Der kleine Fürst 121 – Die Schwester des Piloten

Der kleine Fürst –121–

Die Schwester des Piloten

Roman von Viola Maybach

Impressum:

Epub-Version © 2016 KELTER DIGITAL GmbH & Co. KG, Sonninstraße 24 - 28, 20097 Hamburg. Geschäftsführer: Patrick Melchert, Oliver Melchert, Mario Melchert

Originalausgabe: © KELTER DIGITAL GmbH & Co.KG, Hamburg.

Internet: http://www.kelterdigital.de

E-mail: info@kelter.de

Dargestellte Personen auf den Titelbildern stehen mit dem Roman in keinem Zusammenhang.

ISBN: 978-3-74091-164-5

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Die beiden Frauen stellten ihre Blumen vor dem Grabstein ab. Die eine, blond und schmal, mit einem Gesicht, das von schönen grauen Augen beherrscht wurde, legte der anderen, Brünetten, die kleiner war als sie und einige Jahre älter, einen Arm um die Schultern. Die Kleinere lehnte sich an sie und fing an zu weinen.

Sie standen minutenlang so, bis die Brünette sich aufrichtete. Die andere ließ ihren Arm sinken. »Geht’s wieder?«, fragte sie mit leiser Stimme. Auch sie hatte Tränen in den Augen, weinte jedoch nicht. Sie sah sehr jung und sehr verletzlich aus.

Ein stummes Nicken antwortete ihr. Ein letzter Blick noch zu dem Namen, der auf dem schlichten Grabstein stand, dann drehten sich die beiden Frauen um und verließen den Friedhof, die Köpfe gesenkt.

»Sie fasziniert mich«, sagte Felix von Bernau zu seinem Freund Moritz von Ohldorf. »Jeden Morgen sehe ich sie auf dem Parkplatz, sie kommt immer zur gleichen Zeit. Sie ist einfach hinreißend. Allein die Art, wie sie sich bewegt …«

»Und wieso hast du sie nicht längst angesprochen?«, erkundigte sich Moritz. »Ich meine, du schwärmst jetzt schon wochenlang von ihr, ohne ihr nähergekommen zu sein. So viel Zurückhaltung ist doch sonst gar nicht deine Art.«

Verwundert sah er, dass diese Bemerkung seinen Freund offenbar in Verlegenheit brachte: den attraktiven Felix von Bernau, der bisher jedem Versuch einer seiner Freundinnen widerstanden hatte, ihn für die Ehe zu gewinnen. Er war jetzt fünfunddreißig Jahre alt und wollte seine Freiheit nicht aufgeben. Seine Freiheit, die er zu genießen verstand. Moritz hatte Felix schon oft insgeheim beneidet, denn ihm ging diese Unbekümmertheit ab: Er hatte für kurzfristige Beziehungen nichts übrig und hätte lieber heute als morgen eine Familie gegründet, wenn ihm die passende Frau über den Weg gelaufen wäre. Doch die ließ zu seinem Kummer auf sich warten.

»Bei ihr ist das anders«, erwiderte Felix endlich. »Sie ist noch ziemlich jung, ich möchte sie nicht verletzen. Und ich kenne mich ja, Moritz: Treu bin ich noch nie gewesen. Also beschränke ich mich lieber darauf, sie von meinem Bürofenster aus zu beobachten und mir Geschichten zu ihr auszudenken. Das kann auch sehr anregend sein.«

»Irgendwann werden dir deine ausgedachten Geschichten nicht mehr reichen und du wirst dich erkundigen, wer sie ist«, sagte Moritz voraus. »Du bist nicht nur untreu, du bist auch neugierig.«

Felix machte ein gekränktes Gesicht. »Dafür, dass wir Freunde sind, hast du aber eine ziemlich schlechte Meinung von mir.« Seine Augen verrieten, dass er den Gekränkten nur spielte.

»Keine schlechte, nur eine realistische«, erwiderte Moritz, woraufhin sie beide lachten.

Sie aßen gemeinsam zu Abend, wie sie es mehrmals pro Woche taten, wenn sie beide ohne Partnerin waren, und das war derzeit der Fall. Kennengelernt hatten sie sich in dem Fernsehsender, für den sie beide arbeiteten: Sie entwickelten Serienstoffe, die der Sender selbst produzieren konnte. Von dem Tag an, als Felix eingestellt worden war, hatten sie sich gut verstanden und waren schnell Freunde geworden.

Felix war zwei Jahre älter als Moritz, ein Mann von mittlerer Größe mit dichten braunen Haaren und ebenfalls braunen Augen im gut geschnittenen Gesicht. Es waren diese Augen, so lautete zumindest Moritz’ Theorie, die Felix seinen sagenhaften Erfolg bei Frauen bescherten. Er konnte damit so sanft und unwiderstehlich gucken, dass er schon manches Herz gewonnen hatte, bevor auch nur ein Wort gefallen war.

Moritz selbst war ein schlanker Mann mit nervösen Bewegungen und blonden Haaren, die immer aussahen, als wäre er gerade aus dem Bett gestiegen. Das verlieh ihm offenbar etwas Verletzliches, jedenfalls führte es dazu, dass sich vor allem Frauen mit Mutterinstinkt für ihn interessierten. Er wirkte, fanden sie, als müsste er noch beschützt werden. Vor solchen Frauen flüchtete Moritz umgehend.

»Im Ernst«, sagte er jetzt, »sie beschäftigt dich mehr, als dich jemals eine Frau beschäftigt hat, wenn ich das richtig beurteile. Also finde heraus, wer sie ist, und dann hat vielleicht die liebe Seele Ruh, und du kannst dich wieder auf die Suche nach einer Freundin machen. Für deine Verhältnisse bist du jetzt schon sehr lange solo.«

»Du wirst es nicht glauben, aber so schlecht finde ich das gar nicht«, murmelte Felix, während er gedankenverloren auf einem Stück Fleisch kaute. »Man hat vor allen Dingen viel mehr Zeit. Mir war vorher überhaupt nicht klar, wie zeitaufwändig der Umgang mit Frauen ist.«

Moritz grinste. »Das sind ja völlig neue Erkenntnisse.«

»Ja, ja, mach dich nur über mich lustig«, brummte Felix. Er schob seinen leeren Teller von sich. »Und was fangen wir jetzt mit dem angebrochenen Abend an?«

»Nichts mehr«, erklärte Moritz. »Ich zumindest gehe nach Hause, ich habe noch einiges zu erledigen, was ich jetzt schon eine ganze Weile vor mir herschiebe. Heute Abend muss es endlich passieren, sonst kriege ich die Kurve nicht mehr.«

»Die Kurve wofür genau?«

»Steuer, ein paar Rechnungen, so ein Zeug halt.«

Felix zog die Stirn in Falten. »Musstest du mich jetzt daran erinnern? Auf meinem Schreibtisch türmen sich auch ein paar unangenehme Dinge …«

Moritz bat den Kellner um die Rechnung, wenig später verließen sie das Restaurant. Sie hatten ihre Wagen noch auf dem Senderparkplatz stehen. »Dann bis morgen!«, sagte Moritz, als sich ihre Wege trennten. »Und denk über meinen Rat nach!«

»Du bist eine Nervensäge, Moritz!«

Felix’ Auto stand weiter hinten, er war heute Morgen ziemlich spät gekommen, da waren die besten Plätze natürlich längst weg gewesen. Er konnte seinen Wagen schon sehen, als er eine weibliche Stimme leise schimpfen hörte: »Das darf doch nicht wahr sein, ich glaub’s einfach nicht!«

Er sah sich suchend um – und dann machte sein Herz einen richtigen Satz, denn dort stand sie: die schöne Blonde, die er nun schon seit Wochen vom Bürofenster aus beobachtete. Glücklicher Zufall? Schicksal? Wink des Himmels? Vielleicht alles auf einmal … Als er sich rasch umblickte, sah er, dass Moritz den Parkplatz gerade verließ, das war ihm recht. Er wollte nicht gern dabei beobachtet werden, wie er die Blonde ansprach.

»Brauchen Sie Hilfe?«, fragte er.

Sie zuckte erschrocken zusammen, da sie ihn offenbar nicht hatte kommen hören. Dann versuchte sie zu lächeln. »Jemand hat mir den Reifen zerstochen«, sagte sie. »Und nicht nur mir.«

Er blickte sich um und sah, dass sie Recht hatte. »Schon wieder!« Dieses Problem hatten sie seit ein paar Tagen. Die Polizei war bereits eingeschaltet, hatte die Übeltäter aber noch nicht erwischt. Sie vermuteten, dass eine Gruppe von Jugendlichen dahintersteckte.

»Ja, schon wieder«, sagte sie. »Natürlich habe ich keinen Ersatzreifen. Ich wollte gerade anrufen, damit mich jemand abholt.«

»Ich nehme Sie mit, wenn Sie wollen. Dann können Sie morgen früh als Erstes Ihre Werkstatt benachrichtigen.« Er lächelte sie an, als er ihr die rechte Hand entgegenstreckte. »Ich bin Felix von Bernau, fünfter Stock.«

»Ach, die Serienentwickler«, erwiderte sie. »Ich bin Corinna Flemming, zweiter Stock.«

»Filmtipps?«, fragte er.

»Ja, genau. Zum Glück bin ich da ziemlich unabhängig. Ins Kino gehen die Leute immer noch gern, und sie wollen, dass man ihnen Filme empfiehlt. Also ist meine Sendung nicht allzu bedroht, nur der Sendeplatz ändert sich immer mal wieder.«

»Steigen Sie ein«, sagte er, »mein Wagen steht gleich da vorn.«

»Danke, ein Glück, dass ich Sie noch getroffen habe.«

»Wohin müssen Sie denn?«

Sie sagte es ihm. Es war nur ein kleiner Umweg für ihn auf dem Weg nach Hause.

»Wie sind Sie zum Sender gekommen?«, fragte er, nachdem er den Parkplatz verlassen hatte.

»Ich bin die typische Quereinsteigerin«, antwortete sie. »Studium abgebrochen, wegen Langeweile, ein Praktikum gemacht, dann hat mich jemand gefragt, ob ich mir vorstellen könnte zu bleiben. Das konnte ich, und ich bin immer noch da.«

»Na, so lange können Sie noch nicht hier sein«, stellte er fest. »Sie sind doch noch sehr jung.«

»Ich bin schon fast zwei Jahre hier«, erklärte sie. »Das Studium habe ich jedenfalls schneller geschmissen. Ich könnte mir vorstellen, weiter für den Sender zu arbeiten, mir gefällt es da sehr gut.«

Er warf ihr während der Fahrt mehrmals verstohlene Blicke zu, die sie nicht zu bemerken schien. Sie sah aus dem Fenster und wirkte alles in allem noch jünger, als er angenommen hatte. Sie war mindestens zehn Jahre jünger als er. Er hatte also gut daran getan, sich von ihr fernzuhalten.

Unvermittelt wandte sie sich ihm zu und ertappte ihn bei einem seiner Blicke. »Was ist?«, fragte sie.

Er stellte sich dumm. »Was soll sein?«

»Sie sehen mich dauernd an. Warum?«

Verdammt, er war nicht vorsichtig genug gewesen. »Ich habe mich nur gefragt, wieso wir uns noch nie begegnet sind im Sender«, erklärte er. »In der Kantine oder so.«

»Da gehe ich nie hin. Und außerdem hat Ihre Arbeit mit meiner ja nicht viel zu tun.« Jetzt lächelte sie ihn an. »Sie waren nicht ehrlich, oder? Warum haben Sie mich wirklich angesehen?«

Er wollte eine Notlüge vorbringen, wie immer in solchen Fällen, stattdessen hörte er, wie er wahrheitsgemäß antwortete: »Ich sehe Sie jeden Morgen auf dem Parkplatz ankommen, seit ein paar Wochen. Dann beobachte ich Sie, wie Sie über den Platz laufen, bis ich Sie nicht mehr sehen kann. Ich sehe Ihnen gern zu, wie Sie sich bewegen.«

»Ehrlich wahr?«, fragte sie.

Jetzt erst bemerkte er, dass sie graue Augen hatte. Wunderschöne graue Augen. »Ehrlich wahr«, antwortete er. »Ich hatte mir geschworen, Sie das niemals wissen zu lassen.«

»Wissen Sie, was komisch ist?« Ihre Stimme klang nachdenklich. »Ich hatte seit einiger Zeit das Gefühl, dass jemand mich beobachtet. Es war kein unangenehmes Gefühl, auch nicht unheimlich oder so, ich hatte nur den Eindruck, dass jemand mich ansieht. Und jetzt sagen Sie mir, dass dieses Gefühl richtig war. Das ist schon seltsam, oder?«

»Ja. Ich wollte Sie nicht belästigen, wirklich nicht. Am Anfang war es Zufall, und dann habe ich angefangen, zu einem bestimmten Zeitpunkt auf den Parkplatz hinunterzusehen und darauf zu warten, dass Sie kommen. Mein Freund und Kollege Moritz von Ohldorf zieht mich schon auf deshalb.«

»Morgen komme ich garantiert noch später als ohnehin schon«, lachte sie. »Ich komme morgens nicht gut aus dem Bett. Aber wenn mein Auto wieder fit ist, sehe ich nach oben und winke Ihnen zu, falls ich Ihr Fenster finde.«

»Sie sind mir also nicht böse und fühlen sich auch nicht bedrängt?«

»War das Zufall eben auf dem Parkplatz oder haben Sie auf mich gewartet?«

»Lieber Himmel, nein, das war Zufall. Moritz und ich waren noch etwas essen, drüben beim Italiener. Ich war auf dem Weg zu meinem Wagen, und dann habe ich Ihre Stimme gehört. Erst als ich Sie sah, habe ich Sie erkannt, Ihre Stimme war ja neu für mich.«

»Na gut«, sagte sie, »wenn wir jetzt schon bei den Geständnissen sind: Ich wusste, wer Sie sind.«

Unwillkürlich nahm Felix den Fuß vom Gas. »Wie bitte?«, fragte er.

»Sie haben einen ziemlich krassen Ruf, das wissen Sie doch sicher? Ungefähr das Erste, was mir eine ältere Kollegin gesagt hat, war: ›Nimm dich vor Felix von Bernau in Acht, es sind schon viele Frauen hier im Sender seinen sanften braunen Augen verfallen und unglücklich geworden, diesen Fehler solltest du nicht machen.‹ Also bin ich neugierig geworden und habe die Kollegin gebeten, mir Sie zu zeigen, und das hat sie auch getan.«