NED ZEMAN

DER KÖNIG DER PINGUINE

EIN MANN UND SEINE SUCHE NACH DEM GRÖSSTEN MOMENT SEINES LEBENS

Aus dem Englischen von Claudia Buchholtz

image

DuMont TRUE TALES

1. Auflage 2017

2017 DuMont Reiseverlag, Ostfildern

© Ned Zeman for Vanity Fair / Copyright Condé Nast Publications

»Der König der Pinguine« erschien erstmals unter dem Titel »Death Among the Emperors« am 1. Januar 2010 in der amerikanischen Ausgabe der Vanity Fair.

Alle Rechte vorbehalten

Umschlag- und Reihengestaltung: ZERO Werbeagentur, München

Umschlagillustration: © GettyImages/Mlenny, FinePic/shutterstock

Vignette: FinePic/shutterstock

Autorenfoto: privat

Fotos im Innenteil: Bruno P. Zehnder, New York City; © Guido W. Zehnder

Bildauswahl in Zusammenarbeit mit Charlotte Schneider und Charly Hochstrasser

eISBN: 978-3-7701-9913-6

www.dumontreise.de

image

INHALT

Eis

Liebe

Schönheit

Schatten

Stille

Licht

Über den Autor

Die Bilder

image

An einem eiskalten Morgen erblickt ein Kaiserpinguin das Licht der Welt. Das Küken ist 15 Zentimeter groß, ein drollig watschelnder Wattebausch mit kleinen Flossen statt Flügeln. Ringsherum, soweit es sehen kann, stehen die älteren Mitglieder seiner Gemeinschaft, ein paar Tausend Tiere. Erwachsene Kaiserpinguine, die sich durch ihre enorme Größe und orangegelbe Ohrflecken auszeichnen, reichen einem Menschen bis zur Hüfte und bringen, nachdem sie sich den ganzen Sommer lang mit Fisch und Krill voll gefressen haben, bis zu 45 Kilo auf die Waage. Die Pinguine der Kolonie waren bereits vor mehreren Monaten von ihren Sommer-Nahrungsgründen zurückgekehrt, trompetenartige Rufe ausstoßend und unter großem Palaver lauthals zankend und zeternd auf dem Bauch geschlittert und gerutscht und über die eigenen Füße gestolpert. Um ihre kurzen Schwanzfedern zu richten, tanzten sie sogar ein wenig Pogo.

image

Es ist der 7. Juli 1997, tiefer Polarwinter, und wir befinden uns an der zerklüfteten Küste der Ostantarktika, gut 2500 Kilometer nördlich des Südpols und knapp 4000 Kilometer südwestlich der nächstgelegenen Stadt, dem tasmanischen Hobart. Zivilisation gibt es hier nicht – keine Straßen, keine Autos oder Boote, keinen Strom, lediglich gefährliche Klippen und Spalten und eine rosarot-marmorierte Sonne, die den Horizont fünf Stunden lang einfärbt, um dann für 19 Stunden wieder komplett zu verschwinden. Die Temperatur fällt auf minus 45 °C, der Wind pfeift mit knapp 180 Kilometern pro Stunde durch die Gegend. Sie zählt zu den stürmischsten des Planeten, und so entsteht die öde, schneesturmgepeitschte Landschaft, die Jack London, der Urvater aller polaren Mythen, »die weiße Stille« nannte. Nur wenige andere Vogelarten und Meerestiere können hier überleben neben dieser Armee von Kaiserpinguinen, die über ihre Eier – etwas größer als Tennisbälle – wachen und auf ein kleines Wunder hoffen.

Die Schalen brechen eine nach der anderen auf, und graue Knäuel kommen zum Vorschein. Damit ist der hart erkämpfte Ruf des Kaiserpinguins für ein weiteres Jahr gewahrt. Kaiserpinguine sind die zähesten Vögel von allen; sie schaffen es, sich in einem Klima warm zu halten, in dem selbst der robuste Vielfraß eingehen würde. Der beste Beweis dafür ist das Küken des Kaiserpinguins – des einzigen Pinguins, eigentlich des einzigen Tieres überhaupt, das es wagt, im tiefsten antarktischen Winter auf die Welt zu kommen. Der kleine Bursche – nicht mal ein Pfund schwer – taumelt im Wind, dreht das Köpfchen und spürt keinen Schmerz.

Kurz nach Mittag entdeckt das Küken etwas: eine verschwommene Gestalt am Horizont. Ein breitbrüstiger, rotgesichtiger Mann in einer grünen Jacke mit pelzgesäumter Kapuze, eine rote Mütze mit Ohrenklappen auf dem Kopf, stapft immer näher. Er keucht und trägt einen Rucksack. Der Mann heißt Bruno Zehnder, und für ihn, der knapp 21 000 Kilometer gereist ist, um hierherzukommen, ist es genau der richtige Zeitpunkt, um mitten im Nirgendwo zu sein. Das Wetter ist recht mild: Die Temperatur liegt bei –11 °C, der Wind weht mit 35 km/h, die Sichtweite beträgt zwei Kilometer.

Zehnder läuft seit etwa 40 Minuten auf dem festgedrückten Schnee, jeder Schritt ist heikel und erfordert Instinkt, Konzentration und Glück – man weiß hier nie, wann eine versteckte Spalte das Fußgelenk umknicken lässt oder jemanden komplett verschluckt. Zehnders Weg führt von Mirny, der russischen Forschungs- und Versorgungsstation, die ihm zur geistigen Heimat geworden ist, nach Norden, und er geht so lange, bis ihm die trockene Luft den scharfen, fischigen Geruch von Pinguinen zuträgt. Nur knapp zweieinhalb Kilometer liegen zwischen Mirny und der Pinguinkolonie, aber das ist ungefähr so, wie wenn man sagte, von San Francisco nach Alcatraz müsse man bloß über die Bucht. Nicht zufällig erinnert ein Friedhof auf der winzigen Buromski-Insel zwischen den beiden Orten an Dutzende Bewohner der Mirny-Station, die in der Kälte ihr Leben verloren. Die Russen, raubeinige Kerle, die zu wodkaseligen Ausschweifungen ebenso neigen wie zu gefährlichen Mutproben, stehen Zehnders Pilgerfahrten gleichermaßen belustigt wie irritiert gegenüber, und das aus gutem Grund. Der nervöse Fotograf, der endlos in sein Notizbuch kritzelt, ist der erste westliche Gast, der auf der ruppig-russischen Station lebt. Alles, was er macht, ist ein bisschen wie Theater. Sie nennen ihn den Pinguin-Mann. Bruno, den Pinguin.

Zehnder lässt seinen Rucksack fallen und nähert sich den Pinguinen. »Güt aftach-noon«, begrüßt er sie auf Englisch, mit schweizerdeutschem Akzent. Die Pinguine, die ihre dünnen Schnäbel in den Himmel recken, mustern den Eindringling. Klark! rufen sie.

image

Zehnder öffnet seinen Rucksack und zieht vorsichtig und ganz langsam Stativ, Film und seine 35-mm-Kamera heraus, um seine Foto-Motive nicht zu verschrecken. Er besitzt eine Nikon von 1974, ein klobiger Fotoapparat der alten Schule, anderthalb Kilo Edelstahl, auf die eine kleine Schweizer Flagge aufgeklebt ist. Als Zehnder in die Knie geht und sich später auf den Bauch legt, halten die Pinguine höflich Abstand. Auf die Ellbogen gestützt, beginnt er, die Vögel zu fotografieren, die sich bei jedem Klicken des Verschlusses ein bisschen aufplustern. Von den Naturgewalten unbeeindruckt, stehen sie da und drehen nur den Kopf, er fotografiert sie aus allen möglichen Perspektiven und in allen Stellungen: Pinguine gegen den Himmel, Pinguine aneinandergekuschelt, Pinguine, ihre Küken fütternd. Er will hier ausharren, bis er das Eine bekommen hat, das er sich mehr als alles andere wünscht: die »perfekte« Aufnahme eines Kaiserpinguin-Kükens im Augenblick des Schlüpfens. Es ist seine 21. Reise in die Antarktis, und wenn er am Ziel ist, so schwört er sich, wird er den Kontinent für immer verlassen.

Eine Stunde lang arbeitet er planmäßig, dann unterbricht eine gedämpfte, geisterhafte Stimme die Stille. »Bruno«, sagt die Stimme. »Bruno, bitte. Over.« Die Stimme, die aus einem Funkgerät in Zehnders Rucksack dringt, gehört Wladimir Popow, einem Geophysiker von der Mirny-Station, den alle »Wowa« nennen, eine Verballhornung seines Kosenamens Wolodja. »Du solltest zurückkommen«, sagt Popow in einem Englisch, das durch einen starken russischen Akzent geprägt ist.

»Och, ich kann nicht«, antwortet Zehnder. »Ich muss meine Arbeit beenden. Ich habe heute ein schönes Foto geschossen.«

Popow drängt ihn erneut, schleunigst zur Mirny-Station zurückzukommen. »Na gut«, sagt Zehnder zögerlich. Inzwischen haben die Pinguine angefangen, die Reihen zu schließen und den Kreis enger zu ziehen, bis sie einen lückenlosen Pulk bilden, fest aneinandergeschmiegt gegen die Kälte – ein untrügliches Zeichen, dass schlechtes Wetter naht. Zehnder rafft seine Habseligkeiten zusammen, wendet sich Mirny zu und stapft los.

image

World Factbook