Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Prolog
  7. – MITTWOCH –
  8. Kapitel 1
  9. Kapitel 2
  10. Kapitel 3
  11. Kapitel 4
  12. Kapitel 5
  13. Kapitel 6
  14. Kapitel 7
  15. Kapitel 8
  16. Kapitel 9
  17. Kapitel 10
  18. Kapitel 11
  19. – DONNERSTAG –
  20. Kapitel 12
  21. Kapitel 13
  22. Kapitel 14
  23. Kapitel 15
  24. Kapitel 16
  25. Kapitel 17
  26. – FREITAG –
  27. Kapitel 18
  28. Kapitel 19
  29. Kapitel 20
  30. Kapitel 21
  31. Kapitel 22
  32. Kapitel 23
  33. Kapitel 24
  34. Kapitel 25
  35. – SAMSTAG –
  36. Kapitel 26
  37. Kapitel 27
  38. Kapitel 28
  39. Kapitel 29
  40. Kapitel 30
  41. Kapitel 31
  42. Kapitel 32
  43. Kapitel 33
  44. Kapitel 34
  45. – SONNTAG –
  46. Kapitel 35
  47. Kapitel 36
  48. Kapitel 37
  49. Kapitel 38
  50. Kapitel 39
  51. Kapitel 40
  52. Kapitel 41
  53. Kapitel 42
  54. Kapitel 43
  55. Kapitel 44

Über dieses Buch

Glasgow, Schottland: Im Schatten der Kathedrale wird auf dem Friedhof die Leiche eines Mannes entdeckt. Die Szenerie ist grotesk: Der Tote lehnt an einem Grabstein, um seinen Hals ein Seil gewickelt, aus seinen Augen tropft Blut und in seinem Schädel steckt ein kleines Metallkreuz. In den Händen hält er die Blüte des Judasbaums. Ein Ritualmord? Oder steckt mehr dahinter? Die junge DI Aliya Pereira und ihr Kollege DS Marc Bain ermitteln in den düstersten Ecken Glasgows und kommen bald einer tödlichen Mischung aus Geld, Religion und Rache auf die Spur.

Über den Autor

Douglas Lindsay wurde 1964 in Schottland geboren. Es regnete. Seit den späten 90ern veröffentlicht er diverse Krimis und Thriller; bekannt wurde er mit der Barney Thomson Reihe über den ungeschicktesten Friseur und Serienmörder Schottlands. Douglas Lindsay lebt mit seiner Familie in Südengland.

DOUGLAS LINDSAY

BLUMEN
DES
TODES

Ein Fall für Pereira und Bain

Aus dem Englischen von Len Wanner

beTHRILLED

PROLOG
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Dienstagabend, Mitte März, oberes Ende der Hope Street, Glasgow. Kalte Luft, steter Regen. Es war kurz nach zwanzig Uhr, wenig los auf der Straße.

Vor einem Nachtklub eine kurze Menschenschlange, vor der Tür eines Pubs zwei Raucher, die dem Wetter zum Trotz bloß kurzärmlige Hemden trugen. Hier ein Pärchen, das eigentlich schon im Double Tree abgestiegen war, nach dem Abendessen aber noch einen Spaziergang wagte, allerdings nur unter einem Riesenregenschirm mit Jaguar-Logo. Eine junge Frau eilte an ihnen vorbei, den Arm so krampfhaft um ein Neugeborenes gewickelt, als sei es ein Rugbyball, der ihr auf keinen Fall schon wieder entgleiten durfte. Am anderen Ende der Straße standen drei ältere Herren, deren Gespräch einen plötzlichen Flankenwechsel vollzog, von Politik zu Fußball, ohne Vorwarnung, lauthals, mit einem einzigen gebellten Kraftausdruck. Auf dem nassen Boden saßen ein, zwei, drei, vier Bettler, dicht gestaffelt an die Häuserwände gelehnt. Zwei schliefen zusammengekauert, betrunken und doch frierend. Einer hatte einen Hund, eine Gitarre und ein halbherziges Lied, der andere ein bitteres Nicken für alles, was an ihm vorüberzog.

Mitten hinein in dieses geschichtsträchtige Tableau trat Archie Wilson, geradewegs aus dem Garland Hotel, dürstend nach frischer Luft. Die unvertraute Welt des Luxus hatte Archie den Atem geraubt, hatte ihn bis an den Rand seiner Kräfte getrieben. Und dann erst diese exzessive Sauferei, Völlerei und Vielweiberei.

Er spürte die Last der Welt auf seinen Schultern, so schwer hatte er am Verlust seines alten Lebens zu tragen. Am Verlust seines früheren Ichs. Seiner langen Nächte und noch längeren Tage. Um sechs Uhr dreißig aus dem Bett, bei jedem Wetter Golfplätze warten, arbeiten bis zum Umfallen. Gelegentlich hatte ihm eine Flasche Wein dabei geholfen, auf Kinokarten allerdings hatte er ganze Wochen sparen müssen. Nur selten hatte er Geld in der Tasche gehabt, aber immerhin hatte der Job ihm Schulden erspart. Es war ein einfaches Dasein gewesen, kaum mehr, als von einem Tag auf den anderen zu leben. Damals musste er noch keine großen Entscheidungen treffen, abgesehen davon, ob er sich Nudeln mit Tomaten aus der Dose zum Abendessen machen sollte oder gar kein Abendessen.

Inzwischen kannte sein Leben keine Grenzen mehr. Die Welt ist deine Auster, hatte der Mann von der Firma zu ihm gesagt. Was das wohl heißen sollte? Inwiefern sollte das Leben denn einer Muschel gleichen?

Archie zog sein Handy aus der Tasche, öffnete die Google-App und fing an zu tippen, während aus der entgegengesetzten Richtung das Pärchen mit dem Riesenschirm an ihm vorbeispazierte.

Falstaff: Ich leih’ dir keinen Deut.

Pistol: Dann ist die Welt mein’ Auster, die ich mit Schwert will öffnen.

Ha!, dachte Archie Wilson. Scheiß Shakespeare. Hätte ich mir ja denken können.

»Wenn’s nach dem Internet ginge, käme jedes Zitat von Shakespeare, murmelte Archie vor sich hin, als er mit einem Lächeln weiterging und das Handy wieder wegsteckte.

»Führst du wieder mal Selbstgespräche, Arch?«, fragte er sich. Während er langsam den Kopf schüttelte, nahm sein Lächeln betrübte Züge an. Dann blieb er stehen.

Er drehte sich um und sah die Straße hinauf. Plötzlich wirkte es hier leiser als noch vor einem Augenblick. Die drei Männer waren in eine Seitengasse abgebogen, die Klänge ihrer Unterhaltung im Regen verlaufen, die Menge vor dem Nachtklub war verschwunden und die Raucher hatten ihre Kippen auf dem nassen Boden ausgetreten.

Das Leben der Stadtmenschen, dachte Archie. Hier geht alles immer weiter.

Um ihn herum setzte sich das Leben wieder in Bewegung. Autos und Fußgänger, die Stadt bei Nacht. Da stand er nun, reicher als der Rest, und doch ohne Plan, wohin ihn seine nächsten Schritte führen sollten.

Geld, Geld, Geld, das war alles, woran er seit Neuestem zu denken schien. Je schneller er es loswerden konnte, desto besser.

Die feuchte Kälte jagte ihm einen Schauer über den Rücken. Und schon war er bei seinem anderen Thema: Warum war er eigentlich noch hier? Warum hatte er nicht längst seinen Arsch in Schwung gebracht, seinen Passantrag eingereicht und seinen Sitzplatz auf dem nächsten Flug in die Ferne reserviert? Welcher klar denkende Mensch mit einem derart beachtlichen Kontostand würde an einem Dienstagabend auf der Hope Street herumstehen, wenn er im wahrsten Sinne des Wortes auf jedem anderen Fleck der Welt stehen könnte?

Eine Straße namens Hope. Hoffnung? Was für ein beschissener Witz. In dieser Stadt, in diesem Leben, auf diesem verlorenen Planeten?

Er blickte hinab auf den Bettler zu seinen Füßen, den Mann mit der Gitarre, der auf verstimmten Saiten die Akkorde von Hallelujah anschlug. Archie griff in seine Tasche, zog ein paar Geldscheine heraus, Fünfer und Zehner und Zwanziger, beugte sich zu ihm runter und ließ sie in die Schiebermütze fallen, die auf dem Gehsteig lag.

»Danke, Kumpel«, sagte Archie, als bedanke er sich für das Gitarrenspiel. Dann ging er weiter.

»Scheiße, ich hab doch zu danken«, ertönte es hinter ihm.

Archie winkte ab.

Und weiter die Hope Street entlang. Kein bestimmtes Ziel vor Augen. Der Augenblick eine Metapher für sein neues Leben. Ein Auto fuhr vorbei, war zwar in die andere Richtung unterwegs, wurde aber trotzdem langsamer, ehe es sogar ganz stehen blieb. Archie ging weiter. Der Fahrer sah kurz in den Rückspiegel – kein Verkehr – und legte rasch den Rückwärtsgang ein. Als er wieder auf gleicher Höhe war, hielt er den Wagen erneut an.

Fenster runter, Archie hatte noch immer nichts mitbekommen.

»Archie!«, rief eine Stimme durch die feuchtkalte Nachtluft.

In letzter Zeit war er immer wieder aus dem Nichts heraus von wildfremden Leuten angesprochen worden, bisher jedoch hatte er sie noch allesamt ignoriert. Wenn ihm danach war, ignorierte er mittlerweile jeden. Kopf runter und weiter.

Heute Abend allerdings blickte er automatisch auf und sah über die Straße. Zwar lächelte er dabei nicht, schließlich umgab ihn nach wie vor diese bedrückte Stimmung, doch tragischerweise traf er sie dennoch: die verhängnisvolle Entscheidung, dem Ruf zu folgen.

Es sollte die letzte Entscheidung im Leben des Archie Wilson sein.

– MITTWOCH –

Kapitel 1
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Kurz nach zehn Uhr in der Früh. Detective Sergeant Marc Bain beobachtete, wie Cooper das Großraumbüro betrat und sich umblickte. Der Detective Chief Inspector wirkte angespannt, aber das war ja nichts Neues. Bain starrte ihn so lange an, bis der Mann es bemerkte und zu ihm herüberkam.

»Marc«, sagte er, »wo ist Ihre Vorgesetzte?«

Bain warf noch einen kurzen Blick in eine Akte und blätterte sie schnell durch. Alte Unterlagen, die ihm ein Wirtschaftsprüfer zur Verfügung gestellt hatte, allerdings fehlten die Computerdateien. Bain hoffte, dennoch zu finden, wonach er suchte, ohne auch noch einen Durchsuchungsbefehl auftreiben zu müssen, zumal die Firma sowohl die Kontakte als auch die Kohle hatte, um gegen solche Methoden anzukämpfen. Bisher saß er mit leeren Händen da.

Bain blickte wieder auf. Er wusste, dass sich der Chief Inspector ärgern würde, aber Pereira würde nicht wollen, dass er für sie log.

»Sie musste kurz weg, um Anais von der Schule abzuholen«, sagte er. »Gab irgendein Problem. Sobald sie’s gelöst hat, ist sie wieder hier.«

»Ernsthaft?«

Die Frage war rhetorisch gemeint, Bain sparte sich also die Mühe, darauf zu antworten. Es war ja nicht das erste Mal.

»Hat sie für solche Notfälle nicht ihre Mutter?«

»Das werden Sie sie selbst fragen müssen«, sagte Bain.

Cooper wandte sich ab, steckte energisch die Hände in die Taschen und ließ seinen Blick durch das Großraumbüro schweifen. Es war der Gestus eines Mannes, der von anderen wahrgenommen werden wollte. Sie sollten sehen, wie sauer er war.

Nach einem Moment schien er sich einzugestehen, dass es ihm tatsächlich genau darum ging, jedenfalls wandte er sich wieder an Bain und sagte mit schwermütiger Resignation in der Stimme: »Wir haben es mit einem klassischen Fall zu tun: Toter Mann auf dem Friedhof. Ausgerechnet in der Nekropole.«

»Vermutlich keiner, der dort auch hingehört?«

»Ganz recht, Marc, deshalb fahren Sie ja hin. Und zwar sofort. Sagen Sie Ihrer Chefin Bescheid und treffen Sie sich gleich vor Ort.«

»Ich nehme an, es bestand Fremdeinwirkung?«, fragte Bain und machte sich schon mal auf die Beine.

Schließlich wäre er sonst nicht abkommandiert worden.

»Oh, ja«, sagte Cooper, »wir haben es hier mit einem regelrechten Ripper zu tun.«

*

Aliya Pereira saß völlig reglos auf dem kleinen Stuhl und sah aus dem Fenster. Ihre Tochter saß ebenso starr neben ihr, nur dass sie den Kopf gebeugt hatte und mit dem linken Fuß über den Teppich kratzte, hin und her, hin und her.

Die Rektorin hatte sich zwar noch nicht zu ihnen gesellt, aber aus irgendeinem Grund musste Pereira trotzdem an Tom Wilkinson in Ganz oder gar nicht denken. An die Szene, in der er in einem Büro sitzt, einen Blick aus dem Fenster wirft und sieht, wie hinter den Köpfen der autoritären Herren seine Jungs mit Gartenzwergen spielen. Der Gedanke zauberte ihr jedoch kein Lächeln auf die Lippen.

Eigentlich wollte sie ja auch nicht hier sein, weder in Gedanken noch sonst wie. Sie wollte lieber im Büro sein, wo sich die Arbeit stapelte und es eine Ermittlung zu leiten gab, und doch war sie hier. Zum zweiten Mal in diesem Halbjahr war sie ins Büro der Rektorin zitiert worden, während wohl all ihre Kollegen, die sich ohnehin schon einbildeten, sie hätte ihre Stelle nicht verdient, eifrig vor sich hin nickten und ihre Vorurteile rechtfertigten.

Hinter ihr ging die Tür auf, und die Rektorin trat ein. Pereira drehte sich nicht um, Anais jedoch schaute reflexartig über die Schulter. Als sie Mrs Walkeys Blick begegnete, senkte sie rasch den Kopf.

Walkey nahm an ihrem Schreibtisch Platz, ersparte sich jedoch sämtliche Umschweife mit all dem Papierkram, der sie nun umgab. Stattdessen sah sie Pereira direkt in die Augen.

»Hat man Sie bereits über die Ereignisse unterrichtet?«, fragte sie.

Die Rektorin war Anfang fünfzig. Wie schon beim letzten Mal fiel Pereira auf, dass sie etwas von Imelda Staunton an sich hatte.

»Die Details sind mir noch unklar«, sagte Pereira. »Vielleicht könnten Sie mich kurz ins Bild setzen.«

Walkey spitzte die Lippen und blickte zu Anais.

Das Mädchen sah nicht auf.

»Anais hat Jack Grey geschlagen. Zum zweiten Mal in diesem Monat, wie Ihnen bewusst sein dürfte. Wir haben in dieser Schule nicht die geringste Toleranz für Handgreiflichkeiten. Dies ist eine Bildungsstätte. Derartiges Verhalten hat hier nichts verloren, insbesondere, wenn es sich um ein junges Mädchen handelt. Es ist ja schon schlimm genug, wenn sich die Knaben in der Kollegstufe prügeln, aber …«

»Ich bin mir sicher, dass es nicht noch einmal vorkommen wird«, sagte Pereira, merkte aber noch während die Worte ihren Mund verließen, dass sie wie einer ihrer eigenen Straftäter klang.

»Das haben Sie bereits vor drei Wochen gesagt«, schoss Walkey zurück.

Pereira hatte keine Antwort parat. Sie blickte zu Anais hinüber und fragte sich, ob ihre Tochter wohl ausnahmsweise etwas zu ihrer Verteidigung zu sagen hätte, ihr Schweigen war jedoch so eisern wie jedes Mal, wenn sie zur Rede gestellt wurde.

»Wir werden sie heimschicken müssen«, sagte die Rektorin. »Sie darf wiederkommen, wenn …«

»Das können Sie doch nicht tun!«

»Doch, das kann ich. Und das werden wir auch«, entgegnete Walkey, sprach also nicht nur in ihrem eigenen Namen, sondern teilte die Verantwortung mit ungesehenen Dritten.

»Sie hat sonst niemanden, der sich um sie kümmern könnte.«

»Ich dachte, ihre Großmutter passe auf sie auf? So war es doch beim letzten Mal.«

Pereiras Mutter sollte Anais heute aber erst um fünfzehn Uhr abholen, saß daher vermutlich bereits im Zug nach Perth, um sich vorher noch für ein paar Stunden mit einer Freundin zu treffen. Davon abgesehen hatte Pereira nicht vor, der Rektorin Rechenschaft abzulegen.

»Die kann heute nicht.«

»Dann muss jemand anders einspringen«, sagte die Rektorin, »und wenn das ebenfalls nicht möglich sein sollte, werden Sie Ihre Tochter eben selbst mitnehmen müssen. So einfach ist das.«

Die beiden Frauen starrten sich über den Schreibtisch hinweg an. Das schweigende Kind war vorläufig vergessen. Als ginge es in dieser Auseinandersetzung eigentlich um etwas ganz anderes.

»Und was ist mit Jack Grey?«, fragte Pereira.

»Was soll mit ihm sein?«

»Haben Sie ermittelt, welche Rolle er in diesem Fall spielt? Wird er auch nach Hause geschickt?«

»Nein!«, rief Walkey, nun offenbar gereizt. »Das wird unter gar keinen Umständen geschehen. Ich wäre nicht überrascht, wenn wir gleich alle beide vor Gericht landen würden, beziehungsweise Sie und die Schule. Ihre Tochter darf nicht, ich wiederhole, darf nicht grundlos Leute schlagen.«

»Es gibt immer einen Grund«, entgegnete Pereira. Ihre Stimme war kalt, ihr Ton kompromisslos.

Die Rektorin hielt einen Augenblick lang inne, dann sah sie zu Anais. »Wärst du bitte so gut, uns diesen Grund zu nennen, Anais?«

Pereira rechnete noch nicht einmal damit, dass ihre Tochter aufblicken würde, geschweige denn antworten, sie wollte also bereits diskret nachhelfen, da hob Anais langsam den Kopf, zuckte mit den Schultern und erwiderte den gestrengen Blick der Rektorin.

»Der Typ ist ein Arschloch.«

*

Sie saßen im Auto. Pereira hatte direkt vor der Schule geparkt, im absoluten Halteverbot.

Schweigen.

Pereira starrte vor sich hin, die Lippen zusammengepresst, die Zähne aufeinandergebissen. Anais sah auf ihre Hände hinab. Von Zeit zu Zeit schluckte sie, während sie darauf wartete, was ihre Mutter zu sagen hatte.

Es war ein unbequemes Schweigen, es war an Pereira, es zu brechen, und es war ihr dabei kein bisschen wohler zumute als ihrer Tochter. Die Selbstsicherheit und Autorität, die nicht nur Pereiras Auftreten im Polizeipräsidium, sondern auch die tagtägliche Bewältigung ihrer beruflichen Pflichten definierten, verschwanden nicht selten, wenn sie es mit diesem dreizehnjährigen Mädchen aufnehmen musste. Wie oft saßen sie sich wohl so gegenüber, befangen in einer nicht enden wollenden Beklemmung?

»Warum?«, zwang sich Pereira schließlich zu fragen.

»Das habe ich doch schon gesagt«, erwiderte Anais.

Pereira legte beide Hände ans Lenkrad und griff fest zu. Der Motor war abgeschaltet, diesmal würde ihre Tochter einer Konfrontation nicht entgehen.

»Was hat er getan?«

Obwohl sie nun doch miteinander redeten, war die Stille zwischen den Worten noch immer erdrückend.

Vielleicht, dachte Pereira, würde diese Stille eines Tages so mächtig werden, dass sie echte, räumliche Gestalt annahm. Sie würde sie beide verschlingen, wie es in Romanen so schön hieß. Doch diese Stille würde sie nicht nur im metaphorischen Sinne verschlingen, sie würde sie schlucken, mit Haut und Haaren hinunterwürgen und ein für alle Mal verschwinden lassen.

»Wenn du mir nicht sagst, was er getan hat, sperre ich dir für den Rest der Woche das Internet.«

»Das brauche ich aber für die Schule.«

»Mir egal.«

Die Stille kehrte zurück, tief und dunkel. Pereira packte das Lenkrad noch fester, während Anais Löcher ins Armaturenbrett starrte. Schließlich drehte sich Pereira zu ihrer Tochter und sah sie an.

»Sag es mir, oder ich sperre deinen Internetzugang.«

»Er hat mich eine Muslimin genannt«, platzte es aus Anais heraus.

Schlagartig kehrte Farbe in Pereiras Knöchel zurück, als sich ihr Griff am Lenkrad etwas lockerte.

»Und eine Terroristin.«

»Und dafür hast du ihn geschlagen?«

»Ja.«

»Du hattest also kein Interesse daran, ihm zu erklären, dass du keine Muslimin bist, und dass du, selbst wenn es so wäre …«

»Er weiß, dass ich keine Muslimin bin, Mum. Der Typ ist ein Arschloch.«

Erneutes Schweigen. Allmählich entspannten sich Pereiras Finger genug, um die Hände wieder vom Lenkrad nehmen zu können. Das altbekannte Elterndilemma: Wann sollte man die Autoritätsfigur sein, wann die Freundin? Tendierte sie aufgrund ihrer Familiensituation zu oft zu Letzterem? Dabei war Anais wohl kaum die einzige Dreizehnjährige, die sich schwertat, einen neun Jahre jüngeren Halbbruder im Haus zu haben.

Vielleicht tat Pereira es nur, weil es heutzutage so üblich war. Oder weil sie es so wollte. Pereira wollte von ihrer dreizehnjährigen Tochter als eine Freundin gesehen werden.

»Weißt du, wie viele Menschen auf dieser Welt Arschlöcher sind?«

Anais schüttelte den Kopf.

»Praktisch jeder«, fuhr Pereira fort. »Sogar Leute, die eigentlich keine Arschlöcher sind, werden sich irgendwann wie welche benehmen, wenn sie es auch nicht wirklich mit Absicht tun. Das wirst du noch oft, nein, sehr oft miterleben, es geht also nicht, dass du immer gleich zuschlägst. Das geht einfach nicht.«

»Aber er war doch das Arschloch, nicht ich

Pereira lehnte sich zu ihrer Tochter hinüber und nahm ihre Hand.

»Ich weiß. Ich weiß. Aber Zuschlagen bringt dich nicht weiter. Damit machst du es allen nur schwerer zu sehen, dass du ungerecht behandelt wurdest, nicht er. Schließlich sieht es jetzt so aus, als wäre er das Opfer, dabei ist er doch das Arschloch.«

Anais kicherte. Pereira bekam die üblichen Gewissensbisse, dass sie in Gegenwart ihrer Tochter wieder einmal ausfallend geworden war. Kein Wunder, dass Anais vor der Rektorin dasselbe Wort in den Mund genommen hatte.

»Kannst du beim nächsten Mal versuchen, dich verbal zur Wehr zu setzen? Ihm deine Herkunft zu erklären?«

»Hallo? Warst du schon mal auf einem Schulhof?«

»Ja.«

»Wir leben nicht mehr in den Achtzigern, Mum.«

Pereiras Handy klingelte. Mit einem letzten aufmunternden Lächeln drückte sie ihrer Tochter die Hand, dann nahm sie den Anruf entgegen.

»Marc?«

»Störe ich?«, fragte Bain.

»Bin gerade auf dem Rückweg von der Schule.«

»Können wir uns in der Nekropole treffen?«

Pereira blickte zaghaft zu ihrer Tochter.

»Was gibt’s denn?«, fragte sie.

»Einen Toten«, sagte Bain.

Die Straße erstreckte sich in die Ferne, hier und da ein geparktes Auto, kein Verkehr. Ein Pärchen führte einen Hund spazieren, schien sich dabei zu streiten, jedenfalls klang das Gespräch äußerst angeregt. Weiter vorne hingegen, in dem kleinen Häuserblock mit dem Zeitschriftengeschäft, hatte eine alte Wäscherei inzwischen den Laden dichtgemacht oder zumindest den Fensterladen.

Pereira hatte vorgehabt, Anais ins Präsidium mitzunehmen und in eines der Vernehmungszimmer zu stecken. Eine andere Möglichkeit hatte sie nicht gesehen. Cooper wäre zwar kaum beeindruckt gewesen, aber so lange die Kleine niemandem in die Quere kam …

Sie an einen vermeintlichen Tatort mitzunehmen, war wesentlich riskanter.

»Okay«, sagte sie und legte auf. So schnell war die Entscheidung gefallen. Um die Details würde sie sich vor Ort kümmern.

Da habe ich mir ja einen denkbar schlechten Tag ausgesucht, um meiner Tochter mal meinen Arbeitsplatz zu zeigen, dachte sie und drehte den Zündschlüssel.

Kapitel 2
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Der Regen fiel noch immer stetig, aber wenigstens nicht mehr ganz so stark, als Pereira den Hügel hinaufeilte. Quer über den Rasen. Quer über die Toten.

Der Tatort war nicht schwer zu finden gewesen, zumal sich eine ganze Einsatzgruppe von Polizisten um ein einziges Grab versammelt hatte. Die umliegende Gegend war bereits abgesperrt worden, und Pereira nickte einem der diensthabenden Wachposten zu, als sie unter dem Absperrband hindurchtauchte, um zu ihren Kollegen zu gelangen.

Bain war schon da und nickte ebenfalls, als er seine Chefin auf sich zukommen sah.

»Entschuldigung«, sagte sie ein wenig außer Atem.

»Schon gut. Das Opfer bleibt ja tot.«

Sie zog die Augenbrauen hoch, dann ging sie an ihm vorbei, um sich die Leiche näher anzusehen.

Der Tote war ein Mann Mitte dreißig. Er saß auf dem Boden, den Rücken an den Grabstein gelehnt. Der Oberkörper war mit einem dünnen Seil fixiert, das um seinen Hals gespannt und hinter dem Stein verknotet worden war. In den Augenwinkeln hatte er jeweils eine kleine Schnittwunde, sodass zwei tränenartige Blutspuren auf den Wangen eingetrocknet waren. In die Schädeldecke war ihm ein kleines Metallkreuz gehämmert worden. Es war das einzige offensichtliche Anzeichen der Todesursache. Auf dem Haar hatte sich inzwischen eine dunkelrote Blutkruste gebildet.

Seine Hände waren im Schoß gefaltet, und ein kleiner Zweig mit rosa Blüten war ihm zwischen die Finger gesteckt worden, förmlich wie in eine Grabvase.

»Da sind Spuren an seinen Handgelenken«, sagte Pereira. »Wo anders gefesselt und getötet, anschließend hergebracht.«

»Ja, so sehen wir’s auch. Obwohl es durchaus denkbar wäre, dass er hier umgebracht wurde und die Fesseln dann erst entfernt wurden, damit der Mörder dieses … Kunstwerk schaffen konnte.«

»Treffliche Beschreibung. Als hätte sich der Mörder bewusst verkünstelt. Aber ein Kreuz in den Kopf zu hämmern …« Sie ließ den Satz in der Luft hängen. »Ist seine Identität bereits bekannt?«

Bain streifte sie mit einem Seitenblick, ehe er sich wieder ganz auf das Opfer konzentrierte und vorerst davon absah, ihr zu antworten.

Pereira wartete einen Moment, dann fragte sie: »Was ist mir entgangen?«

»Du liest keine Boulevardzeitungen«, sagte er. Er formulierte es nicht als Frage, zumal er wusste, dass es so war.

»Hilf mir auf die Sprünge.«

»Das ist Archie Wilson. Vor ein paar Monaten hat er im Lotto gewonnen.«

»Wie viel?«

»Hundertdreißig Millionen.«

»Pfund?«

»Was sonst?«

»Euro?«

»Pfund, glaube ich«, sagte Bain. »Aber das spielt doch bei dieser Menge kaum eine Rolle, oder? Jedenfalls war es ein Haufen Kohle, egal, in welcher Währung.«

Sie ging einen weiteren Schritt auf die Leiche zu. Schließlich beugte sie sich hinab, lehnte sich über den Toten und roch an seinem Mund. Sie betrachtete die Spuren an den Handgelenken und die Eintrittswunde des Kreuzes im Schädel, dann legte sie ihm sachte die Finger an die Wange, um ein Gefühl für den Toten zu bekommen, ehe sie den Rest des Körpers in Augenschein nahm und ihren Blick quer über den Leib die Beine hinunterwandern ließ, bis hin zum Saum der Hosenbeine und den Schuhen.

Bain beobachtete sie bei ihrer intimen, präzisen Untersuchung, ihrer raschen Erfassung.

»An den Knöcheln wurde er ebenfalls gefesselt«, sagte sie nach ein paar Minuten. »Da sind Rückstände am Stoff zu sehen, wo das Klebeband abgerissen wurde. Ich schätze, er ist seit zehn bis zwölf Stunden tot. Vorher hatte er einiges getrunken, vielleicht auch noch etwas anderes genommen.«

Sie stand auf und sah sich um. Neben ihr hatten sich bereits fünf weitere Polizisten am Tatort versammelt, und am Fuße des Hügels erkannte sie schon die ersten Kollegen von der Spurensicherung, Corkin und Gayle, die lachend den gewundenen Pfad heraufkamen. Beide trugen Regenjacken und zogen sich nun auch noch Handschuhe an, wohingegen der Rest der Anwesenden völlig unvorbereitet auf das Wetter zu sein schien. Als wären sie alle überrascht, dass es in Schottland im März regnete.

Pereira sah Richtung Süden, über die großen Denkmäler und Steinkreuze hinweg bis hin zu den Ausläufern der Stadt, die sie von ihrem Standort auf dem Hügel erkennen konnte. Glasgow dehnte sich vor ihnen aus, überall Gebäude in anonymen Braun- und blassen Grautönen. Rechts von ihnen die Kathedrale und das städtische Krankenhaus, das Royal Infirmary. Pereira blickte zum Himmel auf, tiefe graue Wolken, kein Grund zu glauben, dass der Regen bald nachlassen würde. Kein einziger blauer Hoffnungsschimmer.

»Also was haben die Boulevardzeitungen zu sagen?«, fragte sie schließlich, als sie sich wieder zu Bain umdrehte.

»Noch gar nichts, die werden ja wohl kaum jetzt schon wissen, dass er tot ist.«

»Sergeant, nur weil deine kleinen Freunde im Anmarsch sind, brauchst du mir jetzt nicht auf die freche Tour zu kommen. Was haben die Boulevardblätter berichtet, nachdem er im Lotto gewann? Weiß man, was er mit all dem Geld gemacht hat?«

»Nicht viel. Die Pressefuzzis haben zwar ihr Bestes getan, um den Anschein zu erwecken, dass er ordentlich auf die Kacke gehauen hat und auch sonst ein ziemlicher Arsch war, aber wenn man die Artikel genauer las – war da gar nichts. Abgesehen von dem Gerücht, dass er Albion Rovers kaufen wollte.«

»Steht der Klub denn zum Verkauf?«

»Weiß nicht. Wahrscheinlich schon, für die Unsummen, die der Mann hätte locker machen können. Hin und wieder ist er mit Frauen in der Stadt gesehen worden. Frauen, die jünger waren als er und wesentlich besser aussahen. Typisch. In ein paar Artikeln hieß es, dass er mit Geld um sich geworfen hätte. Verglichen mit dem, was er gewonnen hatte, war das aber alles Kleingeld. Und was seine langfristigen Pläne betrifft, keine Ahnung.«

»Haben sich irgendwelche verprellten Verwandten oder Ex-Freundinnen in den Medientrubel gestürzt?«

Er wog mit dem Kopf hin und her. »Werde ich prüfen müssen.«

»Archie Wilson sagtest du?«

»Yep.«

Sie blickten auf, als Corkin und Gayle zu ihnen traten und die Leiche musterten. Einen Augenblick später nickte Gayle. »Definitiv tot.«

»Noch so zwei Komiker«, sagte Pereira. »Der Tatort gehört ganz euch, aber passt auf die Blumen auf. Die brauchen wir noch.«

»Hmm«, meinte Gayle desinteressiert. »Stiefmütterchen, oder?«

»Ernsthaft, Henry? Stiefmütterchen? Die kommen von einem Baum. Das sind Blüten. Siehst du das nicht?«

»Jetzt, wo du’s sagst«, erwiderte er. »Von einem Kirschbaum? Apfelbaum?«

»Cercissiliquastrum. Judasbaum, wie er im Volksmund heißt.«

»Scheiße«, sagte Gayle mit einem Kopfschütteln. »Du bist wirklich ’ne Wucht, Inspector. Woher weißt du so was nur?«

»Klingt wie eine Botschaft«, kam Bain ihr zuvor. »Das ist nie gut, wenn ein Mörder eine Botschaft hinterlässt. Aber was hat es mit dem Judasbaum denn nun auf sich?«

»Der Überlieferung nach ist das der Baum, an dem sich Judas erhängt hat«, sagte Pereira. »Stammt ursprünglich aus dem Mittelmeerraum. Es heißt, dass die Blüten ehemals weiß waren, doch als Judas einen der Bäume benutzte, um Selbstmord zu begehen, schämte sich dieser und seine Blüten färbten sich blutrot. Seitdem trägt jeder Judasbaum rote Blüten.«

Die drei Männer sahen auf den kleinen Zweig hinab, der in den gefalteten Händen der Leiche steckte.

»So eine Scheiße«, sagte Corkin.

»Diese Blüten sind doch rosarot«, sagte Gayle. »Wenn der Baum blutrot sie wollte, hat er aber was falsch gemacht.«

»Wächst so was eigentlich in Schottland?«, fragte Bain. »Wenn es sich doch um eine Pflanze aus dem Mittelmeerraum handelt?«

»Gute Frage«, sagte Pereira. »Das werden wir überprüfen müssen. Und selbst wenn die Bäume hier wachsen, stehen die Chancen, dass einer im März schon Blüten trägt, doch eher schlecht. Besser gesagt, die Wahrscheinlichkeit ist gleich null, vor allem bei dem Wetter, das wir seit ein paar Monaten hier haben. Irgendjemand hat sie also auf Umwegen hierher geschafft. Meint ihr, ihr findet in dem ganzen Durcheinander noch irgendwelche Fußspuren?«

»Mal sehen«, sagte Corkin. »Jedenfalls können wir’s versuchen. Schaut mal«, fuhr er fort und zeigte den Hügel hinab, »da ist eine Schubkarrenspur zu erkennen. Zwei Spuren sogar, eine schwerer als die andere. Auf dem Raufweg war die Karre voll, auf dem Runterweg leer.«

»Alles klar, meine Herren, dann macht euch mal schön an die Arbeit.« Sie nickte ihnen zu und trat ein, zwei Schritte zurück. Bain folgte ihrem Beispiel.

»Noch kein Zeichen von Edgars?«, fragte sie.

Bain schüttelte den Kopf.

»Aber soweit ich weiß, ist sie unterwegs.«

»Verstehe. Wer hat die Leiche gefunden?«

Bain sah sich um und deutete auf einen etwas abseits stehenden Mann, der auf einer Schaufel lehnte und die Stadt betrachtete.

»Wissen wir, ob der Tote Angehörige hat?«

»Noch nicht«, sagte Bain. »Ich glaube, in den Medienberichten war von Eltern die Rede, ich bin mir aber nicht sicher.«

»Okay. Geh der Spur schnell nach. Ich rede mit dem Totengräber, und dann besuchen wir die Mutter oder den Vater oder wen auch immer. Und notier dir sicherheitshalber den Namen und die übrigen Informationen auf dem Grabstein hier. Kann ja sein, dass die Fundstelle nicht willkürlich ausgewählt wurde.«

»Jawohl, Ma’am«, sagte Bain, trat um sie herum und bückte sich so schnell zu dem Stein hinunter, dass er ihren konsternierten Blick gar nicht mitbekam.

Sie sah ein letztes Mal auf den Leichnam hinab, dann machte sie dem Polizeifotografen Platz und ging zu dem Totengräber hinüber, der noch immer auf seiner Schaufel lehnte.

»Mr …?«

Er blickte kurz zu ihr auf. »Wer sind Sie?«

Sie nahm ihren Dienstausweis aus der Innentasche ihrer Anzugjacke und streckte ihn dem Mann entgegen. Automatisch begleitete sie die Geste mit den Worten: »DI Pereira.«

Er musterte erst den Ausweis, dann ihr Gesicht. Und dann ließ er seine Augen über ihren gesamten Körper wandern, runter und wieder rauf. Als er seine Leibesvisitation beendet hatte, goutierte er ihren Anblick mit einem knappen Nicken, ehe er sich wieder abwandte.

»Wird wohl noch eine Weile regnen«, sagte er und zeigte gen Süden. »Sieht man selten, dass das Wetter von dort kommt, aber manchmal ist es halt so. Ich nehme an, Ihre Leute werden bald genug wieder weg sein.«

Er trug einen Overall, aber keine Regenjacke, sodass sich die nassen Flecken auf seinen Schultern allmählich ausbreiteten.

»Mr …?«, fragte Pereira erneut.

»Underhill«, sagte der Totengräber.

Pereira antwortete mit einer leicht gehobenen Augenbraue: »Wirklich?«

»Was?«

»Underhill. Unterberg. Das ist der Deckname von Frodo Beutlin. Ein weltbekannter Deckname.«

Der Totengräber blickte sie fragend an, dann sah er zu der kleinen Menschenmenge vor dem Grabstein hinüber, dann zurück zu Pereira. »Wer zum Teufel ist Frodo Beutlin?«

Schweigen. Spielte es eine Rolle, wie er wirklich hieß? Wenn ja, wäre es einfach genug zu überprüfen.

»Sie haben die Leiche gefunden«, sagte sie schließlich, um das Thema zu wechseln. Es war eine Feststellung, keine Frage. Wenn er den Toten nicht gefunden hätte, würde sie nicht mit ihm reden.

»Ja. Und ich ärgere mich immer noch.«

»Warum?«

Einen Moment sah er ihr tief in die Augen.

»Warum? Würden Sie sich freuen, wenn Sie morgens in die Arbeit kämen und von irgendeinem toten Sackgesicht empfangen würden?«

Lang konnte er sie so nicht anstarren. Als er den Blick wieder abwandte, lächelte sie.

»Sind Sie hier der Totengräber vom Dienst?«

»Man merkt es doch immer sofort, wenn man es mit einem Detective zu tun hat, nicht wahr?«, sagte Underhill. »Sie sehen eben Dinge, die allen anderen entgehen würden.«

»Sie sind also verärgert?«, fragte Pereira, ohne auf seinen Sarkasmus einzugehen. Underhills Worte standen weit oben auf der Liste der dummen Kommentare, die sie regelmäßig zu hören bekam.

»Aber hallo«, sagte er und drehte sich erneut zu ihr um. »Ich meine, jetzt mal im Ernst, warum hat er den Wichser denn ausgerechnet hierher bringen müssen? Ein Kreuz in den Kopf und den Oberkörper an einen Grabstein gefesselt? Wirklich? Wie viele beschissene Filme hat der sich wohl vorher reingezogen? Du lieber Gott.«

»Woher wissen Sie, dass es ein Mann war?«

Wieder starrte er ihr in die Augen, ehe er seinen Blick schließlich abwandte und ihr den Rücken kehrte.

»Frauen sind für gewöhnlich nicht derart hohl in der Birne. Wobei ich mir bei Ihnen nicht so sicher bin.«

»Wann sind Sie heute angekommen? Gab es Anzeichen eines Einbruchs? Gehe ich recht in der Annahme, dass die Tore nachts verschlossen werden?«

Abermals schwieg er einen Augenblick. Sie ließ ihn gewähren. Er würde schon noch antworten, wollte nur nicht allzu willig wirken. Wollte eine gewisse Kontrolle über die Vernehmung wahren, sie wissen lassen, dass es einzig seinem guten Willen geschuldet war, wenn er überhaupt etwas von seinem Wissen mit ihr teilte.

»Bin um halb neun angekommen. Hab Tee gemacht und die Zeitung gelesen.«

»Welche?«

»Was?«

»Welche Zeitung haben Sie gelesen?«

Er kehrte ihr noch immer den Rücken zu, überlegte jetzt sogar, ob er sie ganz ignorieren sollte.

»Den Scotsman«, sagte er nach einer Weile. »Ich weiß, den lesen außer mir nur noch drei andere Leute, aber ich mag die Zeitung, Sie können Ihre Meinung also getrost hinterm Berg begraben.«

»Ich bleibe lieber noch eine Weile hier.«

»Weiß Gott, was das mit dem Fall zu tun hat, aber wie Sie meinen. Um kurz nach neun bin ich jedenfalls raus und da hab ich ihn gefunden. Das war das erste Mal, dass ich den Kerl gesehen habe. Deshalb bin ich mir sicher, dass es wirklich nichts mit dem Friedhof zu tun hat. Wahrscheinlich ist der Mörder ein stinknormales Arschloch, das einfach zu viele Krimis gelesen hat. Ich hab jedenfalls Ihre Kollegen gerufen und überprüft, ob die Eingangstore abgesperrt waren. Da ist mir aufgefallen, dass jemand das Vorhängeschloss am Tor unten in Ladywell geknackt hat.«

»Könnten Sie mir den Weg dorthin zeigen?«

»Meinetwegen«, sagte er.

»Dann mal los.«

Der Totengräber schnaubte. Einen Augenblick lang zögerte er noch, bis er das Gefühl hatte, der Situation wieder Herr geworden zu sein, dann lehnte er die Schaufel an einen Grabstein und marschierte den Hügel hinab.

»Kommen Sie schon, ich hab nicht den ganzen Tag«, raunzte er über die Schulter, obwohl Pereira direkt hinter ihm war.

*

Als sie anschließend Bain aufgabelte und mit ihm zu ihrem Auto zurückging, stellte sie mit Erleichterung fest, dass Anais noch immer da saß, wo sie sie zurückgelassen hatte. Pereira hatte beim Verlassen des Friedhofs zum ersten Mal seit einer Stunde an ihre Tochter gedacht und war sofort nervös geworden, dass Anais sich vielleicht aus dem Staub gemacht hatte.

Sie stiegen in den Wagen, wo Anais soeben auf die Rückbank geklettert war.

»Anais«, sagte Bain mit einem Nicken.

»Hallo.«

»Alles klar?«, fragte Pereira.

Anais war ganz auf ihr Handy konzentriert. Spielt wahrscheinlich BB-Tan, dachte Pereira.

Sie sah jedenfalls nicht auf.

»Ich muss aufs Klo«, sagte sie. »Und Hunger hab ich auch.«

Pereira starrte vor sich hin, griff wie ferngesteuert nach dem Lenkrad und war gedanklich schon unterwegs zu ihrem nächsten Einsatzort.

Kapitel 3
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Pereira und Bain saßen am Küchentisch eines kleinen Hauses in der Nähe des Bellahouston Parks. Von der anderen Tischseite starrte sie Archie Wilsons Vater an. Besser gesagt, er starrte Pereira an. Wilsons Mutter machte sich am Wasserkocher zu schaffen, ehe sie die Teekanne, Tassen und Untertassen zusammensammelte.

Weder Pereira noch Bain wollten Tee, aber hier ging es nicht um ihre Verköstigung. Es ging darum, die Mutter in genau der Art und Weise mit der Nachricht vom Tod ihres Sohnes umgehen zu lassen, wie diese es für notwendig hielt. Wenn sie dafür den Überbringern der Hiobsbotschaft einen Tee kochen wollte, würden die beiden eben Tee trinken.

In der Küche brannte Licht, draußen war es dunkel, am Fenster war nach wie vor Regen zu hören.

»Woher kommen Sie?«, fragte Wilson.

Seine Frau warf einen flüchtigen Blick über die Schulter, senkte jedoch rasch die Augen und beschloss, sich lieber nicht einzumischen.

»Cathcart«, sagte Pereira.

»Das meine ich nicht. Pakistan oder Indien oder was?«

»Zur Welt gekommen bin ich in Rottenrow, ich lebe aber schon mein ganzes Leben in Glasgow.«

Einen Moment lang hielt er ihrem starren Blick stand, dann gab er sich geschlagen und wandte die Augen ab.

»Wir müssen Ihnen ein paar Fragen stellen«, sagte Bain. Er hätte sich in den Arsch beißen können, dass er tatenlos zugesehen hatte, wie Wilson seine Chefin mit der üblichen Fragerei behelligte. »Passt es Ihnen jetzt oder möchten Sie …«

»Spielt keine Rolle«, sagte Wilson.

Der Wasserkocher war mit einem letzten Rumpeln verstummt. Nachdem auch noch das Geräusch versiegte, das Mrs Wilson beim Füllen der Teekanne machte, war an ihrer Atmung zu hören, dass sie angefangen hatte zu weinen.

»Kommen Sie zur Sache«, sagte Wilson.

»Wenn Sie sicher sind, dass es jetzt passt.«

»Hab ich doch gesagt.«

Mrs Wilson drehte sich um. Mit unsteten Händen trug sie ein Tablett an den Tisch und stellte es ab. Sie hatte noch einen kleinen Teller mit Jammy Dodgers hergerichtet. Einen Keks für jeden. Daneben vier Tassen, einen Milchkrug, die Teekanne und ein Schüsselchen mit weißem Zucker. Einen Augenblick lang blieb sie so stehen, das Tablett noch immer krampfhaft in den Händen haltend, als überlegte sie, ob sie es nicht doch wieder abtragen sollte. Dann richtete sie sich auf und schluckte hörbar.

Sie sah die beiden Detectives an, wollte etwas sagen, wollte ihnen einen Vorwand liefern, um den Raum verlassen zu können, doch sie brachte kein Wort über die Lippen. Es gab keine Worte, nicht einmal dafür. Sie wandte sich ab, hastig, um dem ersten Schluchzen zuvorzukommen, das dennoch aus ihr hervorbrach, bevor sie aus der Küche eilen konnte, die Tür hinter ihr ins Schloss fiel und nur mehr ihre Schritte auf der Treppe zu hören waren.

»Wie gesagt, kommen Sie zur Sache.«

Die Teekanne stand unberührt zwischen ihnen, eine stumme Zeugin des Gesprächs.

»Ihr Sohn hat vor sechs Wochen im Lotto gewonnen?«

»Sechseinhalb.«

»Haben Sie vorher noch gemeinsam unter einem Dach gelebt?«

»Haben Sie denn überhaupt keine Nachforschungen angestellt, bevor Sie hier aufgekreuzt sind?«

»Wir sind auf dem schnellsten Weg hergekommen, Mr Wilson. Nachdem Archie in der Öffentlichkeit stand, wird sich schnell herumsprechen, was passiert ist. Wir wollten nicht …«

»Schon gut. Er hat mit einem seiner Freunde in einer WG gewohnt. Einem von diesen … Transvestiten, so einer ist das. Verkleidet sich mit Frauenklamotten. An der Great Western Road. Archie hat gesagt, es ist wegen der kürzeren Busfahrt zum Golfplatz jeden Morgen. Auch egal. Sobald er das Geld gewonnen hatte, hat er den Job eh hingeschmissen und die Wohnung sausen lassen. Wollte sich lieber ein neues Haus kaufen. So lang hat er im Grand gewohnt, einem Hotel außerhalb der Stadt, jenseits von Knightswood. Wenn Sie mich fragen, hätte er die verdammte Kohle genauso gut aus dem Fenster werfen können, aber mich hat er ja nicht gefragt.«

»Können Sie uns den Namen dieses Mitbewohners geben? Den Namen des Mannes, mit dem er zusammen …«

»Nee. Ich kann Ihnen die Adresse geben und Sie können hinfahren, um alles andere selbst in Erfahrung zu bringen.«

»Den Lotterieschein, hat er den selbst gekauft? War er nicht Mitglied einer Wettrunde? Gab es keinen Disput darüber, wer den Schein tatsächlich gekauft hat? Oder ob ihm jemand das Geld dafür geliehen hat? Oder ob jemand den Schein in Archies Namen erworben hat? Irgendetwas in der Art?«

»Doch«, sagte Wilson. Sein knappes Nicken wurde von einem kleinen Zucken der Augenbrauen begleitet. Er sah an Bain vorbei aus dem Fenster.

»Und …?«

»Der Kerl. Der Transvestit. Ich glaube, der wollte sich seinen Anteil sichern. Oder so was in der Art. Archibald hat zwar kaum mehr mit uns gesprochen, aber einmal hat er erwähnt, dass die Tunte was von ihm wollte, dass die beiden eine Art Verabredung unter Ehrenleuten hatten. Also wirklich, wie soll das mit so jemandem … Dass ich nicht lache.«

»Waren rechtliche Schritte eingeleitet worden?«

»Weiß ich nicht.«

»Und wie sieht es mit Ihnen aus, Mr Wilson?«, fragte Pereira. »Hatte Archie auch Ihnen etwas versprochen?«

Wilson antwortete nicht auf Anhieb. Stattdessen beäugte er die Teekanne, ohne jedoch danach zu greifen.

»Die Küche ist frisch gestrichen«, sagte sie.

Er antwortete noch immer nicht.

»Der Anstrich ist keine Woche alt.«

»Na und?«

»Haben Sie selbst Hand angelegt?«

Schon beim ersten Blick auf die Hohlkehlleisten zeigte sich, dass kein Profi am Werk gewesen war, wo das Magnolienweiß der Wände in das Weiß der Decke überging.

»Worauf wollen Sie hinaus, meine Gute?«, fragte Wilson.

»Das Geld Ihres Sohnes hätte doch wohl allemal gereicht, dass auch Sie sich ein neues Haus hätten leisten können. Und wenn Sie schon keinen Umzug wollten, hätten Sie sich wenigstens eine neue Küche einbauen lassen können. Die Schränke, die Sie hier haben, sind doch mindestens fünfzehn Jahre alt.«

»Die sind völlig in Ordnung. Das sind Küchenschränke. Die müssen bloß zur Aufbewahrung von Küchenzeug taugen, und das werden sie auch noch in hundert Jahren tun.«

»Haben Sie die Küche selbst gestrichen, um ihm etwas zu beweisen? Dass Sie sein Geld nicht brauchen? Dass Sie Ihr Leben aufwerten können, ohne Ihren Sohn anpumpen zu müssen? Ich meine, eine große Geste ist es zwar nicht, aber das muss ja nicht bedeuten, dass sie keine große Wirkung hatte, oder?«

»Sind wir fertig?«

»Haben Sie erwartet, dass Ihr Sohn einen Teil des Geldes an Sie abdrücken würde, oder waren Sie angewidert und wollten nichts damit zu tun haben?«

»Wenn ich Ihnen sage, dass wir gestritten haben, verhaften Sie mich dann?«

»Wahrscheinlich nicht.«

Wilson schnaubte leise und schüttelte den Kopf. »Gehen Sie ein Wörtchen mit der Tunte reden«, sagte er nach einem kurzen Schweigen.

»Gibt es noch weitere Freunde oder Familienmitglieder, die Archie seit seinem Lottogewinn kontaktiert haben könnten?«, fragte Bain.

Wieder schnaubte Wilson. Schließlich griff er doch nach der Teekanne, schwenkte sie ein wenig, goss sich eine Tasse ein, schenkte Milch nach und stellte sie vor sich ab.

»Meine Frau hat vier Brüder und Schwestern. Ich habe zwei. Archibald hatte mindestens fünfzehn Cousins. Cousins ersten Grades, um genau zu sein. Weiß Gott, wie viele Vetter, oder wie auch immer man die nennt, zweiten oder dritten Grades er hatte. Und Freunde?« Er schüttelte den Kopf. »Wahrscheinlich hatte er auch die. Ich meine, Freunde hat ja wohl selbst der letzte Arsch, oder?«

»Fünfzehn Cousins?«, fragte Pereira. Sie wusste über Cousins Bescheid. »Wie viele von denen wollten sich was von seinem Gewinn schnorren?«

»Da müssen Sie sie schon selbst fragen«, antwortete Wilson. Er sah unwirsch über den Tisch und funkelte Pereira und Bain abwechselnd an. Dann sagte er: »Sind wir jetzt fertig? Ich hab meinen Tee zu trinken.«

*

Erneut war Pereira erleichtert, Anais dort zu finden, wo sie sich von ihr verabschiedet hatte, nämlich in einem Costa Coffee zwei Häuserblocks weit von Wilsons Haus entfernt.

»Hey«, sagte Pereira, »alles in Ordnung?«

»Mir ist langweilig«, erwiderte Anais.

»Schlag nächstes Mal nicht zu, dann kommt’s gar nicht erst so weit«, sagte Pereira. Anais verdrehte die Augen. »Wir holen uns schnell einen Kaffee, setzen uns aber an einen anderen Tisch. Wir müssen den Fall besprechen.«

»Worum geht’s denn?«

»Um einen Mord.«

»Cool. Kann ich ’n Panini haben? Höchste Zeit für mein Mittagessen.«

»Klar. Huhn mit Tomaten? Tüte Chips dazu?«

Anais nickte. »Handy is fast leer«, sagte sie. Sie hatte während des gesamten Gesprächs nicht einmal davon aufgeblickt.

»Sobald wir hier fertig sind, fahren wir zurück ins Präsidium«, sagte Pereira. »Da gibt’s ein Ladegerät.«

»Cool.«

Pereira ging zum Tresen und stellte sich ans Ende der kurzen Warteschlange, ohne auch nur einen Gedanken an den seltsamen Fall des Lottogewinners mit dem Kreuz im Kopf zu verschwenden. Noch gab es viel zu viele Ungewissheiten, es war also viel zu früh, um darüber nachzudenken. Wäre ja doch alles Makulatur.

Sie sah zu Bain hinaus, der noch immer im Regen stand und telefonierte. Ein paar öde Minuten vergingen so. Die Warteschlange, die Bestellung, die langsame Bestückung des Tabletts, das Geräusch der Kaffeemaschine und die Theatralik des Baristas, der sich an diesem Mittwochnachmittag redlich bemühte, dem trübseligen Glasgow etwas Leben einzuhauchen.

Pereira trug das Essen zu Anais hinüber, die es mit einem Nicken zur Kenntnis nahm.

Pereira nahm die beiden Kaffeetassen, ging zu einem Tisch am Fenster und setzte sich zu Bain, der vor ein paar Minuten sein Telefonat beendet hatte.

»Wie läuft’s?«, fragte sie.

»Okay«, antwortete Bain. Er hatte ein kleines Notizbuch vor sich und machte sich gerade einen Vermerk über das, was er am Telefon erfahren hatte. »Der Grabstein scheint bewusst ausgewählt worden zu sein. Er steht auf dem Grab eines gewissen William Craven, der im November 1893 verstarb. Über das Leben des Mannes ist jedoch lediglich bekannt, dass er nach dem Tod seiner Tante eine große Geldsumme geerbt hat. Damals war er Ende zwanzig. Was er mit dem Geld gemacht hat, ist allerdings unklar, falls er überhaupt Zeit hatte, etwas damit zu tun. Er starb im Alter von achtundzwanzig.«

»Der Mörder hat also seine Hausaufgaben gemacht.«

»Ja. Und ich meine, ich hab nämlich den Namen von Archie Wilsons Mitbewohner herausgefunden. Er heißt Frank Henderson, bevorzugt es aber offenbar, Fran genannt zu werden.«

»Okay. Ich glaube, wir sollten erst mal ins Präsidium zurückfahren und kurz Bericht erstatten. Ich muss ja noch Anais dort abliefern, bevor wir zu Fran rüberfahren. Und beim Grand Hotel sollten wir auch noch vorbeischauen.«

»Vielleicht sollten wir den Besuch bei Fran vorziehen, dann können wir auch gleich den Hotelbesuch erledigen, wenn wir eh schon da draußen sind.«

»Warum?«

Bain sah zu Anais hinüber und zog eine Augenbraue hoch. Lass uns lieber vermeiden, dass der Chef heute deine Tochter sieht, dachte er.

Sie verstand. »Er wird einfach damit leben müssen«, sagte sie. »Mit dem werde ich schon fertig.«

»Aber wenn wir im Präsidium wegen irgendetwas aufgehalten werden und erst anschließend zu Fran auf die andere Stadtseite fahren und dann auch noch auf beiden Fahrten im Stau stecken bleiben, wird es schon auf sechzehn Uhr zugehen, bevor wir’s zurück ins Revier schaffen. Da bietet es sich doch an, dass wir einfach gleich rüberfahren. Anais sitzt eh schon seit zwei Stunden rum. Und jetzt mal ehrlich, was soll sie denn im Präsidium machen? Da wird sie doch auch nur mit diesem Ding da rumspielen.«

Pereira sah an ihm vorbei zu ihrer Tochter, die den Kopf gebeugt hatte, das Handy in der einen Hand, das Panini in der anderen. Es war zwar kaum der geeignete Augenblick, um darüber nachzudenken, aber gab es den überhaupt?

Sie wünschte sich, dass es wenigstens eine bessere Lösung gäbe. Dass sie etwas anderes für die Kleine tun könnte. Es war schrecklich, hier zu sitzen und zuzusehen, wie sie den ganzen Tag am Handy hing und weiß Gott was damit machte. Und was wusste sie eigentlich wirklich über die Handynutzung ihres Kindes?

»Ihr Akku ist bald leer«, sagte sie.

Wie üblich trieb ihr schlechtes Gewissen sie dazu, sich den Kopf zu zerbrechen, wie sie Anais das Leben erleichtern könnte, statt ihrer Tochter die Einsicht abzuverlangen, dass sie schlicht und ergreifend selbst schuld war, wenn ihr nichts anderes übrig blieb, als herumzusitzen und sich zu langweilen.

Bain drehte sich zu Anais um, dann sah er sich im ganzen Café nach einer Steckdose um.

»Hat sie denn kein Ladegerät dabei?«

Pereira schüttelte den Kopf.

»Ein paar Häuser weiter gibt es einen Handyladen«, sagte er. »Wir könnten schnell vorbeifahren und was kaufen, das man im Auto benutzen kann.«

Pereira sah aus dem Fenster die Straße entlang. Der Laden war von hier aus nicht zu sehen. Regentropfen liefen die Scheibe hinab.

Kapitel 4
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