Die Spur der Götter - Chronik der Sternenkrieger #29

Alfred Bekker's Chronik der Sternenkrieger, Volume 29

Alfred Bekker

Published by Alfred Bekker, 2018.

Inhaltsverzeichnis

Title Page

Die Spur der Götter - Chronik der Sternenkrieger #29 (Alfred Bekker's Chronik der Sternenkrieger, #29)

Sign up for Alfred Bekker's Mailing List

Further Reading: 30 Sternenkrieger Romane - Das 3440 Seiten Science Fiction Action Paket: Chronik der Sternenkrieger

Also By Alfred Bekker

About the Author

About the Publisher

Chronik der Sternenkrieger 29:

Die Spur der Götter

Roman von Alfred Bekker

Originalausgabe

––––––––

image

EIN CASSIOPEIAPRESS E-Book

© 2014 by Alfred Bekker

© der Digitalausgabe 2014 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich (Westf.)

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

>+++<

––––––––

image

DAS RAUMSCHIFF STERNENKRIEGER hat zusammen mit Einheiten verbündeter Völker anscheinend das Ziel der Expedition erreicht: Ruuneds Heim, eine gigantische, weltengroße Raumstation. Ein kosmisches Artefakt, das die Lösung aller Rätsel zu bringen verspricht. Aber noch ist die Crew der STERNENKRIEGER in der Gewalt von barbarischen Raumkriegern, die einen bizarren Raumschifffriedhof betreiben.

>+++<

––––––––

image

ALFRED BEKKER schrieb die fesselnden Space Operas der Serie CHRONIK DER STERNENKRIEGER. Seine Romane um DAS REICH DER ELBEN, die GORIAN-Trilogie und die DRACHENERDE-SAGA machten ihn einem großen Publikum bekannt. Er schrieb für junge Leser die Fantasy-Zyklen ELBENKINDER, DIE WILDEN ORKS, ZWERGENKINDER und ELVANY sowie historische Abenteuer wie DER GEHEIMNISVOLLE MÖNCH, LEONARDOS DRACHEN, TUTENCHAMUN UND DIE FALSCHE MUMIE und andere. In seinem Kriminalroman DER TEUFEL VON MÜNSTER machte er mit dem Elbenkrieger Branagorn eine Hauptfigur seiner Fantasy-Romane zum Ermittler in einem höchst irdischen Mordfall. Zuletzt erschien mit DER BEFREIER DER HALBLINGE bei Blanvalet.

>+++<

––––––––

image

DIE HAUPTPERSONEN DES Romans

Ruuned - der Gott der Morrhm erscheint leibhaftig.

Corporal Raggie S. Terrifor - Ein Space Marine, der Fingerspitzengefühl beweisen muss.

Noris Salot - Kommandant des K’aradan-Schiffs STOLZ DER GÖTTER, Angehöriger des Hauses Fheer.

Captain Rena Sunfrost - Kommandantin der STERNENKRIEGER.

Commander Van Doren - leitet ein Außenteam und kommt auf die Spur der Götter.

Robert Ukasi - Waffen- und Taktikoffizier der STERNENKRIEGER im Rang eines Lieutenant Commander. Er ist Zweiter Offizier an Bord.

Guillermo Benford, genannt Bruder Guillermo - Angehöriger des Ordens der Olvanorer, der sich der Erforschung des Alls verschrieben hat und dessen Mitglieder mit besonderen empathischen Fähigkeiten ausgestattet sind.

Wiley Riggs, Lieutenant - Ortungsoffizier der STERNENKRIEGER

John Taranos, Lieutenant - Navigator und Rudergänger der STERNENKRIEGER

Fähnrich Al-Katibi - Stellvertretender Navigator und Rudergänger der STERNENKRIEGER.

Lieutenant Erixon - Chefingenieur der STERNENKRIEGER, genetisch optimiert und an die Lebensbedingungen auf Methan-Planeten angepasst, infrarotsichtige Facettenaugen, kann seinen Metabolismus auf Methan-Atmung umstellen.

Shurukai - Kommandant des Fulirr-Schiffs

Geschher - Stellvertretender Kommandant des Fulirr-Schiffs.

Shatram - Morrhm-Krieger; Nachfolger seines Vaters Tazaror Halbschädel als Mutterschiff-Kommandant.

Zrrrarrr - Morrhm, neuer Navigator des Mutterschiffs GÖTTERZORN.

Gotrom - Ein Offizier auf dem Morrhm-Schiff GÖTTERZORN.

Admiral Raimondo - die graue Eminenz des Space Army Corps der Humanen Welten.

Von Schlichten, Metz und MacKenzie - Wissenschaftler an Bord der STERNENKRIEGER.

Jamalkerim - Lieutenant, Kommunikationsoffizierin der STERNENKRIEGER.

Fähnrich Dunston - Besatzungsmitglied der STERNENKRIEGER.

Sergeant Kelleney, James Levoiseur, Baston, Ramirez, Tomlinson, Chandraman - einige Marines an Bord der STERNENKRIEGER

Lieutenant Naderw - Jägerpilot.

Asder Ujam - Brückenoffizier des K'aradan-Schiffs.

Esa Dallt - Brückenoffizierin des K'aradan-Schiffs.

>+++<

Zusammenfassender Logbucheintrag, vorgenommen von Lieutenant Commander Ukasi, Zweiter Offizier des Raumschiffs STERNENKRIEGER in Vertretung des Captains:

Unser Schiff befindet sich immer noch in der Gefangenschaft der geheimnisvollen Herrscher des gewaltigen, künstlich geschaffenen Objekts, das die Morrhm als Ruuneds Heimat ansehen. Dass es sich dabei um ein Artefakt jener Spezies handelt, die oft als die Alten Götter bezeichnet werden, daran zweifele ich nicht. Die starke 5-D-Strahlung spricht allein schon dafür.

Während Corporal Terrifor und einige Marines versuchen, uns von den tellerartigen Modulen zu befreien, von denen wir annehmen, dass sie eine wichtige Rolle bei der Justierung der Fesselstrahlen spielen, die uns und die meisten Schiffe unserer Verbündeten ins Innere dieses Artefakts gezogen haben, ist Commander Van Doren mit dem Großteil unserer Wissenschaftler zu einem der vielen Raumschiffe geflogen, die hier lange vor uns bereits eingefangen und festgehalten wurden.

Wir erhoffen uns davon weitere Erkenntnisse.

Die 5-D-Strahlung ist immer stärker geworden und beeinträchtigt mittlerweile so gut wie jegliche drahtlose Kommunikation - und zwar nicht nur im Sandström-Spektrum, sondern auch auf den ganz normalen Unterlichtfrequenzen. Diese Beeinträchtigungen begannen sogar schon auf Festnetzleitungen innerhalb des Schiffs überzugreifen. Ruuned selbst scheint jegliche Kommunikation unterbinden zu wollen, damit wir der Forderung, uns zu ergeben nachkommen. Aber ich glaube, diese Möglichkeit hat insbesondere Captain Sunfrost gar nicht in Betracht gezogen. Sie hat schließlich die Sklaverei bei den Morrhm erlebt und weiß, was es bedeuten würde, sich in die Hände dieser schwertschwingenden Monstren zu geben.

In Zusammenarbeit mit unserem Techniker Clayton Gomes habe ich inzwischen eine Lösung für das Problem der Kommunikationsstörung gefunden. Wir haben ein Eindämmungsfeld generieren können, das den Einfluss der von unseren Gegnern offenbar ganz bewusst zur Störung unserer Kommunikation eingesetzten Felder von 5-D-Energie neutralisiert. Dies klappt bislang ganz gut.

Kurz nachdem Gomes und ich es geschafft hatten, den Helmfunk von Corporal Terrifor anzupeilen, geschieht etwas Unfassbares.

Das mit uns in Gefangenschaft geratene K'aradan-Schiff unter Kommandant Noris Salot wurde förmlich aus dem Inneren von Ruuneds Heimat hinausgeschleudert. Wir nehmen an, dass dies unter Einfluss der Traktor- und Fesselstrahlen erfolgte, mit deren Hilfe unsere Gegner Gewalt über uns erlangt haben. Die Messungen bestätigen dies. Da wir keinerlei Kontakt zur Besatzung hatten und die gestörte Kommunikation es uns unmöglich macht, den Funkverkehr abzuhören und zu analysieren, sind wir auf Spekulationen angewiesen.

Ich selbst halte die These, dass das K’aradan-Schiff aus irgendeinem Grund eine Gefahr für unsere Gegner darstellte am plausibelsten. Der Grund dafür, dass sich der Gegner plötzlich durch das Schiff von Kommandant Salot bedroht glaubte, könnte die Aktivierung einer Selbstzerstörungsanlage sein. Wir wissen, dass so etwas in der Flotte des Reiches von Aradan durchaus üblich ist.

Für diese Vermutung spricht, dass unseren Erkenntnissen nach die an Bord befindlichen Morrhm-Krieger das Schiff geradezu fluchtartig verlassen haben.

Wollten sie sich in Sicherheit bringen?

Das scheint so gar nicht zu den Morrhm zu passen, die eigentlich eher zu tollkühnen Aktionen neigen.

Nicht nur ich frage mich, wer diese Entscheidung wohl getroffen haben mag, zumal wir einen starken, mit fünfdimensionalen Komponenten angereicherten Strahl angemessen haben, der das Schiff der K’aradan kurz vor Beginn des Dramas traf. Unseren Erkenntnissen nach traf er genau in die Zentrale. Lieutenant Jamalkerim glaubt, dass es sich möglicherweise um einen auf fünfdimensionaler Basis codierten Datenübertragungsstrom gehandelt haben könnte, der gewisse Quanteneffekte ausnutzt. Wir werden sehen, was weiter geschieht. Falls es Kommandant Salot gelungen sein sollte, die Kontrolle über sein Schiff zurückzugewinnen, wäre das für uns alle ein Grund zur Hoffnung.

Von den Schiffen der verbündeten Shani und Fulirr, die nicht mit uns ins Innere von Ruuneds Heim gezogen wurden, haben wir keine Nachricht. Sie könnten entkommen oder von den Morrhm vernichtet worden sein.

*

image

CORPORAL RAGGIE S. Terrifor machte einen Schritt nach vorn. Die aktivierten Magnetsohlen seiner Stiefel verbanden ihn mit der Außenhülle der STERNENKRIEGER. Er machte einen weiteren Schritt nach vorn und näherte sich dabei einem der tellerartigen Objekte, die sich durch ein unbekanntes Wirkprinzip festgesogen hatten, sodass sie sich nicht so einfach entfernen ließen.

Corporal Terrifor trug einen schweren Kampfanzug mit Servoverstärkung. Darüber hinaus stellte der Anzug einen vollwertigen Druckanzug dar, der das Überleben in jeder nur denkbaren Umgebung sicherte. Das schloss den freien Weltraum mit ein.

Nur ein paar Schritte von Terrifor entfernt befand sich Sergeant Kelleney. Auch er trug den schweren Kampfanzug. Das Gauss-Gewehr hing über den Rücken. In diesem Fall ganz konventionell an einem Riemen. Magnethalterungen konnte man nicht in jedem Fall trauen. Vor allem dann nicht, wenn man in einer Umgebung operierte, die unter dem starken Einfluss von Magnetfeldern stand. Kelleney drehte sich zu Terrifor um und machte ein Zeichen. Da bisher weder Helmfunk noch andere drahtlos übertragene Kommunikationssysteme funktionierten, waren sie auf diese einfachste aller Kommunikationsformen angewiesen.

Zeichen und Gesten.

Terrifor seufzte in der Gewissheit, dass ganz sicher niemand dies hören würde. Nichtmal für den Fall, dass er vielleicht den Helmfunk unabsichtlich aktiv geschaltet hatte.

Da kann man mal sehen, wie sehr wir auf diese Dinge angewiesen sind, ging es dem Corporal durch den Kopf. Ohne technische Unterstützung ist der Mensch zu nichts mehr fähig. Die Jäger vom Volk der San, die seit dreißigtausend Jahren die Kalahari-Wüste auf der Erde bevölkern, konnten zumindest noch bis ins frühe einundzwanzigste Jahrhundert Wasser riechen...

Und wir?

Diese Gedanken mischten sich bei Terrifor mit einigen näherliegenden Sorgen, die den Plan betrafen, sich von den tellerartigen Modulen auf der Außenhaut der STERNENKRIEGER zu befreien.

Vier weitere Marines waren zusammen mit Terrifor und Kelleney aus der Außenschleuse gestiegen. Levoiseur, Baston, Chandraman und Tomlinson lauteten ihre Namen. Die fähigsten Mitglieder des Trupps von Marines, der an Bord der STERNENKRIEGER stationiert war.

Sie waren auf Grund des Kommunikationsausfalls nahezu völlig auf sich allein gestellt.

Kelleney hatte die Sprengladung bereits in den Händen. Eine Spezialgranate, die unter anderem für den Einsatz in geschlossenen Räumen oder in einer Umgebung, in der möglichst wenig Kollateralschäden verursacht werden durften, geeignet war.

Kelleney stand nur noch einen Schritt vom ersten Tellermodul entfernt.

Aber dazu, den Sprengsatz anzusetzen und einzustellen, kam er vorerst nicht.

Etwas anderes lenkte seine Aufmerksamkeit ab.

Und den anderen Marines ging es nicht anders.

Raggie S. Terrifor hörte ein Knacken in seinem Helm, das seltsam vertraut klang und von ihm schon lange vermisst worden war.

Der Helmfunk!

“Hey, Space Marines! Hört ihr mich?”, fragte eine Stimme.

“Wer spricht denn da?”, fragte Terrifor etwas überrascht.

“Fähnrich Gomes! Erinnert sich niemand an meine Stimme?”

An Gomes’ Stimme erinnerte sich Corporal Terrifor nicht so besonders, wie er zugeben musste.

Eher schon an sein Gesicht.

Das war nämlich wirklich etwas Besonderes. Fähnrich Gomes litt nämlich unter dem sogenannten Wolfssyndrom. Auf Grund eines Gen-Defekts war nahezu sein gesamtes Gesicht (und auch weite Teile des Körpers) mit Haare bedeckt. Sie wuchsen ihm fast bis unter die Augen und auch die Stirn war nicht frei davon.

Insofern war er jemand, dessen Anblick man schwer vergessen konnte. Was seine Stimme anging - ein Space Army Corps Marine wie Terrifor hatte mit einem Triebwerkstechniker wie Clayton Gomes nicht allzu viel zu tun. Ihre gemeinsamen Unterhaltungen hatten sich auf ein gelegentliches Hallo beschränkt, wenn man sich in einem der Aufenthaltsräume der STERNENKRIEGER oder den engen Korridoren, die zu den Kabinen führten, mal begegnete.

“Die meisten nicht-leitungsbasierten Kommunikationssysteme funktionieren wieder”, berichtete Gomes. “Was sagt ihr dazu, Jungs?”

“Großartig, Gomes”, erwiderte Terrifor.

“Ich kann’s kaum fassen”, meinte Kelleney.

“Gomes ist der Größte”, meldete sich James Levoiseur zu Wort.

Offenbar hatte Fähnrich Gomes den Helmfunk auf einen Konferenzmodus geschaltet. Die Botschaft ging also an alle.

“Ich übergebe jetzt an Lieutenant Commander Ukasi”, kündigte Gomes an.

“Wie weit sind Sie, Space Marines?”, fragte Ukasi.

“Wir werden gleich den ersten Sprengsatz ansetzen”, erklärte Sergeant Kelleney. “Durch die Wiederherstellung des Helmfunks haben Sie uns sehr geholfen.”

“Wir haben ein Eindämmungsfeld induziert und dafür die Energie des Sandström-Aggregats umgeleitet”, erklärte Ukasi.

“Diese Einzelheiten interessieren mich nicht”, sagte Kelleney.

“Könnte aber wichtig für Sie sein. Das Eindämmungsfeld neutralisiert weitgehend die 5-D-Emissionen. Allerdings nur in einer Art Blase um das Schiff herum. Darum können wir auch nach wie vor den Überlichtfunk nicht benutzen und auch keinen Kontakt nach außerhalb herstellen. Aber das Eindämmungsfeld könnte Auswirkungen auf die Module haben, die Sie beseitigen wollen!”

“Wir sind vorsichtig, Lieutenant Commander.”

“Daran habe ich auch nicht gezweifelt. Haben Sie eine Möglichkeit, mit den Strahlungsmessgeräten Ihres Anzugs den M3-Faktor abzulesen.”

“Ich mach das schon”, mischte sich jetzt Terrifor ein.

Das Menue der Messgeräte konnte über Augenbewegungen gesteuert werden und wurde dann auf die Innenseite des Helms projiziert. “M3-Werte gemessen.”

“Dann übertragen Sie ihn ans Schiffssystem.”

“Erledigt.”

“Die Werte sind sehr erfreulich. Jedenfalls ist nicht mit Interferenzen mit Ihren Sprengsätzen zu rechnen.”

“Das heißt, ich kann loslegen”, meinte Kelleney.

“Hey seht mal!”, rief jetzt Raggie S. Terrifor. “Da ist...”

Weiter kam Terrifor nicht. Auch wenn der Corporal ansonsten nicht gerade dafür bekannt war, dass er nichts zu sagen wusste, stand ihm jetzt der Mund offen. Durch seinen gepanzerten Helm konnte das glücklicherweise im Augenblick niemand sehen.

Terrifor und die anderen Space Army Corps Marines sahen, wie das riesenhafte K’aradan-Raumschiff in Bewegung geriet. Die Traktorstrahlen hatten es erfasst. Sie waren deutlich zu sehen. Sie umflorten das K’aradan-Schiff wie ein Flimmern.

“Sir, haben Sie irgendeine Ahnung, was sich da abspielt?”, fragte Terrifor.

Seine Frage war an Ukasi gerichtet.

Aber es war Kelleney, der darauf antwortete: “Oh, mein Gott!”

*

image

NORIS SALOT RUTSCHTE die Wand hinunter, lag einige Augenblicke regungslos auf dem Boden. Er versucht Luft zu bekommen. Die Andruckabsorber schien wieder zu arbeiten. Sein Kopf war leer. Dunkel stieg die Erinnerung in dem Kommandanten de K’aradan-Schiffs auf. Er hatte die Aktivierung der Selbstzerstörungssequenz zurückgenommen, autorisiert durch sein Stimmprofil.

Die Stimme des Bordrechners meldete sich und bestätigte, dass die Beendigung des Countdowns akzeptiert worden war.

"Kommandant, geht es Ihnen gut?"

Die Stimme, die ihn das fragte, gehörte Esa Dallt. Die grazile K’aradan-Frau war eine der wenigen Brückenoffiziere, die das Massaker überlebt hatten, das von den Morrhm in der Zentrale des Schiffs angerichtet worden war.

Wie die Tiere hatten sie gewütet. Und Noris Salot konnte seinen Hass kaum bändigen, wenn er nur daran dachte. All die von den Schwertern dieser Weltraumbarbaren zerstückelten Leichen erinnerten ihn schmerzlich an das, was geschehen war.

Noris Salot hatte in verschiedenen Kriegen, die das Reich von Aradan geführt hatte, Raumschiffe für das Imperium befehligt. Er war einiges gewohnt und hatte im Verlauf der Jahre viele Abscheulichkeiten mitansehen müssen.

Aber das, was er nach der Invasion seines Schiffes durch die Sturm-Shuttles der Morrhm erlebt hatte, war mit nichts von allem zu vergleichen. Diese Kategorie der Grausamkeit war Salot so fremd, dass er ihr gegenüber vollkommen fassungslos war.

"Kommandant!"

"Es geht schon."

Noris Salot erhob sich. Es ging überraschend leicht. Im ersten Moment freute ihn das, weil er dadurch nicht auf die Hilfe eines Untergebenen beim aufstehen angewiesen war. Aber im nächsten Moment erkannte er, was das vermutlich bedeutete.

"Das Antigrav-Aggregat ist während der mörderischen Beschleunigungsphase aus Sicherheitsgründen abgeschaltet worden", erklärte Esa Dallt. "Jetzt läuft es mit verminderter Leistung. Wenn Sie wollen, kann ich versuchen, die Schiffsrotation einzuschalten. Dann würden wir die künstliche Schwerkraft wieder auf traditionelle Weise herstellen."

Auf traditionelle Weise...

Manche Angehörigen der K'aradan-Flotte sahen es als Schmach an, dass sich das imperiale Erbtriumvirat dazu entschlossen hatte, die Antigrav-Technik zur Gewährleistung von künstlicher Schwerkraft nach und nach in den Schiffen des Reiches zu  etablieren.

Eine Menschentechnologie.

Noris Salot gehörte nicht dazu. Für ihn widersprach es  nicht dem imperialen Stolz der K'aradan, wenn sie eine fortgeschrittene Technologie von anderen annahmen - im Austausch gegen eigene Entwicklungen, so wie es zwischen den anderen Welten und dem Reich von Aradan ja auch geschehen war, seit man sich gegenseitig als Verbündete betrachtete.

"Lassen Sie alles, wie es ist”,  befahl der Kommandant. "Das erleichtert mir das Atmen..."

Asder Ujam, ein anderer überlebender Brückenoffizier, hatte sich bereits an eine der Konsolen zu schaffen gemacht.

"Statusbericht", meldete er. "Das Schiff ist wieder unter vollständiger Kontrolle der Mannschaft, Kommandant!"

"Gut so", sagte Noris Salot. Er trat an die Konsole des Steuermanns. Es war lange her, dass Salot selbst einst Steuermann auf einem imperialen Kriegsschiff gewesen war. Aber die Technik der K’aradan-Flotte hatte sich in den letzten Jahrzehnten kaum verändert. Und auch, wenn Salot seit langer Zeit nur noch Manöver angeordnet, sie aber nicht selbst durchgeführt hatte, war in diesem Moment alles wieder da, was einstmals den Steuermann und Navigator gleichen Namens ausgemacht hatte.

Mit großer Schnelligkeit und Sicherheit nahm er die Schaltungen vor. Der Hauptbildschirm flackerte auf. Die Außensicht wurde aktiviert.

“Dallt, übernehmen Sie die Ortung und Kommunikation!”, befahl Salot.

“Jawohl, Kommandant.”

“Ujam!”

“Kommandant?”

“Überprüfen Sie die Einsatzfähigkeit der Waffensysteme.”

“Jawohl.”

“Wir werden unsere Ionenkanonen noch brauchen - und ich hoffe, sie stehen uns zur Verfügung”, murmelte Salot.

“Ich glaube nicht, dass man uns verfolgen wird”, äußerte sich Esa Dallt. “Schließlich haben sie uns quasi...”

“...ausgespuckt!”, vollendete Noris Salot ihren Satz. “Ja, so ist es. Und jetzt warten sie darauf, dass die STOLZ DER GÖTTER explodiert. Aber das wird sie nicht tun. Und je nachdem, wie viel Zeit sie uns geben, werden sie dann unruhig werden und versuchen, uns zu zerstören. Da bin ich mir sicher.”

“Ich orte mehrere Morrhm-Mutterschiffe, hunderte von Sturm-Shuttles und... das Fulirr-Schiff...” Esa Dallt stockte. “Und dann sind da Trümmerteile, die eine Signatur enthalten, die...”

“Was ist los?”, fuhr Salot dazwischen.

“Es sind Überreste des Shani-Schiffs, Kommandant.”

“Sind Sie sicher?”

“Die Analyse wird vom Computer bestätigt. Mit über 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit. Und die restlichen fünf Prozent gehen wohl auf diese 5-D-Emissionen zurück, die auch von den Trümmerteilen abstrahlen. Wenn ich die herausfiltere.”

“Nicht nötig”, murmelte Salot. Das waren jedenfalls keine Morrhm-Barbaren, die für das Ende des Shani-Schiffs verantwortlich gewesen sind..., ging es ihm durch den Kopf. Aber was dann? Eine Super-Waffe mit 5-D-Emissionen? Etwas Ähnliches wie die Traktorstrahlen, die uns fesselten und mit denen man uns jetzt hinaus ins All schleuderte wie einen Wurfball?

Salot hielt das durchaus für möglich.

Die Energie, die sie aus dem Inneren von Ruuneds Heim geschleudert hatte, war sicherlich auch vollkommen ausreichend, um ein Schiff zu zerstören.

“Waffensysteme unter Kontrolle”, meldete Asder Ujam. “Keine Beeinträchtigung mehr durch Fesselstrahlen.”

“Was ist mit den Modulen, die an der Außenhülle des Schiffs angebracht wurden?”, halte Salot nach.

“Sind inaktiv. Keinerlei Emission, keine elektrische oder magnetische Aktivität - nichts mehr. Es scheint sich lediglich um eine Art von Relais-Elementen gehandelt zu haben, das die Fessel- und Traktorstrahlen justiert wurden.”

“Können wir die Dinger loswerden?”

“Negativ, Kommandant. So einfach geht das nicht. Allerdings könnten wir Rotation einschalten und außerdem die Außenhülle für kurze Zeit mit einem Abstoßungsfeld umgeben. Die Energie dazu hätten wir. Und wenn das koordiniert durchgeführt wird.”

“Machen Sie das. Schalten Sie außerdem die Waffenkontrolle auf die Brücke bis die Geschützstationen wieder besetzt sind.”

“Ja, Kommandant.”

Noris Salot wandte sich als nächstes in einer kurzen Ansprache an die Mannschaft - oder den Teil davon, der noch existierte. Noch lagen keine Verlustlisten vor. Noch war nur zu ahnen, was sich im Schiff an Tragödien und Metzeleien abgespielt hatte. Aber wenn das, was auf der Brücke der STOLZ DER GÖTTER geschehen war auch nur ansatzweise repräsentativ für den Verlauf der Morrhm-Invasion im gesamten Schiff war, dann konnte man nur das Schlimmste befürchten.

Auf weitere schlimme Nachrichten war Noris Salot also gefasst.

“Ich rufe alle Besatzungsmitglieder auf, die noch einsatzfähig sind, möglichst schnell ihre Posten aufzusuchen. Vor allem müssen die Geschützstationen besetzt werden. Ärzte finden sich in der Krankenstation ein - wenn sie nicht dort bereits sind.”

Salot bekam anschließend einen kurzen Bericht eines Ingenieurs, der sich aus dem Maschinentrakt des K’aradan-Schiffs meldete. Der Bericht war ermutigend.

“Wir werden auf maximale Beschleunigung gehen, Diensthabender Ingenieur”, kündigte Salot an.

“Die Maschinen machen das mit”, erklärte der Ingenieur. “Aber die Beschleunigungswerte sind jetzt schon mörderisch. Es könnte sein, dass die Außenhülle nicht standhält und auch einige andere Systeme an Bord in Mitleidenschaft gezogen werden. Die Andruckabsorber sind ohnehin schon kurz vor dem Kollaps. Und wenn die nicht mehr arbeiten, dann sind wir platt wie ein aradanisches Flächenmoos, wenn Sie verstehen, was ich meine!”

“Wir müssen so schnell wie möglich in den Überlichtflug gehen”, sagte Noris Salot. “Je eher wir die Eintrittsgeschwindigkeit in den Zwischenraum erreichen, desto besser...”

Koste es, was es wolle, fügte er in Gedanken noch hinzu.

Was der Ingenieur sagte, war natürlich alles richtig. Und dieselben Bedenken, die dieser geäußert hatte, waren Salot schließlich auch schon gekommen. Dafür verstand er nun doch genug von den technischen Aspekten, um so etwas beurteilen zu können. Die Warnung des Ingenieurs überraschte ihn also nicht sonderlich.

Er wandte sich an Esa Dallt. “Was ist mit den Kommunikationssystemen?”

“Arbeiten fehlerhaft und sind durch die 5-D-Emissionen beeinträchtigt.”

“Schaffen Sie es, Verbindung mit dem Fulirr-Schiff aufzunehmen?”

“Ich werde es versuchen. Der Status des Fulirr-Raumers gibt allerdings Rätsel auf.”

“Inwiefern?”