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Georg Schweinfurth
(1836 - 1925) erwarb sich seine ebenso gründliche wie
umfassende naturwissenschaftliche Bildung an den Universitäten in Heidelberg, München und Berlin. Schon als 20-Jähriger bereiste er Ägypten, den östlichen Sudan und die Küstenländer des Roten Meeres (1863 - 1866).

Bald darauf folgte seine größte und erfolgreichste Expedition in die Äquatorialgegenden (1868 - 1871). 1876 gründete er die Geografische Gesellschaft in Kairo und lebte viele Jahre in Ägypten. Seit 1889 lebte der Nestor der deutschen Afrika-Forschung in Berlin, wo er 1925 verstarb.

Schweinfurths Bericht über seine letzte große Reise wird als zeitgenössisches Dokument seinen Wert niemals verlieren und ist als Quelle für den ethno-historisch interessierten Leser von unschätzbarer Bedeutung. Schweinfurth gilt heute zu Recht als einer der ganz Großen der deutschen Afrikaforschung-zusammen mit Heinrich Barth, Gustav Nachtigal und Gerhard Rohlfs.

Dr. Herbert Gussenbauer (1940 - 2009), war freischaffender Ethnologe und Afrikanist in Wien. Studien- und Forschungsreisen führten ihn all-jährlich durch den afrikanischen Kontinent. Er war Mitarbeiter des Österreichischen Rundfunks und beschäftigte sich jahrzehntelang mit ethno-historischen Themenkreisen. In der Edition Erdmann hat er die Aufzeichnungen von Gerhard Rohlfs, „Quer durch Afrika“, herausgegeben.

Zum Buch

Als am 19. März 1870 der junge Botaniker und Entdeckungsreisende Georg Schweinfurth an den Ufern des Uelle stand, war ein ganz wesentlicher Beitrag zur Erforschungsgeschichte des Schwarzen Kontinents geleistet. Eines der letzen Rätsel Afrikas stand vor seiner Lösung. Dieser Uelle floß nach Westen und nicht nach Norden, er konnte somit nicht mehr zum Stromsystem des Nils gehören. Als erster Europäer hatte Schweinfurth die Nil-Kongo-Wasserscheide überschritten.

Doch nicht nur diese geografisch-hydrografische Entdeckung war die herausragende Leistung des wagemutigen Forschers. Es blieb ihm auch vorbehalten, als erster Weißer das Volk der Monbutto zu besuchen und Nachrichten darüber dem staunenden Europa zu übermitteln. Vor allem jedoch war es auch sein großes Verdienst, die Pygmäen zu entdecken, jenes kleinwüchsige und scheue Volk Zentralafrikas, welches seit der Antike durch die abendländische Sagenwelt geisterte.

ALTE ABENTEUERLICHE REISEBERICHTE

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Georg Schweinfurth

GEORG SCHWEINFURTH

IM HERZEN VON AFRIKA

REISEN UND ENTDECKUNGEN
IN
ZENTRALAFRIKA

1868 – 1871

Herausgegeben von Herbert Gussenbauer

Mit 49 Illustrationen und 3 Karten

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Copyright © by marixverlag GmbH, Wiesbaden 2013
Der Text basiert auf der Ausgabe Edition Erdmann, Wiesbaden 2011
Lektorat: Dietmar Urmes, Bottrop
Covergestaltung: Nicole Ehlers, marixverlag GmbH nach der Gestaltung von Nele Schütz Design, München
Bildnachweis: akg-images GmbH, Berlin
eBook-Bearbeitung: Bookwire GmbH, Frankfurt am Main

ISBN: 978-3-8438-0292-5

www.marixverlag.de

ZUM GELEIT

»DUCUNT VOLENTEM FATA,
NOLENTEM TRAHUNT

»Den Willigen führt das Geschick, den Störrischen schleift es nach«, ist ein Wort des Stoikers Kleanthes (304–233 v. Chr.), das der Uroheim Georg Schweinfurth mir in ein Buch schrieb, das von seiner großen Reise in das Innere von Afrika berichtet. Er hat selbst im Leben gezeigt, wie sinnlos es ist, sich gegen Schicksalsschläge aufzulehnen, dagegen weit besser, sie mit Gleichmut zu ertragen.

Schweinfurth war – vielleicht im Gegensatz zu manchem anderen »Entdeckungsreisenden« – in erster Linie ein Wissenschaftler, und zwar ein Forscher der beschreibenden Naturwissenschaften. Zunächst Botaniker und auch Zoologe, interessierten ihn in zunehmendem Maße Probleme der Geographie, der Geologie und Paläontologie, der Ethnologie und Archäologie, vor allem der Ägyptologie. In der Ur- und Frühgeschichte wies er menschliche Werkzeuge der Altsteinzeit in Ägypten nach, und als ich vor fünfzehn Jahren in Kairo war, sah ich im Museum für Paläontologie einen Glasschrank mit Artefakten, die immer noch mit der markanten Schrift von Schweinfurth etikettiert waren.

Die Geschichte des alten Ägypten interessierte ihn ganz besonders. Er meinte, dass das Klima in Europa nur zu ertragen sei, wenn man den Winter in Ägypten verbringe. Oft machte er im Frühjahr auf der Reise von Kairo nach Berlin in Freiburg Station. Wir Kinder, mein Bruder und ich, wurden dann wohl nach den Dynastien des alten Ägypten gefragt, und wenn wir ausreichend Bescheid wussten – wir hatten uns natürlich vorbereitet –, nahm uns der berühmte Onkel mit dem Pferdewagen auf den Schlossberg mit.

Er vertrat die Ansicht, dass die Beschreibung und Darstellung in Wort und Bild das Bleibende seien, die Ausdeutung aber sei dem Wandel der Zeiten und ihren Anschauungen unterworfen. Er war ein Meister der bildlichen Wiedergabe von Landschaften, Menschen, Tieren und Pflanzen. Vor mir liegt das Bild eines Fennek, eines Wüstenfuchses, das er 1874 in der Oase Chargeh in Farbe gezeichnet hat, eine überaus lebendige Darstellung, mit großer Akribie unter der Lupe ausgeführt, wobei man jedes Barthaar erkennen kann, aber auch der lebhafte, blitzende Blick des Tieres ist meisterhaft wiedergegeben.

Zum Schreiben verwendete er nach Möglichkeit ein besonders dauerhaftes Papier, worauf er mit einem selbst zugespitzten Gänsekiel, oft auf dem Oberschenkel, in lapidarer Schrift schrieb, sodass bei keinem Wort ein Zweifel möglich war. Stets griffen seine Briefe wissenschaftliche Probleme auf, die ihn gerade besonders beschäftigten. Mit zahlreichen Forschern stand er in einem fortwährenden Gedankenaustausch; um nur einige wenige zu nennen: in der Geologie mit den Professoren Johannes Walter und Blankenborn, in der Paläontologie mit Professor Zittel, mit vielen Forschungsreisenden wie seinem Neffen Gerhard Rohlfs, mit Sven Hedin, Nachtigal, Junker, Lüderitz, Wissmann, Peters, Frobenius und Ascherson.

»Es gibt zwei Dinge, welche die reine Forschungsarbeit lähmen können«, meinte Schweinfurth, »das ist einmal die Übernahme einer Professur an einer Universität« – und so lehnte er folgerichtig das ihm angetragene Ordinariat für Geographie an der Universität Leipzig ab –, »zum anderen sich zu verheiraten« – und schmunzelnd erzählte er, dass ihn mitunter in Kairo Damen mit Heiratsabsichten aufsuchten. Diesen trug er oft über Stunden irgendwelche komplizierten wissenschaftlichen Probleme vor, bis die Besucherinnen erschreckt flohen.

Schweinfurth hatte es sich zur Regel gemacht, nie etwas Unfreundliches oder Schlechtes über einen anderen zu äußern. Bei allen Diskussionen war er stets von der Sache erfüllt und trat bescheiden hinter diese zurück. Ehrungen wich er nach Möglichkeit aus.

Diese Besonderheiten ersparten ihm manchen kritisch-unfreundlichen, vielleicht neidischen Angriff. Als Privatgelehrter hatte er es nicht nötig, einen Konkurrenten auszustechen, und konnte sich so ganz seinen Forschungen widmen.

Das schöne Vorhaben der Edition Erdmann, das Hauptwerk von Georg Schweinfurth »Im Herzen von Afrika« in einer durch Dr. Herbert Gussenbauer gekürzten Bearbeitung zu publizieren, lässt nach mehr als hundert Jahren das für die Afrikaforschung so wichtige Buch wieder neu aufleben. Ihm gelten alle meine guten Wünsche.

Dr. Ekke W. Guenther     Professor für Geologie und Paläontologie

EINFÜHRUNG DES HERAUSGEBERS

Als »a Herr of some sort« wurde Georg Schweinfurth herabsetzend von Henry Morton Stanley, der kurz zuvor den vermissten Livingstone gefunden hatte, anlässlich einer Tagung der »British Association« in Brighton tituliert. Der Anlass: Der große Livingstone hatte den Lualaba weit im Süden des afrikanischen Kontinents entdeckt und hielt diesen für den Quellfluss des Nils. Es musste der Nil sein, jeder andere Fluss wäre des berühmten Forschers nicht würdig gewesen. Und da kam ein mehr oder weniger unbekannter deutscher Forschungsreisender und Naturwissenschaftler daher, welcher im Süden des Bahr-el-Ghasal-Gebietes einen Fluss namens Uelle entdeckt zu haben behauptete, einen Fluss, welcher nach Westen fließt und somit nicht mehr zum Stromsystem des Nils gehören kann. Diese Tatsache – wenn sie wahr wäre – würde Livingstones Entdeckung entwerten und seine Meinung zum Irrtum werden lassen.

Vom Lauf des Kongo hatte man zu dieser Zeit noch keine Ahnung, und auch Schweinfurth selbst hielt das von ihm entdeckte Gewässer für einen Zufluss des Schari, welcher sich letztlich in den Tschadsee ergießt. Stanley jedenfalls teilte Livingstones Ansicht und verteidigte sie vehement gegen alle widersprechenden Argumente. Es kann nicht sein, was nicht sein darf.

Stanley selbst war es in Zukunft vorbehalten, das Stromsystem des Kongo zu erforschen und das letzte Licht auf die hydrographischen Verhältnisse Zentralafrikas zu werfen. Und er war fair genug, Schweinfurth die gebührende Genugtuung zukommen zu lassen. Anlässlich eines Galadiners in Kairo lud er den deutschen Forscher persönlich ein, wies ihm den Platz zu seiner Rechten an und feierte ihn in einer Lobrede.

Es war die Zeit, in der sich das Kartenbild Afrikas allmählich zu füllen und abzurunden begann, die Zeit der letzten wirklich großen Entdeckungen, welche sich ja bekanntlich an vorwiegend hydrographischen Fragestellungen orientierten, der Suche nach den Wasserscheiden und Quellen der großen Ströme. Dank weniger herausragender Persönlichkeiten war der Schwarze Kontinent keine terra incognita mehr. Die Epoche der einsamen und wagemutigen Forscher ging zu Ende, die Eroberer und Kolonisatoren sollten ihnen folgen, mit Landkarten in den Händen, welche von dieser Handvoll großer Pioniere gezeichnet worden waren, deren einer Schweinfurth war.

Georg Schweinfurth wurde am 29. Dezember 1836 in Riga, einer zur damaligen Zeit durchaus deutschen Stadt im russischen Livland, geboren. Sein Vater war zu Beginn des Jahrhunderts aus der Gegend von Heidelberg dorthin ausgewandert, um der Rekrutierung durch das französische Militär zu entgehen, und brachte es mit einem Weinhandelsunternehmen zu einem nicht unbeträchtlichen Reichtum. Dieser Umstand sollte für Georg Schweinfurths Leben und Schaffen von wesentlicher Bedeutung sein, indem er dadurch in den Stand gesetzt wurde – auch und vor allem nachdem das Vermögen später in eine Familienstiftung umgewandelt wurde –, unbelastet von finanziellen Sorgen seinen wissenschaftlichen Neigungen nachzugehen.

Die Kindheit und frühe Jugend verbrachte er in verschiedenen privaten Lehr- und Erziehungsanstalten, und bereits hier war es, wo der Grundstein zu seinem späteren Lebensweg gelegt wurde. Ein in Südafrika geborener Lehrer erweckte durch seine Erzählungen schon in dem Knaben das Interesse für den »Schwarzen Kontinent«, welches durch Lesen von Reisebeschreibungen weiter entwickelt wurde. Bereits im Schulalter begann Schweinfurth, sich durch ausgedehnte und strapaziöse Fußmärsche durch seine baltische Heimat auf sein künftiges Forscherleben vorzubereiten. Bis zu fünfundsiebzig Kilometer betrug die tägliche Wegstrecke bei diesen Ausflügen, dabei nahm er nur wenig und einseitige Nahrung zu sich, um sich an die zu erwartenden Entbehrungen zu gewöhnen. Eine andere Tätigkeit als die eines reisenden Naturforschers in Afrika scheint von ihm nie in Erwägung gezogen worden zu sein, und dieses Ziel verfolgte er mit beispiellosem Fanatismus und unermüdlicher Energie.

Sein Interesse für die Botanik dürfte durch die Ehe seiner älteren Schwester mit dem Besitzer einer Großgärtnerei, der größten ihrer Art in Russland, geweckt worden sein. Tagelang begleitete Schweinfurth seinen Schwager auf dessen Rundgängen; und schon der dreizehnjährige Knabe begann mit dem Sammeln von Pflanzen und dem Anlegen von Herbarien, einer Tätigkeit, von der er sein ganzes Leben lang nicht mehr ablassen sollte. Anlässlich einer Schulexkursion vermochte er als einziger botanische Beispiele sämtlicher Klassen des Linné’schen Pflanzensystems vorzulegen. Die letzten Schuljahre verbrachte er im öffentlichen Gymnasium von Riga, wo er auch das Abitur ablegte.

Seine erste Auslandsreise führte ihn 1857 mit den Eltern nach Österreich, wo er die Gebirgsflora der Hohen Tauern studierte und als achter Bergsteiger den Gipfel des Großglockners bestieg. Ein Aufsatz über diese Bergtour sollte seine erste veröffentlichte Arbeit werden.

Anschließend zog Georg Schweinfurth zum Studium der Botanik und Paläontologie – neben Zoologie, Mineralogie und Chemie – nach Heidelberg, in die Heimat seines Vaters. Eine botanische Reise nach Sardinien verschaffte ihm in Wissenschaftlerkreisen erste Beachtung. 1859 setzte er seine Studien in München und Berlin fort, um schließlich 1862 mit einer Doktorarbeit über die Pflanzen des Niltals wieder nach Heidelberg zurückzukehren und dort summa cum laude zu promovieren.

Nun war der Weg frei für seine Forschertätigkeit in Afrika. Von seiner inzwischen verwitweten Mutter ließ er sich zehntausend Rubel auf sein Erbteil auszahlen und begann mit den Vorbereitungen zu seiner ersten Reise. Bedeutungsvoll wurde hierbei die Begegnung mit dem berühmten Afrikaforscher Heinrich Barth, der zu diesem Zeitpunkt den Vorsitz der Geographischen Gesellschaft innehatte, Georg Schweinfurth dort aufnehmen ließ und ihm auch wertvolle Ratschläge und Unterstützungen für die geplante Reise geben konnte.

Im Dezember 1863 betrat er in Ägypten zum ersten Mal afrikanischen Boden und begann mit der Erkundung der weitgehend unbekannten Gebiete zwischen Nil und Rotem Meer. Über zweieinhalbtausend Pflanzen wurden gesammelt, darunter viele bislang unbekannte Arten. Er konnte die Landkarten der bereisten Landstriche um viele topographische Angaben und Berichtigungen ergänzen, unter anderem entdeckte er auch Maman, die alte Gräberstadt der Bischarin oder Beja, über welches Volk er auch einige wertvolle Berichte verfasste. Bis Khartum (Chartum) und ins nördliche Abessinien führten die Wege des jungen Forschers, mit Barken auf dem Nil und im Roten Meer, auf Kamelrücken im Landesinneren.

Im Gegensatz zu seiner zweiten, der »großen« Reise, war der Gesundheitszustand Schweinfurths nicht immer der beste. Vor allem die Malaria machte ihm sehr zu schaffen. 1866 kehrte er nach zweieinhalb Jahren wieder in die Heimat zurück.

In Berlin nahm Schweinfurth mit unermüdlichem Eifer sofort sein nächstes Ziel in Angriff, eine Reise zur botanischen Erkundung der südlichen Nilländer, insbesondere des Gebietes des Bahr-el-Ghasal. Daneben sollten allerdings auch völkerkundliche und geographische Erkundungen wahrgenommen werden, und es war sein Plan, möglichst weit in das unbekannte, noch von keinem Europäer betretene »Herz von Afrika« vorzustoßen.

Sein früherer Protektor Heinrich Barth war 1865 im Alter von nur vierundvierzig Jahren gestorben. Dass es Schweinfurth gelang, andere Fürsprecher für seine Intentionen und damit das nötige Kapital zu finden, schreibt er am Beginn des folgenden Reiseberichts. Die neugegründete Humboldt-Stiftung übernahm den größten Teil der Finanzierung des Projekts. Fehlendes Geld wurde wieder von der Mutter zugeschossen, und so befand sich Schweinfurth im Sommer 1868 mit rund fünfundzwanzigtausend Mark (einer an und für sich geringen Summe, gemessen an der Dauer und Bedeutung der Unternehmung) wieder in Ägypten, auf dem Weg in den tiefen Süden, ins unbekannte Abenteuer.

Nach drei Jahren und vier Monaten war Georg Schweinfurth wieder zurück in Europa und begann mit der Niederschrift seiner Reisebeschreibung. Er musste sich beeilen, da er zum großen Teil aus der Erinnerung schreiben musste – die meisten seiner Notizen und Tagebuchaufzeichnungen waren bei einem Brandunglück im Gebiet des Bahr-el-Ghasal vernichtet worden.

Lange hielt es ihn allerdings nicht in der Heimat. Afrika ließ Schweinfurth auch nach seiner großen Reise nicht aus dem Bann. Schon 1873 war er wieder in Nordafrika, wo er die Flora der Oase Chargeh in der Libyschen Wüste studierte und auch mit seinem Freund Gerhard Rohlfs, einem anderen Großen der deutschen Afrikaforschung, der vor wenigen Jahren eine Nichte Schweinfurths geheiratet hatte, zusammentraf.

Besonderes Glück hatte Schweinfurth bei der Herausgabe seines Reisewerks. Ein deutscher Verleger hatte ihm bereits einige hundert Taler für die Rechte geboten, da lernte er in einem Hotel zufällig Henry Jakoby, den Korrespondenten des New York Herald kennen, welcher sich für das Buch interessierte und ihm das englische Verlagshaus Sampson Low, Marston Low & Searle vermittelte. Das Honorar für sämtliche Editionen wurde auf zweitausend Pfund Sterling festgesetzt, ein Betrag, welcher rund das Zwanzigfache des deutschen Angebots ausmachte. »Im Herzen von Afrika« erschien 1874 somit zuerst in englischer Sprache, was Schweinfurth herbe Kritik einiger seiner Landsleute eintrug, im selben Jahr jedoch auch noch in Deutschland. Italienische, amerikanische, französische und sogar eine türkische Ausgabe folgten unmittelbar darauf und begründeten den weltweiten Ruhm des Forschers.

Die Londoner Geographische Gesellschaft verlieh ihm ihre große goldene Stiftermedaille, wie in der Laudatio festgehalten, vor allem für die Feststellung der südwestlichen Begrenzung des Nilbeckens, die Entdeckung des Uelle und die Auffindung und Beschreibung der Pygmäen.

Der Khedive von Ägypten beauftragte Schweinfurth 1875 mit der Gründung einer geographischen Gesellschaft in Kairo, deren Vorsitz er ein Jahr lang innehatte. Das fünfzigjährige Jubiläum dieser Gesellschaft sollte er noch erleben.

1876 wurde er auf den Lehrstuhl für Geographie an die Universität Leipzig berufen, den er jedoch ablehnte. Erstens wollte er seine unabhängige Forschertätigkeit nicht aufgeben, zweitens konnte er es sich aufgrund seiner Vermögensverhältnisse leisten, auf ein gesichertes Beamteneinkommen zu verzichten. Georg Schweinfurth ließ sich als Privatgelehrter in Kairo nieder.

Im selben Jahr wurde er von König Leopold II. von Belgien nach Brüssel zur Afrika-Konferenz eingeladen (zusammen mit den Forschern Oskar Lenz, Gustav Nachtigal, Ferdinand von Richthofen und Gerhard Rohlfs), welche als die eigentliche Gründung des Kongostaates angesehen werden kann. Schweinfurth war ein Anhänger des Kolonialgedankens, wenn auch nicht in einem imperialistischen, sondern in mehr humanistischem Sinn. Es ging ihm nicht um Eroberung und Landerwerb (die negativen Auswirkungen einer solchen Politik hatte er während seiner Reise zur Genüge miterlebt), sondern vielmehr um die Erziehung und Anleitung der Eingeborenen, deren Freund er zeitlebens war, zu einem menschenwürdigen Dasein. Dass er dabei ein glühender Verfechter der Antisklavereibewegung war, versteht sich von selbst.

1879 wurde Schweinfurth durch die Vermittlung des Fürsten Bismarck die deutsche Staatsbürgerschaft verliehen, seinen ständigen Wohnsitz in Ägypten durfte er jedoch beibehalten.

Wenn Schweinfurth auch nie mehr eine so lange und entbehrungsreiche Forschungsreise wie die nach Zentralafrika unternahm, so waren die folgenden Jahre doch mit zahlreichen Erkundungs- und Sammelfahrten in den Libanon, auf die Insel Sokotra, nach Südarabien, in den Jemen und an die libysche Küste ausgefüllt, unterbrochen lediglich von der Auswertung und Katalogisierung der Ergebnisse.

Die Zahl der Veröffentlichungen (zum Großteil angeführt in der dritten Auflage von »Im Herzen von Afrika«, 1918) ist enorm und bezeugt die gigantische Arbeitsleistung des unermüdlichen Forschers. Rund dreihundertfünfzig Bücher, Artikel, Aufsätze und Abhandlungen nicht allein zum Spezialgebiet Botanik, sondern auch zu den Themenkreisen Zoologie, Geographie, Geologie, Paläontologie, Völkerkunde, Sprachwissenschaft und Archäologie sind der Nachwelt überliefert. Beeindruckend ist diese heute kaum noch vorstellbare Universalität der Kenntnisse auf allen nur denkbaren Gebieten der Natur- und Kulturwissenschaften. Georg Schweinfurth war, wie es sein Biograph Konrad Guenther nannte, der letzte Wissenschaftler Humboldt’scher Prägung.

1888 gab er seine Wohnung in Kairo auf und zog mit seinen umfangreichen Sammlungen nach Berlin, wo ihm vom Kultusministerium im Botanischen Garten ein Haus eingeräumt wurde. Die Wintermonate verbrachte er jedoch weiterhin immer wieder in Ägypten, Algerien oder in Tunis. Rund achtzehntausend Pflanzen lagerten schließlich in seinen Herbarien. Von Schweinfurth wurde auch die nach ihm benannte Methode des Konservierens mittels Alkoholdämpfen erfunden und weiterentwickelt. Den Großteil seiner botanischen Sammlungen vermachte er gegen eine Rente dem Staat, behielt sich jedoch zu seinen Lebzeiten das Recht der persönlichen Betreuung und Verwaltung vor.

Georg Schweinfurth blieb ehelos. Die gleiche Unabhängigkeit, die er in finanziellen Belangen genoss, wollte er auch im privaten Bereich erhalten sehen. Zahllos sind die Ehrungen, deren er im Lauf seines langen Lebens zuteilwurde, wenn er auch Titel hasste. Die Universität Heidelberg verlieh ihm das Ehrendoktorat der Medizin, er war Professor und Mitglied von sechzig wissenschaftlichen Gesellschaften, von dreißig Ehrenmitglied. Als er schließlich auch noch zum Geheimrat ernannt werden sollte, lehnte er ab, ebenso die Feiern zu seinem achtzigsten Geburtstag. Viel mehr freute es ihn, wenn Pflanzen oder Tiere nach seinem Namen benannt wurden. Der Schimpanse »Pan Schweinfurthii« ist ein besonders ansprechendes Beispiel dafür.

Überhaupt verdankte er seine große Beliebtheit in Wissenschaftlerkreisen seiner Bescheidenheit und zu einem nicht geringen Teil der Tatsache, dass er sich nie in das übliche hierarchische Gedränge eines Universitätsbetriebs einschaltete, dass er sich nie um Posten oder gut dotierte Positionen bewarb. Er blieb ein Grandseigneur der Wissenschaft.

Ein vor allem finanzieller Schicksalsschlag wurden für Georg Schweinfurth der Erste Weltkrieg und die Russische Revolution. Das regelmäßige Einkommen aus der Familienstiftung in Riga, welches ihm zeitlebens ein sorgloses und unabhängiges Forschen gesichert hatte, fiel plötzlich weg, auch die staatliche Rente verlor infolge der Inflation ihren Wert. Der Zweiundachtzigjährige war mit einem Mal auf das Wohlwollen seiner Freunde und Bewunderer angewiesen, das ihn wenigstens vor dem Hungern bewahrte. Unter anderen schickte auch der schwedische Asienreisende Sven Hedin einen ansehnlichen Geldbetrag zur Unterstützung des greisen Forschers.

Am 19. September 1925 starb Georg Schweinfurth, und er fand im Botanischen Garten von Berlin-Dahlem seine würdige letzte Ruhestätte. Bis zu seinem Tod saß der unermüdliche Wissenschaftler an seinem Schreibtisch. Die Korrekturbögen zu seinem letzten Werk, »Afrikanisches Skizzenbuch«, lagen ihm noch vor, die Herausgabe konnte er nicht mehr erleben. Mit ihm war der letzte Reisende aus der »klassischen Periode« der Afrikaforschung des vorigen Jahrhunderts dahingegangen.

Davon, dass Schweinfurth auch ein hervorragender Zeichner war, kann sich der Leser anhand der beigegebenen Bilder selbst überzeugen. Die Abbildungen in diesem Band stammen sämtlich aus der Zeichenfeder des Autors und entspringen nicht der Phantasie eines Graveurs, wie es so oft in alten Reiseberichten der Fall ist.

Eine Straffung des Textes war notwendig. Über 1200 Druckseiten enthält die Erstausgabe aus dem Jahr 1874, immerhin noch über 500 Seiten die von Schweinfurth selbst redigierte zweite Auflage von 1878. Wir haben versucht, den Fluss des Berichts nicht allzu sehr zu stören, zu lange und heute längst überholte Erklärungsversuche auf ethnologischem, geographischem oder naturwissenschaftlichem Gebiet wegzulassen oder zu komprimieren und Wiederholungen zu vermeiden; insbesondere die umfangreichen botanischen Exkurse und hydrographischen Angaben wurden stark zusammengestrichen. Dass eine solche Kürzung auch immer subjektiv ist und einen wesentlichen Eingriff in das Werk eines Autors darstellt, ist uns bewusst, und der Herausgeber bittet dafür um Verständnis und Entschuldigung.

Herbert Gussenbauer

IM HERZEN VON AFRIKA

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»Ich habe Afrika gesehen und habe es noch vor Augen, wie es ist, als das große Haus der Knechtschaft, nicht wie es sein sollte, als das ungeheure Gebiet einer freien Mitarbeit an den Gesamtaufgaben der Menschheit. An einem endlichen Sieg der guten Sache sowie an der Zukunft des schwarzen Menschengeschlechts werde ich nie zweifeln!«

Kairo, den 22. März 1878                        Dr. Georg Schweinfurth

ERSTES KAPITEL

Als ich mich im Sommer 1868 zu der großen Reise anschickte, deren Schilderung in nachfolgenden Blättern enthalten ist, war ich kein Neuling mehr auf afrikanischem Boden. Meine Lehrzeit in der Kunst des Reisens hatte ich bereits im Jahre 1863 auf den sonnigen Gefilden Ägyptens und Nubiens angetreten. Die unerforschten Gebirge an den Küsten des Roten Meeres, welches ich zu diesem Zweck monatelang auf eigener Barke befuhr, bildeten das erste ernstere Ziel meiner Anstrengungen; besonders war es das Gebiet der unabhängigen Bischarin, welches meine Neugierde reizte. Dann hatte ich das Land zwischen Nil und Meer wiederholt durchwandert und schließlich an der untersten Terrasse des Abessinischen Hochlandes den vollen Zauber der afrikanischen Natur genossen. Über Khartum und Berber führte mich 1866 der Weg wieder nach Ägypten zurück.

Der einzige Zweck, den ich unablässig verfolgte, die botanische Erforschung dieser Länder, gestaltete sich immer mehr zur Aufgabe meines Lebens. Ein prachtvolles Herbar war zunächst der heimgetragene Lohn meiner Mühen, freilich erkauft mit dem Opfer zahllos überstandener Fieber. Die Ergebnisse des ersten Versuchs wurden indes maßgebend für den günstigen Verlauf meiner folgenden Unternehmung.

Unter solchen Eindrücken verlebte ich zwei Jahre, da bot sich mir eine willkommene Gelegenheit dar, die nur wegen Erschöpfung meiner Geldmittel unterbrochenen Forschungen im Nilgebiet von Neuem in Angriff nehmen zu können.

Nach dem Tode Alexander von Humboldts war, als ein Denkmal des Dankes und der Anerkennung für den großen Mann, in Berlin die »Humboldt-Stiftung für Naturforschung und Reisen« gegründet worden, um Talenten, wo sie sich finden mögen, ohne Rücksicht auf Nationalität und Konfession in allen den Richtungen, in welchen Humboldt seine wissenschaftliche Tätigkeit entfaltete, namentlich zu größeren Reisen, Unterstützung zu gewähren. Der Königlichen Akademie der Wissenschaften in Berlin war nicht nur die Wahl der Unternehmungen, sondern auch die der für ihre Ausführung geeigneten Personen überlassen worden.

Drei Männern, deren Namen die Wissenschaft stets hochhalten wird, Gottfried Ehrenberg, Alexander Braun und Du Bois-Reymond, hatte ich es zu verdanken, dass ein von mir eingereichter Plan zur botanischen Erforschung der von den westlichen Nilzuflüssen durchströmten Gegenden sich der Zustimmung der ersten wissenschaftlichen Korporation des Staates erfreuen durfte, und so wurden mir, um ihn auszuführen, die während der Dauer von fünf Jahren disponiblen Fonds der Humboldt-Stiftung bewilligt. Infolgedessen befand ich mich im Juli 1868 wieder auf afrikanischem Boden.

In Khartum, dem Regierungszentrum des ägyptischen Sudan, hatte ich während meines ersten Besuchs über die von dortigen Kaufleuten in den Quelländern des Nils unternommenen Elfenbein-Expeditionen ausreichende Erkundigungen eingezogen und andere Verbindungen mit Einheimischen angeknüpft, um den Plan zur wissenschaftlichen Bereisung jenes Gebiets auf sicherer Grundlage zu entwerfen. Ich hatte bald erkannt, dass bei dem völligen Mangel an Einfluss und Autorität, welchen die ägyptische Regierung zur damaligen Zeit in den heidnischen Negerländern der obersten Nilregion noch an den Tag legte, obgleich dieselben bereits seit sechzehn Jahren von einer großen Anzahl ihrer Untertanen in den verschiedensten Richtungen durchzogen wurden und Khartumer Kaufleute daselbst auf eigenem Grund und Boden die ausgedehntesten Besitzungen gegründet hatten, dass ohne einen engen Anschluss an die Letzteren, ohne den freimütigen Schutz und den guten Willen ihrer Unterstützung die Zwecke eines wissenschaftlichen Reisenden daselbst nimmer gefördert werden konnten.

Mein Entschluss stand daher fest, mich von den Khartumer Kaufleuten vollständig ins Schlepptau nehmen zu lassen, boten doch die von ihnen erschlossenen Länder mehr als ausreichenden Spielraum für die Tätigkeit eines Forschungsreisenden. Dass übrigens die Elfenbeinhändler aus freien Stücken sich nie dazu entschließen würden, diesem meinem Ansinnen zu entsprechen, darüber durfte ich mich keinen Täuschungen hingeben, ich kannte aber ihre abhängige Lage als Untertanen des Vizekönigs von Ägypten. Waren sie auch in den Negerländern unumschränkte Machthaber und in ihrem Tun und Treiben daselbst niemand Rechenschaft schuldig, so erschienen sie, weil mit ihrem Kapital gebunden an die Hauptstadt des ägyptischen Sudan, auf Gnade und Ungnade den Maßnahmen einer absoluten Regierung ergeben, und hierin war mir ein Hebel geboten, ihren Widerstand zu brechen.

Mithilfe der diplomatischen Vertretung in Ägypten wusste ich mir den vollen Schutz der vizeköniglichen Regierung zu sichern, ich war aber auch aus eigener Erfahrung zur Genüge davon überzeugt, dass Empfehlungsbriefe an die Lokalregierungen, solange sich ihr Inhalt auf allgemein gehaltene Phrasen beschränkte, nur von geringem und zweifelhaftem Nutzen seien. Ich war jedoch so glücklich, von Scherif-Pascha, dem ersten Minister des damals abwesenden Vizekönigs, die mir unumgänglich notwendigen speziellen Befehle an den Generalgouverneur von Khartum zu erwirken. Der letztere sollte den Kontrakt einleiten, welchen ich mit einem der Khartumer Kaufleute zwecks ungehinderter Bereisung des Gebietes am Gazellenfluss abzuschließen gedachte, und die genaue Beobachtung der von diesem eingegangenen Verpflichtungen überwachen.

Ich begab mich zunächst über Suez auf einem Dampfschiff nach Dschidda, mietete daselbst eine arabische Barke und fuhr auf ihr nach Suakin hinüber, wo ich zur Fortsetzung meiner Reise nach Khartum eine kleine Kamelkarawane zu organisieren hatte. Vierzig Tage verbrachte ich allein auf der Strecke vom Meer zum Nil, welchen ich in Berber erreichte. Die letzte Strecke bis zu meinem vorläufigen Reiseziel legte ich auf einer Segelbarke zurück, die mich in wenigen Tagen nach Khartum brachte.

In Ägypten war in wohlunterrichteten Kreisen die Ansicht verbreitet gewesen, die Regierung suche prinzipiell allen Forschungsreisenden, welche in das obere Nilgebiet vorzudringen gedachten, Hindernisse zu bereiten, um den ihr stets lästigen Berichten von Augenzeugen vorzubeugen, welche unerquickliche Details über das sich ihrem Einfluss entziehende Treiben der Khartumer in jener ergiebigsten Domäne des Sklavenhandels vor die große Welt bringen möchten.

Um so freudiger war meine Überraschung, als ich mich in Khartum alsbald nach meiner Ankunft durch den Besuch des daselbst allmächtigen Djafer-Pascha geehrt und bereits nach den ersten Gesprächen desselben zu der sicheren Hoffnung berechtigt sah, dass diesmal die Lokalregierung entschlossen sei, alles aufzubieten, um einer wissenschaftlichen Reise ihren nachhaltigsten Schutz angedeihen zu lassen.

Als daraufhin im großen Diwan des Gouvernementsgebäudes mein Empfehlungsbrief der Akademie, vom Leibarzt des Generalgouverneurs Satz für Satz in fließendes Arabisch übersetzt, zur Verlesung gelangte, erklärte der Pascha vor aller Welt, er wolle der Wokil, d.h. der Sachwalter der Berliner Akademie sein, an ihm solle es nicht fehlen, um meiner Reise den nötigen Vorschub zu leisten. Darauf wurde der Schreiber angewiesen, die verschiedenen Paragraphen meines Abkommens mit dem Elfenbeinhändler Ghattas, einem koptischen Christen, festzustellen. Der Generalgouverneur selbst hatte sie aufgesetzt, und ich wusste wenig an ihrem Inhalt auszusetzen, was meinen Interessen widersprochen hätte.

Der gesamte Elfenbeinhandel von Khartum befand sich damals in den Händen von sechs größeren Kaufleuten, diesen schlossen sich noch ein Dutzend kleinerer Kaufleute an. Seit Jahren hatte die Elfenbeinausfuhr einen Betrag von fünfhunderttausend Maria-Theresien-Talern nicht überschritten, und diese Summe wurde bei der empfindlichen Abnahme des Artikels in den den Wasserstraßen des oberen Nilgebiets nächstgelegenen Gebieten in der letzten Zeit nur dadurch erschwungen, dass die Expeditionen von Jahr zu Jahr nach immer weiter entlegenen Gegenden des Inneren vordrangen. Dass der Elfenbeinhandel übrigens bei diesen Unternehmungen der Khartumer Kaufleute Nebensache sei und nur als Deckmantel für den weit ergiebigeren Sklavenhandel diene, davon vermochte ich mich durchaus nicht zu überzeugen. Diese beiden Beschäftigungen hatten in der Tat weniger miteinander zu schaffen, als man bei uns in der Regel anzunehmen pflegte. Ohne den hohen Wert des Elfenbeins wären uns die Quell-Länder des Nils noch heute so wenig erschlossen wie der äquatoriale Zentralkern des Kontinents, Gegenden, welche sonst nichts, absolut nichts produzieren, was sich lohnen könnte, auf den Köpfen der Eingeborenen Hunderte von Meilen weit transportiert zu werden. Ohne die durch den Elfenbeinhandel im Inneren entstandenen Niederlassungen aber hätten andererseits auch die Sklavenhändler von Profession nicht so weit vorzudringen vermocht.

Die erwähnten Kaufleute in Khartum unterhielten in Gegenden, welche den damaligen Elfenbeinländern möglichst genähert waren, und unter friedlichen, dem Ackerbau ergebenen Stämmen, deren Territorien sie unter sich geteilt, und nachdem sie die Eingeborenen in ein Verhältnis von Leibeigenschaft gebracht hatten, eine große Anzahl von Niederlassungen, wo unter der Obhut in Khartum angeworbener Bewaffneter die erforderlichen Stapelplätze angelegt, Züge ins tiefe Innere unternommen und eine Verbindung mit den nach Khartum führenden Wasserstraßen unterhalten wurden. Solche Stapelplätze für Elfenbein, Munition, Tauschwaren und Lebensmittel pflegen von Palisaden umschlossene Dörfer zu sein und werden »Seriba« genannt. Jeder Khartumer Handelsherr war in den verschiedenen Gebieten, wo er Niederlassungen unterhielt, durch einen Verwalter und eine Anzahl demselben untergebener Agenten vertreten.

Die beiden hauptsächlichsten Gebiete des Elfenbeinhandels waren vermittels der Fluss-Schifffahrt auf den beiden Quellflüssen, welche zusammen den Weißen Nil bilden, dem Bahr-el-Ghasal und dem Bahr-el-Djebel, zugänglich gemacht. Die Ausschiffungsplätze, »Meschera« genannt, waren überall mehrere Tagereisen weit von den Niederlassungen im Inneren entfernt.

Auf dem Bahr-el-Ghasal führte eine Art Sackgasse zu der einzigen Meschera, die dort vorhanden und von welcher aus die Khartumer in südlicher wie in westlicher Richtung bereits fünf Grad weit vorgedrungen waren.

Eine Hauptquelle des Elfenbeinertrags im Gebiet des Gazellenflusses bildeten die Niam-Niam-Länder, und in dieser Richtung vorzudringen, stellte von allen einzuschlagenden Wegen den reichsten Erfolg für meine Zwecke in Aussicht. So wählte ich denn die westliche Wasserstraße, den Gazellenfluss, und brachte mit dem Kopten Ghattas einen Kontrakt zustande, welcher mir die Lieferung von Lebensmitteln, von Trägern, von Bewaffneten und dergleichen zusicherte. Außerdem stellte mir Ghattas eine Barke für die Hinfahrt zur Verfügung, und es ward eigens ausbedungen, dass ich mich allen Unternehmungen und Wanderzügen seiner Leute nach Belieben anschließen dürfte.

Um in meiner Umgebung beständig eine Anzahl von Leuten zu haben, auf deren Treue und Ergebenheit ich mich unter allen Verhältnissen verlassen durfte, nahm ich in Khartum sechs daselbst ansässige, durch Weib und Kinder an die Stadt gebundene und bereits in verschiedenen Gebieten des oberen Nils bereiste Nubier in meinen speziellen Dienst. Alle hatten bereits bei anderen Europäern gedient.

Endlich waren alle Vorbereitungen so weit gediehen, dass am 5. Januar 1869 die Reise nach dem Gazellenstrom angetreten werden konnte. So plump und schwerfällig auch unsere Barke gebaut war, die Kraft des Nordwinds trieb das riesige Segel mit Dampfeseile südlichen Breiten zu. Am Vormittag des nächsten Tages befanden wir uns bereits einen Breitengrad südlich von Khartum.

Die Fahrt auf dem Weißen Nil ist aus den Beschreibungen vieler Reisender bekannt; die Ufergegenden sind einförmig und behalten auf weiten Strecken denselben Charakter, nur selten bieten vereinzelte Hügel und kleinere Berge dem Auge einen erwünschten Ruhepunkt. Ich übergehe daher die auf diesem Teil der Reise gemachten Beobachtungen und werde mich nur auf einige wichtige Tatsachen beschränken. Es fehlte indes nicht an kleineren und größeren Episoden, welche den Verlauf meiner Reise reich an mannigfaltigen Eindrücken gestalteten.

Der 14. Januar brachte den ersten Unglückstag, den ich selbst heraufbeschworen hatte. In der Frühe war zu uns eine andere Barke gestoßen; die Leute wollten zusammen sich vergnügen und haltmachen, wir waren aber an einer für mich sehr langweiligen Stelle, und so zwang ich sie weiterzufahren, um an einer interessanten kleinen Insel an Land steigen zu können. Die Exkursion, die ich, von zweien meiner Leute begleitet, antrat, sollte verhängnisvoll werden, wenigstens für einen der beiden. Mohammed-Amin, so hieß dieser, wurde an meiner Seite von einem wilden Büffel überrannt, dem ich nicht das geringste Leid zuzufügen beabsichtigte, dem aber der Unglückliche im hohen Gras gar zu nah gekommen war. Der Büffel hielt jedenfalls sein Mittagsschläfchen und geriet durch diese Störung in die äußerste Wut.

Aufspringen und den Störenfried in die Lüfte wirbeln, war für ihn das Werk eines Augenblicks. Da lag er nun da, mein treuer Begleiter, über und über blutend, vor ihm mit hocherhobenem Schweif der Büffel, grunzend, in drohender Haltung bereit, sein Opfer zu zerstampfen. Zum Glück war indes seine Aufmerksamkeit durch die zwei anderen Männer gefesselt, die sprachlos vor Staunen als Zeugen dastanden. Ich hatte kein Gewehr in der Hand, mein schöner Hinterlader hing vorläufig noch am linken Horn des Büffels, Mohammed hatte ihn getragen. Mein anderer Begleiter, der meine Kugelbüchse trug, hatte gleich angelegt, aber der Hahn knackte vergebens, das Gewehr versagte. Da griff der Mann nach einem kleinen Handbeil, das ganz aus Eisen bestand, und schleuderte es unverzagt dem Büffel an den Kopf auf eine Entfernung von kaum zwanzig Schritten. Mit einem wilden Satz warf sich der Büffel seitwärts in das Röhricht, brüllend und den Boden erschütternd. Unsere nächste Sorge wandte sich jetzt dem Unglücklichen zu. Mohammeds Kopf lag wie angenagelt am Boden, da seine Ohren von scharfen Schilfhalmen durchbohrt waren, auf die er gefallen war, aber eine flüchtige Untersuchung überzeugte uns sofort davon, dass die Verletzung nicht tödlich sein konnte. Das Büffelhorn hatte gerade den Mund getroffen, und außer vier Zähnen im Oberkiefer und einigen Knochensplittern hatte er keine weiteren Verluste zu beklagen. In drei Wochen war er glücklich wiederhergestellt.

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Die Begegnung mit einem wilden Büffel

Nach einigen Tagen legten wir bei dem Dorf Kaka an, dem nördlichsten von Schilluk bewohnten Ort aufwärts am Weißen Nil. Gleich nach Ankunft der Barke versammelte sich am Ufer ein großer Haufen nackter Schilluk, welche hauptsächlich aus Neugier kamen, meinen Hund zu sehen. Jeder Reisende in Zentralafrika erkennt beim ersten Anblick wirklich nackter und in ihrer vollen adamitischen Majestät sich ihm präsentierender Wilder einen bedeutsamen Wendepunkt im Verlauf seiner Reise, und der unvergleichliche Eindruck prägt sich lebhaft seiner Erinnerung ein, denn in immer weitere Ferne entschwinden ihm die Erinnerungen an unsere Kultur.

Da die öde Steppe in der Nähe von Kaka nichts enthielt, was für die Sammlungen verwertet werden konnte, war ich froh, noch am gleichen Tag weiterfahren zu können, um bei der ersten intakten Urwaldstelle zu botanisieren; indes mein Wunsch wurde durch einen Vorfall vereitelt, dessen ich jetzt noch mit Schaudern und Schrecken gedenke. Eine kurze Strecke oberhalb des Dorfes, wo die Ufer, soweit das Auge reicht, eine baumleere Strecke darstellen, umgürtet sich der Fluss von Neuem mit dichtem Waldsaum. Bald war die Stelle erreicht, wo der Nil ausnahmsweise auf acht Meilen eine nordöstliche Richtung einschlägt, und da der Nordostwind hierzu nicht stimmte, musste die Barke von der Mannschaft gezogen werden. Als nun das Seil durch die hohe Grasmasse des Ufers streifte, geschah es, dass ihm ein Bienenschwarm in den Weg kam, welcher gleich einer großen Wolke in demselben Moment sich über die Ziehenden entlud. Jeder von ihnen stürzte sich nun kopfüber in den Fluss und suchte die Barke wiederzugewinnen, aber der Bienenschwarm folgte ihnen auf dem Fuße nach und erfüllte in wenigen Augenblicken alle Räume des mit Menschen vollgepfropften Fahrzeugs. Die Folge hiervon war ein Bild der Verwirrung, welches sich schwer beschreiben lässt.

Ich arbeitete gerade, nichts Böses ahnend, an meinen Pflanzen in der Kabine, als ich über mir und um mich herum ein Rennen und Springen vernahm, das ich anfangs, da solches an der Tagesordnung war, für Ausgelassenheit der Leute hielt. Ich rufe den Leuten zu, was die Tollheit zu bedeuten habe, aber sie gebärden sich wie Verrückte und geben keine Antwort. Da stürzt einer ganz verwirrt mit dem Ruf herein: »Bienen, Bienen!« Ich will eine Pfeife anzünden, törichter Versuch, denn plötzlich im Gesicht und an den Händen von den empfindlichsten Stichen getroffen, höre ich mich bereits von Tausenden umsummt, vergeblich suche ich das Gesicht mit einem Handtuch zu schützen, es hilft nichts, ich schlage wütend um mich, um so mehr vergrößert sich die Hartnäckigkeit der Insekten. Da fühle ich einen wahnsinnigen Schmerz im Auge, und Stich auf Stich fällt mir in das Haar. Die Hunde unter meinem Bett springen wie toll auf, werfen eine Menge Sachen um, und ich selbst, meiner Sinne nicht mehr mächtig, stürze mich voller Verzweiflung in den Fluss, ich tauche unter, alles vergebens, es regnet immer wieder Stiche auf meinen Kopf. Ich achte nicht auf die Rufe meiner Leute, zu bleiben, sondern im Ufersumpf mich durch das hohe Schilfgras schleppend, das mir die Hände zerschneidet, suche ich das Festland zu gewinnen, um im Wald Schutz zu finden. Da packen mich vier kräftige Arme und schleppen mich gewaltsam zurück, dass ich im Schlamm zu ersticken glaube. Ich muss wieder an Bord zurück, an eine Flucht ist nicht zu denken.

Durch die kühlende Nässe war ich soweit wieder zu mir gekommen, dass ich ein Betttuch aus dem Kasten zu zerren vermochte, und fand nun endlich Schutz, nachdem ich die in diese Hülle mit eingeschlossenen Bienen nach und nach zerquetscht hatte. Mittlerweile war von meinen vortrefflichen Leuten mit großer Selbstverleugnung der große Hund, den ich mit mir führte, wieder an Bord gebracht und unter Tücher gedeckt worden; der zweite Hund ging mir verloren. Krampfhaft zusammengekauert musste ich so drei volle Stunden verharren. Eine lautlose Stille herrschte schließlich an Bord, da alle Insassen das Gleiche taten. Die Bienen schienen sich allmählich zu beruhigen.

Nun erst konnte man sich den Schaden besehen. Mithilfe eines Spiegels und einer Pinzette zog ich mir alle Stacheln aus Gesicht und Händen; diese Stiche blieben alsdann auch ohne schädliche Folgen. Unmöglich aber war es, in meinem Haar die Stacheln ausfindig zu machen, und viele waren bei meinem wahnsinnigen Gebaren abgebrochen und erzeugten ebenso viele kleine Geschwüre, welche zwei Tage lang empfindlich schmerzten. Arslan, der arme Hund, war schrecklich zugerichtet, besonders am Kopf, im langen Haar des Rückens dagegen waren die Stiche wirkungslos geblieben. Diese Mordbienen gehörten der ägyptischen gebänderten Varietät unserer Königsbiene an. Das Merkwürdigste aber war, dass alle in unserem Kielwasser steuernden Barken an diesem Tag bei der nämlichen Stelle einer gleichen Plage ausgesetzt waren, alle, sechzehn an der Zahl. Nun stelle man sich erst die Verwirrung vor, welche auf Barken geherrscht haben muss, wo die Bemannung sich auf fünfzig bis achtzig eng zusammengedrängte Bewaffnete belief. Ich nahm Chinin und erwachte neu gestärkt und munter am folgenden Tag, während mehrere der arg zugerichteten Leute von unserer Mannschaft ein heftiges Fieber zu bestehen hatten.

Am 24. Januar hatten wir gegen die Mittagsstunde Faschoda, den Sitz der Provinzialregierung vom Bahr-el-Abiad erreicht und waren solchergestalt glücklich am damaligen Endpunkt des ägyptischen Reiches angelangt. Da in Faschoda alle Barken mehrere Tage halten mussten, teils um die Kornvorräte zu komplettieren, teils der Kopfsteuer wegen, um die Papiere, welche die Listen der Schiffsmannschaft und der Privatsoldaten enthielten, revidieren zu lassen, herrschte daselbst ein reges Leben. Ägyptische Galeerensträflinge, fessellos, weil ein Entweichen hier ebenso schwierig ist wie in Sibirien, trieben sich bettelnd am Ufer umher und begrüßten mich mit französischen und italienischen Brocken. Dies trug natürlich keineswegs zur Gemütlichkeit meiner Umgebung bei.

Ich blieb neun Tage in Faschoda, ein Aufenthalt, zu welchem uns das Ausbleiben der für den Gazellenfluss bestimmten übrigen Barken nötigte, da unsere Mannschaft nicht zahlreich genug war, um allein die vorhandenen Hindernisse zu überwinden, welche der »Ssett«, die Grasbarre, in Aussicht stellte, und auch zum Schutz gegen einen eventuellen Angriff der noch unbezwungenen Uferbewohner ungenügend erschien. Ein größerer Ausflug, auf welchem ich mehrere Schillukdörfer besichtigte, führte mich tief ins Land hinein und gab mir eine Vorstellung von seiner massenhaften Bevölkerung.

Das Volk der Schilluk bewohnt auf einer Strecke von ungefähr zweihundert Meilen und in einer Breite von fünf bis sechs Stunden das ganze linke Ufer des Weißen Nils bis zur Mündung des Gazellenflusses. Ihre vollständige Unterwerfung unter die ägyptische Regierung, welche erst im Jahre 1871 beendigt wurde, hat eine Zählung aller Dörfer am linken Nilufer veranlasst, welche eine Anzahl von fast dreitausend ergab. Dies lässt bei der Beschaffenheit der Dörfer für diesen Teil der Schilluk allein eine Seelenzahl von über einer Million berechnen. Kein bekannter Teil Afrikas, kaum das schmale ägyptische Niltal, erreicht eine derartige Dichte der Bevölkerung.

Obgleich nun diese Wilden Europas übertünchte Höflichkeit nicht zu kennen scheinen, so präsentieren sie sich doch über und über getüncht, d.h. mit Asche, zum Schutz gegen Insekten. Asche, Mist und Kuhharn sind ihre unentbehrlichen Toilettegegenstände. Der letztere berührt unangenehm die Nase des Fremden, wenn er von ihren Milchgefäßen Gebrauch machen will, da diese nach weitverbreiteter, echt afrikanischer Sitte damit gewaschen zu werden pflegen, wahrscheinlich um das mangelnde Kochsalz zu ersetzen.

So ist denn die äußere Erscheinung der Schilluk keineswegs einnehmend, auch missfällt dem Beschauer der fast allen Negervölkern in den Flachländern des oberen Nilgebiets eigene Mangel der unteren Schneidezähne. Die Gesichtsbildung bietet keinen ausgesprochenen Negertypus dar, wie man ihn beim tiefsten Braunschwarz, das ihrer Haut eigen ist, erwarten sollte. Nach ihrer Schädelbildung zu urteilen, gehört dieses Volk zu den edleren Rassen Zentralafrikas, da sie sich durch geringere Prognathie und minder ausgeprägte Schmalköpfigkeit von anderen nigritischen Stämmen auszeichnen.

Der an und für sich nicht unästhetisch gestaltete Körper, bei den Männern jeder Bekleidung bar, erhält durch die beständige Tünchung mit Asche einen wahrhaft diabolischen Ausdruck. Die knochigen, äußerst dürren Gliedmaßen und die passive Ruhe aller ihrer Attitüden erhöhen am Schilluk das mumienartige Aussehen. Der an ihren Anblick nicht gewöhnte Neuling kann sich der Täuschung kaum erwehren, in diesen aschgrauen Gestalten eher verschimmelte Kadaver als lebende Wesen zu erblicken. Die Statur der Schilluk ist eine mittlere und bleibt oft hinter den mit langen Beinen hoch aufgeschossenen Dinka weit zurück.

Was die Frauen anbelangt, so kamen mir nur solche zu Gesicht, deren stets kurz geschorenes Haar wie getüpfelt von frisch sprossenden Wolllocken erschien, und nicht unähnlich dem Fell der ungeborenen Lämmlein, welche als »Astrachan« in den Handel kommen. Sie pflegen nicht völlig nackt zu gehen, sondern die Schillukfrauen sind stets mit einem aus Kalbfell hergestellten Schurz bekleidet, der um die Lenden geschlagen wird und bis an die Knie reicht.