Der kleine Fürst -11-


Sei tapfer, Leontine!


Eine junge Gräfin steht vor ihrer schwersten Prüfung


Roman von Viola Maybach 

»Bitte, nimm Platz, Leontine«, bat Professor Christof Marquart.

Leontine Gräfin zu Volzhagen sah ihn unsicher an, als sie sich ihm gegenüber setzte. »Du machst so ein ernstes Gesicht, Onkel Christof«, sagte sie. »Was ist los? Bin ich etwa todkrank?« 

Es sollte heiter und unbeschwert klingen, aber sie traf den Ton nicht richtig, er hörte die Angst in ihrer Stimme. Die Kehle wurde ihm eng bei dem Gedanken an das, was er ihr nun zu sagen hatte. »Ja, Leontine, du bist sehr krank«, erwiderte er ernst. »Du hast Leukämie.«

Sie wollte den Kopf schütteln, lachen, ihm sagen, daß das ganz und gar unmöglich sei – solche Krankheiten bekamen doch immer nur die anderen, aber niemals man selbst! Doch die Worte blieben ihr im Halse stecken, statt dessen füllten sich ihre Augen, ohne daß sie es merkte, mit Tränen. »Leukämie?«

Er nickte und begann mit ausführlichen Erklärungen, die ihm wohl mehr halfen als ihr, denn sie hörte ihm kaum zu. Was kümmerten sie diese Einzelheiten? Damit konnte sie nichts anfangen, das war nur Theorie. Was sie interessierte, war einzig und allein eine Antwort auf die Frage, die sie ihm mitten in seine Rede hinein stellte: »Werde ich sterben oder kann ich gerettet werden?«

»Retten kann dich nur eine Knochenmarkspende, Leo. Da du keine Familie mehr hast, wirst du also auf fremde Spender angewiesen sein. Es ist ein teures und aufwendiges Verfahren, herauszufinden, wer als Spender für dich infrage käme. Wenn du Geschwister hättest, wäre es einfacher.« Christof Marquart zögerte. »Man nimmt heutzutage auch Spenden, die genetisch nicht passen, aber das erhöht natürlich das Risiko, daß die Transplantation erfolglos bleibt.«

Sie nannte ihn ›Onkel‹, weil er als bester Freund ihres Vaters schon immer zur Familie gehört hatte. Nachdem ihre Eltern kurz nacheinander verstorben waren, hatten seine Frau Ella und er sich rührend um sie gekümmert.

»Kann es kein Irrtum sein?«, fragte sie. »Ich fühle mich doch im Augenblick gar nicht so schlecht.«

»Du weißt selbst, wie schnell sich das ändern kann –, du hast es mir ja vorhin erst erzählt.«

Sie nickte mit gesenktem Kopf. »Wenn ich keinen Spender finde, werde ich also sterben, Onkel Christof?«

Er beugte sich vor und griff nach ihrer Hand, die er mit seinen beiden Händen umschloß. »Ja, aber wir werden einen Spender finden, auch wenn ich dir nicht sagen kann, wie lange es dauert«, sagte er nach einer langen Pause. »Aber eins steht fest: Ohne gespendetes Knochenmark kannst du nicht überleben.«

Die Tränen liefen ihr über das Gesicht, aber sie gab keinen Laut von sich. »Ich bin erst sechsundzwanzig Jahre alt, Onkel Christof. Das ist ungerecht! Manche Menschen werden sehr alt, sie möchten gern sterben, aber sie können es nicht. Ich möchte leben und darf es nicht.«

»Doch, wir werden dafür sorgen«, entgegnete er. »Es besteht immer Hoffnung, solange man lebt, Leo. Ich werde dich gleich auf die Liste setzen –, und vielleicht sollten wir einen Spendenaufruf starten. Was meinst du?«

Ihre Augen schwammen immer mehr in Tränen. »Ich kann das nicht«, sagte sie. »Ich kann mich nicht hinstellen und sagen: Bitte, spendet mir von eurem Knochenmark.«

»Das sollst du ja auch gar nicht«, erwiderte er beruhigend. »Wir können das für dich tun, Ella und ich. Du brauchst dich um nichts zu kümmern. Willst du nicht zu uns kommen? Mir ist nicht wohl bei dem Gedanken, daß du ganz allein in deiner Wohnung bist – denn wie ich dich kenne, wirst du ja nicht hier in der Klinik bleiben wollen, solange du dich einigermaßen gut fühlst.«

Sie nahm ein Taschentuch und preßte es auf ihre Augen. Als sie es sinken ließ, versuchte sie zu lächeln. Es mißlang ihr kläglich. »Ganz bestimmt nicht!« Etwas von ihrer früheren Lebendigkeit klang in ihrer Stimme durch. »Später komme ich bestimmt zu euch, Onkel Christof, aber weißt du, wo ich vorher gern noch einmal hinfahren würde?«

»Ja, das weiß ich. Nach Schloß Sternberg, wo ihr früher oft so wundervolle Ferien verbracht habt, deine Eltern und du.«

Sie nickte mit glänzenden Augen. »Ja«, bestätigte sie. »Sternberg ist der Ort, den ich wiedersehen möchte, falls ich...« Sie stockte, beendete den Satz dann aber tapfer. »Falls ich sterben muß.«

Er strich ihr die dunklen lockigen Haare aus dem Gesicht. »Ich werde alles tun, um das zu verhindern, Leo«, versprach er. »Ich habe schon deinen Vater verloren, der mir immer den Bruder ersetzt hat und deine Mutter ist später wie eine Schwester für mich geworden. Dich gebe ich nicht freiwillig her. Wir werden um dein Leben kämpfen, auch du mußt das tun, versprich mir das.«

Auf einmal zeigte Leontines Gesicht, wie müde sie war. »Wenn ich noch Kraft habe, tue ich es, Onkel Christof. Aber du ahnst ja nicht, wie erschöpft ich mich in letzter Zeit manchmal gefühlt habe.«

»Doch, ich kann es mir vorstellen. Setz’ dich aber bitte nicht selbst ans Steuer, Leo, sondern laß’ dich fahren. Wirst du Baronin Sofia und Baron Friedrich sagen, wie es um dich steht?«

»Ich weiß es noch nicht. Vielleicht ja, vielleicht auch nicht, das entscheide ich, wenn ich auf Sternberg bin. Ich will ihnen auf keinen Fall schon vorher einen Schrecken einjagen. Aber es wäre schön, wenn ich mich noch einmal so unbeschwert fühlen könnte wie damals, als wir dort unsere Ferien verbracht haben. Danach komme ich zurück und...« Sie sah den Professor fragend an. »Und dann?«, fragte sie.

»Wir werden sehen«, antwortete er ruhig. »Ich gebe dir alles an Medikamenten mit, was du brauchst. Sollte sich dein Zustand erheblich verschlechtern, melde dich bitte umgehend und komm’ zurück. Dann nehmen wir dich hier in der Klinik auf. Ich werde entsprechende Vorkehrungen für diesen Fall treffen.«

Mit abwesendem Gesichtsausdruck sagte sie: »Wenn ich ehrlich sein soll, war das jetzt gar keine so große Überraschung für mich, Onkel Christof. Ich glaube, in meinem tiefsten Inneren habe ich gespürt, daß ich ernsthaft krank bin. Daß es dieses Mal nicht einfach eine Infektion ist, die man auskuriert, und dann hat man es überstanden. Irgendwie habe ich es gewußt.« Sie stand auf und umarmte ihn. »Danke, daß du es mir selbst gesagt hast, Onkel Christof.«

»Kommst du noch einmal bei uns vorbei, bevor du dich auf den Weg nach Sternberg machst?« fragte er.

»Lieber nicht«, antwortete sie. »Wir würden doch nur weinen, Tante Ella und ich. Das heben wir uns für später auf. Ich schätze mal, es wird noch genug Grund für Tränen geben.«

Er konnte nicht anders, als sie zu bewundern für ihre Haltung. Sie hatte ihre Selbstbeherrschung schnell wieder erlangt, und er war froh darüber. Vor ihr lag ein langer und schwerer Weg, und sie wußte es. Aber sie würde sich in den kommenden Tagen und Wochen innerlich darauf einstellen.

»Wir bleiben aber bitte in telefonischem Kontakt«, sagte er. »Ella wird mich sowieso beschimpfen, daß ich nicht versucht habe, dir diese Fahrt auszureden.«

»Du könntest es versuchen, aber Erfolg hättest du auf keinen Fall, Onkel Christof.«

»Ja, ich weiß. Und ich denke ja auch, ein Aufenthalt auf Sternberg wird dir gut tun. Grüß’ alle dort sehr herzlich von mir.«

Das versprach Leontine, dann ging sie, in sehr gerader Haltung und mit hocherhobenem Kopf.



*



»Victor!« rief Baron Friedrich von Kant, als sich sein Freund Graf Victor von Ehrenfels am Telefon meldete. »Seit wann bist du zurück?«

Der Graf lachte. Er war um einiges jünger als der Baron, ihrer Freundschaft hatte das jedoch nicht geschadet. »Seit einer Woche. Aber du glaubst ja nicht, Fritz, wer sich alles auf dich stürzt, wenn du eine Weltreise hinter dir hast. Sogar ein Fernsehsender hat angefragt, ob ich nicht in einer Talkshow über meine Abenteuer berichten will.«

»Und? Willst du?«

»Auf gar keinen Fall! Ich werde mein Buch schreiben, wie geplant, und darauf freue ich mich schon. Ich habe nämlich wirklich viel erlebt.«

»Wenn du jetzt ein so viel beschäftigter und gefragter Mann bist, ist es wohl sinnlos, dich um einen Besuch bei uns zu bitten?«

»Im Gegenteil«, antwortete Graf Victor. »Ich wollte euch sogar fragen, ob es euch passen würde, wenn ich mich demnächst mal bei euch blicken lasse. Mir steht der Sinn danach, abzutauchen und dem Rummel, den sie im Augenblick um meine Person machen, für eine Weile zu entgehen. Sternberg wäre der Ort, an dem ich das am liebsten täte.«

»Du bist uns jederzeit herzlich willkommen.«

Eine kurze Pause entstand, dann fragte Victor: »Sicher? Sei ehrlich, Fritz.«

»Was meinst du?« fragte der Baron verwundert. »Du weißt doch, wie sehr wir uns immer über einen Besuch von dir freuen.«

»Na ja, auch wenn ich auf einer Weltreise war, habe ich doch mitbekommen, daß Fürstin Elisabeth und Fürst Leopold tödlich verunglückt sind und daß ihr beide, Sofia und du, jetzt für Christian verantwortlich seid. Ich hätte Verständnis dafür, wenn ihr keine Gäste haben wolltet.«

»Im Gegenteil«, widersprach Friedrich mit ruhiger Stimme. »Wir freuen uns immer über Besuch. Die Trauer um Elisabeth und Leopold ist Teil unseres Lebens geworden, aber sie lähmt uns nicht.«

»Den Jungen auch nicht?«

»Er besucht seine Eltern jeden Tag auf dem Hügel und hält Zwiesprache mit ihnen. Das tut ihm gut, er kehrt von seinen Besuchen auf dem Familienfriedhof immer getröstet und ruhig zurück. Wir werden die beiden nie vergessen, Victor, aber wir leben trotzdem weiter.«

»Wenn das so ist, würde ich gern kommen, Fritz.«

»Morgen? Oder zum Wochenende?«

Victor lachte. »Nein, ganz so schnell werde ich es nicht schaffen, aber ich denke, nächste Woche kann ich bei euch sein. Ich rufe vorher noch einmal an, ja?«

»Wir freuen uns!« versicherte der Baron.

»Worauf?« erkundigte sich seine Frau Sofia von der Tür her.

»Das war Victor, er ist von seiner Weltreise zurück und will uns besuchen.«

Die Baronin lächelte. »Was für ein schönes Zusammentreffen, ich wollte dir nämlich auch gerade mitteilen, daß wir Besuch bekommen. Leontine hat sich angesagt.«

Friedrich freute sich über diese Nachricht. »Wir haben sie lange nicht gesehen –, dabei war sie früher mit ihren Eltern so oft hier!«

»Ja, davon hat sie auch gesprochen. Sie wird schon übermorgen eintreffen.«

»Hoffentlich bleibt sie so lange, daß sie Victor noch kennenlernt.«

»Ach, er kommt nicht sofort?«

»Nächste Woche. Er scheint sehr viel zu tun zu haben.«

»Das kann ich mir vorstellen. Er war ja ein ganzes Jahr lang weg. Hast du die Kinder gesehen?«

»Schon länger nicht mehr. Sie sind sicher bei den Pferden.«

Sofia nickte, gab ihrem Mann einen Kuß und verließ sein Büro, um Marie-Luise Falkner, die Köchin auf Sternberg, von den bevorstehenden Besuchen zu informieren, damit sie ihre Planungen darauf einstellen konnte.



*



»Tante Ella!« Leontine konnte es nicht verhindern, daß ihre Stimme abweisend klang.

Ella Marquart hörte es wohl, beachtete es aber nicht weiter. »Darf ich einen Moment hereinkommen?« fragte sie ruhig.

»Bitte.« Widerwillig trat Leontine zur Seite. »Ich bin gerade am Packen.«

»Dann helfe ich dir«, erklärte Ella. Sie war eine füllige Blondine, in deren gutmütigem Gesicht die wachen blauen Augen auffielen. Die Frau des berühmten Internisten Professor Christof Marquart wurde wegen ihres harmlosen Aussehens oft unterschätzt, dabei hatte sie einen scharfen Verstand und war von ungewöhnlicher Entscheidungsfreude.

Leontine wollte dieses Angebot ablehnen, ließ es dann aber, weil sie sich eingestehen mußte, daß das Packen sie anstrengte. »Na schön«, sagte sie seufzend. »Ich kann es dir ja sowieso nicht ausreden, Tante Ella.«

»Braves Mädchen.« Tatkräftig ging Ella zu Werke, und innerhalb kürzester Zeit hatte sie nach Leontines Angaben alles eingepackt. »Wie lange willst du bleiben?« fragte sie angesichts der drei großen Koffer.

»Lange«, antwortete Leontine. »Am liebsten bis..., es nicht mehr geht.«

Ella nahm ihre Hand und führte sie zu einem flauschigen Sofa. »Bitte, setz’ dich einen Moment zu mir, Kind.«

»Ich will nicht weinen, Tante Ella.«

»Ich auch nicht.«

»Und gute Ratschläge will ich auch nicht hören.«

»Wer sagt dir, daß ich dir welche geben will? Du bist erwachsen, du weißt, was du willst und ich werde nicht versuchen, dich davon abzubringen. Nur um eines bitte ich dich: Sag’ der Baronin und ihrem Mann auf jeden Fall die Wahrheit. Und gib die Hoffnung nicht auf. Ich werde versuchen, den geeigneten Spender für dich zu finden, wenn du mir das erlaubst. Natürlich sucht auch die Klinik auf den üblichen Wegen. Aber ich möchte einen Aufruf starten und die Bevölkerung um Mithilfe bitten. Christof hat ja wohl schon mit dir darüber gesprochen.«

»Ja, das hat er. Ich selbst..., ich kann das nicht, Tante Ella.«

»Das fände ich auch nicht richtig, so etwas müssen andere übernehmen, und ich würde es gern’ tun.«

»Das ist lieb von dir«, sagte Leontine leise. »Wenn du glaubst, daß du damit Erfolg haben könntest, tu es. Aber laß meinen Namen da raus. Ich will nicht, daß meine Krankheit öffentlich bekannt wird. Nicht einmal meine Freunde werde ich einweihen. Sie sollen mich so in Erinnerung behalten, wie sie mich gekannt haben – und nicht als todkranke Frau.«

»Das ist deine Entscheidung«, erwiderte Ella ruhig. »Ich persönlich denke, daß du gute Freunde brauchen wirst, die dir beistehen, wenn du schwächer und schwächer wirst. Wenn du es Christof und mir erlaubst, werden wir für dich da sein. Aber du solltest deine gleichaltrigen Freundinnen und Freunde nicht unterschätzen, Leo.«

»Das tue ich nicht. Aber mir ist es so lieber.«

Ella nickte, fragte, ob sie noch etwas tun könne und als Leontine das verneinte, verabschiedete sie sich mit einer herzlichen Umarmung wieder.



*



»Und wieso heißt er ›der kleine Fürst‹?« erkundigte sich Olli Kramm bei Marie-Luise Falkner, der jungen Köchin auf Schloß Sternberg.