Fürstenkrone – 93 – Unter südlicher Sonne

Fürstenkrone
– 93–

Unter südlicher Sonne

Wie Graf Hendrik seine Liebe wiederfand

Barbara Wiedenberg

Impressum:

Epub-Version © 2016 KELTER MEDIA GmbH & Co. KG, Sonninstraße 24 - 28, 20097 Hamburg. Geschäftsführer: Patrick Melchert

Originalausgabe: © KELTER MEDIA GmbH & Co.KG, Hamburg.

Internet: http://www.keltermedia.de

E-mail: info@kelter.de

Dargestellte Personen auf den Titelbildern stehen mit dem Roman in keinem Zusammenhang.

ISBN: 978-3-74092-347-1

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Die Verlobung des Grafen von Lendorff mit Komtesse Gerda von Liebritz war nur durch einen dummen Zufall zustande gekommen und von Graf Hendrik auch gar nicht gewollt. An einem Winterabend gab er eine große Gesellschaft auf Rothkehlen, dem Gut der Grafen von Lendorff.

Er tanzt mit Gerda, die ihn liebt.

Leicht und sicher und vor sich hin summend, führt er die elegante Gestalt hinüber ins Blumenzimmer. Sie tanzen an dem Diener Hubert vorüber.

Hendrik nimmt von dem Silbertablett zwei Champagnergläser und reicht eins davon Gerda. Sie stehen jetzt dicht voreinander. Die Glut ihrer Augen umfängt ihn. Aber seltsamerweise vermag sie es nicht, in ihm jene Bereitschaft zum Geben und Verschenken zu wecken. Kühl und nüchtern steht er dieser Frau gegenüber. Vielleicht kommt das noch, wenn das entscheidende Wort erst gesprochen ist, denkt er. Er beugt sich etwas vor und lässt sein Glas an das ihre klingen.

»Auf die Schönheit! Ja, trinken wir auf die Schönheit!«

Ihre Augen hängen an seinen Lippen. Dann leeren sie in einem Zug ihre Gläser.

Plötzlich fühlt Hendrik zwei weiche, leidenschaftliche Arme um seinen Hals. Ein heißer, stammelnder Frauenmund nähert sich dem seinen.

»Du weißt ja gar nicht, wie ich mich Tag und Nacht nach dir sehne, wie ich immer auf dich warte! Manchmal denke ich, du fühlst es gar nicht, und dabei ist es doch so schade um jede Stunde. Alle Welt spricht längst darüber. Hendrik, dass wir beide, ich meine, dass du und ich …«

Hat sie zu viel getrunken? Oder ist die Leidenschaft ihres Blutes so groß, dass sie sich vergisst?

Hendrik fühlt den heißen Frauenmund auf seinen Lippen. Sie küsst ihn unbeherrscht.

Es ist, als wenn etwas in ihm zerbricht. Unwillkürlich wird seine Haltung steif und abwehrend. Diese Frau ist keine Frau, diese Frau ist – ja ist …

»Oh, Pardon!«, klingt eine verstörte Stimme neben ihm. Gert von Halbersleben ist ins Zimmer getreten. Erschrocken wie eine bei einer heimlichen Liebkosung ertappte Frau, lässt Gerda die Arme sinken und schmiegt sich Schutz suchend an Hendrik.

Dieser ist blass geworden. Nur eine Sekunde herrscht peinliches Schweigen.

Gert von Halbersleben wendet sich ab, um das Zimmer zu verlassen, da hält ihn die Stimme des Freundes zurück.

Hendrik hat begriffen, dass es in diesem Augenblick nur eine Möglichkeit für ihn gibt, die Ehre dieser Frau, die sein Gast ist, zu rehabilitieren.

»Einen Augenblick, Gert! Warum läufst du denn davon? Du sollst der Erste sein, der es erfährt, dass wir uns soeben verlobt haben!«

Er sieht, dass Gert von Halbersleben aufatmet. Mit diesem einen Wort hat er die Ehre der Komtesse wiederhergestellt. Aber welchen Preis muss er dafür bezahlen! Er lässt die Gratulation über sich ergehen. Übel ist ihm in diesem Moment, er hört sich selbst wie einen Fremden sagen:

»Es lag wohl schon längere Zeit in der Luft, nicht wahr? Und ihr habt es wohl alle geahnt? Die Verlobung feiern wir natürlich noch extra, aber trinkt inzwischen auf unser Wohl, Kinder.«

Er zieht Gerda mit sich fort hinüber in den Salon.

Cläre kommt ihnen entgegen. Sie schaut fragend in des Bruders etwas verstörtes Gesicht, aber dann reicht sie Gerda herzlich die Hand.

»Ich freue mich für euch und gratuliere euch von ganzem Herzen. Weiß es Mama schon, Hendrik? Ich bin sicher, sie wird sich freuen!«

Gerdas feine Nasenflügel vibrieren etwas hochmütig, und triumphierend schaut sie auf die zukünftige Schwägerin.

Geschafft, denkt sie. Geschafft! Wenn ich erst Herrin auf Rothkehlen bin, dann wird er mir gehören, nur mir! Dafür werde ich schon sorgen!

Herablassend, aber durchaus liebenswürdig, sagt sie: »Ich hoffe, wir werden uns gut verstehen, kleine Schwägerin. Nun wollen wir es aber Papa und deiner Mutter sagen. Komm, Hendrik.«

Cläre schaut den Bruder an. Der beißt sich auf die Lippen und zuckt unmerklich die Schultern.

Von Liebritz – Gerdas Vater – zeigt sich nicht weiter überrascht, als Hendrik in aller Form um die Hand seiner Tochter anhält. Er hat viel getrunken. Ein wenig schwankend nach dem Genuss des schweren Weins erhebt er sich aus seinem Sessel und schlägt seinem zukünftigen Schwiegersohn ein paarmal auf die Schulter.

»Na ja, das kommt ja nicht ganz so überraschend, nicht wahr? Hast meine Gerda ja auch lange zappeln lassen, Junge. Hab’ es wohl gemerkt und schon gedacht, müsst mal ein Wort unter Männern mit dir reden.«

Etwas angewidert und benommen wendet Hendrik sich ab. Da ist er jetzt in eine Situation hineingeraten, deren Folgen noch nicht abzusehen sind. Aber es bleibt ihm kein anderer Weg mehr.

Da steht seine Mutter. Sie schaut ihn an, und dann schüttelt sie ganz unmerklich den Kopf, als wollte sie sagen: Ich verstehe das nicht. Was ist mit dir los? Wie konntest du das tun?

Aber es ist zu spät. Man muss das Beste daraus machen, das begreift auch Dora von Lendorff.

Fast graut schon der Morgen, als die letzten Gäste das Herrenhaus von Rothkehlen verlassen.

Noch einmal schmiegt Gerda sich eng an ihren Verlobten. »Bitte, komme bald herüber zu uns, damit wir alles besprechen können. Lass mich nicht so lange warten, sonst vergehe ich noch vor Sehnsucht nach dir, und dann geh ich einfach nicht mehr von hier fort. Ich hab’ dich noch nicht eine Stunde für mich allein gehabt vor lauter Menschen«, schmollt sie.

»Ich verspreche dir, sobald zu kommen, wie es meine Zeit erlaubt. Gerda. Du wirst dich beizeiten daran gewöhnen müssen, dass du einen sehr beschäftigten Mann bekommst!«

Gerda seufzte komisch auf.

»Ich glaube, ich muss mich noch an vieles gewöhnen bei dir! Mach es uns nicht schwerer, als unbedingt nötig!«

»Du kannst dich darauf verlassen, dass ich bald komme, Gerda.«

Oben auf seinem Zimmer steht er noch lange am Fenster und schaut in den kalten, klaren Morgen. Nun hat sich sein Schicksal also gewendet an einem einzigen Abend voller Überraschungen und ein Vorgeschmack ist ihm gekommen, von dem, was auf ihn wartet.

Gert von Halbersleben hat ihm seinen Besuch für die nächsten Tage angekündigt. Er ahnt, was der Freund bei ihm will. Cläre wird an ihm einen treuen Gefährten finden. Und er selbst? Er prüft sich selbst lange, und als er endlich das Fenster schließt und sich müde anschickt, zu Bett zu gehen, weiß er, dass Gerda von Liebritz seinem Herzen nichts bedeutet. Nichts, gar nichts. Dennoch ist er bereit, die Konsequenzen zu ziehen und ihr ein verständnisvoller, treuer Gatte zu sein.

*

Ein paar Tage später sitzt der junge Herr auf Rothkehlen – Graf Hendrik von Lendorff – bereits um die siebte Morgenstunde am Frühstückstisch im Blumenzimmer.

Der Tag verspricht schön zu werden. Kalt und klar ist die Luft, und die Sonne schickt ihre ersten Strahlen über die Wälder, die sich nach Osten hin an die Weiden anschließen.

Hendrik trägt einen englischen, feingewebten Anzug aus weicher Wolle, entgegen seiner Gewohnheit, sonst in Reithosen am Frühstückstisch zu erscheinen.

Er überfliegt die Morgenzeitung. Frieda gießt den starken schwarzen Kaffee ein. Und dann, während er sich den knusprigen goldgelben Toast bestreicht, überlegt er, was der Tag ihm bringen wird. Er wird für zwei Tage hinüber müssen nach Hamburg, um seine Bankgeschäfte zu erledigen. Jetzt, wo er vermuten muss, dass sein Freund und Nachbar Gert von Halbersleben um ­Cläre anhalten wird, drängt es ihn, das Erbteil seiner Schwester sicherzustellen. Und außerdem – er zieht die Stirn ein wenig in Falten, denkt dann aber den Gedanken doch zu Ende – wird er sich um den Verlobungsschmuck für Gerda kümmern müssen. Es ist alte Tradition der Rothkehlener, den Brautschmuck recht kostbar zu wählen.

Der schwere schwarze Wagen steht abfahrbereit. Hinrich bringt den kleinen Reisekoffer und verstaut ihn auf dem Rücksitz. Der englische Reisemantel hängt schon dort. Beppo, ein junger goldroter Cockerspaniel, wedelt erwartungsvoll mit der Rute.

Dann lässt Hendrik Rothkehlen hinter sich zurück. Es ist glatt draußen. Er muss sich zunächst angestrengt auf die Fahrbahn konzentrieren.

Es ist ein gutes Stück Weg bis hinauf nach Hamburg, und fast ausschließlich führt er über einsame Landstraßen.

Beppo hat es sich auf dem Vordersitz neben seinem Herrn bequem gemacht. Seine Schnauze ruht auf Herrchens Schenkel.

Dörfer und Städte fliegen an ihnen vorüber und dann wieder endlose Weite, dunkle Wälder.

Seltsame Gedanken gehen dem jungen Herrn von Rothkehlen durch den Kopf auf dieser langen Fahrt. Vielleicht hätte er Gerda mitnehmen müssen in die Stadt? Er muss sich immer bewusst an das erinnern, was sein Herz ihm eigentlich eingeben und sagen wollte. Na ja, er kann sich ja mit Überraschungseinkäufen entschuldigen. Ob sie verstehen wird, dass er das Leben auf dem Lande liebt, sie, die doch selbst ein Kind dieses Landes ist und ihm doch so ganz anders erscheint. Plötzlich bremst er scharf. Vor ihm am Wegrand steht eine junge Frau und winkt. Er überlegt kurz, dann hält er entschlossen den Wagen an.

»Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?«

»Bitte, entschuldigen Sie – ich muss nach Hamburg. Können Sie mich ein Stück mitnehmen?«

»Da haben Sie aber Glück. Ich fahre die gleiche Strecke.«

Mit einem Satz ist er aus dem Wagen und steht vor ihr. Sie ist blond. In ihrem Gesicht leuchten unwahrscheinlich blaue Augen. Hendrik hat es sofort entdeckt. Er weist auf den Handkoffer am Boden.

»Ist das alles, was Sie an Gepäck haben?«

»Ja.«

»Das haben wir gleich. Beppo, marsch nach hinten! So, nun steigen Sie mal rasch ein. Sie sind ja ganz durchgefroren! Vorsicht, Finger weg.«

Er schlägt die Wagentür zu, legt den kleinen Koffer zu seinem eigenen und setzt den Motor wieder in Gang.

Wirklich, draußen ist es unangenehm kühl. Er fröstelt ein wenig, aber die Fahrt geht schon weiter.

Viele scharfe Kurven erfordern zunächst Hendriks ganze Aufmerksamkeit, sodass er sich nicht weiter um die schlanke junge Frau an seiner Seite kümmern kann. Dann aber, als die Landstraße wieder gerade vor ihm liegt, wagt er einen Blick nach rechts. Hübsch, stellt er sachlich und in aufgeräumter Stimmung fest. Helles, lockiges Haar, ringelt sich über einer klaren, schönen Frauenstirn. Und diese Augen! An wen erinnern ihn diese Augen? Ah – an blühende Veilchen!

Sein Blick muss wohl doch zu aufmerksam gewesen sein, jedenfalls gewahrt er die heiße rote Welle, die in ihr Gesicht schießt. Sie kriecht ein wenig ineinander.

Kleines, dummes Mädel, denkt er, und irgendwie beglückt es ihn, dass ihre Haltung Abwehr ausdrückt.

Alter? Vielleicht zweiundzwanzig Jahre alt? Beruf? Hm.

»Verzeihung, ich vergaß, mich Ihnen vorzustellen: Hendrik von Lendorff ist mein Name.«

Sie neigt ein wenig den Kopf.

»Irene Mayndorff.«

Irene! Der Name passt zu ihren Augen, denkt er.

»Stört Sie die Musik?«

»O nein, im Gegenteil. Ich bin nicht allzu verwöhnt mit derlei Genüssen.«

Beppos unruhiges Knurren vom hinteren Sitz aus ist für Hendrik ein willkommener Anlass, das begonnene Gespräch fortzuführen.

»Na, mein Kleiner, wer wird denn so böse knurren. Du bist nicht an Gäste in unserem Wagen gewöhnt. Sie haben doch hoffentlich keine Angst vor meinem vierbeinigen Freund?«

»Ist er Ihr Freund?«

»Ja, alle meine Tiere sind meine Freunde.«

»Dann, glaube ich, habe ich keine Angst.«

Sie sagt es so schlicht, dass Hendrik sie anschaut. Wie um ihre Worte zu beweisen, dreht sie sich um und legt ihre Hand begütigend auf Beppos Kopf. Genau die gleiche impulsive Bewegung hat auch Hendrik gemacht. Und nun fühlt er plötzlich unter seiner Hand die kühlen, schlanken Frauenfinger. Angezogen durch diese körperliche Berührung, treffen sich ihre Blicke, liegen für Sekunden ineinander. Die des Mädchens sind ein wenig verwirrt und tiefblau und die des Mannes fragend und dunkel. Einen einzigen Augenblick lang nur währt dieser Blick. Hendriks Hand drückt die kühlen Finger unwillkürlich ein wenig fester, aber er fühlt, wie ihre Hand sich aus der seinen löst und vorsichtig und scheu zurückzieht.

Eine Weile herrscht tiefe Verlegenheit zwischen ihnen. Dann versucht Hendrik zu scherzen.

»Haben Sie Angst, dass ich beiße? Ich tue Ihnen nichts, rücken Sie ruhig ein wenig mehr nach hier.«