Der FM4 Ombudsmann

Martin Puntigam
Hosea Ratschiller

DER FM4 OMBUDSMANN

beantwortet deine Fragen

Martin Puntigam
Hosea Ratschiller

DER FM4 OMBUDSMANN

beantwortet deine Fragen

Czernin Verlag, Wien

Puntigam, Martin; Ratschiller, Hosea: DER FM4 OMBUDSMANN
beantwortet deine Fragen / Martin Puntigam, Hosea Ratschiller
Wien: Czernin Verlag 2012
ISBN: 978-3-7076-0402-3

© 2012 Czernin Verlags GmbH, Wien
Umschlagfoto: Ingo Pertramer
Lektorat: Sabine Edith Braun
Produktion:
ISBN E-book: 978-3-7076-0402-3
ISBN Print: 978-3-7076-0401-6

Alle Rechte vorbehalten, auch das der auszugsweisen Wiedergabe
in Print- oder elektronischen Medien

Vorwort von Matthias Egersdörfer

... ein brechmittel der linken, ein juckpulver der rechten ...

(aus: The Best of H. C. Artmann)

Ein Freund von mir hat vor Jahren den verschworenen Kameradenkreis regelmäßig mit Aufnahmen vom Ombudsmann versorgt. Meine Ohren haben gebitzelt, als ich diese wohltuenden Gemeinheiten hören durfte. Anders als bei den seichten Harmlosigkeiten aus dem bundesdeutschen Schlaftablettenfunk ergriff mich sofort eine Art heilige Erregung. In geradezu barocker Üppigkeit wird hier aus dem Hadern über eine blödsinnige und gemeingefährliche Welt ein rächendes Feuerwerk abgeschossen. Es ist gut und richtig, dass man diese Radiogeschichten jetzt auch lesen kann. Zwischen Poesie und Blödsinn brennt hell die Flamme der Aufklärung und das sollen die Augen auch erblicken dürfen. Mit liebevollem Neid habe ich seit jeher zu den österreichischen Nachbarn hinübergeschielt. Helmut Qualtingers Lesung aus Mein Kampf ist mein Altes Testament. Josef Haders Programm Privat hat mich bekehrt. Wenn Ludwig Hirsch die Vatermörder Billy, Bobby und Jack ohne Zungen am Galgen singen lässt, fröstelt es mich immer noch wohlig wie beim ersten Hören. Einmal sah ich österreichische Politiker im Fernsehen auf einer Vernissage, die vorgaben sich zu freuen, weil Manfred Deix sie als pralle Lustsklaven in Latexkostümen abgebildet hatte. Da stand mir mein Göscherl schön offen. Man sollte auch gehört haben, wie der junge Ambros davon singt, dass er sich im warmen Wasser die Pulsadern aufschneidet, bevor man in Wien die Kapuzinergruft besucht. Es ist schlimm, wenn man vor dem Einschlafen Thomas Bernhard liest und sich sein Gesang im Hirn verselbstständigt. Es ist schön, wenn einem Leben und Werk von H. C. Artmann das Leben retten. Die Erfinder des Ombudsmannes gehören für mich in diese Reihe der aufrichtigen Kämpfer. Puntigam und Ratschiller antworten auch mir, wenn ich Rat und Trost suche im trüben Morast des Daseins. Wenn es nach mir ginge, sollten die Herren am Sonntagvormittag eine Radiosendung übereignet bekommen, auf dass von ihrem Gebell die Wohnstuben dröhnen und die Kleinherzigen und Lauen bibbern und ihnen die Zähne klappern.

Im Übrigen kenne ich die beiden Herren gar nicht und habe auch keinerlei Verlangen, sie jemals kennenzulernen.

Hochachtungsvoll

Matthias Egersdörfer

Vorbemerkung

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Vielleicht sitzt du gerade beim Frühstück, dann freue ich mich und denke an dich. Das ist nicht selbstverständlich. Bei mir kommt es vor, dass ich morgens minutenlang mein Frühstücksei anstarre und an rein gar nichts denke. Oft brauche ich nämlich einen Kaffee, bevor ich anspringe. Freilich, ein bisschen frische Luft wäre genauso erquicklich. Wenn ich allerdings mein müdes Näschen aus dem Küchenfenster schiebe, wird es gewöhnlich sofort vom beißenden Duft aufkeimender Sexualität umspielt. Immerhin wohne ich mit meiner Gattin Ilse seit geraumer Zeit in direkter Nachbarschaft einer Mittelschule, deren Turnsaalabluft in den gemeinsamen Innenhof strömt. Eine aufdringliche Erinnerung an das eigene Alter, die reife Männer wie ich kurz nach dem Aufstehen schlecht gebrauchen können. Ich bleibe also meist beim Kaffee und delegiere die Frage nach dem Fortschreiten der Zeit an meine Armbanduhr. Ticktack. Hallo, Uhr! Bin ich wirklich schon so alt? Sie antwortet nicht. Ich glaube, die Uhr weiß gar nicht, wie alt ich bin, sondern nur, wie spät es ist. Vielleicht ist Zeit ja überhaupt etwas, das nur dann vergeht, wenn wir es messen. Fest steht, dass eine genaue Altersangabe für den Moment nur dann möglich ist, wenn die Grenzen dieses Moments so weit ausgedehnt werden, dass nicht schon wieder der nächste Moment da ist, während man sie ausspricht. Sonst würde man sich ja immer selbst hinterherlaufen und in der Vergangenheit leben. Wobei Zweiteres einer entspannten Frühstücksatmosphäre durchaus zuträglich sein kann. Hierin liegt wohl eine mögliche Wurzel der Erfolgsgeschichte „Tageszeitungsabonnement“. Wer will schon andauernd einer angenommenen Zukunft entgegenhecheln, von der man als Einziges hoffen kann, dass man sie noch erreicht?

Apropos. Falls du wissen möchtest, warum ich dieses Buch geschrieben habe, dann brauchst du nur wenig Zeit zu erübrigen, denn ich sage es dir umgehend.

Ein bisschen ausholen muss ich aber schon. Vor zirka 65 Millionen Jahren sind die Dinosaurier ausgestorben, und erst ab dann hat der Mensch begonnen, sein Gehirn zu entwickeln, mit dem er heute beispielsweise sogenannte Bankenpakete schnürt oder eine sogenannte Mindestsicherung einführt, mit der dann die sogenannten Bankenpakete bezahlt werden, denn irgendwo muss das Geld ja herkommen, wenn man nicht alles neu drucken will. Gestartet ist der Mensch damals übrigens als aasfressender, rattenartiger Schadnager, was man noch immer etwa an der gerade geschilderten Umverteilungspraktik merkt. Aus diesem Schadnager haben sich erst die Primaten ergeben und nur im Einzelfall dann so etwas wie dein Ombudsmann.

Es handelt sich bei mir, du weißt es längst, um eine Sonderausgabe der Evolution, die kein Davor und kein Danach kennt. Adam hatte keinen Nabel. Entsprechend groß ist also zwangsläufig die Begeisterung darüber, dass ich meinen Leib im öffentlich-rechtlichen Rundfunk zur Verfügung stelle und Menschen wie dir mein Wissen in die Futterkrippe lege, denn das hätte ich wirklich nicht notwendig. Aber ich wäre nicht der überzeugte Demokrat, der ich bei aller Bescheidenheit doch bin, würde ich mich nicht jener Verpflichtung stellen, die mein privilegiertes Dasein mit sich bringt. Als schillerndes Vorbild möchte ich demgemäß nach Kräften mithelfen, unser Land ein bisschen an die Standards des 21. Jahrhunderts heranzuführen.

Die österreichische Demokratie steckt unbestritten in den Kinderschuhen. Das ist kein Wunder. Bis vor 66 Jahren war unsere Staatsform zwölf Jahre lang, unter wechselndem Vorsitz, die faschistische Diktatur, davor Tausende Jahre Monarchie – in diversen Schattierungen. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde nahezu die gesamte geistige Elite dieses Landes umgebracht oder vertrieben. Unsere Öffentlichkeit ist bis heute geprägt von den Profiteuren, die diese Menschen – zu ihrem eigenen Vorteil – nie gebeten haben zurückzukehren. Dass wir Österreicherinnen und Österreicher nicht in einer völlig dumpf feudal organisierten Jauchegrube sitzen, ist in erster Linie dem Marshallplan und dem Sputnikschock zu verdanken. Dann kamen Margaret Thatcher und Ronald Reagan bzw. bei uns Jörg Haider, und seither ist die Demokratie wieder zunehmend in Gefahr. Diese für den sozialen Frieden so gefährliche Entwicklung hat ihren Höhepunkt noch nicht erreicht und sie muss ihn auch nicht erreichen – wenn wir denjenigen ein wenig mehr zuhören, die bessere Ideen haben.

Leider muss ich jedoch einen Brain-Drain 2.0 gewärtigen: Viele junge, gut ausgebildete Menschen, die ihr Leben nicht in einer von Rechtsradikalen durchsetzten Verwaltung verbrauchen möchten, die mehr recht als schlecht von biederen Systemerhaltern mit folkloristischer Neigung zum Metaphysischen im Zaum gehalten werden, fliehen das Land und sorgen nun in entwickelteren Gegenden dafür, dass die Zivilisation nicht schon heute an ihren Memoiren schreiben muss.

Aber jammern ist nicht meine Art. Ich will etwas dagegen tun und ich weiß, ich bin nicht allein. Ich habe Kollegen, ja Freunde an meiner Seite, alle auf ihre Art Koryphäen, Polyhistoren sui generis, High-End-Lebensmenschen, wie sie Gott sei Dank noch immer werkseitig ausgeliefert werden. Du wirst sie alle kennenlernen dürfen in diesem Buch. Mein alter Kindergartenkollege, der international erfolgreiche Ernährungs- und Erziehungscoach Ewald Hercule Edbrustner, wird mir beistehen, ebenso mein langjähriger Freund und Nebenbuhler in dubio, der in den USA (sic!) beim FBI ausgebildete Flirttrainer Florian Finster, springt mir bei, und last und not least reitet mein alter Kumpel und Finanzguru, der Schuldnerberater Sigi Stangl, an meiner Seite. Und nicht zu vergessen Jessica Rufy: Das junge Multitalent, eine designierte Auslandskorrespondentin par excellence, pars pro toto für die Jugend, madonnengleich.

Ab urbe condita war ich als Ombudsmann eine Beratungsstelle auch und vor allem für junge Menschen, die Orientierung im Leben suchen und bei mir Halt finden. Sie sind zu Tausenden zu mir gekommen und ich habe ihnen zu essen gegeben. Deshalb weiß ich, es gibt viele junge Menschen, die sehr gut Fragen stellen können.

Für wen mache ich das alles? Doch nicht für mich! Für solche wie Jessica schrieb ich dieses Buch. Und für solche wie dich. Mit anderen Worten: Wir werden leider auch fürder nicht darum herumkommen, einander in Zukunft mit Interesse und Wohlwollen zu begegnen. Ich habe deshalb natürlich nichts dagegen, wenn es, wie derzeit, zwischen Österreich und Ungarn wieder eine Annäherung der beiden Doppeladlerhälften gibt – 100 Jahre nachdem diese so lange so segensreiche Verbindung so farbenprächtig zerbrechen musste.

Aber doch bitte nicht auf diesem Niveau!

Dafür gibt es dieses Buch.

Außerdem habe ich, wie du bereits im ersten Absatz erfahren hast, meine geliebte Ilse geehelicht, was ich bisher, wenn überhaupt, dann nur sehr leise bereut habe, denn sie ist eine Bereicherung für mein Leben, und auch unsere Wohnung wäre sonst viel unbewohnter. Ich liebe sie somit im Rahmen dessen, was uns der Gesetzgeber bei der Trauung zugesichert hat, heiß und begehre sie immer wieder. Mir ist aber auch bewusst, dass sie mir nicht an zerbrochenem Herzen nachsterben wird, sollte ich als Erster von uns beiden aus dem Einwohnermelderegister ausgetragen werden, was ich grundsätzlich begrüßen würde, weil ich nur ungern trauere. Andererseits muss ich davon ausgehen, dass meine Ilse meinen umfangreichen Nachlass nach meinem Ableben ohne Federlesens restlos der Wiederverwertung bzw. Kompostierung zuführen wird, habe ich ihr doch immer wieder auseinandergesetzt, dass unser Platz auf Erden nur von der nächsten Generation geleast ist – zu ausgesprochen günstigen Konditionen übrigens – und dass es mir vollkommen gleichgültig ist, was nach meinem Dahinscheiden auf dem Planeten Erde passiert. Ich meine das nicht so, aber sie nimmt es für bare Münze, und jetzt kann ich auch nicht mehr zurück, ohne das Gesicht zu verlieren.

Auch deshalb habe ich dieses Buch geschrieben. Sowohl Verlag als auch FM4 haben unverbrüchlich zugesichert, es zu einem Bestseller zu machen, und damit erwarte ich, meine Worte und Werke in so viele Haushalte verteilt zu haben, dass es auch nach Beendigung meiner irdischen Wanderschaft noch Generationen dauern wird, bis wirklich das letzte Mal meines Wirkens von der Erdoberfläche verschwunden sein wird. Diese Laune des Schicksals spielt dir einerseits ein Buch in die Hände, wie du es sonst vermutlich nie bekommen hättest, auch nicht für viel Geld, und spendet mir andererseits Trost, wenn ich in der Nacht wieder einmal nicht einschlafen, aber kein Licht aufdrehen kann, weil meine Ilse das nicht verträgt.

Es gehört nämlich nicht zu den geringsten Vorzügen, die meine Ilse an mir schätzt, dass ich kein Licht aufdrehe, wenn ich in der Nacht aufs Klo gehen muss. Dass ich immer ohne Aufforderung die Zeitung abbestelle, bevor wir auf Urlaub fahren, ist ein zweiter, und vermutlich der Hauptgrund, warum meine Ilse an meiner Seite bleibt und nicht mit mir tauschen möchte, ist der: Ich bin trotz aller Beschwingtheit in der öffentlichen Rede im Kern meines Wesens ein todernster Mensch, der nur dann schallend lacht, wenn es wirklich nicht mehr anders geht.

Florian Finster, Flirttrainer
Intervention

Florian Finster: So, da bin ich schon.

FM4 Ombudsmann: Lieber Flori, ich freue mich, dass du in meinem Buch mitmachst! Es ist alphabetisch gereiht und beginnt mit dem Buchstaben A, mit dem Eintrag „Absolvent“.

Florian Finster: Das ist ja wirklich direkt aus dem Leben gegriffen! Ich habe nämlich selbstverständlich eine Top-Ausbildung. Ich stehe jeden Morgen um 4.00 Uhr auf und gehe sporteln. Wo hab ich mir das angewöhnt? In den USA, sagen viele. Wir sagen: in den Staaten. Ich war lange Zeit in den Staaten und habe dort beim FBI meine Ausbildung zum Flirttrainer absolviert. Ich habe ursprünglich ganz normal bei der Kripo angefangen. Dann bin ich hinüber in die Staaten und habe lange Zeit gelernt beim Federal Bureau of Investigation, kurz FBI. Ich möchte heute allen einsamen Herzen ein paar Tipps geben, wie das Eis brechen kann, denn mein Motto lautet: Niemand muss alleine sterben.

Und ich fange gleich an, weil Time is money, wie wir in den Staaten sagen. Das heißt übersetzt ungefähr: Zeit ist Geld. Was macht die Ausbildung zum Flirttrainer beim FBI eigentlich so besonders? Du lernst irrsinnig viel. Du schaust dir die Fotos immer und immer wieder an und dann kannst du sagen, die ist es, mit der möchte ich die Sachen ausprobieren, die ich mir normalerweise nur denke, wenn ich mich unbeobachtet fühle. Das heißt, Flirttrainer ist man rund um die Uhr. Das kannst du nicht ablegen wie ein Handtuch vor dem Aufguss. Ich komme in ein Lokal und schaue sofort, wen kann man anflirten und wen nicht. Und wen kann man anflirten? Da wirst du staunen, es sind alle! Da sind sie alle gleich. Die zwei Grundmengen ergeben eine Deckmenge, was in dem Fall in beiden Fällen günstig ist.

Erstes Beispiel: Ich habe Schwierigkeiten, meine Hemmungen zu überwinden bei der Kontaktaufnahme, es gefällt mir wer, ich möchte ihn gerne kennenlernen. Aber ich denke mir: Irgendwie trau ich mich doch nicht, den, sagen wir, geilen Typen von der Tierkörperverwertung endlich anzusprechen. Was mache ich nun? Ich gebe dir noch zwei Beispiele. Nummer eins: Wie kann ich am Arbeitsplatz das Eis brechen, wenn mir eine bestimmte Kollegin besonders gut gefällt? Es ist wichtig, dass wir das schaffen, denn die meisten Beziehungen auf der Welt beginnen im Büro, die Arterhaltung der gesamten Menschheit liegt in der, na ja, Hand des Dienstleistungsgewerbes. Ohne Bürobekanntschaften können wir gleich an die Käfer oder die Oktopoden übergeben. Aber wie stelle ich es an, dass die Arbeit nicht zu kurz kommt? Time is money, du weißt es bereits. Es ist so: Oft laufen wir im Büro hunderttausendmillionenmal sinnlos aneinander vorbei und blicken verschämt zur Seite, wie kleine Kinder. Und wenn der andere dann vorbeigegangen ist, schauen wir erst recht zurück und glotzen ihm auf den Hintern. In österreichischen Büros passiert das häufiger, als wir denken. Rund um die Uhr. Da haben wir Studien vorliegen. Und jetzt halte dich fest! Diese falsche Scham kann auf lange Sicht zu starken internen Spannungen führen und sich in der Jahresbilanz negativ niederschlagen. Ich sage immer wieder zu Top-Managern, die ich zufällig in der Kirche treffe: „Pass auf, lieber Freund. Obacht!“

Worum es aber geht, ist, dass wir das Eis brechen müssen, damit wir nicht vergletschern und ein warmes Betriebsklima entstehen kann, sonst bringen wir uns noch alle irgendwann einmal gegenseitig bestialisch um. Vielleicht schon morgen. Wer weiß? Kannst du es ausschließen? Ich frage dich: Kannst du einen Massenmord ausschließen?

Wie löse ich mich am besten aus der Anonymität des Großraumbüros und zeige der Kollegin, dass sie mich speziell interessiert? Ganz einfach. Meine Damen und Herren: Ich empfehle, kauere dich hinter dem Kopiergerät zusammen und wenn die Kollegin oder der Kollege dann etwas fotokopieren will, springst du hervor, reißt ihr oder ihm die Hose herunter und schreist: „Hallo! Ich bin’s!“, oder so. Was weiß ich. Ist ja jetzt völlig wurscht.

Im zweiten Beispiel, das ich dir gebe, geht es um den Special Interest: die gefügige Diplomkrankenschwester. Der Annäherungsversuch an Spitalspersonal im Falle stationärer Behandlung. Davon träumen viele, und ich habe die Problematik in meiner Dissertation zum FBI Flirttrainer axiomatisch herausgearbeitet.

Es ist eine mächtige Fantasie im Schwerpunktfeld Uniformfetisch. Aber was lässt sich da vom wissenschaftlichen Standpunkt her sagen?

Wir beginnen das zu begehren, was wir jeden Tag sehen, sagt der Menschenfresser Dr. Hannibal Lecter sehr treffend. Und so beginnen viele Menschen im Spital die Schwester zu begehren. Es ist langweilig, man ist ausgeschlafen und wird dauernd von fremden Frauen berührt, die es gut mit einem meinen, das erleben viele ihr ganzes Leben lang nicht. Und dann müssen sie ins Spital und sind ohne Einschulung mit dieser Situation konfrontiert. Was kann man da tun, um der Stationsschwester näherzukommen? Eine Möglichkeit ist, wenn die Schwester am Morgen fragt: „Haben wir heute schon Stuhl gehabt?“, dass man schlagfertig antwortet: „Ich schon, bei Ihnen weiß ich es nicht.“ Dann ist oft das Eis schon gebrochen, weil es ist, das wissen wir aus Langzeitstudien vom FBI, für viele Frauen das Wichtigste in einer Beziehung, dass sie der Partner zum Lachen bringen kann. Wir haben das im Labor auch experimentell nachweisen können. Wie macht man das? Ganz einfach: Man fesselt die Partnerin an einen Sessel und kitzelt sie so lange an der Fußsohle, bis sie keine Luft mehr bekommt. Das funktioniert, aber leider bislang nur unter Laborbedingungen. Im echten Leben wäre so ein Vorkommnis eher ein starkes Indiz für das nahende Ende einer Beziehung.

Zurück ins Krankenhaus. Was mache ich, wenn ich mich beispielsweise in die Nachtschwester verliebt habe, da fällt die Frage nach dem morgendlichen Stuhlgang weg, und wenn man die Sprache trotzdem auf das Thema lenken will, so wirkt das mitten in der Nacht oft aufgesetzt. Die Situation ist überhaupt kniffliger. Wenn man sich eine erotische Gefälligkeit von der Nachtschwester ersehnt und man ist kein Privatpatient mit Einzelzimmer, ist das sehr schwer. Damit nämlich in einem, sagen wir, Viererzimmer die Intimität und die knisternde Erotik erhalten bleiben, müssen die anderen Patienten wirklich alle sehr tief schlafen. Wenn da nur einer schnarcht oder vor Schmerzen stöhnt, ist das natürlich ein absolutes No-No. Und dann muss die Nachtschwester auch noch von sich aus ein Interesse mitbringen, in der Arbeit sexuell initiativ zu werden. Das heißt, es muss wirklich alles passen, sonst bleibt es, vom Standpunkt des Wissenschaftlers gesprochen, leider eine Fantasie. Denn dass alle gut schlafen, keiner schnarcht, die Nachtschwester ansprechend aussieht und von sich aus will, so viel Glück ist selten. Auch in einem Sanatorium.

FM4 Ombudsmann: Danke, lieber Florian Finster, für die fachkundige Auskunft. Vielleicht sehen wir uns einmal wieder. Zum Beispiel auf Seite 232 oder auf Seite 245. Hast du inzwischen einen Weg?

Florian Finster: Natürlich.

FM4 Ombudsmann: Dann will ich dich nicht länger aufhalten.

Florian Finster: Ich wäre ohnedies stärker.

Zum Geleit – Teil 1: „Trümmerjugend“

Wo junge Leute sind, ist Republik.

Novalis

Mein Leben zwischen den Generationen

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Ich erzähle dir jetzt, wer ich bin, nimm dir etwas Zeit dafür; wenn du beim ersten Mal genau hinhörst, dann sparst du dir später viel Arbeit, und außerdem gehört es zum Buch. Du brauchst dir aber auch keine Sorgen zu machen – wie einst für Caesar Gallien, so ist auch meine Biografie für dich omnis divisa in partes tres. Zuerst erzähle ich dir von meiner Herkunft, in der Mitte des Buches, wie ich zum FM4 Ombudsmann wurde, und schließlich gegen Ende, warum ich nach wie vor the man bin.

Mobiltelefone bitte auf Flugmodus, off we go.

Geboren wurde ich am 30. April 1945 im Rahmen einer routiniert abgewickelten Hausgeburt im Mezzanin der Ungargasse 24 im dritten Gemeindebezirk der frisch aufgebackenen Hauptstadt Österreichs. Wie damals in den bürgerlichen Wiener Kreisen üblich, hielt das Kindermädchen, liebevoll „Kindsdirn“ genannt, während des Geburtsvorganges gebührlichen Abstand zur Herrschaft, um dann im entscheidenden Moment jedoch initiativ an den Muttermund heranzutreten.

Die Nabelschnur wurde ohne viel Aufhebens durchtrennt, die Kindsdirn fing mich sicher auf, meine Eltern sprangen vom Kindbett empor und verabschiedeten sich Richtung Etablissement Ronacher. Vor dem Krieg hatten dort Kabarettisten wie Fritz Grünbaum und Weltstars wie Josephine Baker für gute Unterhaltung gesorgt. In den sogenannten dunklen Jahren war das Varieté, ähnlich übrigens wie das berühmte Riesenrad oder Sigmund Freuds Wohnhaus, arisiert worden.

Nach dem Ende der Kampfhandlungen hatte im Ronacher das Ensemble des inzwischen ausgebombten Wiener Burgtheaters sein Ausweichquartier bezogen. Ausgerechnet am Abend meiner Geburt sollte die erste Vorstellung nach Kriegsende stattfinden. Man gab Grillparzers Sappho, ein Stück, das mit folgenden Zeilen zum Sprachrohr einer ganzen Generation werden sollte:

„Du schmückst mich von deinem eignen Reichtum. / Weh! nähmst du das Geliebte je zurück.“

Die Inszenierung stammte mangels Probenzeit freilich noch aus dem Jahre 1943. Regie führte Adolf Rott, der auch unter nationalsozialistischer Herrschaft demütig große Erfolge gefeiert hatte und 1955 schließlich als Direktor das Burgtheater an seinem angestammten Platz wiedereröffnen sollte. Im selben Jahr noch war es ihm übrigens beschieden, seinem Bundesbruder vom Kartellverband deutschsprachiger Bühnenangehöriger Werner Krauß, vielen vielleicht noch bekannt als sämtliche jüdischen Nebenfiguren aus Jud Süß, den Iffland-Ring zuzusprechen.

Jedenfalls wäre es ein unverzeihlicher Fauxpas gewesen, hätten ausgerechnet meine Eltern sich dieser Aufbruchsstimmung entzogen und bei der Wiedereröffnung des Burgtheaters nach den langen, entbehrungsreichen Kriegsjahren gefehlt!

Ich erinnere mich an große Hektik. Unten auf der Gasse wartete bereits das Taxi. Und das kostete damals bekanntlich ein Vermögen. Meine frisch von mir entbundene Mutter wäre in dem Trubel fast noch über die Nabelschnur gestolpert, warf sie dann aber behende als Accessoire über die Schulter. Mama, oder wie wir daheim sagten, „Mutti“ war seit jeher sehr praktisch veranlagt gewesen.

Ich kann über meine Eltern generell wenig Schlechtes sagen. Sie haben mich vielmehr meine gesamte Kindheit hindurch stets gefordert, aber auch gefördert. Besonders wichtig war den beiden, dass ich bereits im Säuglingsalter viel Bestätigung erfahre. Durch ihre guten Kontakte zur frisch erblühenden Wiener Nachkriegskulturszene konnten sie etwa vier entnazifizierte Waldhornisten günstig engagieren und einen Schlagwerker, die mir den ganzen Tag auf Schritt und Tritt folgten. Der Trommler spielte durchgehend einen sanften Wirbel und wenn mir einmal etwas gelang, etwa ein Gaga oder ein Bäuerchen, dann bliesen die Waldhornisten eine erbauliche Fanfare.

Besonders profitiert habe ich von dieser Erziehung zu Demut und Bescheidenheit, als die Entscheidung über meinen Berufsweg anstand.

Mein Vater verfügte über ausgezeichnete Kontakte zum Rundfunk, mir hatte aber bereits die Universität den Kopf verdreht. Namentlich meine Alma Mater, die Ludwig-Maximilians-Universität, der ich mich bis heute stark verbunden fühle. In München durfte ich turbulente Zeiten der Abnabelung vom Elternhaus erleben und ich habe dort 1967 immerhin auch meine spätere Ehefrau Ilse kennengelernt, deren natürliche und doch atemberaubende Schönheit mich sofort überzeugen konnte. Sie selbst war damals sehr stark in der aufkeimenden Studentenbewegung engagiert, wobei in unserer Familienchronik der Terminus „Pariser Mai“ durchaus vom gängigen Geschichtsbild etwas abweichend interpretiert ist, wenn du verstehst, was ich meine.

Hier endet Teil eins meiner Biografie, denn nun weißt du fürs Erste genug. Du kannst nun beginnen, an den Früchten meiner Arbeit zu naschen. Das Buch ist für dich alphabetisch gegliedert, es beginnt mit dem Eintrag „Absolvent“.

P. S. Wenn du vor Beginn der Lektüre noch auf die Toilette musst, kannst du das Buch ohne Weiteres zur Zerstreuung mitnehmen, es befinden sich bereits so viele Bakterien auf dem Buch, dass du bis an dein Lebensende nicht mit dem Zählen fertig würdest, du kannst den Überfluss höchstens noch vermehren.

Viel Vergnügen mit dem Buchstaben A und bis später.

– A –

Absolvent

Liebe Hörerin! Lieber Hörer!

Flashmaster geht in die Vollen.

Hallo Ombudsmann! Meine Alten sagen immer, ich soll endlich fertig werden mit dem Studium, weil es braucht dringend mehr Leute mit einem Abschluss, die fit sind für den Arbeitsmarkt. Das macht mir voll den Stress. Wie kann ich meinen Alten das Maul stopfen?

Lieber Flashmaster, gehe ich recht in der Annahme, dass du von deinen Erziehungsberechtigten salopp als „deinen Alten“ sprichst? Solltest du nämlich eine Gruppe betagter Spaziergänger meinen, die du gestern im Prater eingefangen hast und seither als dein Eigentum betrachtest, könnte ich dich schnell beruhigen: Du musst auf deine Gefangenen nicht hören. In derselben Sekunde müsste ich dich allerdings beunruhigen: Du darfst sie nicht behalten. Bitte, gib sie so schnell wie möglich zurück und stopf ihnen unter keinen Umständen das Maul! Das erhöht das Strafmaß empfindlich.

Was „deine Alten“ und ihre Sorge um dein Fortkommen betrifft, kann ich bestätigen: Ein Universitätsabschluss würde deine irdische Wanderschaft deutlich freier gestalten, als regelmäßige Entführungen ganzer Gruppen wehrloser Senioren es könnten. Nichtsdestoweniger empfehle ich ausdrücklich, jenen „Alten“ fundamental zu misstrauen, die dir einreden wollen, dass du fit werden sollst für einen Arbeitsmarkt, den ein Großteil von ihnen selber nur mithilfe starker Psychopharmazeutika erträgt.

Grundsätzlich besteht der zentrale Beitrag von Universitäten zu demokratischen Volkswirtschaften auch keineswegs in der Produktion von Absolventinnen und Absolventen, sondern in Forschung und Lehre durch und für mündige Bürgerinnen und Bürger. Und ob die Welt sehr viel lebenswerter würde, wenn mehr junge Menschen einen Studienabschluss hätten, darf ebenfalls bezweifelt werden. Immerhin ist Bob Dylan ein Studienabbrecher und Dieter Bohlen Absolvent.

Servus und liebe Grüße an „deine Alten“!

Adventkranz

Liebe Hörerin! Lieber Hörer!

Der kommende Sonntag wirft seinen Schatten voraus.

Lieber Ombudsmann! Wieso werden die Adventkränze in den Geschäften von Jahr zu Jahr hässlicher? gruß, bambule

Liebe oder lieber bambule! Es war im Jahre 1839, als es dem norddeutschen Theologen und Erzieher Johann Hinrich Wichern endgültig gereicht hat. Andauernd sind die Zöglinge im Waisenhaus um ihn herumgehüpft und haben gezetert: „Wann ist endlich Weihnachten? Wann ist endlich Weihnachten?“ Das ging nun wirklich nicht. Immerhin sollte man im Rauhen Haus in Hamburg neun Stunden pro Tag schwere körperliche Arbeit verrichten und dann drei Stunden lernen und nicht blöde Fragen stellen. Zum Glück erinnerte sich Wichern rechtzeitig an sein pädagogisches Motto:

„Wir schmieden unsere Ketten von inwendig und verschmähen die, so man von außen anlegt.“

Der eifrige Visionär und spätere Gefängnisdirektor hatte einen Geistesblitz, stürmte in den Waisenhaushof, zog ein kaputtes Wagenrad aus dem Misthaufen und steckte 23 billige Kerzen drauf. Fortan sollten die Bälger gefälligst selbst die Tage bis Weihnachten abzählen. Die innere Kette war geschmiedet, die Arbeit konnte wieder aufgenommen werden. Je mehr der Wohlstand über die Jahrhunderte anwuchs, desto weniger mussten die Kinder arbeiten und desto schwieriger wurde es natürlich, sie ruhigzustellen. Die verwöhnten Fratzen sind auf das grindige, alte Wagenrad nicht mehr angesprungen. Man sah sich gezwungen, den Adventkranz mit allerlei Wunderbarem zu schmücken. Womit es zu tun hat, liebe oder lieber bambule, dass die Ausgestaltung des Ruhigstellers dieser Tage wieder schlampiger ausfallen darf, müsste man wohl Johann Hinrich Wichern selbst fragen. Der hätte sicher eine gute Idee.

Können wir aber nicht und drum bleibt uns nur ein herzliches Servus!

Affenhitze

Liebe Hörerin! Lieber Hörer!

cuibonobo fragt besorgt:

Warum sagen meine Eltern dauernd Affenhitze? Respekt, cuibonobo

Liebe oder lieber cuibonobo, solltest du morgens aufwachen und von deinen Eltern am Frühstückstisch mit dem Ausruf „Affenhitze!“ begrüßt werden, mit dem sie dich am Vorabend bereits zu Bett geschickt haben und mit dem sie dich in wenigen Stunden wieder zum Mittagstisch rufen werden, erinnere sie doch liebevoll daran, dass dem Menschen, seit er seinen Wortschatz erfolgreich um Dutzende Begriffe jenseits des artikulierten Erstaunens ob diverser Naturphänomene erweitert hat, die Möglichkeit offensteht, sich auch an komplexeren Konversationen jenseits der laienhaften Analyse aktueller Witterungsbedingungen zu versuchen. Man muss dieses Angebot der Zivilisation nicht nützen, aber es macht den Alltag bunter.

Ein eleganter Anstoß für eine anregendere Konversation wäre etwa der Hinweis darauf, dass der Begriff „Affenhitze“ auf die hohen Temperaturen im Affenhaus des Berliner Tiergartens im 19. Jahrhundert zurückgeht, verbunden mit der Überlegung, wie analog dazu ein Begriff wie „Affenschande“ entstehen konnte. Im Verlauf der folgenden Unterhaltung werden sich deine Eltern entweder als unvermutet unterhaltsame Gesprächspartner herausstellen, oder sie trauen sich lange nicht, überhaupt irgendwas zu dir zu sagen. Eine echte Win-win-Situation.

Servus!

Allerseelen

Liebe Hörerin! Lieber Hörer!

wasabifreak sorgt für einen besinnlichen Wochenbeginn …

Lieber Ombudsmann! Wieso ist zu Allerseelen schulfrei, obwohl es kein gesetzlicher Feiertag ist? Das kapier ich einfach nicht. peace, wasabifreak

Liebe oder lieber wasabifreak! Ich bin kein wirklicher Esoterikspezialist, aber ich werde schauen, ob ich es zusammenkriege. Die hierzulande immer noch zahlreichen Anhängerinnen und Anhänger des mystischen Kultes Christentum und offenbar insbesondere die Jüngerinnen und Jünger des katholischen Ritus gehen davon aus, dass ihre verstorbenen Genossinnen und Genossen kurz nach dem Tod nicht direkt zur Hauptgottheit gelangen, sondern erst in eine andere Dimension gebeamt werden und dort bei vollem Bewusstsein und ganz nackig teilweise für Hunderte von Jahren in ein extrem heißes, riesiges Feuer geworfen werden, damit sie von dem vielen Pfui-Gack gereinigt werden, das sie auf der Erde angestellt haben, weil der große Hauptgott lässt sie erst dann zu sich, wenn sie ganz sauber sind.

Ja, diese liebe Idee wollen heute im ganzen Land Erziehungsberechtigte mit ihren Kindern feiern, und zwar den ganzen Tag. Darum, liebe oder lieber wasabifreak, brauchen die Kleinen natürlich schulfrei. Ich weiß nicht, wie man unter Christenmenschen zu Allerseelen genau sagt, aber toi, toi, toi auch von meiner Seite.

Und vielleicht zum Abschluss noch: Liebes Christenkind, falls du Hilfe brauchst, was immer es auch sein mag: Der große Bruder Ö3 hat eine Kummernummer eingerichtet, dort wird dir täglich von 16.00 bis 24.00 Uhr geholfen. Auch an Feiertagen. Und du brauchst dir nicht dieHände zu waschen, bevor du anrufst.

Servus!

Alt werden, gemeinsam

Liebe Hörerin! Lieber Hörer!

In Liebesdingen helfe ich besonders gerne. Immerhin gilt, frei nach Pascal: „Ein Tropfen Liebe ist mehr als ein Ozean Verstand.“ Karla bringt das Fass zum Überlaufen …

Lieber Ombudsmann, ich bin jetzt schon zwei Jahre mit meinem Freund zusammen. Wir haben eine schöne Zeit und ich hab das Gefühl, es ist diesmal wirklich was Ernstes. Letzten Samstag hat er mich aber erschreckt. Er hat gefragt: „Karla, willst du mit mir alt werden?“ Was soll man auf so was antworten? Ich hab mir Bedenkzeit erbeten. Bitte, hilf mir. K

Nun, Karla, sich in einer Beziehung eine gemeinsame Perspektive zu schaffen, ist sehr wichtig. So umgeht man die Notwendigkeit der eingehenden Auseinandersetzung mit dem anderen und hat auf lange Sicht seine Ruhe, aber trotzdem regelmäßigen Verkehr.

Natürlich ist das gemeinsame Altern keine ähnlich prickelnde Perspektive wie ein Nobelpreis oder ein guter neunter Platz beim Klagenfurter Ironman. Die Vermutung liegt nahe, dein Lebenspartner will sich mit dir gemeinsam in einen Sarg legen, die Fernbedienung in der Rechten, ein Mobiltelefon in der Linken. Ich verstehe, dass dich das vorerst erschreckt.

Bedenke jedoch die Synergieeffekte, die ein geteilter Haushalt im Alter mit sich bringen kann. Wenn du etwa stürzt, ist jemand da, der dich auslachen oder den Sturz auf Video aufnehmen kann. Als Single wärest du nichts weiter als völlig unbemerkt gestürzt.

Zugegeben, die Frage deines Freundes ist etwas eskapistisch formuliert, wahrscheinlich aber lieb gemeint. Ich empfehle daher als Antwort auf „Willst du mit mir alt werden?“ ein diplomatisches „Ja gerne, aber nicht jetzt gleich“.

Servus!

Ananas

Liebe Hörerin! Lieber Hörer!

High Five! (…) Na ja, dann eben nicht. Bifidus Kulturkampf hat noch Respekt vor dem Alter …

Hallo lieber Ombudsmann! Letztens ist gestanden, es soll jetzt bald weiße Erdbeeren geben. Ich habe den Zeitungsausschnitt meiner Omi gezeigt und sie hat ausgerufen: „A bleiche Ananas!“ Ist meine Großmutter eine dumme Frau? lg. Bifidus Kulturkampf

Liebe oder lieber Bifidus Kulturkampf, deine sensiblen Zeilen legen nahe, dass du deine Großmutter in den Fängen einer handfesten Altersdemenz wähnst. Solange sie dich aber nicht zum unschuldigen Gaudium der versammelten Verwandtschaft mit dem Namen des lästigen Haustiers anspricht, das sie vor Jahren schon einschläfern hat lassen, bevor sie nicht deiner mehrfachen Warnung trotzend nur durch einen Hauch von Seide verhüllt hinunter in den Drogeriemarkt wackelt und die perplexe Kassiererin gütig in die Wange kneift, um ihr mit den Worten „Du warst schon immer mein Lieblingspullover“ das Familiensilber zu überreichen, darfst du beruhigt davon ausgehen, dass deine Altvordere die Erdbeere nicht aus einer Verwirrtheit heraus als Ananas bezeichnet. Sie tut es wohl vielmehr aufgrund der strengen Erziehung, die sie wahrscheinlich mehr oder weniger genossen hat und in deren Verlauf sie bestimmt mehr als einmal mit dem Rohrstock ordentlich eines auf die Finger bekommen hat, wenn sie die korrekte botanische Bezeichnung der Gartenerdbeere nicht präsent hatte: Fragaria ananassa.

Inzwischen sind die Erziehungsmethoden evaluiert, was dir die Chance einräumt, den Anschluss an die Realität niemals zu verlieren und Darstellungen von Früchten stets laut und deutlich, mit einem Lächeln im Gesicht korrekt einzuordnen: Ethylmethylphenylglycidat, 2,3-Epoxy-3-methyl-3-phenylpropansäure-ethylester. Das ist nämlich nach derzeitigem Stand der Pädagogik meist enthalten, wenn auf der Verpackung eine saftige, herzförmige Sammelnussfrucht abgebildet ist. Die Hautfarbe spielt in diesem Zusammenhang eine untergeordnete Rolle.

Servus!

Arm

Liebe Hörerin! Lieber Hörer!

Ich möchte heute einmal eine Ausnahme machen und einen Brief ungekürzt vorlesen. Folgende Zeilen haben mich sehr gerührt, leider fehlt dem Schreiben der Absender. Bitte, hör genau hin. Vielleicht bist es ja du:

Lieber Ombudsmann!
Seit ich ein Kind war, beschäftigt mich ein Problem, das in letzter Zeit drängender wird und mich langsam so sehr einzunehmen beginnt, dass ich keinen klaren Gedanken mehr fassen kann. Mir ist wohl bewusst, wie belanglos und überwindbar die Wurzel meiner Qual erscheinen muss. Ich bestehe auch nicht auf Einzigartigkeit meines Martyriums. Alles, worum ich dich bitte, ist eine Antwort, denn ich kann mir nicht länger selbst erklären, wozu ich zu dem einen zusätzlich noch einen zweiten Arm besitze. Er ist mir im Wege und raubt mir die Konzentration! Wann immer ich am Fenster sitze, um mit meinen Augen nach Menschen Ausschau zu halten, und mir der Kopf schwer wird, weil so lange Zeit schon nichts zu sehen ist, stütze ich den müden Schädel mit dem einen Arm ab. Der andere Arm liegt in meinem Schoß und ich fühle, dass er etwas anfangen könnte. Doch er liegt da einfach nur tatenlos herum. Damit nicht genug, ist mir prompt nur mehr der Gedanke an diesen tatenlosen Arm möglich, prompt wird jeder andere Gedanke von dem Tatenlosen verunmöglicht. Warum tut er nichts? Was könnte er tun? Er könnte winken, doch da ist nichts, dem man winken könnte. Außerdem: Wäre da etwas, dem man winken könnte, wäre das ebenso gut von dem einen Arm bewältigbar. Es gibt auch nichts zu beklatschen, ich will in keinem Reigen herumhopsen, ich möchte keine Trommeln schlagen und auch keine Räder. Ich möchte einfach nur am Fenster sitzen und nach Menschen Ausschau halten, bis mir der Kopf schwer wird. Dann möchte ich ihn aufstützen und weiter Ausschau halten können, ohne dass ein überflüssiger Arm mich unaufmerksam werden lässt.

Hier endet der Brief. Sachdienliche Hinweise bitte an mich. Wer immer du sein magst, fühl dich umarmt.

Servus!

Atemgeräusche

Liebe Hörerin! Lieber Hörer!

Benjamin M. Malik hat sich schon immer gefragt, und jetzt fragt er endlich auch jemand anderen …

… warum in sehr vielen Liedern die Atemgeräusche (zum Beispiel das Einatmen) zu hören sind. Zu heutigen Zeiten sollte es wirklich kein Problem sein, diese zu entfernen. Hat das nun einen tieferen Sinn – oder weshalb sind sie noch immer in vielen Liedern vorhanden?

Lieber Benni, du hast prinzipiell natürlich recht. Es wäre den Toningenieuren dieser Welt ein Leichtes, mithilfe der modernen Computertechnik die von dir kritisierten Atemgeräusche eines Sängers unhörbar zu machen. Warum tun sie das nicht? Wir Menschen tun ja sonst auch so ziemlich alles, was geht. Wir erfinden Maschinen, die uns die Arbeit abnehmen und gleichzeitig den Ertrag optimieren. Wir beuten gewissenhaft und mit zunehmender Effizienz unseren Lebensraum aus. Kunstfertig und mit ausgefeiltem technischen Know-how stellen wir Gewehre und Kanonen her, mit deren Hilfe wir imstande wären, uns innerhalb kürzester Zeit selbst sauber und spurlos aus dem Universum zu subtrahieren. Und hie und da erleichtern wir uns spätnachts sogar in unser eigenes Waschbecken …

Lieber Benjamin, ich bemerke gerade, wir sind insgesamt auf keinem guten Weg. Bald werden wir alle elendiglich an dem ersticken, was heutzutage eigentlich kein Problem mehr sein sollte. Vielleicht wollen uns die Sänger in den von dir beschriebenen Tonaufnahmen durch ihr ostentatives Atmen ja genau darauf aufmerksam machen.

Servus!

Audimaxismus

Liebe Hörerin! Lieber Hörer!