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1. Ausgabe Mai 2013

Alle Rechte vorbehalten.

Covergestaltung:
Grafik & Design Ursula Morgenstern

Bildnachweis:
©auremar - Fotolia.com und shutterstock/ toranico

Lektorat:
Andrea el Gato, Claudia Leonhardt

eBook-Produktion:
Cumedio Publishing Services – www.cumedio.de

v.1.0

ISBN (Taschenbuch): 978-3-943596-40-3
ISBN (ePub): 978-3-943596-24-3


Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar

Familie,

Liebe
und andere
Sorgen

Claudi Feldhaus

 

Verlagshaus el Gato

Inhalt

Für Alexander, Robert, Johanna und André

eins

»Jetzt hat er den Rescht der Woch Bauchschmerze! Un Sie san schuld!!«

Die Prenzlbergmutti zog den dicken Knirps ruckartig von mir weg. Aus seinem Mund tropfte Schokosabber und das Browniestück, das die Dame ihm soeben rausgefischt hatte, wurde bereits von Spatzen belagert.

»Wenigstens weiß er jetzt mal, was gut ist, Madame!«, rief ich ihr bierernst hinterher.

Meine Freundin Tara lag vor Lachen halb unterm Tisch, kicherte ein Mantra: »Ach, Adele! Du bist die Beste!«

Zufrieden nahm ich einen weiteren großen Schluck von meinem Milchkaffee.

 

Ich liebe die ersten heißen Maitage des Jahres und am heutigen strahlte die Sonne besonders warm. Schöne Männer kamen des Wegs, ich konnte meine trainierten Beine vorzeigen.

Leider waren an solchen Nachmittagen auch Eltern unterwegs – und das nicht zu knapp! Sie verstopften Nichtraucherlokale, besetzten Parkbänke und ließen ihre Bälger herumtollen. Manche bevorzugten es, ihre Sprösslinge an Leinen herumzuführen, dafür sprang dann der familieneigene Golden Retriever vor die nächste Tram und sorgte für weitere Verspätungen. Ich beobachtete das bunte Treiben amüsiert, machte mir Notizen und lauschte mit einem Ohr Taras Erzählungen.

Höchstwahrscheinlich bildeten wir einen ziemlich sehenswerten Anblick, wie wir da im Straßencafé saßen: beide 1,80 groß im kurzen Kleid, sie blond, Porzellanhaut und ich brünett mit rosa Teint. Einmal die Woche trafen wir uns in diesem Lokal im Prenzlauer Berg, das ungefähr auf der Hälfte zwischen unseren Wohnungen lag. Tara war eine Art Kollegin. Wir hatten uns vor ein paar Jahren über ein Jungautorenforum im Internet kennengelernt, als sie dort ihre ersten Gehversuche in der Schriftstellerei machte. Es dauerte nicht lange, da bemerkten die anderen Möchtegernautoren ihre Unsicherheit und stürzten sich auf sie wie die Aasgeier. Ich verteidigte sie wortgewandt und heroisch. Seitdem sind wir Freunde. Ich habe nicht viele.

Sie zog vor einigen Monaten aus dem hohen Norden nach Berlin und wartet jetzt, dass jemand an der Universität der Künste ihre Mappe für prüfe und bewerte. Bis dahin vertrieb Tara sich die Zeit mit Jobs als Babysitten, Fotografieren und ihren Stechern; wie sie diese gerne nannte.

»Liebhaber! Das klingt doch so 2008!«, pflegte sie zu sagen. Ihren Aktuellen nannte sie Tommy. Waschbrettbauch, kein Abi.

»… und das Beste«, zwitscherte sie, »wir können ganz toll reden!«

Da horchte ich dann doch auf: »Oh?«

»Ja, weißt du, so mit auf einer Wellenlänge und so!«

»Ah!«

»Er will mich seinen Freunden vorstellen!«

»Oh??«

»Genau das hab ich auch gesagt! Aber meine liebe Ädell! Nun erzähl du mal, was es bei dir Neues gibt! Was macht dein Buch?«

 

[ə‹dɛl], die englische Aussprache meines Namens, ist mein Lieblingsspitzname und mehr noch, seitdem diese Sängerin mit selbigem Namen immer öfter in den letzten Wochen so schön im Radio singt. Wahrscheinlich wurden Adeles normalerweise Deli gerufen – oder schlimmer noch: Delli. Ich hatte aber keine Lust, wie eine Margarine genannt zu werden und warum eine wie ich, nicht nach Orangenhaut an den Schenkeln klingen wollte, versteht sich ja wohl von selbst. Nur eine Person auf der Welt durfte mich Delli nennen.

Am schönsten klang in meinen Ohren eben immer Adele; Adele Feldheim. Ich dankte meinen seligen Eltern einmal mehr, mir so einen schönen Namen verschafft zu haben.

 

»Ich bin ein Dilettant und das wissen die Verlage!«, seufzte ich, »Und meine Schwägerin hängt mir in den Ohren wegen des ollen Familientreffens.«

»Du bist kein Dilettant und die Menschen würden dein Buch lieben! Und zum Familientreffen willst du nicht mit?«

»Da hab ich Besseres vor!«, antwortete ich zum dritten Punkt.

»Was denn?«

»Was Besseres, als mit meiner ganzen Sippschaft im Reisebus nach Bayern zu tuckern!«

»Wie? … alle?«

»Ja, alle. Wenn genau an dem Tag ein Meteor vom Himmel fällt, wäre unsere kostbare DNS für immer ausgelöscht!«

»Uuuuh, übelste Endzeitstimmung, ich seh schon! Was sagt denn Markus?«

»Der will mit. Sämtliche Neffen und die Nichte versammelt und alle mit großen runden Augen, das lässt der sich nicht entgehen!«

»Stell ich mir aber auch voll süß vor!«

»Du hast ja auch keine Ahnung!«, grummelte ich. Wie sollte sie auch? Als Einzelkind!

 

Als ich zehn war, starb mein Vater. Wenig Bewegung, Fettleibigkeit, Zucker, Herzinfarkt, die übliche Abfolge. Meine Mutter, Mamutschka, stemmte Beruf, Haushalt und die Erziehung von uns zwei Kindern allein. Mein großer Bruder Yannick schwängerte seine Freundin Anna, als sie 18 waren. Sie heirateten mit 19, kurz bevor das zweite Kind kam. Wir wohnten alle zusammen in einem Haus im Umland von Berlin, das meine Großeltern einst bezogen hatten, nachdem die Russen abgezogen waren. Yannick studierte. Mamutschka arbeitete. Anna begann eine Lehre und kümmerte sich um Haushalt und Kinder. Ich war mit 16 von der Schule abgegangen, um den Beruf des Gastgehilfen zu erlernen und mit dem Trinkgeld, das ich erwirtschaftete, kauften wir Windeln und Kondome. Anna wurde trotzdem wieder schwanger. Diesmal war es ein Mädchen. Basti, Hektor und Laura spielten tagsüber in unserer Wohnküche, nachts schliefen sie die ersten Jahre mit ihren Eltern im ehemaligen Bett meiner Eltern, dann zogen wir eine Trennwand ein, die Anna und Yannick etwas Privatsphäre vergönnte. Mamutschka und ich teilten uns mein Kinderzimmer. Mit 18 stieg ich nach bestandener Prüfung in mein winziges altes Auto und fuhr nach Österreich. Von dem kleinen Vermögen, das ich dort verdiente, gingen 90 Prozent sofort auf Mamutschkas Bankkonto. In dieser Zeit wurde sie krank.

 

»Dann fahrt ihr doch in nem Extraauto nach!« Tara riss mich aus meinen Gedanken.

»Markus hat das auch vorgeschlagen …«

»Aber du willst grundsätzlich nicht …?«

»Die vielen Kinder …«

 

Die Trennwand hatte funktioniert: Anna bekam während meiner Zeit in Österreich ihren dritten Sohn, Simon. Dann ließ sich Yannick sterilisieren.

Ich hasse Kinder.

 

»Wie kannst du nur Kinder hassen?«, fragte Tara empört.

Hoppla! Laut gedacht!

»Die sind doch sooooo süß!«

»Du meinst, wenn sie nicht gerade kreischen, kacken, kotzen, kleckern oder einfach nur so nervig sind?«, zischte ich zurück.

Wieder lachte sie.

Ich war es leid, es ihr immer wieder zu erklären. Oder mich überhaupt gegenüber irgendjemandem deswegen rechtfertigen zu müssen. Wenn ein Mensch behauptet, er hasse Fisch, erwidert doch auch keiner: »Warum? Der ist doch sooooo nass!«

Die Menschen mischen sich komischerweise immer nur in diese eine Richtung in die Familienplanung ein. Das Totschlagargument »Du wirst es später bereuen, wenn du keine bekommst und dann nicht mehr kannst!«, ziehen sie als Trumpfkarte. Auf die Idee, dass ich es aber auch bereuen kann, wenn ich welche bekomme und dann nicht will, kommen sie gar nicht. Beides wäre nicht zu ändern, aber ohne Kinder darf ich mit meiner Entscheidung ganz allein lernen, klarzukommen. Hätte ich welche, würden sie darunter leiden, dass ich sie nicht liebte. Ganz von dieser Tatsache abgesehen, mochte ich Kinder noch nie. Schon als ich selbst noch ein Zwerg war, mochte ich die anderen Kinder nicht. Ich mochte nicht mit ihnen spielen. Ich wollte nicht mit ihnen erzählen. Schon gar nicht wollte ich mich mit den anderen kleinen Mädchen verkleiden und Prinzessin oder böse Stiefschwester sein. Lieber saß ich in der Ecke und malte Bildergeschichten. Solange bis ich alle Buchstaben kannte. Dann schrieb ich sie auf.

Tara verabschiedete sich heute früher. Sie wollte ihren neuen Stecher zum Feierabend bei ihm zuhause überraschen, und dafür musste sie sich noch den Schritt rasieren. Ich wollte nicht nach Hause fahren. Dort würden mich nur ein Schreibtisch voller zerknüllter Ideenzettel und wahrscheinlich ein noch immer übellauniger BWL-Student und Teilzeit-Finanzberater erwarten.

Stattdessen hatte ich Lust auf einen Orgasmus. Nachdem ich den Kaffee bezahlt hatte, verschwand ich auf dem Klo, hob mein kurzes Lieblingskleid hoch und besorgte es mir im Stehen. So dauerte es zwar am längsten, aber mein Teint frischte stärker auf. Ein prüfender Blick in den Handspiegel verriet mir, dass ich toll aussah. Ich bürstete meine langen Haare, die von Natur aus so glatt waren wie die einer Asiatin, zog den BH zurecht und die Lippen nach. Vor dem Waschbecken stand eine dürre Blondine, die neidisch auf meinen Hintern lugte. Ich tat so, als würde ich sie nicht bemerken und prüfte mein Profil im Spiegel. Die Extraeinheiten Cardio in den letzten zwei Monaten hatten sich bereits gelohnt.

Voll Selbstbewusstsein schlenderte ich zum Mauerpark und beobachtete Touristen. Zwei süße Australier baten mich, ein Foto von ihnen zu schießen. Dann wollten sie noch eines mit mir. Wir schäkerten und scherzten, bis ihre Frauen panisch aus dem Esoterikgeschäft nebenan gestürzt kamen. Ich stieg in die Tram und fuhr zum Bahnhof Friedrichstraße. Mein Lieblingskoch im Fish&Potatoes bereitete mir einen extragroßen Teller gedünsteten Lachs und Gemüse zu und flirtete mit mir, während ich diesen genüsslich verspeiste.

Dann nahm ich endlich die nächste S-Bahn und fuhr heim.

 

Entgegen meiner Erwartung begrüßte Markus mich fröhlich und fragte nach meinen heutigen Erlebnissen.

»Mit Tara Kaffee getrunken, spazieren gegangen und danach ein frühes Abendbrot gegessen!«, gab ich knapp zurück und schloss die Tür zu meinem kleinen Badezimmer hinter mir.

Er sollte ruhig wissen, dass ich immer noch eingeschnappt war. Noch vor dem Frühstück hatte es heute Morgen zwischen uns geknallt. Wir stritten so heftig, dass ich heulend in meine Flipflops gesprungen war und in Windeseile die Wohnung verlassen hatte. Normalerweise wurde Markus nie laut und eigentlich ermutige ich ihn oft, seine Wut auch raus zu lassen. Aber doch nicht mir gegenüber! Und das nur wegen dieses leidigen Themas …

 

Wir waren beide 24 und er nervte mich bereits mit der Familienplanung beginnen zu wollen, ich mochte allerdings nicht einmal darüber nachdenken. Selbst Markus konnte mir nicht glauben, dass ich Kinder verabscheute und das Thema Heirat mir den Magen umdrehte.

Ich führte ihm immer wieder das, meines Erachtens, beste Argument vor Augen, keinen dieser Pläne umzusetzen: das Leben meines Bruders. Doch das ließ er nicht gelten. Nahm Yannick und Anna immer wieder in Schutz und behauptete außerdem, dass es bei uns anders werden würde. Meinte, dass unsere Kinder uns nicht in den Wahnsinn treiben würden, dass wir viel mehr Geld zu Verfügung hätten und vor allem, dass unsere Liebe nicht unter einer Familie leiden würde. Er kapierte leider nicht, dass ein Kind eine Beziehung prüfte, anstatt sie zu pflegen.

Sein bestes Gegenargument war das Leben seiner Eltern. Das sah aber so aus, dass sie zuhause blieb, Haushalt und Kinder organisierte, er das Geld verdiente, spät nach Hause kam und keiner vom anderen etwas davon mitbekommen wollte, wie es ihm damit erging. Es war klar, dass Markus sich gut vorstellen konnte, es genauso zu handhaben. Leider sah er aufgrund seiner Erziehung und Wertevorstellung nicht, dass jeder der beiden sehr unglücklich war. In die Rolle des Heimchens hinter dem Herd würde ich mich jedenfalls nicht pressen lassen!

Besonders störte es mich, dass er mir Yannick und Anna gegenüber nicht zur Seite stand. Er verteidigte ihre Macken und tat mein Verhalten als Zickigkeit ab. Die Familie kann man sich nicht aussuchen und ich hatte nicht mal Einfluss darauf gehabt, dass sie sich in dieser Form auch noch vervielfachte. Warum verstand er nicht, dass ich meinem Bruder nicht verzeihen konnte? Dass ich ihn und seine Brut nicht sehen wollte. Dass es meine Schreibblockade ganz bestimmt nicht beendete, wenn er mich noch unter Druck setzte?

»Die Familie ist das Wichtigste!« – Originalworte meiner Mutter. Hätte sie am Ende noch sprechen können, wären es ihre letzten gewesen. Plötzlich traf es mich wie ein Schlag: Mamutschka.

In meinem Kopf tauchte wieder das Bild von ihr auf, wie sie in dem alten Bett lag, klein, knochig und aschfahl. Ihre grauen Augen blitzten, als ich hereinkam. Noch ganz verschwitzt von der langen Autofahrt setzte ich mich zu ihr und war überzeugt, dass sie lächelte. Drei Monate zuvor war sie noch in der Lage gewesen, allein auf die Toilette zu gehen. Da hatten die Ärzte gesagt, es sähe gut aus und sie bestand darauf, sich wieder allein um die Kinder zu kümmern. Dann stürzte sie die Kellertreppe hinab, als eines der Kleinen sie oben mit einer toten Ratte erschreckt hatte.

»Wenn erst die Beine nicht mehr wollen, geht es ganz schnell«, sagten die Ärzte.

 

»Schatz? Schatz was ist denn los?«, fragte Markus. Er hatte mich weinen gehört und war mir ins Bad gefolgt. Ich saß heulend auf der Waschmaschine. An der Intensität meines Schluchzens erkannte er genau, um wen ich weinte. Sofort zog er mich an sich, küsste meine Stirn, streichelte meinen Kopf und wiegte mich in seinen Armen.

»Warum? Warum hat er sie allein gelassen?«, wimmerte ich, »Warum sind sie nicht zuhause bei ihr geblieben? Ich hätte sie notfalls festgebunden!!«

»Ich weiß, meine Süße, ich weiß!«

Meine Beine wurden weich und die Knie knickten ein, wie jedes Mal, wenn ich um Mamutschka weinte. Markus hielt mich fest und aufrecht. Vorsichtig führte er mich zu meinem Bett, wickelte mich in die kühle Sommerdecke und legte mich hin. Minutenlang konnte ich mich nicht beruhigen, in meinem Schädel überschlugen sich die Gedanken. Neue Ideen kamen mir, wie ich es hätte verhindern können. Es wäre so leicht gewesen, nicht mit 20 Jahren Vollwaise zu sein, hätte mein Bruder nur etwas mehr nachgedacht.

»Möchtest du etwas trinken?«, fragte Markus leise.

Jetzt erst merkte ich, dass ich still geworden war. Die Tränen waren mir ausgegangen. »Nein. Bleib einfach hier …«, murmelte ich.

Er gehorchte, legte sich hinter mich und schloss mich wieder in seine langen Arme, seine schöne Hand kraulte meine Schulter. So blieben wir liegen, bis ich Hunger bekam.

zwei

Die meisten würden es nicht für möglich halten: Ich bin tatsächlich eine Autorin, die nicht nur schreibt. Nein, ich veröffentliche auch. Zwar ist mein Buch davon nicht betroffen, da es verschmäht von sämtlichen Belletristiklektoren des Landes auf einem kleinen USB-Stick einsam vor sich hinvegetiert, aber ein Klatschblatt fragte vor ein paar Monaten nach erotischen Kurzgeschichten, nachdem ich ihnen Probetexte geschickt hatte.

Alle zwei Wochen liefere ich denen nun, versteckt hinter meinem Pseudonym, einen 120-Zeiler ab. Erwünscht sind: romantischer Inhalt, viel Weichzeichner in den Metaphern, angehauchter Softporno. Also Stoff, den ich leicht auf digitales weißes Papier banne. Die Heldin ist immer devot, zierlich und meistens blond. Ihren Liebhaber stellt wahlweise ein Arzt, Anwalt oder Skilehrer dar. Früher durften es oft auch Adlige sein, das kam ganz darauf an, was ein gewisser englischer Thronfolger gerade so trieb. Vor ein paar Wochen bat meine Redakteurin mich, mein Augenmerk etwas mehr von unverheirateten Prinzen wegzubewegen. Das wollten die Leserinnen zurzeit nämlich nicht und so tauschte ich das Wort Graf einfach gegen Reitlehrer, im sonnendurchfluteten Pferdestall hatte die Szene sowieso bereits gespielt. Für die 120 Zeilen bekomme ich ganz gute Konditionen, sodass ich nicht mehr auf Kellnerjobs angewiesen bin. Aber es füllt mich bei weitem nicht aus.

 

Auch in einem Verlag verdinge ich mich. Leider formuliere ich dort keine eigenen Texte, sondern formatiere die schriftstellerischen Ergüsse anderer und lese Korrektur. Dort treffe ich jedoch auf Journalisten und andere Autoren. Ich lasse sie nicht wissen, dass ich schreibe, sondern sauge still und anerkennend ihre Persönlichkeit auf.

Die Arbeit mit Menschen ist die beste Inspiration. Schrille Charaktere, unvorstellbares Leid, Sticheleien und Missgunst, selten findet der Satiriker mehr Material als im sozialen Miteinander eines Großraumbüros. Ich spiele meine Rolle in dieser Welt gut. Keiner von denen käme auf den Gedanken, dass ich eines Tages eine von ihnen sein werde. Ich träume davon, für Satirezeitschriften zu arbeiten, denn mich mit den großen Spöttern anzulegen und sarkastisch zu duellieren; das ist mein Ziel, seitdem ich mit elf Jahren das erste Mal einen Eulenspiegel las.

 

Diese Jobs halten mich über Wasser, aber die meiste Zeit verbringe ich damit, an meinem Stil zu feilen. Mindestens drei Stunden am Tag schreibe ich Texte, wälze Journalistenratgeber und kundschafte die Konkurrenz aus.

Oft erwache ich nachts, weil mir eine Formulierung oder eine Metapher eingefallen sind, dann stehe ich auf und notiere sie. Würde ich es nicht tun, hätte ich sie für immer verloren. Ich kenne mein Gedächtnis.

 

Ich bin der Meinung, ein Autor braucht starke Arme, und da ich sowieso ins Fitnessstudio gehe, trainiere ich den Rest gleich mit. Dabei kann ich mich am besten austoben. Außerdem esse ich gesund. Wenig Fleisch, oft Sushi, selten Sättigungsbeilagen, viel Gemüse und Obst. Wenn ich an meinen zuckerkranken Vater denke, trinke ich ein Glas Wasser. So bringe ich es am Tag locker auf vier Liter. Ich konsumiere keinen Alkohol, keine Zigaretten, keine harten Drogen. Nur etwas zu viel Kaffee und Schokolade. Meine Blutwerte sind dadurch 1A, selbst Sportärzte sehen solche Ergebnisse selten, und das lasse ich mir oft genug bestätigen. Seit dem Tod meiner Mutter gehe ich zweimal im Jahr zur Krebsuntersuchung. Sollte etwas Bösartiges in mir wachsen wollen, soll es sofort wegschneidbar sein. Beim ersten Frost im Spätherbst bekomme ich eine Erkältung. Sonst werde ich nie krank. Wenn jetzt noch meine Augen nicht so empfindlich und ständig trocken wären, würde ich mich als perfekt bezeichnen, denn ich fühle mich wohl in meiner Haut, wie es bei Frauen selten der Fall ist. Meine langen Beine und mein volles Haar weiß ich gekonnt zu betonen. Ich liebe Sex und davon viel. Bis ich Markus kennenlernte, hatte ich öfter mehrere Liebhaber auf einmal. Da sich erst im Alter von 17 Jahren die Gelegenheit ergab, mit einem Jungen zu schlafen, hatte ich viel nachzuholen. Theoretisch wusste ich aber vorher bereits bestens Bescheid. Verliebt war ich bisher jedoch nur dreimal. Außer meinem jetzigen Langzeitliebhaber liebte ich einst einen Spielkameraden aus dem Kindergarten, der Philip hieß und später einen Musikstudenten namens André, den ich nur einmal traf, als ich 16 war. André verursachte mir den schlimmsten Liebeskummer meines Lebens, unter dem ich über zwei Jahre litt. Ich schwor mir, nie wieder so zu lieben.

 

Markus ist ein paar Monate jünger als ich. Er wohnt praktisch bei mir, aber da mir genug Raum zur Verfügung steht, stört mich das kaum. Ich wusste, als ich vor ein paar Jahren in diese sonnige Nord-Marzahner Wohnung im obersten Stock einzog, selbst nicht mal genau, was ich mit drei Räumen soll, doch letztlich sind die in dieser Gegend genauso kostengünstig wie zwei. Das dritte Zimmer wurde dann mein begehbarer Kleiderschrank, was nahezu dekadent ist. Dafür ist das Bad typisch für den DDR-Plattenbaustil winzig, die Küche allerdings groß und hell. Ich besitze kein eigenes Auto, kaufe nur vergünstigte Kleidung und dazu meine Lebensmittel beim Schnäppchenmarkt. Markus beteiligt sich außerdem an den Unkosten.

So ist mein Leben. Beschaulich. Überschaulich. So ganz anders, als es das meiner Mutter war oder das meines Bruders je sein wird.

 

Auch wenn er mich oft darum bittet, lasse ich Markus selten lesen, was ich schreibe. Es ist meine Art, Beruf und Privates zu trennen. Ich wünschte, er würde das auch tun und mich nicht andauernd mit Fachsimpelei und Anglizismen aus seiner Unternehmerwelt nerven. Außerdem meckert er nur zu gern über alles Mögliche: aktuelle politische Ereignisse, Fußballspieler, Religionen. Sein Lieblingsthema ist die sogenannte Unterschicht. Schmarotzer, wie er sie nennt. Ich erkläre ihm dann, dass ich auch als Geringverdiener gelte. Er redet dann von eigenen Maßstäben. Von jenen Leuten, die einem im Vormittagsfernsehen der Privatsender entgegen lallen. Jogginganzugtragende Nicht-Arbeiten-Woller. Markus ist gut darin, sie alle über einen Kamm zu scheren.

Aber die meiste Zeit vertragen wir uns. Solange er mir nicht mit seinen konservativen Vorstellungen von Heirat und Kindern in den Ohren hängt und wir seine Eltern in West-Berlin nie besuchen.

Er macht sich im Haushalt nützlich – das darf ich nur niemandem erzählen – und sucht viel körperlichen Kontakt zu mir. Der Sex mit ihm ist fantastisch. Markus ist sehr vorteilhaft gebaut und ausdauernd. Ich liebe seine schönen Hände, seine breiten Schultern und seine männliche warme Stimme. Abgesehen davon sorgt er gerne für meine Orgasmen zwischendurch. Er mag die Rötung meiner Wangen danach. Er ist der beste Liebhaber, den ich bisher hatte, deswegen durfte er bleiben.

Wir hatten uns im Hochsommer vor fünf Jahren kennengelernt. Ich war noch in der Cateringbranche als Kellnerin unterwegs, und er war Gast auf einer Veranstaltung, die mein Auftraggeber betreute. Die Veranstaltung war ein Treffen von schmierigen Finanzberatern in einem modernen Privathaus direkt am Koenigssee, das dem Geschäftsführer der Firma gehörte. Da es sich mit großen Häusern nun mal am besten prahlen lässt, wenn man es mit bauchpinselnden Menschen vollstopft, ließ er sich herab und lud die komplette Firma dorthin ein. Wir rückten also fleißig Stühle, schleppten Tische und testeten Beamer, bis die gesamte Vertreterbagage eintraf. Vormittags hatten die Herren im Anzug und ein paar vereinzelte Damen im Kostümchen getagt, nachmittags richteten wir ein Buffet aus. Ich stand in meinem Pinguin-Outfit – den Rock etwas kürzer und die Absätze etwas höher als die anderen Serviermädchen – bei der Kaffeemaschine und verteilte artig das flüssige Koffein. Bewusst ließ ich mich immer in der Nähe von den Wachmachern einteilen. Der Arbeitstag als Bedienung ließ sich weitaus besser ertragen, wenn man die Gelegenheit hatte, Aufputschmittel zu konsumieren.

Markus kam mit einem Kollegen zu mir. Dieser verlangte: »Doppelter Espresso!«

»Bitte …!«, setze Markus bestimmt nach und schien dann sofort von sich selbst erschrocken.

»Danke, gerne«, antwortete ich ihm und strahlte.

Er wurde rot und sah zu Boden. Sein Kollege riss mir die kleine Tasse regelrecht aus der Hand und zog von dannen. Markus folgte ihm schweigend.

»Ui, der ist wohl neu dabei, sonst hätt er sich das nicht getraut!«, stellte ich zu meiner grinsenden Kollegin geneigt fest und checkte seinen Hintern.

Als die Herrschaften wieder tagten, hatten wir Servicekräfte leise Getränke zu verteilen. Wir schlichen durch die Gänge und gaben unter anderem stilles Wasser, Cola und Apfelschorle aus. Ich hatte das Tablett mit dem höchsten Koffeingehalt. Als Markus mich erblickte, lächelte er und hob den Finger. Ich reichte ihm ein Glas und unsere Fingerspitzen berührten sich. Zum ersten Mal in meinem Leben durchzuckte mich dieser Hormonblitz. Er ging durch die Hände, schoss hoch in die Wangen, wirbelte in meinem Bauch umher und nistete sich dauerhaft in meinem Venushügel ein. Ich behielt mit aller Kraft meine aufrechte Körperhaltung und drehte mich verwirrt weg, doch dann hörte ich sein Flüstern: »Pardon, Fräulein?«

Er hielt mir das leere Glas hin und wollte ein Zweites. Dieses trank er wieder in einem Zug aus, auch ein Drittes und Viertes; dann war mein Tablett abgegrast.

»Sie scheinen ja sehr auf Cola zu stehen!«, wisperte ich.

»Eigentlich nicht. Könnten Sie in der nächsten Runde bitte Apfelschorle servieren?«

»Hm, tut mir leid. Ich bin heute fürs Koffein zuständig, aber ich kann Ihnen meine Kollegin rüberschicken.«

»Schon gut … dann trinke ich Cola«, antwortete er und wurde rot wie eine Tomate.

Ich ergriff die Flucht. Das war zu viel! Eindeutig stand dieser Typ mehr auf mich, als es für Trinkgeld nötig war.

Ich brauchte sofort einen Orgasmus! Also meldete ich mich bei meinem Chef auf eine Zigarettenpause ab und verschwand aufs Klo. Eine Zigarettenlänge nahm ich mir immer Zeit, wenn es gut werden musste. Außerdem hatte ich die Hoffnung, so das komische Kribbeln im Schritt loszuwerden, das in dieser Form noch kein Mensch in mir zutage gefördert hatte. Zwei heftige Höhepunkte folgten aufeinander und ich hatte Mühe nicht zu stöhnen. Dann prüfte ich meinen strahlenden Teint im Spiegel, richtete meine Steckfrisur und beeilte mich, ein neu bestücktes Tablett Cola entgegenzunehmen.

Doch kaum erblickte ich ihn, war das Kribbeln wieder da. Ich schämte mich. Dachte ich doch, diese dummen Schwärmereien hätte ich als Teenager abgelegt. Ich machte einen Bogen um ihn, ignorierte seinen suchenden Blick und hoffte auf das Schichtende.

Bedauerlicherweise stürzte eine Kollegin, die für den Abend eingeteilt war. Und da ich am frischesten aussah, wurde ich gebeten, länger zu bleiben. Was blieb mir übrig als ›Ja‹ zu sagen? Ich bin nun mal kein Kollegenschwein.

 

Also lief ich, als die Tagung eine Steh-Party geworden war, mit einer Rotweinflasche umher und schenkte nach, wo es gewünscht wurde. Markus war nirgends zu sehen. Ich war erleichtert und beruhigte mich damit, dass ich mir zu viel aus seinen Blicken gemacht hatte. Er würde nicht auf mich stehen, war gegangen und ich würde ihn ganz einfach nie wieder sehen.