Der kleine Fürst – 171 – Ein Foto als Auslöser

Der kleine Fürst
– 171–

Ein Foto als Auslöser

… sorgt für Irrungen, Wirrungen – und große Gefühle

Viola Maybach

Impressum:

Epub-Version © 2016 KELTER MEDIA GmbH & Co. KG, Sonninstraße 24 - 28, 20097 Hamburg. Geschäftsführer: Patrick Melchert

Originalausgabe: © KELTER MEDIA GmbH & Co.KG, Hamburg.

Internet: http://www.keltermedia.de

E-mail: info@kelter.de

Dargestellte Personen auf den Titelbildern stehen mit dem Roman in keinem Zusammenhang.

ISBN: 978-3-74092-345-7

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Die dreizehnjährige Anna von Kant saß wieder einmal im Publikum, um einem Vortrag ihrer berühmten Tante Angelika Gräfin Maritz zu lauschen. Diese war Archäologin und hatte mit ihrem Team vor nicht allzu langer Zeit Überreste einer alten Inkastadt in Peru gefunden. Die Ausgrabungen liefen noch, es war mehr von der Stadt erhalten, als zunächst angenommen. Besonders durch diesen letzten Fund in Peru war Angelika in aller Welt bekannt geworden.

Sie war eine mitreißende Rednerin, die es verstand, die Ausgrabungen so spannend zu schildern, dass das Publikum ihr bereitwillig folgte. Nun verhielt es sich nicht etwa so, dass ihre Nichte Anna besonderes Interesse an Archäologie gehabt hätte. Ihr Interesse galt vielmehr einer schönen Blondine, von der sie mittlerweile sogar den Namen wusste: Isabella von Bolanden. Diese besuchte jeden Vortrag Angelikas, allein das war schon auffällig gewesen. Doch darüber hinaus hatte sie sich auch noch merkwürdig verhalten.

Aufgefallen war sie zuerst Annas Cousin, Christian von Sternberg, als sie die Vorträge noch zu dritt besucht hatten: Anna, ihr sechzehnjähriger Bruder Konrad und ihr Cousin Christian, der ein Jahr jünger als Konrad war. Mittlerweile wechselten sie sich ab. Christian jedenfalls hatte seinerzeit bemerkt, dass Isabella von Bolanden – damals hatten sie sie noch ›die Blonde‹ genannt, in Unkenntnis ihres Namens – sich immer wieder nach ihnen umgesehen hatte und bei jedem Blickkontakt heftig errötet war. So hatten sie angefangen, sich für sie zu interessieren: Gab es etwas, das ihre Tante Angelika und die blonde Isabella miteinander verband?

Natürlich hatten sie die Gräfin danach gefragt, und da war es erst richtig interessant geworden: Tante Angelika hatte behauptet, die Blonde sei ihr noch nie aufgefallen. Sie schien nicht zu wissen, von wem sie sprachen, aber sie war unverkennbar nervös geworden und hatte dann betont unauffällig versucht, mehr über die geheimnisvolle Zuhörerin herauszubekommen.

Die Künstlerin Barbara von Klett, die Anna kannte, war eines Tages gemeinsam mit Isabella zu einem Vortrag erschienen, und so waren sie Isabella vorgestellt worden. Barbara von Klett war eng mit Isabella befreundet und hatte Anna gegenüber erwähnt, dass sie ebenfalls eine Verbindung ihrer Freundin mit Gräfin Maritz vermutete, doch sie wusste nichts darüber, denn Isabella schwieg sich aus.

Große Fortschritte hatten sie also bei ihren Nachforschungen bis jetzt nicht erzielen können, aber Anna hatte nicht die Absicht, sich dadurch entmutigen zu lassen. Geheimnisse hatten sie schon immer magisch angezogen, und zum Glück teilten Konrad und Christian dieses Interesse.

Isabella von Bolanden war heute später gekommen. Sie saß einige Reihen hinter Anna, sodass diese sie nicht im Auge behalten konnte. Anna war jedoch fest entschlossen, Isabella nach dem Vortrag anzusprechen und in ein Gespräch zu verwickeln. Irgendwie mussten sie ja mal weiterkommen mit dieser seltsamen Geschichte!

Beifall brandete auf, der Vortrag war bereits beendet. Anna hatte so gut wie nichts davon mitbekommen, es gab immer so viel, worüber sie nachdenken musste! Sie stand auf und sah sich nach Isabella um. Diese winkte ihr freundlich zu. Die Zeit, da sie errötet war, wenn sie einem Blick der Teenager begegnete, war längst vorüber. Seit Barbara von Klett sie offiziell miteinander bekannt gemacht hatte, war Isabella ihnen gegenüber ganz unbefangen.

Nein, nicht ganz, dachte Anna, die ein feines Gespür für zwischenmenschliche Schwingungen hatte. Sie beschloss, der jungen Frau wieder einmal vorzuschlagen, sie ihrer Tante vorzustellen. Bisher hatte Isabella das jedes Mal mit dem Hinweis abgelehnt, Gräfin Maritz werde nach ihren Vorträgen von Fans belagert und sicher auch belästigt, sie wolle sich da nicht einreihen. Dabei studierte sie Archäologie – sie stand kurz vor dem Abschluss – und bewunderte Angelika sehr. »Deshalb höre ich mir doch jeden Vortrag von ihr an«, hatte sie einmal gesagt. »Erstens ist sie brillant, und zweitens hat man selten genug Gelegenheit, eine solche Berühmtheit aus der Nähe zu erleben.«

»Hallo, Anna«, sagte Isabella, als sie einander begrüßten. »Du bist wirklich eine treue Seele. Haben dich dein Bruder und dein Cousin heute wieder alleingelassen?«

»Sie hatten keine Lust, mich zu begleiten«, erwiderte Anna. »Wie wäre es, wenn ich Sie heute meiner Tante vorstelle? Sie sind ihr treuester Fan, ich finde, es wird höchste Zeit, dass Sie sie kennenlernen. Und sehen Sie mal, heute stehen nicht so viele Leute um sie herum wie sonst, die Gelegenheit ist also günstig.«

Isabella errötete heftig, beinahe so wie früher. Auf einmal schien sie es sehr eilig zu haben. »Du weißt doch, dass ich das nicht möchte, es käme mir aufdringlich vor. Außerdem habe ich noch eine Verabredung, ich muss mich beeilen. War schön, dich mal wiederzusehen, Anna, bis bald.«

Mit diesen Worten drehte sie sich um und ließ Anna stehen, die ihr aufrichtig verblüfft nachsah. Bis zu ihrem Vorschlag hatte Isabella keineswegs gewirkt, als sei sie in Eile. Aus irgendeinem Grund wollte sie Tante Angelika, die sie angeblich so sehr bewunderte, nicht kennenlernen. Wenn das nicht merkwürdig war!

Anna warf einen Blick zum Podium und stellte fest, dass sie sich geirrt hatte: Noch mehr Leute als sonst hatten sich mittlerweile dort eingefunden, um wenigstens einen Blick aus der Nähe auf die berühmte Rednerin werfen zu können und vielleicht sogar ein paar Sätze mit ihr zu wechseln. Außerdem hatte Tante Angelika noch weitere Termine nach diesem Vortrag, sie würde also ohnehin nicht mit ihr zurück ins Schloss fahren können.

Anna verließ den Saal und steuerte auf die Bushaltestelle zu. Sie hatte noch ihre Schultasche dabei, denn sie war direkt von der Schule aus hierhergekommen. Jetzt war sie müde. Der Bus kam zum Glück bald, sie suchte sich einen Platz ganz hinten und fragte sich wieder einmal, ob sie nicht aufhören sollten, Tante Angelikas Vorträge zu besuchen. Wahrscheinlich gab es überhaupt keine geheimnisvolle Verbindung zwischen Isabella und ihrer Tante, sie hatten sich alles nur eingebildet, Christian, Konrad und sie.

Sie war so in Gedanken, dass sie es beinahe versäumt hätte, rechtzeitig auszusteigen: Am Fuße des Sternbergs nämlich. Die Anhöhe hatte einen sehr wohlklingenden offiziellen Namen, den jedoch niemand mehr benutzte. Sie hieß ›der Sternberg‹ nach dem Schloss, das auf ihr errichtet worden war. Schloss Sternberg war Annas Zuhause, schon seit sie denken konnte.

Sie lief leichtfüßig auf einem schmalen Waldweg neben der gewundenen Straße nach oben, das war sie schließlich gewöhnt, es war ihr Schulweg, denn auch der Schulbus fuhr nur unten im Tal. Nur bei sehr unerfreulichen Wetterverhältnissen ließen sich die Sternberger Teenager von Per Wiedemann, dem Chauffeur, fahren.

Annas Gedanken sprangen wild hin und her. Zuerst war sie noch bei Isabella und Angelika, dann sann sie über ihr Leben im Schloss nach, das sich im letzten Jahr so dramatisch verändert hatte. Sie waren so glücklich gewesen vorher, so unbeschwert …

Alles hatte mit dem furchtbaren Hubschrauberabsturz begonnen, bei dem Christians Eltern, Fürstin Elisabeth und Fürst Leopold von Sternberg, ums Leben gekommen waren. Ihr Cousin war also mit fünfzehn Jahren Vollwaise geworden. Ihre Mutter, Baronin Sofia von Kant, und Elisabeth von Sternberg waren Schwestern gewesen und zugleich enge Vertraute. Deshalb waren die Kants schon vor vielen Jahren ebenfalls ins Schloss gezogen, wo die beiden jungen Familien glückliche Zeiten miteinander verlebt hatten bis zu jenem Schicksalstag.

Nach dem Unglück war Christian ein Teil der Familie seiner Tante geworden, praktisch das dritte Kind von Sofia und ihrem Mann Friedrich. Anna und Konrad waren vorher schon wie Geschwister für ihn gewesen. Rein äußerlich hatte sich also gar nicht so viel verändert, aber Elisabeth und Leopold fehlten ihnen allen schmerzlich. Nun war Angelika die einzige Schwester, die Baronin Sofia geblieben war, doch mit ihr hatte sie sich schon als Kind nicht gut verstanden.

Weiter wanderten Annas Gedanken, denn der tödliche Unfall war nur der Beginn einer ganzen Serie von schlimmen Ereignissen gewesen: Kurz nach seinem Tod war Fürst Leopold beschuldigt worden, einen außerehelichen Sohn verschwiegen zu haben, und es hatte viel Kraft und Zeit gekostet, diese Beschuldigung als Lüge zu entlarven. In jenen Wochen und Monaten war Christian, vom Verlust der Eltern ohnehin stark gezeichnet, noch stiller geworden als zuvor, und Annas Mutter, Baronin Sofia, war schließlich zusammengebrochen. Der Stress hatte seinen Tribut gefordert. Und dann war auch noch Eberhard Hagedorn, der langjährige Butler im Schloss, von allen verehrt und geschätzt, entführt worden und erst nach langen Wochen, die er in der Gewalt der Geiselnehmer hatte verbringen müssen, wieder freigekommen.

Anna stieß hörbar die Luft aus. Ein schreckliches Jahr, wirklich. Sie alle hofften, dass es jetzt wieder aufwärts ging, dass Schluss war mit den bösen Schicksalsschlägen.

Ein plötzlicher Gedanke ließ sie leise lachen. Ob ihre Mutter den Besuch ihrer älteren Schwester wohl als Schicksalsschlag empfand? Tante Angelika hielt sich schon seit einigen Wochen im Schloss auf, solange wie nie zuvor, und während sie, Konrad und Christian das eher unterhaltsam fanden, reagierte ihre Mutter zunehmend dünnhäutig auf das manchmal egoistische und rücksichtslose Verhalten ihrer älteren Schwester. Tante Angelika war es nun einmal gewöhnt, dass alles nach ihrer Pfeife tanzte, und sie lebte schon seit vielen Jahren allein. »Da wird man schrullig«, hatte sie neulich einmal gesagt. Dabei war sie erst Mitte Vierzig, in einem Alter also, in dem es einem eigentlich noch nicht zustand, schrullig zu werden.

Anna blieb stehen, als das Schloss vor ihr auftauchte. Es sah wieder einmal so schön aus, dass ihr das Herz weit wurde. Sternberg war eins der schönsten Schlösser des Landes, strahlend weiß gestrichen, elegant in der Form. Es gab keinen Reiseführer über das Sternberger Land, in dem es nicht abgebildet war – und sie durfte darin wohnen!

Langsam ging sie weiter. Sie hatte sehr gut Augen, und so erkannte sie, obwohl sie noch weit entfernt war, dass das Hauptportal geöffnet wurde. Ein braunes Bündel schoss heraus, zwei schmale, ziemlich große Gestalten folgten ein wenig langsamer.

Sie beschleunigte ihre Schritte. Togo, Christians junger Boxer, erreichte sie schon nach kurzer Zeit, begrüßte sie stürmisch und umkreiste sie, während er auffordernd bellte. Anna ließ ihre Schultasche fallen, suchte nach einem passenden Stöckchen und schleuderte es weit von sich. Togo stürzte begeistert hinterher.

Mittlerweile waren auch Konrad und Christian herangekommen. »Du warst ja ewig weg«, sagte Konrad. »Hat der Vortrag länger gedauert?«

»Oder hast du Isabella endlich Tante Angelika vorstellen können?«

»Ich habe es ihr vorgeschlagen, aber sie wollte nicht. Vorher schien sie alle Zeit der Welt zu haben, aber kaum hatte ich meinen Vorschlag gemacht, da hatte sie es plötzlich wahnsinnig eilig und war schlagartig verschwunden. Nee, länger hat das heute eigentlich nicht gedauert, ich weiß auch nicht, warum es später geworden ist.«

»Der Vortrag muss länger gewesen sein.«

»Keine Ahnung«, bekannte Anna, »ich habe überhaupt nicht zugehört. Ich glaube, mein Interesse für Archäologie ist wieder erloschen.«

»Falls es jemals ernsthaft bestanden hat«, grinste Konrad.