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8. Auflage, 2019

Print ISBN 978-3-415-06486-7
E-ISBN 978-3-415-06488-1

© 2002 Richard Boorberg Verlag

E-Book-Umsetzung: Datagroup int. SRL, Timisoara

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Inhalt

Kapitel 1 — Welche Rolle spielen psychologische Faktoren in Gefahrensituationen?

1. Was ist Survivability?

2. Warum Kampfsportarten (alleine) nicht immer wirkungsvoll sind

3. Die „fünf inneren Feinde“ bei der Eigensicherung

4. Wie kann man Survivability erwerben?

Kapitel 2 — Grundlagen der Gefahrenbewältigung

1. Unterschiedliche Gefahrensituationen

2. Allgemeine und spezifische Faktoren der Survivability

3. Die Vernetzung psychologischer und körperlicher Faktoren

4. Die Notwendigkeit einer theoriegeleiteten Praxis

5. Überlebenswichtig: das richtige Weltbild

6. Das dynamische Weltbild

Kapitel 3 — Gewaltentwicklung und Gewaltvermeidung

1. Gewalt – spieltheoretisch gesehen

2. Gewaltorientierte Personen und ihre Mitspieler

3. Die vermeidbare Entwicklung von Gewalt

4. Konfliktvermeidung durch gelassene Wachsamkeit

5. Die Vermeidung von defensiver Kommunikation

6. Der Verteidigungskreis

7. Der psychologische Zaun

8. Psychisch Gestörte, Betrunkene und Rauschgiftsüchtige

Kapitel 4 — Polizeiliche Fehler bei der Eigensicherung

1. Die BKA-Studie

2. Die FBI-Studien

3. Psychologische Fehler

Kapitel 5 — Überleben ist kein Zufall

1. Man muss seine Überlebenschancen wahrnehmen

2. Test: Wie gingen die Ereignisse aus?

3. Die Überlebenschancen bei Tötungsabsicht

4. Nichtsprachliche Signale der Selbstsicherheit

Kapitel 6 — Gewaltvermeidung durch die TIT FOR TAT-Strategie

1. Sachgerechtes polizeiliches Handeln

2. Die TIT FOR TAT-Strategie

3. Der Weg des Friedens

4. Wie kann man bei gewaltbereiten Fußballfans Gewaltfreiheit erreichen?

5. Das Machtspiel gewinnen

Kapitel 7 — Die Steuerung der Situation

1. Die sachgemäße Steuerung eines Systems

2. Die friedliche Steuerung der polizeilichen Interaktion

Kapitel 8 — Mentales Judo als Voraussetzung der Eigensicherung

1. Sachgerechte polizeiliche Vorgehensweisen

2. Sachgemäße Denkstrukturen

3. Mentales Judo

Kapitel 9 — Der Gefahrenradar

1. Was ist ein „Gefahrenradar“?

2. Psychologische Grundlagen des „Gefahrenradars“

3. Kann man sich auf seine Intuition verlassen?

4. Worauf beruht eine realistische Intuition?

5. Sehen lernen

6. Beeinträchtigung der Wahrnehmung durch unangemessene kognitive Schemata

7. Warum man manchmal etwas nicht sieht

8. Der unsichtbare Gorilla

9. Welche Gegenstände können für einen Polizisten gefährlich werden?

10. Menschenkenntnis und Beobachtungsgenauigkeit

11. Wichtig: die Flexibilität der Wahrnehmung

12. Wahrnehmungsprobleme bei schlechten Sichtverhältnissen

13. Der Gefahrenradar gegen psychologische Fallen

14. Der Gefahrenradar in Zeiten des Terrorismus

15. Voraussicht rettet Leben

Kapitel 10 — Synergistisches Denken: Die Betrachtung des Gesamtsystems

1. Die synergistische Persönlichkeit

2. Respekt

3. Die Notwendigkeit von ICH-freiem Denken

4. Denkstrukturen, die mit systemischem Denken verbunden sind

Kapitel 11 — Die Vermeidung von Angst

1. Die Notwendigkeit einer gelassenen Wachsamkeit

2. Der Unterschied zwischen Angst, Furcht und Stress

3. Falsche Vorstellungen von Angst und Furchtbei polizeilichen Einsätzen

4. Die Stressimpfung

5. Stressimpfung für Gefahren

6. Die Perspektive des Gegenübers berücksichtigen

Kapitel 12 — Gefahreneinschätzung mit dem Gefahrenradar

1. Die Einschätzung der Gefahrenstufen mit Farbcodes

2. Eine Verkehrskontrolle ist mehr als nur eine „Verkehrs“kontrolle

3. Die sachgemäße Vorgehensweise bei einer Fahrzeugkontrolle

Kapitel 13 — Die Einschätzung von Drohungen

1. Das Machtspiel

2. Die „Waffen“ im Machtspiel

3. Die Abschätzung des Risikos

4. Wann ist ein Bedroher gefährlich?

5. Wann tritt Gewalt nach einer Drohung auf?

6. Die Gefährdung durch den eigenen Partner

Kapitel 14 — Stalking und andere Machtspiele

1. Stalking

2. Stalking gegen Polizeibeamte

Kapitel 15 — Wie kann man einen Überfall, eine Vergewaltigung vermeiden, einem Serienmörder entkommen?

1. Wie kann man vermeiden, zum Opfer eines Überfalls zu werden?

2. Die Vereitelung einer Vergewaltigung

3. Wie kann man den Angriff eines Serienmörders überleben?

Kapitel 16 — Das Bewältigen einer Krise (Phasen des Überlebens bei einem Schusswechsel)

1. Der Polizist erkennt: Schwierigkeiten kommen auf mich zu

2. Die Wahrnehmung der Verletzbarkeit

3. Ich muss etwas tun

4. Überleben

5. Es geht los

6. Reaktion: handeln

Kapitel 17 — Wenn das eigene Leben bedroht ist

1. Das psychologische Immunsystem in lebensbedrohlichen Situationen

2. Die Denkstruktur von „Überlebensexperten“

3. Überleben durch Aktivierungdes psychologischen Immunsystems

4. Die Gefahr der Schockstarre und ihre Überwindung

Kapitel 18 — Nach dem Ereignis

1. Posttraumatische Störungen

2. Die zukünftige Benutzung der Schusswaffe

Kapitel 19 — Der Aufbau einer TIT FOR TAT-Kultur

1. Gefahrenvermeidung in gewaltbereiten Umgebungen

2. Wie kann man eine vertrauensvolle Atmosphäre aufbauen?

3. Der erfolgreiche Einsatz der TIT FOR TAT-Strategiein einer Jugendgang

4. Der Aufbau von Respekt

5. Überleben durch Beachtung der TIT FOR TAT-Strategie

Kapitel 20 — Die Überlebenspersönlichkeit

1. Die Persönlichkeitsstruktur von „Überlebensexperten“

2. Das Persönlichkeitsmodell von Mischel

3. Der Einfluss der Bindungsstile

Kapitel 21 — Die Ermittlung des Gefährdungspotenzials

1. Das Gefährdungspotenzial der Situation

2. Verhaltensweisen, die eine Gefährdung erzeugen

3. Wer ist gefährdet?

4. Die Ermittlung des Gefährdungspotenzials

5. Verhaltensbeschreibungen von Polizisten, die angegriffenoder im Dienst getötet wurden

Kapitel 22 — Wer hat einen guten Gefahrenradar?

1. Kann man bei Bewerbern erkennen, ob sie zu einem passiven Lebensstil neigen?

2. Der Vergleich der Polizeischüler mit „Sicherheitsexperten“

3. Welche Faktoren fördern oder hemmen den Gefahrenradar?

Kapitel 23 — Wie kann man das Sicherheitsbewusstsein verstärken?

1. Zur Eigensicherung provozieren

2. Grundlagen des provokativen Gesprächsstils

3. Techniken des provokativen Stils

4. Möglichkeiten und Grenzen der Verhaltensänderung

Kapitel 24 — Sind Sie vorbereitet und einsatzkompetent?

1. Sind Sie auf das Phänomen Suicide by cop vorbereitet?

2. Können Sie den „lagebedingten Erstickungstod“ verhindern?

3. Kennen Sie die unterschiedlichen Motivationenvon gewaltbereiten Personen?

4. Sind Sie mit den möglichen Strategienvon Kriminellen vertraut?

5. Sind Sie mit Kampf- und Angriffstechnikenvon gewaltbereiten Personen vertraut?

6. Sind Sie auf die Begegnung mit Angehörigenvon Hassgruppen vorbereitet?

7. Haben Sie die Bewältigung gefährlicher Lagen eingeübt?

Kapitel 25 — Das Training der Eigensicherung

1. Was ist das Besondeream psychologischen Eigensicherungstraining?

2. Möglichkeiten zur Verbesserung des Gefahrenradars

3. Die Notwendigkeit von Realitätstrainings

4. Fragen für Übungen

Literatur

Stichwortverzeichnis

Psychologie der Eigensicherung

Überleben ist kein Zufall

Dr. Uwe Füllgrabe

Dipl.-Psychologe
Psychologieoberrat a. D.

8., aktualisierte und erweiterte Auflage, 2019

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Für meinen Enkel Daniel


Einleitung

Überleben ist kein Zufall! Dies gilt auch und spezifisch für Polizeibeamte in gefährlichen Situationen, wie deutsche und amerikanische Untersuchungen belegen. Denn in vergleichbaren Situationen wurden einige Polizisten angegriffen, verletzt oder sogar getötet und andere nicht (Pinizzotto, Davis & Miller, 1995, 1997, 1999). Dieses Buch beschäftigt sich deshalb umfassend mit der Survivability (von to survive = überleben und ability = Fähigkeit), der Überlebensfähigkeit, d. h. der (den) Fähigkeit (en), gefährliche Situationen zu vermeiden, zu bewältigen oder zu überleben. Diese Fähigkeit besteht aus verschiedenen Kenntnissen, Fähigkeiten, aber auch inneren Einstellungen u. Ä.

Survivability ist die psychologische Grundlage und Voraussetzung der erfolgreichen Gefahrenbewältigung. Die Bedeutung der Psychologie dabei wird bereits alleine schon durch die Tatsache dokumentiert, dass viele polizeiliche Techniken psychomotorische Fähigkeiten beinhalten, wobei körperliche und psychologische Faktoren eng verzahnt sind. Und dass das bloße Üben von Techniken nicht ausreichend ist, belegt die in der Praxis und sogar in Rollenspielen nicht selten beobachtbare Tatsache, dass es relativ vielen Polizeibeamten schwerfällt, eine psychologische Schwelle zu überschreiten und den Schritt vom Sprachlichen zum praktischen Handeln zu machen: Wenn jemand bedrohlich direkt auf sie zugeht oder sich weigert, einer Anordnung zu folgen oder sie beschimpft (s. z. B. Gruber und Jedamczik, 2000). Dieses Buch zeigt auch auf, dass das Beherrschen von Kampfsport alleine nicht immer gegen Angreifer hilft. Psychologische Faktoren spielen nämlich in dieser Situation eine wichtige Rolle.

Deshalb entstand dieses Buch auf der Grundlage von Ereignissen aus der polizeilichen Praxis, unter Berücksichtigung wissenschaftlicher Erkenntnisse. Dabei wird auch gezeigt, dass man einen Paradigmenwechsel vornehmen muss, denn manche Sachverhalte sind nur verständlich und die damit verbundenen Probleme lösbar, wenn man sie aus einer völlig anderen Perspektive betrachtet, z. B. aus einem Blickwinkel einer zwischenmenschlichen Spieltheorie.

Dieses Buch liefert Hinweise darauf, wie man in gefährlichen Situationen seine Überlebenschancen erhöhen kann, und vermittelt einen realistischen Optimismus: Man hat selbst in Gefahrensituationen mehr Chancen, als man glaubt.

Dazu geht dieses Buch u. a. auf folgende Fragen ein:

Deshalb ist dieses Buch für jeden von Nutzen, der mit Gefahrensituationen zu tun hat, beruflich, wie Polizisten, Werkschutzpersonal, Personenschützer, Angehörige der Justiz, Personal in psychiatrischen Kliniken, Feuerwehrleute usw., aber auch im privaten Bereich, etwa Frauen, die von ihrem Partner bedroht werden, in Fällen von Stalking, bei Drohanrufen, wer einen Überfall vermeiden will oder beim Trekking, wie der Internationale Wildnisführer Verband in einer Besprechung dieses Buches betonte. Denn in vielen Situationen muss man einen „Gefahrenradar“ entwickeln, sich durch eine „Stressimpfung“ auf Krisen vorbereiten und dann das „psychologische Immunsystem“ aktivieren.

Die Tatsache, dass sich in der letzten Zeit nicht nur Angriffe auf Polizisten häufen, sondern sogar auf Feuerwehrleute und Rettungskräfte, belegt die Notwendigkeit dieses Buches.

In die 8. Auflage wurde ein neues Kapitel eingefügt, in dem die Möglichkeiten geschildert werden, wie man einen Überfall und eine Vergewaltigung vermeiden kann und die Möglichkeiten, einem Serienmörder zu entkommen.

Neuere Untersuchungen zeigen, dass viele Personen (auch Polizisten!!) es nicht bemerken, wenn unerwartete Objekte in ihr Blickfeld geraten, selbst wenn diese Objekte eine potenzielle Gefahr darstellen. Dies belegt, wie wichtig der Gefahrenradar ist.

Januar 2019

Dr. Uwe Füllgrabe

Kapitel 1
Welche Rolle spielen psychologische Faktoren in Gefahrensituationen?

1. Was ist Survivability?

Der Untertitel dieses Buches lautet: Überleben ist kein Zufall. Tatsächlich ist das Überleben gefährlicher Situationen kein Zufall. Siebert (1996) hatte nämlich darauf hingewiesen, dass Personen, die Gefahrensituationen und andere Krisen erfolgreich bewältigt hatten, sich durch bestimmte Merkmale und Verhaltensstrategien auszeichneten. Leider fehlte seiner Darstellung eine tiefer gehende Systematik. Ich habe deshalb die „Methode der kritischen Vorfälle“ (critical incidents), Cronbach (1966), benutzt, um die entscheidenden Faktoren herauszufiltern.

Bei dieser Methode werden Menschen, die in bestimmten Situationen erfolgreich handelten, mit solchen Menschen verglichen, die versagt hatten. Konkret auf die Gefahrenbewältigung bezogen, bedeutet das: Was taten Menschen, die Gefahren erfolgreich bewältigt hatten? Was dachten sie dabei? usw. Und was machten Menschen nicht oder falsch, die zum Opfer wurden? Dann kann man interessante und überraschende Muster finden, die man durch bloßes Nachdenken am Schreibtisch nicht finden würde. So stellte ich bei mehreren Fällen von Personen, die dem Ertrinken nahe waren, fest, dass in ihren Gedanken wichtige Bezugspersonen auftauchten, was dem Gefühl der Hoffnungslosigkeit entgegenwirkte und auf sie beruhigend und motivierend wirkte, also die Voraussetzung für das Entkommen aus der Gefahr schuf. Auch im Falle eines Piloten, der in den Anden abstürzte, und in vielen Fällen von Polizisten, die schwerste Verletzungen erlitten, war das Denken an Bezugspersonen der Grundstein für ihre Rettung (s. Kap. 16).

All dies kann man nicht ermitteln, wenn man z. B. nur Statistiken über Angriffe auf Polizisten analysiert. Denn diese sagen nichts aus über das Denken und Handeln von Menschen und vor allem nichts darüber, was sich in der Interaktion zweier Menschen konkret abspielte, wie man den Konflikt hätte vermeiden können usw. Statistiken haben also nur einen sehr begrenzten Wert für das Verständnis von Gewalt und Eigensicherung. Und vor allem geben sie keine praktischen Handlungshinweise.

Aber auch die bloße Darstellung einzelner Fälle ist aus theoretischen und praktischen Gründen nicht ausreichend. Denn es ist wichtig, übergeordnete Muster zu finden und einen inneren Zusammenhang der Faktoren herzustellen. Dazu habe ich aus den empirisch gewonnenen Informationen und wissenschaftlichen Erkenntnissen ein Modell entwickelt, das ich Survivability (von to survive und ability) nannte und sich auf die psychologische Seite des Überlebens bezieht. Dieses Modell ist umfassend, weil es sich mit allen Phasen einer Gefahrensituation beschäftigt: vor, während und nach dem Ereignis und dafür jeweils konkrete Handlungshinweise gibt.

Survivability umfasst drei Bereiche:

Manche Menschen bewältigen Gefahrensituationen besser als andere, weil sie sich von diesen unterscheiden hinsichtlich:

Man muss freundlich sein, aber sich sofort gegen Betrug, Gewalt usw. wehren.

Das mentale Judo besteht aus vier Stufen, je nach dem Stadium der Gefahr:

Eigensicherung:

Bewältigung der Phasen einer Krise durch:

Selbst wenn man schwer verletzt wird oder sich in Todesgefahr befindet, hat man immer noch Überlebenschancen, wenn man das psychologische Immunsystem aktiviert. Es besteht konkret aus Gedanken an wichtige Bezugspersonen, Ärger über den Täter u. Ä., um Gefühle und Gedanken der Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit zu verhindern und um zu lebensrettendem Handeln zu motivieren.

Überlegungen: Was kann ich aus dem Ereignis lernen? Was kann ich besser machen?

Es gibt keinen absoluten Schutz gegen Gefahren (selbst Siegfried in der Nibelungensage hatte keinen), doch hat man es selbst in der Hand, seine Überlebenschancen beträchtlich zu erhöhen, durch Aktivwerden, statt passiv zu bleiben. Oder, wie es Thompson (1997) in seinem Buchtitel formulierte: „Dead or alive: The choice is yours“ („Tot oder lebendig: Du hast die Wahl“).

Survivability hilft aber nicht nur, gefährliche Situationen zu bestehen, sondern ist auch ein wirksamer Schutz gegen das Auftreten posttraumatischer Symptome. Da posttraumatische Symptome dadurch entstehen, dass man plötzlich unvorbereitet von einer Katastrophe überrascht und dadurch das Gefühl der Unverletzbarkeit zerstört wurde (Janis, 1971), ist man durch die mentale und technische Vorbereitung auf solche Situationen auch vor solchen Symptomen geschützt. Deshalb gilt das Prinzip: Expect the unexpected! Be prepared! (Erwarte das Unerwartete! Sei vorbereitet!).

In Kampfsportkreisen ist man sich einig, dass in Gefahrensituationen die Psychologie eine wichtige Rolle spielt (z. B. Nishiyama & Brown, 1960). Doch was bedeutet Psychologie in diesem Zusammenhang genauer? Wer einen Blick in Psychologiebücher wirft, wird enttäuscht werden. Man findet nichts (oder kaum etwas) über die Entstehung gefährlicher Situationen, wie man Gefahren erkennen kann, wie man sich in gefährlichen Situationen verhalten soll, um nicht zum Opfer zu werden usw.

Selbst in einem sehr informativen Buch über Bereiche der Rechtspsychologie (Volbert & Steller, 2008) findet man lediglich ein Kapitel zu Gewaltsituationen, das sich aber nur mit dem Thema Opfererfahrung (Greve, 2008) beschäftigt. Dies ist nicht nur aus wissenschaftlicher Sicht unangemessen, weil hier nur der häufig vermeidbare Endzustand einer gewalttätigen Interaktion abgehandelt wird, aber nicht, was sich bereits vorher abspielte. Dahinter steckt auch ein pessimistisches Weltbild: Wenn man Pech hat, wird man zum Opfer. Es werden also keine Strategien und Verhaltensweisen in Betracht gezogen, dass man eben nicht zum Opfer wird. Dies ist umso erstaunlicher angesichts der Tatsache, dass man sogar Chancen hat, einem Serienmörder zu entkommen, durch Aktivwerden, wie Ressler et al. (1986, S. 307; s. a. Füllgrabe, 1997, S. 310; 2016, S. 336) zeigten: vor dem Angreifer verstecken, aus dem Auto springen, Tod vortäuschen, aus der Gegend fliehen (wie z. B. Rhonda Stapley, die dem Serienmörder Ted Bundy entkam), dem Angreifer die Waffe aus der Hand schlagen, um Hilfe schreien. Eine Frau wartete die günstige Gelegenheit ab, bis der Täter die Pistole nicht mehr auf sie richtete (er wollte ihre Hände zusammenbinden). Die Pistole war eine Todesdrohung, doch gefesselt zu werden, erhöhte die Verletzbarkeit der Frau. So riskierte sie den Kampf trotz Pistole. Die Praxis zeigt nämlich, dass jemand, der sich fesseln lässt, leichter Opfer einer Gewalttat wird. Ein pessimistisches Weltbild hingegen verhindert also nicht nur die technische Vorbereitung auf gefährliche Situationen (z. B. durch Sicherheitsmaßnahmen, Selbstverteidigungstechniken), sondern auch die Ausbildung problemlösender innerer Monologe (Gedanken) in / für gefährliche Situationen. In solchen Situationen sind statt lähmender Gedanken motivierende und problemlösende Gedanken notwendig.

Dieses Buch soll also sowohl aus theoretischen als auch praktischen Gründen zum Thema Gewalterkennen und Gewaltbewältigung eine Lücke schließen.

2. Warum Kampfsportarten (alleine) nicht immer wirkungsvoll sind

Der Begriff Survivability wird meist bezogen auf konkrete Techniken zum Überleben in der Wildnis oder in der kriegerischen Auseinandersetzung. Aber seltsamerweise wurde nie oder kaum die psychologische Seite des Überlebens betrachtet.

Wie wichtig aber die psychologische Komponente in gefährlichen Situationen ist, zeigen verschiedene Beispiele. So erweisen sich Kampfsportarten (gleichgültig ob mit japanischem, koreanischem, chinesischem o. ä. Hintergrund) in Gefahrensituationen nicht immer als wirkungsvoll. Kain (1996, S. 147) erwähnt z. B. einen 3. Dan Karate, der eines Tages zu einem von Kain veranstalteten Kurs erschien, mit einem Gesicht, das zerschlagen und voller Blutergüsse war. Er berichtete, dass er letzte Nacht überfallen wurde. Eine Amerikanerin (2. Dan Karate) und Gewinnerin mehrerer Kata- und Kumitemeisterschaften wurde abends überfallen und vergewaltigt (http://modelmugging.org/choosing-a-course-for-women/martial-science/evolution-of-martial-science/).

Diese Fälle mögen auf den ersten Blick erstaunlich sein, weil es sich nicht um Anfänger(innen) handelte und man ja im Kumite (Wettkampf) die körperliche Auseinandersetzung einübt. Bei einer Kata geht es nicht „Mann gegen Mann“, sondern der Einzelne führt – je nach Kata – jeweils bestimmte Bewegungen und Techniken aus, die genau vorgegeben sind. Ein Ziel der Katas ist auch, auf Angreifer vorbereitet zu sein. So gab z. B. die Japan Karate Association (JKA) Anfang der 1960er Jahre sechs Filme mit den Techniken des (Shotokan-) Karate heraus. In Film Nr. 3 werden u. a. mehrere Katas dargestellt, wobei in zwei Fällen die Katas zunächst nur durch den Einzelkämpfer dargestellt werden. Danach wird die Bedeutung und Anwendung der Techniken dadurch demonstriert, dass verschiedene Angreifer nacheinander angreifen. Dabei stellt sich natürlich die Frage, ob man von mehreren Angreifern immer in derartiger Form angegriffen wird.

Aber weder Kumite noch Kata helfen offensichtlich in jedem Falle gegen eine gewaltbereite Person, denn der sportliche Wettkampf bereitet einen zumeist nicht darauf vor, was sich an Gewalt auf der Straße abspielt. Abgesehen davon, dass man im Gegensatz zum Wettkampf oft völlig durch einen Angriff überrascht wird, besteht zumeist Unkenntnis über die Psychologie gewaltbereiter Personen.

Thompson (1997) stellte nämlich häufig folgendes Angriffsmuster fest: Ein Angreifer nähert sich einem potenziellen Opfer zunächst in einer nicht-bedrohlichen Weise und beginnt ein Gespräch. Er fragt nach der Uhrzeit, einem Streichholz, oder er will Geld gewechselt haben. Sein Ziel ist, dass man sich gedanklich mit seiner Frage beschäftigt, sodass man nicht die Waffe sieht, die er zieht, oder seinen Komplizen, der sich nähert. Diese Strategie ist sehr geschickt, denn durch die Frage werden die geistigen Kapazitäten des Opfers voll auf die Beantwortung dieser Frage gelenkt, sodass der Angreifer unbemerkt seinen Angriff starten kann, während das Opfer noch über die Frage nachdenkt. Besonders wirkungsvoll ist eine abstrakte Frage wie z. B.: „Wie war der Börsentag heute?“ Während der Angesprochene noch rätselt, was diese Frage überhaupt mit ihm zu tun hat, und darüber nachdenkt, kann der Täter leichter angreifen.

Ein Straßenkämpfer sagte potenziellen Opfern, dass er nicht kämpfen wolle, bevor er sie aber tatsächlich angriff. Diese „unterwürfige Ablenkung“ (Thompson, 1997): „Ich möchte keinen Ärger, können wir darüber reden?“ oder Ähnliches verringert das Aktivierungsniveau des potenziellen Opfers, weil diese Formulierung ihm (allerdings nur scheinbar) sagt, dass die Gefahr vorüber ist und es entspannt sein kann.

Thompson kennt viele erfahrene Kampfsportler, die von einem körperlich Schwächeren besiegt wurden, weil sie vor dem Angriff abgelenkt wurden.

Weitere der möglichen Gründe für ein derartiges Versagen des Erlernten in einer realen Gefahrensituation hat Kernspecht (2011) herausgearbeitet.

Die Kenntnis von Selbstverteidigungstechniken kann aber dennoch oft nützlich sein. Kain (1996) zeigt aber einen wichtigen psychologischen Faktor dafür auf:

Eine Gruppe von Männern näherte sich drei 18-jährigen Mädchen in der Absicht, sie zu vergewaltigen. „Das Element der Überraschung, kombiniert mit wilder Gewalt, kann bei der Konfrontation auf der Straße wirkungsvoll sein.[…] Eines der Mädchen konnte Karate und trat einem der Männer in die Genitalien, ein zweites Mädchen, das keine Kampfsportarten betrieb, schlug mit ihrer Tasche in die Genitalien eines anderen Mannes, und die Mädchen konnten unbeschadet entkommen. Selbst wenn man deutlich in der Unterzahl ist, kann schnelles Denken und explosives Handeln Sie retten“ (Kain, 1996, S. 164–165). Hier wirkt also das, was Kernspecht als das „Berserkerprinzip“ bezeichnet: dass jemand mir großer Entschlossenheit und reiner Gewalt einen anderen überwindet. Er zitiert dazu einen eher schmächtigen Mann, der nach einer Beleidigung seiner Ehefrau einen ehemaligen Boxchampion mit einem einzigen Schlag ausschaltete.

Welche Chancen hat aber ein 7-jähriges Kind, wenn ein 25-jähriger Mann, der wegen Totschlags verurteilt wurde, aber auf Bewährung frei ist, versucht, es zu entführen? Ein Video aus den USA zeigt dies (http://abcnews.go.com/blogs/headlines/2012/02/caught-on-tape-girl-fights-off-…):

Die 7-Jährige stand alleine in einem Einkaufszentrum, während ihre Mutter in einem anderen Teil des Ladens war. Der Täter griff nach ihr und versuchte, sie aus dem Laden zu führen, während er versuchte, sie zum Schweigen zu bringen. „Ich schrie, trat ihn und versuchte zu entkommen, und er legte seine Hand über meinen Mund.“, berichtete das Mädchen später. Ihr Kämpfen erwies sich als wirkungsvoll, denn der Täter ließ sie schnell los und rannte aus dem Laden. Er wurde später gefasst.

Man beachte: Das Mädchen erstarrte nicht vor Schreck oder begann zu weinen. Vielmehr wurde es aktiv. Und es weiß, was es tun würde, wenn dies wieder geschehen würde: „Immer schreien, versuche zu schreien, und tritt so hart wie Du kannst, und suche nach jemand, dem Du vertrauen kannst.“

3. Die „fünf inneren Feinde“ bei der Eigensicherung

Warum reagieren aber nicht alle Menschen so konstruktiv wie die 7-Jährige oder die Mädchen in den anderen Beispielen? Weil sie offensichtlich nicht die entsprechende innere Haltung haben. Aber warum machen Polizisten, die doch wissen müssten, dass sie sich häufig potenziell in Gefahrensituationen aufhalten, relativ viele Fehler bei ihrer Eigensicherung (s. z. B. Kapitel 4)?

Es gibt mindestens „fünf innere Feinde“, die einer sachgerechten Eigensicherung entgegenstehen:

1. Überheblichkeit

Ein älterer deutscher Polizist sagte zu einem jungen Kollegen „Junge, Du brauchst die Schutzweste nicht zu tragen, Brust anspannen und abprallen lassen!“ Offensichtlich wollte er damit zeigen, wie lässig er ist. Doch in Wirklichkeit ist dies ein negatives Zeichen, denn der Satz ist Ausdruck eines passiven Lebensstils: Dieser ist – wie meine Untersuchungen zeigen (Füllgrabe, 1993) – generell problemerzeugend: u. a. erzeugt er unkooperatives Verhalten, ist leistungsmindernd und gesundheitsgefährdend. Noch gefährlicher ist aber, dass der Satz eine eher lasche Haltung im gesamten Dienst widerspiegelt, was ein zumeist übersehenes großes Gefahrenpotenzial darstellt. Gewaltbereite können nämlich derartige (nichtsprachliche und sprachliche) Signale der unprofessionellen Haltung gut „lesen“, als leichte Verletzbarkeit des Betreffenden deuten und als Aufforderung zu einem Angriff ansehen (Pinizzotto & Davis, 1999). Ein typisches Beispiel dafür, wie ein passiver Lebensstil zum Tode eines Polizisten führen kann, s. S. 88 f.

2. Angst

Es ist wichtig, sich von einigen falschen Vorstellungen zu trennen. So kann man z. B. immer wieder hören, um sich vor Gefahren zu schützen, müsse man „Angst haben“. Dies ist ein Beleg dafür, wie oberflächlich manche Begriffe benutzt werden. Angst ist nämlich ein gefühlsmäßiger Zustand, der u. a. gekennzeichnet ist durch negative Gedanken: „Mir könnte etwas Negatives passieren.“ usw. All das sind Gedanken, die lähmend wirken und ein sachgerechtes Handeln verhindern. Noch schlimmer: Wer Angst zeigt, wird von einem Gewaltbereiten als schwach angesehen und deshalb eher angegriffen.

Nicht selten entsteht Angst aus dem Fehlen eines sachgemäßen Reaktionsmusters, was im Ernstfall dann zu Hilflosigkeit und destruktivem Verhalten führt, z. B.:

Bei einem Einsatz werden zwei deutsche Polizisten von mehreren Jugendlichen mit Baseballschlägern bedroht. Als sie beginnen, einen der beiden zu attackieren, flüchtet sein Teamkollege (will Unterstützung holen) in den Streifenwagen, verriegelt die Tür und ist nicht mehr ansprechbar.

Gerade in Gefahrensituationen ist aber nicht Angst, sondern eine gelassene Wachsamkeit notwendig, also eine genaue Beobachtung der Situation, ohne Gedanken an die eigene Person. Dies ist die Voraussetzung eines guten Gefahrenradars:

Der Polizist muss z. B. abweichende Verhaltensmuster eines Autofahrers registrieren und Gefahrensignale rechtzeitig wahrnehmen (z. B. Griff des Verdächtigen unter den Fahrersitz).

3. Kompetenzillusion

Man glaubt, für gefährliche Situationen gerüstet zu sein, ohne dass das tatsächlich der Fall ist. Dies wird z. B. am falschen Gebrauch des Wortes Routine deutlich, das sich auf regelmäßig vorkommende Handlungsabläufe bezieht.

Eine Verkehrsüberwachung ist eine Aufgabe vieler Polizisten, die sie mit großer Häufigkeit ausüben. Deshalb werden derartige Kontakte mit dem Bürger als Routine angesehen. Relativ vielen Polizisten kommt aber überhaupt nicht in den Sinn, dass eine Verkehrskontrolle auch gewaltbereite Personen betreffen könnte.

Routine kann also in zweifacher Hinsicht gesehen werden: a) Nachlassen der Wachsamkeit, nachdem viele Interaktionen friedlich, unauffällig blieben oder b) es ist überhaupt, von Anfang an, keinerlei Wachsamkeit vorhanden (Gedankenlosigkeit).

Das Problem ist aber keineswegs, dass man durch harmlose Interaktionen in seiner Wachsamkeit „eingelullt“ worden ist. Das Problem ist vielmehr, dass man seit Beginn seiner beruflichen Laufbahn keine oder nur ungenügende kognitive Schemata für Gefahrensituationen aufgebaut hat, keinen „Gefahrenradar“ entwickelt hat. Lange Zeit spielte dieses Defizit im beruflichen Alltag für den einzelnen Polizisten keine Rolle, weil die Interaktionen harmlos waren. Das Defizit wird dann aber in Gefahrensituationen deutlich: Der Polizist weiß nicht, wie er sich verhalten soll, zögert, lässt sich vielleicht sogar die Dienstwaffe aus der Hand nehmen und damit erschießen, wie z. B. in einem Fall aus den USA (Pinizzotto & Davis, 1995).

Wie stark der Stress tatsächlich ist, wenn man nicht mental auf eine sachgemäße Gefahrenbewältigung eingestellt ist, zeigen folgende Verhaltensweisen deutscher Polizisten:

Eine Streifenbesatzung fuhr zu einer ‚häuslichen Auseinandersetzung‘. Bei ihrem Eintreffen kam ihnen ein Mann entgegengerannt, bedrohte sie verbal und hielt eine Geflügelschere hoch erhoben. Beide Beamten hatten die Waffe gezogen und im Anschlag, wobei der Sichernde durch seinen Kollegen kein freies Schussfeld hatte. Der vordere Beamte hatte es allerdings, und die Situation spielte sich auch im Hausflur, also bei gesichertem Umfeld, ab. Die Bedrohung war wohl recht offensichtlich – der Schusswaffengebrauch war prinzipiell angemessen und sicher möglich. Nicht für den Beamten vor Ort: Dieser entschloss sich, lieber mit seiner Waffe nach dem Täter zu werfen (!!!) und anschließend ‚manuell‘ einzugreifen. Bei dieser ‚Aktion‘ wurden Täter und Beamter nicht unerheblich, wenn auch nicht schwer, verletzt. Im Nachhinein äußerte der Beamte sich sinngemäß wie folgt: „Klar wusste ich, dass ich dabei verletzt werde. Aber wenn ich geschossen hätte, hätte ich eh keine Wirkung erzielt und dann hätt’ er mich abgestochen. So war’s wenigstens wirksam“ (Lorei, 2001).

4. Das falsche Weltbild

Adams (2005) stellte Personen aus Ghana und San Francisco (USA) verschiedene Fragen zu den Themen Freundschaft und Feindschaft und stellte dabei erhebliche Unterschiede in der Deutung dieser Phänomene fest. Auf die Frage, ob man persönlich Feinde habe, antworteten z. B. 48 % der Westafrikaner (WE) und 26 % der Amerikaner (US) mit „Ja“. Auf die Frage, ob die Annahme von Feinden in seiner Nähe abnormal bzw. paranoid sei, entschieden 9 % WE und 45 % US mit „Ja“. Entsprechend beurteilten 50 % WE und 19 % US den Glauben, keine Feinde zu haben, als naiv.

Auf die Frage, wie sie reagieren würden, wenn sie persönlich einen Feind hätten, antworteten 30 % der Nordamerikaner mit „ignorieren“, während dies nur 54 % der Westafrikaner vorzögen. Sie würden im Gegensatz eher aktiv den Feind meiden oder sich Schutz vor diesem suchen (26 % WE vs. 11 % US).

Das Ignorieren von potenziellen Feinden kann sehr gefährlich sein. Derartige Gedankengänge gehen an der Tatsache vorbei, dass jeder grundsätzlich Opfer eines Verbrechens werden könnte, wenn er nicht vorsichtig ist.

Dazu ein beliebiger Zeitungsbericht (Hessisch / Niedersächsische Allgemeine HNA vom 11. 12. 2003) über einen Sänger der Popgruppe Die Prinzen, der von zwei Männern nachts überfallen, „aus Spaß“ verprügelt und dann verletzt und reglos am Boden liegend zurückgelassen wurde. Sie sollen gesagt haben: „Es ist doch alles nur Spaß. Wir wollen nur ein paar Euro, wir wollen nur ein paar Bier trinken.“ und bei der Vernehmung, dass sie „einfach nur Frust ablassen“ wollten.

Es wird häufig betont, dass Deutschland eines der sichersten Länder der Welt sei. Das mag zwar statistisch im Vergleich zu anderen Ländern richtig sein. Doch dem Opfer einer Straftat ist es herzlich egal, ob anderswo die Kriminalität höher oder geringer ist oder ob sie im eigenen Land sinkt. Diese statistische Betrachtung wirkt einlullend, suggeriert den Eindruck, dass man nichts tun müsse, und verstellt den Blick dafür, dass es jeden unerwartet treffen kann.

Dazu ein aktueller Fall aus der HNA vom 28. 12. 2016. Ende Oktober 2016 geht eine 26-jährige Frau nichtsahnend die Treppe zum Berliner U-Bahnhof Herrmannstraße hinab. Plötzlich tritt ihr ein Mann ohne Vorwarnung so heftig in den Rücken, dass sie die Treppe hinabstürzt und sich den Arm bricht. … Besonders die demonstrative Teilnahmslosigkeit des weiterschlendernden Tatverdächtigen und dreier Begleiter löste bundesweit Empörung aus.

Wie Adams (2005) feststellte, nehmen viele Amerikaner nicht an, persönlich das Ziel von Feinden zu sein. Diese Annahme hat sich auch nach den Anschlägen vom 11. September 2001 nicht grundlegend geändert; nur Minderheiten der Befragten nehmen an, dass Feindschaften aufgrund von Nationalitäten entstehen. Afrikaner sehen eher im Phänomen Feindschaft ein alltägliches Problem, vor dem sich jeder mit Aufmerksamkeit und Vorsicht schützen sollte. Diese Annahme erscheint dagegen vielen Amerikanern eher als paranoid. Entsprechend sehen sie sich erstaunlicherweise auch für eventuelle persönliche Feindschaften als mitverantwortlich an. So stellten sich die Studenten von Virginia Tech nach dem Amoklauf (2007) die Frage: „Was haben wir falsch gemacht?“, obwohl sie mehrfach vergeblich versucht hatten, den Täter in eine Interaktion einzubinden (Füllgrabe, 2016).

Derartige falsche Vorstellungen sind relativ weitverbreitet und gefährlich. So sieht Douglas (1996, S. 396) aus der Sicht des FBI-Praktikers den Sachverhalt, dass relativ viele „therapierte“ Mörder wieder rückfällig wurden, neben unangemessenen Methoden auch darin begründet, dass „oft junge Psychiater, Psychologen und Sozialarbeiter tätig sind, die idealistische Vorstellungen haben und denen man an der Universität beigebracht hat, dass sie wirklich etwas verändern können. … Oft verstehen sie nicht, dass sie Individuen vor sich sehen, die ihrerseits Experten in der Beurteilung anderer Leute sind! Nach kurzer Zeit wird der Insasse wissen, ob der Arzt seine Hausaufgaben gemacht hat, und wenn nicht, kann er sein Verbrechen und das, was er den Opfern angetan hat, in anderem Licht darstellen.“

Aber nicht nur als Gutachter kann man von manchen Tätern „über den Tisch gezogen werden“, sondern kann auch direkt angegriffen werden, wobei die Täter keine Dankbarkeit gegenüber demjenigen zeigen, der ihnen geholfen hat.

Dies musste auch die Psychologin Susanne Preusker erfahren, die bis 2009 Leiterin einer sozialtherapeutischen Abteilung für Sexualstraftäter in einem Hochsicherheitsgefängnis war und therapeutisch mit Gewalttätern arbeitete. Dabei wurde sie von einem ihrer Patienten als Geisel genommen und brutal vergewaltigt (Preusker, 2011a). Sie schrieb (2011b):

„Es ist ein kapitaler Fehler, unser akademisches, liberales, bildungsbürgerliches Wertesystem eins zu eins auf jeden Insassen hinter Gefängnismauern zu übertragen. Die Realität lässt sich weder durch feinsinnige juristische Abhandlungen noch durch akademische Diskussionen austricksen: Es gibt ihn wirklich, den nicht therapierbaren Kriminellen mit seinen eigenen Vorstellungen zu Werten, Normen, Menschenbildern oder Lebensentwürfen, die den unseren so gar nicht entsprechen wollen.

Einer von denen hat mich, seine Sozialtherapeutin, nach vierjähriger intensiver Therapie, die allen wissenschaftlichen Kriterien Genüge getan hat, als Geisel genommen und vergewaltigt.“

Es ist doch paradox, dass einerseits „Empathie“ (Einfühlung) so hoch bewertet und sogar trainiert wird, andererseits überhaupt nicht in Erwägung gezogen wird, dass eine andere Person ein völlig anderes Wertesystem haben und völlig unerwartetes Verhalten zeigen kann. So berichtete mir ein WingTsun-Experte (wo nicht das Sportliche, sondern eine realistische Selbstverteidigung im Vordergrund steht), dass die Mitglieder einer Gruppe, die Zivilcouragetraining betreibt, sehr überrascht waren, dass sie sich dabei auch selbst potenziell in Gefahr begeben.

Diese Überraschung ist verständlich, weil Personen aus der Mittelschicht in ihrer Jugend kaum Gewalt erlebt haben, zumeist gelernt haben, dass es wichtig und erfolgreich ist, sich mit jemand sprachlich auseinanderzusetzen, dass man Konflikte sprachlich lösen muss. Auf der anderen Seite der Gewalttäter, oft aus der Unterschicht stammend und eine der sechs von Miller (1958, 1970) dort ermittelten richtungweisenden Orientierungen / Handlungsmuster („focal concerns“) perfekt beherrschend: Smartness, also andere zu überlisten, zu übervorteilen („to outsmart“).

Ein weiteres der sechs Handlungsmuster ist die Suche nach einem „Thrill“ / „Kick“, was leicht zu Gewalt führt. Täter stammen oft aus einem Milieu, in dem sie lernten: Wer Gewalt ausübt, hat die Macht, hat Erfolg. Und dazu setzt ein solcher Täter Strategien ein, die dem aus der Mittelschicht Stammenden wesensfremd sind.

So half z. B. Thompson (1997) einer Frau und ihrer Tochter, die von einem Mann bedrängt wurden. Er schlug den Mann nieder, und die Frau entkam mit ihrer Tochter. Der Angreifer schien nicht mehr kämpfen zu wollen, wollte Thompson die Hand schütteln und ihm einen Drink kaufen. Doch das lehnte Thompson ab. Warum? Gemäß den Mittelschichtnormen war das doch ein Zeichen der Versöhnung, das man nicht abschlagen konnte. Aber Thompson (1997) kannte die Tricks der Gewalttäter: Durch seine Worte wollte er vermutlich Thompson ablenken, und hätte er dem Mann, der sich bereits als gewalttätig und unberechenbar gezeigt hatte, die Hand gegeben, hätte er keinen Sicherheitsabstand zu diesem gehabt und hätte einen Angriff auf sich dadurch erleichtert.

5. Unkenntnis von richtigem Verhalten in Gefahrensituationen

Natürlich ist es wichtig und meist erfolgreich, Gewalt durch Kommunikation zu vermeiden – ich habe bereits 1981 auf die Bedeutung einer aggressionsvermeidenden Kommunikation hingewiesen (Füllgrabe, 1981).

Doch leider gibt es auch Menschen und Situationen, bei denen gutes Zureden nicht hilft, die einen übertölpeln wollen oder die einen angreifen. Und auf solche Personen und Situationen muss man vorbereitet sein. Da dies aber nicht ins Weltbild mancher Menschen passt, bereiten sie sich auch nicht darauf vor.

Am Kölner Hauptbahnhof kam es an Silvester 2015 / 2016 zu massenhafter sexueller Belästigung von jungen Frauen und zu Diebstählen, nach Augenzeugenberichten vorwiegend durch junge nordafrikanische Migranten. Diese Ereignisse lösten in der Öffentlichkeit großes Entsetzen aus. Auf einer Pressekonferenz danach erwähnte die Kölner Oberbürgermeisterin, Frau Reker, mehrere Verhaltensregeln für den Karneval, was erstaunlicherweise Unverständnis, Ablehnung und sogar Häme im Netz auslöste. Beispielsweise löste ihr Ratschlag, (fremde) Personen auf eine Armlänge Abstand zu halten, viele hämische Bemerkungen aus. Im Internet kursierten z. B. Bilder eines Maßbandes, um den Abstand genau zu messen, eine vielarmige indische Göttin usw. Ein Blogger ironisierte ihn mit dem Vorschlag, man könne ja auch den Islamischen Staat mit einer ausgestreckten Hand aufhalten, ein anderer schrieb, dass auch ein Verletzter, der am Boden liegt, einen Helfer auf Armlänge Abstand halten müsse.

All dies verrät a) eine erschreckende Unkenntnis vom Wesen von Gefahren und vom richtigen Verhalten in einer Gefahrensituation und b) ein völlig naives Weltbild. Und es zeigt, dass sich die Kritiker auf alle Interaktionen beziehen, nicht nur auf solche in der Karnevalszeit. Dort muß man selbst entscheiden, ob man in einer großen Menschenmenge das Risiko eingehen will, angegriffen oder Opfer eines Taschendiebstahls zu werden.

Um nicht Opfer eines Angriffs oder Taschendiebstahls zu werden, muss man auf eine Reaktionsdistanz (s. Kap 3. 6) achten. Thompson (1997, S. 116) spricht deshalb von einem psychologischen Zaun, den niemand verletzen darf. Er versteht darunter die selbstsichere / aggressive Ausstrahlung eines Menschen bzw. das entsprechende Verhalten. Man beobachtet den Gegner genau, sodass man erkennen kann, wann er sich bewegt oder böse Absichten hat. Wenn der Gegner sich vorwärts bewegt, kann man sich rückwärts bewegen oder ihn mit einer Kampftechnik stoppen.

Der psychologische Zaun ist die erste Verteidigungslinie. Dazu reicht bei einem potenziellen Angreifer oft schon aus, dem Gegenüber die offene Handfläche (oder beide) entgegenzustrecken und laut „Halt!!!“, „Stopp!!!“ usw. zu rufen. Dies signalisiert dem Gegenüber: Bis hierher und nicht weiter. So wird es auch in vielen Selbstverteidigungskursen gelehrt. Dies ist die erste Verteidigungslinie. Der psychologische Zaun verrät dem Gegenüber die eigene Stärke. Man beachte: Täter greifen vorwiegend nur Personen an, die sie als schwach einschätzen: unaufmerksame, hilflose, betrunkene u. ä. Personen (Füllgrabe 1997, 2016).

Dass dies nicht unbedingt hilft, wenn man von mehreren Personen eingekreist wird, zeigt, dass es eben Situationen gibt, in denen man weniger eigene Handlungsmöglichkeiten hat als in anderen. Hier hätte man nur zwei Optionen: sich passiv in sein Schicksal zu ergeben und vielleicht verletzt oder sogar getötet zu werden oder sich zu wehren: „treten, schlagen, kratzen, beißen“ usw., wie es Andreas Mayer empfiehlt, der Leiter der Polizeilichen Kriminalprävention der Länder und des Bundes (HNA, 6. 1. 2016).

Auch ein anderer Tipp von Frau Reker ist realitätsgerecht: sich in einer Gruppe aufzuhalten. Einer einzelnen Person wäre anzuraten, sich in der Nähe einer größeren Gruppe aufzuhalten, um in einem Notfall Hilfe zu bekommen. Um das Prinzip der geteilten Verantwortung zu durchbrechen, muss dann eine bestimmte Person angesprochen werden, z. B. „Sie, im blauen Pullover, bitte helfen Sie mir!“, usw.

Wichtig ist auch ein Gefahrenradar, d. h. genau die Örtlichkeit und die Menschen zu beobachten und auf Veränderungen ihres Verhaltens zu achten. Eine Schülerin berichtete von Köln: „Als wir die Menschenmassen sahen, sind wir schnell zum Hinterausgang. Deshalb ist uns wahrscheinlich nichts passiert“ (Schmaderer, 2016, S. 32).

Auch die Kritik, mit der Vermittlung von Verhaltenstipps würde den Frauen die Schuld zugewiesen, verrät ein realitätsfernes Weltbild. Die Kriminalpsychologin Anna Salter (2006, S. 247) betont nämlich: „Die Welt ist genau genommen ein ziemlich riskanter Ort. Jede Menge schlimmer Dinge können einem da draußen zustoßen, und oft tut sie das auch.“

Salter (2006, S. 263) schildert dazu folgenden Vorfall: „Mitten am Nachmittag gingen nach einem Theaterbesuch vier Erwachsene und drei Kinder über den vollen Gehweg hinunter, die Kinder ein paar Schritte vor den Erwachsenen. Es war keine verrufene Gegend und nicht einmal Abend. Verständlich, dass niemand über Sicherheit nachdachte.

Was dann geschah, ging so schnell, dass Jonathans Vater es nur mit viel Glück bemerkte. Der Vater sprach mit einem der anderen Erwachsenen, als er zufällig beobachtete, dass ein Mann, die Augen starr auf Jonathan gerichtet, aus der Menge geradewegs auf sie zukam. Sein Blick war so auffällig fixiert, dass es dem Vater seltsam vorkam, und er den sich nähernden Mann fest im Auge behielt, allerdings zunächst eher verwundert denn alarmiert. In dem Moment, als der Mann Jonathan erreichte, legte er dem Jungen die Hand auf die Schulter. Plötzlich packte er Jonathan am Arm und versuchte, mit ihm im Getümmel zu entschwinden.

Jonathans Vater machte einen Satz nach vorn, als er sah, wie sich die Hand des Mannes seinem Sohn näherte, und schaffte es gerade, als dieser in die Menge abtauchte, seinem Sohn den Arm um die Taille zu legen. Der Mann ließ von dem Jungen ab und verschwand.“

Der Vater hatte also einen guten Gefahrenradar. Starre fixierte Augen sind nämlich zumeist ein Hinweis auf einen Angriff.

Man muss also betonen: Jeder hat zunächst selbst die Verantwortung für sein eigenes Leben. Und zur Bewältigung gefährlicher Lagen ist Survivability wichtig. Darunter ist die Gesamtheit aller psychologischen Faktoren der Gefahrenwahrnehmung und Gefahrenvermeidung zu verstehen.

Zunächst ist dazu eine innere Haltung notwendig, die Hamlet (Shakespeare, o. J., S. 119) so formulierte: „Geschieht es jetzt, so geschieht es nicht in Zukunft; geschieht es nicht in Zukunft, so geschieht es jetzt; geschieht es jetzt nicht, so geschieht es doch einmal in Zukunft. In Bereitschaft sein ist alles.“ („If it be now, ’tis not to come; if it not come, it will be now; if it be not now, yet it will come. The readiness is all.“), Deshalb gilt das Prinzip: Erwarte das Unerwartete! Sei vorbereitet! Ripley (2010, S. 15) schrieb entsprechend: „.. bin ich heute, nachdem ich dieses Buch über Katastrophen geschrieben habe, weniger ängstlich. Ich kann Risiken sehr viel besser einschätzen.“ Und deshalb sind Verhaltenstipps überlebenswichtig.

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