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Helen Müller-Frei:
Kleiner Mut, wohin?
ISBN: 978-3-03883-029-0

Buchsatz: Danny Lee Lewis, Berlin: dannyleelewis@gmail.com

Schweizer Literaturgesellschaft ist ein Imprint der
Europäische Verlagsgesellschaften GmbH
Erscheinungsort: Zug
© Copyright 2017
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Widmung

Meinem geliebten Sohn Philip Frei gewidmet, der in meinen Büchern immer wieder für Verhaltensillustrationen aus seinem Leben herhalten muss.

Darüber hinaus allen Söhnen und Töchtern der Welt gewidmet, die von ihrem Vater oder ihrer Mutter noch nie Gottes wunderbare Liebeserklärung zu hören bekommen haben:

Mein geliebtes Kind!

Ich habe dich je und je geliebt. Darum habe ich dich zu mir gezogen
aus lauter Güte.

(Jeremia 31,3)

Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei
deinem Namen gerufen; du bist mein!

(Jesaja 43,1)

Inhalt
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Vorwort
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Mit dem vorliegenden Buch Kleiner Mut, wohin? möchte die Autorin den Menschen Mut machen, sich mehr zuzutrauen. Der Mensch hat ein viel größeres Lebenspotenzial in sich, als er meint. Aber das kann nur zum Vorschein kommen, wenn er es durch mutiges Tun freisetzt. In Erlebnisberichten und lebensnahen biblischen Inputs möchte die Autorin alltagstaugliche Lebensperspektiven und bewährte Lebenshilfen aufzeigen, die durch eine Sichtveränderung Mutlosigkeit in Mut umzuwandeln vermögen.

»Mut ist Angst, die gebetet hat.« Mit dieser Volksweisheit will die Autorin ermutigen, alte Gedankenmuster der Angst abzulegen und sich auf eine persönliche Beziehung mit Gott einzulassen. Gott will den Menschen als Lebenshelfer und Berater treu zur Seite stehen. Er wird uns nie manipulieren und sich nie von uns zurückziehen, wenn uns das mutig Angepackte misslungen ist. Er ist der Pulsar, der uns immer wieder aufrichtet und anspornt, weiterzumachen. Also lasst uns mit kleinem Mut anfangen, und es wird daraus unmerklich ein großer Mut! Darum, kleiner Mut, wage es, dorthin zu gehen, wo es dich schon lange hinzieht!

Kapitel 1
Auf dem Feldweg des Lebens – Überraschungen inbegriffen!
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Wenig Hoffnung, kleiner Mut

Es war die jährliche Generalversammlung der Schweizerischen Pfingstmission. Die nicht stimmberechtigten Teilnehmer mussten jeweils auf der Empore im offenen Obergeschoss Platz nehmen, während der Ältestenrat und die Delegierten sich im Parterre-Mittelschiff des Versammlungssaales aufhielten. Ich war Nichtdelegierte und begleitete manchmal meinen Chef, Jakob Zopfi, der Präsident der SPM war und die GV leitete. Vor der Versammlung wurde ein kurzer Gottesdienst mit Abendmahl gehalten. Pastor Muri fand, die wenigen Zuschauer auf der Empore sollten doch nicht so abgesondert und auf Distanz gehalten werden, und bat uns, herunterzukommen und auf einer Seitengalerie schräg vorne zum Mittelschiff Platz zu nehmen. Da ich die Vorliebe der Pastoren kenne, ihre Schäfchen möglichst nahe vor sich zu haben, steuerte ich als Erste die vorderste Bankreihe der Seitengalerie an.

Zu Beginn des Abendmahls sagte Pastor Muri: »Ich empfinde, dass hier etliche sind, die nur noch wenig Hoffnung und einen kleinen Mut haben. Und ich spüre, dass der Herr Jesus Christus euch helfen, stärken und motivieren will in eurem Dienst. Wer also von sich sagen kann, dass er auch nur noch wenig Hoffnung und einen kleinen Mut hat, der soll doch als Zeichen dafür seine Hand auf die Brust legen, wenn das Abendmahl dargereicht wird.« Sofort empfand ich, dass das auch mich betraf. Auch ich fühlte in mir nur noch wenig Hoffnung und einen kleinen Mut. So betete ich im Herzen: »Herr, du weißt, dass ich immer ehrlich, transparent und authentisch sein will. Und du siehst, dass auch ich nur noch wenig Hoffnung und einen kleinen Mut habe. Nun sitze ich aber hier vorne direkt im Blickfeld der ganzen Versammlung. Wenn ich nun die Hand an die Brust lege, könnten die, die mich sehen, denken: ›Was ist das für ein Chef, dessen Angestellte nur noch wenig Hoffnung und einen kleinen Mut haben? Wie mag der wohl seine Leute behandeln?‹ Und so könnte ein Schatten auf Jakob Zopfi fallen. Das will ich auf keinen Fall. Deshalb, bitte Herr, erlaube mir, dass ich in diesem einen Fall nur innerlich die Hand an die Brust lege und äußerlich die Hand unten halte.« Als mir das Abendmahl gereicht wurde, ließ ich die Hand demonstrativ unten und flüsterte: »Gell, Herr, du siehst meine Hand innerlich an der Brust und hilfst mir wegen der wenigen Hoffnung und dem kleinen Mut!«

Nach Ende des Gottesdienstes erfolgte die Generalversammlung. Das Traktandum Heimstätte war an der Reihe. Der Vorsitzende suchte nach irgendetwas in seinen Akten. Dann rief er in die Menge hinein: »Helen! – Wo ist die Helen?« Wie aus einem Guss zeigten eine Menge Hände in meine Richtung. »Dort!« Man hatte mich also gesehen! »Helen, komm doch bitte mal her!«, bat mich Jakob Zopfi. Ich trat zu ihm hin und erwartete irgendeinen Auftrag. Verlegen räusperte er sich. Es schien, als ob ihm die Kontrolle und Regie kurz entzogen worden wären. Dann sprach er zur Versammlung: »Das ist Helen Frei, meine Sekretärin. Ich denke, sie hat es nicht immer leicht mit mir. Ich finde, sie hat mal einen Applaus verdient.« So wurde mir von den Anwesenden ein herzlicher Applaus gegeben, was mir allerdings ein bisschen peinlich war. Dann durfte ich wieder an meinen Platz zurückkehren. Plötzlich wurde mir im Herzen offenbar: Ich wollte keinen Schatten auf meinen Chef fallen lassen – und er musste mich, wohl im Auftrag Gottes, vor versammelter Gemeinde ehren!

Ich werde dich erheben!

Es war in unserer Freien Christengemeinde nichts Außergewöhnliches, wenn im Worship, d.h. in der Anbetungszeit vor der Sonntagspredigt neben öffentlichem Gebet auch ›Geistesbotschaften‹ von Anwesenden ausgesprochen wurden. So auch jetzt: »Ihr wollt mich erheben und groß machen mit eurem Lobgesang. Das ist gut. Ich wohne im Lobpreis meiner Kinder. Aber ihr könnt mich nicht erheben und groß machen, denn ich bin viel zu groß für euch. Und ihr könnt mich nicht größer machen. Aber ich will dich erheben und dich groß machen, spricht der Herr.« Alles zog sich in mir zusammen. Ich will dich erheben und groß machen! Dich – in der Einzahl – also mich! »Das glaube ich nicht!«, widerstrebte mein Gemüt. Ich war sowieso niedergeschlagen, schon seit Tagen. Wie sich später herausstellte, war das die Nebenwirkung eines Hormonpräparates, das ich einnehmen musste. Wie sollte Gott die Absicht haben, mich zu erheben und groß zu machen, wo ich oft genug gehört hatte, dass ein Christ unten bleiben und sich klein halten sollte. Und nun sollte Gott plötzlich das Gegenteil beabsichtigen? Nein! Das ist nicht von Gott, war mein trübes Urteil. Nach dem Gottesdienst betete ich mit aufgewühltem Herzen: »Herr, du willst mich erheben und groß machen? Zwar sagst du, was von dir geweissagt sei, werde gewiss eintreffen. Nun würde ich dich am liebsten darin prüfen. Aber ich wage das gar nicht.«

So beschloss ich, Annette, eine Freundin, zu besuchen, die etwa eine Autostunde von mir entfernt in Aarau wohnte. Ich wollte ihr mein Herz ausschütten. So fuhr ich mit dem Auto von Emmetten aus in ihre Richtung los. Unentwegt schluchzte ich vor mich hin und musste dauernd die Tränen unter meiner Brille wegwischen. »Mich erheben und groß machen! Ha!«, graulte ich vor mich hin. Nach kurzer Fahrt wurde ich plötzlich gewahr, dass der Himmel auf der rechten Seite der Autobahn in Richtung Aarau ganz düster und wolkig war, links dagegen war heiterer Sonnenschein. »Das hat mir gerade noch gefehlt, dass ich trübem und finsterem Wetter entgegenfahren soll. Auf keinen Fall! Mein Gemüt braucht jetzt Sonne!«, dachte ich. Kurz entschlossen änderte ich mein Ziel, ging von der Autobahn ab und fuhr statt zu Annette in die andere, sonnige Richtung Sarnen. Plötzlich kam mir in den Sinn, dass mir Annette einmal von einem klösterlichen Gästehaus ›Bethanien‹ vorgeschwärmt hatte. Den Namen der Ortschaft wusste ich nicht mehr, nur, dass es Richtung Melchsee-Frutt sei. Doch wo Melchsee-Frutt war, wusste ich auch nicht. So beschloss ich, einfach in Richtung Sonne zu fahren, um da irgendwo einen Kaffee zu trinken.

An einer Wegkreuzung sah ich plötzlich einen Wegweiser mit der Aufschrift ›Melchsee-Frutt‹. So fuhr ich die mir unbekannte Gegend hoch. Vielleicht würde ich ja ›Bethanien‹ finden. Nach einiger Zeit bekam ich aber Zweifel, ob ich wirklich auf dem rechten Weg sei. Also drehte ich um und fuhr die zwei, drei Kilometer wieder den Weg zurück ins Tal hinunter. »Vielleicht habe ich zu früh aufgegeben«, ging es mir dort durch den Kopf. Also drehte ich mein Auto abermals und fuhr dieselbe Strecke wieder hoch und noch etwas höher. Doch wieder kamen mir Zweifel, ob ich wirklich auf der richtigen Strecke sei. So drehte ich mein Auto erneut und fuhr ein zweites Mal und danach noch ein drittes Mal wieder ins Tal hinunter und erneut hoch und noch etwas höher als zuvor, immer in der Meinung, ich hätte zu früh aufgegeben. Beim dritten Mal sah ich plötzlich einen Pfeil ›Bethanien‹, der nach links wies. Ich hatte das Schild ein bisschen spät gesehen und musste daher mit dem Auto etwas weit ausholen, um in das schmale, scharfkurvige Seitensträßchen einzubiegen. Dabei geriet ich auf die linke Fahrspur. In diesem Augenblick kam von da ein Auto um die Kurve, sodass beide Fahrzeuge eine Vollbremsung machen mussten. Kaum eine Handbreit Platz war zwischen den Autos. Wir Fahrer schauten einander erschrocken durch die Windschutzscheibe an. Und wen sah ich am Steuer des anderen Autos? Annette! Wir ließen unsere Fahrzeuge einfach stehen, stiegen aus und fielen uns mit den Worten um den Hals: »Was machst du denn hier?« – »Und was machst du hier?« Annette hatte hier ein Wochenende verbracht und war eben auf dem Heimweg. Sie hatte sich aber noch kurz entschlossen, einem älteren Hotelgast beim Kofferpacken zu helfen. Sonst wäre sie schon früher weggefahren und wir hätten uns verpasst. Es hatte also nach Gottes Regie noch mein dreimaliges Hinauf- und Hinabfahren gebraucht, sonst wären wir aneinander vorbeigefahren.

Augenblicklich sah ich im Geist, wie Gott den Wolken befohlen hatte: »Schnell! Alle nach rechts von der Autobahn. Mein Kind hat die Absicht, zu Annette nach Aarau zu fahren und weiß nicht, dass sie ganz woanders ist. Wie ich mein Kind kenne, will es in seiner traurigen Verfassung der Sonne nachgehen.« Gott wollte mir den Wunsch erfüllen, mit Annette zusammen zu sein. Er hatte mich mit der Sonne gelockt, wie man einen Hund mit einer Wurst lockt oder einen Esel mit einem Rüebli, und mir dabei den Zielnamen eingegeben. Da wurde mir plötzlich klar: »Ich will dich groß machen und erheben!« – Damit wollte Gott mich groß machen, hochheben, erheben, wie man ein kleines Kind etwa bei einer Umzugsparade auf die Schulter hochhebt, damit es aus höherer Sicht etwas sehen kann, das es mit seinem kleinen Wuchs sonst nicht sehen könnte. Gott ließ mich sein wunderbares Wirken sehen, indem er mich wie einen Blinden zielgenau geführt hatte!

Ein Vater, zwei Söhne

An einem Flohmarkt kam mir ein kleines Büchlein in die Hände mit dem Titel Ein Vater, zwei Söhne. In diesem hatte der Basler Pfarrer Fritz Dürst das Gleichnis vom Verlorenen Sohn ausgelegt. Es ging mir unter die Haut und wurde mir geradezu zu einem Familienfoto. Mein himmlischer Vater inmitten seiner zwei Söhne, die irgendwie beide mich darstellten. Der jüngere, lebenslustige und verschwenderische Experimentierer und der ältere, zu Hause gebliebene, am Leben vorbeigehende und selbstgerechte Pflichterfüller. Dieses Büchlein war von nun an mein ständiger Begleiter in meiner Handtasche. Ich las es unzählige Male. Ich wollte eine Anzahl davon kaufen und an meine Bekannten verschenken. Aber wo immer ich mich nach dem Büchlein erkundigte, kam die Antwort, dass es zu alt und bereits vergriffen sei. Ich hatte sämtliche christlichen Buchhandlungen in den umliegenden Städten danach abgeklappert und jeweils die Verkäuferin gebeten, doch beim Verlag anzurufen, ob nicht vielleicht doch … Und jedes Mal das Gleiche: »Leider nein!« Nach sieben oder acht Malen gab ich die Suche auf. Wochen später besuchte ich eine große Konferenz in unserer Stadt. Wie üblich auf den Bücherstand zusteuernd, nahm ich ein Buch in die Hand, um etwas darin zu stöbern. Dabei fiel ein Bestellzettel heraus und auf den Boden. Ich hob ihn auf und wollte ihn wieder ins Buch hineintun. Doch dann beschloss ich, ihn stattdessen auszufüllen und abzusenden mit dem Bücherwunsch: Ein Vater, zwei Söhne von Pfarrer Fritz Dürst, Friedrich Reinhardt Verlag Basel. Danach vergaß ich das Ganze.

Einige Zeit später war ich an einem Freitagabend zu einem Krankenbesuch bei Brigit im Spital. Während sie mir so dies und jenes in depressiver Stimmung erzählte, wurde mir klar: Sie hatte ein ganz falsches Vaterbild von Gott. Sie adaptierte ihr ungutes irdisches Vaterbild auf den guten himmlischen Vater. Plötzlich kam die Stimme Gottes in mein Herz: »Gib ihr dein Büchlein Ein Vater, zwei Söhne!« – »Oh, nein!«, widersprach ich. »Das kann ich nicht! Es ist mein einziges und ich kann mich nicht von meinem Familienfoto trennen!« – »Gib es ihr!« – »Nein, unmöglich!«, insistierte ich. Noch einige Male kam die Aufforderung in mein Herz. Und ebenso viele Male widerstand ich. Dann war die Besuchszeit zu Ende und ich verabschiedete mich von Brigit. Als ich in mein Auto stieg und abfahren wollte, kam die Stimme nochmals: »Du hättest ihr das Büchlein geben sollen!« – »Oh, jetzt ist es leider zu spät. Die Besuchszeit ist um!«, tat ich bedauernd und scheinheilig. »Lieber spät als nie!«, entgegnete die Stimme. Wie konnte Gott nur so hartnäckig sein? Doch plötzlich wurde ich mir meines eigenen hartnäckigen Widerstandes bewusst und erschrak darüber. Schnell stieg ich aus dem Auto und rannte ins Spitalzimmer zurück, überreichte Brigit das Büchlein mit einem kurzen: »Hier hast du noch etwas!«, und verließ das Zimmer eilig.

Am andern Morgen, als ich die Zeitung aus dem Briefkasten holte, lag auch ein kleines Päcklein darin. Was war sein Inhalt? Ein neues Büchlein Ein Vater, zwei Söhne. Das war nun doch eine Überraschung! Gott hatte mich keine zwölf Stunden ohne sein Familienfoto gelassen. Sofort erkundigte ich mich beim Verlag, ob ein Neudruck dieses Büchleins gemacht worden sei, denn ich beabsichtige, eine Anzahl Exemplare davon zu kaufen. Die Antwort der Dame am Telefon verblüffte mich dann aber sehr: »Nein, es ist kein Neudruck dieses Büchleins gemacht worden. Aber seltsam, seit einiger Zeit bekamen wir immer wieder Anfragen nach diesem Büchlein. Und das ging immer über mich. Als neulich gar eine schriftliche Bestellung vorlag, war meine Neugier geweckt, was wohl an diesem Büchlein so Besonderes sei. Also habe ich mich persönlich auf die Suche gemacht und bin im Antiquariat fündig geworden: Eine ganze Kiste voll dieser Büchlein.« – »Die sind alle gekauft!«, erwiderte ich begeistert und schenkte sie dann mit großer Freude weiter.

Geldsorgen

Die Leitung der Schweizer Reisegruppe zur Weltpfingstkonferenz in Oslo war mir übertragen worden. Ursprünglich sollte eine dreitägige Reise nach Bergen an Norwegens Westküste der eigentlichen Konferenz vorangehen. Wegen zu geringer Teilnehmerzahl konnte diese Zusatzreise jedoch nicht stattfinden. So lag es an mir, diese Tage in Oslo mit dem Besuch von Sehenswürdigkeiten und anderem zu füllen. Da die Preise in Skandinavien sehr hoch waren, sah ich mich bald schon in Geldnöte kommen. Wie Dagobert Duck sah ich alles nur noch durch eine Dollar-Brille, war innerlich immer am Geldzählen und bestellte aus den Speisekarten stets das billigste Menü. Weil ich an meiner vorherigen Arbeitsstelle wesentlich mehr verdient hatte als jetzt, war es mir noch nicht ganz gelungen, mit weniger Geld auszukommen.

Am Vorabend der Konferenz bat ich meine Zimmerkollegin Jocelyne, mit mir auf die Knie zu gehen und Gott um Befreiung von meinem andauernden innerlichen Geldzählen zu bitten. »Bitte, Herr Jesus, nimm mir meine Geldsorgen weg. Ich möchte an der morgigen Konferenz mein Herz ganz für dein Wort offen haben und nicht immer am Geld herumstudieren.« Kaum hatte ich das Gebet beendet, klingelte das Telefon. Die Dame von der Rezeption bat mich, herunterzukommen, es erwarte mich jemand. Wer mochte das sein? Außer meiner Reisegruppe wusste niemand, dass ich abends um neun Uhr in diesem Hotel in Oslo war! Schnell zupfte ich mir Kleider und Frisur zurecht und ging zur Rezeption. Die Dame wies mich zu einem Herrn, der in der Lounge saß. Wie es dazu kam, bedarf einer kurzen Erklärung: Simone, eine meiner Reisegruppenteilnehmerinnen aus der französischen Schweiz, sah diesen schwarzen Mann allein in der Lounge sitzen. Ihr mütterliches Herz trieb sie dazu, ihm ein bisschen Gesellschaft zu leisten, denn er trug wie sie den Weltpfingstkonferenz-Pin. Nun stellte sich aber heraus, dass der Mann nur Englisch und kein Französisch sprach, während Simone nur Französisch und kein Englisch konnte. Ach, dachte Simone, dieser Bruder ist so allein und muss sich bestimmt einsam fühlen. Das darf nicht sein. Ich will Helen zu ihm schicken, die kann Englisch und soll sich ein bisschen mit ihm unterhalten. So ging sie zur Rezeption und bat die Dame, mich zu diesem Herrn zu bitten.

So ging ich also auf diesen mir fremden Mann zu und stellte mich vor. Er erhob sich höflich vom Platz, nannte seinen Namen und sprach: »Ich bin Pastor in Ghana. Meine Kirchgemeinde hat mein Flugticket zur Weltpfingstkonferenz finanziert. Aber ich habe kein Geld, um die Hotelrechnung zu bezahlen. You are the angel of the Lord, you will pay my bill. – Sie sind der Engel Gottes, Sie werden meine Hotelrechnung bezahlen!« Ich war sprachlos. Hatte ich nicht eben Gott gebeten, mir meine Geldsorgen zu nehmen! Und jetzt sollte ich an die tausend Franken für die Hotelrechnung eines Fremden zahlen? Das verstand ich nicht. Und ob ich Gottes Engel bin, muss mir Gott schon selber sagen, dachte ich. Über diese Sache wollte ich zuerst noch einmal beten. So antwortete ich dem Mann, er möge sein Anliegen morgen bei der Konferenzleitung vorbringen, ich sei für solches nicht zuständig. Im Gemüt aufgewühlt, ging ich wieder ins Hotelzimmer zurück. Ich bat Jocelyne erneut, mit mir auf die Knie zu gehen und Gott um Aufschluss dieses seltsamen Geschehens zu bitten. »Bitte, Herr Jesus, lass mich wissen, ob die an mich gerichtete Bitte dieses Mannes von Dir war, obschon du weißt, dass ich knapp bei Kasse bin.« Unverzüglich kam ein Bibelwort in mein Herz: »Welcher Vater wird, wenn ihn sein Sohn um Brot bittet, ihm einen Stein geben. Wie viel weniger euer Vater im Himmel.« (Matthäus 7,9). Ich sah vor meinem inneren Auge einen Stein, den ich zum Munde führte. Er fühlte sich für meine Zähne steinhart an und ich sagte: »Herr, das fühlt sich an wie ein Stein und sieht auch aus wie ein Stein. Aber wenn dein Wort sagt, es sei kein Stein, dann ist es so, denn dein Wort ist Wahrheit. Also werde ich dem Mann auf dein Wort hin die Rechnung bezahlen und halt mit der Kreditkarte meinen sonst unantastbaren Notgroschen anzapfen.« Als ich am andern Morgen beim Frühstück dem Mann meinen Entscheid, seine Hotelrechnung zu zahlen, mitteilte, lobte und pries er Gott unentwegt und sprach: »I knew that you are the angel of the Lord! – Ich wusste, dass Sie der Engel Gottes sind!«

Diese Erziehungsmethode Gottes beschäftigte mich dann aber doch noch einige Zeit. Es war mir, als würde Gott sagen: »Geldsorgen hast du? Kein Problem! Weg mit dem Geld, dann sind auch die Geldsorgen weg!« Und in der Tat: Von da an machte ich mir darüber keine Sorgen mehr. Ich aß jetzt nicht mehr das Billigste von der Speisekarte und leistete mir auch das eine und andere Souvenir. Und siehe da, das Geld reichte trotzdem aus!

Die Silvesterfeier

»Tschüss, Mama!«, rief mein Sohn Philip fröhlich winkend, als er sich ins Auto setzte, um über die Silvester-Neujahrstage nach Davos zu fahren, eine Wegstrecke von 2–3 Stunden Autofahrt. Es war mir unbehaglich, dass er diese Feiertage bei Christian verbringen wollte, der dort über die Wintersaison an einer Hotelbar arbeitete. Christian pflegte immer wieder mit seinen Frauen- und Bettgeschichten zu prahlen. So hegte ich den bedrückenden Verdacht, er könnte in diesen Ferientagen allerlei Diesbezügliches arrangieren. Ich hielt dieses Unbehagen vor Philip verborgen, denn immerhin war dieser kein Schuljunge mehr. Aber ich betete zu Gott für ihn und bat inbrünstig um seine Bewahrung vor unguten Beziehungen. Als ich an diesem Silvesternachmittag meine Einkäufe tätigte, besorgte ich mir nur gerade ein Viertelpfünderli Brot, das für mich allein über die Feiertage ausreichte. Bei der Silvesterfeier unserer Freien Christengemeinde in Aarau überreichte mir Berti Gfeller ein für Silvester etwas seltsames Geschenk, einen mit einer schönen roten Schleife verzierten langen Hefezopf, und sagte: »Jetzt sollst du auch einmal einen Zopf von mir haben. Ich habe dir all die Jahre noch nie einen gebacken!« So sehr mich diese liebe Geste von Berti freute, bedauerte ich gleichzeitig, dass sie mir das Gebäck ausgerechnet jetzt gab, wo Philip, der fürs Leben gern Zopf isst, vier Tage nicht da sein würde. Denn der Zopf würde bis zu seiner Rückkehr hart und trocken sein.