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PIA STEIN, lernte Bankkauffrau, war lange Zeit im Management einer Bank tätig und ist seit 14 Jahren selbständig. Ihr Erstlingswerk »Drei Generationen auf dem Jakobsweg« ist 2011 im Fischer Verlag erschienen. Seit zwei Jahren ist sie außerdem Mitglied bei den Chiemgau Autoren.

Pia Stein

SCHLIMMER GEHT IMMER

oder
In der Hölle war ich schon

Roman

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Oktober 2017

© 2017 Buch&media GmbH, München

Umschlaggestaltung Johanna Conrad

Printed in Germany

isbn print 978-3-95780-097-8

isbn epub 978-3-95780-098-5

isbn pdf 978-3-95780-099-2

1. Kapitel

Ich öffne meine Augen und denke, weit hast du’s gebracht, ganz weit, meine Liebe! Ich hasse dieses Leben und ich hasse mich! Und was ich noch hasse, das bist du! Was hast du mir angetan? Dann dreh ich meinen Kopf zur Seite und sehe wieder diesen abgrundtief hässlichen Raum, der bis in jede Ritze vergraut ist.

Schon wieder ist es morgens, genauer gesagt fünf Uhr. Wieder sehe ich mich um in diesen meinen vier Wänden. Ich sehe nach oben und sehe den an der abgewetzten Stange baumelnden Galgen über meinem Gesicht hängen. Meine armselige und bis auf die Knochen abgemagerte, leichenblasse Gestalt liegt flach wie ein Brett unter der Bettdecke. Eine weiße Nachtkonsole mit einem mehr als schäbigen Plastikbecher und einer Flasche Wasser darauf steht zu meiner Rechten und eine dreiteilige spanische Wand, die mit einem rissigen und mit Flecken übersäten Stoff bezogen ist, zu meiner Linken. Hinter dieser grauenhaften Wand befindet sich ein weiteres Bett aus ursprünglich weißem, aber über die Jahre vom vielen Benutzen und Desinfizieren abgeblättertem Metall. Der Bettbezug gleicht meinem – die gleiche verwaschene, gelblich-grau verfärbte Bettwäsche. Das Bett ist leer und wartet auf die nächste Belegung durch eine Person, die wie ich die Arschkarte im Leben gezogen hat.

Seit einer gefühlten Ewigkeit, wie lange genau weiß ich nicht, liege ich nun hier in diesem überaus grausigen Zimmer. Alleine und vom Glück verlassen! Am Fußende meines Bettes steht ein kleiner dunkelbrauner Holztisch mit zwei alten Plastikstühlen, die auch schon bessere Zeiten gesehen haben. Über dem Tisch hängt ein wirklich schönes Kruzifix, aus Holz gearbeitet, und daneben leider ein geschmackloses buntes Bild, das im Laufe der Jahre, in denen es hier bereits hängen muss, genauso verblasst ist wie das gesamte Zimmer. Das Motiv des Bildes, wie sollte es anders sein, ein Stillleben! Wie passend für mich und meine derzeitige Situation. Stillleben oder Stillstand, wo ist da der Unterschied?

Wie jede Nacht drehten sich auch in der vergangenen Nacht meine Gedanken wieder und wieder im Kreis. Jetzt hämmert es in meinem Kopf. Immer wieder drängt sich die gleiche Frage auf, unaufhörlich, wie eine alte, hängen gebliebene Langspielplatte aus den Achtzigern, immer wieder die gleiche Frage! Die Frage nach dem Warum.

Warum hast du das getan, dabei dachte ich, du liebst mich? Jetzt aber weiß ich, dass du nur dich liebst! Du hast mir mein Herz herausgerissen, du egoistisches Stück Scheiße.

Jede Faser meines Körpers zieht sich schmerzlich zusammen. Wie gerne würde ich einfach nur schreien, meinen Gefühlen freien Lauf lassen. Jammern, flehen, fluchen, schreien, aber nicht einmal das ist mir noch gegönnt. Ich habe das Gefühl, ich ersticke an meiner eigenen Wut. An meiner Wut auf dich! Kein Wort kommt seit damals mehr über meine Lippen. Du hast mir alles genommen. Auch wenn ich mich noch so bemühe, ich habe alles verloren. Nicht einmal meine Sprache ist mir noch geblieben. Was mache ich hier? Ich habe keine Kraft mehr. Wie konnte mir mein Leben so entgleiten? Warum ist das alles passiert? Warum ist alles so gekommen? Warum passiert das ausgerechnet mir? War ich zu sehr auf Sicherheit bedacht? Ich habe gerne und hart gearbeitet und damit ehrlich meinen Lebensunterhalt verdient. Ich habe niemandem etwas Böses getan! Jedenfalls nicht wissentlich und schon gar nicht absichtlich. Und vor allem niemals dir!

Ich habe in meinem Beruf vielen Menschen geholfen, nicht nur indem ich sie als Physiotherapeutin einfach nur massierte, nein, ich habe ihnen auch zugehört, mir ihre teils harten und verfahrenen Lebensgeschichten angehört. Nicht halbherzig, sondern mit meinem ganzen Herzen. Ich hatte meine Wohnung, in der ich mich immer wohlfühlte. Meine kleine, gemütliche und kuschelige IKEA-Oase, die mir über eine weite Strecke meines Lebens Zuflucht und Geborgenheit vermittelte. Ich hatte Carsten, der frühmorgens immer aussah wie eine kleine schielende Wühlmaus! Carsten, meinen Lebensabschnittsgefährten, mit dem ich lachen, aber auch weinen konnte. Warum? Warum? Warum?

Ich mache mir große Vorwürfe. Ohne meinen brennenden Kinderwunsch hätte ich ein ruhiges Leben an Carstens Seite haben können. Ich habe das Gefühl, als hinge eine riesige Anklageschrift über mir, anstatt über ihm! So als stünde ich vor dem europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Selbstvorwürfe und Selbstzweifel überfallen mich immer und immer wieder. Warum habe ich so versagt? Wie komme ich aus dieser Anklage mit heiler Haut heraus?

Bin ich wach oder träume ich? Vielleicht werde ich gleich aufwachen und alles ist nur ein schrecklicher Albtraum gewesen. Hilfe, lieber Gott, hilf mir aus meiner großen Not! Ich bitte dich inständig. Es heißt doch immer, man kann nicht tiefer fallen als in Gottes Hand. Aber wo ist diese Hand?

2. Kapitel

Die grausame Realität holt mich erneut ein, wie jeden Tag. Mittlerweile ist es sechs Uhr und wie immer um diese Uhrzeit öffnet sich von außen ganz leise die Tür. Herein kommt, täglich um diese Zeit, fast gespenstisch eine weißbekleidete, zierliche Frau auf leisen Sohlen. Ihre Füße stecken in federleichten weißen Turnschuhen mit den drei schwarzen Streifen darauf. Sie bewegt sich langsam und leise wie eine Katze auf mein Bett zu und legt mir die Pillendose mit der Aufschrift »morgens, mittags, abends, nachts« auf meinen Nachttisch. Jeden Morgen schenkt sie mir diesen liebevollen, aber zugleich mitleidigen Blick. Ich kann diesen trauernden Blick einfach nicht mehr ertragen. Sie wünscht mir einen guten Morgen, fragt mich mit leiser, aber sehr rauer Stimme freundlich und liebevoll nach meinem Befinden, ohne eine Antwort zu erwarten, da sie weiß, dass ich ohnehin nicht antworten kann, weil ich meine Stimme verloren habe. Zeitgleich hält sie mir die erste Ration Tabletten zusammen mit einem Glas Wasser vor den Mund. Wie jeden Morgen! Das geht jetzt seit Wochen oder Monaten so. Ich weiß es nicht mehr! Ich habe keinerlei Zeitgefühl mehr. Ich nehme die Tabletten und das Wasserglas ohne ein Wort an mich und schlucke diese Scheißtabletten. Immer wieder denke ich, wenn ich doch nicht mehr wach werden würde. Können die mich nicht einfach betäuben oder besser noch ins Koma versetzen? Ich möchte aufhören zu denken, noch besser zu atmen. Ich fühle mich, als wäre ich bereits tot. Eingesperrt in meinem verfluchten Körper und in diesem schrecklichen Kabuff.

Die freundliche, zierliche und zugebenermaßen sehr hübsche Krankenschwester mit der lockigen Hochsteckfrisur legt wie immer liebevoll ihren Handrücken an meine rechte Wange. Sie tätschelt mir freundlich und ganz sanft die Wange, und obwohl ich das nicht möchte, ja, fast nicht mehr ertrage, verdammt noch mal, bringe ich es nicht fertig, auch nur einen einzigen Finger zu rühren, geschweige denn ihr zu sagen, dass sie diese Tätschelei wie bei einem Kleinkind doch bitte, bitte unterlassen soll.

Heute allerdings beugt sich die Hochsteckfrisur auf Turnschuhen über mich und schaut mir tief in die Augen, bevor sie sagt: »Ich habe erfreuliche Nachrichten für Sie. Jetzt sind Sie nicht mehr so allein. Darf ich Ihnen Ihre neue Bettnachbarin vorstellen?« Dabei wirkt sie heute wie ein kleiner weißer Friedensengel auf Turnschuhen, als sie zurück zur Tür geht. Sie hebt ihre rechte Hand und winkt mit den Worten: »Kommen Sie, ich mache Sie mit Ihrer Zimmergenossin bekannt.«

Im Türrahmen erscheint eine Frau mittleren Alters. Für kurze Zeit füllt sich der Türrahmen Länge mal Breite aus und ich habe das Gefühl, jetzt wird’s richtig dunkel im Zimmer. Diese übergroße und sehr korpulente Frau lässt sich nicht lange bitten, kommt auf mich zu, packt meine Hand und drückt zu! Augenblicklich zucke ich zusammen. Die hat vielleicht einen Händedruck, der hat sich gewaschen! Wahrscheinlich ist die von irgendeinem Ringerclub, denke ich. Sie schaut mich mit ihren tiefblauen Augen an und sagt: »Grüß dich, du zierliches Persönchen! Ich bin die Anna, die Anna Frauenlob.«

Dabei zerquetscht sie mir fast meine Finger. Als ich mit schmerzverzerrtem Gesicht vor ihr liege, immer noch Auge in Auge, meint sie nur: »Macht nix, hast ja noch eine Hand mit fünf Fingern dran, oder?«

Sie lächelt sehr sympathisch, aber irgendwie auch hysterisch. Als sie endlich meine Hand wieder freigibt, wendet sie sich ab und verschwindet hinter der spanischen Fetzenwand, um ihr Bett zu begutachten.

»Na ja, ganz nett hier, aber ein Wasserbett ist das nicht. Ob mein Kreuz das hier aushält, steht in den Sternen,« sagt sie und streckt ihren Kopf hervor. Grinsend fügt sie noch hinzu: »Das wissen wir aber spätestens morgen.«

Die Hochsteckfrisur namens Schwester Elisabeth erklärt ihr noch die Gepflogenheiten unseres noblen Aufenthaltsortes, bevor sie ihr hilft, ihre riesige, abgewrackte Sporttasche mit dem zerkratzten und zerfetzten Puma darauf auszuräumen. Sie legt ihre überdimensionalen pinkfarbenen Jogginganzüge zusammen mit ihrer Wäsche, die ich gar nicht weiter beschreiben möchte, in den Schrank. Dann bringt sie den pinkfarbenen, lackbeschichteten Kulturbeutel meiner Ringerin ins Bad. Bevor sie sich verabschiedet, sagt sie noch: »Sie beide werden sich gut verstehen, Sie werden sehen, meine Damen! Und Ihnen, liebe Frau Imhof, tut es gut, nicht mehr alleine zu sein, glauben Sie mir!«

Als wenn die wüsste, was mir gut täte! Dieser »Cindy-von-Marzahn-Verschnitt« eher nicht.

Bevor sie sich mit einem Lächeln auf den Lippen und auf leisen Sohlen wieder von dannen macht, weist sie mich noch darauf hin, dass gleich Frau Dr. Guthmut, die Chefpsychiaterin des Krankenhauses, selbstverständlich mit Gefolge, nach mir sehen werde.

»Ich bin sicher, Frau Imhof, danach geht es Ihnen gleich wieder besser. Ich wünsche es mir so sehr für Sie.«

Diese Worte dringen nur noch von Weitem an mein Ohr, bevor sie ganz leise die Tür hinter sich zuzieht. Zugedröhnt von all diesen Psychopharmaka, die mir in der letzten Zeit verabreicht werden, friste ich im Alter von 36 Jahren nun schon seit einiger Zeit hier in diesem kahlen Zimmer mein Leben und wünsche mir nichts sehnlicher, als dass der liebe Gott endlich ein Einsehen hat und mich aus dieser weltlichen Grausamkeit holt. Jeden Tag denke ich mir, ich kann ja nur noch in den Himmel kommen, denn der Weg zur Hölle wurde mir bereits gezeigt. Dabei heißt es immer, in der Hölle sei es schön warm. Nichts dergleichen. Ich friere täglich mehr. Vielleicht sollte ich die tägliche Ration Tabletten einfach nicht mehr einnehmen, nur noch so tun als ob, sie sammeln und nach ein paar Tagen, ach was, Wochen, damit es auch sicher klappt, alle auf einmal runterwürgen? Der liebe Gott kann mich ja für die Selbsttötung nicht mehr bestrafen. Er kann mich nicht mehr in die Hölle schicken, da bin ich ja schon, also muss er mich bei sich selbst aufnehmen.

Ich schrecke auf. Laute Musik reißt mich aus meinen Gedanken. Aus dem CD-Player meiner neuen, hinter der spanischen Wand liegenden Nachbarin dröhnen, oh Gott, schlimmer kann es ja nicht mehr kommen, die Wildecker Herzbuben!

»Herzelein, du sollst nicht traurig sein …«

Noch bevor ich es richtig realisiert habe, kommt die Ringerin, ich schätze sie auf Mitte fünfzig, tanzend in ihrem weiß-blau geblümten Krankenhaus-Flügelhemdchen mit offenem Heck hinter der spanischen Wand hervor. Sie singt »Herzelein …«, immer wieder »Herzelein …« und die Wildecker Herzbuben dröhnen aus voller Brust im Hintergrund aus ihrem CD-Player. Mit ausgebreiteten Armen springt sie tanzend um mein Bett herum, sodass ihr überdimensionaler Busen zwischen ihrem Gesicht und ihrem Bauchnabel auf und ab springt. Wenn er in die Nabelgegend wabbelt, vermischt sich das Ganze zu einer noch größeren Kugel, da sich dann Busen und Bauch guten Tag sagen und zu einer Einheit verschmelzen, bis sie sich wie ein Wirbelwind wieder trennen und das Ganze wieder nach oben schwappt. Die kann sich mit ihrem riesigen Busen selbst eine schallern, schießt es mir durch den Kopf. Ihr schütteres graues, kurz geschnittenes Haar steht wirr zerzaust in alle Richtungen und hat irgendwie den Charakter eines explodierten Klobesens. Ich sehe Anna regungslos bei ihrem Spektakel zu. Mir wird schwindelig und ich weiß momentan nicht, ob ich lauthals schreien soll, damit sie sofort damit aufhört, oder ob ich sie besser um Zugabe bitten soll, indem ich rufe: Bitte mehr davon!

Anna faltet kurzerhand, aber immer noch tanzend, die spanische Wand, die vor ihrem Bett aufgebaut ist, zusammen und bringt sie dann leichtfüßig wie ein Elefantenbaby in die andere Ecke.

Halleluja, das kann ja heiter werden.

»Wie sollen wir uns denn näher kennenlernen, wenn das grausige Ding zwischen uns aufgebaut ist,« schreit sie und zwinkert mir dabei zu.

Kaum zu glauben, sie ist mindestens eins achtzig groß und bringt sicherlich hundertzwanzig Kilo auf die Waage. Dabei ist sie trotzdem irgendwie sehr beweglich. Kann die vielleicht die Schwerkraft außer Kraft setzen, frage ich mich. Plötzlich dreht sich diese der Bavaria ähnelnde Ballerina um und kommt mit ausgebreiteten Armen, fast schwebend, auf mich zu. Ich denke, die ist aus irgendeinem Comicheft ausgebüxt und gleich werden auch noch die riesigen Sprechblasen ihren Mund verlassen und im Raum tanzen. Jetzt greift sich Anna ans Herz und schmettert mit einer zauberhaften Stimme: »Jeder Unbekannte ist ein Freund, den man noch nicht kennt!« Sie nimmt meine Hand in die ihre und sagt: »Leider nicht von mir, Albert Schweizer hat das schon gewusst! Aber ich weiß es auch, aus eigener Erfahrung! Ich weiß, du bist meine neue Freundin und ich werde dich jetzt aufpäppeln! Jedenfalls hab ich mir das vorgenommen. Schwester Elisabeth hat schon gesagt, dass du aufgemuntert werden musst. Seit Wochen schläfst du immer und kriegst nix mehr mit, des wird jetzt anders, lass dir des gesagt sein! So geht das ja nicht mehr weiter mit dir. Also erst mal, i bin die Anna, meinerseits manisch-depressiv, das hab i schriftlich, so meine Diagnose, weißt, meine Liebe! Wenn du es erst mal schriftlich hast, dann geht’s dir besser und dann kannst dich damit auch anfreunden, weißt. Das ist wie ein Persilschein, wenn du weißt, was ich meine?«

Wie ist denn die drauf? Ist die vielleicht aus der Werbesendung? »I bin de Anna und do bin i dahoam!«?

»I bin a waschechtes Münchner Kindl, weißt?«, klärt sie mich auf. »Seit fünfunddreißig Jahren bediene ich immer am Oktoberfest. Hab da jedes Jahr meinen festen Job. Gehör ja schon fast zur Bierzeltausstattung vom Käfer. Viele Promis hab ich schon bedient. Du glaubst gar net, was ich da alles erlebt hab. Besonders von den Weibern. Na ja, man kann halt nicht immer nur Glück haben! Aber schau her, fünfzehn volle Maßkrüge bring ich schon unter auf meinem Busen und zugegebenermaßen auch auf meinem Ranzen.«

Dabei streicht sie sich über ihre Körpermaße und versucht immer wieder mal, dieses offene Heck zusammenzuhalten, was ihr aber nur bedingt glückt. Diese Massen lassen sich halt nicht leicht bändigen.

»Vor zehn Jahren war ich die Miss Oktoberfest!«, fährt sie fort.

Dabei rennt sie zu ihrem Nachtkästchen und zieht ein Bild heraus, das sie mir anschließend auch noch unter die Nase hält: Anna, tatsächlich mit fünfzehn Maßkrügen, abgestellt auf ihrem Busen. Die Haare schön gemacht und ihr Haupt ziert ein mit Strass-Steinchen verziertes, funkelndes Krönchen. Ihre Massen stecken in einem wunderschönen, golden schimmernden, mit Strass bestickten Dirndlkleid. Gar nicht so schlecht, denk ich mir. So ein Dirndlkleid hält doch alles zusammen.

»Kennst du den da auf dem Bild?«

Sie zeigt mit dem Finger auf einen Mann im schwarzen Anzug. Nachdem ich nicht gleich reagiere, fragt sie ganz aufgeregt weiter: »Ich mein den da, den, der sich da an meine weiblichen Kurven lehnt.« Dabei fährt sie sich über ihren Hüftspeck, als wäre es reines Gold. »Das ist der Ude, der lange Zeit der Oberbürgermeister von München war. Der von der SPD, leider ja nicht meine Farbe, aber nett ist der, sag ich dir. Jetzt ham’s ihn ja abgesägt, aber was soll’s. Der UDE hat jedenfalls immer gesagt: ›O-Zapft is‹, wenn er den Zapfhahn mit dem Holzhammer ins Bierfassl reingeschlagen hat. Aber des weißt ja eh!«

Anna erwartet keine Antwort von mir und das macht sie sehr sympathisch. Sie möchte mir einfach nur ein wenig ihre Geschichte erzählen.

»Ja, da war ich noch schlank im Vergleich zu jetzt, aber Größe achtundvierzig hab ich auch schon immer gehabt. Aber weißt was? I bin ja nicht zu dick, i bin einfach nur zu kloa geraten! Ha, ha, der war gut, gell?«

Okay, sie ist also nicht zu dick, sondern nur zu klein. Das nenne ich mal Selbstbewusstsein, da bräuchte ich jetzt ein Stück davon. Als ob Anna meine hinter einem dicken Schleier verborgenen und selbst für mich verschwommenen Gedanken erraten hätte, sagt sie noch: »Ja, ja, Selbstbewusstsein kann man nirgends kaufen, des muss man sich haaaart erarbeiten.«

Wo sie wohl mittlerweile ihre Kleidung kauft, geht mir so durch den Kopf. Die Größe gibt es doch nirgends mehr. Das Dirndl, das sie jetzt benötigt, bekommt sie wahrscheinlich nur noch in der Campingabteilung. Dann wird einfach in Heimarbeit ein Zweimannzelt in ein Dirndlkleid umgenäht.

Aus dem CD-Player dröhnen inzwischen nicht mehr die Wildecker Herzbuben, sondern Nicki. »I bin a bayrisches Cowgirl …«

»Immer no mei Liebling, die Nicki«, schmettert sie mir zu, »schade, dass die von der Bildflächn verschwunden ist!«

Im selben Moment weicht ihr die Röte aus dem Gesicht und sie wird ganz blass. Dann trabt sie zu ihrem Nachtkästchen zurück, drischt auf die Stopptaste ihres CD-Players und lässt sich mit einem Ruck auf ihr Bett fallen. Das Bett gibt bedrohlich ächzende und quietschende Geräusche von sich, wackelt nach vorne und wieder zurück und droht, in sich die Grätsche zu machen. Das war sie wohl, die manische Phase, jetzt kommt wahrscheinlich, auf dem Fuß gefolgt, die Depression.

Halleluja, womit hab ich das verdient?

Da ist sie wieder, diese unendliche, nicht auszuhaltende Stille. Dazwischen nur das schnarchende und zähneknirschende Geräusch aus dem Nachbarbett. Wohl doch keine Depression. Wohl nur die Müdigkeit, die sie übermannte. Schließlich ist sie ja wie eine leichtfüßige, flügelhemdtragende Gazelle von einer Seite meines Bettes zur anderen gesprungen.

Mein Blick fällt wieder auf das am Fußende angebrachte hölzerne Kruzifix.

Na, du Gott oder Jesus?

Ich hab ja immer an dich geglaubt, und das hab ich nun davon. Einem Irrglauben bin ich aufgesessen! Ihr könnt mich mal, du und dein Gefolge. Wenn es euch gäbe, dann säße ich jetzt nicht hier und hätte nicht meinen eigenen Verwesungsgeruch in der Nase.

Warum bin ich euch so blindlings aufgesessen? Das hab ich jetzt davon. Insgeheim wusste ich ja schon immer, dass ich mich nur auf mich alleine, auf meine Beine, meine Arme oder auch auf meinen Kopf verlassen kann. Ich kündige. Ich brauche euch da oben nicht mehr, und den Verein hier auf Erden verlasse ich auch, endgültig. Ob es euch jetzt gibt oder nicht. Aber da fällt mir ein, wenn es euch doch geben sollte, dann könnt ihr mich erst recht mal. Denn dann habt ihr Schuld an allem. Von wegen, man kann nicht weiter fallen als in Gottes Hand!

Na, wenn das Gottes Hand ist, in der ich jetzt liege, dann Prost Mahlzeit!

Immer wieder drehen sich meine Gedanken im Kreis. Dann ist es wieder da, das Gedicht. Seit Wochen, oder vielleicht sind es mittlerweile schon Monate, kommt es mir wieder und wieder in den Sinn. Es verfolgt mich in meine tiefsten Gedanken. Werde ich langsam wahnsinnig? Oder wann hört das auf?

Einsam irr ich durch die Gasse, durch den Regen, durch die

Nacht.

Warum hast du mich verlassen? Warum hast du das gemacht?

Nichts bleibt mir, als mich zu grämen, gestern sprang ich in den Bach.

Um das Leben mir zu nehmen, doch der Bach war viel zu flach.

Einsam irr ich durch den Regen, und ganz feucht ist mein Gesicht.

Nicht allein des Regens wegen, nein, davon alleine nicht.

Wo bleibt der Tod in schwarzem Kleide? Wo bleibt der Tod

und tötet mich?

Oder besser noch: Uns beide.

Oder besser: Erst mal Dich!

Wie oft haben Pia, Martha und ich dieses Gedicht zitiert.

Wir haben uns stets über diese Zeilen amüsiert, sie von der lustigen Seite gesehen. Besonders die letzte Zeile. Aber ab jetzt hat dieses Gedicht eine ganz andere Bedeutung für mich.

Tausendmal habe ich dieses Gedicht von keinem Geringeren als Heinz Erhardt in Gedanken wiederholt.

Die Frage nach dem Warum kann ich leider auch heute nicht und alleine schon gar nicht klären.

Ich schlafe ein und träume wieder und wieder denselben Traum: Ich sitze zu Hause im Wohnzimmer auf meinem gemütlichen weißen Leinensofa zwischen den vielen kuscheligen und liebevoll arrangierten Kissen, die Füße hochgelegt. In der Hand halte ich ein Glas, gefüllt mit süßem Orangensaft. Es klingelt an der Haustür. Ich springe fröhlich auf, stelle mein Glas zur Seite und renne zur Tür, um sie zu öffnen und nachzusehen, wer draußen ist. Draußen steht mein kleiner blonder Engel, meine kleine, inzwischen fünfjährige Tochter. Tränen laufen mir über die Wangen und ich kann sie endlich wieder in die Arme schließen. Überglücklich rieche ich an ihr und sauge ganz tief den Duft ihrer Haut und Haare ein. Noch während sie mich mit ihren kleinen weichen und warmen Händchen umarmt, fragt sie mich mit tränenerstickter Stimme: »Mami, wo warst du und warum hast du mich so lange alleine gelassen? Ich habe dich so sehr vermisst!«

Ich finde keine Antwort auf diese Frage. Ich habe meine Sprache verloren! Mein Kopf droht zu zerplatzen und die Zellen meines Gehirns sind buchstäblich eingefroren. Weiße Nebelschwaden ziehen auf und entreißen mir meine kleine Tochter. Danach ziehen sie sie mit sich. Zur Tür hinaus, durch den Garten, in die Luft in Richtung Himmel. Danach verschwindet sie in den grauen, bedrohlichen Wolken. Jetzt schließt sich die Tür ganz langsam hinter ihr. Die Tür fällt ins Schloss, der Schlüssel fällt aus dem Schlüsselloch zu Boden. Ich werde wach und wie nach jedem dieser Träume bin ich schweißgebadet und erneut gezwungen, der grausamen Realität ins Auge zu blicken. Ich sehe nichts als diese grässlichen Wände. Ich bin hier eingesperrt, wie im Gefängnis fühle ich mich hier. Ich kann nichts unternehmen und der Albtraum beginnt aufs Neue.

Scheiße, scheiße, scheiße, denke ich.

Meine immerwährende Gedankenmühle dreht sich. Sie dreht sich unaufhörlich. Ich finde keinen Anfang und kein Ende. Ich kann nicht mehr an die Zukunft denken, mir keine Zukunft mehr ausmalen. Immer wieder drifte ich in die Vergangenheit ab, als alles noch gut war. Denke an meine Freundinnen Martha und Pia. Heute glaube ich, nur diese Gedanken an meine Freunde und unsere gemeinsame Zeit hielten mich aufrecht und noch am Leben.

3. Kapitel

Angefangen hat alles so:

Es war ein warmer und sonniger Septembernachmittag. Schnell radelte ich mit meinem geliebten alten Drahtesel, den mir meine Oma hinterlassen hat, von der Arbeit nach Hause. Zwischendurch hielt ich noch kurz bei Evis Blumenladen an und besorgte einen wunderschönen Strauß aus Rosen, Gerbera und einigen beerenähnlichen Gebilden, alles in Lila, Ton in Ton, so mag es Pia bis heute. An dem Tag feierten wir drei Mädels ihren Geburtstag nach. Pia war eine Woche zuvor dreißig geworden. Davor schob sie eine gewisse Panik. Mal sehen, ob sie heute bereits drüber weg ist oder ob sie sich zumindest mit der Tatsache abgefunden hat, überlegte ich.

Zu Hause verpackte ich die Blumen in einen alten, zerfetzten Karton – sinnbildlich für die »alte Schachtel«. Pia hatte nämlich behauptet, dass man ab dreißig zu den alten Schachteln gehört. Also Ehre, wem Ehre gebührt, dachte ich mir. Das wird ein Spaß. Ich muss jetzt schon lachen, wenn ich nur an ihr Gesicht denke. Hoffentlich fängt sie nicht an zu flennen! Noch schnell eine Blitzdusche, ein wenig Make-up aufgelegt und von meinem teuren Parfum, das mir Pia geschenkt hatte, noch hinter die Ohren geträufelt. Ein Blick in den Spiegel riskiert und na, alles gut, wie ich meinte! Ich warf meine Tür ins Schloss und lief die alten, knarzenden Treppen hinunter. Dabei rannte ich fast meine in die Tage gekommene Nachbarin Frau Meier über den Haufen. Frau Meier war in jungen Jahren eine berühmte Pianistin gewesen und wiegte mich fast täglich mit ihrem Klavierspiel in den Schlaf. Wär schon schade um Frau Meier, dachte ich.

»Grüß Gott und Entschuldigung, Frau Meier«, rief ich noch, war aber im nächsten Moment schon draußen und schnürte die »alte Schachtel« auf dem Gepäckträger meines Fahrrads fest. So schnell es ging, trat ich in die Pedale. Ich wollte ja nicht zu spät kommen. Vorbei am Hauptbahnhof, entlang der Münchner Allee radelte ich meinem Ziel entgegen. Die Straßen waren wie immer um diese Uhrzeit viel befahren. An den Ampeln standen schimpfende und fluchende Autofahrer. Gut, dass ich mit meinem Drahtesel unterwegs war.

Pia, Martha und ich trafen uns immer donnerstags bei unserem Lieblingsitaliener in Bad Reichenhall. Heute feierte Pia ihren Geburtstag nach, weil sie an ihrem eigentlichen Geburtstag auf Rhodos weilte. Dort hatte sie sich mit einem griechischen Romeo namens Nikos die Zeit vertrieben. Bei ihrem Anruf von Rhodos hörte ich aus ihren Worten, dass sie sich aufs Beste amüsierte. Ich war schon gespannt auf die weiteren Ausführungen.

Pia und Martha warteten bereits auf mich. Wir fielen uns herzlich in die Arme. Martha, der Wirt Giovanni und ich sangen Happy Birthday, was auch sonst, und freuten uns des Lebens.

Bei einem Gläschen Prosecco, auf Kosten des Hauses natürlich, und den von uns bestellten italienischen Spezialitäten ließen wir es uns richtig gut gehen. Wir schäkerten mit dem Restaurantchef, Flirten inklusive natürlich. Mittlerweile trafen wir uns schon seit fünf Jahren jeden Donnerstag. Inzwischen waren wir alle drei, also auch Martha und ich, auf dem Weg, dreißig Jahre alt zu werden.

Pia ist ein Energiebündel von einer Frau. Sie ist Tanzlehrerin mit Leib und Seele. Und sie wäre nicht unsere Pia, hätte sie es nicht mittlerweile zu einer eigenen Tanzschule gebracht. Mit ihrer stattlichen Größe von einem Meter achtzig, ihrer gertenschlanken und durchtrainierten Figur und ihren bis zum Hals reichenden gut geformten Beinen liegen ihr die Männer, ob alt oder jung, reihenweise zu Füßen. Diese Frau ist eine Augenweide, so die weitläufige Meinung der männlichen Spezies. Aber auch als Frau muss man das neidlos anerkennen. Ich denke, Pia hat bei der Vergabe von Schönheit, Temperament und Intelligenz durch den lieben Gott besonders laut »hier« geschrien. Pia konnte sich damals nicht retten vor Angeboten mehr oder weniger heiratswütiger Kandidaten, doch sie fühlte sich noch viel zu jung, um sich zu binden.

»Die Kerle können mich mal. Heiraten, so was aber! Einem Kerl hinterherräumen oder gar die Wäsche waschen. Kommt ja nie, nie, niemals infrage«, meinte sie.

Gleich darauf überschlug sich ihre Stimme. »Da könnte ich ja nicht mehr tun und lassen, was ich möchte«, betonte sie voller Inbrunst und lag dann fast unter dem Tisch vor Lachen über ihre eigenen Worte. Aber auch ein bisschen wegen ihrer Einstellung.

»Mein Leben gehört mir und keinem anderen! Punkt! Außerdem könnte ich nicht mehr aufstehen, wann ich möchte, weggehen, wann und mit wem ich möchte, faulenzen, wie ich das möchte, und müsste mich dann auch noch auf Urlaubskompromisse einlassen! Stellt euch nur vor, da hätte ich ja auch noch im Urlaub jeden Tag den gleichen Typen an der Backe hängen, wie langweilig!«

Jetzt waren wir beim Thema und Pia geriet so richtig in Rage. Sie fuchtelte wild mit ihren Armen durch die Gegend und fuhr sich dabei fortwährend durch die kurzen roten Haare. »Nein danke! Ich mache, was ich will und wann ich will! Schließlich bin ich überzeugter Single! Und meine Damen, wenn ich einen Kerl brauche, dann nehme ich ihn mir. Punkt! Wenn ich mir nur vorstelle, immer mit demselben Mann in Urlaub zu fahren, der mir vielleicht auch noch vorschreibt, was ich in meinen Koffer packen muss, weil er meint, besser als ich selbst zu wissen, was ich brauche.« Pia schüttelte sich vor Entsetzen. »Oder gemeinsam Urlaubsprospekte wälzen und sich auf ein gemeinsames Urlaubsziel einigen. Vielleicht auch noch All-inclusive-Urlaub auf Gran Canaria oder noch schlimmer, eine Kreuzfahrt mit lauter alten, Rollator fahrenden Spießern buchen. Pfui, das ist nicht mein Ding und schon gar nicht die Vorstellung von meinem zukünftigen Leben. Eingesperrt auf einem Schiff mit ein und demselben Kerl, oh Gott, und ich könnte nicht mal fliehen. Da müsste ich ja glatt über Bord gehen. Oder, ganz furchtbar, wenn er meint: ›Du kannst entscheiden, wohin wir fahren, Schatz, mir ist alles recht!‹ Pfui, das wäre nichts für mich. Ich fahre, wohin es mich treibt. Mit keinem Koffer, sondern mit meinem alten Rucksack, und ich war noch in keinem Urlaub lange alleine. Wenn ihr wisst, was ich meine? Einen Kerl mitnehmen wäre ja Wasser in die Saalach schütten!«

So oder so ähnlich verliefen unsere Gespräche nicht nur an ihrem Geburtstag, sondern immer, und wir hatten weiß Gott viel Spaß beim Lästern!

Oder Martha. Wir nennen sie gerne liebevoll unsere »Anwaltsgattin«, da sie mit Thomas, einem Juristen, verheiratet ist. Sie ist natürlich alles andere als »nur« Anwaltsgattin. Sonst wäre sie sicher nicht mehr unsere Freundin.

Sie arbeitet Teilzeit bei ihrem Mann in der Kanzlei, hält Thomas den Rücken frei, damit er sich voll und ganz seiner Karriere widmen kann, und kümmert sich zudem rührend um ihre beiden liebenswerten, blitzgescheiten, gut erzogenen und bildhübschen Kinder. Und obwohl das mehr als ein Fulltimejob ist, findet sie immer noch die Zeit, sich hübsch herzurichten. Und sie vergaß niemals unseren geliebten Donnerstag.

»Der Donnerstagabend gehört mir und euch natürlich«, sagte sie immer. »Da könnte der Blitz oder eine Bombe bei uns zu Hause einschlagen! Unser Abend ist mir heilig!«

Bei Pizza und Wein diskutierten wir, sprachen über die eine oder andere Anekdote aus unserem Berufsalltag, lachten und schäkerten. Zugegebenermaßen lästerten wir auch ganz schön über andere Frauen. Junge Frauen, die uns im viel zu kurzen Mini und natürlich auch noch bauchfrei unterkamen, auch wenn sie besser daran getan hätten, ein paar Speckröllchen an ihrem Körper zu verdecken. Aber bitte, jeder nach seinem Geschmack. Wir lästerten aber auch gerne über ältere Frauen. Frauen in den Wechseljahren zum Beispiel. Dann rätselten wir immer, wie es uns wohl ergehen wird, wenn wir in ein paar Jahren in der gleichen Situation sind.

Gerade in meinem Beruf als Physiotherapeutin hatte ich täglich mehrere Frauen von vierzig oder fünfzig Jahren aufwärts auf meiner Pritsche liegen, welche sich auf die Wechseljahre vorbereiteten oder auch schon mittendrin waren. Die meisten von ihnen waren nicht nur von Hitzewallungen geplagt, sondern steckten tatsächlich in einer sogenannten Lebens- oder Sinnkrise. Gerne gab ich die Anekdoten von meiner Frau Schulz, einer Frau von fünfundvierzig Jahren, zum Besten. Natürlich ohne einen Namen zu nennen. Ach, wie freute ich mich immer, wenn ihr Name in meinem Terminkalender stand. Martha und Pia bogen sich vor Lachen, wenn ich dann Aussprüche meiner Frau Schulz wiedergab. So sagte sie einmal in ihrem schwäbisch-berlinerischen Dialekt:

»Wissed Sie, liebe Isabella, seit isch über vierzig bin, merke ich, wad ich alles falsch jemacht habe. Ich hab mich doch taaatsächlich mit meim Jonathan sozusagen vertan. Mittlerweile ist der ein fetter alter Sack jeworden. Wenn der von seinem Job nach Hause kommt, stöhnt der schon beim Schuhe ausziehen, sag isch ihnen. Alles is dem zu viel. Die Kollege, die Chefs, mit denen er allzeit zu tun hat, aber auch die Kunden gehe dem vollends und so was von auf die Eier. Er beklagt sich nur noch und kommt nimmer in die Puschen. Dabei hat der doch nur sein Job zu erledigen. Nur sein Job, sach isch ihnen! Isch verstehe das nischt. Unsereins plagt sich von Anfang an beruflich, dann auch noch mit dem Kinder kriechen und hast de de Plage dann endlich durchs Abi jeprüchelt und aus dem Haus, zumindest tageweise, kommen die Eltern, die Tag für Tag pflegebedürftiger werde, und bist du dich versiehst, räumst du die nächsten Windeln wech. Für deinen Mann ist des selbstverständlich, dass du des Schwiechertochtersyndrom entwickelst und dich pflichtbewusst neben deine eichenen Eltern auch noch um seine kümmerst. Dass du selbst noch bei Edeka die Thechen einräumst, um auch etwas Geld für die Haushaltskasse nach Haus zu bringen, kümmert den gar nicht. ›Ist ja nur a Minijob‹, sagt der einem dann auch noch und des mitten ins Gesicht! Was saget Sie dazu? Er wird jeden Tag fetter, sag ich Ihnen! Seit Neuestem klagt er über die nicht mehr zu bändigenden Nasenhaare. Hat der Sorche? Wat sache Sie dazu? Hat der Sorche? Was würd isch da sage? Von mir erwartet er, dass ich jünger, ja nicht älter werde.

›Kannst auch mal wieder was Nettes anziehen, wenn ich nach Hause komme‹, sagt er dann, oder ›Könntest auch mal wieder was für dein Äußeres tun‹, oder ›Meinst du nicht, dass du mal wieder dieses oder jenes kochen könntest? Liebe geht auch durch den Magen, mein Liebchen!‹ Und was meined Sie, könnt isch dann tue? Erschlage könnt isch den Alte. Aber wissed Sie was, mei Schwiegermutta sacht imma, und des hat sie mir schon lang vor meinem Ehegelübde unter die Nase gerieben: ›Umtausch ausgeschlossen, den nehm i nimmer zurück.‹ Was sage sie nun?«

»Wenn es nicht so traurig für Sie wäre, liebe Frau Schulz, müsste ich eigentlich nur lachen!«

»Da sage Sie was, mei Liebe. Aber isch denk, jetzt hab ich ihn scho so lang, jetzt rentiert sich des Austausche nach zwanzig Ehejahren a nimmer.«

Dann lachten wir beide und ich bemühte mich noch mehr, ihr wenigstens eine gute Massage zukommen zu lassen.

Fast alle meine Kundinnen waren berufstätig, fühlten sich unterbezahlt, da die männlichen Kollegen immer noch wie im Mittelalter besser bezahlt wurden. Alle Frauen unter meinen Fingern waren mittlerweile an die fünfzehn oder zwanzig Jahre mehr oder weniger glücklich oder unglücklich verheiratet. Eine intakte Familie, so wie ich sie hatte, als ich noch klein war, war nicht darunter.

Martha hingegen hatte die Lacher immer auf ihrer Seite, wenn sie von der Schlagfertigkeit ihrer Kinder erzählte.

An diesem Abend gestand ich ihr dann: »Tja, Martha, du weißt schon, dass ich ein bisschen neidisch auf dein Familienleben bin?«

Pia verschluckte sich gleich an ihrem Rotwein und hustete, was das Zeug hielt.

Martha gab mir zu verstehen, dass es, wenn man eine gute Ehe führen und eine Familie zusammenhalten möchte, einer Menge Initiative aller Beteiligten und manchmal sogar harter Arbeit bedarf, damit dies auch in Zukunft so bleiben möge. Ich glaubte ihr zwar, aber verstanden habe ich das nicht zu dieser Zeit.

»Trotzdem«, sagte ich, »wünsche ich mir nichts sehnlicher als einen netten Mann und mindestens ein oder zwei Kinder.«

Martha, vor Begeisterung sprühend, schob sich noch einen Bissen der vorzüglichen Pizza Diavolo zwischen die Kiemen und meinte dann: »So, Isabella, lass uns mal zusammenfassen: Du brauchst also einen Mann.« Sie zog die Augenbrauen zusammen und überlegte angestrengt, bevor sie weiter ausführte: »Also erstens, dein derzeitiger Freund, der egoistische, egozentrische und absolut faule Ewigkeitsstudent Carsten, ist als Mann und Vater deiner zukünftigen Kinder zur Gänze ungeeignet.« Dabei rollte sie wie immer, wenn es um Carsten ging, die Augen. »Ich verstehe ja sowieso nicht, warum du dich mit dem abgibst«, schob sie noch hinterher.

Martha übernahm gerne in solchen Gesprächen die Moderation. Übung hatte sie ja mit ihren zwei Kids genug. Es entstand eine kurze Pause, bevor sie weitersprach. »Zweitens: Du möchtest heiraten und Kinder haben, also um es auf den Punkt zu bringen, eine Familie gründen. Dein plötzlicher Sinneswandel ist mir zwar gänzlich unverständlich, aber bitte!«

Eine große Pause entstand. »Drittens: Du bist jetzt fast dreißig Jahre, wie wir alle.« Lange Pause. »Also, dann muss ein Mann her, und zwar so bald wie möglich, oder?«

»Na ja, Martha, wenn ich mich da auch mal einmischen dürfte«, warf ich ein. »Woher bitte soll ich denn den Mann meiner Träume nehmen, wenn nicht stehlen?«

»Ach, das weiß ich ja noch gar nicht«, prustete Pia mit vollem Mund aus ihrer Ecke, sodass ihr gleich ein paar Krümel wieder zurück auf den Teller fielen. »Kennst du denn einen zum Stehlen? Welcher Frau gehört der denn?«

»Das war doch nur so ein Ausspruch«, verteidigte ich mich. »Mir steht ja nicht mal einer zum Klauen zur Verfügung!«

»Na, daran bist du ja wohl selber schuld!«, so die Aussage von Pia. »Ich hätte schon so manchen klauen können«, fuhr sie fort, »aber ich wollte nicht! Ihr müsst nämlich wissen, die verheirateten Männer, das sind die besten. Die sind überaus pflegeleicht, kann ich euch sagen, die wissen nämlich sehr genau, dass sie keine Ansprüche zu stellen brauchen! Dafür aber gibt es diese tollen kleinen Geschenke. Die fallen dann tatsächlich nach den Wünschen der Frauen sehr klein aus. Ihr wisst doch, die besten Geschenke befinden sich in den kleinen Päckchen!« Pias Stimme überschlug sich förmlich und vor Lachen wurde ihre Stimme immer höher. »Und wenn du die kleinen Bääändchen von den kleinen Schääächtelchen entfernst und das kleine Schääächtelchen dann öffnest und dich der Inhalt des kleinen Päääckchens so richtig blendet in deinen überraschten Augen, wenn es richtig blitzt und funkelt, dann hast du alles richtig gemacht.«

Dabei streckte sie ihren rechten Arm aus und betrachtete den Mittelfinger ihrer rechten Hand, an dem ein gelbgoldener Ring mit einem Einkaräter steckte.

»Seht ihr, der ist von meinem Banker Jonas. Ich bekam ihn als Entschuldigung, weil der Ärmste mit seiner eigenen Frau in Urlaub fahren und mich dadurch so lange alleine lassen musste. Aber auch außerhalb des Urlaubs, also sozusagen im Alltag, muss er sich ja schließlich ab und zu um Frauchen und seine zwei Kinderchen kümmern. Dann trainiert er noch zusammen mit seinem Bruder Harry immer für irgendeinen Marathon. Dafür frisst er das ganze Pulverzeug, Eiweiß und so weiter. Das Zeug muss natürlich auch wieder irgendwie raus. Na ja, und das können sie bei ihren Ehefrauen eben nur, wenn überhaupt noch, mit einem Quickie erledigen. Unsereins strengt sich da schon mehr an und na ja, was kommt dann dabei raus?« Mit großen Augen und einem Strahlen im Gesicht wiederholte sie: »Na, was kommt dabei raus?«

Ihre Augen wurden noch größer und sie erwartete eine Antwort von uns. Martha und ich starrten sie fragend an.