Für meine Tochter

Kapitel 1 Schuhfallen, Klingelsturm und erst mal frische Brötchen

»Warum kennst du meinen Namen?«, flüstere ich.

Die kleine Nixe grinst mich an. Ihre langen Haare schweben im Wasser. Ein bisschen sieht es aus, als würde sie inmitten von feuerroten Seealgen herumdümpeln.

»Hihihi«, gluckert die Nixe und spritzt mir Wasser ins Gesicht.

»He!«, mache ich und halte schützend die Arme hoch.

Aber die Nixe spritzt immer weiter. Ich strecke eine Hand nach ihr aus und die kleine Meerjungfrau hört mit dem Lachen auf. Dafür fängt sie an zu winseln. Und anstatt nasser Nixenhaut spüre ich weiches, wuscheliges und absolut trockenes Fell unter meinen Fingern.

»Sp-protte?«, murmele ich und öffne mein linkes Auge einen Spaltbreit.

Der kleine, goldbraune und ziemlich zottelige Hund liegt neben mir im Bett. Mit großen, fast schwarzen Augen guckt er mich an, fiept ein bisschen und schleckt mir mit der Zunge über die Hände, die ich immer noch wie einen Schutzschild vor mein Gesicht halte.

»Sprotte, du Schlabberhund! Du hast mich geweckt, dabei habe ich gerade so schön von der kleinen Nixe geträumt.« Ich seufze ein bisschen und Sprotte bellt. Dann versucht er, mich schon wieder abzulecken. Schnell weiche ich ihm aus und hocke mich hin.

»Ist es denn schon Morgen?« Ich öffne das runde Leuchtturmfenster über meinem Bett. Die Sonne strahlt am hellblauen Himmel über dem genauso hellblau schimmernden Meer. Ich winke Richtung Wasser und wispere: »Guten Morgen, kleine Nixe. Kannst du mich sehen?«

Plötzlich zieht ein riesiger, dunkler Schatten über das Wasser. Und irgendwie fühlt es sich so an, als würde es gleichzeitig kälter werden. Ich bekomme jedenfalls eine ordentliche Gänsehaut und Sprotte fängt an zu jaulen. Ziehen etwa Wolken auf? Sprotte hasst Gewitter. Um besser sehen zu können, strecke ich den Kopf hinaus. Aber der Himmel ist weiterhin wunderbar sonnenblau.

»Komisch«, murmele ich. »Sprotte, spürst du das auch?«

Wie zur Antwort springt Sprotte mich an und gemeinsam fallen wir zurück auf die Matratze.

»Wuffwuff«, kläfft das Fellknäuel und wedelt wie verrückt mit dem Schwanz. Sein ganzer Hintern schwingt dabei so sehr hin und her, dass ich Angst bekomme, er fällt vor lauter Wackeln gleich vom Bett.

»Na, du freust dich ja auf den neuen Tag«, sage ich und richte mich auf. Ich gucke noch mal raus. Aber das Wasser ist wieder hellblau, der Sommermorgen strahlt klar und völlig wolkenfrei. Nur kalt ist es immer noch. Dabei ist doch Hochsommer!

Es klingelt. Sofort winselt Sprotte, springt vom Bett und kratzt an der Tür. Ich muss lachen: »Oder freust du dich auf deine neue beste Freundin?«

Sprottes neue beste Freundin ist übrigens auch meine neue beste Freundin. Denn bestimmt ist es Sara, die geklingelt hat. Und bei Sara und Sprotte, die sich hier im Leuchtturm kennengelernt haben, da war das eindeutig Liebe auf den ersten Blick.

Bei mir und Sara war es eher Liebe auf den zweiten Blick. Ach was, auf den siebten oder achten Blick vielleicht. Frühestens. Aber jetzt ist sie auch meine Freundin. Und bis auf Uroma ist sie die Einzige auf der ganzen Welt, die mein Geheimnis kennt. Nicht mal Eddie weiß, dass ich vor ein paar Wochen einer kleinen Nixe das Leben gerettet habe. Dabei ist er auch mein bester Freund. Und das schon, seitdem ich denken kann.

Manchmal finde ich, ich muss ihm unbedingt davon erzählen. Aber was ist, wenn er mich für verrückt hält? Denn es ist so: Nur weil ich plötzlich geheimnisvolle Meereswesen sehen kann, heißt das noch lange nicht, dass es irgendwer anderes auch kann. Sara jedenfalls hielt die Nixe für einen Fisch! Und Uroma hat mir erzählt, dass es auch schon seit vielen, vielen Jahren keinen mehr in unserer Familie gab, der diese Fähigkeit hatte. Obwohl es früher immer mal wieder einen Leuchtturmwärter aus der Familie Luck gegeben hat, der die magischen Wesen der Meere erkennen konnte.

Schon wieder klingelt es. Wieso macht denn keiner auf? Um diese Uhrzeit ist Uroma doch eigentlich längst wach. Oder wenigstens Mama. Nur Papa ist bestimmt schon weg und bei seiner Fischforscher-Arbeit im Aquarium.

Ich mache meine Zimmertür auf und Sprotte rast die Treppen hinab. Viel zu schnell.

»Immer mit der Ruhe!«, rufe ich ihm noch hinterher. Aber zu spät. Ich höre ein Poltern, ein Jaulen und dann jämmerliches Fiepen.

»Oh nein!« Ich haste die Wendeltreppe runter, so schnell es geht.

Am Treppenabsatz liegt Sprotte mitten in einem Haufen von Schuhen. Ich beuge mich zu dem kleinen Hund hinunter, um zu schauen, ob er sich verletzt hat. Da springt er schon wieder auf, mit einem solchen Schwung, dass die Schuhe nur so durch die Gegend fliegen.

»Was ist denn das für ein Krach hier? Mitten in der Nacht und mitten in den Ferien!« Lula, meine große Schwester, steht ein paar Stufen über uns, gleich neben ihrer Zimmertür, und funkelt uns genervt durch ihren polangen, blonden Haarvorhang hindurch an.

»Sprotte ist über deine doofen Latschen gestolpert, die hier überall herumstehen!«, erwidere ich. »Außerdem ist es weder mitten in der Nacht noch mitten in den Ferien.« Die Ferien sind nämlich nächste Woche schon vorbei.

»Das sind keine doofen Latschen!« Empört wischt sich Lula die Haare aus dem Gesicht.

In dem Moment fängt Sprotte erneut an, aufgeregt zu bellen, und wieder klingelt es an der Leuchtturmtür. Und zwar Sturm.

»Ist ja gut!«, rufe ich. »Ich komme schon!«

Ich reiße die Tür auf. Ein kalter Luftzug weht mir entgegen. Und noch bevor ich blinzeln kann, ist Sprotte durch meine Beine durchgeflitzt und in Saras Arme gesprungen. Denn es ist natürlich Sara, die vor der Tür steht. Und Eddie hat sie gleich mitgebracht.

Während Sara und Sprotte sich anhimmeln, Sprotte bellend und Sara kraulend, stellt Eddie fest: »Wie schön, dass wir nicht herausfinden konnten, wo Sprotte hergekommen ist. Jetzt ist er also offiziell der Deichdorfer Leuchtturmhund. Aber«, fügt er hinzu und deutet auf Sara, die jetzt Sprotte irgendwas ins rechte Schlappohr flüstert, »anscheinend ist er eigentlich Saras Hund.«

»Allerdings«, gebe ich zu.

»Im Turm ist Sprotte besser aufgehoben, hier ist immer jemand zu Hause«, meint Sara. »Doch ich habe vor, ihn jeden Tag zu besuchen!«

»Und mich auch, hoffe ich.« Ich lache.

Sara lächelt mich an.

»Wo ist Uroma eigentlich?«, wundere ich mich und werfe einen Blick in die leere Küche.

»Ich bin hier!« Uroma kommt um den Turm herum, in der Hand ein paar Kräuter. Bestimmt ist das Herrn Svenssons Frühstück.

»Soll ich die Schildkröte füttern?«, fragt Eddie, der sich so gut bei uns auskennt, dass er weiß, wie es läuft.

»Das ist lieb, Eddie«, erwidert Uroma. »Aber das wird Linus sich nicht nehmen lassen?«

»Wer will mir was wegnehmen?« Mein kleiner Bruder kommt nun auch noch raus. Mit seinen abstehenden Haaren und dem bunten Piratenpyjama sieht Linus aus, als wäre er gerade aus dem Bett gefallen. Ist er wahrscheinlich auch.

»Hier, gib das Herrn Svensson«, sagt Uroma und drückt Linus die Kräuter in die Hände.

Der schlüpft in ein Paar grüne Gummistiefel, die vor der Tür stehen, und stapft zum Schildkrötengehege.

»Sprotte hat schon wieder Löcher in Herrn Svenssons Zuhause gebuddelt«, murmelt er, als er an Sara und Sprotte vorbeigeht und klingt dabei ziemlich griesgrämig. Ich glaube, das liegt daran, dass er immer noch ein bisschen enttäuscht darüber ist, dass es Sprotte war, der uns letztens in der Nacht so erschreckt hat und der so gerne überall Löcher buddelt, und nicht etwa ein Klabautermann. Dabei müsste Linus nur mal in den Spiegel schauen. Im Moment sieht er selbst wie so ein kleiner Schiffskobold aus.

»Und wir wollen auch frühstücken, was meint ihr?«, schlägt Uroma vor. »Unser Essen ist nämlich im Anmarsch.«

Bevor ich sie fragen kann, was sie damit meint, ertönt ein fröhliches »Huhu« von der Straße, und Mama kommt keuchend den Leuchtturmhügel hinaufgeradelt.

»Puh!«, stöhnt sie mit knallrotem Gesicht. Ihre blonden Locken sind fast so zerzaust wie die von Linus. »Bergauf ist ganz schön anstrengend!«

Sie stellt ihr Rad neben den Fahrrädern von Sara und Eddie ab, hält eine riesige Tüte mit der Aufschrift »Schneiders schnieke Küstenschnitten« hoch und marschiert in die Küche. Wir folgen ihr.

»Wer soll denn die alle essen?«, frage ich, als Mama Brötchen in den Brotkorb schüttet und mehr als die Hälfte von ihnen danebenkullern.

»Ist euer Gästezimmer wieder vermietet?«, erkundigt sich Eddie mit dem Blick auf den Brötchenberg.

»Leider nein.« Mama guckt ein bisschen traurig. Die Ferien sind fast vorbei. Und seitdem Sara und ihre Mutter in die Wohnung über dem Kaufmannsladen in Deichdorf gezogen sind, haben sich keine neuen Feriengäste angemeldet. Dabei würde Mama nichts lieber tun als Gäste bewirten.

Uroma stellt Mama eine Tasse mit Kaffee vor die Nase und sagt: »Nur Geduld, meine Liebe!«

Mama seufzt und setzt dann wieder ein riesiges Lächeln auf. »Wir haben heute viel vor. Drum esst!«

»Was haben wir denn vor?« Lula schnappt sich ein Hörnchen, tunkt das Ende in die kleine Schale mit Erdbeermarmelade und beißt ab.

»Hast du es schon vergessen?« Linus quetscht sich neben Sara und Lula auf die Küchenbank. »Mama will heute unsere selbst gemachten Muschelschildkröten auf dem Markt verkaufen.«

Mit Saras Hilfe, die sich zu Mamas großer Freude als absolutes Basteltalent herausgestellt hat, haben wir aus Muscheln, die wir am Strand gefunden haben, kleine Schildkröten gebastelt.

»Genau«, bestätigt Mama mit vollem Mund. »Und einen kleinen Ferien-Bastelstand für Kinder wollten wir doch auch einrichten. Wir machen aus Muscheln Marienkäfer. Das war übrigens Saras Idee.« Mama zwinkert Sara zu. »Man muss die Muschen rot anmalen und schwarze Punkte draufmachen. Das ist einfach und trotzdem toll«, schwärmt Mama weiter.

Sara murmelt: »Ist doch nichts Besonderes.« Und wird nun selbst marienkäferrot.

»Doch, doch. Das ist eine wunderbare Idee«, meint Mama. »Ich war heute früh übrigens schon unten auf dem Marktplatz und habe alles vorbereitet. Direkt neben eurer Fischbude, Eddie.«

Eddie grinst. »Ich muss nachher beim Fischbrötchenverkauf mithelfen«, sagt er. »Mit euch als Marktnachbarn macht die Arbeit gleich doppelt Spaß. Und zum Mittag gibt’s Rollmops.«

Beim Wort »Rollmops« verziehen Linus und Sara das Gesicht.

Kann ich gar nicht verstehen. Ich finde diese sauer eingelegten, silbernen Heringe total lecker.

Sara ist immer noch ein bisschen rot, aber strahlt glücklich und greift nach der kleinen Schildkröte, die sie um den Hals trägt. Den Anhänger hat sie zusammen mit Linus gemacht. Er ist selbstverständlich absolut unverkäuflich. Und während Linus glaubt, der Schildkrötenpanzer sei eine alte Glasscherbe, die vom Meerwasser über die Jahrzehnte ganz glatt und glänzend geschliffen wurde, weiß ich es besser: Die Scherbe ist gar keine Scherbe. Sondern eine echte Nixenschuppe!

Und während ich so die Nixenschuppe betrachte, muss ich an mein eigenes Nixending denken. Ich habe nämlich auch etwas, was einmal einer Nixe gehörte. Eine Perle. Die habe ich bekommen als Dank dafür, dass ich der kleinen Nixe das Leben gerettet habe.

Jetzt liegt der winzige, runde Schatz oben in meinem Zimmer. Sicher verborgen in meinem Geheimversteck unter dem Teppich hinter dem Schreibtisch. Zusammen mit dem alten, kleinen, in Leder gebundenen Notizbüchlein, das im Boden von Uromas Leuchtturmlaterne versteckt war. Und das voller Notizen ist. Leider völlig unleserlichen Notizen, denn das Büchlein scheint einmal nass geworden zu sein. Sara und ich studieren es immer wieder, sogar Uroma hat es schon begutachtet. Aber mehr als ein paar Wortfetzen, nämlich die Wörter rot, blau und schwarz und Meerjungfer konnten wir aus der verwischten Schrift bisher leider nicht erkennen.

Während Mama immer weiter von Saras Basteltalent schwärmt, kommt mir ein Gedanke: Ich muss Sara unbedingt bitten, mit mir einen Anhänger für die Perle zu basteln, damit ich die Perle immer bei mir tragen kann. Denn die Perle ist etwas ganz Außergewöhnliches. Hin und wieder wechselt sie ihre Farbe. Und ich habe keine Ahnung, wieso.

»Aua!«

Eddie hat mir in die Seite geknufft. »Du wirst vielleicht vom In-die-Luft-Starren satt«, sagt er. »Andere müssen dafür essen. Reich mir doch mal bitte die Butter.«

»Hahaha«, mache ich, schiebe die Butterdose über den Tisch, schnappe mir eine Rosinenschnecke und beiße ein großes Stück davon ab.

 

Kapitel 2 Fischtankgefühle, Eis und Glibberalarm

»Oh, du hast aber schicke Schuhe!« Sara deutet auf die Dinger, die an Lulas Füßen prangen.

Wir stehen im winzigen Leuchtturmflur. Die Sonne scheint durch das kleine Fenster herein und Lulas Schuhe glänzen in ihrem Schein.

Lula hebt das linke Bein und bewundert den funkelnden Schuh. »Das sind Dianetten!«

»Oh.« Sara klatscht verzückt in die Hände.

»Das sind nichts weiter als stinknormale Flipflops mit Glitzerzeug dran!«, stelle ich klar. Lula hat einen absoluten Schuhtick. Nachdem Sprotte ihre Gummiflipflops zerkaut hatte, hat sie sich diese ziemlich unpraktischen Funkeldinger gekauft. Lulas Schuhe stehen überall herum. Hauptsächlich auf den Treppenstufen. Lula hat genügend Schuhe, um jede einzelne unserer 157 Leuchtturmstufen mit Schuhen zu versehen, damit wir auch alle darüber stolpern können!

»Hab ich«, sagt Lula. »Aber es sind nur 155

»Was?« Verwirrt gucke ich meine Schwester an.

»Es sind nur 155 Stufen«, wiederholt sie.

Ich schlage mir die Hand vor den Mund. »Habe ich etwa laut gedacht?« Das scheine ich öfter zu machen. Bei all den Geheimnissen, die ich gerade so habe, sollte ich aber wirklich besser aufpassen!

Eddie schlägt mir auf die Schulter. »Mach dir nichts draus. Selbstgespräche halten jung.«

Ich muss kichern. Trotzdem versuche ich, Lula böse anzugucken, und sage: »Es sind aber 157

»Gar nicht.«

»157!« Da beharre ich drauf.

»155!« Lula stemmt die Hände in die Hüfte.

»147«, wirft Eddie ein.

»Was?« Lula und ich drehen uns zu Eddie. Der zuckt mit den Schultern und meint: »Ich wollte auch was dazu sagen.«

Sara fängt an zu lachen. Ich schnappe meine Gummistiefel und greife nach meiner Jacke.

»Da draußen sind mindestens 30 Grad!«, ruft Eddie, der mich beobachtet. »Mit der Jacke bekommst du noch einen Hitzschlag.«

»Aber es war eben eiskalt, als ich euch die Tür aufgemacht habe«, kläre ich ihn auf.

Eddie zeigt mir einen Vogel. Er geht ein paar Schritte vor die Tür und hält den Zeigefinger hoch. »Mindestens 28 Grad! Wir Fischer sind besser als jedes Thermometer.«

Ich stelle mich neben ihn. Die Sonne knallt auf uns herunter. Es ist wirklich ganz schön heiß. Komisch. Mit einem Schulterzucken hänge ich die Jacke wieder an ihren Haken und schlüpfe aus den Gummistiefeln und in meine Sandalen. Eddie grinst mich an.

Während wir uns auf die Fahrräder schwingen, winken Linus und Uroma uns zu. Sie bleiben zu Hause und kümmern sich um die Tiere. Sprotte würde Sara allerdings viel lieber folgen, doch Linus hält ihn umschlungen und krault ihm die Ohren. Zum Abschied ruft Uroma: »Bis gleich!«

»Bis gleich?«, hake ich nach.

Aber Uroma winkt nur weiter und zwinkert mir zu. Typisch Uroma. Was hat sie vor? Oder weiß sie schon wieder etwas, was wir nicht wissen? Uroma hat nämlich so was wie den siebten Sinn, und manchmal habe ich außerdem das Gefühl, sie kann Gedanken lesen. Oder zumindest so ein ganz klein bisschen hellsehen. Nur die geheimen Meereswesen kann sie nicht sehen. Nicht so, wie ich es kann.

Es dauert nicht lange, bis wir beim Marktplatz am Hafen anlangen. Kein Wunder. Der Weg in die Stadt geht um einiges schneller als der nach Hause zum Leuchtturm, denn in diese Richtung geht es bergab.

Eine Weile gucken wir uns auf dem Marktplatz um. Ich kenne jede Ecke, jede Möwe und jeden Stand. An Markttagen geht es hier so wuselig zu wie in einem Fischtank, wenn es Futter gibt.

Nun, hier gibt es auch Futter. Schon von Weitem sehe ich die Fischbrötchenbude von Eddies Familie. Die ist auch nicht zu verfehlen, denn obendrauf ragt ein riesiger Plastikhai in die Höhe. Und auf dem Bauch des Hais steht: »ICH LIEBE FISCH

»Lasst uns Hallo sagen gehen«, sagt Eddie und bahnt sich einen Weg durch das Gewimmel.

»Oder wie wär’s mit einem Eis?«, schlage ich vor. Es wird immer heißer und hier gibt es das zweitbeste Eis in ganz Deichdorf. Das Beste macht Uroma. Und außerdem habe ich Hunger, weil ich anscheinend doch zu wenig gefrühstückt habe.

»Meinetwegen«, erwidert Eddie und wechselt die Richtung.

»Ich treffe euch am Stand!«, ruft Mama uns noch zu.

Kurz vor der Eisbude stoppt Eddie so abrupt, dass ich ihm in den Rücken laufe.

»He!«, beschwere ich mich. »Was ist?«

»Schnoddertheo kauft sich gerade auch ein Eis«, sagt Eddie und verzieht das Gesicht.

»Wer ist Schnoddertheo?«, erkundigt sich Sara.

»Schnoddertheo heißt eigentlich Theo Schneider«, erkläre ich ihr. »Seine Eltern haben die kleine Bäckerei hier in Deichdorf.«

»Ah«, sagt Sara. »Schneiders schnieke Küstenschnitten.«

»Genau.«

»Schnoddertheo geht in meine Klasse«, fügt Eddie hinzu. »Nimm dich vor dem in Acht.«

»Wieso?«, will Sara wissen.