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IMPRESSUM

Drehbuch der Liebe erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

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© by Annette Broadrick
Originaltitel: „Deceptions“
erschienen bei: Silhouette Books, Toronto
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe BIANCA
Band 501 - 1986 by CORA Verlag GmbH, Hamburg

Umschlagsmotive: GettyImages–YakobchukOlena

Veröffentlicht im ePub Format in 1/2018 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733754983

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BACCARA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, MYSTERY, TIFFANY

 

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1. KAPITEL

„Bitte, Adele, verlang das nicht von mir“, bat Lisa. „Ich könnte das nicht ertragen!“ Sie sprang aus dem bequemen Sessel auf, der vor dem riesigen Schreibtisch ihrer Agentin stand, und ging mit großen Schritten zum Fenster.

„Aber Lisa …“, versuchte Adele Benton es noch einmal.

„Warum willst du nicht verstehen, dass ich nie wieder einen Film mit Andrew Donovan machen kann!“ Lisa sah aus dem Fenster auf die kalifornische Stadt Burbank und bemühte sich, ihre Fassung zu bewahren.

„Lisa, hör mir doch mal zu. Diese Rolle ist ganz einfach perfekt für dich –, als ob sie dir auf den Leib geschrieben wäre.“ Sie konnte nicht zugeben, dass diese Rolle wirklich extra für Lisa geschrieben worden war. Noch nicht.

„,Sand der Sierra‘ wird in der Nähe von Cuernavaca in Mexiko gedreht. Die Hazienda ist einfach umwerfend. Du wirst dort wohnen, und sie dient auch als Filmkulisse. Das wird eine angenehme Abwechslung für dich sein. Besonders nach all deinen Terminen und der Hektik der letzten Zeit.“

„Fein. Dann sorge bitte dafür, dass jemand anderes die männliche Hauptrolle spielt. Jeder andere, nur nicht Andrew.“ Noch immer sah Lisa aus dem Fenster.

Adele stand auf und kam langsam um ihren Schreibtisch herum. „Der Produzent will euch aber beide, Lisa. Das versuche ich dir ja schon die ganze Zeit zu erklären. Diese historischen Filme sind immer ein Risiko, und man braucht gute Stars, damit sie sich bezahlt machen – wenn die Zuschauer auch nur kommen, um euch beide ein letztes Mal zusammenzusehen.“ Sie wartete, bis die zierliche Schauspielerin ihre Worte aufgenommen hatte.

Lisa richtete ihre schwarzen, mandelförmigen Augen auf ihre Agentin. „Auf keinen Fall kann ich wieder mit Andrew zusammenarbeiten. Bitte, verlange das nicht von mir.“

Adele sah sie einen Augenblick schweigend an. Lisas pechschwarzes Haar fiel ihr über die Schultern, fast bis zu ihrer Taille. Sie war wunderschön – und feurig –, und sie war eine ausgesprochen gute Schauspielerin. Aber sie war auch empfindsam und sehr verletzlich, ganz besonders, wenn es um Andrew Donovan ging.

Adele wurde sich bewusst, dass es Frauen, die so reizvoll und fesselnd waren wie Lisa, in Tinsel Town ziemlich rar waren. Lisa war echt und hasste es, Starallüren an den Tag zu legen. Bei der Arbeit war sie ganz Profi. Sie ging völlig darin auf, arbeitete hart und zeigte nie Launen. Ihr blendendes Aussehen betrachtete sie als Werkzeug für ihre Karriere, aber nie als Mittel, andere zu beeinflussen. Es wunderte Adele nicht, dass jeder Mann, der Lisa kennen lernte, sich in sie verliebte. Und Andrew Donovan war darin keine Ausnahme.

„Lisa“, begann Adele vorsichtig. „Alles, was ich von dir will, ist, dass du darüber nachdenkst, noch einen Film mit Andrew zu machen. Ich verlange ja gar nicht von dir, dass du deine zerbrochene Ehe mit ihm wieder kittest.“

Lisa wandte sich abrupt vom Fenster ab und ging ruhelos in dem Raum hin und her.

„Ich habe geglaubt, du verstehst, was ich durchgemacht habe, Adele. Das dachte ich wirklich.“ Das lange Haar wehte über ihre Schultern, so schnell drehte sie sich um. „Es geht mir endlich besser – wenn auch noch nicht sehr gut – aber immerhin habe ich mich wieder gefangen.“ Mit einem Blick bat sie um Verständnis. „Ich bin jedoch noch nicht so weit, dass ich ihn wieder sehen kann, Adele.“

Adele hatte nie verstanden, warum die Ehe damals zerbrochen war. Sie wusste nur, dass Lisa Andrew verlassen hatte, kurz nachdem ihr Baby tot zur Welt gekommen war. Ein paar Monate später hatte Lisa die Scheidung eingereicht, die aber bislang noch nicht ausgesprochen war. Mit ihrer Agentin hatte Lisa nicht darüber gesprochen und hatte sich außerdem später geweigert, etwas zu dem Thema zu sagen. Adele versuchte auch gar nicht, Lisas Gründe für die Trennung herauszufinden. Sie sah aber, dass Lisa noch immer darunter litt, und wusste, dass es auch Andrew nicht besser ging.

Jetzt hatte Adele beschlossen, dass etwas für die beiden getan werden musste. Sie waren ein ideales Paar gewesen, sie hatten einander geliebt und die Leidenschaft für ihren Beruf geteilt, sie hatten einander unterstützt und sich gegenseitig geholfen. Diese Qualitäten waren in einer Ehe sehr selten, in einer Ehe unter Schauspielern sogar fast ausgeschlossen.

Adele ging zu Lisa hinüber und nahm ihre Hand. „Früher oder später wirst du aufhören müssen, wegzulaufen, Lisa. Du wirst Andrew gegenübertreten müssen. Warum also nicht jetzt?“

In Lisas Augen glänzten verräterische Tränen. Adele hatte ja recht. Früher oder später würde sie ihm wieder begegnen. Aber nicht jetzt, bitte nicht jetzt. Während der vergangenen zwölf Monate war sie überall herumgereist, nur die Westküste hatte sie gemieden. Sie hatte einen Film in Griechenland gedreht, war dann einige Wochen durch Europa gefahren, in der Hoffnung, mit ihren Gefühlen ins Reine zu kommen. Sie hatte versucht, sich vorzustellen, wie sie weiterleben könnte, denn das musste sie. Lisa Renee musste ganz einfach überleben! Sie hatte hart gearbeitet um dahin zu kommen, wo sie jetzt war, hatte Unterricht bei den besten Lehrern genommen.

Als sie Andrew Donovan traf, war sie schon ein Star gewesen, und er auch. Sie hatten sich bei den Außenaufnahmen zu „Red Sunset“ vor fünf Jahren kennen gelernt.

„Red Sunset“ wurde ein überwältigender Erfolg. Wie hätte es auch anders sein können? Das unbestechliche Auge der Kamera hatte natürlich die unterschwellige Erotik zwischen den beiden Stars eingefangen. Als Lisa sich die Schnittkopie des Films ansah, war sie errötet. Es war nicht zu übersehen, was während der Dreharbeiten geschehen war …

Adele unterbrach Lisas Gedanken und rief sie wieder in die Wirklichkeit zurück. „Der Produzent ist der Ansicht, dass die Zuschauer mehr Romantik in den Filmen sehen wollen. Dem will er Rechnung tragen. Und wenn er dabei außerdem noch ein paar Dollar verdienen kann, dann kann das ja auch nicht schaden.“

„Aber ein historischer Film?“

„Dafür ist die Zeit jetzt gerade richtig, meine Liebe. Wir brauchen ganz einfach säbelrasselnde Helden und feurige Heldinnen, mit denen das Publikum leiden und lachen kann, außerdem einige Bösewichte, um Aggressionen abzureagieren. Und in diesem Drehbuch gibt es das alles.“

Adele beobachtete Lisa genau. In ihrem Geschäft hing alles von einer geschickten Verhandlung ab, und nur auf diesem Wissen gründete sich Adeles erfolgreiche Karriere. Nach fünfundzwanzig Jahren in diesem Geschäft hatte sie eine ganze Menge gelernt. Sie hatte geholfen, Stars zu machen, auch an Lisas Ruhm war sie nicht ganz unbeteiligt. Aber Lisa bedeutete ihr sehr viel mehr als all die anderen. Sie war für sie wie eine Tochter.

Adele wünschte, dass Lisa wieder glücklich wurde, und tief in ihrem Herzen wusste sie, dass ihr Plan der einzig richtige Weg dorthin war. Andrew und Lisa mussten sich wieder sehen. Sie, Adele, musste sie dazu zwingen, einige Zeit gemeinsam zu verbringen, damit sie wieder zueinander fanden und ihre Probleme lösen konnten. Dieses neue Drehbuch war die Chance.

Lisa ließ sich wieder in den Sessel fallen. Ihr Entschluss, Andrew zu verlassen, war ihr sehr schwer gefallen. Auch mit diesem Entschluss zu leben, war nicht einfach, aber sie hatte keine andere Möglichkeit, da sie Andrew wirklich liebte. Sie musste mit der Tatsache leben, dass sie ihn liebte, dass sie ihn immer lieben würde. Sie liebte ihn so sehr, dass sie ihm seine Freiheit gab.

Jetzt sah sie Adele über den Schreibtisch hinweg an. Was hätte sie nur all die Jahre ohne den guten Rat dieser feinfühligen Frau getan? Adele schien einen sechsten Sinn zu haben, wenn es um das Filmgeschäft ging, und Lisa hatte ihr viel zu verdanken. Aber im Augenblick wusste Adele offensichtlich, wie tief der Schmerz noch in ihr saß.

„Ich kann es nicht.“

Diese Worte hingen im Raum, sprachen von verlorenen Träumen und Hoffnungen, von Furcht vor noch mehr Schmerz.

Adele ging wieder um den Schreibtisch herum und setzte sich auf ihren Stuhl. Sie rückte ihre Brille zurecht, strich sich über ihr gepflegtes silbergraues Haar, dann faltete sie die Hände auf dem Schreibtisch und blickte darauf.

„Ich sollte es dir ja eigentlich nicht erzählen.“ Sie zögerte.

Lisa sah auf und hatte einen erschrockenen Gesichtsausdruck. „Was solltest du mir nicht erzählen?“

„Ich musste Morey versprechen, es für mich zu behalten.“

Morey Arnett war Andrew Donovans Agent, seit dieser sich an der Westküste niedergelassen hatte, und die Verbindung hatte sich für beide als sehr erfolgreich erwiesen.

Lisa umklammerte die Armlehnen des Sessels. So hatte sie Adele noch nie reden gehört. Sie wusste, es konnte nur eine schlechte Nachricht sein. Er stirbt, schoss es ihr durch den Kopf. Irgendetwas ist mit Andrew passiert, und ich soll es nicht wissen. Sie sah Adele mit einem verzweifelten Blick an.

„Sag es mir.“

Endlich hob Adele den Kopf, und Lisa suchte in ihren mitfühlenden blauen Augen nach einem Hinweis. „Das darf ich nicht.“

„Sag es mir, Adele! Was ist los mit Andrew?“ Erregt sprang sie aus ihrem Sessel auf.

Mit hochgezogenen Augenbrauen musterte Adele erstaunt ihr Gegenüber, bis diese sich schließlich kleinlaut wieder hinsetzte. Andrew hatte oft gesagt, dass Lisa zu heftig reagierte, dass sie lernen müsse, sich zu entspannen und die Dinge so zu nehmen, wie sie kamen. Lisa quälte sich stets von dem Augenblick an, wo sie ein Drehbuch las, für das sie sich interessierte, über die Verhandlungen hinweg, bis zur Unterzeichnung des Vertrages. Dann plagte sie sich damit, ihre Rolle zu lernen und in den neuen Charakter hineinzuschlüpfen. Lisa machte sich viel zu viele Sorgen.

So auch jetzt. „Er ist krank, nicht wahr?“

„Wer? Morey? Nein, das glaube ich nicht. Wir haben erst am Dienstag zusammen gegessen, und da sah er prächtig aus. Er hat sogar ein paar Pfund abgenommen.“

„Adele, du weißt ganz genau, dass ich nicht von Morey spreche. Was ist mit Andrew los?“ Sie lehnte sich in ihrem Stuhl vor.

„Hm. Andrew. Ja, also, Morey meinte, dass es eine ziemlich unglückliche Geschichte sei.“

„Was ist denn los, Adele?“, bat Lisa. „Du machst mich ganz verrückt. Bitte, sag es mir doch. Was ist denn mit Andrew?“

Lisa saß jetzt nur noch auf der Kante des Sessels, so weit hatte sie sich zu Adele vorgebeugt. „Ich würde doch nie von einer so vertraulichen Information Gebrauch machen. Das weißt du, Adele. Du kennst mich doch jetzt schon zehn Jahre.“

Noch immer beobachtete Adele Lisa genau, bemerkte ihren angespannten Gesichtsausdruck und die Furcht in ihrem Blick. Ja. Der richtige Augenblick war gekommen.

„Andrew braucht diesen Film.“ Lisa sah sie verständnislos an. „Es scheint, als hätte Andrew in der letzten Zeit einige größere Investitionen gemacht, die fehlgeschlagen sind, und jetzt braucht er unbedingt diesen Film. Wie ich schon sagte, ihr beide werdet eine Menge Geld mit diesen Film bekommen und auch einen Anteil am Gewinn. Er benötigt das Geld, mein Schatz, und der Produzent ist unerbittlich. Entweder spielt ihr beide zusammen – oder keiner.“

Noch immer wirkte Lisa erschrocken. Andrew brauchte Geld? Andrew Donovan? Das Einzige, was er wirklich ernst nahm, war Geld. Er war es, der ihr alles beigebracht hatte, was mit Geld zu tun hatte. Immer wieder hatte er sie vor der Unsicherheit ihres Berufes gewarnt. In finanziellen Dingen war er der vorsichtigste Mann, dem sie je begegnet war.

„Andrew ist pleite?“, fragte sie endlich tonlos.

Adele schüttelte leicht ihren Kopf. „Nein, nicht pleite, meine Liebe, nur ziemlich knapp bei Kasse.“ Sie blickte auf ihre Hände. „Du weißt, es ist nicht so einfach, ein gutes Drehbuch zu finden. Und wenn du endlich eins hast, dann brauchst du auch den entsprechenden Hintergrund. ‚Sands of Sierra‘ ist das beste Drehbuch, das ich seit langem gelesen habe, und auch das nötige Geld ist da. Und zwar für das Team Donovan und Renee.“ Jetzt war es an der Zeit, die Unterhaltung zu Ende zu bringen. Schnell stand Adele von ihrem Stuhl auf.

„Denk darüber nach, Lisa, und ruf mich in ein oder zwei Tagen wieder an.“ Lisa war damit entlassen. „Du hast allen ganz deutlich gemacht, dass dir nichts mehr an Andrew liegt. Na ja, nun hast du auch noch die Möglichkeit, ihn zu ruinieren, wenn du das möchtest. Du hast ihn jetzt in der Hand.“

Später wusste Lisa nicht mehr, wie sie überhaupt aus Adeles Büro herausgekommen war. Sie kam erst wieder zur Besinnung, als sie verloren auf der Straße vor ihrem Auto stand. Was sollte sie tun? Wie konnte sie wieder mit Andrew zusammenarbeiten? Der Schmerz würde sie überwältigen. Würde sie ihn sehen können, mit ihm zusammenarbeiten, als sei er nur ein guter Bekannter?

Unmöglich!

Glücklicherweise war der Verkehr auf der Fahrt nach Hause nicht so stark. Ihre Gedanken wanderten immer wieder zurück zu glücklicheren Zeiten. Als sie schließlich in ihrer Wohnung ankam, lief sie verloren durch die Zimmer und dachte an die Zeit von vor fünf Jahren zurück, als sie Andrew zum ersten Mal begegnet war, in seine Augen geschaut hatte …

Der Lake Tahoe war so herrlich, wie Lisa es immer wieder gehört hatte. Sie hatte Glück, gerade hier die Außenaufnahmen machen zu können. „Red Sunset“ war ein Western, für sie der erste, und zum ersten Mal spielte sie mit Andrew Donovan zusammen.

Sie blickte aus dem Hotelfenster. Man hatte eine herrliche Aussicht. Die Berge, die den smaragdgrünen See umrahmten, vermittelten den Eindruck von unermesslicher Ruhe ringsum.

„Ein herrlicher Platz, um einen Film zu drehen, nicht wahr?“

Erschrocken fuhr Lisa beim Klang der Stimme direkt hinter sich zusammen. Jemand legte eine feste Hand beruhigend auf ihre Schulter. Sie drehte sich um und sah den Mann an.

Natürlich kannte sie Andrew Donovan. Alle Frauen, die alt genug waren, ins Kino zu gehen, kannten ihn. Er war sozusagen die Verkörperung der Männlichkeit – groß, mit breiten, muskulösen Schultern und schmalen Hüften. Er sah blendend aus, ganz egal ob er Jeans trug oder ein Western-Kostüm. Sein Gesicht mit dem energischen Kinn und den fein geschwungenen Brauen war eher ausgeprägt als hübsch, aber seine Mundwinkel waren immer wie zu einem kleinen Lächeln hochgezogen, was seinem Gesicht ein freundliches Aussehen verlieh.

Obwohl Lisa schon lange im Filmgeschäft war, so machte es sie dennoch nervös, mit Andrew Donovan einen Film zu drehen. Sie war ihm noch nie begegnet, und als sie ihn nun vor sich sah, bestätigten sich ihre Befürchtungen. Wie würde sie sich in seiner Nähe bloß an ihren Text erinnern können? Er war einfach umwerfend!

Andrew neigte leicht seinen Kopf und beobachtete sie. Ein Lächeln trat auf sein Gesicht. „Hat Ihnen Ihre Mutter gesagt, Sie dürfen mit Fremden nicht reden, Miss Renee? Dann stelle ich mich lieber schnell vor. Ich bin Andrew Donovan, Ihr Partner für die nächsten Wochen.“

Lisa reichte ihm nur knapp bis zur Schulter. Sie musste ihren Kopf in den Nacken legen, um ihm in die Augen zu sehen.

„Es freut mich, Sie kennen zu lernen“, murmelte sie unsicher, denn er hatte ihre Hand ergriffen und hielt sie fest.

„Bestimmt nicht halb so viel, wie es mich freut. Ich will gar nicht erst von der Höhe der Bestechungen reden, die ich schon angeboten habe, nur um einen Film mit Ihnen machen zu können.“

Lisa blinzelte überrascht. „Meinen Sie das ernst?“

Seine hellbraunen Augen blitzten. „O ja, das meine ich sehr ernst. Ihre Filme gefallen mir ausgesprochen gut.“

„Mir geht es mit Ihren Filmen genauso.“

„Wunderbar. Dann haben wir uns also jetzt unserer gegenseitigen Bewunderung versichert.“ Er blickte zu den gedeckten Tischen auf der Terrasse. „Haben Sie schon gegessen?“

„Noch nicht.“

„Warum suchen wir uns dann nicht einen Tisch und machen uns näher miteinander bekannt?“

Belustigt ließ Lisa sich von ihm zu einem der Tische führen.

„Ich möchte alles über Sie wissen. Das Wichtigste habe ich schon herausgefunden. Sie sind nicht verheiratet.“ Andrew nahm ein Glas mit Wasser und prostete ihr zu. „Aber die Frage ist, warum nicht?“

Ist das wirklich alles wahr? dachte Lisa. Andrew Donovan saß ihr gegenüber, die Arme auf den Tisch gestützt, und beobachtete sie. Sie hätte nie geglaubt, dass er sie überhaupt registriert hatte. Wieso sollte er sich auch für sie interessieren? Es war allgemein bekannt, dass er nie geheiratet hatte, aber sie hatte nie nach den Gründen zu fragen gewagt. Offensichtlich zog er es vor, allein zu leben.

„Ich habe nie versucht, die Gründe dafür jemandem zu erklären“, begann sie schließlich. „Ich liebe meine Arbeit, aber sie beansprucht mich sehr. Meine ganze Energie habe ich darauf verwendet, meine Karriere aufzubauen. Sollte ich je heiraten, dann wird es mehr sein als nur eine Vernunftehe. Ich möchte eine starke, dauerhafte Ehe führen, wie meine Eltern.“ Sie wünschte, er würde sie nicht so eindringlich anstarren. Nur durch ihr langes Training als Schauspielerin war es ihr möglich, seinen Blicken standzuhalten.

„Erzählen Sie von Ihren Eltern. Kommen Sie aus einer großen Familie?“

Lisa lächelte. „Ich habe drei ältere Brüder und eine Schwester, die zwei Jahre jünger ist als ich. Meine Familie lebt auf einer großen Farm in Missouri. Auch meine Brüder haben alle große Familien. Meine Schwester ist Anwältin in St. Louis.“

„Wie war das denn, in einer so großen Familie aufzuwachsen?“, fragte Andrew neugierig. Ein wenig Neid schwang in seiner Stimme mit.

„Ich nehme an, Sie hatten keine große Familie, sonst würden Sie sicherlich nicht fragen.“

„Nein. Ich habe gar keine Familie.“ Der Kellner unterbrach ihre Unterhaltung, und sie bestellten das Essen. Danach wechselte Andrew schnell das Thema … „Wie lange leben Sie schon in Kalifornien?“

„Ich bin vor sechs Jahren hierhergekommen.“

„Da waren Sie ja noch ein Baby.“

„Nicht so ganz.“ Lisa lachte. „Damals war ich zwanzig …“

„Immerhin ganz schön jung. Sie scheinen so unberührt von dem ganzen Trara, das mit der Filmindustrie zusammenhängt. Dies ist übrigens einer der Gründe dafür, dass ich Sie unbedingt kennen lernen wollte.“

„Einer der Gründe? Soll das heißen, es gibt noch mehr?“

„Ganz sicher. Aber ich gebe nie bei der ersten Begegnung alle meine Geheimnisse preis.“ Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und betrachtete sie. „Wann kann ich Sie wieder sehen?“, fragte er plötzlich.

Lisa fühlte, wie sie errötete. „Wir fangen morgen mit den Dreharbeiten an.“

Andrew nickte. „Ich weiß. Also, wie wär’s morgen mit einem gemeinsamen Frühstück – und mit dem Mittagessen – und dem Abendessen.“

„Andrew!“ Lisa lachte. Er war wirklich ganz unmöglich.

Mit ernstem Gesicht beugte er sich zu ihr. „Ich meine das ernst, Lisa. Ich möchte Sie kennen lernen. Und ich möchte, dass auch Sie mich kennen lernen.“

Lisa blickte ihm tief in die Augen und sah, dass er es ehrlich meinte. Wenn das tatsächlich eine Masche von ihm sein sollte, dann war sie ausgesprochen wirkungsvoll.

Lisa fühlte sich so unsicher, als sie schließlich auf seinen Vorschlag einging. „Um wie viel Uhr möchten Sie denn morgen frühstücken?“

Als die Außenaufnahmen für „Red Sunset“ beendet waren, hatte Lisa schon das Gefühl, Andrew sei ein Teil ihres Lebens. Sie hatten meistens zusammen gegessen, Andrew lud sie zu Spazierfahrten ein, sie gingen gemeinsam schwimmen und liehen sich Pferde aus, um die Berge zu erkunden. Andrew behandelte sie manchmal, als sei er ihr älterer Bruder. Es schien ihn zu freuen, wenn er sie necken und seine Späße mit ihr treiben konnte. Sein Humor war ansteckend, und mehr als einmal bog sie sich vor Lachen über seine Witze.

In anderen Situationen wieder schien er ihr als der große Romantiker, auf den sie schon immer gewartet hatte. Er war sehr zärtlich, er liebte es, sie zu berühren, aber er machte keine Anstalten, ihr mehr als einen vorsichtigen Gutenachtkuss vor ihrer Zimmertür zu geben. Im Drehbuch gab es dafür einige leidenschaftliche Liebesszenen, die sie für alles andere entschädigten.

Diese Liebesszenen verwandelten Lisa in ein zitterndes Bündel sinnlichen Verlangens. Sie wollte mehr, aber nie nutzte er die Situation aus. Noch nie in ihrem Leben hatte ein Mann Lisa so beeindruckt und gleichzeitig so beunruhigt wie er.

Am letzten Drehtag kam Andrew zu Lisa und legte ihr einen Arm um die Schultern. „Wie kehrst du nach Los Angeles zurück?“

Überrascht sah Lisa zu ihm auf. „Mit dem Flugzeug natürlich, wie alle anderen auch.“

„Ich dachte daran, mir einen Wagen zu mieten und damit zurückzufahren. Hast du nicht Lust, mitzukommen?“ Auch wenn seine Stimme ganz unbeschwert klang, so hatte sie doch das Gefühl, als bedeute ihre Antwort ihm eine ganze Menge.

Aber was sollte sie sagen? Sie wäre ihm überallhin gefolgt, war das jedoch wirklich das Beste für sie? Die Zeit, die sie miteinander verbracht hatten, erschien ihr wie ein Traum. Doch jetzt war es wohl an der Zeit, wieder in die Wirklichkeit zurückzukehren.

„Ich weiß nicht so recht, Andrew …“

„Hast du denn irgendwelche Termine?“

„Eigentlich nicht.“

„Dann komm doch mit. Am Freitag, spätestens am Samstag, sind wir in Los Angeles.“

Und das bedeutet, dass wir auch die Nächte miteinander verbringen werden. Nicht gerade sehr weise, wenn du keine Bindung willst, ermahnte sie sich selbst.

„Ich will dich zu nichts überreden, Lisa, du sollst nur mit mir fahren. Du bist bei mir absolut sicher, mein Ehrenwort.“

Was für eine Herausforderung! Einen Augenblick lang sah sie ihn nachdenklich an. „Gut, Andrew“, willigte sie schließlich ein. „Wann soll es losgehen?“

Zwei Tage später fuhren sie die Küste südlich von San Francisco entlang. Lisa hatte mittlerweile festgestellt, dass sie sich lediglich vor ihren eigenen Reaktionen Andrew gegenüber fürchten musste. In der ersten Nacht hatten sie in einem Hotel in Sacramento übernachtet, in getrennten Zimmern natürlich. In der folgenden Nacht waren sie in San Francisco, und nachdem sie sich die Sehenswürdigkeiten der Stadt angesehen hatten, suchten sie sich ein Hotel, natürlich wieder mit getrennten Zimmern.

Lisa konnte sich nicht daran erinnern, dass sie sich je mit einem anderen Mann so entspannt gefühlt hatte. Andrew war ein wunderbarer Kamerad. Lachend hatte sie zugesehen, wie gut er sich verstellen konnte, so dass nur wenige Menschen ihn erkannten. Eine Dame hatte ihm sogar das Kompliment gemacht, dass er dem Filmschauspieler Andrew Donovan sehr ähnlich sehe, und er hatte sich dafür höflich bei ihr bedankt.

Lisa war daran gewöhnt, dass niemand sie erkannte. Niemand vermutete, dass sie so klein war, und deshalb wurde sie häufig einfach übersehen. In Jeans und einem lässig weiten Sweatshirt vermutete man den Filmstar nicht.

Andrew fuhr von der Hauptstraße ab und folgte einer kurvenreichen schmalen Straße auf die Hügel oberhalb von San Francisco. Von dort hatte man eine herrliche Aussicht auf den Pazifik.

„Wohin fahren wir?“

„Ich habe hier oben ein paar Freunde, die ich gerne besuchen möchte.“

„O Andrew! Das hättest du mir aber sagen müssen. Ich bin für einen Besuch gar nicht richtig angezogen.“

Lächelnd sah er sie an. „Du siehst wunderschön aus. Sie werden dich sicher mögen.“

„Wer ist es denn?“

„So etwas wie meine Familie. Sie sehen in mir nicht den Filmstar. Für sie bin ich einer von ihnen.“

In diesem Augenblick war seine Bemerkung für Lisa noch ohne Bedeutung. Voller Erwartung sah sie der Begegnung mit den Menschen entgegen, die Andrew so viel zu bedeuten schienen. Es mussten schon ganz besondere Menschen sein.

Das weitläufige, lang gestreckte Haus im spanischen Stil lag auf einem Bergrücken. Es wirkte wie aus einem vergangenen Jahrhundert. Große alte Bäume standen um das Haus herum und spendeten angenehmen Schatten.

Kaum hatte Andrew den Wagen angehalten, als sich auch schon die Haustür öffnete. Einige Kinder liefen jauchzend die Stufen vom Haus herunter und drängten sich um den Wagen.

„Es ist Andrew! Andrew ist da!“

„Geh und sag Stratton, dass Andrew da ist!“

„Hallo, Andrew, wie geht’s?“

Andrew stieg aus dem Wagen, und sofort klammerten sich lachende Kinder unterschiedlichster Altersstufen an ihn. Lisa entdeckte keine Ähnlichkeit zwischen ihnen. Allen schien jedoch die Freude gemeinsam, Andrew wieder zu sehen. Sie schätzte das Alter der Kinder auf von etwa vier bis dreizehn Jahren.