Inhaltsverzeichnis
Prolog
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
Danksagung
Quellenangabe
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Liv Scales

Gacokis Erbe

Roman

Verlagshaus el Gato

www.verlagshaus-el-gato.de

Taschenbuchausgabe

1. Auflage August 2015

Alle Rechte vorbehalten.

Das Werk darf - auch teilweise - nur mit

Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Umschlaggestaltung: Petra Rudolph

Satz: Verlagshaus el Gato

Lektorat: Nina Nanula, Alexandra Fauth

Druck: Bookpress EU

eISBN: 978-3-943596-87-8

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation

in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte

bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar

Für Anni, Julius

und Bruno


Prolog

Ein Schreien drückte sich in die Stille der Grotte. Frodemund hob den Blick und entdeckte die Gebärende zwischen den umstehenden anderen Frauen. Das Tuch, das über ihren Unterleib ausgebreitet lag, war blutbesprenkelt. Ein muffiger Geruch hing in der Luft; der Sauerstoff in der Höhle war nahezu verbraucht. Der matte Schein der Fackeln zeichnete tanzende Schattenmuster auf den Stoff.

Frodemund schloss die Augen, als er sich ins Gedächtnis rief, was geschehen war. Irgendwo in einer Welt über ihnen, einige Kilometer dicke Erdschichten trennten sie von diesem Ort, war ein Baby geboren. Ein Menschenbaby. Niemand dort oben ahnte, was sich hier unten abspielte. Niemand konnte sich auch nur vorstellen, dass das Neugeborene lediglich den Teil einer Existenz verkörperte. Sein anderer Part wurde soeben von den Frauen in das rot-weiße Tuch eingewickelt. Es war sein Pendant: ein ToloT.

Jemand hüstelte. Das Echo reflektierte dieses simple Geräusch als unheilvolles Grollen zwischen den aufragenden Felswänden. Der Klang reichte aus, um Frodemunds Aufmerksamkeit wieder auf das Geschehen zu lenken. Er trat auf den Kreis der Frauen zu und warf der gewordenen Mutter ein aufmunterndes Lächeln zu, das sie mit dem Ausdruck von Erleichterung erwiderte. Ihr Blick huschte unmittelbar danach zu ihrem Kind. Es war verständlich, dass sie ihren Sohn so bald wie möglich liebevoll an sich drücken wollte, aber dazu war später noch Zeit. Zunächst stand das Ritual an.

Auffordernd streckte Frodemund die Arme aus, woraufhin die Frauen ihm den eingewickelten Säugling überreichten. Augenblicklich verstummte der Junge, als spürte er, welch wichtiges Ereignis ihm bevorstand. Ein Ereignis, von dem ein Großteil seines weiteren Lebens abhängen würde. Der Name, den er fortan tragen würde, spielte eine bedeutende Rolle bei seiner zukünftigen Position im Rangsystem. Die ToloT waren nicht wie die Menschen. Bei ihnen stellte ein Name nicht nur einen Namen dar. Er beschrieb das Wesen eines jeden ToloT.

Mit dem Kind auf den Armen schlurfte Frodemund in trägen, altersgeprägten Schritten zur Mitte der Grotte, wo sich ein steinernes Podest befand. Die kreisrunde Höhle war inzwischen voller geworden. Angehörige, Freunde und Schaulustige waren eingetroffen, um die Taufe hautnah mitzuverfolgen. Ihre Erscheinungen wirkten überwiegend menschlich, aber es hielten sich auch einige unter ihnen auf, deren Optik durch sonderbare Auswüchse geprägt war. Verzweigte Äste, die aus den Schultern ragten, scharfe Krallen anstelle gepflegter Fingernägel oder kalkartige Beulen an der Stirn. Solche Anwesenden präsentierten in erschreckender Schlichtheit das Wesen der ToloT: eine Mischung aus Mensch, Tier, Pflanze und Mineral, in unterschiedlichen Ausprägungen der einzelnen Bestandteile. So waren sie. Absonderliche Erscheinungen, die oft nicht einmal sich selbst genau kannten. Gleichsam des Begriffs ToloT, von dem man weder wusste, ob der, die oder das ihn als Artikel schmückte, noch, wie die Pluralbildung erfolgte – Tolots, Toloten oder gar Toloti? Nein, dem Problem war die Sprachentwicklung mit einem schlichten Großbuchstaben, der sämtliche Endungen umfasste, zu Leibe gerückt.

Frodemund erhaschte einen Blick in die Augen des Neugeborenen in seinen Armen, eisblau und kalt wie die endlose Weite der Antarktis. Die Fasern an den Ärmeln des gestreiften Gewandes, das er trug, knisterten, als er das Baby schließlich in die Höhe hob. Das Getuschel erstarb und jedes einzelne Augenpaar richtete sich in konzentrierter Erwartung auf das Kind. In der Zeit, in der Frodemund den Jungen eingehend betrachtete, konnte er deutlich spüren, dass sich die Anspannung der Umstehenden ins Unermessliche steigerte. So gut es ging, versuchte er, dies zu ignorieren und seine Kraft darauf zu verwenden, das Wesen des Neugeborenen zu durchdringen. Zuerst sah er seine Zusammensetzung: größtenteils menschlich, durchzogen von der Substanz eines sibirischen Huskys. Vereinzelt entdeckte er den Kern des Nachtschattengewächses Engelstrompete und Spuren von Braunkohle. Angestrengt grub er noch tiefer, bis auf den weitesten Grund des Seins durchstieß er die Seele des Kleinen und suchte nach Wesenszügen, erkannte Charaktereigenschaften. Da war Macht – grenzenlose Macht, die in diesem frühen Stadium unmöglich in ihrem Ausmaß einzustufen war. Frieden – vollkommene Abwesenheit jeglicher Ausschreitung, ein friedlicher Zeitgenosse, immer um Schlichtung bemüht. Schutz – sei dahingestellt, wem dieser einmal gebühren würde. Und nicht zuletzt: Treue.

Überrascht und im selben Maße anerkennend räusperte Frodemund sich und machte allen Umstehenden damit klar, dass seine Entscheidung gefällt war.

»Frederik – Sofian – Alexis«, ließ er verlauten, jeden Begriff in deutlicher Klarheit, um das Defizit seiner brüchigen Stimme auszugleichen.

Die Verkündung des Namens löste nicht, wie sonst üblich, Jubel aus, sondern überraschtes Luftschnappen sowie anschwellendes Geflüster. Jeder wusste um die Bedeutung des Namens. Überaus machtvoll war er. Dem Kleinen war eine glorreiche Zukunft vorherbestimmt.

Frodemund ließ den Jungen sinken und platzierte ihn vorsichtig auf das mit Stroh ausgelegte Podest vor ihm. Er vernahm ein Schluchzen von der Seite und ein Blick in die Richtung bestätigte ihm, dass es von der Mutter des Säuglings stammte. Sie musste wissen, dass sie ihren Sohn mit einem solchen Namen nicht behalten konnte. Gerade wollte er sich einen Weg zu ihr bahnen, als ein etwa vierjähriger blonder Junge ihm entgegendrängte. Neugierig drückte er sich seitlich an ihm vorbei und stellte sich auf Zehenspitzen an das Podest, beäugte das Baby. Genervt seufzte Frodemund auf.

»Verschwinde, Nichtsnutz«, raunte er, schob den Jungen grob beiseite. Er hatte hier nichts verloren, war noch nicht einmal ein Angehöriger. Wie dem auch sein mochte, Frodemund musste etwas kundtun.

»Frederik Sofian Alexis wird eine große Aufgabe erhalten«, sagte er, wusste, dass die Mutter verstehen würde, was er damit ausdrücken wollte. »Etwas wird kommen, eine große Macht. Und Frederik Sofian Alexis wird sie bekämpfen müssen.«

Zum Abschluss folgte noch ein Ritual. Ein Ritual, in dem der bedeutungsträchtige Name des Säuglings besiegelt wurde.

Erster Teil

»Ich ist ein anderer.«

(Arthur Rimbaud: Brief an Paul Demeny)