KILIAN KLEINSCHMIDT MIT SÖREN KITTEL

TOD DEM HELFER

WIE EINE KALASCHNIKOW MEIN LEBEN VERÄNDERTE

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DuMont TRUE TALES

1. Auflage 2017

© 2017 DuMont Reiseverlag, Ostfildern

Alle Rechte vorbehalten

Umschlag- und Reihengestaltung: ZERO Werbeagentur, München

Umschlagillustration: GettyImages/Michele D’Amico supersky77

Fotos Innenteil: Duncan Willets

Vignette: FinePic/shutterstock

Autorenfoto: privat

eISBN: 978-3-7701-9899-3

www.dumontreise.de

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INHALT

Die Angst

Der Anfang

Der Tod

Die Stille und das Trauma

Epilog

Über den Autor

Einsätze und Projekte

Die Bilder

Leseprobe: Karma Highway

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Wenn ich schlafen will, kommen die Toten. Nicht jede Nacht, aber oft. Sie stehen dann im Dunkeln. Sie stinken, die verwesenden Leiber im Südsudan; die abgemagerten Kinder mit Fliegen auf den offenen Augen, die nicht mehr blinzeln; Menschen, die noch laufen, aber statt einem Arm haben sie einen sauberen Knochen, der aus der Schulter ragt – Schlangenbiss, gefolgt von Wundbrand. Ich sehe die Gesichter dieser Menschen, die wir nicht retten konnten vor ihren Verfolgern. Ich sehe die Augen einer Frau, die vergewaltigt wurde und ihre Ehre vor ihrer Familie verloren hat. Ich blicke in die Augen des abgetrennten Kopfes eines Selbstmordattentäters, der sich gerade in die Luft gesprengt hat. Ich sehe ein Dorf, das »gebrandschatzt« wird, so heißt das, wenn Menschen um ihr Leben rennen zwischen brennenden Hütten. Ich blicke in die Augen eines lokalen Beamten irgendwo an der Grenze zwischen Burundi und Tansania, der in all diesem Wahnsinn seinen Kopf zu mir dreht und ganz ruhig sagt: »Schau sie dir an, sie kennen nichts anderes als sterben, aber das können sie ganz gut.«

Ich schlafe seit Jahren schlecht. Sehr schlecht. Manchmal sind es drei Stunden. In guten Nächten sind es vier oder fünf, dann aber nicht zusammenhängend, in schlechten Nächten noch weniger. Am Wochenende können es auch sechs Stunden sein. Ich kann mich kaum erinnern, dass es einmal anders war. Ich habe alles probiert, Tabletten, Alkohol, Sex. Über die Jahre habe ich gemerkt, was mir wirklich hilft: ein Mindestmaß an Sicherheit. Nicht Geborgenheit, so weit will ich nicht gehen. Gibt es die denn? Nur eine Grundsicherheit. Ein Moskitonetz zum Beispiel, das mich vor Krankheiten schützt, ein Bett, das lang genug ist, damit meine Beine nicht über den Rand ragen. Seit ich ein Kind bin, denke ich: Sonst kommen die Schlangen. In Afrika kamen sie wirklich, die Schlangen. Kleidung brauche ich nicht. Wenn ich schlafe, dann schlafe ich nackt.

Jeden Morgen, meist ist es halb sechs, wenn ich aufstehe, freue ich mich, dass ich noch lebe. Und dann geht es weiter. Ich brauche meist zehn oder 20 Sekunden, um mich zurechtzufinden. Das geht vielen Menschen so. Seit dieser einen Nacht, von der ich erzählen will, weiß ich, dass diese Sekunden wertvoll sind. Es ist wie ein vorsichtiges Herantasten an sich selbst. Jeder Mensch ist morgens noch einmal ein Baby, das neu auf die Welt kommt.

Ich möchte erzählen, wie es angefangen hat. Wie der Horror in mein Leben kam, die Geister, die Toten und warum ich ihnen die Tür immer wieder weit aufgemacht, sie willkommen geheißen habe, wie alte Bekannte.

Die Nacht vom 6. auf den 7. Juli 1989 hat mein Leben verändert. Ich wurde überfallen, in Uganda, vier Menschen drangen in das Schlafzimmer ein, in dem ich mit meiner Frau lag, unser Baby schlief im Nachbarzimmer. Die Angst war allesüberwältigend, ein Gefühl, das — einmal hervorgerufen — sich auf alles legt, was man danach erlebt.

Ich war damals 26 Jahre alt und so etwas wie ein Abenteurer. Mein Vater hatte immer gewollt, dass ich studiere, stattdessen baute ich eine Schule im Busch. Jetzt bin ich doppelt so alt. Ich habe überlebt. Doch ich war lange auf der Suche nach Antworten: Welcher Teil von mir hat überlebt? Und vor allem — wozu?

Menschen, die lange im Busch gelebt haben, schaffen es, auf eine Art von Überfällen zu erzählen, die sie wie Helden dastehen lässt. Ich habe das immer bewundert, diese Stärke. Manchmal überhöre ich solche Gespräche auf Partys in Afrika. Ich frage mich dann, ob die Zuhörer nicht wissen, dass Überfälle eine Situation der absoluten Ohnmacht sind. So war es bei mir, und das ist bis heute vielleicht das Schlimmste daran. Aber ich korrigiere die Erzähler nicht. Ich müsste dies begründen. Und ehe ich es merken würde, würde ich dann doch die ganze Geschichte von dem Überfall erzählen und mit dem Satz enden: »Damals habe ich mit meinem Leben gebrochen.«

Aber was bringt das den Zuhörern auf einer Party? Kein Gin-Tonic schmeckt besser danach. Nein, ich rede nicht gern von diesem Gefühl der Ohnmacht. Von dem Nahtod. Ich gehe nicht gern an den Moment zurück, zur Angst, der unendlichen.

Ich gehe auch selten auf Partys inzwischen. Das Feiern verliert an Wert mit dem Alter. Zumal man weiß, was zur gleichen Zeit auf der Welt passiert. Genau jetzt. Ein Freund, der Arzt ist für den Kopf und für Gefühle, dieser Freund hat mir einmal gesagt: »Du musst akzeptieren, dass es verschiedene Welten gibt.« Wir haben uns in Belgien kennengelernt, in einer Zeit, als nicht einmal die vier Stunden Schlaf funktionierten und noch viel mehr nicht. Ich konnte es nicht verstehen, wie man in Belgien so ruhig leben und reden konnte, während nur ein paar Flugstunden entfernt jede Sekunde zählt, um ein Kind zu retten, um eine Vergewaltigung oder einen Selbstmordattentäter zu stoppen. Ich war damals zu einem Fest eingeladen, alle waren gut gekleidet, doch ich fand keinen Zugang zu dieser Art der Gesellschaft.

Ich wusste sofort, was er meinte, der Freund, die Sache mit den zwei Welten. Da ist die Welt, in der man früh aufsteht, Frühstück macht, zur Arbeit geht, nach dem Mittagessen der Freundin eine Nachricht schickt und am Abend dem Kind einen Kuss auf die Stirn gibt, damit es besser schläft. Es ist die Welt, in der man sagt »Alles wird gut« und es genauso meint.

Und dann gibt es meine Welt, in der das alles auf den Kopf gestellt wurde. Weil ich nicht mehr vergessen kann, dass genau jetzt, während ich das hier schreibe, und später, wenn es jemand liest, Dinge von unglaublicher Brutalität vor sich gehen, in syrischen Foltergefängnissen, libyschen Auffanglagern, nordkoreanischen Straflagern, meinetwegen auch auf italienischen Mafiaplantagen, von denen wir nur zu wenig hören. Wie können da Menschen in Anzügen durch graue Korridore laufen und denken, sie ändern etwas? Die erste Welt glaubt an Gerechtigkeit, die Welt, wie ich sie gesehen habe, kennt nur den Tod und die Angst davor. Beide Welten sind real, sagte mein belgischer Freund. Die Aufgabe sei es, trotzdem morgens aufzustehen und weiterzumachen.

Andere Menschen haben Nahtod-Erlebnisse, weil sie im Koma lagen oder weil sie eine schwere Verletzung überlebten. Ich war dem Tod nah, weil ich mit meinem Leben abgeschlossen hatte. So etwas kann man nicht rückgängig machen. Das alte Leben ist dann vorbei. Bei mir begann danach zum Glück ein neues Leben, aber es brauchte lange, ehe ich es lieben lernte. Ich glaube nicht an Gott, ich bete noch immer nicht. Ich glaube an Bilder, die sich einprägen. Für immer. Ich sammle Bilder – Extrembilder.