Tablett in der Hand auf dem glatten Linoleum auszurutschen. Oder jemanden anzustoßen, der ein großes, volles Glas auf seinem Tablett stehen hat.

Als ich das erste Mal in die Kantine kam, war ich enttäuscht. Ich hatte mir vorgestellt, wie Madame Butterfly mit weißem Porzellangesicht und Kimono gleich neben Don Juan in einer Ritterrüstung sitzen würde, umflattert von schwanenbefederten Tänzerinnen.

Aber das war ein Irrtum. Man darf nicht mit dem Kostüm in die Kantine! Außerdem arbeiten oder schlafen die Schauspieler tagsüber. Deshalb sitzen dort, so wie jetzt gerade, meistens Männer in blauen Overalls herum, die mich eher an meinen letzten Ausflug in den Baumarkt als an Theater erinnern.

Seit ich Paul vor einer Woche kennen gelernt habe, bin ich trotz meiner Beklemmungen dreimal am Tag in die Kantine gegangen.

Immer in der Hoffnung, ihn zu sehen. Ich hatte mir sogar schon einige Sätze zurechtgelegt, für den Fall dass ich etwas sagen müsste, wenn er auftauchte.

So etwas wie: »Paul, was für eine Ausbildung hast du eigentlich gemacht?« Nicht sehr originell, aber immerhin ein Anfang.

Heute ist der achte Tag und zweite Besuch im Kantinenkäfig. Wie immer steht vor mir eine Riesenschlange an. Es gibt Nudeln, Darmstädter Schlachtplatte und Grindköppe, worunter man hier eine Frikadelle, groß wie ein Kinderkopf, versteht. Aber bei Grindkopf muss ich an eklige Hautkrankheiten denken und deshalb bleiben mir nur die Nudeln.

Ich weiß nicht, warum, aber es fällt mir schwer, bei den weiß gekleideten Küchenwärtern laut brüllend meine Bestellung aufzugeben. Deshalb muss ich sie oft dreimal wiederholen. Bis zum Schluss wirklich jeder in der Schlange weiß, was ich zu Mittag esse. Und das ist mir ein bisschen peinlich.

Erst als ich die Nudeln auf mein orangefarbenes Tablett stelle, fällt mir auf, dass mich jemand beobachtet. Ich bilde es mir nicht ein, denn es ist der Mann direkt vor mir.

Es ist Paul!

Er steht vor mir in der Schlange und ich habe es wegen all diesen Grindköppen nicht bemerkt. Ich bewege mein Tablett sehr vorsichtig, damit ich bloß nichts umwerfe.

»Hallo!«, lächelt meine Sonne mir zu. Und reißt einen acht Tage alten Grauschleier von meinen Augen. Die Kantine strahlt.

Ich nicke. Bleibe aber stumm, weil ich alles vergessen habe, was ich zu ihm sagen wollte. Was für eine Chance vertue ich!

Er ist hier, direkt vor mir!

Er ist zum Greifen nah und mir fällt nichts ein. Ich starre seinen Rücken an. Seinen herrlich breiten Rücken, der in einen runden Po übergeht. Dieser Po verschmilzt mit den schwarzen Jeans zu einem knackigen Ganzen, wirkt wie ein frischer Apfel in einer prallen Schale. Man möchte reinbeißen oder wenigstens die. Hand drauflegen.

Da, es gibt ein Problem.

Er dreht sich Hilfe suchend zu mir um. »Hallo, du Schöne, wir kennen uns doch. Wie war noch dein Name, Elsa?«

»Emily.«

»Emily, entschuldige, aber könntest du mir vielleicht einen Zehner ausleihen?«

Seine Stimme schlägt in meinem Bauch ein Trommelsolo und jagt trotz Kantine, trotz all der Menschen, eine sehnsuchtsvolle Flötenmelodie zwischen meine Schenkel.

Ich scheine wohl nichts erwidert zu haben, denn er versenkt seine Augen in meine und erklärt, dass er sein Portmonee in der Garderobe vergessen habe.

Das ist viel besser als alles, was ich mir erträumt habe. Wenn er sich Geld von mir leiht, muss er wieder mit mir sprechen, weil er es zurückgeben wird. Ich hole meinen letzten Zehner aus dem Geldbeutel und gebe ihn Paul.

»Danke! Ich werd mich revanchieren!« Sein Sommerkopf lacht mir zu und dann bezahlt er und verschwindet zu einer Gruppe von Leuten. Dort erzählt er anscheinend, was passiert ist, denn alle schauen zu mir her. Und er winkt mir zu.

Ich glaube, ich habe rote Flecken am Hals vor lauter Aufregung.

Dann bin ich an der Kasse dran, und mir wird klar, dass ich jetzt auch ein Problem habe.

Ich habe Paul meinen letzten Zehner gegeben. Das ist natürlich nicht das Problem. Ich hätte ihm mein letztes Hemd gegeben.

Hinter mir hat sich eine lange Schlange gebildet, die sich schon über die Verzögerungen durch Paul aufgeregt hat.

Ich werde nervös und schaue, ob ich einen Bekannten finde, aber in der Kantine ist niemand aus der Maske zu sehen.

Da tippt mir jemand von hinten auf die Schulter. »Hallo, Emily. Hast du nicht genug Geld? Ich kann dir was leihen, wenn du willst«, sagt der junge Typ mit Knubbelnase, der mit seinem Tablett hinter mir steht.

Wieso weiß er, wie ich heiße, und wieso habe ich keine Ahnung, wer er ist?

Die Kassiererin trommelt ungeduldig mit ihren roten, glitzersteinbesetzten Krallen auf die Kasse und stöhnt genervt zu ihrer Kollegin auf der anderen Seite.

Hinter mir in der Schlange ruft jemand: »Geht’s nicht ein bisschen flotter, ich hab nicht den ganzen Tag Zeit!«

Was bleibt mir da anderes übrig? Ich bedanke mich bei der Knubbelnase, nehme das Geld an und bezahle.

Dann schwebe ich zu einem Tisch. Keine Ahnung, wie ich das schaffe. Ich bin so damit beschäftigt, mir die herrlichsten Rückzahlungsmöglichkeiten für Paul auszudenken, dass keine Gehirnkapazitäten für Gehen, Sitzen, Essen übrig geblieben sind. Ich könnte mir das Geld in Naturalien zurückzahlen lassen, jeder Cent ein Kuss ... hmm, jeder Cent ein Kuss ...

»Wäre das okay, wenn ich mich zu dir setze?«, unterbricht die Knubbelnase gerade eine Vision, in der Paul meine Haut anknabbert und dabei meinen Namen flüstert.

Die Knubbelnase hat mir gerade Geld geliehen, also kann ich wohl schlecht Nein sagen. Ich nicke, obwohl er mir den Blick auf Paul versperrt. Wenigstens komme ich dann dazu, meine lauwarmen Nudeln zu essen, bevor sie völlig kalt sind. Essen! Jetzt!

»Ich bin übrigens Jasper«, sagt mein Gegenüber.

»Ich gebe dir das Geld dann morgen, okay?«, sage ich, um das Gespräch schnell zu beenden. Ich möchte mich wieder mit Paul beschäftigen.

Jasper nickt und macht sich über seinen Grindkopf her. Das sieht nicht sehr appetitlich aus.

Ich überlege kurz, was dieser Jasper am Theater wohl macht. Er sieht nicht aus wie ein Schauspieler. Oder vielmehr: Er wirkt nicht so. Die bewegen sich, als wären sie von einem unsichtbaren Luftpolster umgeben. Sie nehmen mehr Raum als normale Menschen ein. Außerdem werfen sie dir einen Blick zu, der sagt: »Na hör mal, erkennst du mich nicht? Ich bin doch der weltberühmte Fritz Köseldorf, über den in der Theater heute vom Mai 1978 stand, er überzeuge mit einem nie da gewesenen Macbeth!«

Aber eigentlich ist es mir auch egal, was Knubbelnase macht. Ich möchte freien Blick auf Paul haben.

Leider steht Paul in diesem Moment auf und verlässt die Kantine.

Nein, er kommt noch einmal zu mir an den Tisch.

Geht in die Knie und schaut mich von unten an. »Danke, das war wirklich klasse von dir. Morgen bin ich leider nicht hier, da besuche ich einen Kumpel, der mit Oper nichts am Hut hat. Aber übermorgen komme ich in die Werkstatt und gebe dir alles zurück, mit Zins und Zinseszins!«

Dann wirft er mir eine Kusshand zu und verschwindet.

Jasper legt seine Gabel zur Seite, verzieht seine Mundwinkel zu einer Grimasse und sagt spöttisch: »Mit Zins und Zinseszins? Was der wohl darunter versteht? Noch mehr Gesülze vielleicht?«

»Du kriegst von mir jedenfalls keine Zinsen!«, sage ich wütend. Ich habe mir gerade die Zinsen vorgestellt, die ich gerne von Paul einfordern würde. Pauls Fingerspitzen, die meinen Rücken entlangwandern, mich dabei mit einem Eurostück sachte kitzeln. Dann würde er mich umdrehen und zehn glänzende Eurostücke mit seinem Mund auf meine nackte Haut legen ...

»Zinsen sind bei mir auch wirklich nicht nötig«, brummt mein Gegenüber und schiebt sich den letzten Brocken Hackfleisch in den Mund.

Wieso reißt er mich schon wieder aus meinen Fantasien? Na gut, er weiß nicht, woran ich denke, aber bitte – könnte er nicht einfach den Mund halten?

Ein Blick auf die große Kantinenuhr zeigt mir, dass ich einen Grund habe, ihm nicht länger zuzuhören. Meine Besprechung mit Erich fängt gleich an. Es geht um eine neue Oper, die auf dem Spielplan für dieses Jahr steht. Alcina von Händel. Als Erich mich gebeten hatte, alles über Alcina herauszufinden, dachte ich erst, dass er einen Scherz macht, denn Alcina ist eine Kosmetikmarke, die man nur in Frisörsalons kaufen kann. Aber dann habe ich im Theaterlexikon nachgeschaut und herausgefunden, dass Alcina eine Zauberoper von Georg Friedrich Händel aus dem Barock ist. Eine Zauberoper. Ich weiß nicht, was eine Zauberoper ist.

Ich weiß nur, dass heute ein Zaubertag ist.

4.

»Und wer herrscht in diesem Land?
Dies ist das Reich meiner Schwester,
der mächtigen Alcina.«
Alcina 1,1

Ich gehe durch die schummrigen Betonflure nach oben in das Maskenbildnerhauptquartier. Fühle mich wie ein mutierter Maulwurf, der die graue, abgestandene Luft zur Seite schaffen muss, um in den endlosen Gängen vorwärtszukommen. Am Anfang habe ich mich sehr oft verlaufen. Mittlerweile finde ich die Werkstatt für die Maskenbildner auf Anhieb.