MATTHEW SHAER

DER UNTERGANG DER BOUNTY

MAYDAY AUS DEM HURRIKAN SANDY – DIE GESCHICHTE EINER WUNDERSAMEN RETTUNG

Aus dem Englischen von Martin Bayer

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DuMont TRUE TALES

1. Auflage 2017

2017 DuMont Reiseverlag, Ostfildern

© Matthew Shaer for The Atavist Magazine / Copyright 2012 by Atavist, Inc.

»Der Untergang der Bounty« erschien erstmals unter dem Titel »The Sinking of the Bounty« am 29. Oktober 2012 im Atavist Magazine.

Alle Rechte vorbehalten

Umschlag- und Reihengestaltung: ZERO Werbeagentur, München

Umschlagfoto: FinePic/shutterstock

Autorenfoto: privat

Schiffsskizze: Damian Scogin, New York

eISBN: 978-3-7701-9911-2

www.dumontreise.de

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INHALT

Funkstille

Die Entscheidung

Verhext

Vorbereitungen

Im Hurrikan

Mayday

Kieloben

Der Sprung

Bitte kommen!

Die Anhörung

Der letzte Experte

Segel und Salzwasser

Über den Autor

Die Bilder

Weitere fesselnde Geschichten

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»Und war es denn nicht die beste Zeit damals, als wir jung waren und zur See fuhren, jung waren und nichts hatten, auf dem Meer, von dem man nichts bekommt außer harten Schlägen – und manchmal eine Gelegenheit, die eigene Stärke zu spüren ...«

Joseph Conrad, »Jugend«

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Montag, 29. Oktober 2012

5 Uhr 30

Zweihundert Meter über dem Atlantik drückte sich Randy Haba, Unteroffizier bei der US-Küstenwache, in den hinteren Sitz des Jayhawk-Hubschraubers und wartete darauf, dass das havarierte Schiff in Sicht kam. Vor dem Fenster sah er die Wellenkämme und einen Haufen Trümmerstücke, der sich bereits in allen Richtungen zum Horizont hin ausgebreitet hatte – wurmartige Taurollen, scharfkantige Bruchstücke von Holzmasten, Fetzen von Segeltuch. Die Phosphor-Bildschirme seines Nachtsichtgeräts Typ ANVIS-9 ließen die Meeresoberfläche neongrün aussehen – ein stumpfes, einheitliches Grün, das in das Graugrün der Wolken und Gelbgrün des Himmels überging. In diesen Farbflächen konnte man kaum Entfernungen abschätzen, geschweige denn das Blinken des an einem Seenotrettungsanzug montierten Lichtsignals ausmachen, das die Jungs oben in der C-130, einem militärischen Transportflugzeug, irgendwo in der vom Sturm aufgewühlten See gesehen haben wollten.

Haba spürte, wie der Hubschrauber bockte, bevor er in den Schwebeflug überging. Die Windgeschwindigkeit betrug fast 150 Kilometer pro Stunde; der Pilot, Lieutenant Commander Steve Cerveny, kämpfte mit dem Steuerknüppel. »Links«, rief Lieutenant Jane Peña, die Sicherheitspilotin, in ihr Mikrofon. »Sehen Sie‘s?«

»Roger«, bestätigte Haba, der Rettungsschwimmer des Teams. Er legte das Nachtsichtgerät beiseite, zog sich die Tauchflossen an die Füße, setzte den Helm auf, legte Taucherbrille und Schnorchel an und zuletzt die dicken Neopren-Handschuhe. Er überprüfte die Halsdichtung seines feuerhemmenden Taucheranzugs und die Taschen über dem Gurtzeug, in denen Signalfackeln, ein Funkfeuer und ein sehr scharfes Springmesser steckten.

Haba, ein Zwei-Meter-Mann und ehemaliger High-school-Football-Star mit stahlblauen Augen und wettergegerbtem Gesicht, war seit über acht Jahren auf dem Luftstützpunkt Elizabeth City in North Carolina stationiert, den Großteil seiner Dienstzeit bei der Küstenwache. Er hatte schon an vielen Rettungseinsätzen vor Kap Hatteras teilgenommen, in einem gefährlichen Gebiet, das Generationen von Seefahrern den »Friedhof des Atlantik« nannten. Dort draußen, jenseits der pastellfarben gestrichenen Ferienhäuser und salzverkrusteten Schuppen der Krabbenfischer, stößt der kalte Labradorstrom vom Nordatlantik her auf die warmen Gewässer des Golfstroms. Heftige Stürme mit schwerem Wellengang sind die Folge. In diesen Wellen werden ganze Schiffe einfach verschluckt.

Einen solchen Einsatz aber hatte Haba noch nie erlebt. Vor anderthalb Stunden döste er auf einem zerknautschten Ledersofa im Stützpunkt, als der Notruf kam: 160 Kilometer östlich Elizabeth City war ein großes Holzschiff mit 16 Mann Besatzung in Seenot. Die Lenzpumpen waren ausgefallen, und es trieb genau in den Weg von Hurrikan Sandy, einem gewaltigen Sturm, der gerade über der Küste North Carolinas brodelte. Haba war nach unten getrabt, um sich mit seinen Kameraden von der Hubschrauberbesatzung zu besprechen. Ein Offizier aus dem Lagezentrum hatte ihnen ein Bild des Havaristen aus Google Images ausgedruckt. Erst da begriff Haba, wie seltsam dieser Morgen werden sollte. Das Holzschiff, dem sie zu Hilfe eilen würden, war nämlich weder eine Jacht noch ein Schoner. Es sah aus wie ein Piratenschiff.

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Die Bounty war der funktionstüchtige Nachbau eines Vollschiffs gleichen Namens aus dem 18. Jahrhundert und 50 Jahre zuvor als Kulisse für einen Film in Auftrag gegeben worden. Sie hatte eine Kiellänge von 37 und eine Höhe von 40 Metern, gemessen vom Kiel bis zum Großmasthaupt. Die Segelfläche ihrer drei Masten betrug fast 1000 Quadratmeter. Einige Tage zuvor war sie unter dem Kommando von Robin Walbridge, einem Vollschiff-Käpt‘n alter Schule, aus New London, Connecticut, ausgelaufen. Sie hatte den Sturm zuerst auf östlichem Kurs weitgehend umfahren wollen, aber schließlich hatte Walbridge Kurs Südwest gesetzt, mitten in den Sturm hinein, in Richtung auf die Küste. Bis um 4 Uhr morgens, als die Mannschaft das Schiff aufgegeben hatte, stand sie in Funkkontakt mit einer C-130, die immer noch in 300 Metern Höhe über ihr kreiste. Seitdem herrschte Funkstille.

Wie viele Überlebende es gab, wusste niemand. Die Besatzung der C-130 hatte mindestens einen Menschen inmitten der Trümmer auf dem Wasser treiben sehen – eine winzige Gestalt in einem Seenotrettungsanzug mit einem Blinklicht auf der Brust. Der Versprengte, so nannten sie ihn. Vielleicht war er schon tot, eine Wasserleiche. Vielleicht aber auch nicht. Haba würde es herausfinden. Er hakte sich an der Seilwinde ein, gab dem Flugmechaniker das O.K.-Zeichen und fiel, während sich das Kabel sirrend hinter ihm abspulte, den Wellen entgegen.

Beim Aufschlag schluckte er Wasser. Er schwamm gegen die Strömung und gegen den Wind, und es war auch nicht gerade hilfreich, dass Cerveny mit dem Hubschrauber so tief gegangen war. Der Rotorwind war spektakulär, der Lärm übertönte alle anderen Geräusche. Haba kraulte wie wild, und eine Minute später hatte er den Versprengten erreicht. Die Kopfhaube des Rettungsanzugs war fest zugezogen. Haba sah nur das Gesicht, das Wunden aufwies. Die Haut war blass, die Wangen eingefallen. Ein Arm hing schlaff herunter.

Mühsam zog Haba den anderen Arm des Mannes durch die Rettungsschlinge und drückte den Mann dicht an sich. Manchmal wehren sich Überlebende verwirrt oder in Todesangst gegen den Rettungsschwimmer, obwohl das natürlich die sicherste Methode ist, um zu ertrinken, wie die Einsatzkräfte immer wieder betonen. Aber der Versprengte rührte sich kaum, er konnte sogar kaum sprechen, und Haba hatte ihn ziemlich schnell unter die Seilwinde bugsiert. Er gab dem Mechaniker das Zeichen zum Hochziehen und wartete darauf, dass das Drahtseil sie aus dem Wasser hob. Unter dem Jayhawk, der jetzt in den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne leuchtete, versank das Vollschiff Bounty im aufgewühlten Meer.

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Donnerstag, 25. Oktober

11 Uhr

Es amüsierte die Besatzung der Bounty – eine bunte Mischung aus Rentnern, bärtigen und tätowierten Männern in den Zwanzigern und solchen in der Midlife-Crisis, die sich neu erfinden wollten – jedes Mal aufs Neue, wenn den Marinesoldaten beim Anblick der 34 Meter hohen Masten die Knie weich wurden. Die Seeleute der Bounty kannten jeden Zoll der Takelage von den Wanten bis zu den Toppen, aber für die Crew des Atom-U-Boots, das hier in New London lag und die an Bord gekommen war, um einen Nachmittag lang in der Handhabung eines klassischen Seglers unterrichtet zu werden, bedeutete das Neuland. Nur wenige hatten am Schluss der Demonstration genug Mumm, sich das Gurtzeug umzuschnallen und selbst in die Toppen zu klettern, obwohl das Wetter ruhig war, der Himmel bedeckt und angenehme vierzehn Grad herrschten.

Später an diesem Tag, nachdem sich die U-Boot-Leute verabschiedet hatten, hielt Kapitän Robin Walbridge eine kurze Vollversammlung der Besatzung ab. Walbridge war ein zurückhaltender Typ, aber wenn er zu den Männern sprach, gab er sich immer ruhig und selbstsicher. Er spähte über seine Brillengläser und unter dem Schirm seiner Baseballmütze hervor, als er das Programm für die nächsten beiden Wochen bekannt gab. Die Bounty würde noch am Abend aus New London auslaufen – an einem Freitag Segel zu setzen, brachte bekanntlich Unglück – und Kurs Süd nehmen. Schafften sie 160 Kilometer pro Tag, konnten sie Florida problemlos in der zweiten Novemberwoche erreichen.

Dort würden sie St. Petersburg anlaufen und einen Segeltörn für Mitglieder einer Hilfsorganisation für Menschen mit Downsyndrom veranstalten. Vielleicht reichte die Zeit noch für eine Wartungsinspektion in Key West, wo die Mannschaft schwimmen, die Bars abklappern und sich erholen konnte von einer Fahrt, die jetzt sicher anstrengend sein würde. Mitte November würde die Bounty schließlich Florida hinter sich lassen und quer durch den Golf von Mexiko den texanischen Hafen Galveston anlaufen, wo sie überwintern sollte.

Walbridge war 63 Jahre alt, mit zerzaustem Silberhaar und massigen Händen voller Schwielen. Seine Berufung als Seemann hatte er erst spät gefunden, nach vielen Einsätzen auf Bohrinseln und einem kurzen Zwischenspiel als Fernfahrer. Er stammte aus St. Johnsbury, einem abgeschiedenen Städtchen in Nordost-Vermont und behauptete, schon mit 18 zur See gefahren zu sein. Allerdings sprach er über diese Phase seines Lebens nicht gern, und wenn ihn ein Crew-Mitglied nach seinem Alter fragte, nannte er jedes Mal eine andere Zahl. Vielleicht lauerte eine schmerzliche Erinnerung in seiner Vergangenheit, vermuteten die Männer. Vielleicht aber redete Walbridge auch einfach lieber über seine Schiffe.

Er war im Lauf zweier Jahrzehnte auf vielen gefahren, und alle waren auf die eine oder andere Art nostalgisch: zuerst die Governor Stone, ein Schoner aus dem 19. Jahrhundert, dann die HMS Rose, ein Vollschiff-Neubau aus den 1970er-Jahren nach Bauplänen der britischen Royal Navy aus dem 18. Jahrhundert; und schließlich die berühmte, von George Washington persönlich getaufte Fregatte USS Constitution, auf der Walbridge als Gastkapitän in den 1990ern zeitweise das Kommando geführt hatte. Seine wahre Liebe aber war die Bounty, ein Großsegler, dessen Skipper er seit 1995 war.

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