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Prolog

Asche überzog den Boden und die kahlen Stämme der Bäume ringsum wie ein grauer Mantel. Alles Leben lag tot darunter begraben. Die Stimmen der Vögel waren verstummt.

Ein Mann näherte sich der Lichtung. Er bewegte sich auf Territorium, das die Wölfe vereinnahmt hatten. Um unerkannt zu bleiben, hielt er das wüste Haar unter dem rabenschwarzen Umhang verborgen, doch die schweren Hufe seines Pferdes hinterließen Spuren auf dem verödeten Land.

Rauch stieg von der Stelle auf, die sein Ziel war. Er rammte dem Rappen die Sporen in die Flanken und das Tier galoppierte aus dem verkohlten Wald hinaus, Serins Hütte entgegen.

Als der Reiter den Ort erreicht hatte, rissen seine ledernen Hände die Zügel zurück. Das Pferd kam schnaufend zum Stehen. Benommen glitt der Mann aus dem Sattel und blickte durch die Abenddämmerung auf die Überreste der Hütte. Kalte Flammen züngelten wie giftige Schlangen zwischen glühenden Holzbalken hervor. Die Farbe des Feuers ließ den Mann erschaudern. Es schimmerte in eisigem Blau. Ein scharfer Wind schürte die kalte Glut, die alle guten Gedanken verbannte.

Sein alter Rappe wieherte nervös und tänzelte zurück. Dieses Feuer würde tiefe Narben hinterlassen und gab einen verhängnisvollen Blick auf die Zukunft frei.

Die Magie des Ortes war nicht mehr spürbar. Die Saat der grauen Flammen hatte den Zauber vernichtet, die letzte Verbindung gekappt, die seit dem Untergang des alten Königreiches bestanden hatte. Nun war die Neuwelt sich selbst überlassen.

Fassungslos betrachtete Lewin den zerstörten Weltengang, unfähig sich zu bewegen. Die Zügel glitten ihm aus der Hand.

In der Ferne tauchte eine Gestalt aus dem Rauch auf. Er war nicht der Einzige, der an diesem Tag vor den schwelenden Trümmern stand.

Für meine Mama, Hannelore König, die mit achtzig zum ersten Mal Fantasy gelesen hat.

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Digitale Originalausgabe

© Arena Verlag GmbH, Würzburg 2017

Covergestaltung: TwinArtDesign unter Verwendung von Bildern von ©Shutterstock

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ISBN: 978-3-401-84003-1

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1. Namenlos

Vor meinen Augen war es schwarz. An meinem Ohr summte ein Insekt vorbei und ließ sich auf meiner Hand nieder. Mit seinen winzigen fadendünnen Beinen kitzelte es meine Haut. Ich wollte es abschütteln, den nervigen Plagegeist loswerden, doch so sehr ich mich auch konzentrierte, mein Arm war steif und gehorchte mir nicht. Ich befand mich in einem Zustand zwischen Traum und Wirklichkeit. Es war das Gefühl, wenn man versucht wegzurennen, sich aber keinen Zentimeter von der Stelle rührt.

Das Insekt, von dem ich hoffte, dass es nur eine Fliege war, kroch über meine Finger. Auf eine lästige Weise, die kaum zu ertragen war. Dann hob es ab, umkreiste kurz meinen Kopf und verstummte etwas abseits.

Es raschelte. Was war das? Was würde ich zu Gesicht bekommen, wenn es mir gelang, die Augen zu öffnen?

Ein bekannter Geruch stieg mir in die Nase. Das Wort, mit dem ich ihn hätte beschreiben können, war mir entfallen. Jetzt fühlte ich eine Berührung ... einen warmen Körper. Mit einem Schlag riss ich die verklebten Augenlider nach oben und zwinkerte. Grelles Sonnenlicht blendete mich. Ich drehte meinen Kopf zur Seite und richtete den Blick zur Decke, um dem gleißenden Licht zu entkommen. Über mir bauten sich schemenhaft graue, rissige Holzbalken auf. Ein Spitzdach wurde von bröckelnden Fachwerkwänden getragen. Von irgendwoher drang ein monotones Klappern.

Wo war ich? Der Raum, in dem ich mich befand, verschwamm vor meinen Augen und tauchte wieder auf. Mir war übel. Meine zitternden Hände suchten nach Halt auf dem Boden und versanken im stacheligen Untergrund, der wie Nadeln in meine Finger pikste. Mein Kopf jedoch lag auf etwas seidig Weichem. Ich schmiegte mein Gesicht an den Stoff, der goldgelb vor meinem Auge schimmerte und holte tief Luft, um den Geruch einzuordnen, der mich umgab. Jetzt fiel es mir ein. Heu war das Wort, nach dem ich gesucht hatte. Es roch nach frischem Heu und Staub.

In beängstigender Ahnung, dass etwas Seltsames passiert sein musste, wanderte mein verschleierter Blick zu dem, was mich berührt hatte. Ein dunkelhaariger Junge lag an meiner Seite. Seine schmutzige Hand ruhte auf meinem Arm. Den Kopf hatte er an meine Schulter gelehnt. Er schlief.

Wer war das? Mir fiel seine merkwürdige Kleidung auf. Ein schwarzer Umhang hing schief auf seinen Schultern. Darunter trug er ein verdrecktes grünes Hemd, das an den Rändern mit einer edlen, filigranen Borte bestickt war.

Schockiert schob ich den Stoppelkopf von meiner Schulter und richtete mich kraftlos auf, um sein Gesicht zu betrachten. Seine Wangen waren zerkratzt, seine Stirn schmutzig und eine Augenbraue schien versengt. Trotzdem lächelte er im Schlaf. Ich konnte es nicht leugnen: Er kam mir bekannt vor. Woher nur? Es gab nur eine Möglichkeit, das herauszufinden. Ich beugte mich über ihn und rüttelte an seinem Arm.

»Hey.«

Der Junge verzog das Gesicht, als hätte ich ihn im süßesten Traum gestört, und drehte den Kopf zur Seite. Ich entdeckte einen rötlichen Schimmer an seinem Haaransatz. Was ist das für ein eitler Typ, der versucht, seine roten Haare zu verbergen?

»Hey!« Wieder rüttelte ich an seinem Arm. Diesmal energischer und es zeigte Wirkung.

Plötzlich packte er mich am Handgelenk und hielt mich fest. Dann schlug er die Augen auf und starrte mich wie durch einen Schleier an.

»Was willst du von mir?«

»Nichts!«, antwortete ich. »Lass mich los!«

»Wer bist du?« Er musterte mich misstrauisch.

Ich holte tief Luft, kaute auf meiner Unterlippe und überlegte. Es war, als wären meine Gedanken in einem schwarzen Loch gefangen und ich hatte keinen Zugang mehr. War es möglich, dass ich meinen eigenen Namen vergessen hatte?

»Sag mir zuerst, wer du bist!«, gab ich zurück, um meine Erinnerungslücke zu vertuschen.

Die Stirn des Jungen legte sich in Falten und ich spürte, wie sein Hirn arbeitete. Schließlich zuckte er mit der Schulter. Entweder wollte er mir seinen Namen nicht verraten oder er war genauso ahnungslos wie ich.

»Hör zu. Ich tue dir nichts. Du kannst mich wieder loslassen.« Mein Blick wanderte zum Handgelenk, dass er festhielt. »Langsam tut es weh.«

Zögernd lockerte er seinen Griff und ich zog meine Hand aus der Umklammerung.

»Danke«, sagte ich und rieb mir das schmerzende Gelenk. »Weißt du, wie wir hierhergekommen sind?« Meine Augen huschten flüchtig über den Heuberg, der uns umgab.

»Nein!«, antwortete der Junge resigniert und setzte sich auf. Seine Augen ruhten nach wie vor auf meinem Gesicht. »Hast du dich geprügelt?«

»Wieso?«, fragte ich verwundert.

Er deutet mit dem Finger auf meine Wange. »Du hast da ein dickes Veilchen unter dem Auge.«

Reflexartig betastete ich mein Gesicht. Es fühlte sich geschwollen an.

»Mein Gott!«, rief ich entsetzt. Ich wollte aufspringen, aber meine Beine waren wie taub. »Was ist hier los?« Mein Blick fiel wieder auf den merkwürdigen Umhang. »Du siehst aus, als wärst du auf einem Kostümfest gewesen.«

»Ach ja? Schau dich an«, gab der Junge zurück. »Deine Verkleidung ist nicht viel besser!«

Ich blickte an mir herab. Was ich sah, überraschte mich nicht weniger. Ein blaues Kleid schmiegte sich um meinen Körper. Unter meiner Brust und an den Ärmeln war es mit einer ähnlichen Borte verziert, wie das Hemd des Jungen. Und als ich einen flüchtigen Blick über meine Schultern warf, bemerkte ich, dass es auf der Rückseite mit schwarzen Schnüren über Kreuz eng zusammengebunden war. Instinktiv spürte ich, dass mit dem Kleid etwas nicht stimmte. Der Schnitt kam mir ungewöhnlich vor, fast so, als passte er nicht in diese Zeit. Ich begann, an meinem Verstand zu zweifeln. Es war unbegreiflich. In sonderbarer Kleidung war ich mit einem fremden Jungen mutterseelenallein in einer Scheune erwacht. Wie um alles in der Welt war ich in diese Situation geraten?

Schnaufend kam ich auf die Beine, sodass ich über die Vertiefung im Heu, in der wir gelegen hatten, hinausblicken konnte. Der Junge richtete sich ebenfalls auf und folgte meinem Blick hinüber zu einem Bretterstapel an der gegenüberliegenden Wand. Er reichte bis unter die rissigen Balken. Daneben gab es einen Durchbruch im Fachwerk, der offenbar in ein Seitengebäude führte. Meine Augen wanderten zu einem verwaisten Taubenschlag und zurück zu den Heuhaufen, auf dem wir beide standen.

»Das ist eine alte Scheune«, sagte der Junge nüchtern.

»Ja!«, gab ich zurück. Es war zum Verzweifeln. Nichts an diesem baufälligen Gebäude kam mir bekannt vor und da war immer noch das nervige Klappern. »Hörst du das auch?« Forschend drehte ich den Kopf und versuchte, den Ursprung des Geräusches auszumachen. »Wo kommt das bloß her?« Ich ließ den Jungen mit dem wunderlichen Umhang zurück und stapfte durch das Heu zu dem Fenster, dessen Licht mich geblendet hatte. Mein Bein schmerzte bei jedem Schritt. Hatte ich mich wirklich geprügelt?

Als ich das Fenster erreicht hatte, wischte ich mit dem Ärmel den Staub von der Scheibe und spähte hindurch. Hohe Laubbäume ragten in einen wolkenlosen Himmel und versperrten mir die Sicht auf die Umgebung. Ich öffnete den Riegel, dabei knarrte das Fenster bedenklich. Ich hatte das Gefühl, es würde jeden Moment auseinanderbrechen. Vorsichtig lehnte ich mich über die morsche Brüstung und sah nach draußen. Das pochende Geräusch war jetzt so laut, dass es das Vogelgezwitscher in den Ästen übertönte. Mein Blick wanderte die Hauswand herab und ich erkannte ein klappriges Mühlrad, das von einem Bach angetrieben wurde. Dieses Haus war keine alte Scheune, sondern eine Mühle. Aufgewühlt schaute ich mich nach dem Jungen um. Er war verschwunden. An der Stelle, an der wir aufgewacht waren, lagen nur noch sein schwarzer Umhang und das goldgelbe Tuch. Ich ging zurück und hob es auf. Als ich es berührte, lief mir ein leichter Schauer über den Rücken. Mir wurde kurzzeitig schwindlig, doch ich ließ es nicht los. Zu gut war das zarte Gefühl der Geborgenheit, das mich in diesem Moment gefangen hielt. Behutsam legte ich das Tuch über meine Schultern und suchte nach dem fremden Jungen.

Ich entdeckte ihn in der Mitte der Scheune. Er balancierte über die Dielen in Richtung des Bretterstapels, während er sich das Heu vom Hemd putzte. Als er die gegenüberliegende Seite erreicht hatte, spähte er neugierig durch die kaputte Wand in den angebauten Seitenflügel.

»Warte auf mich. Wo willst du hin?«

»Ich versuche, einen Weg nach draußen zu finden«, rief er mir zu und es sah nicht so aus, als ob er sich gedulden könnte, bis ich bei ihm war. Hastig rutschte ich den Heuberg hinab und lief hinter ihm her. Auf der rechten Seite hinter dem Taubenschlag erblickte ich eine Öffnung im Boden. Vermutlich befand sich hier die gesuchte Treppe. Zaghaft ging ich darauf zu. Die wankenden Holzdielen beunruhigten mich. Sie lagen nur lose auf den Balken und waren mit breiten Ritzen verlegt, so dass ich mühelos in das darunterliegende Stockwerk blicken konnte.

Etwas schwarz Lackiertes glänzte dort unten. Was war das? Neugierig schob ich mit dem Fuß eines der losen Bretter weiter beiseite und schielte durch die handbreite Ritze. Es war eine auf Hochglanz polierte Kutsche, die zwischen verstaubtem Gerümpel stand.

»Vorsicht!«, warnte der Junge. »Die Dielen sind morsch. Wenn du nicht aufpasst, landest du schneller dort unten, als dir lieb ist.«

»Keine Sorge. Ich bevorzuge die Treppe dort drüben«, sagte ich. Doch als ich mich der wackeligen Konstruktion näherte, musste ich einsehen, dass der Abstieg schwieriger werden würde, als gedacht. Das Geländer war aus der Verankerung gerissen und baumelte lose in der Luft. Von den Stufen war nur jede zweite vorhanden.

»Es gibt keinen anderen Weg nach unten«, sagte der Junge. Er kam auf mich zu und schaute skeptisch die Treppe hinab. »Ich habe mich umgesehen.«

»Also gut! Wir können nicht ewig hierbleiben.« Mit einem großen Schritt trat ich auf die erste vorhandene Stufe und der Junge folgte mir. Nach vier Schritten, als ich die halbe Treppe überwunden hatte, knacke es bedenklich. Reflexartig griff ich mit der Hand nach dem losen Geländer. Es drehte sich knarrend zur Seite und hätte mich vermutlich von der Treppe geschleudert, wenn mich der Junge nicht am Kleid festgehalten hätte.

Ich atmete tief durch und sah zu ihm auf. »Danke!«

»Keine Ursache!«, meinte er lächelnd.

Vielleicht war er doch nicht so übel, wie ich im ersten Moment vermutet hatte. Dann hörten wir Stimmen.

»Es kommt jemand! Beeil Dich!«, zischte der Junge.

Ich war zu verdattert über den beinahe erlittenen Absturz, als dass ich reagieren konnte. Ungeduldig schob er sich an mir vorbei und sprang die letzten Stufen hinab.

»Wer kann das sein?«, fragte ich besorgt.

»Das werden wir gleich sehen!« Er ging auf das Scheunentor zu. Die Stimmen kamen aus dieser Richtung. Leise lief ich ihm nach. Das Veilchen unter meinem Auge könnte ein Indiz dafür sein, dass ich geschlagen worden bin, dachte ich. Womöglich hat uns jemand ausgeraubt und hier hergebracht. Ich stöhnte. Warum konnte ich mich nicht erinnern?

Verunsichert spähte ich genau wie der Junge durch den Torspalt und erkannte zwei Männer auf dem Hof, die sich unterhielten. Der eine war mittelgroß, leicht untersetzt und hatte einen eiförmigen Kopf, der von einem lichten grauen Haarkranz umgeben war. Er trug einen dunklen Anzug und darunter eine Nadelstreifenweste, aus deren Tasche die funkelnde Kette einer Uhr baumelte.

Der zweite Mann war legerer gekleidet und musste um die vierzig sein. Sein dichtes rabenschwarzes Haar war von ersten silbergrauen Strähnen durchzogen; sein Körperbau war erstaunlich schlank und muskulös. Er trug keine Jacke, nur ein weißes Hemd, und darüber breite Hosenträger, die jeweils mit zwei Knöpfen an seiner Hose befestigt waren.

Lebhaft diskutierend, drehte der ältere der beiden Männer den Kopf in unsere Richtung. Ich sah, dass eine dicke Zigarre zwischen seinen Lippen klemmte.

»Was machen wir jetzt?«, fragte ich und fing an zu schwitzen. Die Situation konnte brenzlig werden. »Glaubst du, das sind Verbrecher?«

Der Junge zuckte mit den Schultern. »Der Dicke sieht aus wie der Chef einer organisierten Bande von Halsabschneidern. Normale Leute wohnen hier sicher nicht.«

Meine Augen huschten nervös über den Hof. Die alten Gemäuer, die ihn umrahmten, waren kaum mehr als Ruinen. Die meisten Fensterscheiben des angrenzenden Wohnhauses waren zersprungen, an den Wänden fehlte der Putz und die kaputten Fensterläden bewegten sich knarrend im Wind.

Der fast glatzköpfige Mann wandte sich um, warf den Zigarrenstummel zu Boden und trat mit dem Fuß darauf. Plötzlich gingen die beiden dem Tor entgegen, hinter dem wir sie beobachteten.

Uns blieben nur Sekunden, in denen wir ihre Gesichter betrachten konnten. Sekunden, in denen wir uns entscheiden mussten, ob sie uns bekannt waren oder nicht. Ob wir ihnen trauen konnten. Ich für meinen Teil glaubte, die Männer noch nie gesehen zu haben.

»Sie dürfen uns nicht entdecken!«, sagte der Junge heiser und drehte sich blitzartig um.

»Ja«, stimmte ich zu. »Wir müssen uns verstecken. Aber wo?«

Alles was ich sah, waren schwere Mahlsteine, die zu der Mühle gehörten und wuchtige verstaubte Holzzahnräder, die mit ihnen verbunden waren. Weiter hinten, in einer finsteren Ecke, entdeckte ich die schwarze Kutsche wieder.

»Da rein!«, schlug ich rasch vor.

Der Junge nickte ohne ein Wort zu verlieren und schlängelte sich zwischen den Zahnrädern hindurch. Als er das Gefährt erreicht hatte, öffnete er sacht die Tür und kletterte hinein. Ich folgte ihm auf leisen Sohlen und in gebückter Haltung.

Doch da öffnete sich das Scheunentor schon und ich blieb wie angewurzelt vor der Kutsche stehen. »Worauf wartest du?« Eine Hand zog mich in das Gefährt. Ich taumelte über das Trittbrett und duckte mich zwischen die beiden braunen Ledersitze. Die Männer schienen nichts bemerkt zu haben, denn sie gingen eilig der Treppe entgegen und stiegen nacheinander die kaputten Stufen empor.

»Gleich werden sie entdecken, dass wir nicht da sind«, flüsterte ich und schielte durch das Fenster der Kutsche.

»Wir dürfen kein Risiko eingehen. Schnell!«, zischte der Junge. Er deutete mit dem Kopf seitlich auf das offenstehende Scheunentor hinüber. »Wir verschwinden, bevor sie uns hier unten suchen. Jetzt!«

Ich rappelte mich auf und sprang aus der Kutsche. Der Junge drängte an mir vorbei und lief zielstrebig dem Scheunentor entgegen. Während ich ihm hastig folgte, hörte ich über mir harte Schritte und als wir auf dem Hof standen, erklang ein bestürzter Ausruf: »Sie sind weg!«

»Unmöglich! Es sind erst zwölf Stunden vergangen.« Die Antwort war kaum zu verstehen. Alte Dielen knarrten unter schnellen Schritten.

»Und nun?«, fragte ich irritiert.

»Da lang!«, flüsterte der Junge.

Wir strauchelten über Pflastersteine, alte Lehmziegel und spitze Scherben, die in der Sonne glitzerten, dem steinernen Torbogen entgegen, der aus dem Hof führte. Der Ausgang war mit Holundersträuchern zugewachsen. Ein schmaler Trampelpfad begann zwischen den Büschen, die selbst aus den alten Steinwänden wucherten. Wir standen kurz vor dem Durchgang, als wir erst das Knarren des Scheunentors und dann die Stimmen hinter uns hörten. Ohne uns umzudrehen tauchten wir in die grüne Wildnis ein und verschwanden im Dickicht des Waldes. Ich war mir nicht sicher, ob die Männer uns gesehen hatten.

2. Der Unsichtbare aus dem Archiv

Mit den Händen in den Hosentaschen ging Thiron die hohe Brücke entlang. Sein Fuß stieß gegen einen Stein, der holpernd über die unebenen Platten rollte.

Vor ihm erhob sich das Ratsgebäude. Es thronte majestätisch auf dem höchsten Felsen der Steilküste. Die Kulisse, mit der Kalimantan Handelsreisende empfing, die sich vom Meer aus der Stadt näherten, war beeindruckend. Aus der Vogelperspektive der Hängenden Straßen bot sich ein ähnliches Bild. Das graue Steingebäude mit seinen filigranen Türmen war das größte Gebäude der Stadt und überragte die Dächer der Paläste. Die Akademie, in der die Weltengänger ausgebildet wurden, befand sich im rechten Flügel des Ratsgebäudes. Vor zwei Jahren hatte Thirons Vater ihn zum ersten Mal hergebracht. Damals wusste er nichts von der anderen Welt und den Erfindungen, die er hineintragen sollte. In nur wenigen Monaten hatte er alles gelernt, was ein Weltengänger wissen musste. Von besonderer Bedeutung für den geheimen Bund, dem Thiron angehörte, war das Wissen um die Kraft der magischen Artefakte. Sie waren die wichtigsten Utensilien eines Weltengängers und unablässig für die Mission, die sie verfolgten.

Es gab sieben davon: Drei Mementi, goldene Taschenuhren, von denen mindestens eine nötig war, um den Weltengang zu überwinden. Das Amulett der Weltengänger, Gemma Draco, auf dem eine s-förmigen Schlange abgebildet war. Der Drachenschlüssel sicherte dem Besitzer des Schmuckstückes den uneingeschränkten Zugriff auf die Zauberkräuter der Symerions. Die Karte der Zeiten, Hisco Tabula, die anzeigte, wann sich das Weltentor öffnete. Die Legata, das Buch der Erkenntnis, in dem alle Erfindungen niedergeschrieben waren. Und schließlich der Siegelring der alten Symerionkönige, Inaurem Ignes, mit dem man die Drachen rufen konnte. Der allerdings galt seit dem Tod der Königin Semara als verschollen. Bis auf die Legata bewahrte man die fünf anderen Artefakte im schwarzen Gewölbe auf. Zusammen mit dem alten Archiv befand es sich tief unter den Mauern des Ratsgebäudes.

Thirons Ziel rückte näher. Genervt wich er den Passanten aus, die die Hängenden Straßen in Scharen bevölkerten. Seine Gedanken waren woanders ...

Sie war weg. Endgültig und für immer.

Sein Fuß traf den Stein so heftig, dass er über das Geländer sprang. Er knallte donnernd auf das Dach der Kathedrale und polterte die Schräge hinab. Thiron lehnte sich über die Brüstung und sah ihm nach. Seine Augen fixierten den Stein, um den Aufprall auf die belebte Straße zu verhindern. Doch während er den Schwebezauber murmelte, war er nicht wirklich bei der Sache. Seine Worte verfehlten das Ziel. Der Kiesel landete schmetternd wenige Zentimeter neben einer rothaarigen jungen Frau auf der Straße.

In ihrem leuchtend-bunten Kleid sah sie erschrocken nach oben. Ihre Augen trafen auf Thiron. In dem Moment begann sie so wortgewaltig zu schimpfen, dass alle Umstehenden den Kopf in ihre Richtung drehten. Funken sprühten aus ihren Fingern und jagten durch die Luft. Thiron ging hinter dem Geländer in Deckung, um dem Rachezauber auszuweichen.

»Verdammt!«, fluchte er leise, während er aus seiner Deckung durch die steinerne Balustrade auf die Rothaarige hinabblickte. Thiron beherrschte das Feuer wie kein anderer. Ansonsten waren seine magischen Fähigkeiten nie besonders gut gewesen. Das war das Schicksal eines Weltengängers. Aber jetzt kam es ihm vor, als hätte Leni sein letztes bisschen Zauberkraft mitgenommen ...

Wieder jagte ihm ein mächtiger Zauber entgegen. Er prallte krachend auf das Geländer und Steine bröckelten aus ihm heraus. Die vorbeilaufenden Leute auf der Brücke sprangen kreischend in alle Richtungen. Die Distanz zwischen der jungen Frau und dem schwindelerregend hohen Bauwerk, das sich zusammen mit den anderen Brücken wie ein weitmaschiges Netz über die Dächer der Stadt ausbreitete, war beträchtlich. Sie verstand ihr Handwerk. Unglaublich, dass sie ihn auf diese Entfernung zielsicher anpeilen konnte.

Zwei Ratswächter tauchten auf. Sie umzingelten die Rothaarige, die sich fluchend mit Händen und Füßen zu wehren versuchte.

Thiron erhob sich und beobachtete das Geschehen. Die Männer taten ihr nichts. Sie versuchten lediglich, die junge Frau zu beruhigen und vom Platz zu dirigieren. Es gelang ihnen nur mit größter Anstrengung, denn die Rothaarige wehrte sich mit Geschrei und leuchtenden Feuerblitzen.

Das Problem schien sich von selbst zu lösen. Erleichtert wandte er sich ab und ging weiter dem Ratsgebäude entgegen. Dieses dumme Missgeschick war nur passiert, weil seine Gedanken die ganze Zeit bei Leni waren.

Er hatte sie fortschicken müssen. Ein Neuweltlermädchen durfte nicht bleiben. Ihre bloße Anwesenheit ließ den Zauber der magischen Welt verblassen. Schlimmer noch, wenn Thiron mit Leni zusammengeblieben wäre, hätten beide Welten miteinander verschmelzen können. Er schnaufte. Trotz der verheerenden Folgen fühlte es sich falsch an, von ihr getrennt zu sein. Er wusste nicht, ob sie es geschafft hatte, den Weltengang zu überwinden. Hatte seine Nachricht sie noch erreicht? Oder war sie gar nicht mehr am Leben?

Die rothaarige junge Frau fluchte immer noch in der Ferne. Thiron nahm ihre mit schmutzigen Schimpfwörtern gespickten Anschuldigungen nur noch am Rande wahr. Stattdessen dachte er an das Versprechen, das er Leni gegeben hatte. Doch um den Schwur einzulösen, brauchte er das Nimbin. Das geheimnisvolle Kraut war eines der mächtigsten Wundermittel der magischen Welt. Die Weltengänger nutzten diese Droge, um den Wissenschaftlern der Neuwelt die Ideen für ihre Erfindungen zu übertragen, aber Thiron hatte etwas anderes damit vor. Er wollte mit Leni in Verbindung treten. Es war die einzige Möglichkeit, um herauszufinden, ob sie sicher entkommen war. Thiron wusste, wo die Ratsherren das wertvolle Zauberkraut aufbewahrten. Zusammen mit den magischen Artefakten verbargen sie es im schwarzen Gewölbe. Der unterirdische Raum, der sich irgendwo in den Kellern des Ratsgebäudes befinden musste, war der sicherste Ort der magischen Welt und wurde von unzähligen Zaubern geschützt. Nur der oberste Ratsherr, Artimis, durfte ihn betreten. Für einen einfachen Weltengänger war es fast unmöglich dorthin zu gelangen. Erst recht, nachdem Thiron seinen Mentor, den alten Weltengänger Lewin Garakan, gegen sich aufgebracht hatte.

Zwei Tage waren seit der Schlacht in den Ahnenwiesen vergangen. Eigentlich hätte Thiron unverzüglich nach Kalimantan zurückkehren müssen. Stattdessen war er zu Serins Hütte geritten. Es hatte Gerüchte gegeben. Leni und ihre Geschwister wären auf dem Weg zum Weltentor von den Grauröcken verfolgt worden.

Der Gedanke an das, was er schließlich auf der kleinen Lichtung vorgefunden hatte, tat weh. Mit zusammengebissenen Zähnen versuchte er, den Schmerz zu unterdrücken. Elrics Anhänger hatten die Hütte bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Der Weltengang lag nun unter Schutt und Trümmern begraben.

Thiron fragte sich immer wieder warum er Leni und ihre Geschwister nicht bis zum letzten Grenzpunkt begleitet hatte. Wenn er gesehen hätte, dass sie den Gang betreten hatten, würde es ihm besser gehen. Nun wusste er nicht einmal, ob sie noch am Leben waren.

Nach diesem Schock war er zwei Tage ziellos durch die Gegend geritten, bis eine von Lewins Tauben ihn erreicht hatte. Der unerfreuliche Brief steckte in seiner Hosentasche. In einem unmissverständlichen Ton hatte der alte Weltengänger Thiron an die Akademie zurückbefohlen. Aus diesem Grund war er nun hier.

Das Ende der Brücke rückte näher. Auf der linken Seite, weit unter Thirons Füßen, begannen die steilen schroffen Felsen, auf denen der Amtssitz des Rates errichtet worden war. Thiron blickte ehrfürchtig zu der mächtigen Kuppel empor. Es schien, als würde sie die Wolken berühren. Umgeben von zahllosen Türmen schimmerte ihr Dach so blau wie das Meer unterhalb der Steilküste. Der Eingang befand sich in einem der schlanken Türme. Das Tor wurde von zwei wuchtigen Sandsteinsäulen flankiert, die doppelt so hoch waren wie er selbst.

Zögernd blieb er stehen. Möwen segelten über seinen Kopf hinweg und ließen sich auf dem Geländer nieder. Er holte tief Luft, griff nach dem Ring und klopfte gegen das Holz. Das Tor öffnete sich einen Spalt und ein Ratswächter mit förmlich steifer Miene trat ihm entgegen. Er trug das elegante Gewand der alten Garde, blau mit goldenem Schriftzug.

»Thiron Sandor – Weltengänger. Lewin Garakan möchte mich sprechen«, sagte er mit fester Stimme, obwohl ihn ein ungutes Gefühl plagte. Er hatte sich Lewins Anweisungen widersetzt und war Leni und ihrem Bruder zu den Ahnenwiesen gefolgt. Würde der alte Weltengänger den Verstoß tatenlos hinnehmen? Bisher hatte ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen den beiden bestanden.

»Wie lautet die Losung?«, fragte der Wächter.

»Im Zauber getrennt. – In der Erkenntnis vereint.«

Die Tür öffnete sich knarrend und Thiron trat in die heiligen Hallen.

»Die Ratsherren befinden sich gegenwärtig im Saal des Ewigen Lichtes«, sagte der Wächter und Thiron bedankte sich.

Er kannte den Weg. In der Zeit seiner Ausbildung war das Ratsgebäude sein zweites Zuhause geworden. Langsam ging Thiron den langen Marmorflur entlang. An den spärlich beleuchteten Wänden standen alle zehn Meter Wachen, die jeden seiner Schritte beobachteten. Er wusste um ihre Fähigkeiten, die Menschen zu durchschauen. Doch Thiron machte sich keine Sorgen. Er war jemand, dessen Gedanken nur schwer zu durchdringen waren.