Die Prinzessin aus der Wildnis


Wer zähmt die stolze Victoria?


Roman von Viola Maybach

 

»Sie sitzen schon seit einer Stunde in der Bibliothek«, sagte Anna von Kant zu ihrem Cousin, Prinz Christian von Sternberg, der allgemein ›der kleine Fürst‹ genannt wurde. »Ich möchte mal wissen, warum Onkel Max gekommen ist.«

Anna und Christian hatten sich an ihrem Lieblingsplatz getroffen: in einem der Pferdeställe von Schloß Sternberg – und zwar in demjenigen, der vom Schloß am weitesten entfernt war. Nur im vorderen Bereich des Stalles standen Pferde, in der Nähe der Hintertür, wo sie saßen, war alles leer. Hier waren sie völlig ungestört, was ihnen sehr wichtig war, denn sie hatten einander immer viel zu erzählen. Die dreizehnjährige Anna verstand sich mit dem zwei Jahre älteren Christian viel besser als mit ihrem Bruder Konrad, der sich häufig absonderte, seit er sechzehn und damit in seinen eigenen Augen erwachsen geworden war.

»Er hat ernst ausgesehen«, stellte Christian fest. Neben ihm lag Togo, der junge Boxer, den ihm Annas Eltern vor kurzem geschenkt hatten. Bereits jetzt, nach kaum zwei Wochen, konnte er sich ein Leben ohne den liebevollen und treuen Hund nicht mehr vorstellen. Togo war bei ihm, wenn er abends ins Bett ging, und er weckte ihn morgens vor der Schule auf, damit noch genügend Zeit für einen ersten kurzen Spaziergang blieb. Togo war es auch, dem er manchmal von seinen vor wenigen Monaten tödlich verunglückten Eltern erzählte, und immer war ihm der Hund ein aufmerksamer Zuhörer, der genau zu merken schien, wie es in ihm aussah. Oft leckte er dem kleinen Fürsten liebevoll die Hand, wenn dieser sein Herz ausgeschüttet hatte – und danach war die Last der Trauer wieder ein wenig leichter zu tragen.

»Ja, als ob er Sorgen hätte«, bestätigte Anna. Sie hielt ihre Mimi im Arm, ein kleines graues Kätzchen, mit dem sich Togo zum Glück gut verstand.

Sie sprachen von Fürst Maximilian von Ehrenburg, der ein guter Freund von Christians Vater Leopold gewesen war. Bei der Beisetzung des Fürstenpaares hatte er Christian fest an sich gedrückt, mit Tränen in den Augen, und zu ihm gesagt: »Menschen wie deine Eltern, mein Junge, sind so selten wie perfekte Diamanten. Es ist furchtbar, daß wir sie verloren haben – aber zugleich tröstet es mich, daß sie in dir weiterleben.«

Heute nun, an einem kalten Wintersonntag, war er ohne vorherige Ankündigung auf Schloß Sternberg aufgetaucht und hatte sich nach einer kurzen Begrüßung der Schloßbewohner mit Baronin Sofia und Baron Friedrich von Kant in die Bibliothek zurückgezogen.

Christian war nach dem Tod seiner Eltern in die Familie seiner Tante Sofia aufgenommen worden. Sie war eine Schwester seiner Mutter, lebte mit Mann und Kindern schon seit über zehn Jahren auf Schloß Sternberg, und so waren Christian, Anna und Konrad ohnehin wie Geschwister aufgewachsen. Er hatte nun zwar keine Eltern mehr, aber immer noch eine Familie – und auch sein Zuhause, das Schloß nämlich, war ihm geblieben.

»Onkel Max ist nett«, fuhr Anna nach einer Weile fort. »Auch wenn er meistens ziemlich ernst wirkt. Warum hat er eigentlich keine Frau?«

»Ich glaube, er hatte mal eine, aber sie haben sich getrennt.«

»Kennst du sie?« fragte Anna.

Christian schüttelte den Kopf, während er Togo weiterhin den Kopf kraulte. Der Boxer lag ganz still, er liebte es, wenn Christian ihn kraulte. »Nein, er hat nie über sie gesprochen. Ich habe nur mal zufällig eine Bemerkung aufgeschnappt, aber gleich gemerkt, daß niemand darüber reden wollte.«

»Du hättest trotzdem nachfragen können«, fand Anna. »Wenn man nicht fragt, bekommt man auch keine Antwort.«

Er lächelte sie an und konnte der Versuchung nicht widerstehen, sie ein wenig aufzuziehen. »Ich bin nun mal nicht so neugierig wie du, Anna.«

Sie wollte schon auf ihn losgehen, als sie sein Lächeln bemerkte. »Fang du nicht auch noch an, dich über mich lustig zu machen! Es reicht mir schon, daß Konny das dauernd tut.«

»Ach, komm schon, du kannst doch sonst auch Spaß vertragen. Hör mal, es wird allmählich kalt hier, findest du nicht? Laß uns zurückgehen, vielleicht haben sie ja ihre große Konferenz beendet und erzählen uns, warum Onkel Max gekommen ist.«

Anna stand auf und klopfte sich die Hosen ab. »Bestimmt nicht«, vermutete sie verdrossen. »Wenn sie sich schon so lange in der Bibliothek einschließen und sagen, sie wollten nicht gestört werden, dann kannst du darauf wetten, daß wir nichts erfahren.«

»Eingeschlossen haben sie sich nicht«, widersprach Christian.

Sie verließen den Stall, Anna trug Mimi, während Togo munter vor ihnen her lief und Spuren folgte, die ihm verführerisch erschienen. Aber er sah sich trotzdem immer wieder nach Christian um und entfernte sich nie sehr weit von ihm.

»Wetten wir, daß sie nichts sagen?« fragte Anna. »Sag, worum du wetten willst! Was soll ich tun, wenn ich verliere?«

»Nichts«, erwiderte Christian. »Ich mag nicht wetten.«

»Spielverderber«, maulte Anna. »Wollen wir rennen?«

Christian nickte gutmütig, und so kamen sie gleich darauf trotz der Kälte erhitzt am Seiteneingang des Westflügels an, in dem auch Christian seit dem Tod seiner Eltern wohnte.

Eberhard Hagedorn, der langjährige Butler von Schloß Sternberg, schien sie bereits erwartet zu haben. »Wünschen die jungen Herrschaften eine heiße Schokolade?« fragte er.

»Gern, Herr Hagedorn!« antworteten Anna und Christian wie aus einem Mund. Dann fragte Anna: »Wird in der Bibliothek immer noch getagt?«

Der Butler nickte. »Jawohl, Baronin Anna, noch immer.« Mit diesen Worten verschwand er in der Küche.

»Sei nicht so ungeduldig, Anna, du wirst schon alles erfahren, was du wissen willst«, sagte Christian.

»Aber schneller, als du denkst«, erklärte Anna und schlich zur Bibliothek, um zu lauschen.

Christian folgte ihr nicht, er mußte sich um Togo kümmern. Sonst vielleicht…



*



»Victoria ist jetzt zweiundzwanzig, ich habe sie das letzte Mal gesehen, als sie acht Jahre alt war«, erklärte Fürst Maximilian seinen Freunden Sofia und Friedrich gerade. »Sie ist nach meiner Scheidung von ihrer Mutter in der Südsee aufgewachsen, auf einer Insel von Vanuatu, also auf den Neuen Hebriden. Elena hat mir damals gleich unmißverständlich zu verstehen gegeben, daß sie keinen Kontakt mehr zwischen uns wünschte. Trotzdem habe ich ihr Briefe geschrieben und versucht, sie telefonisch zu erreichen. Vergeblich.«

»Warum bist du nicht in die Südsee gereist, um deine Tochter zu besuchen?« fragte Sofia. »Und um dich vielleicht mit Elena auszusprechen?«

»Das bin ich doch!« erklärte der Fürst niedergeschlagen. »Aber es war eine Katastrophe, jedes Mal, denn Elena hat mir nicht einmal erlaubt, Victoria zu sehen. Das letzte Mal konnte ich immerhin von weitem einen Blick auf meine Tochter erhaschen, aber das war auch alles. Elena hat mir einfach keine zweite Chance eingeräumt, sie konnte mir den einen Fehler, den ich damals gemacht habe, nicht verzeihen. Sie dachte, ich hätte sie dauernd belogen und betrogen – und ich konnte ihr das Gegenteil nicht beweisen. Diese eine kurze Affäre mit einer anderen Frau hat sie mir nicht verziehen, und wer wollte ihr das verdenken?« 

Der Fürst verstummte, man hörte nichts mehr außer den prasselnden Flammen im Kamin. Endlich fuhr er fort zu sprechen. »Ihr wißt, daß ich mich nach unserer Scheidung damals nicht wieder verheiratet habe. Die Wahrheit ist nämlich, daß ich Elena nicht vergessen konnte, und gegen jede Vernunft habe ich all die Jahre über auf eine Versöhnung gehofft. Aber nun ist sie gestorben, und Victoria ist allein.«

Wieder war es still, bis Sofia fragte: »Wie hast du von Elenas Tod erfahren? Ich meine, wenn sie keinen Kontakt zu dir haben wollte…«

»Ihre Schwester Francine hat mich benachrichtigt. Francine lebt in Paris, und es ist mir im Laufe der Jahre gelungen, ihr Vertrauen zu gewinnen. Sie war es, die mich über Elenas und Victorias Leben auf dem laufenden gehalten und mir ab und zu Fotos geschickt hat.« Fürst Maximilian schluckte. »Victoria sieht aus wie ihre Mutter, als wir uns kennenlernten. Ich sitze manchmal stundenlang da und sehe mir die Fotos an. Sie ist wunderschön.«

»Sie spricht sicher kein Deutsch, oder?«

»Doch. Francine hat mir erzählt, daß Elena großen Wert darauf gelegt hat, daß sie ihre deutschen Sprachkenntnisse behält – und das scheint gelungen zu sein. Auch das hat mich hoffen lassen.« Die Stimme des Fürsten war leiser geworden. »Ich habe es als Zeichen gesehen, daß Elena doch noch etwas für mich empfindet. Einer meiner zahlreichen Irrtümer.«

Einige Sekunden lang sagte niemand etwas, dann fragte Friedrich: »Warum sind die beiden eigentlich damals in die Südsee gegangen? Das ist so lange her, ich glaube, da kannten wir uns noch gar nicht.«

»Elenas Mutter kam in der Südsee auf die Welt, ihr Vater hat sie bei einem Urlaub auf ihrer Insel kennengelernt. Sie haben geheiratet und sind gemeinsam nach Paris gegangen, wo Elena zur Welt gekommen ist und später ihre Schwester Francine. Ich habe Elena in Paris kennengelernt, sie ist mir dann nach Deutschland gefolgt.«

»Und da wollte sie nach eurer Scheidung nicht bleiben.«

»Nein«, bestätigte der Fürst. »Sie hatte auch vorher schon davon gesprochen, wie sehr die Heimat ihrer Mutter sie beeindruckt hat, nachdem sie dort zu Besuch gewesen war. Und sie wird befürchtet haben, daß ich auch weiterhin versuchen würde, mich in ihr Leben und das von Victoria einzumischen, wenn sie in der Nähe oder doch zumindest erreichbar geblieben wäre. Also hat sie sich, bildlich gesprochen, am anderen Ende der Welt niedergelassen.«

»Und jetzt möchtest du Victoria in deiner Nähe haben.«

»Sie ist mein einziges Kind«, erklärte Fürst Maximilian leise. »Es ist kein Tag vergangen, seit ich sie das letzte Mal gesehen habe, an dem ich nicht an sie gedacht hätte, das schwöre ich euch. Natürlich möchte ich sie in meiner Nähe haben. Aber…«

»Aber sie will das nicht?«

»Ich habe über Francine versucht, einen Kontakt zu ihr herzustellen – Francine ist übrigens auch der Ansicht, daß eine Begegnung wünschenswert wäre. Aber Victoria hat von ihrer Mutter vermutlich nicht viel Gutes über mich gehört. Sie ist zwar damit einverstanden, sich mit mir zu treffen, aber nicht auf meinem eigenen Grund und Boden, sondern, wie sie es genannt hat, auf ›neutralem Gebiet‹.«

Sofia begriff sofort, was er damit sagen wollte. »Bei uns?«

»Bei euch«, bestätigte Fürst Maximilian. »Francine hat ihr das vorgeschlagen, weil sie wußte, daß Elena sich damals mit Elisabeth gut verstanden hat. Gegen Schloß Sternberg als Begegnungsstätte hatte Victoria nichts einzuwenden.« Er räusperte sich. »Mir ist klar, was ich damit von euch verlange – zumal ihr selbst noch in Trauer seid wegen Elisabeth und Leopold. Außerdem wird die Atmosphäre sicherlich nicht gerade entspannt sein, wenn wir beide aufeinander treffen, also könnte ich verstehen, wenn ihr…«

Der Baron ließ ihn nicht ausreden. »Was für ein Unsinn, Max! Du bist uns jederzeit willkommen, das weißt du. Und Victoria ist es auch, obwohl wir sie nicht kennen. Wir haben hier Platz genug, so daß ihr euch auch einmal aus dem Weg gehen könnt, wenn ihr es als notwendig empfinden solltet. Außerdem bin ich sicher, daß unsere Kinder glücklich über die Abwechslung sein werden. Vor allem Christian tut es gut, wenn wir Gäste haben. Er ist seit dem Tod seiner Eltern viel zu ernst geworden.«

»Zum Lachen werden wir ihn kaum bringen«, murmelte Maximilian. »Ich sage euch, wenn Victoria das Temperament ihrer Mutter geerbt hat – und nach Francines Aussagen scheint das der Fall zu sein –, dann könnten hier während unseres Aufenthaltes die Fetzen fliegen.«

»Ihr seid uns herzlich willkommen!« sagte nun auch Baronin Sofia mit Nachdruck. »Wann wird Victoria denn eintreffen?«

»Ich wollte zuerst mit euch sprechen, es hätte ja sein können, daß ihr Einwände erhebt. Da das nicht der Fall ist, werde ich den Flug umgehend buchen. Wie wäre es mit dem nächsten Wochenende?«

»Sehr gern, Max. Wir freuen uns, deine Tochter kennenzulernen – und wir freuen uns auch, dich eine Weile bei uns zu haben.«

Fürst Maximilian bemühte sich um ein Lächeln, was ihm freilich nicht recht gelang. »Ehrlich gesagt weiß ich noch nicht, ob ich mich freuen soll. Wer weiß, welche Überraschungen meine Tochter für mich parat hat.«

»Laß ihr Zeit, sich an dich zu gewöhnen«, riet Sofia. »Wenn Elena ihr nicht viel Gutes über dich erzählt hat, wird sie natürlich Vorbehalte haben. Aber du wirst es schaffen, ihr Herz zu gewinnen, Max, daran glaube ich.«

»Es wäre so schön, wenn du Recht behieltest, Sofia!«

Es war alles gesagt, und so schwiegen sie nun alle drei. Draußen vor der Tür schlich Anna leise davon. Sie hatte mehr erfahren als erhofft.



*



»Wir fliegen zusammen nach Deutschland«, sagte Francine de la Roche zu ihrer Nichte Victoria von Ehrenburg. »Am kommenden Samstag, Vicky. Ich begleite dich nach Schloß Sternberg und bleibe für eine Nacht dort, dann fliege ich weiter nach Paris. Wenn etwas sein sollte, kannst du mich dort jederzeit erreichen oder zu mir kommen.«

Sie lagen am Strand, der Pazifik war nur einige Meter von ihnen entfernt. Victoria hatte ein buntes Tuch um sich geschlungen, die langen dunklen Haare waren naß, weil sie gerade erst aus dem Wasser gestiegen war. »Ich höre mir an, was er zu sagen hat, dann fliege ich zurück«, sagte sie. »Wenn er nicht mein Vater wäre, würde ich gleich hier bleiben. Aber ich bin neugierig auf ihn. Er hat meine Mutter unglücklich gemacht, und das will ich ihm noch einmal in aller Deutlichkeit sagen.«

»Meinst du nicht, daß er das weiß, Chérie?« fragte Francine liebevoll. »Ich habe dir ja schon gesagt, daß du dir ein falsches Bild von ihm gemacht hast – wie ich im übrigen auch.«

Victoria warf ihr einen raschen Blick zu. »Dich hat er ja ganz schön eingewickelt, Tante Francine«, sagte sie. »Du scheinst ihm zu glauben, daß er in Wirklichkeit ein guter Mensch ist. Dabei hat er Mama belogen und betrogen…«

»Einmal«, erklärte Francine mit fester Stimme. »Er hat einmal einen Fehler gemacht und dafür gleich lebenslänglich bekommen. Das ist ziemlich hart, findest du nicht?«