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IMPRESSUM

Ein Sheriff zum Verlieben erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

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© 2002 by Marie Rydzynski-Ferrarella
Originaltitel: „Lily And The Lawman“
erschienen bei: Silhouette Books, Toronto
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe BIANCA
Band 1360 - 2003 by CORA Verlag GmbH, Hamburg
Übersetzung: Cecilia Scheller

Umschlagsmotive: GettyImages_ViewApart

Veröffentlicht im ePub Format in 1/2018 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733755010

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BACCARA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, MYSTERY, TIFFANY

 

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1. KAPITEL

„Ich hasse Männer. Ich hasse große Männer, ich hasse kleine Männer, ich hasse alte Männer, ich hasse junge Männer. Ich hasse Männer!“

Alison Quintano hielt den Hörer vom Ohr ab. Es war eine regelrechte Schimpfkanonade, die ihre ältere Schwester da losließ. Und die Entfernung dämpfte sie kein bisschen. Die zierliche Lily hätte genauso gut hier in der Klinik direkt neben ihr stehen können und nicht meilenweit weg in ihrem gestylten Apartment in Seattle.

„Du hasst Männer. Ich verstehe“, sagte Alison und das in einem Tonfall, aus dem deutlich herauszuhören war, dass sie sich über ihre aufgebrachte Schwester lustig machte. Vor etwa drei Minuten hatte Lily sie angerufen und seitdem nicht aufgehört, gegen die Männer zu wüten. „Beruhige dich, und erzähl mir, was dich so aufgeregt hat.“

Alison hatte so eine Ahnung, was das Problem war, oder vielmehr – wer das Problem war.

Lily hörte nicht auf Alison. Dazu war sie viel zu wütend. Und die Wut half ihr, die bittere Enttäuschung zu verdrängen. Auch wenn der Schmerz blieb.

Wie hatte sie nur so blind sein können?

„Und ganz besonders hasse ich hinterlistige Schönheitschirurgen.“

Nun war es heraus. Lilys Verlobter, Alan, war Arzt für plastische Chirurgie. Alison fühlte sich so erleichtert, dass sie ein schlechtes Gewissen bekam. Sie hatte Alan von Anfang an nicht gemocht. Keiner aus der Familie hatte ihn geschätzt.

„Willst du damit sagen, dass es keine Hochzeit gibt?“ Alison sah im Geiste bereits, wie ihr älterer Bruder Kevin bei der Nachricht einen Freudensprung machte.

Kevin, der seine zwei jüngeren Schwestern nach dem Tod ihres Vaters aufgezogen hatte, hatte Alan nicht ausstehen können. Für ihn war Alan nichts weiter als ein aufgeblasener Wichtigtuer, und so hatte er ihn auch immer bezeichnet, wenn das Gespräch auf ihn kam.

Aber da Lily eben Lily war, hatte es keiner gewagt, in ihrer Gegenwart über Alan so abfällig zu sprechen. Sie hätte nur noch dickköpfiger darauf reagiert. So wie es im Augenblick aussah, schien ihr die Dickköpfigkeit ausgetrieben worden zu sein.

Alison musste sich zusammennehmen, um nicht zu jubeln.

Lily hingegen fühlte sich wie in einem Käfig gefangen. Sie ging nervös in der Küche auf und ab und fuhr sich alle Augenblicke mit den gespreizten Fingern durch ihr glattes schwarzes Haar. Sie war über den Verrat ihres Verlobten so außer sich, dass die mit allen technischen Neuerungen ausgestattete Küche sie nicht wie sonst besänftigen konnte.

Exverlobter verbesserte sie sich und schwor ihm bittere Rache. Wie konnte er! Wie konnte er nur!

„Die Hochzeit ist geplatzt, und er kann nur froh sein, dass ich nicht auch geplatzt bin – vor Wut –, weil ich ihn sonst einen Kopf kürzer gemacht hätte.“ Sie schnaufte vor Ärger und kämpfte gegen das niederdrückende Gefühl der Enttäuschung an. „Nicht dass er seinen Kopf nötig hätte, da er blind und dumm durchs Leben läuft!“

Den Hörer zwischen Ohr und Schulter geklemmt, druckte Alison für den stämmigen jungen Mann, der gerade aus einem der Untersuchungszimmer herausgekommen war, ein Rezept aus. Sie brauchte eine volle Sekunde, um die unleserliche Handschrift auf der Notiz als die ihres Bruders Jimmy zu erkennen. Sogar für einen Arzt war sie geradezu verboten, fand sie.

„Gibt es dazu irgendwelche Erklärungen, Lily, oder muss ich selbst herausfinden, worüber du da redest?“

Alisons Worte gingen an Lily vorbei. Im Moment ergab für sie nichts einen Sinn. Sie schaute sich nach etwas um, woran sie ihre Wut auslassen konnte. Sie hatte diesem selbstgefälligen Idioten das Beste von sich gegeben. Sie hatte ihm alles gegeben!

Lily holte tief Luft und versuchte, die Lage im Zusammenhang zu schildern. „Alan beschwerte sich, dass ich so berechenbar sei, dass ich nur an meine Arbeit denke, dass ich niemals spontan handle.“ Was für ein Dummkopf sie nur gewesen war! Nichts hatte sie gemerkt. Nichts! Dabei hatte es sich zweifellos direkt vor ihrer Nase abgespielt. „Also wurde ich spontan. Also habe ich Arthur dazu gebracht, mich bei Lily’s zu vertreten. Ich holte mir aus dem Weinkeller eine Flasche unseres besten Champagners, packte einen Picknickkorb mit dem Feinsten vom Feinen zu essen und machte mich auf den Weg in Alans Apartment, um ihn zu überraschen.“

Lily musste sich unterbrechen. Sie sank aufs Sofa, als ob ihr ganz plötzlich die Luft weggeblieben wäre.

„Ich habe ihn überrascht – und wie! Im Bett mit einer seiner früheren Patientinnen. Eine mit Brustvergrößerung.“ Sie spuckte förmlich die Worte heraus. Es war ihr kein Trost, dass diese Frau wie aufgeblasen ausgesehen hatte.

Lily blinzelte. Waren das etwa Tränen? Nein, verdammt, sie würde keine Tränen an den Trottel verschwenden! „Zweifellos war er dabei, seine Arbeit zu begutachten.“

Während Alison Lily zuhörte, übergab sie das Rezept dem jungen Mann und nickte ihm freundlich zu, als er die Praxis verließ. Arme Lily, dachte sie. Aber immerhin würde, dem Himmel sei Dank, diese wahre Leuchte seines Faches keinen Zugang zur Familie haben. „Ich verstehe, Lil.“

Lily griff sich ins Haar und schüttelte den Kopf. „Ich habe ihn und seine Süße mit Salat und Hummerfleisch beworfen.“

Alison kannte ihre Schwester und wusste, dass sie zu solchen Verrücktheiten fähig war. Sie lachte, als sie sich die Szene in Alans Schlafzimmer vorstellte. „Ausgezeichnet. Ich habe Alan sowieso nie gemocht.“

Lily runzelte die Stirn, stand von der Couch auf und fing wieder an, rastlos hin und her zu laufen. Wenn sie an all die Zeit dachte, die sie an diesen Mann verschwendet hatte! „Du musst dich nicht mehr dazu zwingen, ihn zu mögen. Es gibt keine Hochzeit.“ Sie atmete tief aus und fühlte sich schrecklich leer. Woher nur war diese Traurigkeit auf einmal gekommen, die sie wie aus heiterem Himmel überfiel? „Mein Leben ist dahin.“

Lily dramatisierte, daran zweifelte Alison nicht. Und sie wollte verhindern, dass ihre Schwester den Bezug zur Wirklichkeit verlor, wenn auch nur vorübergehend. „Lily …“

Lily stand neben ihrer Kompaktanlage und drückte auf den Knopf. Aus dem Radio erklang ein Lied, das Erinnerungen wachrief. Bittere Erinnerungen. Lily schaltete das Gerät aus. „Niemals hätte ich gedacht, dass ich mich noch einmal auf die Liebe einlassen würde.“

„Lily …“, versuchte Alison von neuem.

„Männer sind Mistkerle, allesamt“, verkündete Lily wie ein Wissenschaftler am Ende einer langen, sorgsam durchgeführten Versuchsreihe. „Dein Mann und unsere Brüder ausgenommen, das ist klar. Aber im Allgemeinen, Ally, sind die Männer nichts wert.“

„Lily …“

„Insgesamt gesehen, bin ich ohne Mann in meinem Leben besser dran. Sollte ich irgendwann einmal Abwechslung brauchen, kann ich sie ja finden und …“

„Lily!“

Endlich drang die Stimme ihrer Schwester zu ihr durch. Lily unterbrach sich mitten im Satz. „Was hast du gesagt?“

Puh! Alison atmete einmal tief ein und aus, während sie der Patientin, die gerade hereinkam, mit einer Handbewegung bat, Platz zu nehmen. „Warum nimmst du dir nicht einfach Urlaub?“

„Urlaub nehmen?“ Lily nahm sich so selten Urlaub, dass sie vergessen hatte, was Urlaub bedeutete. Sie dachte kurz darüber nach. Nein, sie konnte es sich nicht vorstellen, einfach so dahinzuleben. „Wo sollte ich den Urlaub verbringen?“

„Hier.“ Lily schwieg zu dem Vorschlag. „Hier, wo ich lebe. Und wo Jimmy lebt“, fügte Alison sicherheitshalber hinzu. „Wir haben dich seit einer Ewigkeit nicht gesehen.“ Oder – um genau zu sein – seit ihrer Hochzeit mit Luc. Bei der Hochzeit ihres Bruders mit April Yearling vor einem Jahr war Lily verhindert gewesen. Und nun, da ihre Hochzeit abgeblasen war, stand es in den Sternen, wann sie sich wieder sehen würden. Alison wusste, dass Lily dazu neigte, sich in die Arbeit zu vergraben. „Vielleicht solltest du eine Pause machen … dem Alltag einfach entfliehen.“

Das klang durchaus verlockend. Aber nahm man nicht Urlaub, um ihn an Orten zu verbringen, wo man sich vergnügen, wo man Spaß haben konnte. Wo man jeden Tag etwas Neues im Urlaubsprogramm stehen hatte? Man verbrachte seinen Urlaub nicht in arktischen Zonen, wo das Eis niemals ganz schmolz. „In Alaska?“

„Bei deiner Familie“, fügte Alison entschieden hinzu.

Lily überlegte. „Ich habe Kevin“, sagte sie nach einer Weile. Kevin war der Einzige der Familie, der noch immer in Seattle lebte. Es schien, dass der Ort Hades in Alaska mit seinen etwa fünfhundert Einwohnern die Quintanos langsam aus ihrer Heimatstadt Seattle lockte. Zumindest die jüngeren der Familie.

„Bring Kevin mit.“ Alison freute sich jedes Mal, wenn sie Kevin sah. Sie liebte ihn von ganzem Herzen.

Lily lachte kurz auf. Sie war nicht die einzige Arbeitssüchtige in der Familie. Kevins Arbeitswut hatte sich aus der Notwendigkeit heraus entwickelt, sie und die anderen Geschwister zu versorgen. Aber auch als alle für sich selbst aufkommen konnten, war Kevin dabei geblieben, in seinem Taxiunternehmen den Sinn des Lebens zu sehen. Bereits vor Jahren hatte er den Entschluss getroffen, keine eigene Familie zu gründen, um für die Familie voll da zu sein, die er bereits hatte.

„Als ob ich unseren großen Bruder jemals dazu bringen könnte, auszuspannen. Männer werden nie …“

Alison hatte keine Zeit, um sich das Ganze noch einmal anzuhören. Die hochschwangere Mrs. Newhaven war gerade hereingekommen.

„Lily, ich hab zu tun.“ Sie hörte ihre Schwester seufzen. Es tat ihr leid, Lily in dieser Verfassung einfach so abzuhängen. „Ich könnte dir viel mehr Verständnis entgegenbringen, wenn du hier wärst, wirklich. Mach dich für zwei Wochen frei und komm zu uns. Hast du nicht vorgehabt, in die Flitterwochen zu fahren?“

Lily schloss die Augen, kämpfte gegen den Schmerz und das Bedauern an und suchte nach einem Weg, wieder in Rage zu kommen. Solange sie wütend war, würde sie nicht weinen. „Ich hatte nicht gerade vor, zwei Wochen in Alaska zu verbringen.“

„Ich bin netter als dieser schleimige Kerl, oder nicht?“

Lily seufzte, dann lachte sie traurig. „Stimmt.“

„Also ist es abgemacht.“ Ausnahmsweise bestimmte Alison, wo es langging und nicht umgekehrt. Lilys Problem war, wie Alison sehr wohl wusste, dass sie immer das Kommando haben musste. Alan war ein Mann gewesen, den sie herumscheuchen konnte. Wahrscheinlich aber nur, weil er seine eigenen Prioritäten hatte und nicht sonderlich beachtet hatte, was sie sagte. „Bereite die Reise vor, Jimmy oder ich holen dich dann vom Flughafen ab und bringen dich nach Hades.“

„Hades.“ Lily wiederholte den ausgefallenen Namen der Kleinstadt, die bereits zwei Drittel ihrer Familie angelockt hatte. „Es hört sich regelrecht himmlisch an, nach dem was ich durchgemacht habe.“

Alison lächelte. Sie war sicher, dass Dr. Alan Ripley zweifellos schlimmer dran gewesen war beim überraschenden Besuch ihrer Schwester. Lilys sagenhafte Zornausbrüche waren bekannt. Verdient hatte er es auf alle Fälle.

„Es hört sich nicht nur so an, es ist so. Na, mach schon, Lily, sag zu. Wir vermissen dein Lächeln.“

Lily hatte schwer schuften müssen, um Lily’s zu einem der Top-Restaurants in Seattle zu machen. Doch sogar auf der Höhe ihres Erfolges spürte sie eine Leere in sich, die sie zu ignorieren versuchte. Sie sehnte sich nach ihren Geschwistern, das gestand sie sich ein. „Na klar vermisst ihr mein Lächeln – und ganz besonders meine Kochkünste!“

Alison lachte. Das konnte sie nicht abstreiten. Keiner konnte so kochen wie Lily.

„Die ganz besonders, Schwesterchen.“ Die Tür der Tagesklinik öffnete sich wieder, und noch zwei Patienten kamen herein. Obwohl es fast Abend war, sah es ganz danach aus, als würden Jimmy und sie noch lange nach Ende der Sprechzeit hier sein. Wieder einmal. „Jetzt muss ich wirklich Schluss machen. Versprich, dass du kommst.“ Alison wartete auf die Antwort. „Versprich es!“

Es klang verführerisch. Vielleicht hatte sie es wirklich nötig, von hier für eine Weile zu verschwinden. Weit weg zu sein. Sie hatte fast nonstop gearbeitet, seit sie das Lily’s vor mehr als fünf Jahren eröffnet hatte. Das Restaurant florierte.

Leider konnte man das nicht von ihrem Privatleben behaupten. Vielleicht war es an der Zeit, einmal richtig auszuspannen. „Okay, ich komme.“

Alison atmete erleichtert auf. „Großartig. Ich rufe dich heute Abend nach der Arbeit an. Du reservierst so bald wie möglich einen Flug hierher, und alles andere findet sich dann von selbst.“

Wie Lily sich sehr gut erinnerte, war ihre Schwester eine Frau von schnellen Entschlüssen. „Nach dem Motto: Keine Zeit verlieren, stimmt’s?“

„Stimmt genau.“ In Alisons Stimme lag ehrliche Zuneigung. In diesem Moment sah sie, wie Mrs. Newhaven auf dem Stuhl zusammensackte. „Ich muss Schluss machen. Wiedersehen.“

Die Verbindung war unterbrochen.

Lily hatte den Hörer noch nicht aufgelegt, als sie wieder eine dumpfe Traurigkeit überfiel.

Es war keineswegs so, dass sie Alan aus tiefster Seele geliebt hatte oder ihn noch immer liebte. Darüber war sie sich im Klaren. Sie hatte sich nur eingebildet, dass sie zueinander passten und dass er der Mann sei, der all das verkörperte, was sie in einem Mann gesucht hatte. Er war gut aussehend, erfolgreich, intelligent. Nur musste ihr entgangen sein, dass er auch ein Lügner und Blender war. Sie hatte sich von ihm getrennt, doch sie war schwer gekränkt worden, und das nagte an ihr.

Ganz sicher hing es damit zusammen, dass sie sich plötzlich, ohne die Beziehung zu ihm, allein fühlte. Wieder einmal. Hin und wieder schmerzte das Alleinsein.

Es schmerzte gerade genug, um in Selbstmitleid zu verfallen, was Lily ärgerte und wofür sie sich tadelte. Sie hatte ihr Restaurant, ihr Ansehen und ihre Karriere. Und eine Familie, die sie liebte. Nicht jeder war so glücklich dran.

Sie drückte die Schultern durch und ging hinüber zum Klavier, auf dem das gerahmte Foto von Alan noch immer stand. Er hatte es ihr an ihrem letzten Geburtstag gegeben.

Sie nahm das Foto, brachte es in die Küche und warf es samt Rahmen in den Abfalleimer, wobei das Glas zerbrach. Ein befriedigendes Geräusch, fand Lily.

Sie fühlte sich ein wenig besser, als sie sich ans Packen machte.

Max Yearling fuhr mit der Hand über den braunen Hutrand, während er in die Runde schaute, um in der riesigen Flughalle die Frau zu entdecken, an die er sich nur schwach erinnern konnte. Er war ihr nur einmal begegnet.

Ihm war selber nicht klar, wie er da hineingeraten war. Normalerweise flog er nicht gern und nur dann, wenn es keine andere Möglichkeit gab. Wenn der liebe Gott es gewollt hätte, dass Menschen fliegen, dann hätte er sie mit Flügeln ausgestattet.

April bat ihn nur selten um einen Gefallen, und als sie ihn darum gebeten hatte, hatte er Ja gesagt. Er hätte wohl auch kaum mit der Ausrede kommen können, dass er zu beschäftigt sei. Er war es nicht.

Es hatte Zeiten gegeben, wo er als Sheriff von Hades und dem dazugehörigen Umkreis gefordert worden war. Neuerdings war es ruhig. In der Regel waren es leichte Aufgaben und Pflichten, die sein Job brachte. Viel zu monoton, würden die meisten sagen. Er selbst fand das nicht. Jedenfalls meistens nicht.

Er fühlte sich wohl in der vertrauten Umgebung, und noch nie hatte er sich für die eine oder andere Arbeit als zu gut empfunden. Nicht einmal, als er unter das Bett der Witwe Anderson schauen musste, um sie zu beruhigen, dass sich niemand in ihr Haus eingeschlichen hatte, der nur auf den richtigen Moment wartete, um ihr Schlimmes anzutun.

Mit ihren einundachtzig Jahren hat die Witwe eine gesunde Fantasie, fand er und lächelte in sich hinein. Sie erinnerte ihn an seine eigene Großmutter, die so lange man sich erinnern konnte, Postmeisterin von Hades gewesen war. Nur wäre sie wahrscheinlich hocherfreut, einen Mann unter ihrem Bett zu haben, der darauf wartete, dass die Lichter ausgingen. Sie war jetzt zweiundsiebzig. Für Max war sie die jüngste Frau, die er kannte. Drei Ehemänner hatte sie zu Grabe getragen und sah sich bereits nach einem vierten um.

In Hades gibt es nicht viele Frauen, dachte er, während er prüfend in die Gesichter der neu angekommenen Passagiere schaute, die sich gerade in die Halle ergossen und zur Gepäckausgabe eilten. In seiner Heimatstadt waren die Männer den Frauen zahlenmäßig sieben zu eins überlegen. Wenn er eine eigene Familie haben wollte, würde er sich nach einer Frau umschauen müssen. Um eine Frau zu finden, müsste er in eine der größeren Städte Alaskas fahren. Der Gedanke daran war ihm schon gelegentlich gekommen.

Doch es war nicht wahrscheinlich, dass er eine finden würde. Er zweifelte ganz ehrlich daran, dass irgendeine Frau aus der Stadt sich in einen Ort wie Hades umsiedeln ließe … wo die Tage wie ein gemächlich fließender Fluss dahinströmten und die Menschen sich zumeist im Zeitlupentempo bewegten. Außer natürlich bei Erdbeben, Feuer und Einsturz der örtlichen Bergwerke, die die einzige Industrie weit und breit waren und die zwei Drittel der männlichen Bevölkerung beschäftigten.

Sydney und Alison stammten von außerhalb Alaskas. Sie waren aus dem einen oder anderen Grund in den Ort gekommen und hatten dann einheimische Männer geheiratet. Doch die beiden waren Ausnahmen. Sogar die ansässigen Frauen setzten sich ab. Sobald sie den achtzehnten Geburtstag erreicht hatten, waren sie weg. Jedenfalls die meisten von ihnen. Sogar seine eigene Schwester hatte es kaum abwarten können, wegzukommen. April war zwar zurückgekehrt, aber nur, weil ihre Großmutter krank geworden war. Weder er noch June hatten sich um die Großmutter so kümmern können, wie sie es nach Aprils Meinung gebraucht hätte. April hatte vorgehabt, nicht länger als zwei Wochen zu bleiben … so lange wie es nötig gewesen wäre, ihre Großmutter zu der Herzoperation zu überreden. Stattdessen hatte sie sich in den zuständigen Chirurgen verliebt und ihn geheiratet – Alisons Bruder Jimmy.

Komisch, wie sich die Dinge manchmal von selbst ergeben, dachte Max, während er weiter Ausschau nach der Person hielt, die er abholen sollte. Neben ihm wartete Sydney Kerrigan, die Frau des ersten ortsansässigen Arztes in Hades. Sydney gehörte zu den Frauen, die von irgendwoher gekommen waren, um sich hier niederzulassen. Und ihr ging es genau wie ihm. Sie war glücklich, hier zu sein, und hatte auch für den Rest ihres Lebens vor zu bleiben. Sie hatte sogar gelernt, die Maschine ihres Mannes zu fliegen, um vor allem Lieferungen von Pharmafirmen abzuholen. Eine ganze Weile war Dr. Kerrigans Flugzeug das einzige in der Gegend. Inzwischen gab es in der näheren Umgebung zwei Flugzeuge und drei Piloten.

Tja, dachte Max und lächelte, Hades entwickelt sich. Es geschah tatsächlich, wenn eher zögerlich, was ihm ganz recht war.

Was ihm im Augenblick nicht recht war, war das Warten auf Lily Quintanos Ankunft. Es machte ihn ganz nervös.

„Sehen Sie sie?“, fragte er Sydney ungeduldig und warf einen Blick auf das Foto, das Alison ihm von ihrer Schwester gegeben hatte.

Er wünschte sich, Alison oder Jimmy wären hier an seiner Stelle. Alison war die einzige Krankenschwester am Ort, und Jimmy war für die Hiesigen der Arzt, der hierher kam, um Urlaub zu machen, und nicht mehr wegwollte. Beide waren wegen einer Notoperation verhindert, ihre Schwester abzuholen. Also hatte Jimmy deswegen April angerufen, die wiederum ihn angerufen hatte.

Seine Schwester hatte einen Termin, den sie einhalten musste. Jedenfalls schoss sie Fotos von schmelzendem Schnee für irgendeine Zeitschrift und gab vor, zu arbeiten.

Irgendwann würde er es lernen, wie man Nein sagte.

Er hatte nicht gerade besonders große Lust, nach Anchorage zu fliegen, um eine Frau willkommen zu heißen, die den Ruf hatte, eine männerhassende Arbeitssüchtige zu sein.

„Jemand von der Familie sollte sie abholen“, hatte April kurz angebunden geantwortet, als er ihr mit der Frage auf die Nerven ging, warum es nicht ausreiche, dass Sydney diese Lily Quintano abholte und in die Stadt brachte.

„Aber sie hat doch gar keine Ahnung, wer ich bin“, hatte er vergeblich protestiert. Soweit er sich erinnern konnte, hatte er nur einen Blick von dieser Lily erhascht, und das war bei Alisons und Lucs Trauung gewesen. Wenn Alison ihm nicht das Foto mitgegeben hätte, würde er sie überhaupt nicht erkennen.

„Sie wird wissen, wer du bist, sobald sie in deine wunderschönen grünen Augen schaut, kleiner Bruder“, hatte April ihm versichert.

Er hätte wirklich Nein sagen sollen. Aber er hatte gerade nichts Dringendes zu tun. Seine Ermittlungen bei der mutwilligen Zerstörung von Jeffords aufgestellten Fallen brachten ihn nicht recht voran. Ein Flug in der einmotorigen Cessna würde ihm vielleicht einen klaren Kopf verschaffen. Aber nun stand er hier in der Ankunftshalle und verplemperte seine Zeit und seine Energie. Seine um knapp ein Jahr ältere Schwester April war im Nörgeln unschlagbar. Darin übertraf sie jede Frau, die ihm jemals begegnet war. Er hatte es schon vor langer Zeit gelernt, dass es leichter war, Ja zu sagen.

Plötzlich ergriff Sydney seinen Arm. „Dort drüben“, rief sie und wies mit dem Kinn in die Richtung. „Die Frau mit dem Ledermantel gleich neben dem Gepäckkarussell. Ist sie das nicht?“

Max schaute in die Richtung, dann warf er einen Blick auf das Foto. Eine gewisse Ähnlichkeit war da … nur lächelte die Frau auf dem Foto, ganz im Gegensatz zu der Frau im roten Ledermantel. Sogar aus der Entfernung war ihr die Ungeduld anzumerken. Sie blickte missbilligend drein.

Missbilligend oder nicht, Max musste zugeben, dass er noch nie zuvor eine besser aussehende Frau gesehen hatte.

„Es gibt nur einen Weg, um das herauszufinden“, sagte er zu Sydney und steckte das Foto in die Tasche. „Warten Sie hier.“

Mit dem Hut immer noch in der Hand bahnte Max sich den Weg durch die Menschenmenge in der Ankunftshalle zur Gepäckausgabe. Je näher er kam, desto hübscher kam ihm die dunkelhaarige Frau vor. Nur eines entsprach nicht unbedingt seinem Geschmack. Er zog Frauen vor, die lächelten.

Er bemerkte, dass sie im Gegensatz zu den anderen Flugpassagieren korrekt gekleidet war. Sie trug unter dem offenen Mantel ein graues Kostüm. Ihre hochhackigen Schuhe ließen sie auf Anhieb größer erscheinen.

Sie war eine zierliche Frau, mit zarten Gesichtszügen und den tollsten Beinen, die Max jemals gesehen hatte.

„Allein das genügt, einen Mann halbwegs um den Verstand zu bringen“, hatte er einmal ihren Bruder Jimmy sagen hören. Und Jimmy sollte es wissen, dachte Max.