cover

Das Buch

Die Zhirrzh haben sich eine kurze Atempause im Krieg gegen die menschlichen Barbaren verschafft. Aber der menschliche Gefangene Pheylan Cavanagh ist entkommen – und deshalb fällt Thrr-gilag in Ungnade und wird zur Zielscheibe verborgener Mächte, die die Gesellschaft der Zhirrzh nach ihren Vorstellungen umformen wollen. Seine einzige Hoffnung ist zu beweisen, dass die Oberclan-Behörden sich geirrt haben, und dass es nicht die Menschen waren, die den Krieg begonnen hatten. Aber ihm bleibt nur wenig Zeit: Die Zhirrzh haben ihre Frontlinien gefährlich überdehnt und müssen jederzeit mit einem Gegenangriff rechnen. Sie haben der mächtigen Armada der Menschen nur wenig entgegenzusetzen, und Thrr-gilag erkennt, dass sein Volk einer doppelten Bedrohung gegenübersteht: der Vernichtung durch die Menschen und der Zerstörung von innen …

Der Autor

Timothy Zahn wurde 1951 in Chicago geboren, lebt in Oregon und ist heute einer der beliebtesten Science-Fiction-Autoren der USA. Sein bekanntestes Werk ist die Thrawn-Trilogie, die mehrere Jahre nach dem Ende von Die Rückkehr der Jedi-Ritter spielt und die Geschichte des Star-Wars-Universums in eine neue Zeit vorantreibt (Expanded Universe). Diesen Büchern folgte eine Reihe weiterer Star-Wars-Romane. Für seine Novelle Cascade Point wurde Zahn mit dem renommierten »Hugo Award« ausgezeichnet.

Eine Übersicht der im Heyne-Verlag lieferbaren Romane von Timothy Zahn finden Sie am Ende dieses E-Books.

Mehr über Timothy Zahn und seine Romane auf:

89558.jpg

diezukunft.de

TIMOTHY ZAHN

EROBERER

Die Rückkehr

Roman

WILHELM HEYNE VERLAG
MÜNCHEN

Titel der amerikanischen Originalausgabe

CONQUEROR’S HERITAGE

Deutsche Übersetzung von Martin Gilbert

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

Überarbeitete Neuausgabe 05/2017

Redaktion: Werner Bauer

Copyright © 1995 by Timothy Zahn

Copyright © 2017 dieser Ausgabe
by Wilhelm Heyne Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München

Satz: Schaber Datentechnik, Austria

ISBN: 978-3-641-21249-0
V001

www.diezukunft.de

Überraschungsangriff

Ohne Warnung zuckte auf der anderen Seite des Landefelds, im Nordosten, ein gleißender Lichtblitz durch die Luft.

»Deckung!«, rief Thrr-mezaz, als die Schallwelle der Explosion über ihnen zusammenschlug. Er sprang in die teilweise Deckung des Flugzeugs des Mensch-Eroberers, dicht gefolgt von Klnn-vavgi. Dort ging er in die Hocke und nutzte die schnabelförmige Nase des Flugzeugs als Peilkante – als seine Mittellicht-Pupillen durch den Blitz einer zweiten Explosion geblendet wurden. Mit einem Fluch drehte er den Kopf weg; aber er hatte immerhin genug gesehen, um das eigentliche Ziel des Angriffs zu erkennen.

Das Lagerhaus der Mrachanis.

»Kommunikatoren: Vollalarm«, schrie er, als der Blitz einer dritten Explosion von den umliegenden Gebäuden reflektiert wurde und der Knall in die Ohr-Schlitze hämmerte. »Die Krieger, die die Mrachanis schützen, sollen sie da rausholen und in Deckung bringen.«

Er hörte einen leisen Ruf der Bestätigung und warf einen schnellen Blick zurück. Zwei Zhirrzh-Krieger hatten den Mensch-Eroberer mit dem Gesicht auf den Boden gedrückt, und die anderen knieten mit den Lasergewehren im Anschlag am Flugzeug. Sie schwenkten nervös die Waffen und suchten nach einem Ziel. Am Rand des Landeplatzes eröffnete eine Luftverteidigungsstellung das Feuer und schickte zischende Schnellfeuer-Laserpulse in alle Himmelsrichtungen. In der Ferne hörte er das leise Geräusch von Lasergewehren, die in den Feuerzauber einstimmten …

1

»Sucher Thrr-gilag?«

Langsam wandte Thrr-gilag den Blick von dem fleckigen Zwangsanzug ab, den er sich über die Beine gelegt und kontemplativ betrachtet hatte. »Ja, Schiffs-Kommandant Zbb-rundgi?«

»Die Diligent ist startbereit«, erwiderte Schiffs-Kommandant Zbb-rundgi. »Wir warten bloß noch auf dein Erscheinen.«

»Vielen Dank«, sagte Thrr-gilag. »Ich brauche auch nur noch ein paar Centumtakte.«

Zbb-rundgi ließ den Blick durch den privaten Besprechungsraum der Alien-Studiengruppe schweifen. »Die Demontage-Crew kann sich mit der restlichen Ausrüstung befassen, Sucher«, entschied er. »Es gibt hier nichts, das du beaufsichtigen müsstest.«

»Verstehe«, sagte Thrr-gilag. »Wie ich schon sagte, brauche ich nur noch ein paar Centumtakte.«

Zbb-rundgis Mittellicht-Pupillen schienen sich leicht zu verengen. Aus dieser Entfernung vermochte Thrr-gilag das aber nicht mit Sicherheit zu sagen. »Die Anweisungen des Oberclan-Primus waren doch recht eindeutig, Sucher«, erklärte der Schiffs-Kommandant. »Wir sollen starten, sobald wir bereit sind.«

»Aber wir sind noch nicht bereit«, beschied Thrr-gilag ihn. »Du kannst zum Schiff zurückkehren und die restlichen Vorbereitungen für den Start treffen. Ich werde in ein paar Centumtakten dort sein.«

Diesmal gab es keinen Zweifel bezüglich der Pupillen. »Wie du willst, Sucher«, sagte Zbb-rundgi steif. Er wandte sich ab und stakste aus dem Raum.

»Das war dumm«, durchbrach eine ferne Stimme die Stille. »Schiffs-Kommandant Zbb-rundgi steht bei den Anführern des Cakk’rr-Clans in hoher Gunst, wie auch die Älteren seiner Familie. Es ist nicht sehr klug von jemandem in deiner Position, sich gegen ihn zu stellen.«

»Meine Position ist die des ordnungsgemäß ernannten Sprechers dieser Mission, Chrr’t-ogdano«, erinnerte Thrr-gilag diesen. Er berührte einen Dunkellicht-Sensor des Zwangsanzugs, der nach dem Fluchtversuch des Menschen Pheylan Cavanagh noch immer mit rotem Schmutz verkrustet war. »Und solange die Oberclan-Versammlung diese Ernennung nicht zurückzieht, werde ich tun, was auch immer ich für erforderlich halte. Ob es dem Schiffs-Kommandanten Zbb-rundgi nun gefällt oder nicht.«

»Thrr-gilag, sieh mich an.«

Seufzend hob Thrr-gilag den Blick zu der schemenhaften Gestalt, die vor ihm in der Luft schwebte. Chrr’t-ogdano, der Ältere des Kee’rr-Clans und Chefbeobachter hier auf der Stützpunktwelt Zwölf. Und wenn der Ausdruck in seinem fast transparenten Gesicht auch nur annähernd aussagefähig war, brachte er Thrr-gilags offizieller Position im Moment noch weniger Respekt entgegen als der Schiffs-Kommandant Zbb-rundgi. »Spiel keine Spielchen mit mir«, stieß der Ältere hervor. »Dem Titel nach magst du noch immer der Sprecher der Mission sein. Die Position, die ich meine, ist die des Zhirrzh, dessen Handlungen es überhaupt erst ermöglicht haben, dass der menschliche Gefangene Pheylan Cavanagh von seinen Leuten gerettet wurde.«

»Wer dafür verantwortlich ist, wird sich noch weisen«, konterte Thrr-gilag. »Und bis dahin glaube ich, dass ein gewisses Maß an Respekt nicht zu viel verlangt ist.«

Chrr’t-ogdanos Zunge schnellte verächtlich heraus. »Autorität ist etwas, das verliehen wird; doch Respekt ist etwas, das man sich erst verdienen muss. Wenn du noch zu jung bist oder zu berauscht vom Genuss der Macht, um das zu begreifen, dann hätte man dich vielleicht gar nicht erst zum Sprecher ernennen sollen.«

Thrr-gilag drückte die Zunge gegen die Oberseite des Rachens und verkniff sich die Widerworte, die er hatte geben wollen. »Ich bitte um Entschuldigung, falls ich dich enttäuscht habe«, sagte er stattdessen. »Ich habe nur mein Bestes getan.«

Chrr’t-ogdanos verhärtete Gesichtszüge lösten sich etwas. »Was geschehen ist, ist nun einmal geschehen«, meinte er mit resignationsgeschwängerter Stimme. »Die Geschichte wird ein Urteil über deine Handlungen fällen.«

Was natürlich nicht bedeutete, dass Chrr’t-ogdano das voraussichtliche Urteil der Geschichte nicht schon für sich vorweggenommen hätte. Oder Schiffs-Kommandant Zbb-rundgi und der Rest der Mission.

Und im Grunde vermochte Thrr-gilag es ihnen nicht einmal verdenken. Der Plan, den er zur Ergreifung von Pheylan Cavanagh ausgearbeitet hatte, hatte genauso funktioniert, wie er sich das vorgestellt hatte – ein Punkt, den er besonders betonen wollte, wenn er sich vor der Oberclan-Versammlung rechtfertigte. Sie hatten zugelassen, dass der Mensch das fremde Raumschiff betrat und es aktivierte, wodurch die Älteren, die den Vorgang verfolgten, wertvolle Informationen über seine Funktion erlangten. Und dann hatte – wie erwartet – ein plötzlicher, klarer Blick auf einen Älteren den Menschen lange genug abgelenkt, dass Thrr-gilag sich seiner Fesseln zu entledigen und ihm eine kleine Dosis Zungengift in die Schulter zu injizieren vermochte. Diese Nachricht, dass man einen Häftling mit minimalem Aufwand wieder eingefangen hätte, wäre eigentlich kaum mehr als eine Randnotiz des Tagesberichts gewesen.

Allerdings hatte keiner von ihnen gewusst, dass sozusagen über ihren Köpfen ein menschliches Kampfschiff hing, das schließlich ins Geschehen eingriff. Und es gab auch nichts daran zu rütteln, dass – wenn der Gefangene sich unter Bewachung sicher in seiner Zelle befunden hatte, als der Feind ein paar Centumtakte später angriff – die Rettung vielleicht misslungen wäre.

Oder vielleicht hätten die Menschen den Stützpunkt auch gleich zerstört, jeden Zhirrzh in der Mission in die Älterenschaft erhoben und Pheylan Cavanagh sowieso mitgenommen.

Thrr-gilag schauderte, und der Zungenrand schabte bei dieser Erinnerung leicht am Gaumen. Diese Kriegsschiffe waren einfach unglaublich gewesen. Unglaublich schnell, unglaublich wendig, unglaublich kampfstark. In Farbe und Flugeigenschaften hatten sie exakt dem Kampfschiff entsprochen, das den Versuch einer Brückenkopfbildung auf der menschlichen Welt Dorcas vereitelt hatte – ein Kriegsschiff, von dem sein Bruder Thrr-mezaz glaubte, dass es sich um die geheimnisvollen Copperhead-Krieger handelte, die vom menschlichen Aufzeichnungsgerät erwähnt wurden.

Oder war es vielleicht sogar ein- und dasselbe Kriegsschiff gewesen?

Thrr-gilag runzelte die Stirn, als dieser Gedanke ihm plötzlich kam. Falls die Copperhead-Krieger in der Lage gewesen waren, den Blockadering um Dorcas zu durchbrechen … »Ich möchte meinen Bruder sprechen«, sagte er zu Chrr’t-ogdano. »Thrr-mezaz, Kee’rr, Befehlshaber der Zhirrzh-Bodentruppen auf Dorcas.«

»Jetzt gleich?«, fragte Chrr’t-ogdano konsterniert. »Wäre es denn nicht besser, von der Diligent aus mit ihm zu sprechen?«

»Wohl um den Schiffs-Kommandanten Zbb-rundgi zu beschwichtigen?«, fragte Thrr-gilag pointiert.

»Um dem gesunden Menschenverstand Genüge zu tun«, erwiderte Chrr’t-ogdano schroff. »Oder willst du noch hier sein, wenn die menschlichen Kriegsschiffe in größerer Anzahl zurückkehren?«

Thrr-gilag seufzte. »Sie werden so schnell nicht wieder zurückkehren«, sagte er. »Das habe ich dem Schiffs-Kommandanten Zbb-rundgi auch schon erklärt. Es sind beinahe sechs Zehntbögen seit der Rettung vergangen – wenn noch mehr menschliche Raumschiffe in der Nähe gewesen wären, hätten sie mit Sicherheit schon angegriffen. Alle weiteren Angriffe müssten deshalb von einer ihrer Welten aus erfolgen. Die mindestens einen Vollbogen entfernt sind, vielleicht noch weiter.«

»Das ist doch nur eine Vermutung.«

»Das ist die begründete Überlegung eines Spezialisten für Aliens und fremde Kulturen«, sagte Thrr-gilag barsch. Er war dieses ganzen Hickhacks plötzlich überdrüssig. Niemand hatte Svv-selic dermaßen in Frage gestellt, als er diesen Posten innegehabt hatte. »Eine Verbindung zu Thrr-mezaz, wenn ich bitten darf.«

»Zu Befehl«, sagte Chrr’t-ogdano mit finsterem Blick und verschwand.

Auf der anderen Seite des Raums öffnete sich eine Tür, und eine Technikerin kam herein. Sie schob einen Wagen. »Gibt es etwas Neues bezüglich unserer Gefangenen?«, fragte Thrr-gilag sie.

»Sie schlafen noch«, sagte die Technikerin und schob den Wagen zu einem der drei Gewebeanalyseapparate, die noch übrig waren. »Aber ihr Stoffwechsel scheint sich vom Trauma des Transfers mit dem Schiff zu erholen. Die Heiler glauben, dass sie in ein paar Centumtakten wieder genesen sind.«

»Gut«, sagte Thrr-gilag und verspürte einen leichten Anflug von Zufriedenheit; wenigstens schien in dieser Hinsicht alles zu funktionieren. Es war auch nicht der Geschmack der Macht auf der Zunge, die ihren Start verzögerte, wie Chrr’t-ogdano und Zbb-rundgi anscheinend glaubten. Es war vielmehr die große Besorgnis, dass ihre zwei neuen, fremden Gefangenen womöglich ihren mysteriösen Verletzungen erlagen, bevor sie transportfähig waren und den Planeten verlassen konnten. Der Transport zur Diligent war nach Ansicht der Heiler schon riskant genug gewesen, und Thrr-gilag wollte, dass sie sich möglichst gut akklimatisierten, bevor sie der Belastung des Starts unterzogen wurden. Und solange Thrr-gilag sich außerhalb der Diligent aufhielt, hatte er das letzte Wort, was den Start des Schiffs betraf. »Haben die Älteren schon etwas über ihre Verletzungen herauszufinden vermocht?«

»Sie führen noch immer Untersuchungen durch«, sagte die Technikerin. Das letzte Wort ging beinahe im kurzen Kreischen von Keramik auf Keramik unter, als der Gewebeanalyseapparat vom Boden gehoben und auf den Wagen verladen wurde. »Bisher sind sie aber genauso ratlos wie die Heiler.«

Thrr-gilag nahm ein Flackern neben sich wahr, und Chrr’t-ogdano erschien wieder. »Ich habe eine Verbindung zum Kommandanten Thrr-mezaz hergestellt«, knurrte er. »Du kannst jetzt sprechen.«

»Hier spricht Thrr-gilag«, sagte Thrr-gilag und fragte sich, weshalb Chrr’t-ogdano so lange dafür gebraucht hatte. Eigentlich sollte eine ständige Direktverbindung zwischen hier und allen drei Brückenköpfen der Zhirrzh existieren. Ob etwas schiefgegangen war? »Die Stützpunktwelt Zwölf wurde vor etwa sechs Zehntbögen von einem menschlichen Kampfschiff des Typs angegriffen, der in deinem letzten Bericht beschrieben ist. Frage: Bist du sicher, dass diese beiden Kriegsschiffe noch immer auf Dorcas sind?«

Chrr’t-Ogdano nickte und verschwand wieder. Thrr-gilag wartete. Er schaute zu, wie die Technikerin den Gewebeanalyseapparat zur Tür schaffte und zählte lautlos die Zeit ab. Er schätzte, dass jede Wiederholung der Nachricht etwa fünfzehn Takte dauern würde – ausgehend vom Kommunikator, mit dem Chrr’t-Ogdano den Kontakt mit der Heimatwelt der Zhirrzh, Oaccanv, hergestellt hatte. Von diesem Älteren zu einem anderen und vielleicht noch zu einem weiteren, bis die Nachricht den Schrein von jemandem erreichte, der ebenfalls als Kommunikator mit den Bodentruppen auf Dorcas diente. Dann würde eine ähnliche Verzögerung eintreten, während Thrr-mezaz’ Antwort auf der gleichen Route übermittelt wurde. Als er zum letzten Mal mit jemandem im Brückenkopf von Dorcas gesprochen hatte, hatte dieser Rundlauf ungefähr hundertzwanzig Takte gedauert. Diesmal müsste es auf das Gleiche hinauslaufen.

Er hatte aber schon hundertneunzig Takte gezählt, als Chrr’t-ogdano schließlich wieder erschien. »›Beide Kampfschiffe sind noch immer hier‹«, überbrachte er die Nachricht. »›Bist du verletzt, mein Bruder?‹«

Thrr-gilag ließ die Zunge in einem schiefen Lächeln herausschnellen. Typisch Thrr-mezaz. Er würde immer der auf seinen Schutz bedachte, besorgte große Bruder bleiben, bis beide in die Älterenschaft erhoben würden. Und vielleicht auch noch darüber hinaus. »Mir geht es gut«, sagte er zu Chrr’t-ogdano. »Und dir?«

»›Das letzte Mal ging es noch‹«, kam die Antwort einen Centumtakt später. Wenigstens hatte Thrr-mezaz seinen trockenen Humor nicht verloren. »›Wie schwer wurde euer Stützpunkt beschädigt?‹«

»Eigentlich gar nicht«, berichtete Thrr-gilag. »Es war ein Angriff von geradezu chirurgischer Präzision.«

»›Hier sind sie eher mit der groben Kelle rangegangen. Wie viele Raumschiffe haben sie denn eingesetzt?‹«

»Wir haben nur fünf Kampfschiffe gesehen«, sagte Thrr-gilag. »Es wäre aber möglich, dass noch mehr Schiffe außerhalb unseres Erfassungsbereichs gestanden haben. Wieso? Ist die Zahl denn wichtig?«

»›Vielleicht‹«, ertönte die Antwort. »›Wenn wir eine Vorstellung davon hätten, wie viele Kriegsschiffe die Menschen für ihre Suche abgestellt haben, würde uns das vielleicht eine Vorstellung vom gesamten Umfang ihrer Streitkräfte vermitteln. Es sei denn, sie hätten die Systeme aufs Geratewohl abgesucht und unglaublichen Dusel gehabt.‹«

»Ich bezweifle das«, sagte Thrr-gilag. »Wir wissen nämlich, dass sie sich auch auf der Studienwelt Achtzehn umgeschaut haben. Die Diligent und Operant hätten diese Gruppe fast abgefangen, aber sie ist ihnen dann doch noch entwischt.«

»›Dann müssen sie also alle wahrscheinlichen Systeme im näheren Umkreis des Gefechtsfelds abgedeckt haben‹«, schlussfolgerte Thrr-mezaz. »›Das ist allerdings eine große Anzahl von Systemen.‹«

»Viel zu groß«, pflichtete Thrr-gilag ihm mit gerunzelter Stirn bei. »Sie müssen irgendwie in der Lage gewesen sein, die Auswahl einzugrenzen.«

»›Das sehe ich auch so‹«, kam die Antwort. »›Leider führt uns das zu zwei beunruhigenden Schlussfolgerungen: einmal dazu, dass sie imstande waren, sich exakte Daten über unsre Umweltanforderungen von den Forschungsschiffen zu beschaffen; und zweitens, dass sie einen detaillierten Katalog aller Systeme in dieser Region besitzen. Ich wüsste nicht, wie es ihnen sonst möglich gewesen sein sollte, ihre Suche so schnell einzugrenzen und zum Erfolg zu führen.‹«

Thrr-gilag verzog das Gesicht. »Ich muss dir da leider beipflichten«, sagte er. »Oder sie haben eine Möglichkeit gefunden, Schiffe durch die Tunnel-Leitung zu verfolgen. Damit hätten sie es auch geschafft.«

»›Du solltest solche Dinge nicht einmal im Scherz aussprechen‹«, sagte sein Bruder. »›So werden nämlich Gerüchte in die Welt gesetzt; und je unglaublicher die Geschichte klingt, desto schneller verbreitet sie sich. Ich vermute, dass ihr eure Basis evakuieren werdet?‹«

»Ja«, sagte Thrr-gilag. »Wir sind nach Oaccanv zurückbeordert worden. Wo ich ohne Zweifel vor die Oberclan-Versammlung zitiert werde.«

»›Ohne Zweifel. Aber pass nur auf, was du ihnen sagst. Der Too’rr-Clan war nämlich gar nicht glücklich darüber, dass du Svv-selics Posten als Sprecher der Studiengruppe übernommen hast.‹«

Das war zumindest etwas, wofür man ihm die Verantwortung nicht zuschieben konnte. »Kann ich doch nichts dafür«, sagte er seinem Bruder. »Unsere Älteren haben die Absetzung von Svv-selic gefordert, weil er zugelassen hatte, dass die Menschen sich der Pyramide zu dicht näherten.«

»›Sei trotzdem vorsichtig.‹«

»Natürlich.« Thrr-gilag runzelte die Stirn. »Gibt es vielleicht ein Problem? Der Pfad erscheint mir diesmal länger als vor fünf Vollbögen.«

Die Verzögerung kam ihm diesmal tatsächlich länger vor; und Thrr-gilag fragte sich schon, ob er einen anderen Älteren entsenden solle, um Chrr’t-ogdano zurückzuholen, als dieser auch schon wieder erschien. »›Wir haben den Pfad verloren, über den du und ich damals gesprochen hatten‹«, wiederholte der Ältere Thrr-mezaz’ Worte. Seine dünne Stimme klang plötzlich grimmig. »›Jeder vierte Kommunikator ist vor zwei Vollbögen verschwunden.‹«

Thrr-gilag spürte, wie seine Mittellicht-Pupillen sich vor Schreck verengten. »Wie auf allen achtzehn Welten ist das denn passiert?«

»›Menschliche Krieger haben eine der Pyramiden überfallen und ihre fsss-Schnitte mitgenommen‹«, kam die Antwort. »›Wir haben sie bis zu ihrem Lager zurückverfolgt, und an dieser Stelle ist ihr über den Familien-Schrein übertragener Bericht plötzlich abgebrochen.‹«

»Sie haben sie getötet?«

»›Oder sie wurde gefangen genommen. Wir wissen nur, dass man in den Vollbögen, die seitdem verstrichen sind, nichts mehr von ihr gehört hat. Weder hier noch in ihrem Familien-Schrein auf Dharanv.‹«

»Ich verstehe«, murmelte Thrr-gilag. »Wie haben die Menschen eigentlich eure Schutzanlagen überwunden?«

»›Das mussten sie gar nicht. Weil alle vier Pyramiden sich nämlich außerhalb des Stützpunkts befinden.‹«

»Außerhalb?«, wiederholte Thrr-gilag. »Welcher Torfkopp ist denn auf diese Idee gekommen?«

»›Ich. Das war ein Experiment, mit dem ermittelt werden sollte, ob die Älteren die Wächterlinie unterstützen könnten.‹«

Thrr-gilags Zunge schnellte heraus. »Die Anführer der Dhaa’rr werden darüber aber gar nicht erfreut sein.«

»›Dass sie darüber nicht erfreut sind, hat man mir bereits kundgetan‹«, ertönte die trockene Antwort. »›Ich vermute, dir gegenüber wird man das auch noch zum Ausdruck bringen, sobald du vor der Oberclan-Versammlung stehst.‹«

»Vielen Dank für die Vorwarnung«, sagte Thrr-gilag und schaute auf die Uhr. Die fremden Gefangenen müssten nun eigentlich Zeit genug gehabt haben, um sich wieder zu erholen. Zumindest so weit, dass man sie zu transportieren vermochte. »Ich muss gehen, mein Bruder. Pass gut auf dich auf. Wir sprechen uns bald wieder.«

»›Das werde ich‹«, wiederholte Chrr’t-ogdano die Worte. »›Und pass du auch gut auf dich auf. Auf Wiedersehen.‹«

»Auf Wiedersehen.« Thrr-gilag nickte dem Älteren zu. »Vielen Dank, Chrr’t-ogdano. du kannst den Rest des Pfads nun wieder freigeben. Es ist Zeit zu gehen.«

»Gut«, sagte Chrr’t-ogdano griesgrämig und wies mit der Zunge auf die Tür. »Was ist mit der Pyramide? Willst du sie noch immer hier lassen?«

»Wir werden kaum in der Lage sein, die Menschen weiterhin zu beobachten, wenn sie ohne diese Pyramide zurückkehren«, gab Thrr-gilag zu bedenken und registrierte mit gerunzelter Stirn den besorgten Ausdruck im Gesicht des Älteren. »Was denn? Hast du etwa Angst?«

»Nach dem, was mit Prr’t-zevisti geschehen ist?«, erwiderte Chrr’t-ogdano. »Natürlich habe ich Angst. Und dich wird man vielleicht auch noch das Fürchten lehren.«

Thrr-gilag schnitt eine Grimasse, führte die Hand zum Hinterkopf und berührte die kleine Narbe an der Schädelbasis. Gegenargumente und Beschwichtigungen jagten sich in seinem Bewusstsein und neutralisierten sich auf der Zunge zu einem Schweigen. Theoretisch hätte natürlich keine Manipulation, die die Menschen an einer fsss-Schnitte der Älteren vornahmen, auch nur die geringste Auswirkung auf den Rest des fingergroßen Organs haben dürfen, das 250 Licht-Zyklen entfernt sicher in seinem Schrein ruhte. Beim ersten Anzeichen der Gefahr müssten auch Chrr’t-ogdano und die anderen Älteren sich nur schnell in ihren Schrein zurückziehen, wo sie absolut sicher wären.

Aber die Theorie war eben nur eine Seite der Medaille. Eine Gruppe nervöser Älterer, die sich um ihr Überleben sorgten, war wieder etwas ganz anderes. Zumal die Theorie, soweit Thrr-gilag wusste, auch noch nie auf die Probe gestellt worden war.

»Die Beobachter auf der Studienwelt Achtzehn«, sagte Chrr’t-ogdano. »Erinnerst du dich noch an diesen Bericht? Sie spürten den Schmerz der menschlichen Älterentod-Waffen.«

»Aber sie waren doch noch in ihren Schnitten verankert und hatten die Menschen beobachtet«, gab Thrr-gilag zu bedenken. »Andererseits hast du auch nicht ganz Unrecht. Na gut. Informiere den Schiffs-Kommandanten Zbb-rundgi darüber, dass ich meine Entscheidung revidiert habe und dass er die Pyramide doch mit nach Hause nehmen soll. Und sage ihm, dass wir starten, sobald sie an Bord ist.«

»Zu Befehl«, sagte Chrr’t-ogdano und schaute mehr als nur ein wenig erleichtert.

Er verschwand. Da Thrr-gilag nun wieder allein war, stand er auf, presste den Rand der Zunge gegen den Gaumen und legte sich den Zwangsanzug über die Schultern. Es war wieder das gleiche Spiel: die Zhirrzh im Krieg mit einer neuen fremden Rasse. Aliens, die wie die anderen, die vor ihnen gewesen waren, sie beim ersten Anblick angegriffen hatten. Aliens mit mächtigen Explosivraketen und kleinen, aber überaus effektiven Kampfschiffen, die mit spielerischer Leichtigkeit Älterentod-Waffen einsetzten. Aliens, die vierundzwanzig Welten besaßen – im Vergleich zu ihren eigenen achtzehn – und die noch über mindestens acht andere fremde Rassen herrschten.

Aliens, die über die furchtbare Waffe geboten, die Pheylan Cavanagh ihm beschrieben hatte. Die schreckliche Tötungsmaschine namens CIRCE.

Thrr-gilag ließ ein letztes Mal den Blick durch den leeren Besprechungsraum schweifen und ging dann zur Tür und dem Schiff, das auf ihn wartete. Und er hoffte inständig, dass das Krieger-Kommando und die Oberclan-Versammlung sich diesmal nicht übernommen hatten.