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© 2002 by Bonnie Gardner
Originaltitel: „Sgt. Billy‘s Bride“
erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe COLLECTION BACCARA
Band 210 - 2004 by CORA Verlag GmbH, Hamburg
Übersetzung: Angelika Arden

Umschlagsmotive: GettyImages_Sjale

Veröffentlicht im ePub Format in 1/2018 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733755034

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BIANCA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, MYSTERY, TIFFANY

 

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PROLOG

Darcy Stanton saß im Brautzimmer der Kapelle auf der Hurlburt Air Force Base, und ihre im Schoß gefalteten Hände waren verkrampft. Sie konnte selbst nicht glauben, dass sie es wirklich tun würde.

Sie war doch noch gar nicht bereit zu heiraten! In wenigen Minuten sollte sie Lieutenant Richard Harris III. heiraten, einen Mann, den sie zwar schon ihr ganzes Leben lang kannte, der ihr aber trotzdem immer noch fremd war. Sie war sich nicht einmal sicher, ob sie Dick – wie Richard Harris allgemein genannt wurde – überhaupt gern hatte, geschweige denn liebte.

Nein, sie wollte nicht Mrs. Harris sein, die Tochter von General Stanton und Mrs. Harrington Stanton. Sie wollte nicht die Rolle der braven und anständigen Nichte von Colonel John Harbeson spielen, dem Befehlshaber der Special Tactics Einheit in Hurlburt. Sie wollte schlicht und einfach nur Darcy sei. Nicht Tracy D’Arcy Harbeson Stanton, die den Nachnamen von vier dekorierten Generalen trug.

Sie wollte wissen, wie es ist, sich den Lebensunterhalt selbst zu verdienen, und sich keine Gedanken hinsichtlich des Protokolls machen zu müssen, oder welche Kleidung die Offiziersfrauen trugen, und was sie wohl von ihr dachten. Sie hatte vorgehabt, nach ihrem Abschluss an der Duke University in North Carolina auch in ihrem Beruf zu arbeiten, aber Dick war strikt dagegen.

Darcy holte tief Luft und versuchte ihren rasenden Puls zu beruhigen. Seit letztem Dienstag war sie examinierte Krankenschwester, und sie kannte die Anzeichen. Sie litt unter einem ernst zu nehmenden Stresssymptom und war kurz vor einem Nervenzusammenbruch.

„Mom“, flüsterte sie. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich es wirklich tun kann.“ Sie hatte es endlich gesagt, sie hatte die Zweifel ausgesprochen, die sie seit Wochen, ja seit Monaten quälten – fast von dem Augenblick an, in dem sie sich von ihrer Mutter hatte überreden lassen, Dicks Heiratsantrag anzunehmen.

Ihre Eltern hatten sich im Ausland aufgehalten, denn ihr Vater war im NATO-Hauptquartier in Belgien stationiert. Deshalb hatte ihre Mutter den Großteil der Hochzeitsvorbereitung an Tante Marianne übertragen. Trotzdem hatte sie selbst durch Ferngespräche und per E-Mail mit eiserner Hand regiert.

Ihre Mutter hatte ihr eine ganze Reihe von Gründen angeführt, die dafür sprachen, Dick Harris zu heiraten. Die Stantons hatten eine bedeutende militärische Vergangenheit. Obwohl Darcy ihr einziges Kind war – und zur Enttäuschung ihres Vaters kein Sohn – glaubten ihre Eltern, dass die militärische Tradition der Stantons weiterleben würde, wenn ihre Tochter in eine andere traditionsreiche Familie innerhalb des Militärs einheiraten würde.

Aber Darcy war noch nicht bereit für Kinder, die die Familientradition fortführen sollten.

Ihre Mutter, frisch aus Europa zurück, strich Darcy nun eine Haarsträhne aus dem Gesicht und sah ihr in die Augen. „Es ist ganz normal, jetzt nervös zu sein, Tracy. Mir ging es vor meiner Hochzeit auch nicht anders. Sobald die Zeremonie vorbei ist, geht es dir gleich viel besser.“

Darcy sah sie nur an und versuchte die Tränen aus ihren Augen zu blinzeln. Wie konnte sie erklären, dass es nicht die Hochzeit war, die sie nervös machte? Sondern die Aussicht, verheiratet zu sein.

Sie atmete tief durch. Bevor sie den größten Fehler ihres Lebens beging, musste sie irgendetwas tun. Sie fuhr sich über die Lippen, die plötzlich wie ausgetrocknet schienen, und sah ihre Mutter bittend an. „Kann ich ein paar Minuten allein sein, um mich zu sammeln?“

Ihre Mutter nickte, schickte die Brautjungfern hinaus und verließ dann auch den kleinen Raum.

Als sie allein war, schloss Darcy die Tür ab und handelte sofort. Nein, sie konnte Dick unmöglich heiraten.

Sie wühlte in den Schubladen des Schminktisches nach Papier und einem Stift. Nachdem sie weder das eine noch das andere fand, nahm sie einen Augenbrauenstift aus dem neuen Schminkkoffer und kritzelte eine Nachricht auf den Spiegel.

Es gefiel ihr gar nicht, dass sie das Ganze so weit hatte kommen lassen, aber noch war es nicht zu spät. Die Hochzeit würde ausfallen. Darcy nahm den Verlobungsring ab, der ihr immer zu schwer an ihrer Hand vorgekommen war, und ließ ihn auf dem Ankleidetisch zurück.

Dann hängte sie den Brautschleier ihrer Mutter an einen Garderobenhaken, nahm ihren Rucksack, der ihre Brieftasche und wichtige Papiere enthielt, und steckte ihre Jeans und ihr T-Shirt hinein. Zum Schluss öffnete sie das Fenster.

Sie holte tief Luft, hakte das Fliegengitter auf, raffte ihren langen Rock zusammen und kauerte sich auf das Fensterbrett. Dann schwang sie ihre Beine auf die andere Seite. Das Brautzimmer war ebenerdig und lag auf der rückwärtigen Seite der Kapelle. Niemand konnte sie sehen. Sie würde in ihr Auto steigen können und weit weg sein, bevor irgendjemand sie vermisste. Irgendwo an einer abgelegenen Tankstelle würde sie sich dann umziehen.

Mit einem stillen Stoßgebet sprang Darcy auf den Rasen und machte, dass sie von hier verschwand.

1. KAPITEL

Sergeant Bill Hays verließ den Parkplatz seines Apartmentblocks. Als er auf den Highway 98 fuhr, warf er einen Blick auf die Uhr am Armaturenbrett seines neuen Wagens und runzelte die Stirn. Acht Uhr.

Wahrscheinlich war die Uhr nicht richtig gestellt worden, bevor er den neuen Jeep in Empfang genommen hatte. Er blickte auf die Taucheruhr an seinem Handgelenk und stieß einen kurzen Fluch aus. Es war später, als er gedacht hatte.

Schon schlimm genug, dass er wegen der zwei Wochen dauernden Feldübung mit seiner Special Tactics Einheit seine regelmäßige Heimfahrt zu seiner Familie in Alabama hatte verschieben müssen. Doch dann hatte auch noch ein technisches Problem beim C-130 Transportflugzeug den Rückflug zu einem einwöchigen Heimaturlaub um einen weiteren Tag verzögert.

Die Hurlburt Air Force Base war zwar der Stützpunkt der Special Tactics, der am dichtesten an seinem Heimatort Mattison in Alabama gelegen war, aber genauso gut hätte Bill an seinem letzten Stützpunkt in Kalifornien stationiert sein können, so schwierig war es in letzter Zeit gewesen, nach Hause zu kommen. Seit er in Florida war, schienen sich die Umstände gegen ihn verschworen zu haben.

Wegen seiner späten Abreise würde er erst zu Hause ankommen, wenn seine Mutter schon schlief. Die etwa fünfzig Meilen auf der Landstraße bis zur Grenze machten es unmöglich, Zeit aufzuholen. Die kurvenreichen Straßen waren schon bei Tageslicht schwer genug zu befahren, aber nach Einbruch der Dunkelheit hatte sich nun auch noch ein dichter, hartnäckiger Nebel gebildet.

Kurz nach dem Grenzübergang nach Alabama nahm Bill eine Kurve und musste das Steuer herumreißen, um einen Zusammenstoß mit einer plötzlichen Erscheinung im Nebel zu vermeiden.

Er stieß einen Fluch aus, trat auf die Bremsen und kam schlitternd zum Halten. Dann blinzelte er, um zu erkennen, wem oder was er ausgewichen war.

Ein Mädchen tauchte im Nebel auf und kam auf ihn zu. Sie trug eine Reisetasche in der Hand und einen Rucksack über der Schulter.

„Was, zum Teufel, tun Sie denn hier draußen mitten in der Nacht auf der Straße?“, schrie Bill, als sie sein Auto erreicht hatte. „Beinahe hätte ich Sie überfahren!“

Das Mädchen öffnete die Beifahrertür, ohne auf eine Einladung zu warten, und warf ihre Taschen auf den Rücksitz. „Mein alter VW Käfer hat mich die ganze Zeit durch die High School und die Schwesternschule begleitet, aber vor etwa einer Meile hat er aufgegeben. Ich hatte schon befürchtet, dass überhaupt kein Auto mehr kommt“, sagte sie atemlos.

„Sie können doch nicht …“, begann Bill, brach dann jedoch ab. Es war spät, und sie waren in einer einsamen Gegend. „Na schön. Steigen Sie ein“, sagte er resigniert.

„Hi, ich bin Darcy“, stellte sie sich vor und streckte ihm die Hand entgegen, als sie sich auf den Beifahrersitz setzte. „Sie sind doch hoffentlich kein Massenmörder, oder?“

„Bill Hais“, stellte er sich vor und musste unwillkürlich lachen. „Nein, nein. Ich gehöre zu den guten Jungs, wenn man Uncle Sam glauben will.“

„Die Empfehlung Uncle Sams reicht mir“, sagte Darcy, als sie sich angurtete. „Wohin fahren Sie denn?“

Bill wusste nicht, was er von diesem unerwarteten Fahrgast halten sollte. „Mattison, Alabama“, antwortete er. „Das sind noch ungefähr drei Stunden Fahrt.“

„Dann kommen Sie jetzt aus Florida? Ich auch.“

Er nickte und musterte sie aus den Augenwinkeln. Darcy hatte zwar gesagt, sie hätte das College abgeschlossen, aber in diesem T-Shirt und den Jeans wirkte sie kaum älter als vierzehn.

Ihr Haar war kurz, wuschelig und fiel ihr ins Gesicht, während sie mit lebhaften Gesten erzählte. Sie sah sauber und frisch aus, und ihr Mund schien wie geschaffen zum Küssen.

Moment mal, was sollte das denn?

Hatte Bill ihr nicht gerade erst versichert, dass sie ihm vertrauen konnte? Es mochte vielleicht schon eine Weile her sein, seit er eine Freundin gehabt hatte, aber er war nun auch wieder nicht so verzweifelt, dass er gleich über die Erste herfiel, die ihm über den Weg lief. Die Erste, die nahe genug war, dass er ihr Parfüm riechen konnte.

Er wollte sich auf gar keinen Fall irgendwelche Komplikationen einhandeln, solange er bei der Spezialeinheit war. Das hatte er sich fest vorgenommen.

Darcy wirkte nicht wie eine Frau, die auf ein flüchtiges Abenteuer aus war. Egal. In Bills Leben war kein Platz für eine Frau. Hatte er nicht genug Familien gesehen, die auf Grund der Anforderungen des Jobs auseinander gerissen wurden? Nicht zu vergessen Familien, die ins Elend stürzten, weil der Vater bei der Army umgekommen war. Er würde niemals eine Frau in die gleiche verzweifelte Situation bringen, in der seine Mutter gewesen war, als sein Vater viel zu jung und zu arm starb.

Frauen mussten geliebt, beschützt und geschätzt werden. Ein Mann konnte keine harmonische Ehe führen, wenn er sich gleichzeitig um alle möglichen Krisenherde am anderen Ende der Welt kümmern musste.

Er schüttelte den Kopf und räusperte sich. „Wo möchten Sie denn hin?“, brachte er schließlich heraus, nachdem ihm aufgefallen war, dass sie ihm gar nicht ihr Ziel genannt hatte. Sie hatte ihm überhaupt nicht viel erzählt, außer dass ihr Auto sie im Stich gelassen hatte.

„Weiß ich ehrlich gesagt nicht“, antwortete sie. „Ich habe gerade mein Schwesternexamen gemacht und noch keine weiteren Zukunftspläne. Mir ist nur klar geworden, dass ich von meiner Familie weg will. Ich möchte endlich unabhängig sein.“

Bill zuckte mit den Schultern. „Ich kann Sie bis zum nächsten Ort mitnehmen“, bot er an. „Dort können Sie sich ein Motelzimmer nehmen und jemanden suchen, der Ihr Auto abschleppt und repariert.“

Darcy nickte und machte es sich bequem, während sie den Geruch des neuen Wagens einatmete. Sie hatte befürchtet, vielleicht von irgendeinem leicht angetrunkenen Mann mitgenommen zu werden, der sich am Freitagabend amüsieren wollte, und um ihre Unschuld, wenn nicht sogar um ihr Leben kämpfen zu müssen. Aber bei diesem Mann wusste sie, dass sie bestens aufgehoben war.

Sie spürte, dass sie in seinen Armen sicher wäre.

In seinen Armen?

Wie kam sie denn darauf? Wie konnte sie an einen Mann denken, wo sie gerade in letzter Sekunde vor einem anderen geflüchtet war? Nein, sobald sie wieder die Zivilisation erreicht hatten, würde sie sich herzlich bei Bill Hays dafür bedanken, dass er sie mitgenommen hatte. Dann würde sie aussteigen und versuchen, ihr Leben zu regeln.

Darcy riskierte einen Blick auf den Mann, der am Steuer saß, die Augen konzentriert auf die dunkle Straße gerichtet. Im schwachen Schein der Armaturenbeleuchtung konnte sie nicht viel erkennen, aber er machte einen sympathischen Eindruck.

Er war jung, vielleicht ein paar Jahre älter als sie. Seine Kleidung war sauber, und er roch, als sei er gerade aus der Dusche gekommen. War er unterwegs zu seiner Freundin?

Die Frau kann sich glücklich schätzen, dachte Darcy.

Obwohl er diese Bemerkung über Uncle Sam gemacht hatte, sah er eigentlich nicht wie ein Soldat aus. Eher wie einer der Collegestudenten, wenn auch durchtrainierter. Körpertraining war offensichtlich ein regulärer Teil seines Lebens.

„Sagen Sie, Darcy“, unterbrach Bill ihre Gedanken. „Ich bin ohne Abendessen losgefahren und könnte gut einen Burger oder etwas Ähnliches vertragen. Was halten Sie davon, wenn wir in Brewton anhalten, um eine Kleinigkeit zu essen?“

Warum fragt er mich? wunderte sich Darcy. Schließlich war er derjenige, der ihr einen Gefallen tat und der bestimmen konnte. Dann kamen sie durch ein kleines Dorf. Darcy sah das hell erleuchtete Zeichen einer bekannten Schnellimbisskette über den Bäumen. Ein Motel hatte sie allerdings noch nicht entdeckt.

Aber es konnte ja nichts schaden, für einen kleinen Imbiss anzuhalten. Natürlich wollte sie so schnell wie möglich weit weg von Hurlburt und Dick kommen, aber eine zehnminütige Verspätung würde auch keinen großen Unterschied machen.

„Ja, gern“, sagte sie. „Ich habe auch noch kein Abendessen gehabt.“ Auch kein Frühstück und kein Mittagessen, weil ich aus Angst vor der Hochzeit keinen Bissen herunterbekommen hätte, fügte sie in Gedanken hinzu. „Ich würde Sie gern einladen, um mich dafür zu bedanken, dass Sie mich gerettet haben“, bot sie an. „Das ist das Mindeste, was ich tun kann.“

Sie betrachtete Bill verstohlen, als er auf den Parkplatz fuhr. Ach du Schreck! Er machte ein Gesicht, als würde er jeden Augenblick explodieren. Sie musste sein männliches Ego verletzt haben. Unwillkürlich zuckte sie mit den Schultern. Wie dem auch sei. Wenn er sein Essen selbst bezahlen wollte, konnte sie ihn nicht davon abhalten.

Außerdem war sie zu hungrig, um darüber zu streiten. Sie wollte nur etwas zu essen. Irgendetwas, um dieses Gefühl der Leere in ihrem Bauch zu unterdrücken, von dem Gefühl der Leere in ihrem Herzen ganz zu schweigen.

Bill betrachtete Darcy über seine Tasse hinweg. Jetzt sah er, dass sie tatsächlich alt genug war, um einen Abschluss an der Schwesternschule gemacht zu haben. Sie strahlte ein Selbstvertrauen aus, das die Mädchen, die er in Mattison gekannt hatte, nicht hatten.

Allerdings konnte er jetzt auch erkennen, weshalb er sie im Dunkeln zunächst für eine jugendliche Ausreißerin gehalten hatte Sie war klein und schlank und trug ihre hellbraunen Haare so kurz, dass sie eher wie ein Kobold wirkte – und nicht wie eine erfahrene Frau.

Sie war zwar zierlich, aber gewiss nicht mager. Offenbar passte sie altersmäßig besser zu ihm, als er ursprünglich gedacht hatte.

Nicht, dass es groß darauf ankam. Schließlich würde er sie nach heute Nacht nie wiedersehen.

Trotz seiner Müdigkeit verspürte er ein Verlangen, aber das versuchte er zu verdrängen. Er hatte diese Frau gerade kennen gelernt, es war spät, und er hatte außerdem versprochen, dass sie bei ihm gut aufgehoben sei. Geistesabwesend nahm er einen Schluck Kaffee.

„Was denken Sie denn gerade?“

Bei dieser direkten Frage blickte Bill verblüfft auf. „Wie bitte?“

Darcy lächelte, und dadurch wirkte ihr Gesicht so jung, wie er sie zuerst eingeschätzt hatte. „Ich habe mich nur gefragt, woran Sie denken.“ Sie deutete auf seinen Becher. „Sie haben Ihren Kaffee ausgetrunken und es nicht einmal bemerkt.“

Bill stellte den Becher ab. Er würde ihr ganz sicher nicht erzählen, was er gerade gedacht hatte. „An alles und nichts.“

„An alles?“ Sie hob eine Augenbraue. „Das ist ziemlich viel. Haben Sie die Probleme der Welt gelöst?“

Bill zuckte mit den Schultern. „Von wegen! Ich habe nicht einmal eine Lösung für meine eigenen“, erwiderte er seufzend.

Darcy lehnte sich gegen die rote Plastiklehne ihrer Bank und warf ihm einen abschätzenden Blick zu, unter dem Bill sich gar nicht wohl fühlte. „Sie machen aber nicht den Eindruck, als hätten Sie irgendwelche Sorgen“, meinte sie schließlich. „Sie sehen gesund aus. Sie haben sich erst vor kurzem ein neues Auto gekauft – nach dem Geruch zu urteilen – und Sie kommen gerade aus Florida.“

„Schon, das war aber kein Urlaub“, warf Bill trocken ein. „Ich bin dort stationiert und komme gerade von zwei glorreichen Wochen zurück, in denen ich bei einer Feldübung mit meiner Air Force Kampftruppe im Sand von Nevada Krieg gespielt habe. Jetzt bin ich auf dem Weg nach Hause, um meine Mutter zu besuchen, die nicht mehr lange zu leben hat.“

Vielleicht wirkte diese Aussage zu harsch, aber er hatte sie mindestens tausend Mal geübt, bevor er sie aussprechen konnte, ohne zusammenzubrechen. Es mochte hartherzig wirken, aber er hatte sich selbst gezwungen, der Realität ins Gesicht zu sehen.

Darcy holte Luft und wollte etwas sagen, schloss jedoch den Mund sofort wieder. Lag es an seinem Tonfall, wie er über seine kranke Mutter gesprochen hatte, oder daran, dass er anders reagiert hatte, als sie erwartet hatte? Was hatte sie denn überhaupt von ihm erwartet?

Sie blickte auf ihren Teller und nahm eine kalt gewordene, labberige Pommes, zog sie durch die Ketchuppfütze auf dem Papier ihres Burgers und steckte sie dann langsam in den Mund. Sie kaute ausgiebig, als ob sie ihre Antwort möglichst lange hinausschieben wolle. Überlegte sie, was sie sagen sollte, oder versuchte sie zu vermeiden, wieder in ein Fettnäpfchen zu treten?

Das Schweigen zwischen ihnen wurde langsam peinlich.

Es war schwer für Bill, keinen Menschen zu haben, mit dem er über seine Probleme reden konnte. Nicht einmal sein Stubenkamerad Ski Warsinski wusste, wie es ihm ging. Er hatte versucht, mit dem Pfarrer zu sprechen, aber der hatte nur die üblichen Plattitüden von sich gegeben.

Bill wollte keinen Trost. Er wollte schreien, wütend sein, Gott verfluchen. Das konnte er beim Pfarrer nicht. Vielleicht konnte er seine Wut bei Darcy loswerden, denn nach der heutigen Nacht würde er ihr nie wieder begegnen.

Er griff über den Tisch und nahm sich eine von Darcys Pommes.

„Das mit Ihrer Mutter tut mir leid“, sagte sie nun leise. „Haben Sie sich in Florida stationieren lassen, um näher bei ihr zu sein?“

Bill schluckte mehrmals. „Ja.“ Seine Stimme klang belegt und heiser. „Wir wissen nicht, wie viel Zeit ihr noch bleibt.“

Darcy streckte die Hand über den Tisch, legte sie auf seine Hand und drückte sie leicht. Es war eine schlichte Geste, aber dennoch so voller Wärme und Mitgefühl. „Es tut mir leid“, sagte Darcy einfach. „Krebs?“

Bill schüttelte den Kopf. „Das Herz. Jedes Mal, wenn ich sie sehe, ist sie schwächer.“

Sie nickte verständnisvoll. „Es muss ziemlich schwer für Ihren Vater sein.“

Bill holte tief Luft und atmete langsam wieder aus. „Mein Vater starb, als ich fünf Jahre alt war. Meine Mutter arbeitete hart, um meine älteren Geschwister und mich zu ernähren, und jetzt möchte ich ihr wenigstens ihre letzten Tage erleichtern.“ Er feuchtete seine trockenen Lippen an und schwieg einen Moment.

„Sie war immer so liebevoll zu uns“, fuhr er fort. „Es ist schwer, sie so leiden zu sehen.“ Er blickte hinunter auf Darcys Hand, die immer noch auf seiner lag. Ihre Haut fühlte sich weich an, die Finger so zart, dass er den Druck ihrer Hand kaum spürte. Aber der Trost, den sie spendete war, unglaublich.

Darcy antwortete nicht. Vielleicht wusste sie, dass keine Worte nötig waren. Es gab nichts zu sagen, aber ihr Schweigen schien mehr auszudrücken als eine Sonntagspredigt.

Bill blickte auf die Uhr über der Theke. Fast zehn. Bei dieser Geschwindigkeit würde er nicht vor Mitternacht zu Hause ankommen. Er räusperte sich. „Wir sollten wohl am besten weiterfahren“, schlug er schließlich mit heiserer Stimme vor.

„Ja, wahrscheinlich.“ Darcy zog die Hand zurück, und so leicht ihre Berührung auch gewesen war, kam es Bill vor, als fühle sich seine Hand auf einmal kalt an.

Darcy blickte aus dem Fenster und versuchte wach zu bleiben, um nach einem Motel Ausschau zu halten. Bisher hatte sie nur kleine billige Unterkünfte entdeckt, die nicht allzu Vertrauen erweckend aussahen. Sie mochte vielleicht darauf versessen sein, von Dick wegzukommen, aber so verzweifelt war sie nun auch wieder nicht. Und Bill war einverstanden gewesen, sie bis Montgomery mitzunehmen, wo es eine größere Auswahl gab.

In der Zwischenzeit musste sie ihre Augen offen halten. Das war leicht gewesen, als sie auf den kleinen Nebenstraßen über Land fuhren. Sie hatte Bill geholfen, den Weg durch den dichten Nebel zu finden, und das hatte sie wach gehalten. Nachdem Bill nun auf den Highway abgebogen war und der Nebel sich gelichtet hatte, war sie auf einmal schrecklich müde und erschöpft.