JAMES NESTOR

DIE TEUFELSTAUCHER

DIE UNGLAUBLICHE GESCHICHTE DER TIEFSEE-PIONIERE CHARLES UND JOHN DEANE

Aus dem Englischen von Martin Bayer

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DuMont TRUE TALES

1. Auflage 2017

2017 DuMont Reiseverlag, Ostfildern

© James Nestor for Epic Magazine / Copyright 2016 Epic Magazine

»Die Teufelstaucher« erschien erstmals unter dem Titel »Unfathomable« am 17. November 2016 im Epic Magazine.

Alle Rechte vorbehalten

Umschlag- und Reihengestaltung: ZERO Werbeagentur, München

Umschlagillustration: © FinePic/shutterstock

Autorenfoto: privat

eISBN: 978-3-7701-9908-2

www.dumontreise.de

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INHALT

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Epilog

Die Bilder

Über den Autor

Leseprobe: Schwarzes Wasser

Leseprobe: Karma Highway

Weitere fesselnde Geschichten

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Am Morgen des 29. August 1782 ankerte die HMS Royal George, ein kolossales Kriegsschiff mit fünf Decks und 108 Geschützen, am Spithead, unweit des Hafens von Portsmouth, dem bevorzugten Sammelpunkt der britischen Flotte.

Es war 9 Uhr, ein böiger Morgen, und an Deck herrschte rege Aktivität; das Schiff nahm Proviant für eine Reise zum Mittelmeer auf. Es sollte die französische und spanische Blockade vor Gibraltar brechen, wo eine für Großbritannien strategisch wichtige Garnison lag. Die britische Krone kämpfte an zwei Fronten: gegen alte Rivalen in Europa und gegen die Aufständischen in den abtrünnigen Kolonien jenseits des Atlantik. Der Einsatz der Royal George konnte entscheidend werden. Schnell und mit hoher Feuerkraft war sie eine der stärksten Waffen der britischen Marine, ein Ungetüm aus Eiche und Segeltuch und glänzenden Messingbeschlägen an Deck, das bereits in vielen Kriegen gekämpft hatte.

Im kabbeligen Wasser ging jetzt ein Boot längsseits, das Rumfässer anlieferte. An Bord waren Ehefrauen, die ihre Männer besuchten, Kinder, die sich von ihren Vätern verabschiedeten, und Händler, die Seeleuten billigen Schmuck und Taschenuhren verkauften. Auch »Spithead-Nymphen« mischten sich unter die Mannschaft, Mädchen, die Matrosen Liebesdienste anboten. Auf den Geschützdecks wurden derweil 50 schwere Kanonen auf die Mittellinie des Schiffs zurückgezogen, damit das Schiff eine leichte Schlagseite bekam. Die Rumfässer konnten dann leichter an Bord gehievt werden.

Aber die Royal George beließ es nicht bei einer leichten Schlagseite; sie krängte immer stärker. Lieutenant Philip Charles Durham, der Wachoffizier, bemerkte schließlich, dass die Mannschaft die Geschützluken nicht geschlossen hatte. Die waren unter Wasser geraten, und jetzt lief der Rumpf rasch voll. Sofort befahl er die Geschütze an ihre ursprünglichen Standorte zurück, aber es war bereits zu spät. Das einströmende Seewasser zog das Schiff auf die Seite.

Unter Deck brach Chaos aus. Die Kanonen rissen sich aus ihren Laschungen, rollten das schiefe Deck hinunter und zerschmetterten Hunderte Seeleute. Besucher und Mannschaft wurden von Strömen kalten Meerwassers eingeschlossen, das sich durch Gänge und Schlafräume ergoss. Die turmhohen Masten des Seglers krachten auf das Rumlieferboot und schlugen es entzwei. Diejenigen, die sich gerade auf dem Oberdeck aufhielten, gerieten in Panik: Seemänner, Frauen und Kinder sprangen ins Wasser, nur um sich sofort in der Takelage des Schiffs zu verfangen.

Das Schandeck versank in den schäumenden Wellen, dann das Oberdeck, das Vordeck und schließlich das ganze Schiff. Auf dem Meeresgrund in 25 Meter Tiefe blieb es aufrecht stehen. Nach zehn Minuten war alles vorbei: Nur die Masten ragten noch aus dem Wasser, wie Finger eines Ertrinkenden, der nach Halt sucht. Dieser Morgen ging als eine der schlimmsten Katastrophen in die Geschichte der britischen Marine ein – über 900 Menschen starben, Matrosen und Zivilisten.

Aber die Royal George wurde von den englischen Seefahrern keineswegs vergessen, auch wenn sie auf dem Meeresgrund lag. Jeder wusste, dass dieses Schiff ein Vermögen barg – den Gegenwert von 2,8 Millionen Dollar an Geschützen, Bauholz, Rum und Messinggeräten –, das dort im Schlick wartete, nur 25 Meter unter der Oberfläche. Bevor die Tauchtechnik erfunden war, bedeutete es jedoch ein tödliches Risiko, so tief hinabzutauchen. Trotzdem lockte der Schatz der Royal George weiterhin; besonders verführerisch wirkte er auf Männer, die verzweifelt nach einem Ausweg aus ihrem ärmlichen Leben suchten.

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Charles und John Deane, Brüder mit vier Jahren Altersunterschied, wuchsen in einer schmutzigen Hafengegend am Rande Londons auf; ehemals ein Fischerdorf an der Themse, das von Europas größter Stadt geschluckt wurde. Anfang des 19. Jahrhunderts bestand es aus einer Ansammlung von Schuppen und Kneipen, die sich auf einem übel riechenden Kai aneinanderreihten. Bei den Einheimischen hieß das Viertel Deptford Green, aber grün war hier nichts mehr. Werften, Schlachthöfe und Kerzenfabriken färbten die Gemäuer schwarz. Schauerliche Berühmtheit errang die Taverne, in der 1593 der berühmte Bühnendichter Christopher Marlowe erstochen worden sein soll.

Es war nicht ohne Ironie, dass die Familie Deane am Ende in einem Slum an der größten Werft Englands lebte. Ein Jahrhundert zuvor war Ururgroßvater Sir Anthony Deane einer der berühmtesten Schiffsbaumeister der Welt gewesen, ein führender Kopf beim Aufbau der britischen Marine unter Karl II. und Autor von Deane’s Doctrine of Naval Architecture von 1670, einem der frühesten und einflussreichsten Lehrbücher der Hydrodynamik. Sein Porträt hängt im National Maritime Museum von London. Sir Anthonys Flotte war es, die Großbritannien zur unumstrittenen Seeherrschaft auf den Weltmeeren machte und die anderen europäischen Mächte diesbezüglich an den Rand drängte. Eines seiner 16 Kinder, John Deane, festigte den Ruf der Familie, als er von Zar Peter dem Großen den Auftrag erhielt, die russische Marine aufzubauen.

Aber die Adelstitel und Landgüter der Deanes waren längst verloren und verprasst, als Charles und John geboren wurden. Ihr Vater schuftete als Kalfaterer auf der Werft und dichtete die Planken von Schiffen ab, die seine Vorfahren einst entworfen hatten. In ihrer Kindheit wurden die beiden Brüder von ihren Eltern als »Fürsorgezöglinge« in der Royal Hospital School angemeldet. Dort erhielten sie kostenlos eine gute Schulbildung, mussten allerdings danach sieben Jahre als schlecht bezahlte Seeleute dienen. Die Schule bereitete ihre 700 Mündel auf das harte Leben vor, das sie erwartete: Sie trugen Marineuniformen und mussten im Gleichschritt marschieren. Charles, der ältere der beiden Brüder, fuhr 1810 mit 14 Jahren in einem Handelsschiff aus. Drei Jahre später erhielt John einen begehrten Posten als Kapitänsdiener. Charles und John fuhren auf zahlreichen Schiffen und segelten schließlich gemeinsam nach Madras, Bombay und Macau – schwierige Routen, lange Monate vor schaukelndem Horizont auf dem Weg zu den Außenposten des sich ausdehnenden britischen Empire.

Während ihrer Dienstzeit in der Handelsmarine erlebten die Deane-Brüder die enormen Strapazen des Lebens auf See – zusammengepfercht mit Hunderten von Männern, bei schlechter Verpflegung, von den Wellen herumgeworfen. Sie überlebten Krankheiten und Katastrophen, sahen, wie Männer 300 Peitschenhiebe empfingen und wie andere auf See beigesetzt wurden. Und wie andere arme Matrosen, die nach England zurückkamen und an Portsmouth und der Royal George vorbeifuhren, träumten sie von den Reichtümern, die dort lagen.