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Die Psychopathen sind unter uns


Die Psychopathen sind unter uns

Eine Reise zu den Schaltstellen der Macht
1. Aufl.

von: Jon Ronson

14,99 €

Verlag: Tropen Bei Klett-Cotta
Format: EPUB
Veröffentl.: 13.03.2012
ISBN/EAN: 9783608102949
Sprache: deutsch
Anzahl Seiten: 280

Dieses eBook enthält ein Wasserzeichen.

Beschreibungen

Alles beginnt mit einem mysteriösen Päckchen, das an Neurologen auf der ganzen Welt verschickt wird. Es enthält ein unheimliches Buch, eine Nachricht, aber keinen Absender! Alle sind sich einig: Hier ist ein Psychopath am Werk! Jon Ronson versucht, das Rätsel zu lösen, und begibt sich auf eine filmreife Mission, die so wahr wie gruselig ist. Seine Recherche führt ihn zu »Tony«, einem verurteilten Mörder und diagnostizierten Psychopathen, der beteuert, einer Fehldiagnose zum Opfer gefallen zu sein.
Jon wird auf seiner Reise schnell klar, wo sich die meisten Psychopathen aufhalten: Sie bewegen sich inmitten der Gesellschaft, sie sitzen an den Schalthebeln der Macht, sind Firmenbosse, Politiker und spielen in der Finanzwelt eine führende Rolle - kurzum: Sie lenken sogar unsere Gesellschaft.
Was ist eigentlich ein Psychopath? Sind Psychopathen gefährlich? Jon Ronson bricht auf zu einer spannenden Reise quer durch die menschlichen Abgründe. Verblüfft stellt er fest, dass Psychopathen gar nicht verrückt wirken, im Gegenteil! Mit sprühendem Charme umgarnen sie ihr Gegenüber ... mit fatalen Folgen.
Alles beginnt mit einem mysteriösen Päckchen, das an Neurologen auf der ganzen Welt verschickt wird. Es enthält ein unheimliches Buch, eine Nachricht, aber keinen Absender! Alle sind sich einig: Hier ist ein Psychopath am Werk! Jon Ronson versucht, das Rätsel zu lösen, und begibt sich auf eine filmreife Mission, die so wahr wie gruselig ist. Seine Recherche führt ihn zu »Tony«, einem verurteilten Mörder und diagnostizierten Psychopathen, der beteuert, einer Fehldiagnose zum Opfer gefallen zu sein. Jon wird auf seiner Reise schnell klar, wo sich die meisten Psychopathen aufhalten: Sie bewegen sich inmitten der Gesellschaft, sie sitzen an den Schalthebeln der Macht, sind Firmenbosse, Politiker und spielen in der Finanzwelt eine führende Rolle - kurzum: Sie lenken sogar unsere Gesellschaft.
Inhalt

Das fehlende Puzzleteil wird gefunden 9
Der
Mann, der Wahnsinn vortäuschte 37
Psychopathen träumen in Schwarzweiß
68
Der Psychopathentest 90
Toto 119
Die Nacht
der lebenden Toten 138
Die richtige Art von Wahnsinn 167
David Shaylers
Wahnsinn 177
Ein bisschen zu hoch hinaus 208
Der vermeidbare Tod der
Rebecca Riley 226
Viel Glück! 248
Anmerkungen,
Quellen, Bibliographie, Danksagung 266
Die meisten Psychopathen bewegen sich nicht nur mitten unter uns, sie lenken sogar unsere Gesellschaft!
Jon Ronson geboren 1967, ist ein Londoner Journalist, Dokumentarfilmemacher und Radiomoderator mit eigener Sendung. Er ist u. a. Kolumnist für die Zeitung »The Guardian« und schreibt Non-Fiction-Bücher. Sein letztes Buch »Men who stare at goats« (»Männer die auf Ziegen starren «) war ein internationaler Bestseller und wurde 2010 u. a. mit George Clooney verfilmt.
Das fehlende Puzzleteil wird gefunden


Dies ist eine Geschichte über den Wahnsinn. Sie beginnt mit einer seltsamen
Begegnung im Café Costa in Bloomsbury, Zentral-London. Das Café Costa besuchten
oft Neurologen, da die Fakultät für Neurologie des London University College
gleich um die Ecke liegt. Eine von ihnen bog nun gerade in die Southhampton Row
und winkte mir leicht verkrampft zu. Ihr Name war Deborah Talmi. Sie sah aus wie
jemand, der seine Tage in Laboratorien verbrachte und somit weder gewohnt war,
sich mit Journalisten im Café zu treffen noch im Mittelpunkt verwirrender Rätsel
zu stehen. Sie hatte jemanden mitgebracht. Einen jungen, unrasierten, akademisch
wirkenden Mann. Sie setzten sich.

»Ich bin Deborah«, sagte sie.
»Ich bin Jon«, sagte ich.
»Ich bin
James«, sagte er.
»Nun«, sagte ich. »Haben Sie’s mitgebracht?«
Deborah
nickte. Wortlos schob sie ein Paket über den Tisch.Ich öffnete es und drehte
es in meinen Händen hin und her. »Es ist sehr schön«, sagte ich.

Im letzten Juli erhielt Deborah ein seltsames Paket. Es lag in ihrer
Arbeitsnische. Es war mit Göteborg, Schweden abgestempelt. Jemand hatte
auf den gepolsterten Umschlag Erzähle Ihnen mehr, wenn ich zurück bin
geschrieben. Wer auch immer es ihr gesandt haben mochte, hatte seinen Namen
nicht hinterlassen.

Das Paket enthielt ein Buch. Es war nur 42 Seiten dick, 21 davon –
jede zweite Seite – waren leer, trotzdem wirkte alles – das Papier, die
Illustrationen, der Satz – sehr aufwendig hergestellt. Das Cover war ein
delikates, unheimliches Bild zweier entkörperlichter Hände, die sich gegenseitig
zeichneten. Deborah erkannte, dass es sich um eine Reproduktion von M. C.
Eschers Zeichnende Hände handelte.

Der Autor war ein »Joe K« (eine Anspielung auf Kafkas Josef K. oder ein
Anagramm des englischen Wortes joke (Witz)?) und der Titel war Sein
oder Nichts, eine wie auch immer geartete Anspielung auf Sartres Werk
Sein und Nichts aus dem Jahre 1943. Jemand hatte mit einer Schere sorgfältig
die Seite mit Verlags- und Urheberrechtsangaben, ISBN-Nummer und so weiter
ausgeschnitten, sodass hier keine Anhaltspunkte zu finden waren. Auf einem
Aufkleber las sie: »Warnung! Bitte studieren Sie den Brief an Doktor
Hofstadter, bevor Sie das Buch lesen. Viel Glück!«

Deborah blätterte es durch. Es war offensichtlich eine Art Rätsel, das darauf
wartete, gelöst zu werden, mit kryptischen Versen und Seiten mit
ausgeschnittenen Worten und so weiter. Sie starrte nochmals auf die
Aufschrift Erzähle Ihnen mehr, wenn ich zurück bin. Einer ihrer Kollegen
war gerade in Schweden, und obwohl er eigentlich nicht zu den Leuten gehörte,
die geheimnisvolle Pakete versandten, schien es eine überaus logische Erklärung
zu sein, dass es von ihm stammte.

Aber als er zurückkehrte und sie ihn danach fragte, antwortete er, er wisse
nichts davon.
Deborah war fasziniert. Und dann fand sie heraus, dass sie
nicht alleine war.

»Waren alle Empfänger Neurologen?«, fragte ich sie. »Nein«, sagte sie. »Viele
waren Neurologen. Aber einer war ein Astrophysiker aus Tibet. Ein anderer ein
Religionswissenschaftler aus dem Iran.«
»Es waren alles Akademiker«, sagte
James.
Sie hatten das Paket alle auf die gleiche Weise erhalten – in einem
gepolsterten Umschlag aus Göteborg, auf dem Erzähle Ihnen mehr, wenn ich
zurück bin! stand. Sie versammelten sich auf Blogs und in Internetforen und
versuchten, den Code zu knacken.
Vielleicht, schlug ein Empfänger vor, sollte
man das Buch als christliche Allegorie lesen, »selbst das rätselhafte Erzähle
Ihnen mehr, wenn ich zurück bin! (Eindeutig eine Anspielung auf die
Wiederkehr Christi). Der Autor/die Autoren scheint Sartes atheistischem ›Sein
UND Nichts‹ (nicht Sein ODER Nichts) zu widersprechen.«
Eine Forscherin in
Wahrnehmungspsychologie namens Sarah Allred pflichtete bei: »Ich habe den vagen
Verdacht, dass sich das Ganze als virale Marketing- oder Werbestrategie einer
religiösen Organisation entpuppen wird, die
Akademiker/Intellektuelle/Wissenschaftler/Philosophen lächerlich machen will.«
Anderen erschien dies unwahrscheinlich: »Der Kostenfaktor schließt die virale
Theorie aus, es sei denn, die Kampagne verlässt sich darauf, dass sich ihre
sorgfältig ausgewählten Empfänger im Netz über das Buch austauschen
würden.«
Die meisten Empfänger glaubten, die Antwort liege
faszinierenderweise bei ihnen. Sie persönlich waren als Empfänger dieses
Paketes ausgewählt worden. Offensichtlich gab es ein Muster, aber welches?
Hatten sie alle einige Jahre zuvor dieselbe Konferenz besucht oder so etwas
Ähnliches? Vielleicht sollten sie für eine Spitzenposition in einer
geheimniskrämerischen Organisation abgeworben werden?
»Der erste, der den
Code knackt, kriegt den Job, oder?«, schrieb ein australischer
Empfänger.
Klar war, dass eine brillante Person oder Organisation mit
Verbindungen zu Göteborg ein Rätsel ausgeheckt hatte, das so komplex war, dass
es selbst kluge Akademiker nicht lösen konnten. Vielleicht konnte es nicht
entschlüsselt werden, weil der Code unvollständig war. Vielleicht fehlte ein
Teil. Jemand schlug vor, »den Brief ganz nahe an eine Lampe zu  halten oder
den Joddampftest zu machen. Vielleicht gibt es eine Geheimschrift, mit anderer
Tinte geschrieben.«
Aber es gab keine Geheimschrift.
Sie gaben sich
geschlagen. Wenn Akademiker dieses Rätsel nicht lösen konnten, dann sollten sie
sich vielleicht an jemanden mit einer kruderen Vorgehensweise wenden,
beispielsweise einen Privatdetektiven oder einen Journalisten. Deborah fragte
herum. Welcher Journalist wäre hartnäckig und offen genug, sich auf dieses
Geheimnis einzulassen?
Sie gingen ein paar Namen durch.
Und dann sagte
Deborahs Freund James: »Wie wär’s mit Jon Ronson?«

An dem Tag, an dem ich Deborahs E-Mail mit der Einladung ins Café Costa
erhielt, hatte ich eine wirklich schlimme Angstattacke. Ich hatte gerade einen
Mann namens Dave McKay interviewt. Er war der charismatische Führer einer
australischen religiösen Gruppierung mit dem Namen »The Jesus Christians« (»Die
Jesus-Christen«) und hatte jüngst seinen Anhängern nahegelegt, sie sollten alle
einem Fremden eine ihrer Nieren spenden. Dave und ich verstanden uns zu Beginn
ganz gut – er schien hinreißend exzentrisch zu sein, und somit konnte ich gutes
Material für meine Geschichte sammeln, unterhaltend verrückte Zitate und so
weiter. Aber als ich mutmaßte, dass der Gruppendruck, der von Dave ausging,
vielleicht der Grund war, weshalb sich die leichter zu beeinflussenden
Mitglieder entschieden, sich von einer Niere zu trennen, explodierte er. Er
schrieb mir in einer E-Mail, dass er mir eine Lehre erteilen und eine anstehende
Nierenspende stoppen werde. Er würde die Empfängerin sterben lassen, und ich
wäre dafür verantwortlich.

Ich war entsetzt (wegen der Empfängerin), aber zugleich sehr erfreut, dass
Dave mir eine so verrückte Nachricht sandte, die gut für meine Geschichte war.
Ich erzählte einem Journalisten, Dave scheine ziemlich psychopathisch zu sein.
(Ich wusste nichts über Psychopathen, aber ich nahm an, dass sie solche Dinge
tun würden.) Der Journalist druckte das Zitat ab. Einige Tage später mailte mir
Dave: »Es ist üble Nachrede zu behaupten, ich sei ein Psychopath. Ich habe mich
rechtlich beraten lassen. Mir wurde gesagt, ich hätte gute Chancen, wenn ich
gegen dich rechtliche Schritte einleiten würde. Deine Feindseligkeit mir
gegenüber berechtigt dich nicht, mich zu diffamieren.«Deswegen hatte ich
gerade eine massive Angstattacke, als Deborahs E-Mail in meinem Posteingang
erschien.

»Was habe ich mir nur dabei gedacht?«, sagte ich zu meiner Frau
Elaine. »Ich hatte es einfach genossen, interviewt zu werden. Ich hatte es
einfach genossen, zu plaudern. Und nun ist alles völlig verfahren. Dave McKay
wird mich anklagen.«
»Was ist los?«, schrie mein Sohn Joel, der gerade in
den Raum kam. »Warum schreit ihr alle?«
»Ich habe einen dummen Fehler
gemacht. Ich habe einen Mann einen Psychopathen genannt und nun ist er wütend«,
erklärte ich.
»Was wird er mit uns machen?«, fragte Joel.
Einen Moment
lang herrschte Schweigen.
»Nichts«, sagte ich.
»Aber wenn er uns nichts
tun wird, warum machst du dir dann Sorgen?«
»Ich bin besorgt, weil ich ihn
wütend gemacht habe«, sagte ich. »Ich mag es nicht, wenn ich Menschen sauer oder
wütend mache. Deswegen bin ich traurig.«
»Du lügst«, sagte Joel und kniff
die Augen zusammen. »Ich weiß, dass es dir egal ist, wenn du Leute wütend
oder sauer machst. Was verschweigst du mir?«
»Ich habe dir alles gesagt«,
sagte ich.
»Wird er uns angreifen?«, fragte Joel.
»Nein«, sagte ich.
»Nein, nein! Das wird definitiv nicht geschehen.«
»Sind wir in Gefahr?«,
schrie Joel.
»Er wird uns nicht angreifen«, schrie ich. »Er wird uns nur
anklagen. Er will mir nur mein Geld wegnehmen.« »O Gott!«, sagte Joel.Ich
schrieb Dave eine E-Mail und entschuldigte mich dafür, dass ich ihn einen
Psychopathen genannt hatte.

»Danke, Jon«, schrieb er umgehend zurück. »Mein Respekt für dich ist
beträchtlich gewachsen. Wenn wir uns je wieder treffen sollten, dann hoffe ich,
dass wir dem ein wenig näher sind, was man ›Freunde‹ nennen könnte.«»Und
so«, dachte ich, »habe ich mich einmal mehr umsonst aufgeregt.«

Ich sah meine ungelesenen E-Mails durch und fand die E-Mail von Deborah
Talmi. Sie sagte, sie und andere Akademiker auf der ganzen Welt hätten in der
Post ein mysteriöses Paket erhalten. Ein Freund, der meine Bücher gelesen habe,
habe ihr gesagt, ich sei die Sorte von Journalist, der vielleicht Spaß daran
hätte, seltsame Rätsel zu lösen. Sie schloss: »Ich hoffe, ich konnte Ihnen das
seltsame Gefühl vermitteln, das die ganze Angelegenheit bei mir auslöst, und wie
faszinierend die Geschichte ist. Es ist wie eine Abenteuergeschichte oder ein
›Alternative Reality Game‹, und wir sind alle Spielfiguren darin. Da sie es an
Forscher gesandt haben, haben sie die Forscherin in mir geweckt, aber ich habe
die Antwort nicht gefunden. Ich hoffe sehr, dass Sie den Fall
übernehmen.«Jetzt, im Café Costa, blickte sie auf das Buch, das ich hin und
her wendete.

»Im Wesentlichen«, sagte sie, »versucht jemand auf eine sehr geheimnisvolle
Weise, die Aufmerksamkeit bestimmter Akademiker für etwas zu wecken, und ich bin
neugierig, weshalb. Ich denke, die Kampagne ist zu ausgeklügelt, um das Werk
einer Privatperson zu sein. Das Buch versucht, uns etwas mitzuteilen. Aber ich
weiß nicht, was. Ich würde gerne wissen, wer es mir zusandte und weshalb, aber
ich habe kein detektivisches Talent.«»Nun gut …«, sagte ich.

Ich schwieg und untersuchte das Buch gravitätisch. Ich trank einen Schluck
Kaffee.
»Ich werde es versuchen«, sagte ich.

Ich sagte Deborah und James, ich würde meine Untersuchung gerne mit einem
Blick auf ihre Arbeitsplätze beginnen. Ich sagte, ich sei neugierig, die
Arbeitsnische zu sehen, in der Deborah das Paket zuerst entdeckt hatte. Sie
blickten sich verstohlen an, wie um zu sagen: »Das ist ein seltsamer Ort um
anzufangen, aber wer darf es wagen, die Methoden großer Detektive
anzuzweifeln?«

Tatsächlich besagten ihre Blicke vielleicht etwas anderes. Vielleicht
besagten sie: »Eine Besichtigung unserer Arbeitsplätze wird Jon sicherlich nicht
weiterhelfen, und es ist schon ein wenig seltsam, dass er das will. Hoffen wir,
dass wir uns nicht den falschen Journalisten ausgesucht haben. Hoffen wir, dass
er kein Sonderling ist oder private Gründe hat, unser Institut von innen sehen
zu wollen.«Wenn ihre Blicke dies besagten, dann hatten sie recht. Ich hatte
private Gründe, das Innere ihres Instituts sehen zu wollen.

James’ Fakultät war ein überwältigend unattraktiver Betonklotz in der
unmittelbaren Nähe von Russell Square, die Fakultät für Psychologie des London
University College. Vergilbte Fotografien aus den 1960er und 1970er Jahren an
den Wänden der Korridore zeigten Kinder, die mit schauerlich wirkenden Maschinen
verkabelt waren. Sie lächelten aufgeregt und ahnungslos in die Kamera, als ob
sie am Strand wären.

Offensichtlich war einmal ein Versuch unternommen worden, diese öffentlichen
Räume zu verschönern, indem man die Wände in einem fröhlichen Gelb strich. Der
Grund dafür war, wie sich herausstellte, dass Babys hierher gebracht wurden, um
ihr Hirn zu testen, und jemand gedacht hatte, das Gelb würde sie vielleicht
beruhigen. Aber ich konnte nicht nachvollziehen, wie. Die Hässlichkeit des
Gebäudes war so niederschlagend, als würde man einer Leiche eine rote Pappnase
aufstecken und sie Ronald McDonald nennen.

Ich blickte in die Büros. In jedem brütete ein Neurologe oder Psychologe über
seinem Schreibtisch und konzentrierte sich auf irgendetwas, das mit dem
menschlichen Hirn zu tun hatte. In einem Raum wurde, wie ich erfuhr, über einen
Mann aus Wales geforscht, der alle seine Schafe als Individuen wahrnahm, jedoch
keine menschlichen Gesichter erkannte, nicht mal das seiner Frau, nicht einmal
sich selbst im Spiegel. Sein Zustand nennt sich Prosopagnosia –
Gesichtsblindheit. Die Betroffenen beleidigen offensichtlich ständig
unabsichtlich ihre Arbeitskollegen und Nachbarn und Gatten und Gattinnen, da sie
bei einer Begegnung auf der Straße nicht zurücklächeln und so weiter. Menschen
sind deswegen unweigerlich beleidigt, auch wenn sie wissen, dass die Ursache der Unfreundlichkeit eine Störung ist und nicht Überheblichkeit. So kann sich
schlechte Stimmung verbreiten.

In einem anderen Büro studierte ein Neurologe den Fall
eines Arztes vom Juli 1996, eines ehemaligen Luftwaffenpiloten, der bei
hellichtem Tage über ein Feld flog, dann wendete, 15 Minuten später
nochmal über das Feld flog und plötzlich einen großen Kornkreis entdeckte. Es
war, als ob sich dieser gerade materialisiert hätte. Er erstreckte sich
über 40 Quadratkilometer und bestand aus 151 Einzelkreisen. Der Kreis, der
»Julia Set« getauft wurde, war der meistgefeierte in der Geschichte der
Kornkreise. T-Shirts und Poster wurden gedruckt. Tagungen wurden organisiert.
Die Bewegung war im Begriff gewesen abzuflauen – es wurde zunehmend klarer, dass
Kornkreise nicht von Außerirdischen stammten, sondern in tiefster Nacht von
Konzeptkünstlern mit Holzplanken und Schnüren erschaffen wurden –, aber dieser
war aus dem Nichts aufgetaucht, innerhalb von 15 Minuten, zwischen zwei Flügen
eines Piloten über das Feld.

Der Neurologe in diesem Zimmer versuchte herauszufinden, weshalb das Hirn des
Piloten den Kreis beim ersten Mal nicht registriert hatte. Denn er war schon
vorher da gewesen, er war in der vorigen Nacht von einer Gruppe
Konzeptkünstlern, bekannt als »Team Satan«, mit Holzplanken und Schnüren
geschaffen worden.

In einem dritten Büro sah ich eine Frau, auf ihrem Buchgestell stand ein
Kinderbuch über das Hirn: Little Miss Brainy. Sie wirkte fröhlich und
flott und war gutaussehend.

»Wer ist das?«, fragte ich James.
»Essi Viding«, sagte er.
»Was
untersucht sie?«, fragte ich.
»Psychopathen«, sagte James.
Ich blickte zu
Essi. Sie sah uns, winkte und lächelte. »Das ist sicher gefährlich«, sagte
ich.
»Ich habe mal eine Geschichte über sie gehört«, sagte James.

Sie interviewte einmal einen Psychopathen. Sie zeigte ihm das Bild eines
schreckverzerrten Gesichts and forderte ihn auf, das Gefühl zu benennen, das zu
sehen war. Er sagte, er wisse nicht, welches Gefühl dies sei, aber es sei genau
der Gesichtsausdruck, den die Menschen zeigten, bevor er sie tötete.

Ich ging weiter den Gang entlang. Dann hielt ich inne und blickte zu Essi
Viding zurück. Ich hatte bis zu diesem Moment nie viel über Psychopathen
nachgedacht, und ich fragte mich, ob ich versuchen sollte, welche zu treffen. Es
schien mir außergewöhnlich, dass es da draußen Leute gab, deren neurologische
Verfassung, gemäß James’ Geschichte, sie so furchterregend wie ein vollkommen
bösartiges Weltraum-Wesen aus einem Science-Fiction-Film machte. Ich erinnerte
mich vage daran, einmal von einigen Psychologen gehört zu haben, dass
Psychopathen in Spitzenpositionen in Wirtschaft und Politik gehäuft anzutreffen
sind – die klinische Abwesenheit von Mitgefühl war ein Vorteil in diesen
Kreisen. Konnte das wirklich wahr sein? Essi winkte mir wieder zu. Und ich
entschied, dass es ein Fehler wäre, mich in die Welt der Psychopathen zu
begeben, ein ganz besonders großer Fehler für jemanden wie mich, der an
übermäßiger Angst litt. Ich winkte zurück und ging den Gang weiter.

Deborahs Gebäude, das Wellcome-Trust-Zentrum für Neurobildgebung des
University College London, war gleich um die Ecke des Queens Square. Es war
modern und mit Faradaykäfigen und fMIRI-Scannern ausgestattet, die von trottelig
wirkenden Technikern bedient wurden, die T-Shirts mit Comicfiguren trugen. Ihr
eigenbrötlerisches Auftreten ließ die Maschinen weniger bedrohlich wirken.

»Unser Ziel«, verkündete die Website des Zentrums, »ist herauszufinden, wie
Gedanken und Wahrnehmungen aus der Hirnaktivität entstehen, und wie solche
Prozesse neurologische und psychiatrische Krankheiten auslösen können.«

Wir erreichten Deborahs Arbeitsnische. Ich inspizierte sie gründlich.
»O.k.«, sagte ich. »Gut.«
Ich stand da und nickte einen Moment lang mit dem
Kopf. Deborah nickte zurück. Wir blickten einander an.
Jetzt wäre eigentlich
der passende Zeitpunkt, mein persönliches Anliegen zu enthüllen, weshalb ich
unbedingt das Innere der Gebäude sehen wollte. Mein Angstlevel war in den
letzten Monaten durch die Decke geschossen. Es war nicht mehr normal. Normale
Menschen waren nicht so panisch. Normale Menschen fühlten sich ganz gewiss nicht
so, als ob sie innerlich von einem ungeborenen Kind mit einer  Mini-Elektroschockwaffe gequält würden, als ob sie Stromstöße versetzt kriegten
wie von einem Draht, der Kühe davon abhält, ein Feld zu verlassen. Und ich hatte
den ganzen Tag, seit unserem Treffen im Café Costa, den Plan, das Gespräch auf
mein überängstliches Gehirn zu lenken, und vielleicht würde mir Deborah
anbieten, mich in einen fMRI-Scanner zu stecken oder so was Ähnliches. Aber sie
war so erfreut, dass ich mich bereit erklärt hatte, das Rätsel um Sein oder
Nichts zu lösen, dass ich nicht den Mut aufbrachte, meine Schwäche
einzugestehen, weil es diesen Zauber brechen würde.
Das war meine letzte
Chance. Deborah sah, wie ich sie anstarrte und ansetzte, etwas Wichtiges zu
sagen.
»Ja?«, sagte sie.
Es folgte eine kurze Pause. Ich blickte sie
an.
»Ich werde dich wissen lassen, wie ich vorankomme«, sagte ich.

Der Ryanair-Billigflug nach Göteborg um sechs Uhr morgens war proppenvoll und
klaustrophobisch. Ich versuchte, meinen Notizblick aus meiner Hosentasche zu
ziehen, um eine To-doListe zu schreiben, aber mein Bein war hoffnungslos unter
dem Klapptischchen eingeklemmt, auf dem sich die Überreste meines
Snack-Pack-Frühstücks stapelten. Ich brauchte einen Plan für Göteborg. Ich hätte
meinen Notizblick wirklich gut gebrauchen können. Mein Gedächtnis war nicht mehr
das, was es einmal war. In der Tat verließ ich in diesen Tagen meine Wohnung oft
mit einem erregten, entschiedenen Gesichtsausdruck und nach einer Weile hielt
ich an und stand einfach nur da und blickte verwirrt in die Gegend. In solchen
Momenten wirkt alles traumartig und unklar. Ich werde wahrscheinlich eines Tages
mein Gedächtnis vollständig verlieren, wie mein Vater, und dann wird es keine
Bücher mehr zu schreiben geben. Ich musste wirklich einen Plan aushecken.

Ich versuchte, an meinem Fuß zu kratzen. Ich konnte nicht. Ich war gefangen.
Ich war verdammt noch mal gefangen. Ich war verdammt …

»AUTSCH!«, schrie ich unvermittelt. Mein Bein schoss nach oben und stieß
gegen das Klapptischchen. Mein Nachbar blickte mich erstaunt an. Ich hatte
eben unbeabsichtigt gekreischt. Ich starrte geradeaus, wirkte geschockt,
aber auch leicht beeindruckt. Ich wusste nicht, dass solche geheimnisvollen,
verrückten Geräusche in mir steckten.
Ich hatte eine Fährte in Göteborg, den
Namen und die Geschäftsadresse eines Mannes, der die Identität oder die
Identitäten des »Joe K« kennen könnte. Sein Name war Petter Nordlund. Obwohl
keines der Pakete, die an die Akademiker versandt worden waren, irgendeinen
Hinweis enthielt – keine Namen möglicher Autoren oder Vertriebe – fand ich, tief
vergraben im Archiv einer schwedischen Bibliothek, einen »Petter Nordlund« als
englischen Übersetzer von Sein oder Nichts verzeichnet. Eine Google-Suche
ergab nichts, außer die Adresse einer Firma in Göteborg namens BIR, mit der er
irgendetwas zu tun hatte.

Wenn, wie die Empfänger des Buches vermuteten, eine Gruppe von schlauen
Rätselmachern hinter dieser teuren, mysteriösen Kampagne steckte, deren Motive
noch nicht klar waren (Religiöse Propaganda? Virales Marketing?
Abwerbungsversuche?), dann war Petter Nordlund mein einziger Zugang zu ihnen.
Aber er wusste nicht, dass ich ihn besuchen würde. Ich hatte Angst, er würde
verschwinden, wenn er es wüsste. Oder er würde die schattenhafte Organisation
warnen, die hinter Sein oder Nichts steckte. Vielleicht würden sie sogar
versuchen, mich auf eine Weise aufzuhalten, die ich mir nicht ausmalen wollte.
Wie auch immer, ich entschied, dass es am klügsten war, Petter Nordlund zu
überraschen. Übersetzer arbeiten oft weit entfernt von ihren Kunden, und Petter
Nordlund wusste vielleicht gar nichts über sie.

Einige Empfänger vermuteten, Sein oder Nichts sei ein Rätsel, das sich
nicht lösen lasse, weil es unvollständig sei, und nachdem ich das Buch eine
Woche lang studiert hatte, kam ich zum selben Schluss. Jede Seite schien ein
Rätsel zu sein, dessen Lösung außer Reichweite lag.

Eine Notiz am Anfang behauptete, dass das Manuskript in einer Ecke eines
abgelegenen Bahnhofs »gefunden« worden sei. »Es lag für jeden sichtbar da, aber
ich war der einzige, der neugierig genug war, es aufzuheben.«
Dann folgten
einige elliptische Zitate:»Mein Denken hat Muskeln.« ALBERT EINSTEIN
»Ich
bin eine seltsame Schleife.« DOUGLAS HOFSTADTER
»Das Leben sollte ein
freudiges Abenteuer sein.« JOE K
Das Buch hatte nur 21 beschriebene Seiten,
auf einigen stand jedoch nur ein einziger Satz.

Auf Seite 18 las man beispielsweise nur: »Am sechsten Tag, nachdem ich
aufgehört hatte, das Buch zu schreiben, saß ich in Bs Wohnung und schrieb das
Buch.«

Und alles war sehr teuer hergestellt worden, mit Papier und Tinte in höchster
Qualität – auf einer Seite war eine filigrane vollfarbige Abbildung eines
Schmetterlings – und das ganze Unterfangen musste jemanden oder eine Gruppe sehr
viel Geld gekostet haben.

Es zeigte sich, dass das fehlende Puzzleteil keine geheime Nachricht in
unsichtbarer Tinte war, aber es gab eine andere Möglichkeit. Auf Seite 13 jedes
Exemplars war sorgfältig ein Loch herausgeschnitten worden. Einige Wörter
fehlten. Hatte die Lösung des Rätsels etwas mit diesen fehlenden Wörtern zu
tun?

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