Über Antoine Laurain

Foto: Jean-Luc Bertini, Flammarion

Antoine Laurain wurde in Paris geboren und hat sein ganzes Leben dort verbracht. Er arbeitete als Drehbuchautor und Antiquitätenhändler. Liebe mit zwei Unbekannten ist in Frankreich ein Bestseller und erscheint in vierzehn Ländern.

Es gibt nicht viel anderes als das Erhabene, das uns im gewöhnlichen Leben helfen kann.

 

Alain (Émile-Auguste Chartier)

Das Taxi hatte sie an der Ecke des Boulevards abgesetzt. Bis zu ihrem Haus waren es nur noch fünfzig Meter. Die Straße und die Fassaden wurden vom orangen Schein der Laternen erhellt, und doch war sie, wie immer spät nachts, auf der Hut gewesen. Sie hatte sich umgedreht und niemanden gesehen. Aus dem Drei-Sterne-Hotel gegenüber fiel Licht auf den Gehweg zwischen den beiden Topfpflanzen, die den Eingang flankierten. Sie war vor ihrer Haustür stehengeblieben, hatte den mittleren Reißverschluss ihrer Tasche geöffnet, um den Schlüsselbund herauszunehmen, und dann war alles sehr schnell gegangen. Eine Hand hatte die Tasche am Schulterriemen gepackt, eine aus dem Nichts aufgetauchte Hand, die einem dunkelhaarigen Mann in einer Lederjacke gehörte. Die Angst brauchte nur eine Sekunde, um durch die Adern bis in ihr Herz zu schießen und dort zu explodieren wie ein eisiger Regen. Instinktiv klammerte sie sich an ihre Tasche, der Mann zog daran, und als sie nicht losließ, legte er ihr die flache Hand aufs Gesicht und stieß sie mit dem Kopf gegen die schmiedeeiserne Tür. Der Schlag ließ sie wanken, leuchtende Funken schwebten über die Straße wie ein Schwarm Glühwürmchen, ein Beben weitete ihre Brust, und ihre Finger ließen die Tasche los. Der Mann lächelte, der Riemen beschrieb einen Kreis durch die Luft, und er rannte davon. Sie blieb gegen die Tür gelehnt stehen und blickte der Gestalt nach, die in der Nacht verschwand. Sauerstoff drang in regelmäßigen Abständen in ihre Lunge, ihre Kehle brannte wie Feuer, und ihr Mund war trocken – die Wasserflasche war in der Tasche. Sie streckte einen Finger aus, tippte den Code ein, stieß die Tür vorsichtig mit dem Rücken auf und schlüpfte ins Hausinnere.

Die Tür aus Glas und schwarzem Eisen bildete eine Sicherheitsschranke zwischen ihr und der Welt. Langsam setzte sie sich auf die Marmorstufen im Hausflur und schloss die Augen. Sie wartete, bis ihr Gehirn sich beruhigte und wieder normal zu funktionieren begann. Etwa so, wie die Rauchverbots- und Anschnallzeichen im Flugzeug nacheinander ausgehen, erloschen eine nach der anderen die Alarmleuchten in ihrem Kopf: Ich werde überfallen. Ich werde sterben. Man hat mir meine Tasche gestohlen. Ich bin nicht verletzt. Ich bin am Leben. Sie blickte zu den Briefkästen auf, las dort ihren Vornamen, ihren Nachnamen und das Stockwerk: 5. Stock links. Um fast zwei Uhr morgens und ohne ihre Schlüssel würde sie die Tür zu ihrer Wohnung im 5. Stock links nicht so schnell aufbekommen. In ihrem Geist nahm diese sehr konkrete Tatsache Gestalt an: Ich kann nicht nach Hause, und man hat mir meine Tasche gestohlen. Sie ist nicht mehr bei mir, ich werde sie nie wiedersehen. Schlagartig war gerade ein Teil ihrer selbst verschwunden. Sie schaute sich um, als würde die Tasche sich gleich vor ihren Augen materialisieren und damit die Sequenz aufheben, die sich gerade abgespielt hatte. Aber nein, sie war nicht mehr da. Sie war ihr entrissen worden und flog jetzt irgendwo in den Straßen der Stadt am Arm des rennenden Mannes dahin, er würde sie öffnen und ihre Schlüssel, ihre Papiere, ihre Erinnerungen finden. Ihr ganzes Leben. Sie spürte, wie ihr brennende Tränen in die Augen stiegen. Angst, Verzweiflung und Zorn gesellten sich zum Zittern ihrer Hände, das nicht mehr aufhören wollte, als plötzlich ein jäher Schmerz ihren Nacken durchfuhr. Sie strich mit der Hand über die Stelle, sie blutete, und natürlich war das Päckchen Papiertaschentücher in der Tasche.

Ein Uhr achtundfünfzig morgens: undenkbar, bei einem ihrer Nachbarn zu klingeln. Nicht einmal bei diesem netten Typen, dessen Namen sie sich nicht gemerkt hatte, der gerade im zweiten Stock eingezogen war und irgendwas mit Comics arbeitete. Das Hotel gegenüber schien ihr die einzige Lösung zu sein. Die Treppenhausbeleuchtung war ausgegangen, und sie suchte tastend nach dem Schalter. Als das Licht wieder anging, wurde ihr leicht schwindelig, sie stützte sich an der Wand ab. Sie musste sich zusammennehmen, im Hotel darum bitten, eine Nacht dort schlafen zu dürfen, erklären, dass sie gegenüber wohnte und morgen bezahlen würde. Sie hoffte, der Nachtportier würde Verständnis haben, denn eine andere Idee hatte sie nicht. Sie öffnete die schwere Eingangstür und begann zu zittern. Nicht wegen der Kälte der Nacht, sondern weil eine diffuse Angst sie überkam, als hätten die Fassaden etwas von den Ereignissen in sich aufgenommen, und der Mann könnte wie durch Zauberei aus einer Hauswand heraustreten. Laure blickte sich um. Die Straße war leer. Er würde nicht wiederkommen, sicher nicht, aber Ängste hat man nicht immer im Griff, und um zwei Uhr morgens zwischen Irrationalem und Möglichem zu unterscheiden, ist keine leichte Sache. Sie ging über die Straße auf das Hotel zu. Unwillkürlich wollte sie ihre Tasche an sich drücken, doch zwischen ihrer Hüfte und ihrem Unterarm war nur Luft. Sie trat in das Licht des Vordachs, und die Schiebetür glitt auf. An der Rezeption saß ein grauhaariger Mann und blickte zu ihr auf.

Er war einverstanden. Etwas widerwillig, aber als Laure dazu ansetzte, das Armband ihrer goldenen Uhr zu lösen, um diese als Pfand zu hinterlassen, hob er die Hand und ergab sich. Die verstörte junge Frau sagte sicher die Wahrheit, sie wirkte seriös, und die Wahrscheinlichkeit, dass sie am nächsten Tag wiederkommen und bezahlen würde, lag bei gut neunzig Prozent. Sie hatte ihm ihren Namen, Vornamen und Adresse gegeben. Die Rezeption hatte schon weit Schlimmeres erlebt, als dass eine Frau, die angeblich seit fünfzehn Jahren direkt gegenüber wohnte, möglicherweise eine Übernachtung nicht bezahlen würde. Sicher, es wäre eine Lösung gewesen, die Freunde anzurufen, bei denen sie den Abend verbracht hatte, aber deren Telefonnummer war in ihrem Handy. Und seit es Handys mit Adressbüchern gab, hatte Laure nur noch ihre eigene Nummer und die von ihrer Arbeit im Kopf. Was den Schlüsseldienst anging, den der Portier vorgeschlagen hatte, so fiel auch diese Möglichkeit ins Wasser. Laure hatte ihre Schecks aufgebraucht und es versäumt, rechtzeitig neue zu bestellen, das Scheckheft würde erst Anfang der nächsten Woche auf der Bank bereitliegen. Ohne ihre Kreditkarte und die vierzig Euro in bar, die sich in ihrer Brieftasche befanden, verfügte sie über keinerlei Zahlungsmittel mehr. Es war beängstigend, wie in dieser Situation tausend Details, die vor einer Stunde noch völlig bedeutungslos gewesen waren, sich plötzlich gegen sie zu verbünden schienen. Sie folgte dem Mann in den Aufzug, dann durch den Flur bis zum Zimmer 52, mit Blick auf die Straße. Er machte das Licht an, zeigte ihr rasch Bad und Toilette und gab ihr den Schlüssel. Sie dankte ihm und versprach erneut, sie würde am nächsten Tag vorbeikommen, sobald sie könnte. Der Nachtportier lächelte wohlwollend, eine Spur entnervt, dieses Versprechen zum fünften Mal zu hören: »Ich glaube Ihnen, Mademoiselle, gute Nacht.«

Laure ging zum Fenster und zog die Gardinen etwas auf: Das Zimmer lag im selben Stock wie ihre Wohnung. Sie hatte im Wohnzimmer die Stehlampe angelassen und einen Stuhl vor das halb offene Fenster gestellt, damit Belphégor hinausschauen konnte. Es war sehr merkwürdig, ihre Wohnung von hier aus zu sehen. Sie hatte fast das Gefühl, gleich müsste sie sich selbst durchs Zimmer gehen sehen. Sie öffnete das Fenster. »Belphégor«, rief sie halblaut, »Belphégor …«, und gab den leise schnalzenden Kusslaut von sich, den jeder kennt, der eine Katze hat. Kurz darauf sprang das schwarze Tier auf den Stuhl, und zwei gelbe Augen fixierten sie verdutzt. Wie konnte es sein, dass seine Besitzerin sich da gegenüber befand und nicht in der Wohnung? »Tja, so ist das, ich bin hier …«, sagte sie schulterzuckend zu ihm hinüber. Sie winkte ihm kurz zu und beschloss, sich schlafen zu legen. Im Badezimmer fand sie Papiertücher und machte sie nass, um die Verletzung an ihrem Kopf zu säubern. Als sie sich vorbeugte, wurde ihr wieder schwindelig. Gut war nur, dass sie offenbar nicht mehr blutete. Sie nahm ein Handtuch, legte es über das Kopfkissen und zog sich dann aus. Als sie im Bett lag, konnte sie nicht verhindern, dass der Überfall sich erneut vor ihr abspulte. Die Szene, die höchstens eine Handvoll Sekunden gedauert hatte, zog sich jetzt wie eine Zeitlupensequenz dahin. Noch gedehnter als die ästhetisch motivierten Zeitlupenaufnahmen im Kino, länger. Eher wie die Aufnahmen von Auto-Crashtests mit Versuchspuppen. Dabei sieht man den Innenraum des Fahrzeugs, die Windschutzscheibe, die zersplittert wie eine senkrechte Wasserpfütze, die Köpfe der Puppen, die sich sanft nach vorn bewegen, die Airbags, die sich aufblasen wie Kaugummis, und das wie durch die Wirkung einer sanften Hitze leise zerknautschte Blech.

Laurent stand vor dem Badezimmerspiegel und gab es auf, sich zu rasieren. Der elektrische Apparat, dessen Surren seine tägliche Morgenmusik darstellte, hatte gleich beim Einschalten ein ersterbendes Brummen von sich gegeben, bevor er ganz verstummte. Laurent konnte den On/Off-Schalter betätigen, auf das Gitter klopfen, den Stecker aus- und wieder einstecken, so oft er wollte – der Braun 860 mit flexiblem Dreifach-Scherkopf hatte den Geist aufgegeben. Er war zutiefst verstimmt, konnte sich jedoch nicht dazu durchringen, den Rasierer wegzuwerfen, jedenfalls nicht gleich. Er legte ihn andächtig in die Riesenmuschel, die er vor zehn Jahren aus Griechenland mitgebracht hatte. Der Gillette-Rasierer, der noch in einer Schublade herumlag, würde ihm auch nichts nützen, denn es erwartete ihn eine zweite Überraschung: Als er den Wasserhahn der Badewanne aufdrehte, erklang ein hinterhältiges Gurgeln. Kein Wasser mehr. Seit einer Woche kündigte ein Aushang im Flur die Wassersperrung im ganzen Haus an, aber er hatte sie vergessen. Laurent betrachtete sich im Spiegel. Er sah das Gesicht eines unrasierten Mannes mit Haaren, die von einer Nacht auf dem Kopfkissen komisch platt gedrückt waren. Im Wasserkocher war gerade noch genug Wasser für eine einzige Tasse Kaffee. Als er aus dem Haus ging, warf er einen Blick auf das Metallgitter des Ladens. Nachher würde er den Schlüssel im Schloss umdrehen, um es elektrisch hochzufahren, er würde seinem Nachbarn Jean Martel zunicken (Le Temps Perdu, Die verlorene Zeit, Antiquitäten – Trödel – Ankauf – Verkauf), der mit einem Milchkaffee auf der Terrasse des Café Jean Bart säße. Er würde auch der Frau von der Reinigung zuwinken (La Blanche Colombe, Die weiße Taube – Qualitätsreinigung), die durchs Schaufenster hindurch seinen Gruß erwidern würde, und wenn das Rollgitter dann oben wäre, würde er den gewohnten Blick in sein eigenes Schaufenster werfen, in dem neben den »Neuerscheinungen« und den »Bestsellern« die »Bildbände« auslagen, »Unsere Lieblingsbücher« neben den »Klassikern«. Gegen halb elf würde Maryse eintreffen, gefolgt von Damien. Dann wäre das Team vollständig, der Arbeitstag könnte beginnen, es gäbe Lieferungen auszupacken und die verschiedensten Auskünfte zu erteilen: Ich suche ein Buch, von dem ich weder den Autor noch den Verlag weiß, aber die Geschichte spielt im Zweiten Weltkrieg. Empfehlungen abzugeben: Madame Berthier, das ist ein Roman für Sie, Sie suchten doch etwas Leichtes zur Unterhaltung, da müssen Sie unbedingt diesen Autor lesen, der wird Ihnen ganz sicher gefallen. Bestellungen aufzugeben: Ja, guten Tag, hier ist die Buchhandlung Le Cahier Rouge, ich bräuchte drei Exemplare von Molières Don Juan als Taschenbuch, in der Biblio-Lycée-Schulausgabe. Und Remittenten zurückzuschicken: Ja, guten Tag, hier Le Cahier Rouge, ich muss Ihnen leider die vier Exemplare von Sommer der Trauer zurückschicken, ich werde sie nicht los und brauche Platz für Neuerscheinungen. Planung von Signierstunden: Ja, guten Tag, hier Laurent Letellier von Le Cahier Rouge – wir würden gern eine Signierstunde mit Ihrem Autor organisieren, wäre das denkbar?

Als er den Laden für seine Buchhandlung gekauft hatte, war der ein schlechtgehendes Café gewesen, Le Celtique, betrieben von einem älteren Ehepaar, das nur darauf wartete, in die Auvergne zurückzukehren, und für das Laurent zum unverhofften Retter wurde. Zu dem Café gehörte eine »Dienstwohnung« direkt darüber. Ein unleugbarer Vorzug, was die Entfernungen angeht, die ganz einfach verschwinden, der aber auch seine Kehrseite hat: Man lässt seinen Arbeitsplatz nie hinter sich.

Laurent ging um den kleinen Park herum, auf den Le Cahier Rouge, Das rote Heft, blickte, und bog in die Rue de la Pentille ein. Er hatte den letzten Roman von Frédéric Pichier unterm Arm, Mit dem Himmel als Gebälk. Der Autor würde in der nächsten Woche zu einer Signierstunde kommen, und Laurent wollte seine Randnotizen nachlesen, während er auf der Terrasse des Café de l’Espérance, das er bei seinen Morgenspaziergängen oft aufsuchte, einen doppelten Espresso trank. Das Buch erzählte vom Schicksal einer jungen Bäuerin im Ersten Weltkrieg. Es war der vierte Roman des Autors, der mit Tränen im Sand bekannt geworden war, der Geschichte eines Soldaten, der sich während der französischen Besetzung unter Napoleon in eine junge Ägypterin verliebt. Pichier hatte die Gabe, das Schicksal seiner Figuren mit den großen Momenten der Geschichte zu verbinden. Die Literaturkritiker wussten nicht recht, wie sie ihn einordnen sollten: War er einfach nur ein guter Geschichtenerzähler oder ein wahrer Schriftsteller? Die Frage war nicht entschieden. Jedenfalls verkaufte sich das Buch sehr gut, und die Signierstunde würde sicher großen Anklang finden. Während er weiterging, bekam er eine SMS von Maryse. Ihr Vorortszug war auf offener Strecke stehengeblieben, und sie würde es vielleicht nicht rechtzeitig zur Ladenöffnung schaffen. Halten Sie mich auf dem Laufenden, Maryse, antwortete Laurent, bevor er in die Rue Vivant Denon einbog. Bei der Hausnummer 6 blickte er hoch, um nachzuprüfen, ob seine Kundin Madame Merlier ihre Fensterläden geöffnet hatte. Die alte Dame, die eine begeisterte Leserin war und der verstorbenen Schauspielerin Marguerite Moreno erstaunlich ähnlich sah, stand immer sehr früh auf: »Wenn ich meine Fensterläden nicht geöffnet habe, Monsieur Letellier, dann heißt das, ich bin tot oder auf dem besten Wege dazu«, hatte sie eines Tages gemeint. Sie hatten vereinbart, dass Laurent die Notrufnummer wählen würde, wenn er die Läden geschlossen vorfände. Aber es war alles in Ordnung in Nummer 6, die Läden waren offen. Sie waren übrigens fast die einzigen – die Leute nutzten den Samstagmorgen, um auszuschlafen, und das Viertel war menschenleer. Er ging weiter in die Rue du Passe Musette. Das Café de l’Espérance lag ganz am Ende, an der Ecke zum Boulevard und zum Wochenendmarkt. Vor den Toreinfahrten standen die Mülltonnen, daneben manchmal ein paar alte Möbelstücke, die auf die Sperrmüllabfuhr warteten. Laurent ging an einer Mülltonne vorbei, stutzte, verlangsamte den Schritt – das Bild hatte ein paar Sekunden gebraucht, um in seinem Hirn anzukommen –, dann drehte er sich um und ging zurück.

Auf dem Deckel stand eine Handtasche. Aus lila Leder und noch ziemlich neu. Sie wies zahlreiche Außentaschen und Reißverschlüsse auf, zwei breite Henkel, einen Schulterriemen und goldene Schnallen. Instinktiv schaute Laurent sich um – das war absurd, als würde plötzlich aus dem Nichts eine Frau auftauchen, um sich ihren Besitz zurückzuholen. Nach der Art zu schließen, wie sie dastand, war die Tasche nicht leer. Wäre sie leer und kaputt gewesen, hätte ihre Besitzerin sie in die Mülltonne geworfen und nicht obendrauf gestellt. Aber werfen Frauen ihre Taschen überhaupt jemals weg? Laurent dachte an die Frau, mit der er zwölf Jahre zusammengelebt hatte. Nein, Claire hatte nie irgendeine ihrer Taschen weggeworfen. Sie hatte mehrere und wechselte sie je nach Jahreszeit. Sie warf auch keine Schuhe weg; sogar wenn die Riemchen ihrer Pumps kaputt waren, ließ sie diese beim Schuster reparieren. Und selbst wenn dieser nichts mehr für die Pumps tun konnte, hatte Laurent nie ein Paar zwischen den Gemüseabfällen im Mülleimer gefunden. Sie verschwanden auf geheimnisvolle Weise. Trotz dieser Überlegungen, die ihn in sein früheres Leben zurückversetzten, blieb die Möglichkeit bestehen, dass eine Frau ihre Tasche hatte loswerden wollen. Andererseits: Dass diese völlig intakte Tasche allein auf einer Mülltonne stand, sprach doch eher für etwas weniger Harmloses. Zum Beispiel einen Diebstahl. Laurent hob sie an. Die Tasche war nicht leer. Er zog den mittleren Reißverschluss etwas auf, weit genug um festzustellen, dass die Tasche tatsächlich eine Menge »persönlicher Dinge« enthielt, wie man sagt. Er begann gerade, den Inhalt in Augenschein zu nehmen, als eine junge Frau mit einem Rollkoffer aus einer Toreinfahrt trat. Sie ging an ihm vorbei und drehte sich dann nach ihm um. Als Laurent ihrem Blick begegnete, beschleunigte sie kaum merklich den Schritt und verschwand um die nächste Straßenecke. Da wurde ihm bewusst, wie verdächtig die Situation wirken musste: ein Mann allein, schlecht rasiert und ungekämmt, der eine auf einem Mülleimer liegende Frauenhandtasche öffnet … Er schloss sie rasch wieder. Die Frage, die sich nunmehr stellte, war sozusagen moralischer Art: Sollte er die Tasche mitnehmen oder einfach weitergehen? Irgendwo in der Stadt war eine Frau, der man wohl ihre Tasche gestohlen hatte, und sehr wahrscheinlich hatte sie jede Hoffnung aufgegeben, sie eines Tages wiederzusehen. Ich bin der Einzige, der weiß, wo sie sich befindet, sagte sich Laurent, und wenn ich sie liegenlasse, wird sie von den Müllmännern entsorgt oder noch einmal gestohlen werden. Laurent entschied sich: Er nahm sie von der Mülltonne und ging die Straße hinunter. Das Polizeirevier war nur zehn Minuten zu Fuß entfernt. Er würde sie dort abgeben, ein oder zwei Formulare ausfüllen und sich danach ins Café setzen.

Die Tasche hatte eine eigenartige Präsenz. Wie ein Haustier, das einem anvertraut worden und nur sehr widerstrebend bereit ist, einem zu folgen. Laurent hielt den Schulterriemen wie eine Leine etwas zusammengefaltet in der Hand, damit die Tasche nicht zu offensichtlich vor aller Augen hin und her schwang. Er trug ein Ding mit sich herum, das ihm nicht gehörte, das auf seiner Schulter nichts zu suchen hatte. Eine weitere Passantin hatte auf die Tasche herab- und dann an Laurent hinaufgeblickt. Je länger er den Boulevard entlangging, desto größer wurde seine Verlegenheit. Es kam ihm jetzt vor, als würden ihn alle Leute, denen er begegnete, aus dem Augenwinkel beobachten und blitzschnell erfassen, was an dem Bild nicht stimmte: ein Mann mit einer Handtasche. Und noch dazu lila. Er hatte nicht gedacht, dass es so ungemütlich wäre, mit diesem Accessoire herumzulaufen. Dabei erinnerte er sich, dass Claire ihm ein paar Mal ihre Tasche zu halten gegeben hatte, während sie noch einmal in die Wohnung hochlief, um ihre Zigaretten zu holen, oder in einem Café zur Toilette ging. Dann stand Laurent mit einer Frauentasche auf offener Straße da. Er hatte darüber zwar tatsächlich jedes Mal eine Art amüsierte Verlegenheit empfunden, die jedoch nicht von Dauer war, da Claire sofort wieder auftauchte, um ihr Eigentum an sich zu nehmen. In diesen seltenen Momenten begegnete Laurent Frauen, die das Attribut einer ihrer Schwestern an ihm erkannten, doch er hatte nicht das Gefühl, dass in ihren Augen Misstrauen lag, eher eine Spur von Ironie. Er war ein Mann, der auf der Straße stand und auf seine Frau wartete. Das war so offenkundig, wie wenn er als Sandwich-Mann ein Plakat getragen hätte, auf dem stand: Meine Frau kommt gleich wieder. Eine Gruppe junger Mädchen, Schülerinnen in Jeans und Chucks, trat beiseite, als er vorüberging, und er hörte erst ein Kichern, dann kollektives Gelächter. War er der Grund dafür? Er wollte es lieber nicht wissen. Ob auf den Spott wohl Argwohn folgte? Er überquerte die Straße und beschloss, durch kleinere Straßen bis zum Polizeirevier zu gehen.

In den Warteraum mit den beigen Wänden fiel durch ein griffloses Fenster mit Mattglasscheiben etwas Tageslicht. Plastikstühle, ein Resopaltisch und zwei Dienstzimmer mit weit offen stehenden Türen: Der Raum, der für Diebstahlsanzeigen vorgesehen war, kam ihm vor wie die Vorhölle der verschwundenen Frauenhandtaschen. Fünf Frauen verschiedenen Alters saßen schweigend da. In einem der Dienstzimmer erzählte eine alte Frau mit Stock, die einen breiten Verband über der Augenbraue trug, schluchzend vom Raub ihrer Tasche. Der weißhaarige Mann, der sie begleitete, wirkte beschämt und wusste nicht, wo er hinschauen sollte. Laurent befand sich in einem der Fegefeuer des Lebens, einem jener Orte, die man hofft, nie betreten zu müssen: Notaufnahmen, Zollkontrollräume auf Flughäfen, Reha-Zentren … Orte, an deren Fassaden man mit dem Gedanken vorbeigeht, dass es einem besser da geht, wo man ist, nämlich draußen, und zwar selbst bei Regenwetter. »Wir werden unsere Taschen sowieso nie wiedersehen«, sagte eine kleine Dunkelhaarige, die ein Klatschblatt las, laut in den Raum. Ein junger Polizist mit einem Stapel von Fotokopien in den Händen ging vorbei. »Entschuldigen Sie …«, sagte Laurent. »Ich möchte eine Handtasche abgeben.« Die fünf wartenden Frauen schauten zu ihm auf. »Wenden Sie sich an die Kollegen, Monsieur«, antwortete er eilig und zeigte in eins der Dienstzimmer. Darin stand gerade ein kräftiger Mann mit kahl rasiertem Schädel und tief liegenden kleinen Augen auf, um eine Frau zur Tür zu begleiten. Er richtete den Blick auf Laurent, dieser zeigte auf seine lila Tasche. »Ich bringe eine Tasche, die ich auf der Straße gefunden habe.« »Das ist ein schöner Akt bürgerlichen Verantwortungsbewusstseins«, meinte der Polizist mit männlicher Stimme, und dann rief er: »Komm doch mal schauen, Amélie.« Eine rundliche, blonde kleine Frau trat aus demselben Dienstzimmer und kam auf sie zu. »Ich habe gerade zu diesem Herrn gesagt: ein schöner Akt bürgerlichen Verantwortungsbewusstseins«, – die Formulierung schien ihm zu gefallen –, »er bringt uns eine Handtasche, die er gefunden hat.« »Ja, das ist sehr gut, Monsieur«, bestätigte Amélie. Laurent spürte, dass die junge Polizistin Achtung hatte vor einem Mann, der sich die Zeit nahm, eine Frauenhandtasche bei der Polizei abzugeben. »Wie Sie sehen«, fuhr die männliche Stimme, diesmal in etwas müderem Ton, fort, »warten diese Damen, ich stehe Ihnen also etwa in, sagen wir … einer Stunde zur Verfügung«, vermutete er mit einem Blick auf seine Uhr. »In einer guten Stunde«, berichtigte Amélie vorsichtig. Ihr Kollege nickte zustimmend. »Dann komme ich vielleicht morgen früh wieder«, meinte Laurent. »Wie Sie wollen, die Dienststelle ist von halb zehn bis dreizehn Uhr und nachmittags von vierzehn bis neunzehn Uhr geöffnet.« »Sie können sie auch im Fundbüro abgeben«, schlug die Polizistin vor, »36 Rue des Morillons, im fünfzehnten Arrondissement.«

Als er aus dem Polizeirevier heraustrat, bekam er eine weitere SMS von Maryse, ihr Zug war gerade erst wieder losgefahren – sie würde es also nicht rechtzeitig zur Ladenöffnung schaffen. Laurent ging am Café de l’Espérance