Toni der Hüttenwirt – 171 – Ich, eine Bäuerin? Niemals!

Toni der Hüttenwirt
– 171–

Ich, eine Bäuerin? Niemals!

Trau dich, Lotti – du schaffst das!

Friederike von Buchner

Impressum:

Epub-Version © 2016 KELTER MEDIA GmbH & Co. KG, Sonninstraße 24 - 28, 20097 Hamburg. Geschäftsführer: Patrick Melchert

Originalausgabe: © KELTER MEDIA GmbH & Co.KG, Hamburg.

Internet: http://www.keltermedia.de

E-mail: info@kelter.de

Dargestellte Personen auf den Titelbildern stehen mit dem Roman in keinem Zusammenhang.

ISBN: 978-3-74092-348-8

Weitere Titel im Angebot:

Weitere Titel im Angebot

Toni und Anna machten eine Kaffeepause wie jeden Morgen, nachdem die Hüttengäste aufgebrochen waren. Sie saßen auf der Terrasse der Berghütte. An diesem Morgen genossen sie nicht nur den weiten Blick über das Tal und die Berge von Waldkogel, sie beobachteten Lars, ihr Gastkind. Er kniete neben dem Neufundländerrüden Bello. Seit dem Frühstück vor zwei Stunden kämmte er den Hund voller Hingabe.

Toni schmunzelte.

»Wie schön er das macht und mit welcher Ausdauer!«, sagte Toni.

»Das stimmt, und Bello scheint es zu genießen. Er belauert Lars schon beim Frühstück. So, als könnte er es nicht erwarten, bis Lars mit der Fellpflege anfängt.«

»Ich wundere mich, dass Franziska und Sebastian das so hinnehmen und nicht eifersüchtig sind, Anna.«

»Die beiden werden eben älter und haben andere Interessen. Bellos tägliche Fellpflege wird dann schon mal zur lästigen Pflicht. Ich denke, sie sind froh, dass Lars diese Aufgabe übernommen hat. Ich hätte nicht gedacht, dass der Kleine das so gut macht. Er ist ganz vernarrt in Bello.«

»Man sieht, dass es ihm Freude macht. Seit du ihm diese kleine Aufgabe gegeben hast, hat auch sein Heimweh nach seiner Mutter ein wenig nachgelassen. Was für ein Glück, dass Neufundländer so ein dickes und dichtes Fell haben! Ein anderer Hund wäre schon längst kahl. Hast du mitbekommen, dass er gestern den ganzen Vormittag Bello gebürstet hat, bis zum Mittagessen?«

»Ja«, lachte Anna. »Franzi hatte ihm gesagt, dass es in München oft Hundeausstellungen gibt und die Hunde dafür besonders gekämmt und geföhnt werden. Lars wollte Bello baden. Er kam zu mir und wollte Shampoo für ihn, damit er auch gut duftet.« Anna lachte. »Es war nicht einfach, ihm das auszureden.«

»Er ist ein lieber kleiner Bub. Ich freue mich, dass er nicht mehr so ernst ist, Anna.«

»Das ist er. Aber er ist etwas altklug. Doch dafür kann er nichts, denke ich. Ich habe den Kleinen richtig ins Herz geschlossen. Er wird mir fehlen, wenn er wieder fort ist. Irgendwie ist es schön, so einen Buben zu umsorgen, der so viel jünger ist als Franzi und Basti.«

Toni sah Anna in die Augen. Er legte den Arm um ihre Schultern.

»Seit Lars hier ist, denke ich oft daran, dass unser Kind jetzt auch so alt sein könnte, wenn … damals …, nach unserer Hochzeit …«, stotterte Toni.

Anna verstand ihn. Sie streichelte ihm tröstend die Wange. Sie seufzte.

»Ich verstehe, ich weiß, was du sagen willst, Toni. Auch ich habe oft daran gedacht, seit Lars hier ist. Aber es ist nun einmal nicht so. Es hat nicht sollen sein, dass unsere Liebe von einem eigenen Kind gekrönt wird.«

»Warum? Das frage ich mich jetzt öfter, Anna. Wir lieben uns, sind beide gesund und trotzdem bekommen wir kein Kind. Warum? Anna, warum versagt uns der Himmel diese Freude?«

»Toni, mein lieber Toni, du weißt, dass keiner darauf eine Antwort hat. Es ist nun einmal so, wie es ist. Wir waren uns doch einig, es einfach auf sich beruhen zu lassen. Entweder klappt es noch irgendwann, dass ich schwanger werde, oder es bleibt dabei, dass wir keine leiblichen Kinder haben. Wir haben Franzi und Basti. Ich vergesse oft, dass es nicht unsere leiblichen Kinder sind. Sie wurden uns vom Himmel geschenkt.«

»Anna, ich wollte nicht klagen oder jammern. Ich denke auch nur noch selten daran, dass wir keine eigenen Kinder haben. Franziska und Sebastian sind mir im Herzen so nah, dass ich oft vergesse, dass sie adoptiert sind.«

»Im Herzen so nah, das hast du schön gesagt, Toni. Genauso ist es bei mir auch. Ich bin glücklich mit den beiden.«

»Ich auch. Sie werden größer und immer selbstständiger, Anna. Mir kommt es im Augenblick vor, als machten sie jeden Monat einen großen Sprung.«

»Das tun sie, Toni. Ich merke es auch. Du, da muss ich dir etwas erzählen«, lachte Anna. »Sebastian meinte vor einigen Tagen zu mir, dass ich nicht mehr kontrollieren müsste, ob er auch zugedeckt sei, wenn er im Bett ist. Er sei alt genug. Ich habe schon länger bemerkt, dass ihn das abendliche Einschlafritual stört. Er wollte nur nichts sagen. Er wollte mich nicht verletzen, denke ich.«

»So? Du hast mir nichts davon erzählt«, staunte Toni.

»Das wollte ich, habe es aber dann vergessen. Es war kurz bevor Lars kam. Seither ist sowieso alles etwas anders. Basti liest Lars abends noch eine Geschichte vor oder erzählt ihm etwas.«

»Ja, er spielt die Rolle des großen Bruders gut«, sagte Toni.

»Stimmt, auch Franziska sorgt rührend für ihn. Deshalb fand ich es gut, dass die beiden zwei Tage ins Forsthaus zu ihren Freunden gehen, ohne Lars.«

»Kluge Frau!«

Toni gab Anna einen Kuss. Sie lächelte.

»Zuerst war Lars ein wenig betrübt. Er wäre auch gern mitgegangen, hatte ich den Eindruck. Als er aber hörte, dass Bello hierbleibt, zeigte er kein Interesse mehr, mit ins Forsthaus zu gehen. Ich war froh, dass es so einfach war.«

»Es wäre gut, wenn Lars einen eigenen Hund hätte.«

»Ja, das wäre sicherlich gut. Aber wie soll Melanie das machen? Ein Hund bringt auch große Verantwortung und viel Arbeit. Für Melanie, als junge Witwe, ist es ohnehin schwer das Leben zu meistern. Sie hatte es sehr schwer. Ich hoffe, sie erholt sich gut in der Kur.«

»Das hoffe ich auch. Was hat sie erzählt, als sie gestern anrief?«

»Nun, Melanie geht es mit jedem Tag besser, sagt sie. Die Therapie tut ihr gut. Sie denkt, dass sie ihr Leben danach besser im Griff hat.«

»Das wäre zu wünschen. Ihre Vorstellung, dass sie zu wenig tut für Lars und dass sie den Anforderungen nie genügt, das war nicht gut.«

»Sie hat wirklich keinen Grund, Schuldgefühle zu haben und doch war ihr das Herz immer schwer. Sie wollte einfach perfekt sein. Dabei schraubte sie die Anforderungen an sich immer höher und höher. In der Therapie hat sie erkannt, dass es die falsche Art war, ihre Trauer zu bekämpfen. Sie hat sich mit Arbeit und Aufgaben betäubt, sagte sie. Sie wollte beides sein, Mutter und Vater. Das bedeutet auch zwei Verdienste und so weiter, du weißt schon. Da hat sie sich überfordert. Gleichzeitig wollte sie die perfekte alleinerziehende Mutter sein. Sie opferte sich wirklich auf, bis sie zusammenbrach. Nach ihrer Kur wird sie vieles anders machen, sagt sie. Sie wird es schaffen. Es ist auch gut für Lars’ Entwicklung, wenn Melanie nicht mehr nur an ihn denkt, sondern auch etwas an sich selbst.«

»Wir werden die beiden auf die Berghütte einladen, sooft es geht.«

»Daran habe ich auch schon gedacht, Toni. Wir sollten sie regelmäßig einmal im Monat zu einem Wochenende einladen. München ist nicht weit. So hat sie regelmäßig ein Wochenende zum Entspannen und kommt unter ganz andere Leute.«

Toni schmunzelte.

»Und unter Burschen«, sagte er.

Sie schmunzelten beide.

»Das stimmt, Toni. Bis jetzt lehnt sie eine neue Beziehung generell ab. Sie trauert immer noch. Sie hat das Gefühl, dass sie ihrem verunglückten Mann untreu ist, wenn sie ihr Herz für einen neuen Partner öffnet. Dabei ist sie eine junge, hübsche Frau. Selbst als es ihr im Krankenhaus so schlecht ging – da sah sie wirklich nicht gut aus, – konnte man ahnen, welche Schönheit sie ist.«

»Alles braucht seine Zeit. Vielleicht hat sie das Glück, dass ihr noch einmal die Liebe begegnet. Ich würde es ihr wünschen, Anna.«

»Ich auch, sie ist gerade mal dreißig! Sie ist viel zu jung, um den Rest des Lebens allein zu sein.«

Anna trank ihren Kaffee aus.

»Es wird Zeit, dass wir wieder etwas tun, Toni! Ich habe Hefeteig in der Küche stehen und will noch Apfelkuchen backen.«

»Und ich muss Holz hacken.«

Sie standen auf.

»Lars«, rief Anna laut, »ich backe Kuchen. Willst du mir helfen?«

Lars sah auf, hielt einen Augenblick inne und schüttelte den Kopf.

»Erst muss ich Bello fertig kämmen.«

Toni und Anna schmunzelten.

»Gut, Lars, dann komm, wenn du fertig bist. Bello sieht toll aus. Das hast du gut gemacht. Du bist der perfekte Tierpfleger.«

Lars strahlte. Er kämmte Bello weiter.

*

Die Sonne schien. Lotti Erdmann saß im Garten ihres Elternhauses. Sie hatte es sich auf einer Liege bequem gemacht und das Notebook auf dem Schoß. Sie hatte Urlaub, aber irgendwie konnte sie ihre Gedanken nicht abstellen und sich ganz entspannen.

Ihre Arbeit war ihr ein ständiger Begleiter. Lieselotte, die Lotti gerufen wurde, war mit Leib und Seele Programmiererin. Abends, bevor sie einschlief, machte sie immer als Letztes ihren Computer aus und morgens, sofort nach dem Klingeln des Weckers, stürzte sie zu ihrem Schreibtisch.

»Lotti, du bist computersüchtig«, sagte ihre Mutter oft zu ihr.

Erika und Karl Erdmann hatten sich daran gewöhnt, dass auf dem Esstisch neben Lottis Gedeck ihr Notebook stand.

Die Eltern konnten ihr Kind nicht verstehen. Sie saßen am Kaffeetisch und schauten hinaus in den Garten.

»Jetzt hat das Madl Urlaub, aber was tut es?«, seufzte Erika Erdmann.

»Vielleicht ändert sich etwas, wenn sie sich einmal verliebt.«

»Schmarrn, Karl! Sage mir, welcher Bursche so ein technikbesessenes Madl will? Außerdem findet sie keinen, weil sie keinen anschaut. Vielleicht verstehe ich die Jugend nicht mehr. Früher schaute man sich in die Augen, aß gemütlich und sprach miteinander. Wenn das so weitergeht, werden die Paare am Tisch sitzen und sich Mails schicken.«

»Jetzt übertreibst du aber, Erika!«, lachte ihr Mann.

»Mei, Karl, ich übertreibe net. Des ist doch alles irgendwie ungesund, diese ganze Technik. Nix gegen Technik! Ich bin auch froh, dass es Staubsauger gibt und Geschirrspüler, Waschmaschinen und Trockner, Küchenmixer und so weiter. Aber Computer vereinsamen die Menschen, sage ich dir.«

»Des glaube ich net, Erika. Früher hat man sich Briefe geschickt oder stundenlang telefoniert. Weißt du noch, wie das war, als wir jung und verliebt waren? Wir telefonierten bis spät in die Nacht. Und gleich nach dem Aufstehen hast du mich oder ich dich angerufen. Mei, was hatten meine Eltern damals geschimpft über die hohen Telefonrechnungen. Entweder du meldest dir ein eigenes Telefon an oder es gibt Ärger, drohte mir mein Vater.«

Erika lachte. Sie erinnerte sich.

»Wir haben dann ganz schnell geheiratet.«

»Das stimmt. Aber nicht, um Telefonkosten zu sparen. Wir wollten schon heiraten, aber nicht so schnell. Mei, Erika, wie sich das anhört, wenn du das so sagst!«

»Du weißt genau, wie ich es meine. Es waren eben andere Zeiten. Mei, wie die Zeit vergeht, Karl!«

»Das stimmt. Unser Madl sollte sich langsam ernsthaft umsehen, Erika. Wir wollen unsere Enkelkinder noch auf den Knien schaukeln.«

»Ja, das wäre schön, Karl. Aber die Generation heute ist anders als unsere damals. Sicher ist es schön, dass sie alle, jedenfalls die meisten jungen Frauen, einen Beruf haben, der ihnen Freude macht. Sie verdienen gut und können in einer eigenen Wohnung wohnen, ohne dass man auf sie herabschaut. Himmel, wenn ich mir das vorstelle, ich hätte damals eine eigene Wohnung haben wollen, ohne verheiratet zu sein, undenkbar! Doch es gibt auch eine Kehrseite, Karl. Es ist einfach kein Druck mehr da, sich zu binden. Ledige, tüchtige junge Frauen werden akzeptiert, auch ohne Mann. Warum sollten sie sich also binden, denke ich oft. Viele leben in einer losen Partnerschaft. Einen Trauschein wollen sie nicht. Kinder wollen sie nicht. Das kann ich alles nicht verstehen. Wenn ich mit Lotti darüber rede, lacht sie mich aus. Mama, ich bin noch viel zu jung. Ich lasse mir Zeit, sagt sie. Ach, Karl, wie soll das noch enden? Dabei ist Lotti so ein hübsches Madl. Es gibt in München doch sicher genug Burschen, denen sie gefällt und die ihr Herz berühren müssten. Aber alle, die sie bisher angebracht hat, waren Kollegen. Sie saßen nur vor den PCs und fachsimpelten. Darüber hinaus passierte nichts. Oft bete ich zum Herrgott, er möge eine neue Plage schicken, dass diese verdammte Technik für Wochen oder Monate ausfällt. Ich bin sicher, dann würden sich die Menschen wieder näherkommen.«

Karl Erdmann lachte.

»Erika, mein Schatz, siehst du das nicht ein bisserl einseitig? Ganz so schlimm ist es nicht. Die PCs sind nützlich und erleichtern auf vielen Gebieten das Leben. Die Leute müssen nur anders damit umgehen.«

»Mag sein, Karl. Ich stelle nur wieder Vergleiche an. Bei uns früher war das alles anders. Wir gingen mehr aus und gönnten uns mal Freizeit. Wir machten Spaziergänge, sogar Wanderungen. Warst du mal in letzter Zeit im Park? Die Bänke sind voll junger Leute in Lottis Alter, die nur auf ihre Bildschirme starren. Es ist schon ein Kreuz, Karl. Ich habe einfach Angst, dass Lotti keinen findet.«

»Die Angst kann ich dir net nehmen, Erika. Aber vielleicht hat sie sich noch nicht richtig verliebt? Ihr ist einfach noch nicht der Richtige begegnet. Liebe kann man nicht erzwingen, das weißt du.«

»Sicher kann man das nicht, aber wenn man sich gar nicht umschaut, dann kann einen die Liebe auf den ersten Blick nicht treffen. Liebe ohne Blickkontakt gibt es nun mal nicht, und aus dem Bildschirm kommt die Liebe nicht herausgesprungen.«

Karl Erdmann lachte.

»Es wird schon werden, Erika«, versuchte er, sie zu beruhigen.

Es klingelte.

Erika Erdmann ging zur Haustür.