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MARIANNE KÜNZLE

UNS MENSCHEN IN DEN WEG GESTREUT

KRÄUTERPFARRER JOHANN KÜNZLE

(1857–1945)

Marianne Künzle

Uns Menschen in
den Weg gestreut

Kräuterpfarrer Johann Künzle
(1857–1945)

Roman

Der Zytglogge Verlag wird vom Bundesamt für Kultur
mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2016–2020 unterstützt.

Die Autorin dankt für den Werkbeitrag:

Arnold Billwiller Stiftung

Ueli Schlageter Stiftung

© 2017 Zytglogge Verlag, Basel

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Angela Fessler

Coverfoto: Kräuterpfarrer Künzle AG, Itingen BL

E-Book: Schwabe AG, www.schwabe.ch

eISBN: 978-3-7296-2148-0 (epub)

eISBN: 978-3-7296-2149-7 (mobi)

www.zytglogge.ch

Für meine Eltern

«I bi halt dör d’Seelsorg zur Chrütermedizin cho, denn i ha denkt, me sött au em Lib hälfe, nöd grad de Seel.»

Pfr. Johann Künzle

Auszüge aus den Originaltexten und -briefen sind kursiv gesetzt. Quellennachweise finden sich im Literaturverzeichnis im Anhang. Einzelne von Künzle gebrauchte Heilpflanzen wurden in der Zwischenzeit durch andere ersetzt und gerieten vergessen. Im Text beschriebene Rezepte sollten immer unter Berücksichtigung des aktuellen Wissensstandes angewendet werden. 

Mai 1921

Benedikt Pradin marschierte zum Bahnhof. Zwischen Obstbäumen schnaubten Kühe ihre Körperwärme in die Luft und rupften am Gras. Gestern hatte der Viehmarkt stattgefunden. Während die Kühe längst wieder ihrer normalen Tätigkeit nachgingen, zierten ihre Fladen den staubigen Fussweg. Benedikt wich mit grossen Schritten aus. Er fühlte sich leicht und gut. Bei der Ruine blieb er stehen und zog ein weisses Taschentuch aus seiner Brusttasche. Er tupfte sich über die Stirn. Es würde warm werden. Er faltete das Tüchlein und steckte es wieder ein, äugte auf seine Brust, wobei ihn sein Doppelkinn ein wenig daran hinderte, und büschelte das Tüchlein zurecht, bis es wieder in Form gebracht wie ein neugieriges kleines Wesen aus der Tasche herausguckte. Benedikt schätzte sein Doppelkinn. Es unterstrich seine neunundvierzig Jahre und passte gut zu seinen ergrauten Schläfen. Er war sich dessen bewusst, seit ihm Lina, seine Frau, kichernd ins Ohr geflüstert hatte, dass er langsam, aber sicher das allgemein verbreitete Bild eines Arztes abgeben würde. «Un homme distingué, Beni!», hatte sie gesagt. Und Benedikt war mehr als das. Er war ein Mann mit einem Plan.

In der Ebene tauchte die Rauchsäule der Lokomotive auf. Sie schob sich auf den Bahnhof zu wie ein kleiner, willensstarker Wirbelsturm. Er würde den Vorstand vom kantonalen Ärzteverband mit links herumkriegen. Er hatte sich sorgfältig vorbereitet. Seine Kollegen waren beunruhigt und gereizt. Zu viele Leute engagierten sich für diese Heilkräuter-Initiative, über die man würde abstimmen müssen. Langjährige Patienten schrieben Leserbriefe und riefen zum Boykott gegen alle Ärzte auf. Zwei von Benedikts Patienten gehörten zu den Mitbegründern der Initiative. Die hatten in den letzten Monaten nichts Besseres zu tun gehabt, als durch die Bündner Gemeinden zu laufen und mehrere tausend Unterschriften für das Anliegen zu sammeln. Ohne irgendwelche Ahnung. Selbsternannten Heilern das Praktizieren erlauben? Zu guter Letzt hatten die Lümmel tatsächlich die Frechheit gehabt, selbst ihn um eine Unterschrift zu bitten. Er, Doktor Benedikt Pradin, sollte Quacksalbern seinen Segen erteilen? Und damit im Falle einer Annahme ihrem Lieblings-Kurpfuscher, dem Kräuterpfarrer Künzle, den roten Teppich ausrollen? Künzle selber, der hielt sich bequem zurück und liess seine Anhänger die politische Arbeit machen. Drehte seinen Kunden währenddessen seine schmutzigen dürren Kräuter und eingelegten Wurzelstücke an und verdiente sich eine goldene Nase.

Der Zug drosselte das Tempo und fuhr in den Bahnhof ein. Die Lokomotive fauchte hitzig, zischte und prustete, als ob sie sich gerade die Schienen erobert hätte. Benedikt würde seinen Kollegen ein paar Müsterchen servieren. Sie konnten sich keine Vorstellung über das Ausmass von Künzles Anfeindungen machen, etwa, dass er Ärzte als «stinkende Professoren» oder «Doktor Giftli» beschimpfte. Die Abstimmung des kantonalen Ärzteverbandes über eine Eingabe an den Grossen Rat dürfte dann nur noch eine Pro-Forma-Sache sein. Der Grosse Rat würde daraufhin die Heilkräuter-Initiative offiziell zur Ablehnung empfehlen, sie würde beim Stimmvolk keine Chance mehr haben. Da war sich Benedikt sicher.

Die Lokomotive beruhigte sich. Der Rauch schwappte über den Rand des Schornsteins, verteilte sich im Umkreis von zwanzig Metern. Er nebelte die Köpfe ein, die Kleider und Schuhe, die Foulards und die Koffer. Nur ein kleines Mädchen, es guckte einem schaukelnden Schmetterling nach, erblickte noch ein Stück vom blauen Himmel. Die Menschen wurden zu schemenhaften Konturen. Sie bewegten sich auf die Waggons zu. Benedikt erreichte den Bahnhof. Er tauchte in die rauchige Suppe, presste seine Ärztetasche fester an sich und steuerte die erste Klasse an.

Heute. Sein Tag. Nach der Sitzung ein Bier, Abendessen mit Lina. Von Linas Bemerkungen würde er sich die Laune nicht verderben lassen. Bestimmt wird sie sein Engagement kritisieren, dem Thema keinen Raum geben wollen.

Vor der ersten Klasse bildeten die Wartenden eine kleine Gasse. Wie praktisch. Für Benedikt, der sich schnurstracks einen Sitzplatz ergattern wollte. Für die Leute, die rechtzeitig bemerkt hatten, dass sie sich hier nicht auf den Füssen herumstehen sollten, wo ein Tritt in einen liegengebliebenen Kuhfladen im Rahmen der Möglichkeit lag. Zumindest bei unvorsichtigem Verhalten. Kuhfladen trocknen recht schnell an. Selbst bei windstiller Witterung. Bereits nach vierundzwanzig Stunden bildet sich eine krusten­artige äussere Schicht. Wirklich trocken ist einer aber erst nach vielen Tagen. Exakt vor dem Zustieg zur ersten Klasse lag er, der Kuhfladen. Er war nur leicht angetrocknet, die glatte Konsistenz hätte ein Pferd zu Fall bringen können.

Benedikt Pradin lag benommen am Boden. Der Fall war schmerzhaft. Den wuchtigen Schlag hatte sein Steissbein einstecken müssen. Sein rechter Arm fühlte sich dumpf an. Er hörte sein Herz hämmern. Ihm dämmerte, was der Grund für seine missliche Lage war. Er war auf einem Kuhfladen ausgerutscht. Auf Kuhscheisse. Seine Hose wurde nass. Die Feuchtigkeit drang durch das Gewebe. Das war nicht Wasser, das war schmieriges Braun, nach Mist und Gülleloch stinkendes Braun auf seinem schwarzen, feinsten Drillich.

«Gottverdammtnochmal!», fluchte er.

Jetzt fiel ihm auf, dass um ihn die Menschen verstummt waren. Sie standen da und gafften. Das Mädchen riss die Augen auf, öffnete wortlos den Mund, hob die Hand und zeigte. Auf ihn?

Das Mädchen interessierte sich nicht für Benedikt. Die Menschen hier am Bahnhof mussten nach Chur. Sie beabsichtigten nicht, in die weite Welt zu verreisen. Sie mussten nach Chur auf Spitalbesuch, zur Arbeit, ins Warenhaus. Mit der weiten Welt hatten sie nicht gerechnet. Und jetzt stand sie plötzlich leibhaftig vor ihnen. Ein Prinz trat aus der ersten Klasse. Aus Arabien oder Rhodesien oder aus dem Dschungel Brasiliens. Aus einem dieser Länder, die erst zu existieren beginnen, wenn man einen rotierenden Globus mit einem Fingerzeig abrupt zum Stillstand bringt und der Finger auf einem der Länder sitzen bleibt, und man realisiert, all die Länder gibt es wirklich. Seine Augen waren schwarz wie Kohle. Ein geschwungener roter Turban schmückte sein Haupt, eine Kordel aus goldenen Fäden pendelte vor seinem rechten Ohr hin und her. Seine Kleidung war schneeweiss und glänzte matt. Der Rock reichte ihm bis zu den Knien. Seine Brust drapierten eine bestickte Schärpe und eine Kette mit farbigen Edelsteinen. Die Haut des Prinzen war satt dunkel wie die Tasse Schokolade am Morgen.

Er stieg die zwei Tritte herunter. Seine Stoffschuhe berührten die Erde. Begleitet wurde er von einem Mann im Frack mit einer ähnlichen Schärpe, die einen festen Leib umschloss. Sein Gesichtsausdruck war streng. Der Mann stellte sich neben den Prinzen und verneigte sich. Vor wem, war nicht klar. Vor der Wand, die die Leute bildeten? Sie standen eng beieinander.

Benedikt rappelte sich auf. Ein schmerzhaftes Zie­-
hen im unteren Bereich der Wirbelsäule hinderte ihn daran, gerade zu stehen. Der Mann räusperte sich, und die Leute erwachten aus ihrer Starre. Die Menge flüsterte, wer ist denn das, haben die sich verirrt, woher die wohl kommen?

Das kleine Mädchen rief: «Mutti, das sind aber lustige Männer!»

Der Mann im Frack verneigte sich ein zweites Mal. Vor Benedikt, der nun vor diesem stand. Benedikts rechte Hand war verschmiert. Er verzichtete darauf, seinen Hut zum Gruss zu lüften. Er hätte sich blamiert. Er nickte ihm höflich zu.

Der Mann sagte: «Hello, nice to meet you. Are you from Zizers?»

Selbst wenn Benedikt Englisch gekonnt hätte, hätte er die Frage nicht verstanden, der Mann sprach sehr schnell.

«Guten Tag, der gnädige Herr, Sie kennen Zizers?», wiederholte der Fremde gewandt.

Das verdutzte Benedikt.

«Kann ich Ihnen behilflich sein?», antwortete er dann.

Der Mann sprach mit dem Prinzen. Die Laute, die da auf dem Perron am Bahnhof Zizers zu vernehmen waren, hörten sich wie gurrende Tauben oder rollende Marmeln an. Die Laute des Prinzen klangen gleich wie die vom Mann im Frack. Nur dass der Prinz viel länger sprach.

Der Mann wandte sich wieder an Benedikt: «Ich darf Ihnen vorstellen, mein Herr», er machte eine ausladende Bewegung in Richtung des Prinzen – «Tukojirao Holkar der Dritte, Maharadscha von Indore!»

Der Maharadscha lächelte geübt. Die Menschen raunten und tuschelten verlegen. Benedikt griff sich an den Hemdkragen, straffte die Schultern und schenkte dem Maharadscha von Indore ebenfalls ein Lächeln.

Der Mann im Frack sagte: «Tukojirao Holkar ist weit gereist. Seine Hoheit ist an Kur und Heilung interessiert. Kräuterpriester Künzle aus Zizers soll ihm helfen. Sie kennen Künzle?»

Benedikt Pradin schluckte leer.

«Kräuterpfarrer Künzle wohnt an der Strasse nach Igis», mischte sich der Bahnhofsgehilfe ein und zeigte die Richtung an.

Bevor Benedikt etwas sagen konnte, empfahl sich der Jüngling, die Herrschaften ins Dorf zu begleiten. Der Mann im Frack verneigte sich vor Benedikt, bedankte sich für die Freundlichkeit und wünschte ihm einen schönen Tag. Dann verneigte er sich vor dem Gehilfen. Die Leute wichen zurück, der Mann im Frack und der Maharadscha folgten dem Jüngling zum Bahnhofsgebäude. Vor dem Eingang warteten sie, bis der Bahnhofvorstand mit dem Bahnhofsgehilfen und einem weiteren dunkelhäutigen Mann in weissem Gewand grosse Ledertaschen aus dem Waggon geholt hatten. Das Gepäck wurde auf einen Handkarren geladen, der Jüngling führte sie über den Platz. Die herumliegenden Kuhfladen spien wie kleine Vulkane Fliegen in die Luft, wenn sich ihnen jemand näherte.

Erst jetzt stiegen die Leute in den Zug. Benedikt säuberte sich zuerst die Hand, den Arm und, so gut es ging, den Hosenboden, dann stieg er als Letzter ein. Er legte ein Zeitungsblatt auf einen Sitz und liess sich stöhnend fallen. Er blickte aus dem Fenster, schaute zu, wie der Maharadscha vom Personal der Rhätischen Bahn ins Dorf eskortiert wurde. Ihm war schlecht.

März 1910

«Willi, was hast du da ausgerupft?»

Die laute Stimme des Pfarrers liess Willi zusammen­zucken. Schnell versteckte er seine Hände in den Hosentaschen und blickte betreten auf seine schmutzigen, viel zu grossen Schuhe. Wenn die Mutter schimpfte, schaute Willi immer seine Schuhe an und versuchte sich den Verlauf der Nähte einzuprägen. Er stellte sich dann vor, die Nähte wären Wege, die durch einen dunklen Wald führten, und nur wenn er mindestens eine dieser Strassen nicht aus den Augen verlöre, käme alles gut. Manchmal führte das zu nichts, und es gab trotzdem einen Klaps, oder die Mutter rupfte ihn an den Haaren. Den früheren Pfarrer Benz hatte er gar nicht gemocht, der hatte ihn oft am Ohr langgezogen. Johann Künzle tätschelte seinen Kopf.

«Zeig uns doch, was du versteckst», bat dieser ihn.

Willi, erleichtert, machte einen Knicks, wie ein kleines Mädchen, das passierte ihm immer wieder.

«Jawohl, Herr Pfarrer!»

Er öffnete die Hand und zeigte ihm die drei zerdrückten Blumen. Die anderen Kinder scharten sich um ihn, um einen Blick auf den Fund werfen zu können.

Johann Künzle hatte ihnen nach der Mittagspause in der Schule gesagt, dass sie in den Wald gehen würden. Es könne sein, dass bereits die ersten Kräuter und Blumen spries­sen. Die Kinder hatten ihn ungläubig angeschaut. Sie waren doch im Religionsunterricht. Was haben Wald und Wiese mit der Bibel zu tun? Hat der neue Pfarrer keine Augen im Kopf? Noch lag Schnee auf den Matten. Blumen blühen im Sommer. Nach ein paar Liedern und einer bi­blischen Geschichte waren sie dann tatsächlich zum Wald marschiert. Johann Künzle ging im weiten schwarzen Mantel voran, die Kinder tollten hinterher. Die Bäume tropften.

«Wie heisst die Pflanze, die Willi gefunden hat?», fragte er.

«Eine Lilie, Herr Pfarrer!»

«Eine Dotterblume!»

«Nein, das ist eine Butterblume!»

«Heublume?», fragte Willi schüchtern.

«Sicher nicht!», intervenierte ein Junge. «Hast du schon mal Heublumen im Wald gesehen? Der Willi geht im Wald heuen!»

Die Kinder prusteten los.

Johann Künzle hob beschwichtigend die Arme.

«Willi, wenn du diese Blume ausgerissen hast, wirst du uns wohl sagen können, wie sie heisst?»

«Jetzt weiss ich es. Huflattich!»

«Genau. Und für was ist der Huflattich gut?», fragte der Pfarrer.

«Wie meinen Sie?»

Willi rückte seine Mütze zurecht und entschied sich, nicht auf die Schuhe zu gucken, sondern dem Pfarrer direkt ins Gesicht, er hatte nämlich eine Antwort: «Der Huflattich ist gelb. Nach dem vielen weissen Schnee ist Gelb schön. Das ist doch gut?»

Johann Künzle fuhr sich durch den dunklen Bart.

«Blumen sind gemacht, um uns zu erfreuen. Blumen haben aber mehr als ein farbenprächtiges Kleid. Auf dem Huflattich finden die Bienen ihre erste Frühlingsmahlzeit. Ohne Huflattich oder Weidenkätzchen würden sie hungern wie die ärmsten Seelen. Huflattich ist zudem auch für uns Menschen da. Er hilft, wenn wir husten.»

Er hielt inne und sah einer Kohlmeise nach, die sich unweit auf den Ast einer Rottanne setzte.

«Wisst ihr eigentlich, warum Raben und Spatzen und Finken nie husten? Weil sie abgehärtet sind. Auch wetterharte Leute husten kaum, höchstens im Alter, wenn ihre Kraft abnimmt, aber das interessiert euch Gofen nicht, stimmt’s? Der Winter bringt vielen Menschen Erkältung, Grippe und, wenn Gott will, auch den Tod. Nicht selten husten eure Eltern, Geschwister und Grosseltern wie die Rösser. Bis ins Frühjahr! Wenn ihr gut schaut, findet ihr die gelben kleinen Sonnen, weil sie ihre Köpfchen aus dem Schnee strecken. Der liebe Gott hat uns den Huflattich gelb blühend geschenkt, damit wir ihn ein­facher finden.»

«Meine Mutter hat den Husten, Herr Pfarrer», meldete sich die Jüngste der Klasse.

«Deine Mutter? Sammeln wir Huflattich für deine Mutter!», wies Johann Künzle die Kinder an und klatschte in die Hände.

Die Kleine strahlte. Willi beäugte die Pfarrhände, die so gross waren wie die seines Vaters. Sein Vater hatte zwei Kühe, da brauchte er Hände zum Anpacken. Der Pfarrer aber, der betete doch nur. Willi verstand nicht, warum der Pfarrer mit solch grossen Händen ausgestattet war. Vielleicht, weil er dem lieben Gott nahestand?

Die Kinder verteilten sich. Sie hüpften durch Matsch und Pfützen und streiften suchend umher. Die Sonne erwärmte den Waldboden, und es gab nur noch wenige Schneefelder. Die Erde roch nach Tannennadeln, Wurzeln und altem Laub. Wenn sie Huflattich fanden, gellten ihre Rufe durch den Wald. Sie legten ihn in den Korb, den Johann Künzle mit sich trug. Er ermahnte sie, saubere Pflanzen zu bringen. An einigen Fundstellen wuchs Huflattich auf sandigem Grund. Der letzte Regen hatte die Stängel mit Sand bespritzt.

Auf dem Heimweg hüpfte das Mädchen neben ihm, den gefüllten Korb hin- und herschwingend.

«Wenn der Huflattich meiner Mutter gegen Husten hilft, welche Blume macht dann das Blut weg?»

«Deine Mutter hustet Blut?»

«Ja, Herr Pfarrer. Wenn sie hustet, sieht man Blut.»

«Sag deinem Vater, dass ich heute Abend zu euch komme.»

Johann Künzle schloss die Kirchentür und marschierte die Strasse hinunter. Ein Fuhrwerk ratterte vorbei. Wangs wirkte an diesem frühen Märzabend wie ausgestorben. Es war kalt. Draussen Pfeife rauchen oder Blumenrabatten putzen, das musste noch warten.

Das Haus lag am Ausgang des Dorfes.

Johann Künzle klopfte an die Tür.

Seine Schülerin öffnete, sie musste auf ihn gewartet ­haben. Dann erschien ihr Vater und schob das Kind zur Seite. Der Mann trug einen Säugling auf dem Arm.

«Hochwürden, danke, dass Sie gekommen sind.»

Er folgte ihm durch einen dunklen Flur, in der Küche knisterte das Feuer im Herd, es warf flackerndes Licht an die Wand. Johann Künzle nahm seinen Hut vom Kopf, als er das Schlafzimmer betrat. Das Fenster war weit geöffnet, frische Luft strömte herein. Auf dem Nachttisch stand eine Schüssel mit einem blutdurchtränkten Lappen. Eine Frau lag im Bett, verloren unter dicken Decken. Das Haar kringelte sich um ihr maskenhaftes Gesicht. Sie hatte bläuliche Lippen. Man bekreuzigte sich. Das Mädchen schaute Johann Künzle mit grossen Augen an und nestelte mit verkrampften Fingern an einem Sack, den es festhielt. Johann Künzle trat ans Bett. Eine Holzdiele knarrte. Im Garten sang eine Amsel. Johann Künzle neigte sich über die Kranke. Der Vater legte das Kind sorgfältig auf die Decke. Dann schlug er die Hände vors Gesicht und begann zu weinen. Johann Künzle schwieg. Das Mädchen öffnete den Sack und leerte den Inhalt über sein Brüderchen, die Decke, die Mutter. Nur einzelne Huflattiche waren noch als solche erkennbar. Wurzel­fäden und Steinchen, Erdkrümel, Laubresten fielen auf das Bett. Der Säugling hatte die Händchen zu Fäusten geballt. Auf seiner Wange lag ein Huflattich. Die Kranke hatte diesen Jungen in die Welt gepresst, noch nicht lange war es her, sie hatte das Kind und auch das Mädchen versorgt, bevor dieser Husten kam, und mit dem Husten das Blut und mit dem Blut dieser Abend. Die Amsel sang im Garten, sang gegen die Nacht an, aber die Nacht mit ihrer Stille war stärker. Der Gesang der Amsel zerfiel in Fragmente.

Mutter reagierte nicht, dabei wäre dem Mädchen jetzt etwas Tadel recht gewesen. Oder ein Hustenanfall. Alles, nur nicht diese Reglosigkeit. Würde Mutter gesund, wenn sie sehen würde, wie liebevoll sie sich um den Bruder kümmerte? Es musterte die zufällige Anordnung der Blüten und klaubte dem Brüderchen den Huflattich vom Gesicht, platzierte ihn auf seinem Bauch. Es arrangierte eine Blumenkette. Trat einen Schritt zurück und prüfte das Werk. Die Blumen schlängelten sich vom Brüderchen auf die Decke, am kleinen Körper entlang bis auf Höhe des flaumigen Haaransatzes. Um den Kopf herum, auf der anderen Seite hinunter, zurück auf den runden Bauch.

«Vater, Huflattich hilft gegen Husten.»

Das Mädchen berührte die Hand des Säuglings.

«Die Blume, die das Blut wegmacht, haben wir aber nicht gefunden.»

Johann Künzle sagte: «Auf dieser Welt hilft deiner Mutter keine Blume mehr. Der liebe Gott holt sie bald zu sich. Im Himmel aber ...»

«... wächst die Blume gegen das Blut?», fragte das Mädchen.

Die Frau war viel zu jung gestorben, allen tat das aufrichtig leid. Die Dorfbevölkerung trug sie zu Grabe und legte beim Allmächtigen ein Wort für sie ein. Nach der Be­erdigung versammelte sich die Trauergemeinde, um zum «Sternen» zu pilgern. Man dachte, der Witwer werde bestimmt noch einmal eine Frau finden. Er war ein anständiger Mann und hatte erst zwei Kinder. Die Tochter hielt er an der Hand, eine Bekannte trug den Säugling. Sie warfen einen letzten Blick auf das frische Grab. Johann Künzle stand beim Friedhofs­ausgang und war in ein Gespräch mit Alois Freuler vertieft, dem jüngsten Mitglied des Lesevereins. Eigentlich war Freuler nicht an katholischer Literatur interessiert. Er hatte sich beim Leseverein eingeschrieben, weil er sich ein besseres Bild vom neuen Pfarrer machen wollte. Abgesehen davon, dass es Pfarrer Künzle wohl tatsächlich ein Anliegen war, die Leute vor den Abgründen der modernen Literatur zu schützen, hatte sich Freulers Vermutung bestätigt: Künzles grosse Leidenschaft war die Kräuterheilkunde. Das kam ihm gelegen. Er hatte zwar kaum Ahnung von der Heilkraft der Pflanzen, aber er kannte Leute in Ragaz, die im Kurgewerbe nicht schlecht verdienten. Wangs war nicht Ragaz, aber die geringe Distanz zum berühmten Badeort könnte Wangs für Gäste, die sich dort keinen Aufenthalt leisten konnten, durchaus attraktiv machen. Freuler hatte dem Pfarrer vor ein paar Wochen erzählt, dass er in Wangs ein Volksbad errichten wolle. Platz für ein paar Badewannen habe er in seinem Haus, die Wannen liessen sich bestellen. Johann Künzle hatte ihn sofort unterstützt. Ein Volksbad käme vielen zugute, nicht nur den Auswärtigen. Den ­herumlungernden Zwillingen. Der Hutmacherin mit den harten Gesichtszügen. Dem alten Josef, der seine Gelenkentzündungen als von Gott gegeben hinnahm. Immer wieder hatte er Rheumapatienten empfohlen, eine Badekur zu machen, aber die meisten hatten kein Geld. Während der letzten Wochen hatte Freuler nun die Räume im Parterre seines Hauses zurechtgemacht. Nur die Badewannen fehlten noch, obwohl sie längst schon hätten geliefert werden müssen.

«Das wird schon», sagte Johann Künzle. «Eine Badewanne ist gross. Die geht so selten verloren wie eine Kuh.»

Freuler unterdrückte ein Lachen. Die Trauerfamilie stiess zu ihnen. Johann Künzle entschuldigte sich, er wolle sich umkleiden.

Der Witwer erzählte Freuler von der kurzen schweren Krankheit seiner Frau und auch von den Plänen, die er mit ihr hatte begraben müssen. Wie sie sich auf weitere Kinder gefreut hätten und auf die Mithilfe einer Verwandten, die zu ihnen habe ziehen wollen, was schon ausgemacht gewesen wäre.

«Der Pfarrer hat tröstliche Worte gefunden», sagte ­Freuler. Es fiel ihm nichts Passenderes ein.

«Der Pfarrer macht überhaupt einen guten Eindruck. Sein Umgang mit den Kindern. Er lehrt die wilden Bälger nicht nur das Beten. Auch Heilpflanzen zeigt er ihnen.»

Das Mädchen schmiegte sich an den Vater. Die Mutter lag drüben in der nassen Erde. Niemand hatte ihr helfen können. Vielleicht war der Huflattich zu spät gewachsen, oder sie hätten früher suchen müssen. Es fand Pfarrer Künzle trotzdem nett. Meistens. Einmal hatten zwei Buben im Unterricht geschwatzt. Der Pfarrer hatte aufgehört zu reden, und noch bevor sie begriffen weshalb, hatte er mit dem Rohr auf die Buben eingedroschen. Er werde ihnen den Teufel schon austreiben, hatte er gefaucht. Da waren sie alle mächtig erschrocken. Beim Singen war er anders. Da störte es Pfarrer Künzle überhaupt nicht, wenn sie laut waren. Er sass am Klavier und sang mit lauter Stimme, stampfte im Takt auf den Holzboden und ermunterte sie, es ihm nachzumachen. Kurz vor Beginn einer neuen Strophe nickte er zackig, sein wallender Bart schwang verzögert hinterher. Sie wiederholten das Lied zweimal. Das Gepolter ihrer Füsse übertönte ihren Gesang. Das Mädchen hätte stundenlang weitersingen wollen.

«Über was redet ihr?»

Johann Künzle war zurückgekommen, er hatte sich umgezogen und einen Mantel umgelegt.

«Alois lobt, wie Sie den Kindern die Wirkung der Heilpflanzen erklären», sagte der Witwer.

«Schon gut», murmelte er, «in vielen Fällen ist es nützlich, Pflanzen zu kennen. Manchmal hilft aber kein Kraut mehr.»

Er legte dem Witwer die Hand auf den Arm.

«Meine Tochter wünscht sich, dass Sie mit ihr wieder Kräuter sammeln», sagte dieser.

Das Mädchen blickte zur Seite.

«Machen wir, mein Fräulein!»

Johann Künzle bückte sich zu ihm hinunter. Er war Brillenträger. Ein unscheinbares Gestell mit runden Gläsern. Seine kleinen Augen glänzten freundlich.

«Wenn du zehn verschiedene Pflanzen beim Namen kennst, gebe ich dir einen Batzen.»

April 1910

Auf dem Schulhausplatz hörte man das Geschwätz und Gelächter der festlich gekleideten Männer und Frauen. Die Kinder turnten am Gartenzaun des Hauses, das ab dem heutigen Tag einen städtischen Anblick bot. Zwischen dem ersten und zweiten Stock zierten am Vorabend hingemalte Buchstaben die weisse Fassade. Selbst wer nicht lesen konnte, wusste, was da stand, denn viele blieben vor dem Haus stehen, staunten und lasen laut «V-O-L-K-S-B-A-D». Gerade eben war es noch ein Wohnhaus wie jedes andere gewesen. Nun hatte Wangs eine Kirche, die Schule, Lebensmittelläden, Handwerksbetriebe – und ein Volksbad. Die Blaskapelle formierte sich. Männer in adretter Uniform schulterten schwere Blechinstrumente, die Trompeten tuteten probehalber. Die Tuba antwortete. Der Dirigent hob den Zeigefinger. Das war der Auftakt. Der Marsch schmetterte los. Die Kleinsten klammerten sich an den Rock der Mutter, den Kittel des Vaters. Bratwurstduft hing in der Luft. Ein schöner Tag. Alois Freuler schwang sich auf ein zur Rednerbühne umfunktioniertes Fuhrwerk.

«Geehrte Wangser», hob er an, als die Musik verstummte. «Heute ist ein besonderer Tag für unsere Gemeinde. Danke, Herr Präsident, dass Sie mir das Wort erteilen. Ich freue mich ausserordentlich, heute die Tore des Volksbades für die Allgemeinheit zu öffnen.»

Jemand rief dazwischen, Türen habe er gesehen, keine Tore.

«Heute öffnet das Volksbad seine Türen», korrigierte Freuler.

Zustimmung und Applaus.

«Wangs beschreitet den Weg in die Moderne. Wir bieten allen eine moderne Badeeinrichtung. Es geht nicht dar-
um, wie die Vermögenden zu werden, wie diejenigen, die nach Ragaz pilgern und im warmen Wasser dem Nichtstun frönen. Wangser! Seit eh und je trotzt ihr dem harten Alltag mit all seinen Entbehrungen. Euch zeichnet eine bescheidene Zufriedenheit aus. Schaffenskraft. Das bringt viele an ihre körperlichen Grenzen und zehrt an den Kräften. Nach der Feldarbeit oder einem langen Tag in der Fabrik schmerzen die Muskeln, und die Arbeit kann zur Last werden, anstatt Quelle der Freude zu sein. Gesund und kräftig zu sein ist ein Wunsch, den wir hegen und pflegen dürfen!»

Alois Freuler stockte, er war überwältigt von seinen eigenen Worten.

Dann fuhr er fort: «Im Volksbad gibt es in drei Badewannen kalte und warme Bäder, und es kann auch geduscht werden. Die Einrichtung ist am Dienstag-, Donnerstag- und Samstagnachmittag geöffnet. Die Einzelheiten stehen am Anschlag. Ich freue mich über einen regen Gebrauch, liebe Wangser!»

Die Leute klatschten.

«Ich habe euren Applaus nicht verdient. Er gebührt ­jemand anderem», fügte Freuler an.

Er suchte ein bestimmtes Gesicht.

«Ich möchte unserem Pfarrer Künzle meinen ganz besonderen und persönlichen Dank aussprechen. Ohne Sie bliebe Wangs in bescheidener Einfachheit stecken. Dank Ihrer Unterstützung sind wir hier versammelt. Dank Ihnen werden wir im Frühling – wenn er denn kommt und Kräuter wachsen und gedeihen lässt – auch Heilbäder anbieten können. Der Herr Pfarrer wird besorgt sein …»

Jetzt entdeckte er Johann Künzle in der Menge, er deutete mit einer ausladenden Handbewegung auf ihn.

«Pfarrer Künzle wird besorgt sein, dass es ab Mai Kräuterbäder gegen Rheumatismus und Gliedersucht gibt. Ein Novum! Eine Gnade für alle schmerzgeplagten Bürger.»

Johann Künzle winkte ab. «Hör auf damit!»

Es schien, als ob er nicht mit dem Volksbad in Verbindung gebracht werden wollte. Jemand klatschte trotzdem. Johann Künzle warf einen gespielt strengen Blick in Richtung des Applaudierenden. An diesem Festtag mit stahlblauem Himmel, in der Ferne die Felswände des Gonzen, die den Giebel des Volksbades überragten, wirkte Johann Künzle jedoch ein kleines bisschen stolz.

Johann Künzle und die Heilpflanzen. Das war ein Werdegang wie jeder andere, etwa wie Priesterwerden. Priester zu werden basierte auf einem Entscheid. Dann war der Weg definiert: die höhere Schulbildung, das Priesterseminar, die Priesterweihe. Amtsantritt. Auch Johann Künzle hatte sich bewusst entschieden. Obwohl er sich an den ausschlaggebenden Moment nicht mehr erinnern konnte. Johann, oder Töneli, wie man ihn rief, war ein guter Schüler. Priester war naheliegend. Es war an einem Abend gewesen, damals im Herbst 1871. Seine Mutter hatte die Petroleumlampe entzündet. Sie musterte Johann, hielt ihm die Lampe nahe ans Gesicht, bat ihn, zu wiederholen, was er soeben gesagt hatte. Er bekräftigte seinen Beschluss: «Mutter, Priester will ich werden.»

Wie oft hatte seine Mutter nach dem Tod des Vaters geweint, als die Milchkuh geschlachtet werden musste und bei der Versteigerung des Hofes. An diesem Abend glänzten in ihren Augen Tränen der Freude.

Ein Samen geht auf oder verkümmert. Wenn er zu wenig Feuchtigkeit hat, vertrocknet er. Wenn er zu viel Feuchtigkeit hat, verfault er. Wenn ihm andere Pflanzen den Platz streitig machen. Ein Samen geht auf und kann wachsen, wenn die Erde den richtigen Nährstoffgehalt hat, weder zu nass noch zu kalt ist, wenn die werdende Pflanze zu ihren Nachbarpflanzen passt, sie einander ergänzen.

Bereits als Erstklässler musste Johann bei Tagesanbruch den Garten wässern. Bevor Vater zur Arbeit ging und über die taunasse Wiese bei der mächtigen Rottanne im Wald verschwand, half er dem schmächtigen Buben beim Wasserschleppen. Johann mochte es, wenn Vater mit der Hand über die plattgedrückte Erde fuhr, über die Karotten, die noch im Boden schlummerten, und ihm erklärte, dass er hier ein klein wenig Wasser geben müsse, aber vorsichtig, ganz vorsichtig, sonst würde die Saat weggeschwemmt. Wenn er ihm verriet, dass er die Zwiebel der Karotte vorziehe, ihrer bescheidenen Ansprüche wegen. Eines Tages brachte Vater drei dünne Ruten aus der Gärtnerei mit. Wertvolle Stecken seien das, verkündete er geheimnisvoll. Johann war schleierhaft, warum ausgerechnet diese dünnen Stecken wertvoll sein sollten. Sie steckten die Stecklinge, wie der Vater sie nannte, neben dem Karottenbeet in die Erde. Bald darauf erwachten die darauf schlummernden Knospen, bildeten erste Blätter, die eigenartig erfrischend rochen, wenn Johann sie zerrieb. Vater verriet ihm, dass aus diesen Stecklingen Johannisbeersträucher würden, die Beeren hätten sie doch auch schon gegessen, und Johann müsse wissen, dass viele Gartenpflanzen und -sträucher gezüchtet seien, die Johannisbeere aber, die habe wilde Verwandte.

«Was sind wilde Verwandte? Eine Base, die zu oft zum Tanz geht?», fragte Johann.

Vater lachte, nahm den Buben an der Hand und führte ihn zu einem wilden Johannisbeerstrauch. Er stand in hohem Kraut an einer feuchten Stelle im Wald.

«Schau, der wilde Verwandte hat schon Beeren», flüsterte Vater. «An Johannis sind sie reif, die Sonne lässt sie erröten. Anstrengend muss das für die Sonne sein. Danach, nach Johannis, das weisst du doch, Johann, verkürzt sich der Lauf der Sonne, sie muss sich schonen. Du darfst die Beeren essen. Und vergiss nicht, dem Schöpfer für das Sonnenlicht und für die Beeren zu danken.»

Der Vater brachte ihm noch viele Pflanzennamen bei. So oft er konnte, wenn er Hausarbeiten und Schulaufgaben erledigt hatte, kletterte Johann auf seinen Beobachtungsplatz, auf die Linde vor ihrem Haus am Hang. Von dort oben gab es Fernsicht bis zum Bodensee, einen Rundblick auf den Hausplatz, er sah die Wiesen, den Wald. Von da oben erschien ihm alles deutlicher. Da oben kündigte sich der Frühling an, wenn ein lauer Wind den Schnee wegschleckte, wenn Johann an der Rinde schnüffelte und diese intensiver roch. Hier hörte er im Morgengrauen die Vögel singen, lange bevor die Blumen ihre bevorzugten Standorte erobert hatten. Von oben herab liess sich beobachten, wie sich die fahlen Matten in sattes Grün verwandelten. Bald schon wurden sie von den Hühnern beweidet. Von Grasbüschel zu Grasbüschel wackelnd, rupften Koli, Tschupper und Schnepf an den jungen Blättern des Löwenzahns, Vater hatte ihn Taraxacum genannt. Johann schien, dass Schmetterlinge im Sommer am liebsten auf dem Natternkopf verweilten, Vater nannte ihn Echium vulgare. Wenn die Kälte alles wieder mit eisernem Griff festhielt, pickten die Amseln die Beeren vom Strauch der Hagebutte, Vater nannte sie Rosa canina. Johann raunte die Namen vor sich hin, wenn er alleine war: Taraxacum. Echium canina. Vulgare rosa. Rosa canina.

Einmal, während des Abendessens in der engen Küche, das Schlürfen und Schaben, die spärlichen Worte, die Vater mit Mutter wechselte, in Ruhe, schon fast in Stille, – Johann erinnerte sich noch viele Jahre später, wie der Vater plötzlich die flache Hand auf den Tisch geschlagen hatte und belustigt rief: «Töneli, was träumst du?»

Er brachte kein Wort über die Lippen. Erst in der Frühe des nächsten Morgens, im Garten beim Wässern, traute er sich dem Vater zu sagen, was er sich beim Essen überlegt hatte. Die sonst auf Mäuse spezialisierte Katze kaue manchmal an zähen Grasbüscheln herum, hätte er bemerkt. Und warum dem so sei. Der Vater wusste es nicht. Er erkundigte sich aber beim Gärtnermeister.

«Töneli, es ist Schliessgras, ein Agropyrum repens

Warum die Katze auf Schliessgras herumkaute, wusste Johann immer noch nicht. Vater tat die Angelegenheit mit einem Achselzucken ab.

«Vermutlich mögen Katzen Gras, weil sie nicht ein ­Leben lang nur Mäuse essen wollen, oder?»

Johann fand selber eine Antwort. Es waren ungefähr zwei Jahre vergangen. Vater war bereits tot. An den wacker wachsenden Stecklingen im Garten reiften die ersten Beeren, die Sonne zeigte die vom Vater prophezeiten Ermüdungserscheinungen. Wieder einmal hatte Johann es sich auf der Linde bequem gemacht. Er fühlte, wie er schläfrig wurde, sträubte sich aber dagegen, bestimmt würde er etwas Spannendes sehen. Bestimmt würde ihn Mutter jeden Moment in den Stall rufen. Da. Die Katze. Sie würgte und erbrach sich vor der Haustür. Offensichtlich ertrug sie nur eine bestimmte Menge Mäuse. Mutter hatte es auch gesehen, denn sie rief nach Johann, er solle sofort vom Baum her­unterkommen, er solle sich sputen und diese Schweinerei wegputzen. Johann tat wie befohlen. Er suchte gemächlich ein geeignetes Werkzeug. Wer sich um Erbrochenes kümmerte, konnte nicht gleichzeitig den Stall ausmisten. Johann pirschte der Katze nach. Beim Brunnen hinterliess sie eine weitere Schweinerei. Sie leckte sich die weisse Brust und stolzierte davon. Johann schlich ihr hinterher. Auf halbem Weg zum Wald fand sie Schliessgrashalme und kaute darauf herum. War das ein Zufall? Nach der Maus etwas Gras zum Nachtisch? Einfach so, zum Zeitvertreib?

Die Sommerferien mit Heuen und Herumtollen liessen Johann seine Beobachtungen bis zu dem Tag vergessen, als die gelegentlichen Bauchschmerzen zu Krämpfen wurden und er sich hinlegen musste. Er leide an Würmern, meinte die Mutter. Johann war betrübt. Trost spendete ihm dann die Katze, die in die Kammer trippelte und sich neben ihm zusammenrollte, schnurrte und neben ihm einschlief. Gegen Mittag streckte sie sich genüsslich, bereit zum Aufbruch. Sie streifte um seinen Kopf. Als sie sich an seine Wange drückte, spürte er etwas Feuchtes. Aus ihrem After hatte sich ein Bandwurmteilchen gelöst. Es fiel auf sein Hemd, wo es sich träge wand und sich einen Weg in die neue Umwelt bahnte. Johann spickte das matt glänzende Teilchen auf den Bretterboden, es verschwand in einem Spalt. Das war erledigt.

Dann aber sagte er laut: «Mizzeli, du bringst mich auf eine Idee!»

Er bat seine Schwester, ihm eine Handvoll Schliessgras zu bringen. Den angelieferten Haufen sortierte er unter der Decke. Hatte die Katze auch Bauchschmerzen gehabt? Hatte sie vielleicht Schliessgras gesucht und gefressen? Kurz entschlossen stopfte sich Johann das Schliessgras in den Mund. Es schmeckte abscheulich. Wie Spinat. Er schluckte es unzerkaut und legte sich hin. Er schlummerte ein. Geweckt wurde er vom lauten Rumpeln seines Magens. Hätte er doch besser auf das Gras verzichten sollen? Er erbrach sich in den Eimer neben dem Bett. Wischte sich den Mund ab, der Gestank war scheusslich. Trotzdem beugte er sich über den Eimer und begutachtete seine eigene, dampfende Schweinerei. Schleimige Säfte – und grünes Gras. Unverdaut. Er schlich aus dem Haus zum Abort, leerte den verdächtigen Inhalt in die Grube, verkroch sich schnurstracks wieder ins Bett und fiel, bevor er über das Entdeckte nachdenken konnte, in einen tiefen Schlaf. Nach zwei Wochen regelmässigen Gräserkauens war er die Bauchschmerzen und die Würmer los. Seine Vermutung hatte sich bestätigt.

Seine Geschwister bezeichneten Johann als selbstverges­senen Traumwandler. Wie oft war er den Hügel hinuntergerannt und in den Wäldern verschwunden, wo er stundenlang alleine umherstreifte. Auf der Waldlichtung besuchte er den knorrigen Holunder, der im Frühling lange kahl blieb. Am Bach ass er Himbeeren. Oberhalb des Tobels sammelte er im Herbst Buchennüsschen und knabberte an ihnen wie die Eichhörnchen. Er sass im Gras, die Arme um die zerschürften Knie geschlungen, bis ein Vogel in der Nähe landete, ohne ihn bemerkt zu haben. Bis ein Reh ruhig an ihm vorbeiging. Später im Knabenseminar willigte die Mutter stillschweigend ein, wenn er sich entschuldigte, um zum Lernen länger in der Schule zu bleiben. Auch wenn sie vermutete, dass sich ihr Jüngster wieder im Wald herumtrieb. Ob Johann genügend Zeit zum Lernen fand? Ihre Sorge war derart offenkundig, dass es Johann manchmal beschämte. Etwa wenn sie die Kinder von Johanns Bruder, mit dessen Familie sie seit Vaters Tod den Haushalt teilten, ermahnte, ruhig zu sein, Johann müsse sich konzentrieren. Das Lernen fiel ihm nicht schwer, auch bei Kindergeschrei. Die Mutter achtete auch darauf, dass er genug ass. Ihm hätte ein Teller Suppe gereicht, die Mutter bestand auf einen zweiten. Sie blieb am Tisch sitzen, bis er fertig war. Die Frau von Johanns Bruder wurde manchmal ungeduldig, seine Mutter wurde dringend andernorts gebraucht. Aber sie war gerade mit Nähen beschäftigt, der fehlende Knopf an Johanns Hemd musste zurück an seinen Platz. Mutter musste putzen, der Dreck an Johanns Schuhen machte keine Gattung. Mutter wartete auf ihn, bis er aus der Schule zurückkam. Oder aus dem Sitterwald, wo er seine Beobachtungen machte.

Johann schaute dem Treiben auf dem Ameisenhaufen zu. Ein Gewitter lag in der Luft. Täuschte er sich oder wuselten die Ameisen flinker, hektischer umher? Spürten sie den bevorstehenden Wetterwechsel? Das könnte durchaus sein. Zufrieden machte er sich auf den Heimweg. Im weichen Laub stolperte er über einen harten Gegenstand. Er wühlte in den trockenen Blättern und stiess auf etwas ... Er zog daran – und hielt einen verdreckten Frauenschuh in der Hand! Die Mutter trug Schuhe mit abgelaufenen Sohlen. Sonntags rieb sie sie mit Schweinefett ein. Ihre Schuhe waren schwarz. Die Frau des Bruders trug schwarze Schuhe, schwarz wie die Röcke, die die Schuhe fast immer verdeckten. Kleine Mädchen? Die trugen Schuhe wie ihre Mütter. Schwarze also. Dieser Schuh aber war rot. Witterung und feuchte Erde hatten ihm zugesetzt. Johann musterte die zugespitzte Form, das dünne Riemchen. Mit Daumen und Zeigefinger strich er über den hohen Absatz. Berührte die samtene, verblichene rote Oberfläche. Er hob den Schuh gegen das Licht, kniff die Augen zusammen, hielt ihn prüfend vors Gesicht, holte weit aus und schleuderte ihn gegen einen Baum. Pater Rüegg hatte in der Schule über die heilige Hildegard von Bingen gesagt, sie sollte allen ein Vorbild sein, auch wenn man sie nie mit der unantastbaren Vollkommenheit der heiligen Mutter Gottes gleichsetzen dürfe. In ihrer Bescheidenheit und Demut aber, in ihrem Wirken für das Menschengeschlecht sei sie eine Frau, zu der man durchaus aufschauen könne, nein, eigentlich müsse. Johann hatte gebannt zugehört, was Hildegard von Bingen zu Pflanzen notiert hatte. Er war fasziniert. Pater Rüegg bot an, ihm eine Sammlung ihrer Zeichnungen mitzubringen.

Der Schuh prallte an den Stamm und plumpste lautlos auf die weiche Nadelschicht. In Johanns Kopf vermischten sich die Zeichnung der heiligen Hildegard und die Vorfreude, mehr über sie zu erfahren, mit einer inneren Unruhe. Die fühlte sich weder gut noch schlecht an. Sie ergriff aber in diesem Augenblick spürbar von ihm Besitz. Er stapfte zur Tanne, hob den Schuh auf, trug ihn zurück zur Fundstelle und bedeckte ihn sorgfältig mit Laub und Tannennadeln.

Pater Rüegg brachte das Buch der heiligen Hildegard dann doch nicht mit. Johann war einerseits enttäuscht, dass er nicht Wort gehalten hatte, andererseits wollte er von dieser Klosterfrau nichts mehr wissen, es war ihm unangenehm, dass er sich derart ereifert hatte. Er hätte nicht sagen können warum. Die Frau mochte zwar einiges über Pflanzen gewusst haben, aber wann immer er Pater Rüegg sah, erinnerte ihn dieser an Hildegard von Bingen, und – Johann wusste nicht, wie ihm geschah – sofort dachte er auch an den roten Schuh im Sitterwald. Er hätte die Stelle mit verbundenen Augen gefunden. Die innere Unruhe, die sich weder gut noch schlecht anfühlte, war wieder da. Wie die Atmosphäre vor einem Sommergewitter. Nur dass diese Unruhe in seinem Bauch hockte und sich von da nach unten breitmachte.

Erst vier Jahre später, im Kollegium, fand Johann zurück zu seiner Neugierde. Er wollte Pflanzen nicht nur beim Namen nennen können, sondern mehr über diese Wesen erfahren, die still vor sich hinwuchsen, Farbe und Form veränderten, ihren Duft, die Früchte ansetzten, die unter Umständen ihren Geschmack veränderten, Samen bildeten, verwelkten, zerfielen. Johann lernte die alten Sprachen und erfuhr vieles über das Christentum. Über dessen Entstehungsgeschichte und den Siegeszug der Kirche, über den jahrhundertelangen Kampf gegen das Heidentum, die Primitiven, die irrenden Seelen. Im Namen Gottes des Allmächtigen. Gott wurde tausendfach erwähnt, gelobt, gepriesen. Am Tisch, beim Beten im Kollegium, zu Hause, im Stall beim Segnen des Viehs, beim Gruss, beim Abendgebet vor dem Schlafengehen. Johann beeindruckte dieses allumfassende Fundament der heiligen katholischen Kirche, die einzig und allein zu Ehren dieses Gottes gegründet worden war. Gott hielt schützend die Hand über alles Leben. Und dennoch: Wer war Gott? Wo war er? Der Botanikunterricht war anders. Der Professor zeigte den Schülern die Pflanzen des Klostergartens. Im Gegensatz zur Gotteslehre, die trotz ihrer unumstösslichen Wahrheit diffus blieb, war Botanik greifbar. Die Welt der Pflanzen war zugänglich. Im Botanikunterricht gelang es ihm, Fragen zu formulieren, die ihn umtrieben.

«Warum weiss eine Pflanze, was sie tun muss?», fragte Johann.

«Weil jede Pflanze das Göttliche in sich trägt. Gott lenkt alle Lebewesen. Die Natur ist Gott», antwortete der Professor.

Johann war erleichtert. Er hatte ihn gefunden. Auch wenn er sich in den folgenden Jahren vor allem auf abstrakter Ebene mit ihm befassen sollte. Auch wenn Gott sich in den Schulstuben, den einsamen Gebeten, Gesängen, den monotonen Predigten in den Kirchen und den Kathedralen von Einsiedeln und St. Gallen, den langweiligen Vorträgen in den Hörsälen im belgischen Löwen, wo er studierte und beim teils bösartigen Geplänkel seiner Mitstudenten in den Schlaf- und Speisesälen aus dem Staub gemacht zu haben schien. Selbst dann. Ganz abwesend war Gott nie. Johann wusste, wo er ihn antreffen konnte. In der Einöde des belgischen Flachlandes auf einer Pappel in schwindelerregender Höhe thronte ein Storch in seinem Nest und klapperte. Im Park des Collège du St-Esprit verströmte eine Linde im Frühsommer einen betörenden Duft, und Millionen von Bienen verschmolzen mit dem Baum zu einem gewaltigen Summen. Auf seiner Heimreise im Frühjahr 1880 war es bitterkalt, Johanns Atem dampfte, und der Bodensee glitzerte im Sonnenlicht. Die Menschen starrten ehrfürchtig auf den See, schlugen das Kreuz: Eine Eisschicht hatte den Bodensee überzogen. Er wusste: Die Natur ist Gott.