SAM BORDEN

DIE EWIGEN CHAMPIONS

CHAPECOENSE – DAS TRAGISCHE ENDE EINES FUSSBALL-TRAUMS UND SEIN NEUBEGINN

Aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn

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DuMont TRUE TALES

1. Auflage 2017

2017 DuMont Reiseverlag, Ostfildern

© Sam Borden 2017

»Die ewigen Champions« erschien erstmals unter dem Titel »Eternal Champions« am 9. Juni 2017 in ESPN The Magazine, Ausgabe 26.

Alle Rechte vorbehalten

Umschlag- und Reihengestaltung: ZERO Werbeagentur, München

Umschlagillustration: GettyImages/Buda Mendes

Autorenfoto: privat

eISBN: 978-3-7701-9915-0

www.dumontreise.de

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INHALT

Die Angst des Platzwarts

Der Gott im Tor

Die Katastrophe

Weitermachen, irgendwie

Auferstehung

Nachbemerkung

Die Bilder

Über den Autor

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Der Regen läuft Chiquinho in die Hosentaschen. Er rinnt ihm über die Schultern. Er durchweicht seine Schuhe. Der Regen ist so laut, dass er die Musik fast nicht hört. Der Regen ist so dicht, dass er die Särge kaum erkennen kann.

Chiquinho versucht, sich zu konzentrieren. Er hat eine Aufgabe hier. Er ist der Platzwart. Er kümmert sich um den Rasen und das Spielfeld. Dieses Stadion ist sein Zuhause. Die Vereinsmitglieder sind seine Freunde.

Danilo, einer der Torhüter, scherzte gerne über den kahlen Flecken ganz am Ende des Felds. Obwohl Chiquinho den Rasen ständig mähte und düngte und in der warmen brasilianischen Sonne wässerte, wuchs dort einfach kein Gras. »Wo ist denn der Rasen?«, fragte Danilo mit einem spöttischen Funkeln in den Augen, und Chiquinhos wettergegerbtes Gesicht durchzogen noch ein paar Furchen mehr.

Anderson Paixão, einer der Trainer, unterhielt sich mit Chiquinho des Öfteren über den streunenden Hund, den Chiquinho vor ein paar Jahren draußen vor dem Stadion gefunden hatte. Der Hund war verletzt und winselte – ein Junge aus der Nachbarschaft meinte, er sei wohl von einem Auto angefahren worden –, und Chiquinho und seine Leute nahmen ihn auf. Er gab dem Hund getrocknetes Fleisch und kaufte Medikamente für ihn. Sie kraulten seinen Bauch und säuberten sein schwarzes Fell. Sie besorgten eine Leine und bauten ihm draußen neben dem Geräteschuppen eine kleine Hütte. Sie nannten ihn Pitico, was übersetzt so viel bedeutet wie »etwas Kleines«.

Vor dem Training spielte Paixão gerne mit Pitico, sie scherzten und rauften miteinander, Paixão kickte ein paar Bälle, denen Pitico nachjagte, doch viel mehr als die Bälle interessierten den Hund die Vögel, die im Tiefflug unterwegs waren. Pitico beschnüffelte Paixão, Paixão gluckste freudig, und Chiquinho, der dem Treiben der beiden zuschaute, machte ein paar Fotos mit seinem Handy, Fotos, die er sich auf der langen Busfahrt am Abend nach Hause anschauen konnte. Auch von den Spielern machte Chiquinho vor jedem Match Fotos.

Aber jetzt ist Pitico nicht da. Und Paixão, Chiquinhos Freund, kommt in einer Kiste auf ihn zu, und auch Danilo liegt in einer solchen Kiste, und das Wasser, das Chiquinho schon den ganzen Tag den Nacken herunterläuft, dringt plötzlich von unten durch den Rasen aufs Spielfeld, so als hätte man in der Badewanne den Abfluss versperrt. Es bilden sich riesige Pfützen, überall spritzt Wasser, und Chiquinho, der Platzwart, bekommt es mit der Angst zu tun.

Zehntausende Menschen schauen zu, wie brasilianische Soldaten einen Sarg nach dem anderen hereintragen. Die Särge sind schwer. Was, wenn einer der Soldaten, die Danilo oder Paixão tragen, ausrutscht? Was, wenn ein Sarg in den Dreck fällt?

Chiquinho darf das nicht zulassen. Das sind heute fünfzig Särge. Fünfzig. Und es ist Chiquinhos Spielfeld. Er hat sogar die Blumenkränze drapiert und die Banner am Metallzaun angebracht. Er hat keine Erfahrung mit Kränzen oder Farben oder Bannern, aber er wollte, dass es schön aussieht. Er wollte, dass es respektvoll aussieht. Er weiß, die Särge müssen trocken bleiben. Er muss die Wassermassen stoppen.

Während die Prozession weitergeht, läuft er ans hintere Ende des Stadions. Dort irgendwo muss etwas verstopft sein. Wieder mal eines der Abflussrohre. Er zieht die Schultern ein und schlüpft in den Betonschacht unter den Tribünen, wo all die Rohre verlaufen. Es ist ganz still dort drin: Nichts läuft ab.

Chiquinho klopft auf eines der Rohre, vielleicht kann er hören, welches Ventil verstopft ist. Er klopft auf noch ein Rohr und noch eines, links, rechts, immer schneller, um so viele wie möglich zu überprüfen. Er findet nicht heraus, welches verstopft ist. Er schlägt mit seiner Hand gegen die Rohre. Seine Wangen sind ganz nass.

Er hat keine andere Wahl. Chiquinho greift sich eine Säge und beginnt. Er sägt ein Rohr durch, ein zweites, ein drittes, er zerstört das ganze Abflusssystem. Er schneidet in noch ein Rohr. Und noch eines. Und noch eines. Das Sägeblatt wirbelt nur so herum.

Endlich findet Chiquinho das richtige Rohr. Überallhin ergießt sich eine dreckige Brühe. Seine Hose, sein Hemd, alles ist klatschnass. Chiquinho zwängt sich aus dem Betonschacht und läuft zurück aufs Spielfeld. Die Wasserlachen auf dem Rasen verschwinden allmählich. Er atmet auf.