Das verräterische Foto


Wer ist die schöne Blonde, Albert? 


Roman von Viola Maybach

»Ein bißchen Angst habe ich schon, Albert«, gestand Larissa von Weildorf. »Wenn sie mich nun nicht mögen, deine Verwandten auf Schloß Sternberg?«

Albert Graf von Spangen lachte herzlich, als er die zarte junge Frau, in deren schönem Gesicht vor allem die dunkelblauen Augen auffielen, in seine Arme zog. »Das halte ich für undenkbar, Larissa. Bisher ist mir noch niemand begegnet, der dich nicht auf Anhieb ins Herz geschlossen hätte. Warum sollte es bei meinem Cousin Friedrich und seiner Familie anders sein?«

Sie zögerte mit der Antwort. Schließlich sagte sie: »Gut, vielleicht mögen sie mich, aber könnte es nicht sein, daß unser Besuch ihnen derzeit ungelegen kommt? Schließlich trauern sie um das Fürstenpaar.«

»Ich habe mit Friedrich selbstverständlich darüber gesprochen«, entgegnete Albert auf Larissas Befürchtung. »Er hat mir versichert, daß wir ihnen herzlich willkommen sind und daß sie sich freuen, uns zu sehen.

Fürstin Elisabeth und Fürst Leopold von Sternberg waren vor wenigen Wochen Opfer eines schrecklichen Unfalls geworden. Sie hatten einen Sohn hinterlassen, den fünfzehnjährigen Prinzen Christian von Sternberg, auch ›der kleine Fürst‹ genannt. Diesen Namen hatte er schon vor dem Tod seines Vaters getragen, der ein Mann von einem Meter zweiundneunzig gewesen war und – nicht nur deshalb – ›der große Fürst‹ geheißen hatte. Nun aber gab es nur noch Christian, der den Titel seines Vaters mit dem Tag seiner Volljährigkeit übernehmen würde. Mit dem Jungen trauerten Elisabeths Schwester, die Baronin Sofia von Kant, ihr Mann Friedrich und ihre beiden Kinder Anna und Konrad, die schon seit Jahren ebenfalls auf Schloß Sternberg lebten. Nach dem Unglück war Christian zu ihnen in den Westflügel des Schlosses gezogen.

»Sie geben im Augenblick natürlich weder Gesellschaften noch Bälle«, fuhr Albert fort, »aber sie sind froh, wenn sich hier und da mal ein Verwandter blicken läßt, der sie ein wenig ablenkt. Die Stimmung ist gedrückt, aber selbst Christian wendet sich, wie Friedrich mir sagte, allmählich wieder dem Leben zu.«

»Der arme Junge«, sagte Larissa mitleidig. »Mit fünfzehn beide Eltern zu verlieren! Ich erinnere mich, daß ich von dem Unglück in der Zeitung las und es zuerst gar nicht glauben konnte, daß beide ums Leben gekommen sind.«

»Und der Pilot«, setzte Albert hinzu. »Friedrich hat erzählt, daß die Familie des Mannes auf Christians Wunsch hin unterstützt wird.«

»Er scheint ein gutes Herz zu haben, der kleine Fürst«, stellte Larissa fest.

Albert nickte. »Ja, er ist ein lieber Junge. Ihr werdet euch sicher gut verstehen, Larissa. Du mußt dir wirklich keine Sorgen machen, wir sind willkommen auf Sternberg. Friedrich hätte es mir sicherlich gesagt, wenn es anders wäre.« Er gab ihr einen Kuß. »Es ist nun einmal Tradition in unserer Familie, daß man seine zukünftige Frau den Verwandten vorstellt – und mit Friedrich verbindet mich viel. Er ist um einiges älter als ich, deshalb habe ich ihn früher immer um Rat gefragt, wenn ich mal nicht weiter wußte und mich nicht getraut habe, das Problem mit meinen Eltern zu besprechen.«

»Und um welche Art von Problemen ging es da?«, wollte Larissa wissen, während sie sich zärtlich in seine Arme schmiegte.

Er lachte leise. »Oft natürlich um Frauen. Als ich dreizehn war, habe ich ihn gefragt, wie man richtig küßt, das weiß ich noch ganz genau.«

»Und was hat er geantwortet?«, erkundigte sie sich neugierig.

Seine Augen blitzten, als er sie erneut küßte. »Er hat mir genau gesagt, was ich tun muß. Findest du nicht, daß ich es nach seiner Anleitung ganz gut gelernt habe?«

»Sehr, sehr gut«, flüsterte sie.

Später, als er sich von ihr verabschiedet hatte, öffnete sie ihren Kleiderschrank, um eine Auswahl für die Reise zu treffen. Schließlich wollte sie auf Alberts Verwandte den denkbar besten Eindruck machen!



*



»Wie sie wohl ist, Alberts Freundin?« Anna von Kant saß mit ihrem Cousin Christian von Sternberg an ihrem Lieblingsplatz ganz hinten in einem der Pferdeställe, wo sie in der Regel ungestört blieben. Hierher zogen sie sich oft zurück, wenn sie etwas zu besprechen hatten, das nicht für fremde Ohren bestimmt war – aber auch, wenn sie einfach nur für sich sein wollten. Anna war vor kurzem dreizehn geworden und sehr stolz darauf, jetzt ein Teenager zu sein. In ihren Augen war das schon beinahe erwachsen.

 »Bestimmt nett, so wie Albert auch«, meinte Christian.

Albert von Spangen war so viel jünger als sein Cousin Friedrich, Annas Vater, daß die Kinder ihn nur beim Vornamen nannten. Ein »richtiger« Onkel war er ja ohnehin nicht.

»Sie soll sehr hübsch sein«, setzte Christian hinzu. »Das sagen alle, und auf den Fotos sieht sie auch sehr gut aus.«

»Mhm«, machte Anna. Mit ihrem Aussehen war sie derzeit gar nicht zufrieden. Sie fand sich, wie fast alle Mädchen ihres Alters, zu dick, hatte ab und zu einen Pickel, was einer nationalen Katastrophe gleichkam, und sie haßte ihre Zahnspange, die sie aber noch mindestens ein Jahr würde tragen müssen.

Christian warf ihr einen kurzen Blick von der Seite zu, er wußte um ihre heimlichen Qualen, er war der Einzige, den sie eingeweiht hatte. »Hör auf, Anna«, sagte er, »du siehst ehrlich gut aus. Jeder Mensch hat mal einen Pickel, Zahnspangen tragen die meisten Jugendlichen, und zu dick bist du schon gleich gar nicht.«

»Du willst nur nett sein«, erwiderte sie.

»Quatsch!«, entgegnete er. »Aber es geht mir ein bißchen auf die Nerven, daß Mädchen dauernd mit ihrem Aussehen beschäftigt sind – und ich dachte immer, daß du anders bist. Aber seit einiger Zeit redest du auch ständig davon.«

Anna zuckte zusammen. Sie war bisher sehr stolz darauf gewesen, anders als die anderen zu sein – es hob sie aus der Gemeinschaft hervor und machte sie zu etwas Besonderem. Und welches Mädchen wäre nicht gern etwas Besonderes gewesen? »Ich hör ja schon auf«, versicherte sie schnell. »Es ist nur so, daß ich mich manchmal mit anderen vergleiche, und dann schneide ich nicht so gut ab. Guck dir zum Beispiel Sabrina an...« Sie verstummte und warf ihm einen raschen Blick zu. Christian war rot geworden, das erkannte sie selbst im Dämmerlicht des alten Pferdestalls. Er war heimlich in Sabrina von Erbach verliebt, niemand wußte davon, Anna aber hatte es erraten, weil sie ihn gut kannte und eine ausgezeichnete Beobachterin war. Aber sie behielt ihr Wissen für sich. Warum sollte sie ihn in Verlegenheit bringen? Sie würde erst mit ihm über Sabrina reden, wenn er ihr sein Geheimnis von sich aus anvertraut hatte.

»Sie sieht toll aus, aber sie ist ein ganz anderer Typ als du«, erklärte er, und sie beschloß, es dabei zu belassen. Im Grunde genommen hatte er ja recht: Es war blöd, sich dauernd mit seinem Aussehen zu beschäftigen.

»Wo ist eigentlich Konny?«, fragte Christian in ihre Gedanken hinein, offenbar ebenfalls von dem Wunsch beseelt, das Thema zu wechseln.

»Keine Ahnung, er geht doch jetzt dauernd seiner eigenen Wege«, erwiderte Anna. »Zuerst fand ich das blöd, aber jetzt habe ich mich dran gewöhnt. Ich hoffe bloß, daß du nicht irgendwann auch nur noch mit irgendwelchen Freunden herumhängst, die dir dann wichtiger sind als ich.«

»Du hast wohl Angst, daß du dann allein hier im Stall sitzen mußt, was?«, fragte er mit einem Lächeln, das allerdings seine Augen nicht erreichte. 

Richtig fröhlich war Christian seit dem Tod seiner Eltern noch nicht wieder gewesen. Er lachte fast nie mehr. Anna hoffte, daß sich das bald änderte. Vor dem Unglück hatten sie beide immer viel zu lachen gehabt, und sie sehnte diese Unbeschwertheit wieder herbei. Sie selbst trauerte auch um ihre Tante und ihren Onkel, aber die Trauer ging nicht so tief wie bei Christian. Manchmal versuchte sie sich vorzustellen, wie es ihr ginge, wenn es ihre Eltern wären, die jetzt drüben auf dem kleinen Familienfriedhof in der Gruft lagen – und allein der Gedanke war so furchtbar, daß sie eine Ahnung davon bekam, wie es in ihm aussehen mußte.

»Sollen wir zurückgehen?«, schlug sie vor.

Christian nickte, und sie standen beide auf. Als sie den Stall verließen, fröstelten sie. Es war schon dunkel, am Himmel zeigten sich die ersten Sterne.

Einem Impuls folgend griff Anna nach seiner Hand und sagte, wie sie es vor Jahren oft getan hatte: »Los, wir rennen.«

Außer Atem erreichten sie wenig später den Seiteneingang des Westflügels. »Ich bin völlig aus der Übung«, stellte Christian fest. »Stell dir vor, ich habe Seitenstechen.«

»Dann sollten wir ab jetzt öfter rennen«, erwiderte Anna und stieß die Tür auf.

Sofort wurden sie von wohliger Wärme und Helligkeit umfangen, von der Küche aus verbreiteten sich köstliche Düfte. Von irgendwoher rief Baronin Sofia: »Anna, Christian, seid ihr das? Das Essen wird gleich serviert, beeilt euch bitte!«

Diese Aufforderung befolgten sie gern, denn seit die junge Marie-Luise Falkner auf Schloß Sternberg kochte, war jede Mahlzeit ein Vergnügen. Sie verschwanden in ihren jeweiligen Zimmern, um sich umzuziehen, denn in den Sachen, in denen sie im Pferdestall gewesen waren, konnten sie sich unmöglich zu den anderen an den Eßtisch setzen.

Konrad und seine Eltern erwarteten sie bereits, als sie kurz nacheinander in dem Salon erschienen, in dem für gewöhnlich die Mahlzeiten eingenommen wurden. »Wo habt ihr denn gesteckt?«, erkundigte sich Sofia.

»Draußen«, antwortete Christian. »Was gibt’s denn zu essen?«

»Laß dich überraschen«, lächelte Sofia.

Marie-Luise Falkner tischte ihnen eine Kürbissuppe und anschließend Zitronenhühnchen auf, beides war wie immer hervorragend. Sie genossen das Essen schweigend, bis Baron Friedrich ihnen den Besuch von Albert von Spangen und seiner zukünftigen Frau bereits für den nächsten Tag ankündigte. »Es scheint mir, als hätte er es sehr eilig, sie der Verwandtschaft vorzustellen – bestimmt wollen die beiden sich bald verloben.«

Daran knüpfte sich ein lebhaftes Gespräch an, an dem sich auch Christian beteiligte.

Baronin Sofia, die sich im stillen eine Menge Sorgen um ihren Neffen machte, sah und hörte es mit Freude, denn es gab Tage, da fürchtete sie, daß der Verlust beider Eltern diesem liebenswerten Jungen allen Lebensmut genommen hatte.

An diesem Abend sah es danach jedoch nicht aus, und das erfüllte sie mit neuer Hoffnung.



*



»Das wird dein Meisterstück«, sagte Amelie Ferner bewundernd zu ihrer Freundin Judith Berenson. Die beiden jungen Frauen lebten und arbeiteten zusammen mit mehreren anderen Künstlern ihres Alters in einem ›Loft‹ in New York – einer alten Fabriketage also. Keiner von ihnen hatte viel Geld, und so war es eine gute Lösung für alle gewesen, sich den riesigen Raum in der alten Fabrik zu teilen. Es war, besonders an kalten Wintertagen, nicht unbedingt die angenehmste Art zu wohnen, denn die Etage war schwer zu heizen, aber im Sommer hatten sie eine großartige Dachterrasse zu ihrer Verfügung, und der Blick über Manhattan sowie die zentrale Lage entschädigten für manche Unannehmlichkeit.

Sie bewohnten die Etage zu sechst. Amelie hatte sich der Mode verschrieben und träumte von einer Karriere als Designerin, zwei junge Männer waren Maler, einer war Bildhauer, und der sechste im Bunde war Musiker. Jeder hatte sein Reich mit improvisierten Wänden abgeteilt, Küche und zwei Bäder wurden geteilt. Nach mehreren Wechseln in der Besetzung war die Wohngemeinschaft jetzt seit über einem Jahr stabil, und alle hofften, das würde für eine Weile so bleiben. Wechsel und Streitereien kosteten nur Zeit, manchmal auch Geld, und das konnte sich hier im Grunde niemand leisten.

Judith sah auf und lächelte, weil sie sich über Amelies Bewunderung freute. Sie war Goldschmiedin. Jedes ihrer Stücke war ein Unikat, nach eigenen Entwürfen gefertigt. Manchmal saß sie wochenlang an einem einzigen Schmuckstück. Wenn es ihr dann gelang, es zu verkaufen, hatte sie für eine Weile ausgesorgt, aber es war jedes Mal wieder ein Glücksspiel, da sie noch völlig unbekannt war. Wenn sie überhaupt kein Geld mehr hatte, fertigte sie kleine Arbeiten für Touristen an: goldene Anhänger in Form der Freiheitsstatue zum Beispiel oder winzige Nachbildungen der schönsten Hochhäuser New Yorks. Die Sachen wurden ihr in der Regel aus den Händen gerissen. Wenn sie bereit gewesen wäre, mehr davon zu machen, hätte sie wahrscheinlich gut davon leben können. Aber das war nicht das, was sie interessierte.

»Ja, ich glaube auch, daß ich noch nie etwas Besseres gemacht habe«, sagte sie jetzt. »Mich freut die Arbeit an diesem Kollier, sie fordert mich heraus, Amelie, und ich will unbedingt, daß es ein ganz besonders schönes Stück wird.«

»Das scheint dir auch zu gelingen«, stellte Amelie fest. »Na ja, ein europäischer Adeliger, der in New York zufällig eine Frau mit zwei Ohrringen von dir sieht und so begeistert von deiner Arbeit ist, daß er sich nach der Urheberin dieser Schmuckstücke erkundigt, dich sucht, bis er dich gefunden hat, um dir dann gleich einen dicken Auftrag zu erteilen – also, das ist schon etwas Besonderes. Klingt ein bißchen wie im Märchen, finde ich.«

Judith lachte und strich sich eine vorwitzige Haarsträhne aus dem Gesicht. Bei der Arbeit trug sie ihre üppigen blonden Locken zu einem Pferdeschwanz gebunden, damit sie sie nicht störten – aber einige schafften es trotzdem immer, sich wieder aus dem Gummiband zu schlängeln. »Ja, das finde ich auch. Ein modernes Märchen eben. Aber das Schönste daran ist, daß meine Kundin die Ohrringe trug, als sie mit ihrem Mann gerade einen Besuch bei Tiffany’s machte. Der Graf war ja auch dort, weil er dachte, Tiffany’s in New York ist genau die richtige Adresse, um das Verlobungsgeschenk für seine zukünftige Frau in Auftrag zu geben. Dann hat er meine Kundin mit den Ohrringen gesehen, und ist zu mir gekommen. Ich bin schon stolz darauf, daß ich den Tiffany-Juwelieren einen Auftrag abgejagt habe.«

Amelie seufzte. »Ein bißchen neidisch bin ich schon«, gab sie zu. »Außerdem ist dieser Graf auch noch ein ausgesprochen 

netter Mensch, der dir gleich eine dicke Anzahlung hiergelassen hat.«