Mami – 1899 – Hallo, ich bin Raya

Mami
– 1899–

Hallo, ich bin Raya

Ein Kind allein in einem fremden Land

Susanne Svanberg

Impressum:

Epub-Version © 2016 KELTER MEDIA GmbH & Co. KG, Sonninstraße 24 - 28, 20097 Hamburg. Geschäftsführer: Patrick Melchert

Originalausgabe: © KELTER MEDIA GmbH & Co.KG, Hamburg.

Internet: http://www.keltermedia.de

E-mail: info@kelter.de

Dargestellte Personen auf den Titelbildern stehen mit dem Roman in keinem Zusammenhang.

ISBN: 978-3-74092-341-9

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Jasmin unterbrach ihre Arbeit am Computer und lief ihrem Freund Peter entgegen. Er hatte gerade die kleine Wohnung betreten und streifte im Flur die vom Regen durchnäßte Jacke ab.

»Gräßliches Wetter draußen«, murrte er mit finsterem Gesicht. Seine Miene hellte sich jedoch sofort auf, als er Jasmin sah.

Sie bot aber auch einen höchst erfreulichen Anblick, und Peter war verliebt in sie. Er mochte ihre glänzenden dunklen Locken, die sie morgens locker hochsteckte, die sich im Laufe des Tages aber teilweise aus der Spange lösten und in geringelten Strähnen um ihren Kopf hingen, was äußerst reizvoll war. Er bewunderte ihre großen braunen Augen, deren Strahlen ihm regelmäßig Herzklopfen verursachte.

Auch jetzt war das so. Lachend breitete er die Arme aus, und Jasmin flog stürmisch gegen seine Brust. Noch immer wirkte sie wie ein ganz junges Mädchen, obwohl sie bereits fünfundzwanzig Jahre alt war. Peter mochte ihre fröhliche Unbesorgtheit.

Er selbst war viel ernster und handelte überlegter, obwohl er nur ein Jahr älter war als Jasmin. Doch er hatte es bisher auch immer etwas schwerer gehabt, denn er hatte keine reichen Eltern wie sie. Eltern, die ihrer einzigen Tochter jeden Wunsch erfüllten. Während des Studiums hatten sie ihr diese Wohnung gekauft und eingerichtet, ein eigenes Auto finanziert und auch die monatliche Unterhaltszahlung war Jasmin sicher. All diese Vorteile hatte Peter nicht, denn er hatte keine Eltern mehr, und die Oma, bei der er aufwuchs, verfügte nur über eine kleine Rente.

Doch er war ein lieber Kerl, verständnisvoll und treu, und Jasmin war überzeugt davon, keinen besseren Partner finden zu können. Außerdem sah er gut aus, fast zu gut für einen Mann. Er war auffallend groß, schlank und sportlich und hatte ein hübsches Gesicht, das von stahlblauen Augen beherrscht wurde. Seine langen blonden Haare gaben ihm etwas Mädchenhaftes. Er hätte sie längst abschneiden lassen, doch Jasmin war dagegen.

Sie umarmten sich so heftig, als hätten sie sich lange Zeit nicht gesehen, dabei hatten sie sich erst vor einer Stunde getrennt. Nach Abschluß ihres Studiums bestand Jasmin darauf, daß Peter zu ihr zog, und dieses Angebot vermochte er nicht abzulehnen. Etwa drei Wochen war das nun her. Drei Wochen, in denen sie sehr glücklich waren.

Ein langer, zärtlicher Kuß beendete die leidenschaftliche Begrüßung. Jasmin ließ die Spitzen von Peters blonden Haaren durch ihre Finger gleiten. Eine Geste, die sie bei jedem Beisammensein genoß, denn sie fühlten sich weich und seidig an.

»Die ersten Seiten unseres Drehbuchs stehen. Du mußt sie unbedingt lesen.« Jasmin zog Peter an der Hand in Richtung Computer. »Das wird gut, einfach super«, schwärmte sie. »Schon der Einstieg ist klasse. Mir sind ein paar Supergags eingefallen.« Stolz sah Jasmin zu ihrem Partner auf. »Die nächste Szene schreibst du, und so wechseln wir uns ständig ab. Oder würdest du es für besser halten, wenn jeder zwei oder drei Personen der Handlung übernimmt?«

Peters Blick überflog die bereits ausgedruckten Seiten. Er schmunzelte, denn Jasmins Geschichte begann humorvoll. »Du hast Talent, das haben dir ja schon die Profs an der Aka bestätigt. Aber damit ist es nicht getan. Um einen Film zu machen, braucht man mehr. Vor allen Dingen Geld und zwar eine ganze Menge. Das ist der Punkt, an dem unser Vorhaben scheitern wird.« Peter machte ein bekümmertes Gesicht und zuckte die breiten Schultern. »Ich habe mich erkundigt. Allein das Studio und die Kamera kosten pro Drehtag drei Mille. Und das ist ein Freundschaftspreis, der nur ehemaligen Studenten der Filmakademie eingeräumt wird. Dazu kommen die Gagen der Schauspieler, später die Kosten für den Schneideplatz, die Vertonung, die Repro. Selbst wenn wir Regie und Kameraführung selbst übernehmen, wird dieses Projekt unbezahlbar, wenigstens für uns.«

Jasmins dunkle Augen blitzten. Verspielt küßte sie Peter auf die Nasenspitze. »Alles kein Problem. Ich rufe meinen Daddy an und sage ihm, daß wir einen Film produzieren, der mit großer Wahrscheinlichkeit ein Hit wird und deshalb die Kosten hundertfach einspielen wird. Er wird keinen Moment zögern, uns das Geld vorzustrecken. Wir müssen ihm nur sagen, wieviel wir brauchen.«

Peter schüttelte den Kopf. »Nein, Jasmin«, meinte er ernst. »Deine Eltern haben genug investiert. Jetzt solltest du ihnen zeigen, daß du auf eigenen Füßen stehst. Und was mich betrifft, so werde ich nie und nimmer das Geld deines Vaters verschleudern. Was soll er denn von einem Schwiegersohn halten, der nicht fähig ist, seine Brötchen zu verdienen.«

»Das sind doch nur Anfangsschwierigkeiten. Wenn wir mit diesem Film erfolgreich sind, zahlen wir alles zurück und haben genug übrig für unsere nächste Produktion.«

»Wenn…«, seufzte Peter glücklich. »Du weißt doch selbst, daß das nicht nur mit Können, sondern auch mit Glück zu tun hat. Der Markt ist übersättigt, und deshalb ist die Sache nicht so einfach. Wenn wir einen Flop landen, sitzen wir ganz schön in der Tinte.«

Jasmin zog einen Schmollmund und wirkte in diesem Moment wie ein trotziges Kind. »Wir waren uns doch immer einig darüber, daß wir nach dem Studium gemeinsam einen Film drehen. Warum bist du plötzlich so pessimistisch?«

Liebevoll legte Peter den Arm um seine Freundin. »Während unseres Studiums an der Filmakademie war das alles noch so weit weg, daß ich mich für die Idee begeistert habe. Aber jetzt sehe ich, daß ich für dieses Projekt Geld brauche, das ich nicht habe. Deshalb ist es sinnvoller, zuerst etwas zu verdienen. Ich habe mich bei verschiedenen Fernsehgesellschaften als Filmregisseur beworben, das weißt du. Wenn es irgendwo klappt, nehme ich den Job an. Sei mir nicht böse, Jasmin.«

»Du glaubst nicht an unseren Erfolg«, schmollte die junge Frau und drehte sich zur Seite. »Unsere Abschlußarbeit hat allgemein gefallen und hat auf dem Filmfestival in Cannes sogar einen Preis bekommen.«

»Das war ein Animationsfilm von fünf Minuten Spielzeit. Erinnere dich bitte daran, daß wir acht Monate daran gearbeitet haben. Der Aufwand stand in keinem Verhältnis zum Ertrag. Ich kann mir das nicht leisten. So einfach ist das. Vielleicht klappt es später, wenn wir ein finanzielles Polster haben.«

Peter sah Jasmin treuherzig an.

Sie ließ sich überzeugen. »Vielleicht hast du recht. Ich bin ja auch nicht gern abhängig, und vielleicht sollte ich meinen Eltern beweisen, daß ich kein Geld mehr von ihnen brauche. Ich werde mir einen Job suchen, genau wie du. Zufrieden?«

Aufatmend schloß Peter das hübsche Mädchen in seine Arme und zog es sanft an sich. »Jasmin, ich liebe dich«, flüsterte er in ihr Ohr. »Ich wünsche mir, daß wir für immer beisammen bleiben, ein ganzes Leben lang. Irgendwann können wir unseren Plan realisieren, daran glaube ich.«

»Ich bin sehr stolz auf dich, Peter. Und mein Vater ist es sicher auch, weil du es aus eigener Kraft schaffen willst und nicht auf seine Unterstützung setzt, was ja viel bequemer wäre.«

*

Das »schwarze Brett« im Flur der Filmakademie war ein grauer Kasten mit vielen Zetteln. Da suchten die Studenten ein preiswertes Zimmer, eine Mitfahrgelegenheit, einen ausrangierten Computer und viele andere Dinge. Es gab aber auch stets eine Menge Angebote. Sie reichten vom gebrauchten Fahrrad bis zum Ferienjob.

Für Jasmin war es zur lieben Gewohnheit geworden, die Zettel zu studieren, denn es waren gewöhnlich auch wichtige Informationen dabei. Diese Angewohnheit behielt sie auch nach Abschluß ihres Studiums bei. Wenn sie in der Nähe der »Aka« war, hielt sie an, betrat das schmucklose Gebäude, das früher als Kaserne gedient hatte, und informierte sich über Veranstaltungen, über geplante Projekte und über Neuerungen, die für die Filmschaffenden wichtig waren.

Auch an diesem Vormittag stieg sie die Stufen zum Sekretariat hoch, neben dessen Tür der graue Kasten hing. Sie interessierte sich hauptsächlich für die angebotenen Jobs, denn Peter hatte noch von keinem Fernsehsender eine Zusage bekommen, was sehr auf seine Stimmung drückte. Um nicht von ihr abhängig zu sein, arbeitete er zwischenzeitlich als Aushilfskraft in einem Fotoladen. Die Bezahlung war mies und die Arbeit wenig anspruchsvoll.

Aufmerksam ging Jasmin die verschiedenen Notizen durch. Dabei fiel ihr ein Zettel auf, dessen Text professionell abgefaßt und ausgedruckt war.

Ihre Augen wurden groß. Unwillkürlich hielt sie den Atem an. Rasch notierte sie sich die Telefonnummer und ging eilig den Weg zurück. Gar nicht rasch genug konnte sie nach Hause kommen, um von dort aus die Nummer anzuwählen. In dieser Freude hüpfte Jasmin übermütig die Stufen hinunter und achtete nicht auf irgendwelche Hindernisse, wie sie hier immer wieder auftauchen konnten. Zum einen, weil die Studenten häufig schwere Geräte bewegen mußten, zum anderen, weil manche von ihnen gebrauchte Gegenstände leichtsinnig herumstehen ließen.

So war es auch jetzt. Am Ende der Stufen stand auf dem Treppenabsatz ein Rollbrett, das für den Transport von verglasten Ausstellungskästen verwendet worden war. Unachtsam trat Jasmin darauf. Das Brett rollte weg, und sie verlor das Gleichgewicht und stürzte auf die Treppe, überschlug sich dort und kullerte abwärts. Alles geschah so schnell, daß sich Jasmin nirgends festhalten konnte. Hilflos blieb sie am Ende der Treppe liegen.

Sie wollte sich aufrichten, doch ihr rechtes Bein gehorchte nicht. Es tat höllisch weh. Wiederholt versuchte Jasmin aufzutreten, doch sie sackte immer wieder mit einem Schmerzensschrei zusammen.

Zwei Studenten, die aufmerksam wurden, wollten ihr helfen, konnten aber nichts ausrichten.

»Das Bein ist gebrochen«, stellte der Größere von ihnen gelassen fest. »Ich kenne das, weil ich schon zweimal Ähnliches erlebt habe.«

Jasmin schüttelte den Kopf, obwohl sie wußte, daß der junge Mann recht hatte.

»Vier Wochen Gips. Mindestens!« Der Student ließ sich nicht beirren. »Ich rufe einen Krankenwagen. Sie dürfen auf keinen Fall auf Ihrem Bein stehen.«

»Nein«, murmelte Jasmin mutlos. Das hatte ihr gerade noch gefehlt! Tränen traten in ihre Augen, denn was sie eben noch in greifbarer Nähe geglaubt hatte, entschwand mit diesem Sturz in unerreichbare Ferne.

*

Der hilfsbereite Student behielt recht. Jasmins rechtes Bein war tatsächlich gebrochen. Das wurde durch eine Röntgenaufnahme im Krankenhaus zweifelsfrei festgestellt. Es war zwar ein einfacher Bruch, doch die junge Frau wurde trotzdem stationär aufgenommen, denn die Stelle mußte abschwellen, bevor ein stabiler Verband angelegt werden konnte. Außerdem mußte sichergestellt werden, daß die Patientin jemanden hatte, der ihre Pflege übernehmen konnte.

Reichlich zerknirscht benachrichtigte Jasmin ihren Freund, der auch sofort kam, kreidebleich und mit zittrigen Knien.

»Um Himmels willen, wie ist denn das passiert?« keuchte er entsetzt, als er erfuhr, was geschehen war.

»Es war ganz allein meine Schuld. Ich hätte das Rollbrett sehen müssen, aber ich war so aufgeregt, daß ich vermutlich auch über einen großen Schrank gestolpert wäre«, machte sich Jasmin über sich selbst lustig. Sie hatte sich inzwischen mit den Tatsachen abgefunden und freute sich über Peters Anteilnahme, in der seine tiefe Verbundenheit zum Ausdruck kam.

»Aufgeregt? Wieso?« wiederholte er angstvoll. Als ihn die Stationsschwester der Klinik anrief, verließ er in Panik seinen Arbeitsplatz ohne sich abzumelden. Er hatte Angst um Jasmin, und diese Furcht beherrschte ihn noch immer.

»Weil da eine Notiz war durch die Leila Sandhaas eine Assistentin sucht. Die Sandhaas ist dir doch ein Begriff.«

»Hm«, nickte Peter. »Sie macht im Auftrag der Fernsehanstalten die besten Kulturfilme aus fernen Ländern.«

»Diesmal reist sie für zwei Monate nach Australien. Genau der richtige Job für mich, hab’ ich gedacht. Ich wollte sie sofort anrufen und war sicher, daß sie noch niemanden hat, denn das neue Semester hat gerade erst begonnen und keiner der Studenten kann weg. Denkste, jetzt bekomme ich einen Gipsverband und damit kann ich nicht einmal in meiner Wohnung laufen, geschweige denn im australischen Outback.« Traurig ließ Jasmin den Kopf hängen.

»Dafür bleiben wir zusammen«, versuchte Peter sie zu trösten. »Hast du Schmerzen?« erkundigte er sich besorgt.

»Jetzt nicht mehr, weil man mir eine Spritze verpaßt hat.« Jasmin streckte die Hand nach ihrem Partner aus.