Cover

Thomas West

Sie liebte einen verheirateten Mann: Arztroman

Sie liebte einen verheirateten Mann

Ärztin Alexandra Heinze

Arztroman von Thomas West


Der Umfang dieses Buchs entspricht 139 Taschenbuchseiten.


Kathi und Rita arbeiten beide als Krankenschwestern im Marien-Krankenhaus und sind Freundinnen. Rita ist aufgrund einer bitteren Enttäuschung nicht gut auf Männer zu sprechen. Darum gefällt es ihr nicht, dass Kathi ein Verhältnis mit einem verheirateten Mann hat, der auch noch Arzt im gleichen Krankenhaus ist. Sie warnt Kathi, doch die will davon nichts hören.

Hätte sie doch nur auf ihre Freundin gehört …


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author /COVER MARA LAUE

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

"Und jetzt gehen wir in einen leichten Galopp." Rita drehte sich nach Kathi um und grinste sie herausfordernd an. "Auf geht's, Stormy", trieb sie ihren Hengst an, "in den Waldweg dort!" Sie wartete, bis Kathi mit ihrem Pferd auf gleicher Höhe mit ihr war. "Nicht so verkrampft, Mädchen", lachte sie, "lass die Schultern locker hängen und pass dich den Bewegungen des Pferdes an!" Der zierliche Körper ihrer Freundin entspannte sich etwas. "So ist gut", lobte Rita sie, "keine Angst - du reitest den zahmsten Gaul des ganzen Gestüts."

Jetzt lächelte auch Kathi.

"Das erinnert mich an die erste Spritze, die ich geben musste - da war ich so verkrampft, dass ich dreimal zustechen musste." Ihre langen blonden Haare flatterten im Wind.

"Siehst du, und heute machst du es im Schlaf", sagte Rita, "bald wirst du auch reiten, als hättest du dich nie anders fortbewegt als auf dem Rücken eines Pferdes."

Sie ritten den Waldweg bis zum Hügelkamm hinauf. An einer Lichtung stiegen sie aus den Sätteln. Während die Pferde weideten, saßen sie im Gras und genossen den Blick über die bewaldeten Hügelketten. In den Wipfeln der Laubbäume schimmerten die ersten gelblichen Farbtupfer auf. Der Sommer neigte sich seinem Ende zu.

"Ich will dir die Reitstunden bezahlen", sagte Kathi.

"Quatsch!" Eine energische Falte erschien zwischen Ritas Augenbrauen. "Ich will davon nichts mehr hören! Ich bin doch froh, dass ich dir einen Gefallen tun kann."

Kathi betrachtete das markante Gesicht ihrer Freundin. Immer wenn sich diese Falte zwischen ihren Augenbrauen eingrub, konnte sie davon ausgehen, dass Rita bereit war, für ihren Standpunkt zu streiten. Alle auf der Kinderstation wussten das. Auch die Ärzte.

"Ich will nicht, dass du das Gefühl hast, dich bei mir revanchieren zu müssen", sagte sie vorsichtig.

Rita sah sie überrascht an.

"Ich hatte noch nie das Gefühl, mich bei dir für irgendetwas revanchieren zu müssen." Die Falte zwischen ihren dichten, schwarzen Brauen glättete sich, und ein zärtlicher Ausdruck trat in ihre großen, braunen Augen. "Dafür habe seit langem das Gefühl, dass du meine Freundin bist, weiter nichts." Sie wandte sich ab und schaute in die langsam am Himmel dahingleitenden Wolkentürme. Ein Strähne ihres schwarzen Haares, das sie im Nacken zu einem Knoten zusammengebunden hatte, fiel ihr ins Gesicht. "Und Freundschaft kann man nicht bezahlen, oder?" Sie strich sich die Strähne hinter das Ohr und stand auf. "Komm, wir reiten zurück!" Sie war ein Stück größer als Kathi und nicht so zierlich gebaut wie diese. Obwohl die beiden Frauen gleich alt waren - neunundzwanzig - wurde die weißhäutige, fast mädchenhaft wirkende Kathi meistens jünger geschätzt als Rita. Gemessen an der Lebenserfahrung war diese tatsächlich älter. Wesentlich älter sogar.

Sie kannten sich seit über fünf Jahren. Viel länger also, als Rita auf der Kinderstation arbeitete. Erst vor einem knappen Jahr hatte sie dort angefangen. Kathi, schon seit langem als Kinderkrankenschwester im Marien-Krankenhaus beschäftigt, war der eigenwilligen Frau zum ersten Mal begegnet, als deren schwer krankes Kind eingeliefert wurde. Sie würde diesen Tag nie vergessen.

Am Waldrand entlang trabten sie zurück zum Gestüt.

"Du warst gestern Abend mit Mühlhaupt aus?", erkundigte Rita sich scheinbar beiläufig.

"Ja", antwortete Kathi knapp. Sie wusste, dass ihre Freundin dem Arzt gegenüber mehr als skeptisch war.

"Dann haben meine Warnungen also nichts gefruchtet", seufzte Rita.

"Hast du schon mal jemanden erlebt, der sich vor der Liebe warnen lässt?", lachte Kathi.

"Ihr liebt euch?" Rita runzelte überrascht die Stirn. Die blonde Frau nickte, und die weiße Haut ihrer Wangen verfärbte sich rosa. "Mensch, Kathi!" Rita hielt ihr Pferd an. "Der Mann ist verheiratet!"

"Aber unglücklich!", beteuerte Kathi.

"Ach!" Rita winkte verächtlich ab. "Das sagen sie alle, wenn sie mit einem ins Bett wollen!"

Kathi presste ihre Lippen zusammen und trieb ihr Pferd an.

"Er liebt mich", sagte sie trotzig.

Schweigend ritten sie über den Feldweg. Die Umrisse der Stallungen tauchten auf. Bald erreichten sie die ersten Pferdekoppeln.

"Sag' mal - kommt dir der Typ da vorn nicht auch bekannt vor?" Kathi deutete auf eine Männergestalt, die am Eingang zum Gestüt auf dem Zaun saß.

Wieder erschien die Falte zwischen Ritas Augen.

"Unser propere PJler!", stöhnte sie. So bezeichneten sie die jungen Ärzte, die ihr praktisches Jahr absolvierten. Tatsächlich war es Josef Bulthauser, der sie am Eingang des Gestüts erwartete. Vor einem Monat hatte er auf der Kinderstation angefangen. Die erste Hälfte seines Praktikums hatte er zuvor auf der Inneren abgearbeitet.

"Hallo Jo!", winkte Kathi.

Jo - kaum jemand nannte ihn anders - winkte lässig zurück.

"Ich wollte euren Anblick doch endlich einmal auf Pferderücken genießen." Er sprang vom Zaun und ging plaudernd neben den Pferden der beiden Frauen her. Er war mittelgroß, etwa vierunddreißig Jahre alt und trug sein blondes, pomadiges Haar nach Presley-Weise hinter die Ohren zurückgekämmt. Im linken Ohrläppchen glitzerte ein Stein, und in seinem braungebrannten, jungenhaften Gesicht strahlten zwei hellblaue Augen.

Kathi ließ sich gern auf seine launige Plauderei ein, während Rita sich zurückhielt. Sie wusste genau, was dieser Mann von ihr wollte. Jedenfalls glaubte sie es zu wissen.

Sie sattelten die Pferde ab und brachten sie auf die Koppel.

"Kannst du mir nicht auch Reitunterricht geben, Rita?", grinste Jo.

Rita verdrehte die Augen, was nur Kathi sah. Sie hätte sich in den Hintern beißen können, weil sie sich auf das ,Du‘ mit Bulthauser eingelassen hatte.

"Klar kann ich", sagte sie trocken, "achtzig Mark die Stunde."

"Oha!", rief er aus. "Du willst also tatsächlich herausfinden, wieviel mir eine Stunde mit dir wert ist!" Seine blauen Augen ruhten herausfordernd auf ihrem Gesicht. "Gut - ich werde darüber nachdenken. Und jetzt lade ich euch zu einem Eis ein." Er wandte sich ab. "Ich hole das Auto."

Kathi sah ihm wohlgefällig lächelnd hinterher.

"Ich weiß gar nicht, was du hast, Rita. Er ist der attraktivste Arzt, den ich kenne. Von Thomas abgesehen, natürlich." Kritisch musterte sie ihre Freundin. "Und er ist unheimlich nett. Vor allem dir gegenüber. Merkst du das nicht?"

"Klar merke ich das - ich bin ja nicht blöd." Ritas Stimme wurde lauter als nötig. "Aber alle Kerle sind nett zu dir, wenn sie dich ins Bett kriegen wollen." Sie beobachtete, wie Bulthausers Honda Civic durch die Einfahrt rollte. "Außerdem hat ihn dein verehrter Dr. Mühlhaupt unter seine väterlichen Fittiche genommen. Wenn du mich fragst, dann haben die beiden eine raffinierte Schürzenjagd miteinander ausgetüfftelt. Und wir sind die Opfer."

Kathi lachte schallend.

"Du spinnst ja! Einen richtigen Verfolgungswahn hast du!"

Jo hupte. Sie schlenderten auf sein Auto zu.

"Aber das Eis lässt du dir trotzdem nicht entgehen, was?" Kathi lachte immer noch.

"Nö", grinste Rita, "ich denk' nicht dran."



2

Alexandra keuchte und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Sie sah auf ihre Armbanduhr. Zwanzig Minuten war sie gelaufen. Das reichte. Ein Waldlauf musste ja nicht gleich in einen Selbstmord ausarten. Mit großen Schritten ging sie auf den Waldparkplatz zu. Im Rhythmus ihrer Atemzüge schwang sie die Arme über den Kopf und sog die feuchte Waldluft in ihre Lungen. Ihr Puls raste. Wie gut es tat, sich einmal in der Woche bis an die Grenzen der körperlichen Leistungsfähigkeit auszutoben!

Sie überquerte den Waldparkplatz und schloss ihren Wagen auf. Das Gefühl, irgendetwas vergessen zu haben, beschlich sie. Erschrocken sah sie noch einmal auf die Uhr. Kurz nach sechs. "Um Himmels willen", rief sie aus, "wir haben ja Gäste!" Ärgerlich über ihre Vergesslichkeit fuhr sie in die Stadt. Vor lauter Waldlauf hatte sie nicht mehr daran gedacht, dass Werner das Ehepaar Mühlhaupt für den Abend eingeladen hatte. Um sieben würden die Leute kommen. Sie gab Gas.

Im Supermarkt kaufte sie Wein, Baguette und Käse. Um Viertel vor sieben hastete sie die Treppe zu ihrer Haustür hinauf.

"Alexandra", rief Werner aus der Küche, "wo bleibst du denn?! Hast du vergessen, dass wir Besuch bekommen heute Abend?"

Sie knallte ihm die Einkaufstüte auf den Tisch.

"Stell' dir vor, ich hab' einfach nicht mehr daran gedacht", sagte sie spitz. Sie spurtete die Treppe hinauf. "Bitte bereite du einen kleinen Imbiss vor, ich muss noch unter die Dusche!", rief sie.

Glücklicherweise kamen die Mühlhaupts zehn Minuten zu spät. Werner machte sie bekannt. "Gisela Mühlhaupt - meine Frau, und ihr beide kennt euch ja schon."

"Flüchtig, aus der Klinik", Alexandra begrüßte den Kinderarzt.

Sie hatten nicht viele Berührungspunkte in der Klinik. Meistens sahen sie sich nur im Ärztekasino. Thomas Mühlhaupt war ein großer, breitschultriger Mann, dessen silbergraues, leicht welliges Haar fast bis auf seine Schultern reichte. Alexandra schätzte ihn auf Anfang vierzig. Der dichte, graue Schnauzer über seinem ausgeprägten, sinnlichen Mund verlieh ihm einen fast aristokratischen Touch.

"Freut' mich, Sie mal in ganz privatem Rahmen kennenzulernen, Frau Heinze", sagte er mit einem leicht rauchigen Bariton.

Seine Frau wirkte kühl, ihre Mimik und Gesten waren sparsam und beherrscht. Alexandra wusste von Werner, dass sie Pharmazeutin war und zwei gut gehende Apotheken in der Stadt besaß.

Anfangs empfand Alexandra die Atmosphäre als etwas verkrampft. Werner erwies sich mal wieder nicht gerade als Meister des Small Talks. Und besonders Gisela Mühlhaupt schien die Zurückhaltung in Person zu sein. Glücklicherweise entpuppte sich ihr Mann bald als unterhaltsame Plaudertasche, die sich über den Tabellenstand der Bundesliga genauso wortreich verbreiten konnte wie über die Homöopathie in der Kinderheilkunde. Alexandra hatte keine Schwierigkeiten auf ihn einzugehen - der attraktive Mann war ihr sofort sympathisch. Wenn er nur mit einer anderen Frau verheiratet gewesen wäre ...

Doch nach dem ersten Glas Wein begann auch Gisela Mühlhaupt mehr als nur kurze Sätze zum Gespräch beizutragen. Als es um das Thema Frau und Karriere ging, zeigte sie fast so etwas wie Engagement.

"Wir wollten bewusst keine Kinder", erklärte sie, "wir hätten ihnen gar nicht gerecht werden können bei unseren beruflichen Plänen."

"Du wolltest keine Kinder", widersprach ihr Mann, "aber ich habe deine Entscheidung akzeptiert, auch wenn es mir nicht leicht gefallen ist ..."

"Und wer hätte sie großgezogen?", unterbrach sie ihn gereizt. "Etwa der Herr Doktor, während er freiwillig Nachtdienst schiebt, um sich seine Praxis zu verdienen?" Mühlhaupt antwortete nicht. Überhaupt fiel es Alexandra auf, dass er immer dann merkwürdig still wurde, wenn seine Frau das Wort ergriff.

Alexandra wechselte schnell das Thema. Nicht weil sie einen Streit der beiden vermeiden wollte. Im Gegenteil - sie hätte die Mühlhaupts gerne noch weiter aus dem Nähkästchen plaudern hören. Aber irgendwann würde sie diese Frau fragen, warum sie keine Kinder hat. Und Alexandra war nicht in der Stimmung, darüber zu sprechen. Jedenfalls nicht mit Gisela Mühlhaupt.

Sehr schnell kam das Gespräch auf berufliche Dinge, vor allem auf Zukunftspläne. Mühlhaupt hatte vor, eine Kinderarztpraxis zu eröffnen. Auch das wusste Alexandra bereits von Werner. Deswegen hospitierte er ab und zu in Werners Praxis. Neu war, dass er konkrete Praxisräume in Bonn in Aussicht hatte.

"Dann werden Sie ja unserer Klinik nicht mehr lange erhalten bleiben", sagte Alexandra, und Werner erkundigte sich nach der Finanzierung.

"Das ist zum Glück überhaupt kein Problem", verriet Mühlhaupt, "wir haben nämlich eine Erbschaft gemacht ..."

"Ich habe eine Erbschaft gemacht", fuhr ihm seine Frau über den Mund. Alexandra begann zu ahnen, dass die Beziehung der beiden kein immerwährender Honeymoon sein konnte. Es sah ganz so aus, als würde die Apothekerin den dominierenden Part in dieser Ehe spielen. Alexandra konnte sich nicht vorstellen, dass ein Mann wie Mühlhaupt sich auf die Dauer einem solchen Frauentyp anpasste. Aber vielleicht war er ja finanziell von ihr abhängig, überlegte sie, während sie ihren Gästen Wein nachschenkte, oder zu schwach, um sich durchzusetzen.

"Irgendwas stimmt mit den beiden nicht", sagte sie zu Werner, als die Mühlhaupts gegangen waren, "die Spannung zwischen ihnen war ja mit Händen zu greifen."

"Dicke Luft, hast recht", gähnte Werner müde.

"Kann mir gar nicht vorstellen, was für eine Beziehung die beiden leben."

"Wahrscheinlich eine Art Wirtschaftsgemeinschaft", überlegte Werner laut, "der Mann hat ja nichts als seine Praxis im Kopf. Scheint für ihn das große Glück zu sein. Und ohne ihre Kohle wird er dieses Glück nicht erreichen."

Alexandra schüttelte den Kopf. So verschieden die Menschen waren, so verschieden waren ihre Beziehungen. Eine Beobachtung, die sie immer wieder in Erstaunen versetzte.

"Wenn das mal gutgeht ..."



3

"Guck' doch mal nach Jo", rief Schwester Irmela aus dem Stationszimmer, "der kommt gar nicht mehr zurück aus Bennis Zimmer."

"Mach' ich." Rita ging zu dem Zimmer des knapp einjährigen Jungen, der gestern wegen einer schweren Darmentzündung eingeliefert worden war. Weil es von Durchfällen und ständigem Erbrechen geplagt wurde, sollte das Kleinkind intravenös ernährt werden. Und Bulthauser war bei ihm, um ihm eine Kanüle in die Vene zu legen.

Rita machte die Tür auf und fand einen hilflosen Arzt vor dem Bett eines schreienden Kindes stehen. Verlegen sah er die Schwester an.

"Auf der Inneren ging das irgendwie leichter", sagte er bedrückt. Die Schwesternschülerin, die ihm assistieren sollte, zuckte resigniert mit den Schultern.

"Bei einem alten Menschen eine Infusion anzulegen, ist etwas ganz anderes, als es bei einem kleinen Kind zu tun." Rita trat neben ihn an das Bett. In der Armbeuge des Kleinen entdeckte sie einen Bluterguss.

"Um Gottes willen!", rief sie erschrocken. "Du wirst doch nicht etwa versucht haben, den Venenkatheder in die Armvene zu legen?!"

Offenbar hatte er genau das getan. Schuldbewusst wich er ihrem Blick aus.

"Holt doch Hilfe, wenn ihr nicht zurechtkommt!" Die Schelte galt der Schwesternschülerin und Jo gleichermaßen. Rita nahm den weinenden Jungen aus dem Bett, drückte ihn an ihre Brust und ging mit ihm im Zimmer umher. "Ist ja gut, mein Kleiner, ist ja gut." Sie beruhigte das Kind und drückte es ihm in die Hand. "Das ist das Erste, was du lernen musst." Sein bewundernder Blick entging ihr nicht.

Das Kind fing wieder an zu schreien. Jo begann mit ihm zu sprechen - erst etwas unsicher und holzig, dann immer selbstverständlicher. Am Schluss lächelte Benni sogar mit dem Arzt. Rita stand die ganze Zeit mit verschränkten Armen am Fenster und beobachtete beide.

"So - und nun zeige ich dir, wie man so einem Wurm einen Venenkatheder legt." Die Schwesternschülerin nahm den Jungen auf den Arm, und Rita wies Jo Handgriff für Handgriff an, wie er vorzugehen hatte. Schließlich konnte sie die Einstichstelle verbinden und den Katheder mit einer kleinen Gipsauflage am Schädel des Kleinkindes fixieren.

Jo atmete tief durch.

"Ich danke dir, Rita, ohne dich wäre ich vollkommen aufgeschmissen gewesen."

"Jetzt übertreib' nicht", sagte sie trocken. Zu zweit verließen sie das Zimmer. Die Schwesternschülerin blieb noch bei dem Kind. "Du solltest Lehrerin für Schwestern werden", sagte Jo, als sie allein im Dienstzimmer waren und sich die Hände wuschen.

Rita rümpfte die Nase.

"Ich konnte Lehrer nie leiden. Auf dem Gymnasium habe ich derart Krach bekommen mit dieser Menschengattung, dass sie mich 'rausgeschmissen haben."

"Und hast du dann woanders das Abitur gemacht?" Es war das erste Mal, dass Rita ihm etwas Persönliches erzählte.

"Nein. Ich hatte die Nase voll. Danach bin ich Pferdepflegerin geworden. Das war schön." Ihre Augen leuchteten wehmütig auf.

Während Jo sich die Hände abtrocknete, betrachtete er die gerade, kraftvolle Gestalt der Schwester. Sie strahlte eine ungeheure Energie aus. Er hatte noch nie erlebt, dass eine jüngere Frau ihm so etwas wie Respekt einflößte.

"Und wie kam es dann, dass du Kinderkrankenschwester wurdest?", erkundigte er sich.

Rita brauchte ein paar Sekunden, bis sie antwortete.

"Das ist eine andere Geschichte", sagte sie schließlich, und das leichte Beben in ihrer rauchigen Stimme verriet Jo, dass er eine empfindliche Stelle bei ihr getroffen hatte. "Jedenfalls ist Kathi nicht ganz unschuldig daran." Rita drehte sich vom Waschbecken zu ihm hin, ein Schleier lag auf ihrem sonst so klaren Blick. "Aber meine Lehrschwestern mochte ich genauso wenig wie früher meine Pauker, und deswegen kann ich mir nicht vorstellen, so etwas wie Lehrer zu sein." Sie zog Bennis Kurve heraus und dokumentierte den Eingriff. "Ich werde in nicht allzu langer Zeit die Pflegedienstleitung in einer Kinderklinik übernehmen", sagte sie, "das hoffe ich jedenfalls. Ich bin schon seit einem Jahr in einer berufsbegleitenden Ausbildung."

Jo war beeindruckt.

"Du scheinst ja genau zu wissen, was du willst."

Sie zog die Augenbrauen hoch und grinste ihn spöttisch an.

"Darauf kannst du Gift nehmen." Sprach's und rauschte aus dem Dienstzimmer. Jo ließ sich seufzend in einen Stuhl sinken. Er schloss die Augen und versuchte das Chaos in seinem Inneren zu verstehen. Seit er Rita kannte, war nichts mehr wie zuvor.

Schritte wurden laut, er riss die Augen auf. Thomas Mühlhaupt stand vor ihm.

"He, Sunnyboy!", er schlug dem Jüngeren auf die Schulter. "Was ist mit dir los? Alles in Ordnung?"

"Alles bestens", sagte Jo. Das war natürlich gelogen. In Wirklichkeit fühlte er sich hundeelend. Vor Liebe.



4

Das Taxi bog von der Bundesstraße ab und folgte einem schmalen, asphaltierten Weg, der sich den Hügel hinauf durch die Weinberge schlängelte. Es rollte in die Hofeinfahrt eines Gehöfts und hielt vor einem zweistöckigen Landhaus. ,Weingut Zimmermann‘ stand auf einer großen Holztafel über dem Eingangsportal. Der Fahrer stieg aus, öffnete den Kofferraum und holte mehrere Koffer und Taschen heraus. Aus dem Fond des Wagens kletterte eine kleine ältere Dame. Auch die Beifahrertür öffnete sich. Ein alter Mann mit schneeweißem, struppigem Haarkranz stieg aus. Er streckte seinen hageren, großen Körper.

"Ah, famos!", rief er. "Ganz famos, Theresa!" Er rückte seine runde Nickelbrille zurecht und schirmte seine Augen mit der flachen Hand ab. "Und da unten windet sich die Mosel durch diesen schönen Teil der Welt. Famose Aussicht!" Zufrieden betrachtete er die Weinberge, die das Haus umgaben. "Und der gute Tropfen wächst direkt vor dem Zimmerfenster."