Der kleine Fürst 126 – Gesucht: Eltern für Clementina!

Der kleine Fürst –126–

Gesucht: Eltern für Clementina!

Roman von Viola Maybach

Impressum:

Epub-Version © 2016 KELTER MEDIA GmbH & Co. KG, Sonninstraße 24 - 28, 20097 Hamburg. Geschäftsführer: Patrick Melchert

Originalausgabe: © KELTER MEDIA GmbH & Co.KG, Hamburg.

Internet: http://www.keltermedia.de

E-mail: info@kelter.de

Dargestellte Personen auf den Titelbildern stehen mit dem Roman in keinem Zusammenhang.

ISBN: 978-3-74091-280-2

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Alice von Trottnow summte vor sich hin, als sie ihre Reisetasche packte. Ein paar Tage auf Schloss Sternberg würden ihr guttun. Ihre Freunde dort luden sie immer wieder ein, doch seit Monaten hatte ihr die Zeit gefehlt, einer der Einladungen Folge zu leisten. Jetzt aber würde sie sich von nichts und niemandem daran hindern lassen, die wohlverdiente Woche Urlaub endlich zu nehmen.

Alice war eine kluge junge Frau, dazu schön und ehrgeizig. Sie arbeitete für einen internationalen Konzern und hatte dort bereits einen steilen Aufstieg hinter sich, den sie nicht nur ihrer Klugheit, sondern auch ihrer eleganten Erscheinung und ihrem sicheren Auftreten verdankte. Sie leitete trotz ihrer jungen Jahre bereits eine Abteilung, auf den Fluren wurde gemunkelt, dass der nächste Sprung auf der Karriereleiter kurz bevorstand.

Die Gründung einer Familie war derzeit kein Thema für Alice, zumal es keinen Mann gab, mit dem zusammen sie sich so etwas hätte vorstellen können. Sie liebte ihre Arbeit sehr und hatte nicht die Absicht, in nächster Zeit kürzerzutreten. Ihre bisherigen Beziehungen waren allesamt an dieser Frage gescheitert: Sie arbeitete zu gern und zu viel, und sie war zu erfolgreich, kein Mann hatte das lange ausgehalten. Alice war nicht böse darüber. Ihr Leben war ausgefüllt, sie vermisste nichts, schon gar keinen Mann, der abends darauf wartete, dass sie endlich Zeit für ihn hatte.

In ihrem beruflichen Umfeld begegnete man ihr mit gehörigem Respekt. Dass Alice von Trottnow es noch weit bringen würde, davon waren nicht nur ihre Förderer überzeugt, sondern auch ihre Gegner, diejenigen, die sie auf dem Weg nach oben längst überholt hatte.

In den letzten Wochen war ihr jedoch bewusst geworden, dass sie eine Pause brauchte. Lange hatte sie sich keine mehr gegönnt, doch nun verlangte ihr Körper energisch Ruhe, damit er Kraft tanken konnte. Ein mehrwöchiger Urlaub war nicht infrage gekommen, zu viel stand beruflich gerade auf dem Spiel, aber als sie immer häufiger nachts nicht mehr hatte schlafen können, weil die Gedanken in ihrem Kopf sich im Kreis drehten, waren ihr die Einladungen nach Sternberg wieder eingefallen. Eine Woche Pause konnte sie sich leisten, und jetzt, da die Reise unmittelbar bevorstand, freute sie sich unbändig darauf.

Rosa Franke erschien in der Tür, ihre Haushälterin. Sie war eine dralle Mittdreißigerin mit einem breiten, gutmütigen Gesicht. Die braunen Haare trug sie kurz geschnitten. »Brauchen Sie noch Hilfe, Frau von Trottnow?«

»Nein, vielen Dank, Rosa, ich bin praktisch fertig.« Alice warf einen Blick auf die Uhr und lächelte unwillkürlich. »Um elf wollte ich losfahren, und das tue ich auch. Nicht einmal, wenn ich Urlaub habe, kann ich es ertragen, wenn ich meine eigenen Zeitvorgaben nicht erfülle. Verrückt, oder?«

»Hoffentlich können Sie auf Sternberg abschalten. Sie haben sich den Urlaub wirklich verdient.«

»Ja, das stimmt wohl, aber wenn ich ehrlich sein soll: Im Kopf bin ich immer noch im Büro. Wenn ich nur an das denke, was während meiner Abwesenheit alles schiefgehen kann …«

»An Ihrer Stelle würde ich das Handy hierlassen«, warf Rosa ein. »Und den Laptop und alle anderen elektronischen Geräte auch. Wenn Sie das nämlich alles mitnehmen, werden Sie auf Sternberg bald genauso viel arbeiten wie im Büro.«

Alice seufzte. »Wahrscheinlich haben Sie recht, aber ich muss erreichbar sein, anders geht es nicht. Immerhin habe ich die Anweisung erteilt, mich wirklich nur im Notfall anzurufen, und daran werden sich auch alle halten.«

»Wetten, dass der erste Notfall schon eintritt, während Sie noch im Auto sitzen?«, fragte Rosa. Jetzt war sie es, die einen Blick auf die Uhr warf. »Viertel vor elf«, sagte sie. »Wenn Sie pünktlich abfahren wollen …«

Alice lachte. »Haben Sie mir nicht geraten, endlich abzuschalten, Rosa? Und jetzt sind Sie es, die mich drängen.«

Rosas breites Gesicht überzog sich mit einer feinen Röte. »Das wollte ich nicht«, beteuerte sie, »aber ich kenne Sie ja und weiß, dass Sie nicht zufrieden sind, wenn Sie sich verspäten.«

»Ich bin ja praktisch schon weg.« Eilig nahm Alice noch einen dünnen Pullover aus dem Schrank und legte ihn zu den anderen Sachen, dann zog sie den Reißverschluss ihrer Reisetasche zu. »Fertig«, sagte sie.

»Sie sehen ganz anders aus, wenn Sie so sportlich gekleidet sind und die Haare nicht so streng frisieren wie sonst. Viel jünger.«

»Im Urlaub ist das wahrscheinlich ein Vorteil, im Berufsleben wäre es das nicht unbedingt, schließlich will ich ernst genommen werden.« Mit diesen Worten schnappte sich Alice ihre Reisetasche. »Bis in einer Woche, Rosa. Sie wissen ja, wie ich zu erreichen bin, aber ich denke eigentlich nicht, dass es hier Probleme geben wird.«

»Das denke ich auch nicht. Ich werde Gardinen waschen und Fenster putzen und die ganze Wohnung mal so richtig auf Hochglanz bringen. Darauf freue ich mich schon richtig.« Wieder sah Rosa auf die Uhr.

»Schon gut, schon gut, ich bin weg. Auf Wiedersehen, Rosa.«

»Auf Wiedersehen, Frau von Trottnow.«

Alice fuhr mit dem Aufzug in die Tiefgarage, wo sie ihren Wagen stehen hatte. Sie stellte die Reisetasche in den Kofferraum und hatte ihn gerade wieder geschlossen, als ein Hilfeschrei sie erschrocken herumfahren ließ. Sie sah einige Schritte entfernt eine junge Frau neben einem Auto, die beide Hände auf ihr Herz presste und nach Luft rang. Sie konnte sich offenbar nicht mehr auf den Beinen halten, denn ganz langsam sackte sie in sich zusammen.

Mit ein paar Schritten war Alice bei ihr. »Was ist los?«, fragte sie. »Ist Ihnen schlecht geworden?«

»Die Hitze«, flüsterte die Frau. Sie war jünger als Alice, vielleicht noch nicht einmal zwanzig Jahre alt, also fast noch ein Mädchen. »Mein Herz ist nicht gesund, die Hitze macht mir immer zu schaffen. Was für ein Glück, dass Sie hier sind. Ich …, ich habe Angst.«

»Sie brauchen einen Arzt«, sagte Alice, die bereits nach ihrem Handy suchte.

»Da fahren wir jetzt sowieso hin, mein Freund und ich, er holt nur das Auto.«

»Aber Sie wohnen doch nicht hier«, gab Alice zu bedenken. »Er kommt hier gar nicht herein.«

»Doch, er arbeitet hier im Haus, er ist einer der Hausmeister. Er hat einen Parkplatz, aber der ist am anderen Ende. Ich war nur kurz bei ihm, um ihm etwas zu bringen, und auf einmal ist mir schlecht geworden.« Die Frau umklammerte Alices Hand. »Bitte, gehen Sie nicht weg, bis er kommt«, bat sie.

»Sie sind sehr blass, ich hoffe, er beeilt sich.«

»Das tut er bestimmt, er hat Angst um mich.«

Kurz darauf hörten sie tatsächlich, wie sich ein Wagen näherte. Er bremste mit quietschenden Reifen direkt neben ihnen, ein sichtlich aufgeregter junger Mann sprang heraus. »Mich hatte jemand blockiert«, stieß er hervor, »sonst wäre ich viel schneller hier gewesen.« Er maß Alice mit einem forschenden Blick.

»Ich war nur zufällig hier«, erklärte sie. »Ihre Freundin muss so schnell wie möglich zu einem Arzt. Ich bin nicht sicher, ob ein Krankenwagen nicht besser wäre.«

Er schüttelte den Kopf. »Wir fahren zu ihrem Hausarzt, der weiß genau, was er tun muss«, sagte er, »komm, Süße.«

Er half ihr sehr behutsam, auf die Beine zu kommen, dann trug er sie zum Wagen und setzte sie auf den Beifahrersitz. »Danke«, sagte er zu Alice, nahm hinter dem Steuer Platz und steuerte den Wagen aus der Tiefgarage.

Alice atmete tief durch. Nun startete sie doch mit einigen Minuten Verspätung in ihren Urlaub.

*

Dr. Volker von Vleden gönnte sich eine kurze Pause. Er hatte drei Wochen Nachtdienst gehabt, und wie immer war ihm der Übergang schwergefallen. Er arbeitete bedeutend lieber am Tag, aber wie überall im Land herrschte auch an diesem Krankenhaus im süddeutschen Städtchen Wohlenfeld Personalmangel, man konnte sich die Dienste nicht aussuchen.

Es war ein städtisches Krankenhaus, das einen guten Ruf genoss, aber trotzdem wünschte er sich nicht selten Zustände wie im nicht allzu weit entfernten Sternberg, wo einer seiner Ausbilder, Dr. Walter Brocks, eine Privatklinik führte, von deren Ausstattung, auch personell, sie hier in Wohlenfeld nur träumen konnten. Dr. Brocks hatte ihm schon öfter eine Stelle in seiner Klinik angeboten, doch Volker von Vleden war in Wohlenfeld geblieben. Er war in der Stadt aufgewachsen und lebte gern hier. Zwei Jahre hatte er in England gearbeitet und dort wertvolle Erfahrungen sammeln können, seit einem Jahr war er zurück, und diese Rückkehr hatte er bisher nicht bereut.

»Kleine Pause?«, fragte sein Kollege Oliver Willem.

»Ja«, seufzte Volker. »Ich bin todmüde, dabei hat der Tag eigentlich gerade erst begonnen.«

»Du hast dich noch nicht umgestellt«, meinte Oliver. Anders als Volker, der von kräftiger Statur war und einen Kopf voll dichter blonder Haare trug, war Oliver der sprichwörtliche Strich in der Landschaft. Lang und dünn war er, die dunklen Haare lichteten sich zu seinem Kummer bereits.

»Stimmt. Endlich hatte ich mich halbwegs an den Nachtdienst gewöhnt, da ist er wieder vorbei. Ich überlege allen Ernstes, ob ich nicht noch ein paar Wochen dranhängen soll. Mir ist es tagsüber sowieso viel zu heiß.«

»Spinnst du? Willst du den halben Sommer verschlafen? Kein Schwimmbad, keine Fahrradtour, keine Waldspaziergänge? Das kann ja wohl nicht dein Ernst sein.«

Volker grinste. »So betrachtet hast du natürlich recht.« Er trank seinen Kaffee aus und warf den Pappbecher weg. »Dann will ich mal wieder«, brummte er. »Wenigstens ist heute einer von den eher ruhigen Tagen.«

Volker war Unfallchirurg, er leitete die Notaufnahme des Krankenhauses, und er war stolz darauf, dass er seit seiner Rückkehr aus England bedeutende Verbesserungen für seine Station durchgesetzt hatte. Sie waren personell besser ausgestattet worden, und er hatte auch einige Geräte neu anschaffen dürfen.

Ein Martinshorn war zu hören, dann noch eins, gleich darauf ein drittes. »So viel zum Thema ›ruhiger Tag‹«, meinte Oliver, der gemeinsam mit Volker Dienst in der Notaufnahme hatte. »Das kannst du vergessen für heute, schätze ich.«

Die Türen wurden geöffnet, in schneller Folge wurden Verletzte hereingebracht. »Massenauffahrunfall auf der Autobahn«, rief einer der Sanitäter, »wie viele Verletzte könnt ihr nehmen?«

»Zehn«, sagte Oliver, »vielleicht zwölf, wenn die Verletzungen nicht allzu schwer sind.«

Oliver hatte es richtig vorhergesehen: Mit der Ruhe war es erst einmal vorbei.

*

»Frau von Trottnow wird doch erst zum Tee erwartet, Marie«, sagte Eberhard Hagedorn, als er die Küche des Sternberger Schlosses betrat. »Wieso wirbeln Sie denn dann jetzt schon so herum?«

Die junge Köchin, sehr talentiert und sehr ehrgeizig, hob den Kopf und gönnte dem Butler ein flüchtiges Lächeln. »Weil ich weiß, wie anspruchsvoll sie ist«, erklärte sie.

Eberhard Hagedorn erwiderte das Lächeln. Er tat schon so lange auf Sternberg Dienst als Butler, dass es kaum noch jemanden gab, der sich daran erinnerte, wie es ohne ihn gewesen war. Tatsächlich war er im Laufe der Jahre so etwas wie eine Legende geworden: Es gab in seinem Beruf niemanden, der dem Ziel der Perfektion näher gekommen wäre als er. Manche behaupteten gar, er sei längst vollkommen, doch er selbst sah das anders. Lernen konnte man, sagte er gern, bis zum letzten Tag seines Lebens.