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INHALTSVERZEICHNIS

VORWORT

I. ALKUIN UND DER BEGINN IM MITTELALTER

II. HELGOLAND UND DIE GÖTTER DER ALTEN

III. LICHTENBERG ODER DIE ENTDECKUNG HELGOLANDS IN DER SÜDSEE

IV. KLEIST UND DIE INSEL DER ZUFLUCHT

V. HELGOLAND ALS AUSFLUGSZIEL UND DIE ENTSTEHUNG DER NORDSEELYRIK HEINRICH HEINES

VI. HEINRICH HEINE UND DIE ENTSTEHUNG DES MODEBADS HELGOLAND

Heinrich Heine – Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte – Heinrich Heine in Paris – Goethe – Eckermann – Morgenblatt für die gebildeten Stände – Carl Julius Weber – Brockhaus – Gotthold Salomon – August Lewald – Rudolf Jordan – Malerei und Musik – Wilhelm Becker – Ernst Langrehr – Wilhelm Blumenhagen – Matthias Albrecht Schön – Ludolf Wienbarg – Theodor Mundt – Ludolf Wienbarg – Gustav Kühne – Friedrich Fürst zu Schwarzenberg – Hermann Ludwig Wolfram – Harro Harring – Jacob Andresen-Siemens – Karl Sieveking – Karl Gerok – Ernst Willkomm – Georg Fein – Gustav Nieritz – Wilhelm Hocker – Eduard Beurmann – Zeitung für die elegante Welt – Heinrich Heine

VII. HELGOLAND VOR DER REVOLUTION

Lithographen – Franz Dingelstedt – Alois Biedermann – Friedrich Sack – Albert von Kölliker – Franz Dingelstedt – Hoffmann von Fallersleben – Emma Herwegh – Rudolph Schleiden – Carl von Wachsmann – Adolf Stahr – Helmuth von Moltke – Freimund von Arnim – August Wildenhahn – Stahr und Hans Frank Heikens – Friedrich Witthauer – Heinrich Grunholzer – Lebrecht Dreves – Louise Beck – Betty Paoli – Carl Baurmeister – Franz Wallner – Julius Mosen – Georg Schirges – Theodor Mügge – Ludwig Starklof – Hermann Rollett – Viktor von Andrian-Werburg – Alexander Julius Schindler – Wilhelm Jordan – Wiener Schauspieler und Künstler – Eduard Boas – Georg Weerth

VIII. DIE ZEIT DER REVOLUTION

Bade-Comité – Helgoländer Echo – Zeitung für die elegante Welt – Julius von Hartmann – Andresen-Siemens in Frankfurt – Theodor Rodowicz-Oswiecimsky – Fanny Lewald – Seegefecht bei Helgoland – Adolf Stahr – Dingelstedt zum Goethefest – Theodor Hagen zum Goethefest – Julius Fröbel – Rudolf Lehmann – Fanny Lewald – Adolf Stahr

IX. NACH DER REVOLUTION

Eduard Zimmermann – Christian Morgenstern – Ernst Willkomm – F. W. J. Schelling – Anastasius Grün – August Wiegand – Adolf Glaßbrenner – Freischütz 1851 – Pastor Valentiner – Friedrich Oetker – Julius Rodenberg – Morgenblatt für gebildete Leser 1852 – Freischütz 1852 – Freischütz 1853 – Friedrich Hebbel – Morgenblatt für gebildete Leser 1853 – Ludwig Meyn – Freischütz 1854 – Adolf Stahr – Campe über Stahrs an Heine – Malerei und Musik – Anastasius Grün – Ferdinand Wald – Heinrich Heines Bimini – Ernst Haeckel – Rauhes Haus – Henriette Hanke – Unterhaltungen am häuslichen Herd – Freischütz 1855 Fremdenlegion – Anastasius Grün – Morgenblatt 1856 – Gottfried Keller – Freischütz 1856 – Andrew Steinmetz – Johann Nestroy

X. DIE LETZTEN WILDEN JAHRE VOR DER REFORM AUF HELGOLAND

Gouverneur Pattinson – Freischütz 1857 – Woldemar Nürnberger – Adolf Stahr, Fanny Lewald und Großherzog Carl Alexander – Rudolf von Keudell – Hermann Goedsche – Luise Mühlbach – Friedrich Nietzsche – Theodor Fontane – Ernst Heusinger – Hermann Simon – Heinrich von Treitschke – Carl Stauber – Carl Reinhardt – David Kalisch – Friedrich Spielhagen – Ernst Hallier – Staats- und Gesellschafts-Lexikon

XI. EIN GOUVERNEUR RÄUMT AUF

Gouverneur Maxse – Seeschlacht 1864 – Julius Rodenberg – Ende der Modebadzeit – Streit um neue Verfassung – Theodor Fontane – Erzherzog Ludwig Salvator – Karl Tannen – William Winwood Reade – Karl Stieler – Karl Gerok – Otto Funcke – Johanna Spyri – Kinderbücher – Dingelstedt – Johannes Klein – Wilhelm Dilthey – Französische Blockade 1870 – Schließung der Spielbank – Seebadreformen – Theater – John Ward – Ernst von Plener – Salomon Hermann Mosenthal – Jan Neruda – Carl Görner – Robert Alexander – Carl August Dempwolff – Paul Heyse – Helgoländer Bischof – Maxses Schauspiele – Musiker – Malerei – Fremdentrauungen – Maxse – Kritik an Maxse – Dr. Zimmermann – Ernst von Hesse-Wartegg – Hans Hopfen – Rudolf Lindau

XII. DIE LETZTEN ENGLISCHEN JAHRE

Gouverneur Terence O’Brien – William George Black – Hamilton Macallum – Einweihung des Kirchturms – Sophie von Sachsen-Weimar – Deutsche Forderungen – Entwicklung des Seebads – Jagd – Bedeutung des Bades – Dr. Emil Lindemann – Wiener Männergesangverein – Heinrich Geffcken – Neubauten – Hochzeitsinsel – Otto Elster – Leopold von Sacher-Masoch – Edmund Hoefer – Wilhelm Frenkel – Hans Hoffmann – Wilhelm Busch – Gertrud Hermstein – Karl Frenzel – Gleichen-Rußwurm – C.F. Stuart – Otto Brahm – Hans Driesch – Walter Leistikow – Jakob Herzog – Fanny Alexandra Barkly – Musik und Theater – Friedrich Dernburg – Heinz Tovote – Maximilian Harden

XIII. DIE FESTUNG – HELGOLAND IM DEUTSCHEN KAISERREICH

Deutsch-englischer Vertrag – Die Haltung der Helgoländer – Deutsche Bewertung des Vertrags – Übergabeakt – Populärkultur – Die Militarisierung der Insel – Kaiserbesuch 1891 – Militärbauten und Widerstand der Helgoländer – Biologische Anstalt – Bauten und Kaiserbesuch 1892 und 1893 – Schlechte Hotels, Neubauten – Heinrich Gätke – Anton von Werner – Paul Hensel und Fanny Roemer – Hoffmann-von-Fallersleben-Denkmal und andere – Luise Adolpha Le Beau – Anton Bruckner – Die letzten Fremdentrauungen – August Strindberg – Friedrich von Dincklage-Campe – Schriftsteller- und Journalistentag – Das Seebad 1894/95 – Paul Keppler – Christian Morgenstern – Theater – Fort Helgoland – Hugo Salus – Peter Altenberg – Karl May – Malerinnen – Jubiläumsregatta Dover–Helgoland – 10 Jahre deutsch – Die Helgoländer Biologen – Aby Warburg – Friedrich Spielhagen – Ausflugsziel – Franz Kafka – Wilhelm Holzamer – Max Weber und Kollegen – Otto Brahm – Paul Lindau – Lueger und Bebel – Meta Schoepp – Detlev v. Liliencron – Gustav Frenssen – Carl Sternheim – Edith Stein – Ascan Klée Gobert – Familenbad – Jesco von Puttkamer – Carl Bulcke – Ausbau des Marinehafens – Victor Auburtin – Musik – Maler – Helgoland im Theater – Dr. Lindemann – Gorch Fock – Ida Boy-Ed – Erster Weltkrieg

XIV. DAS GRENZLAND – HELGOLAND ZWISCHEN DEN WELTKRIEGEN

Abrüstung und Separatismus – Victor Auburtin – Maler – Werner Heisenberg – Leni Riefenstahl – Alfred Döblin – Club von Helgoland – 100 Jahre Seebad 1926 – Theodor Lessing – Otto Flake – Joseph Goebbels mit Adolf Hitler – Ausflugsziel – Der Wallach-Brief-Skandal – Willy Norbert – Karl Kraus – Nationalsozialismus – Ernst Jünger – Paul Schulze-Berghof – Karl Hans Strobl – Hartmuth Merleker – Carl Bulcke

XV. DIE WIEDERGEWONNENE INSEL

Der Kampf um die Rückgabe der Insel – Jürgen Spanuth – Hanna Wacker – DDR – James Krüss – Martin Walser – 75 Jahre deutsch – Siegfried Lenz – Arno Schmidt – Walter Kropatschek – Fuselfelsen – Karl Dönitz – Radomir Smiljanić – 100 Jahre deutsch – Titanic – Reimer Boy Eilers – Arnold Stadler – Helgoland in Großbritannien – Marcus Jensen – Pop-Musik – Anne C. Voorhoeve – Krimis

EPILOG

QUELLEN- UND LITERATURVERZEICHNIS

BILDRECHTE

VORWORT

Heute Helgoland mit der deutschen Kulturgeschichte in Verbindung zu bringen, mag kühn erscheinen. Im 19. Jahrhundert war es selbstverständlich. Die Geschichte der Deutschen mit der Insel ist ausgesprochen vielfältig und dauert immer noch an. Die Geschichte der Insel als Treffpunkt der Intelligenz in der großen Zeit des Seebads ist bislang nie geschrieben worden. Sie wurde begraben unter dem deutschnationalen Erinnerungsschutt der deutschen Festung und ihrer Sprengung 1947. Die Liberalen schrieben im Kaiserreich nicht gern über ihre Revolution von 1848, die Deutschnationalen wollten nicht über die Blüte des Seebads unter englischer Herrschaft schreiben. In diesem Buch werden alle an der deutschen Kulturgeschichte Interessierten einen neuen Ort entdecken mit vielen ungehörten Geschichten und Geschichtchen. Seit Jahrhunderten hat die Insel fasziniert, man hätte sie notfalls auch erfunden, so dringend brauchte man eine Insel der Sehnsucht.

Mehr als ein Lebenswerk sei es, alle Quellen zu studieren, so Martin Krieger im Vorwort zu seiner kurzen Inselgeschichte von 2015. Ich habe an dieser Stelle allen zu danken, die geholfen haben: zunächst Dirk Meyer, der 1987 die Helgoland-Bibliographie veröffentlichte und sein großes Werk über die Insel dann doch nicht schrieb. Als er aufhörte, fing ich 1997 mit einer Heine-Broschüre an. Sein Archiv mit ca. 12.000 Seiten Kopien und Notizen konnte ich übernehmen und auswerten. Darunter waren auch handschriftliche Buchabschriften aus dem Archiv von James Packroß, von dem in der Nachkriegszeit das große Helgolandbuch erwartet wurde. Vielleicht stammen diese Notizen noch aus dem Archiv Hartmuth Merlekers, das er geerbt hatte. Letzterer hatte seit den 1920ern über die Insel veröffentlicht. James Packroß hat mich in seinen letzten Lebensjahren auch noch unterstützt. Inzwischen findet sich der Hauptteil der Bücher bei Googles Büchersuche. Dazu werden immer mehr Zeitungen und Zeitschriften digitalisiert. Die European Library verzeichnet über 90.000 Zeitungsartikel, in denen die Insel erwähnt wird, und das sind noch lange nicht alle Quellen. Bevor die Digitalisierung das Medium Buch ablöst, war es Zeit, noch eins zu veröffentlichen.

Unterstützt hat mich die Garde der Helgoländer Mitforscher: Erich-Nummel Krüss, Max Arnhold, Astrid Friederichs, Prof. Nils Århammar und dem Leiter des Helgoländer Museums, Jörg Andres, sei vielen Dank. Dazu habe ich von vielen Germanisten und anderen Auskünfte über ihre Lieblingsschriftsteller bekommen, ich hoffe, dass ich sie alle in den Anmerkungen erwähnt habe, und bedanke mich besonders bei denen, die ich vergessen habe.

Unvergessen werden die Freunde sein wie Jürgen Rixe und Verwandte, die halfen und meine Freude über immer wieder neue Entdeckungen ertrugen.

Groß ist der Dank an den Förderverein des Museums Helgoland, der die Drucklegung großzügig unterstützte.

Eckhard Wallmann

Friedrichsgabe, den 6. Juni 2017

I. ALKUIN UND DER BEGINN IM MITTELALTER

Die erste Erwähnung Helgolands in der Literaturgeschichte verdanken wir Alkuin. Alkuin wurde um 730 in Nordostengland geboren, er starb 804 in Tours in Frankreich. Mit ihm fangen viele deutsche Literaturgeschichten an. In der Tat hat er seine Heimatinsel früh verlassen und seinen Haupttätigkeitsbereich in das Frankenreich gelegt, das aber nicht unbedingt als notwendiger Vorläufer Deutschlands angesehen werden muss. Tours, sein Hauptwohnort, liegt weit westlich von Paris. Alkuin war das geistige Haupt der karolingischen Renaissance, der großen Bildungsoffensive unter Karl dem Großen. Er war sein Hofintellektueller und der größte Gelehrte seiner Zeit. Allerdings musste damals nach den Wirren der Völkerwanderung überhaupt erst die Grundlage für eine Art Bildung geschaffen werden. Rechnen, Schreiben, Lesen waren hohe Künste und nicht besonders weit verbreitet. Karl der Große brauchte gebildete Menschen zur Verwaltung seines Reiches. Eine Hauptaufgabe Alkuins war, Bücher zu organisieren, er hat das Abschreiben, das Vervielfältigen von Büchern gefördert. In die Geschichte ist er auch eingegangen als Erfinder der karolingischen Minuskel, eines Vorläufers der Schrift, die Sie hier sehen.

Verfasst hat er hauptsächlich theologische Werke, er hielt seine Schrift über die Dreieinigkeitslehre für sein wichtigstes Werk. Alkuin lebte in einer Zeit, die noch Autoritäten kannte, und zwar in solch einem Maße, dass es schwierig ist, in seinen Werken Gedanken von ihm selbst zu finden. Unhinterfragt galt alles, was er zu lesen bekam, als richtig, obwohl er auch die Werke der vorchristlichen Klassiker kannte. Widersprüche zwischen den Autoritäten waren für ihn einfach unvorstellbar.1

Alkuin hat zwei Heiligenlegenden überarbeitet und die Heiligenlegende von Willibrord, dem Friesenmissionar und Helgolandbesucher, selbst geschrieben. Sie war weit verbreitet und galt als vorbildlich. Er hat der Prosafassung noch eine metrische Version und eine Predigt dazugestellt. 796, als Alkuin für das Kloster Echternach die Vita Willibrordi schrieb, war die Zeit, in der ungefähr die endgültige Missionierung Helgolands durch seinen Schüler, den Missionar und späteren Bischof Liudger (um 742 bei Utrecht bis 809 bei Billerbeck im Münsterland), zu denken ist – wenn man die erwähnte Insel mit Helgoland gleichsetzen kann. Im gleichen Jahr hat Alkuin seine berühmte Kritik an der gewalttätigen Mission der Sachsen durch Karl den Großen geäußert: Zur Taufe kann man Menschen zwingen, aber nicht zum Glauben.2

Heiligenlegenden haben keinen hohen Wert als historische Quelle. Sie galten oft dem eigenen Ruhm. Alkuin beschrieb das Leben Willibrords, weil er sich selbst als Nachfahre Willibrords sah. Es wurden Macht und Herrschaftsansprüche durch die Konstruktion einer Familiengeschichte aufgebaut. Die frühen Heiligen waren durch ein beinahe zu kosmopolitisches Ideal aufgefallen, das nur Christen und Nichtchristen kannte. Hier galt dieses Ideal nicht mehr. Die Sippe zählte.

Das Kapitel 9 erzählt, dass Willibrord die Friesen und ihren König Radbod bekehren will. Der Friesenkönig bezeigt ihm zwar große Anerkennung, will aber nicht Christ werden. Danach fährt er ebenfalls vergebens zu den wilden Völkern der Dänen. Ihr König ist grausamer als ein wildes Tier und härter als jeder Stein. Willibrord macht sich auf die Rückreise und nimmt 30 junge Dänen mit, die er gleich auf der Reise tauft. Auf dieser Rückfahrt aus der großen weiten Wildnis der Dänen zur großen Wildnis der Friesen wird er durch einen Sturm auf eine Insel verschlagen, die später oft – aber nicht immer – als Helgoland identifiziert wurde.

Kapitel 10 Die Provokation

Und während der gottesfürchtige Verkünder des göttlichen Wortes seinen Weg fortsetzte, gelangte er im Grenzgebiet von Friesen und Dänen zu einer Insel, die von den Einheimischen nach ihrem Gott Fosite „Fositesland“ genannt wurde, weil auf ihr Heiligtümer dieser Gottheit errichtet waren.

Diese Stätte wurde von den Heiden mit solchem Respekt behandelt, daß niemand unter dem Volk es wagte, eines der dort weidenden Tiere oder irgendwelche andere Gegenstände zu berühren, oder sich anmaßte, aus der Quelle, die dort sprudelte, das Wasser anders als schweigend zu schöpfen.

Als der Gottesmann durch einen Sturm dorthin getrieben worden war, hielt er sich dort einige Tage auf, bis die Stürme sich legten und das Wetter für die Seefahrt günstig wurde. Weil er aber den törichten Kult jener Region verachtete, vielleicht auch den wilden König, welcher die Frevler an den Heiligtümern dieser Gegend mit qualvollem Tode zu bestrafen pflegte, taufte er drei Menschen in dieser Quelle unter Anrufung der heiligen Dreieinigkeit, ließ aber die dort weidenden Tiere als Nahrung für die Seinen schlachten.

Die Heiden, welche dies beobachteten, glaubten, daß diese Menschen entweder dem Wahnsinn verfallen seien oder durch einen schnellen Tod ereilt würden. Als sie aber sahen, daß ihnen kein Leid widerfuhr, meldeten sie das, was vor ihren Augen geschehen war, fassungslos ihrem König Radbod.

Kapitel 11 Die Konfrontation

Dieser, in maßlosem Zorn entbrannt, beabsichtigte, die seinen Götzen zugefügten Übergriffe an dem Priester des lebendigen Gottes zu rächen, und warf im Laufe von drei Tagen je dreimal nach seiner Gewohnheit das Los; niemals aber konnte das Los der Verurteilten auf einen Diener Gottes oder irgendeinen der Seinen fallen, da der wahre Gott die Seinen in Schutz nahm. Nur ein einziger unter den Gefährten wurde vom Los getroffen und mit dem Martyrium ausgezeichnet. Der Heilige aber wurde zum König gerufen und von diesem hart angefahren, weshalb er seine Heiligtümer geschändet und seinem Gott unrecht getan habe. Diesem erwiderte der Verkündiger der Wahrheit mit unerschütterlichem Mut:

„Es ist nicht ein Gott, den du verehrst, sondern der Teufel, der dich mit verderblichem Irrglauben geblendet hat, um deine Seele, König, dem ewigen Feuer zu übergeben.

Es gibt nämlich nur einen einzigen Gott, und das ist der, welcher Himmel und Erde und alles, was darin ist, erschaffen hat.

Als dessen Diener beschwöre ich dich heute, daß du dich von der Nichtigkeit des alten Irrglaubens, welchem schon deine Vorfahren nachhingen, endlich abwendest und im Glauben an den einzigen und allmächtigen Gott im Wasser des Lebens taufen läßt, dich reinigst von allen deinen Sünden und, nachdem du jegliche Art von Ungerechtigkeit abgelegt hast, dann als Wiedergeborener ein neues Leben in Nüchternheit, Gerechtigkeit und Heiligkeit führst. Wenn du dies tust, dann wirst du mit Gott und seinen Heiligen ewigen Ruhm ernten. Wenn du aber mich verachtest, obwohl ich dir den Weg zum Heil weise, dann sei versichert, daß du die ewige Verdammnis und das Feuer der Hölle zusammen mit dem Satan, dem du dienst, erleiden wirst!

Darauf gab der König beeindruckt zur Antwort: „Ich sehe, daß du unsere Drohungen nicht gefürchtet hast und daß deine Worte deinen Taten entsprechen.“

Wenn er auch dem Prediger der Wahrheit nicht Glauben schenken wollte, so sandte er ihn dennoch mit großen Ehrungen zum Frankenkönig Pippin zurück.3

Dass ein Sturm den Apostel nach Fositesland brachte, klingt auch für uns heute plausibel, erinnert aber auch an einen anderen, der von Stürmen mit Gefährten an eine Insel getrieben wurde: an Odysseus. Auf der Insel Thrinakia schlachten seine Gefährten die heiligen Kühe des Sonnengottes.4 Willibrord lässt die heiligen Tiere der Insel schlachten und muss keine Strafe der Götter fürchten. Er verlässt die Insel mit erhobenem Haupt. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass sowohl die Tiere der Insel als auch die Quelle, aus der schweigend geschöpft werden musste, sich aus antiken Vorbildern ergeben. Alkuin hatte Vergil gelesen.

Das Kapitel 11 ist so aufgebaut, dass es die Größe Willibrords zeigt. Zu Beginn der Frevel und der Zorn Radbods, ein namenloser Gefährte wird getötet. Dann kommt eine schlichte Rede Willibrords, die sachlich und korrekt diesen mit vielen Bibelzitaten zurechtweist. Der König wird in den Beschämten verwandelt. Er wird zwar immer noch nicht bekehrt, behandelt Willibrord aber daraufhin ehrenvoll.

Wir sehen an diesem frühen Beispiel, wie Helgoland von Anfang an als Projektionsort für Phantasien benutzt wird. Helgoland wird an den Rand der Welt gesetzt. Dahinter kommt die dänische Wildnis, ein Grenzort zum grausamen Norden. Interessant ist, dass zur Zivilisierung der sturmumtosten Insel Literatur aus dem Mittelmeer zitiert wird. Neben der Bibel sind es die antiken Traditionen der Reisen des Odysseus, die damals den gedanklichen Hintergrund für Alkuins Erzählung bildeten. Für die literarische Bewältigung des Raumes standen keine anderen Bilder zur Verfügung. Alkuin hätte als Angelsachse aus eigenen Erfahrungen schöpfen können, aber wir sahen schon, dass sie gegenüber der Tradition nichts galten.

Das Meer war kein schöner Ort in jener Zeit, für die die Natur das feindliche Gegenüber war. Im Weltbild des Mittelalters waren Inseln herausgehobene Orte: Hölle und Himmel stellte man sich durchaus irdisch, aber unerreichbar auf fernen Inseln vor.

Anschaulich wird das Bild Helgolands auch durch die Heiligenlegende des Inselmissionars Liudger. Zu einer späteren Fassung der Heiligenlegende um 1100 wurden viele Miniaturen gezeichnet. Das erste Bild Helgolands ist hier enthalten. Geographische Beschreibungen interessieren damals nicht. Es ist ja eigentlich klar, wo wir sind: zwischen Gott und dem Teufel. Wir sehen oben links die Sonne mit einer Hand Gottes und die Dunkelheit mit dem Teufel rechts. Dann ist der Heilige wichtig. Er erscheint logischerweise größer als seine Mitreisenden. Er schafft es, den Teufel zu vertreiben, seine linke Hand hält ein Kreuz, was aber auf dem Bild verblichen ist, die rechte segnet. Das Kreuz war genau in der Mitte des Bildes. Die Insel Helgoland ist rechts auf dem Bild mehr als Architektur zu entziffern denn als ein Landschaftsbild. Eine steile Küste ist zu erahnen – aber höchstens als Zeichen: Hier ist ein Ort, von dem der Teufel floh. Man kann auch ein Tor zwischen den Säulen vermuten.

Liudger, der geborene Friese und Alkuin-Schüler, missionierte um 800 die Insel erfolgreich. Helgoland wird christlich – der Teufel verlässt die Insel. Geschrieben wurde der Bericht um 850 von Altfried, einem Autor, der nicht weiter bekannt ist.

Er (Liudger) trachtete aber auch, die Ströme des rechten Glaubens weiter zu ergießen, und zog über das Meer nach einer Insel, die an der Grenze der Friesen und Dänen liegt und, nach dem Namen eines falschen Götzen Fosete, Fosetesland genannt wird. Als sich ihr das Schiff näherte, stand er da, in der Hand das Kreuz, und sandte zu Gott sein Gebet und seinen Dank empor. Die Leute auf dem Schiffe sahen eine tiefe Finsternis über dem Lande lagern, bei ihrem Nahen jedoch wich sie hellem Sonnenschein. Da sprach der Heilige: „Ihr seht, wie durch Gottes Gnade die Finsternis weicht, die vorher über der Insel lag.“ Als sie dann auf die Insel kamen, zerstörten sie alle Heiligtümer, die dem Gotte Fosete dort erbaut waren, und errichteten an ihrer Stelle christliche Kirchen. Und als Liudger die Einwohner des Landes den Glauben an Christus gelehrt hatte, taufte er sie unter Anrufung der heiligen Dreifaltigkeit an einer Quelle, die dort entsprang und an der schon vorher Willibrord drei Menschen getauft hatte. Aus dieser Quelle, die als heilige galt, hatte vorher jeder nur schweigend Wasser zu schöpfen gewagt. Auch einen Häuptlingssohn, Landrich mit Namen, taufte er an dieser Quelle. Später unterwies er ihn in den heiligen Wissenschaften und weihte ihn zum Priester. Dieser war viele Jahre der geistliche Führer der Friesen.5

Das Phänomen, dass die Insel von Weitem dunkel erscheint und erst von Nahem sich der rote Fels offenbart, haben andere Schriftsteller auch beschrieben. Hätte Liudger auf der Rückreise zurückgeschaut, hätte er gesehen, wie der Teufel erneut von der Insel Besitz ergriff.

Für das mittelalterliche Bild der Insel ist später auch die Gregorius-Legende wichtig geworden. Inseln sind Straf- und Bußorte, auf die sich Einsiedler zurückziehen.6 Die letzte bedeutende Helgoland-Schilderung aus dem Mittelalter bei Adam von Bremen kann nicht ohne solche Einsiedler auskommen. Sie steht in seiner Hamburgischen Kirchengeschichte, die ca. 1075 verfasst wurde, im 4. Buch, 3. Kapitel, in der Beschreibung der Inseln des Nordens:

3. Der Erzbischof aber hat von seinen Priestern für Schleswig den Ratolf erhoben, für Seeland Wilhelm, für Fünen Eilbert; der soll ein bekehrter Wikinger gewesen sein und die Insel Farria, die weit draußen vor der Elbmündung im Ozean geborgen liegt, entdeckt und durch Errichtung einer Mönchszelle bewohnbar gemacht haben. Diese Insel liegt Hadeln gegenüber. Ihre Länge beträgt fast 8 Meilen, ihre Breite 4; als Brennmaterial gebrauchen die Einwohner Stroh und Schiffstrümmer. Man erzählt, jedesmal, wenn Raubschiffer von dort auch nur die geringste Beute mitnahmen, seien sie bald durch Schiffbruch umgekommen oder von anderen erschlagen worden, keiner sei heil heimgekehrt. Deshalb bringen sie gewöhnlich den dort lebenden Einsiedlern in tiefer Verehrung den Zehnten ihrer Beute dar. Die Insel ist sehr ergiebig an Korn und ernährt Vögel und Vieh reichlich. Sie hat eine einzige Erhebung, keinen Baum. Ringsum sind schroffe Klippen. Es gibt nur einen einzigen Zugang, dort befindet sich auch Süßwasser Alle Seefahrer scheuen den Ort, besonders die Raubschiffer. Dadurch hat er die Bezeichnung „Heiligland“ erhalten. Die Lebensbeschreibung des hl. Willibrord belehrt uns über seinen Namen Fosetisland und seine Lage zwischen Friesland und Dänemark. Friesland und Dänemark liegen noch mehr Inseln gegenüber, aber keine von ihnen ist gleich merkwürdig.7

Adams von Bremens Kirchengeschichte ist eines der bedeutendsten Werke des Mittelalters. Vom Autor wissen wir kaum etwas, er war aber hochgebildet auch in der Lektüre der antiken Autoren. Spuren von Sallust-Lektüre finden wir bei ihm. Dass er Alkuins Heiligenvita kannte, können wir aus der zitierten Passage entnehmen. Hier findet sich eine spätere Konstante der Helgoland-Literatur: der fehlende Wald.

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Das erste Bild der Insel: Der Teufel wird von Helgoland vertrieben.
Liudger bei der Überfahrt nach Helgoland. Buchmalerei aus der „Vita secunda sancti Liudgeri“, 11. Jahrhundert. Handschrift um 1100, Staatsbibliothek Berlin

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Louis Boudan, Veüe de l’Isle chasteau et du bourg de Heyligeland, Paris, Bibliothèque nationale de France

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Im Jahr 1231 taucht Helgoland zum ersten Mal in den Archiven auf. Hælgæland hus ist vermerkt in König Waldemars Erdbuch, in dem seine Einkünfte, aber auch Unterkünfte verzeichnet sind.8 Auf Helgoland gab es ein Hus, eine mögliche Unterkunft für den König oder seine Gesandten. Die nächsten Archivfunde stammen vom Anfang des 14. Jahrhunderts. Sie legen nahe, dass Helgoland schon damals die Funktion eines Schutzhafens hatte. Schiffer aus unterschiedlichen Anrainerstaaten trafen sich und stritten sich auch gelegentlich. Es hat ein eigenes Rechtsbuch auf Helgoland gegeben. Dann taucht 1344 der dänische Amtmann und Königsverwandte Waldemar Zappy in den Akten auf. Hintergrund sind die Bemühungen des dänischen Königs Waldemar IV., sein Reich zu konsolidieren. Es kommt zu Auseinandersetzungen mit der Hanse. Seit 1356 überfällt Zappy ihre Schiffe in der Nordsee. Im Zuge dieser Auseinandersetzungen lässt König Waldemar eine erste Befestigung auf der Insel bauen. Es wurden durchaus wertvolle Güter über die Nordsee transportiert. Heute bekannter ist ein anderer Seeräuber: Im Jahr 1401 werden Piraten, die Vitalienbrüder, bei Helgoland geschlagen und gefangen genommen. Ihre populärste Gestalt wird im Lauf der Jahrhunderte Klaus Störtebeker. Die Ortsangabe kann man durchaus als „irgendwo in der Nordsee“ übersetzen. In der Helgoland-Literatur wird die Insel erst mit dem Piraten in Verbindung gebracht, als sie ein blühendes Seebad war.9 Der Untergang eines Schiffs mit einer Kupferladung 1409 beschäftigt heute noch Menschen, die daraus eine Kupferverhüttung auf der Insel konstruieren. Eine größere Bedeutung der Insel lässt sich aus allem für diese Zeit nicht behaupten.

Das änderte sich Mitte des 15. Jahrhunderts. Nachdem die Heringsschwärme um Schonen nicht mehr auftauchten, erinnerte man sich an die Helgoländer Bestände. Um 1425, gegen Ende des Mittelalters, begann eine erste Blüte der Insel. Es trafen sich auf Helgoland Fischer aus dem heutigen Dänemark, Deutschland und den Niederlanden. Nach einem Register von 1522 waren 1900 Ruderer auf 295 Schiffen anzutreffen. Eine Erinnerung an diese goldenen Zeiten des Fischfangs ist in dem alten Helgoländer Siegel zu sehen (siehe oben), das noch heute von der Kirchengemeinde benutzt wird. Nikolaus ist hier ohne Bischofsstab und -mütze abgebildet, aber mit Fischen über der Brust. Das genaue Alter des Siegels ist nicht bestimmbar.

Neben dem Fischfang wurde ab 1463 auf der Insel der Kalk der Weißen Klippe für Hamburg abgebaut – dass die Helgoländer hier rücksichtslos ihren eigenen Untergang betrieben, ist nicht belegbar.10 Besonders der Fischfang, der über 100 Jahre der Insel Wohlstand verschaffte, wird Begehrlichkeiten erweckt haben. Es kam zu einem Kleinkrieg zwischen Hamburg, Bremen, Stade und den Westfriesen einerseits gegen den Schleswiger Herzog und späteren dänischen König Friedrich, der aber sein Recht durchsetzen konnte. Die Städte erklärten Helgoland für ein gänzlich freies Land, was durch die geographische Lage bis heute immer wieder einmal angenommen wird. Der Herzog sah es aber ganz anders. Gegenseitig wurden die Häuser oder Buden auf Helgoland abgebrannt. Später ging der Konflikt in den Kampf zwischen Dithmarschen und dem Herzog über.

Über die Größe der Insel im Mittelalter ist viel geforscht und spekuliert worden. Ansatzpunkt ist dabei die Behauptung der Historiker des Herzogs, Helgoland hätte früher eine Landverbindung nach Schleswig-Holstein gehabt, um seine Herrschaftsansprüche zu legitimieren. Daraus entwickelte sich in den folgenden Jahrhunderten eine sehr große Phantasieinsel.11 Interessant ist in diesem Zusammenhang eine Ansicht, die um 1700 Louis Boudan im Auftrag von François Roger de Gaignières (1642–1715) zeichnete. Der Auftraggeber war Sammler von Altertümern. Das Verzeichnis der Bilder, die er in Auftrag gab und in dem auch die Helgoland-Zeichnung aufgeführt ist, umfasst zwei dicke Bände.12 Es wird sofort deutlich, dass nicht der Zustand der Insel um 1700 gezeichnet wurde. Wahrscheinlich ist, dass auch hier alte Vorlagen benutzt wurden, die dann aber zu einem neuen Bild zusammengesetzt worden sind. Die dargestellte Größe der Insel stimmt mit den Überlegungen der Forschung überein, in welcher Zeit genau die Insel so aussah, ist aber nicht rekonstruierbar. Albert Panten hat in seiner hier schon viel referierten Schrift über die Insel im Mittelalter die These begründet, dass die Insel auch im Unterland eine Kirche besaß. Auch die Form der Insel mit dem Weg zum Oberland und den Wiesen und Weiden, die man im Norden vermuten kann, sind in dieser Art vorstellbar. Die Feuerblüse vorne links ist erst ab 1630 belegt, die Festungsbauten scheinen mir aus der Phantasie des Künstlers entsprungen zu sein.

 

1 Albert Hauck, Kirchengeschichte Deutschlands, Zweiter Theil, Leipzig 1890, Seite 120. Ähnlich Arnold Angenendt, Das Frühmittelalter, Stuttgart 1995, Seite 306 f.

2 Willibrord – Apostel der Friesen: seine Vita nach Alkuin und Thiofrid; lateinisch – deutsch, hrsg. und erläutert von Hans-Joachim Reischmann, Sigmaringendorf 1989, Seite 18.

3 a. a. O. Seite 61–65.

4 Homer, Die Odyssee, 12. Gesang; vgl. Peter Zylmann, Helgoland in der Vor- und Frühgeschichte, in: James Packroß und Henry Peter Rickmers (Hrsg.), Helgoland ruft, Hamburg 1952, Seite 41, und Friedrich Oetker, Helgoland, Berlin 1855, Seite 41.

5 Heinrich Timerding, Die christliche Frühzeit Deutschlands, Zweite Gruppe, Die angelsächsische Mission, Jena 1929, Seite 204.

6 Horst Brunner, Die poetische Insel, Stuttgart 1967, Seite 52.

7 Werner Trillmich, Rudolf Buchner (Hrsg.), Quellen des 9. und 11. Jahrhunderts zur Geschichte der Hamburgischen Kirche und des Reiches 5., durchges. Aufl. Darmstadt 1978, Seite 439 f.

8 Meine Darstellung folgt: Albert Panten, Helgoland im Mittelalter, Helgoland 2002.

9 Die erste Erwähnung fand ich bei Friedrich Oetker, Helgoland, 1855, Seite 458. Umgekehrt wird Helgoland in dem verbreiteten Störtebekerlied: Ein schön Lied, Von der grossen Rauberey deß Störtzebechers vnnd Gödiche Michaels, hier Magdeburg 1600, nicht erwähnt, allerdings schon in: Bernhard Christoph d’Arien, Claus Storzenbrecher, Ein vaterländisches Trauerspiel in fünf Aufzügen, Hamburg 1783.

10 August Wilhelm Vahlendieck, Das Witte Kliff von Helgoland, Bredstedt 1992.

11 Ernst Tittel, Die natürlichen Veränderungen Helgolands, Leipzig 1894, Seite 31.

12 Henri Bouchot, Inventaire des dessins exécutés pour Roger de Gaignières et conservés aux départements des Estampes et des Manuscrits Vol. II, Paris 1891, Seite 314.

II. HELGOLAND UND DIE GÖTTER DER ALTEN

Im Mittelalter bleibt Helgoland im Gedächtnis der wenigen Lesekundigen durch die Heiligenlegenden des Alkuin über Willibrord und des Altfried über Liudger. Dazu muss sich aber auch eine sehr frühe Verbindung der Ursula-Legende mit Helgoland entwickelt haben. In einer Chronik wird sie 1451 Ursula-Insel genannt.1 Die Heilige Ursula soll eine englische Königstochter gewesen sein, die von England über den Rhein nach Rom pilgerte und auf dem Rückweg in Köln samt den begleitenden 10.000 Jungfrauen den Märtyrertod erlitt. Ein kurzer Aufenthalt auf der Insel lag dann anscheinend nahe. In der Legenda aurea aus dem Spätmittelalter (verfasst um 1264) wird sie erwähnt, aber sie war noch später populär. Die Jungferninseln in der Karibik wurden 1493 von Christoph Kolumbus nach ihr und ihren Jungfrauen benannt. Der Ritter Pogwisch hat 1599 noch erzählt, dass Ursulas Schwester Debora auf Helgoland den Landesherrn Heligo geheiratet habe, und so den Aufenthalt erklärt. Die Fußspuren der Ursula und ihrer Jungfrauen wurden ihm im Gras gezeigt,2 1638 hat Peter Sax diese Fußspuren noch gezeichnet.3

Sehr früh taucht Helgoland auch in der biologischen Wissenschaft auf. In dem grundlegenden und oft nachgedruckten Werk Historia Animalium des Züricher Humanisten und Naturforschers Conrad Gesner (1516–1565) wird 1558 im vierten Buch bei der Beschreibung der Fische im Heringe-Kapitel von dem Rückgang des Heringsfangs bei Helgoland berichtet. Hubert Languet (1518–1581, reformierter Theologe aus Frankreich, seit 1549 in Deutschland) habe darüber Georg Fabricius (1516–1571, Dichter und Historiker) folgende Mitteilung gemacht: Bis 1530 haben sich auf Helgoland 2000 Mann vom Heringsfang ernähren können. Dann habe jedoch eine Frau die Heringe geschlagen, sodass 24 Jahre später, also 1554, nur noch 100 Menschen vom Heringsfang leben konnten.4 Diese Nachricht erschien auch in der deutschen Übersetzung des Buches von 1575 und wurde noch häufiger zitiert.5 Dem Übersetzer war die Insel allerdings damals nicht so bekannt, sie wurde als »neu erfundene Insel im Teutschen Meer« bezeichnet.6 Die Gefangennahme des Seeräubers Wiben Peters 1545 fand nur Aufnahme in der zeitgenössischen Dithmarscher Chronik des Neocorus (um 1550–1630), hatte aber starke politische Wirkung für Dithmarschen.7 Der Vorstoß der Dithmarscher auf schleswig-holsteinisches Territorium gab seinen Nachbarn eine Begründung, der Bauernrepublik Dithmarschen das Ende zu bereiten. In vielen gedruckten Sammlungen von Heiligenlegenden um 1600 fand Helgoland über Alkuin und Liudger immer seinen Platz.8 Zu diesen hatte sich im Spätmittelalter noch eine gefälschte Heiligenlegende des Suitbert (um 637–713), gesellt, die auch gerne gedruckt wurde.9

Wichtiger wurde im Lauf der Zeit aber eine Verbindung mit der Literatur der Antike. Im 15. Jahrhundert hatten die Humanisten Tacitus’ Germania im Kloster Fulda wiederentdeckt, sie wurde breit rezipiert. Ein Diskussionsstrang kreiste später um das Kapitel 40, in dem von der Verehrung einer Göttin Nerthus, die falsch als Hertha gelesen wurde, auf einer Insel die Rede war. Es entspann sich eine Diskussion, wo diese wichtige Kultinsel der Germanen gewesen sei. In der Hertha-Diskussion wurde zunächst 1616 Rügen genannt; ein kleiner See Rügens wurde durch die Diskussion später zum Hertha-See befördert. 1631 finden sich auch die ersten Deutungen Helgolands als altes Hertha-Heiligtum. Der Holländer in dänischen Diensten Johann Isaak Pontanus (1571–1649) hatte in der Diskussion seiner Zeit Helgoland als wahrscheinlichsten Ort vorgeschlagen, er hielt gleichzeitig Helgoland auch für eine der drei Sachseninseln, die im 1. Jahrhundert im Werk des Claudius Ptolemäus erwähnt werden.10

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Das Helgoländer Wappen nach Rantzau bei Westphalen 1739 (s. Anm. 11)

Pontanus hat sich in seiner Helgoland-Beschreibung auf die Forschungen des ebenfalls in dänischen Diensten stehenden Heinrich Rantzau (1526–1598) berufen. Der bedeutende Segeberger Humanist und Staatsmann hat für seine Neue Beschreibung der kimbrischen Halbinsel sich von dem damaligen Amtmann der Insel, Georg Bruck, eine Abhandlung zum Thema schicken lassen. Rantzau hatte die Insel mit keinen besonderen Göttern verbunden, aber den Hinweis auf Ptolemäus gegeben. Nur bei Rantzau findet sich ein merkwürdiges Wappen der Insel. Er spricht vom damaligen Reichtum der Bewohner. Seine Schrift hat er 1597, kurz vor seinem Tod, der Öffentlichkeit übergeben. Gedruckt wurde sie aber erst 1739 in Westphalens Monumenta.11

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Die Figuren aus der Utrechter Mariakerk, heute Rijks-Museum, Amsterdam.

Aus: Jaarboekje „Oud-Utrecht“, 1935

Peter Sax (1597–1662) hat sich 1638 in seiner Beschreibung der Insel in Nova, totius Frisiae septentrionalis, Descriptio ausdrücklich auf Rantzau und Pontanus berufen und ihre Schriften ausgewertet.12 Auch er sieht die Insel als eine der Inseln des Ptolemäus und nimmt die Gleichsetzung mit der Hertha-Insel des Tacitus auf.13 Sax war Landwirt und der Chronist Nordfrieslands. Er hatte in Wittenberg Jura studiert. Sax referiert die schon damals ausführliche Helgoland-Literatur und gibt Zeichnungen der Helgoländer Götterwelt.14 Angeregt wurde er dazu von der Beschreibung dieser Götter durch Cornelius Kempius (1516–1587), den er als Autorität zitiert. Der holländische Historiker und Geograph Kempius hatte in seinem Werk über die Friesen die friesische Götterwelt beschrieben. Aus der Bezeichnung Fosetesland wurde bei ihm terra Phosetanea.15 Gesehen hatte Kempius in Utrecht zwei Figuren, die sich heute im Rijks-Museum in Amsterdam befinden. Ihre Herkunft ist unklar, wahrscheinlich sind es romanische Figuren aus Deutschland, die römische Soldaten darstellen. Er hat sie als Teil des Helgoländer Tempelschatzes begriffen, der von den Missionaren nach Utrecht gebracht worden sei. In seiner lateinischen Beschreibung der fehlenden Arme und Beine verwendet er das Wort nudus im Ablativ im Sinne von beraubt,16 was von Peter Sax falsch als nackt gelesen wurde und deshalb zu überraschenden Zeichnungen führte. Sax zeichnet nach seinen Angaben einen nackten Phosetum, der nach seiner Beschreibung und dem Bild auch eine Phoseta sein könnte, einen kurzberockten Jupiter und eine Vesta. In einer Variante seiner Zeichnung stehen diese Figuren nicht auf einem Podest, Phosetum ist als Mann zu erkennen, und Jupiter trägt zusätzlich ein Hemd.17 Kempius war bei der Beschreibung der Figuren auch unsicher, hatte diese Götter auch Meda und Weda genannt. Die Phantasie hat keine Grenzen.

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Fosta und Weda bei Arnkiel, 1703 (s. Anm. 18).

Fosta ist hier vollständig bekleidet, Weda mit nackten Beinen und Unterarmen

Der lutherischer Pastor und Altertumsforscher aus Apenrade Troels Arnkiel (1638–1712) hat 1703 in seinem Werk über die kimbrische Religion eine Göttin Fosta und einen Weda nach der gleichen Quelle züchtiger gezeichnet. Nur Weda zeigt nackte Beine und Arme, was näher an den Angaben des Kempius war.18 Barocker ist die Darstellung der Götterwelt in der Schrift von Peter Sax über die Nordfriesen De praecipuis Rebus gestis Frisiorum Septentrionalium breviter descriptis & iconice adumbratis von 1656, die 1739 bei Westphalen erschienen ist. Im Manuskript findet man große und erstaunliche Abbildungen der Helgoländer Götter. Neben dem Gott Phosetum ist eine Fosta abgebildet, der Herausgeber Westphalen hat 1739 Zeichnungen von Peter Sax und Arnkiel kombiniert.19 Ein nackter Phosetum mit einem friesischen Priester nach Peter Sax’ Vorlage aus seinem Manuskript und eine Weda, die nach Arnkiel gezeichnet ist, statt einer nackten Vesta der Vorlage.20 Auf eine Abbildung seines Jupiters wurde ganz verzichtet. Im Text stellt Sax hier eine der Inseln aus Vergils Aeneis als Helgoland dar.21 Schon bei Alkuins Schilderung konnte man die Aeneis als Hintergrund vermuten. Eine Deutung der Insel in Bezug auf die klassische Antike hatte in der Renaissance etwas sehr Anziehendes. Die Vorstellung, dass Willibrord bei seinem Besuch die Heiligtümer des Jupiters und der Vesta zerstört hatte, konnte man schon 1508 in der gefälschten Heiligenlegende des Suitbert lesen.22

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Die zensierte Zeichnung von Peter Sax in der Ausgabe bei Westphalen, 1739 (s. Anm. 19), umseitig das Original

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Peter Sax: Phosetum, Jupiter und Vesta, gezeichnet nach Kempius, im Hintergrund jeweils ein friesischer Priester (sacerdos, nach einer Beschreibung bei Ole Worm, „Danicorum Monumentorum“, Kopenhagen 1642, Seite 410) und der Hügel (collis) als Hinweis auf Helgoland.

Dazu Podeste, auf denen die Götterfiguren in einer Variante seiner Zeichnungen auch abgebildet waren. In den Barockgärten seiner Zeit waren ähnliche Götterfiguren aufgestellt.

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Aus dem Manuskript zu: „De praecipuis Rebus gestis Frisiorum Septentrionalium breviter descriptis“, Königliche Bibliothek Kopenhagen, Gamle Kongelige Samling 2903

Im 17. Jahrhundert versuchte man, die römische Götterwelt bei den germanischen Vorfahren wiederzufinden. Die Römer hatten ja auch umgekehrt oft die Götter der von ihnen eroberten Völker mit den eigenen gleichgesetzt. Ähnlich wie die Römer ging man davon aus, dass alle alten Völker die gleichen Götter unter anderen Namen anbeteten. Ausgangspunkt der Helgoländer Spekulation war der Göttername Fosite, der dann zu Phosetum umgedeutet wurde. Diesem wurde ein weibliches Pendant Phoseta zugesellt und wiederum dann mit Kempius einem friesischen Gott Weda gleichgestellt. Daneben gab es auch die Göttin Fosta, die als Vesta gesehen werden konnte, und eine Göttin Meda. Es wurde hier sehr assoziativ gearbeitet, weitere Begründungen schienen nicht nötig. Schon in die kritische Forschung des 19. Jahrhunderts wurde diese barocke Helgoländer Götterwelt nicht übernommen,23 allerdings werden diese alten Götter immer wieder einmal neu entdeckt, heute in der Esoterikszene mit ihren völkischen Zweigen.

1643 hat Benjamin Cnobloch die erste Helgoland-Monographie überhaupt veröffentlicht. Die zwanzig Seiten landeskundlicher Beschreibungen wurden in Hamburg verlegt, in der Stadt, die immer am meisten Interesse an Helgoland hatte. Er selbst war Hauslehrer beim Helgoländer Kommandanten Matthias Puls gewesen. Die Honoratioren der Insel zu loben, ist für ihn ein wichtiges Anliegen. Auch er kennt die Überlieferungen, zitiert sie aber nicht. Er spricht von einem Tempel der Vesta, des Iovis (Jupiter) und einem Fostae-Tempel und nimmt aus dem Namen einiger alter Hügel auf der Insel noch eine Mars- und eine Flava-Verehrung an.24 Einige dieser Hügel wurden im 19. Jahrhundert als bronezeitliche Hügelgräber erkannt.

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Mejers Phantasiekarte von 1652

Der Husumer Bürgermeister Caspar Danckwerth (1605–1672) deutete 1652 in einem wichtigen Kapitel seiner Landesbeschreibung über Helgoland, den aus den Heiligenlegenden überlieferten Namen Fosite zu der römischen Erdgöttin Vesta um,25 die dann wieder mit der Hertha gleichgesetzt werden konnte. Für die Helgoland-Deutung wurden die beigefügten Karten des Johannes Mejer (1606–1674) sehr wichtig. Mejer zeichnete nicht nur das Helgoland seiner Gegenwart, sondern auch mit viel Phantasie ein viel größeres der Jahre 1300 und 800. Es finden sich auch allerlei Tempel: einer der Fosete oder Phoseta, einer der Vesta, des Mars und des Jupiters. Diese Karte wird bis heute immer wieder ernsthaft diskutiert, trotz der gründlichen Kritik schon des 19. Jahrhunderts.

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Als dieser Einblattdruck 1714 in Hamburg erschien, war die Vorlage – die Karte Mejers – schon über 60 Jahre alt. Die Verbindung zwischen der Hauptinsel und dem Weißen Felsen wurde 1721 durch eine Sturmflut zerstört, die Reste der Weißen Klippe waren schon 1711 fortgespült, sind hier aber noch abgebildet

1653 wird in Merians Beschreibung Niedersachsens auch Helgoland erwähnt. Hier wird auf Pontanus’ Deutung verwiesen, aber an erster Stelle stehen schon damals die interessanten Versteinerungen, die man auf Helgoland finden kann. Die Natur habe dort neben anderen Dingen steinerne Menschenhände und auch Bücher hervorgebracht.26 In der Tat sind Fossilien und andere Merkwürdigkeiten ein sehr frühes Exportprodukt der Insel, von 1598 ist eine Sammelgenehmigung erhalten.27 In dieser Zeit wurde die im letzten Kapitel erwähnte und abgedruckte französische Ansicht der Insel gezeichnet. 1714 erschienen in Hamburg zwei Einblattdrucke mit einer Ansicht und einer Karte der Insel (nach der Mejerschen Karte von 1652 – Helgoland war allerdings kleiner geworden in den Jahrzehnten). Wahrscheinlich war der Anlass die Eroberung Helgolands durch dänische Truppen im gleichen Jahr, die Abbildungen werden bis heute gerne nachgedruckt.28 Helgoland gehörte bis zur dänischen Eroberung 1714 zu Schleswig-Holstein-Gottorf, was wiederum auch mit Dänemark verbunden war.

In Zedlers berühmtem Lexikon von 1735 wurde Helgoland im Hertha-Artikel erwähnt, allerdings plädierte der Autor für Rügen als Hertha-Insel. Im Artikel Foseteslant wird die Gleichsetzung von Helgoland mit der Insel des Alkuin noch kritisch diskutiert – was auch heute noch mit guten Argumenten getan werden kann. Wichtig für den Helgoland-Artikel dieses bedeutenden Lexikons der deutschen Aufklärung ist die Erwähnung einer Insel Actania in der Naturgeschichte des Plinius (ca. 23–79 n. Chr.). Wie gefürchtet die Insel damals unter Seereisenden war, macht eine Bemerkung Friedrichs II. deutlich, der 1764 seinen Marquis d’Argent vor »Charybdes et Scylles de Helgoland« warnte und so griechische Mythologie bemühte.29 1770 in Hederichs Gründliches mythologisches Lexikon wird Helgoland ganz eindeutig als Hertha-Insel benannt.30

Ernst Joachim Westphal (1700–1759), ab 1738 von Westphalen, hat von 1739 bis 1745 vier dicke Foliobände mit Quellen zur Geschichte Norddeutschlands herausgegeben, mit denen bis heute gearbeitet wird. Er war Hofkanzler in Kiel, Mitglied des geheimen Rats und Kurator der Kieler Universität. Neben den schon erwähnten Schriften von Rantzau und Peter Sax finden sich im Vorwort des letzten Bandes auch seine eigenen Forschungen zu Helgoland.31 Auch hier gibt es Zeichnungen und viele Überlegungen im Anschluss an die dargestellten Helgoland-Diskussionen. Das Manuskript des Helgoländer Kommandanten Bötticher wird hier zum ersten Mal zitiert, später druckt es Camerer nach, der Bericht über den Ritter Pogwisch wird immer noch nach dieser Ausgabe zitiert. Er gibt eine kleinformatige Darstellung von Fosta und Weda nach Arnkiel, gibt aber die Quelle nicht an. Westphalen veröffentlicht hier neue Zeichnungen eines alten Radbod-Schlosses und einer Hertha Heligolandia. Aber er hat auch selbst geforscht und sich von Helgoland eine Zeichnung schicken lassen, die er ergänzt um seine Ideen wiedergibt. Es liegt nahe, im Ausgangsbild A den Corpus eines Kruzifixes zu vermuten, Cnobloch hatte von einem alten Kruzifix mit hohlem Kopf in der Helgoländer Kirche berichtet.32 Westphalen deutet aber diese Figur als alten Gott Giedt um, die Dornenkrone wird zur Ähren- und Blumenkrone, dazu wird die Figur ergänzt und noch eine Geschichte erzählt. Die Priester hätten in den hohlen Kopf Wasser hineingegossen und dann noch Fische darin schwimmen lassen, die dafür sorgten, dass die Figur zur passenden Gelegenheit tränen konnte. Deutlich wird aber durch seine Arbeit, mit wie viel Elan und Eifer man damals auch um den Preis der eigenen Glaubwürdigkeit alte Götter suchte und finden musste.

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Die Helgoländer Hertha und Radbods Schloss auf Helgoland nach Westphalen, 1745 (s. Anm. 31)

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Westphalens Rekonstruktion eines Helgoländer Gottes von 1745 (s. Anm. 31, hier Seite 226)

Dreizehn Jahre später erschienen in Flensburg und Leipzig die nächsten wichtigen Sammelbände zur Geschichte Schleswig-Holsteins: Vermischte historisch politische Nachrichten in Briefen von einigen merkwürdigen Gegenden der Herzogtümer Schleßwig und Hollstein, ihrer natürlichen Geschichte und andern seltenen Alterthümern, gesammlet von Johann Friedrich Camerer. Camerer (1720–1792) war Jurist, Kriegsrat und engagierter Volkskundler. Im ersten Band ist Helgoland mit zwei von sechs Kapiteln sehr stark vertreten, der Band eröffnet mit einem Helgoland-Kapitel, auch im zweiten Band von 1762 ist Helgoland noch Thema. In einer frühen Rezension des ersten Bandes wird praktisch nur Helgoland wahrgenommen.33 Wichtig im ersten Band ist die dritte Auflage einer Helgoland-Monographie des Husumer Advokaten und späteren Bürgermeisters Johannes Laß (1721–1784) Nachricht von Heiligeland, sie war schon 1751 und 1753 gedruckt worden – die erste Helgoland-Monographie, die mehrere Auflagen erlebte.34 Bis heute wird der Bericht des Leutnants Bötticher von 1699 nach Camerer zitiert, der hier vollständig abgedruckt wurde. Böttichers Bericht hatte Westphalen zu seinen Forschungen über den Gott Giedt angeregt, wichtiger war aber hier die Schilderung des Kortelns – vermutlich eine Frühform des institutionalisierten Flirtens.35363738