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Über dieses Buch:

Rhys der Gnadenlose – so wird er genannt. Und als der Ritter nach Wales zurückkehrt, um endlich die englischen Herrscher seiner Heimat zu vertreiben, ist niemand vor ihm sicher. Vor allem nicht Isolde, die Tochter des Herrschers von Rosecliff. Sie soll das Druckmittel sein, damit er selbst die Macht ergreifen kann. Doch auch seine zarte Geisel weiß ihre Waffen einzusetzen und verwirrt seine Sinne, bevor er seinen Plan in die Tat umsetzen kann … So beginnt ein gefährlicher Reigen um Liebe, Macht und Leidenschaft, dem sich Rhys und Isolde entziehen können.

Über die Autorin:

Rexanne Becnel ist gefeierte Autorin zahlreicher historischer Liebesromane. Während mehrerer Aufenthalte in Deutschland und England in ihrer Jugend begeisterte sie sich so sehr für mittelalterliche Geschichte, dass sie Architektur studierte und sich für den Denkmalschutz mittelalterlicher Gebäude einsetzt. In ihren Bestseller-Romanen haucht sie der Geschichte auf ganz andere Art neues Leben ein. Sie lebt glücklich verheiratet in New Orleans.

Bei dotbooks erscheinen auch:

Die Sehnsucht des Lords

Das Verlangen des Ritters

Der Pirat und die Lady

Das wilde Herz des Ritters

Ein ungezähmter Gentleman

In den Armen des Edelmanns

Das Herz des Lords

Rosecliff – Der Ritter

Rosecliff – Die Braut

***

eBook-Neuausgabe August 2017

Dieses Buch erschien bereits 2002 unter dem Titel Die Herrin von Rosecliff bei Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG, München.

Copyright © der amerikanischen Originalausgabe 2000 by Rexanne Becnel

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2000 unter dem Titel The Mistress of Rosecliff bei St. Martin’s Press.

Copyright © der deutschen Erstausgabe 2002 by Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG, München

Copyright © der Neuausgabe 2017 dotbooks GmbH, München

Published by Arrangement with Rexanne Becnel

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: HildenDesign unter Verwendung mehrerer Motive von Shutterstock.com; Motiv oben: hotdamnstock; Motiv unten: shutterstock.com

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (sh)

ISBN 978-3-96148-167-5

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Rexanne Becnel

Rosecliff – Die Herrin

Roman

Aus dem Amerikanischen von Alexandra von Reinhardt

dotbooks.

Für meine treuen Freundinnen
Pam, Deborah und Barbara,
auf die ich mich immer verlassen kann,
Danke für eure Großzügigkeit!

PROLOG

»Die mich schufen waren roh.
Sie machten mich härter als den Teufel.
Messer schneiden mich nicht, Feuer setzt mich
nicht in Brand.
Hunde bellen mich an, können mich aber
nicht beißen.«

TUSSER

Whitling Castle, England, September 1153

Rhys ap Owain hatte drei Ziele.

Er wollte England für immer verlassen und in seine heiß geliebte Heimat Wales zurückkehren.

Er wollte die Engländer, die sich dort seit vielen Jahren als Herren aufspielten – allen voran die Fitz Hughs – vertreiben, damit seine Heimat wieder den Walisern gehörte.

Im Augenblick wollte er aber nur den riesigen Ritter, der beim Turnier sein Gegner war, aus dem Sattel werfen.

Seine Lanze war auf den Schild des Mannes gerichtet, etwas links von der Mitte. Die beiden Kampfrösser galoppierten aufeinander zu. Die Zuschauer brüllten, waren völlig außer Rand und Band. Nur noch eine Sekunde ...

Der Zusammenprall war so heftig, dass Rhys fast aus dem Sattel geschleudert worden wäre. Doch er duckte sich, und die Lanze des Gegners streifte nur an seinem Schild entlang. Seine eigene Lanze hatte hingegen voll getroffen, das spürte und hörte er, noch bevor er sah, dass das Pferd des anderen Mannes scheute.

Der Kampf war vorüber. Dichte Staubwolken behinderten seine Sicht, aber Rhys wusste, dass er wieder einmal gesiegt hatte. In den letzten drei Jahren hatte er 29-mal bei Turnieren gekämpft und war nur 4-mal aus dem Sattel geworfen worden – und während dieser zu Ende gehenden Saison noch kein einziges Mal.

Sogar sein Ross schien den Sieg zu spüren, denn es tänzelte jetzt fast anmutig, obwohl die Erde unter den schweren Hufen erbebte. Irgendwo hinter ihnen schnaubte der reiterlose Hengst des Gegners, dem jetzt Knappen und Sanitäter zu Hilfe eilten.

Rhys ritt langsam an der Umzäunung des Turniergeländes entlang, die Lanze triumphierend erhoben. Er war mittlerweile unter verschiedenen Beinamen bekannt: Rhys der Gnadenlose, Rhys der Zornige oder sogar Rhys der Rasende. Das lag daran, dass er nicht nur gewinnen, sondern den Kontrahenten nach Möglichkeit zermalmen, vernichten wollte.

Ob beim Training, bei genehmigten – und inoffiziellen – Turnieren oder auf dem Schlachtfeld – immer kämpfte er gegen Engländer. Er machte keinen Hehl daraus, dass er sie verabscheute, und in England herrschte kein Mangel an Männern, die sich mit diesem frechen Waliser messen wollten, der als fahrender Ritter seine Talente dem Meistbietenden zur Verfügung stellte.

Rhys war auf diese Weise viel reicher geworden, als er es sich in der Kindheit jemals erträumt hatte. Doch er brauchte noch mehr Geld, um seine Pläne in die Tat umzusetzen.

Im Pavillon des Lords stand eine Frau auf, doch durch den schmalen Augenschlitz seines Helms konnte er nicht erkennen, ob es die Gemahlin von Lord Whitling oder dessen Tochter war. Jedenfalls hielt sie ein mit weißen Blumen und Bändern durchflochtenes rotes Seidentuch in einer Hand, und er ritt darauf zu, um es abzuholen. Seide und Rosen waren eine symbolische Belohnung für den Sieger des Turniers, aber Rhys legte noch größeren Wert auf die Gold- und Silbermünzen, die er von den unterlegenen Rittern für die Rückgabe ihrer Pferde und Rüstungen erhalten würde.

Gute Arbeit, dachte er, während er vor dem mit Fahnen geschmückten eleganten Pavillon der Herrschaften anhielt. Die Anstrengungen des heutigen Tages würden sich auszahlen ...

Rhys senkte seine Lanze, und die adlige Dame schlang das Seidentuch um die Spitze der Waffe. Dabei lächelte sie ihm zu – es war die vollbusige Mutter, nicht die hellhäutige Tochter.

Er nahm den Helm ab, und die Zuschauer klatschten in die Hände, trampelten mit den Füßen und brüllten Beifall. Als der letzte besiegte Ritter von vier Männern auf einer Bahre weggetragen wurde, erschollen hingegen laute Pfiffe und Beschimpfungen.

»Sir Rhys, ich erkläre Euch zum Sieger der Spiele von Whitling«, verkündete die Dame. Hinter ihr hob Lord Whitling seinen Weinbecher, trank und rülpste laut. Sie ignorierte ihren Gemahl und sah Rhys unverwandt an. »Ihr werdet heute Abend mit uns speisen.« Und später mein Bett teilen, fügten ihre Augen wortlos hinzu.

Rhys nickte. Die Tochter war hübscher, aber als Jungfrau wurde sie wahrscheinlich streng bewacht. Ihre Mutter besaß dafür sehr viel Erfahrung und hatte offensichtlich ein Auge auf den jungen Waliser geworfen, der bei diesem Turnier sieben englische Ritter bezwungen hatte. Und heute Nacht würde er Lady Whitlings Gemahl die Hörner aufsetzen ...

Er lächelte der Frau zu, hob die Lanze und ließ das dünne Seidentuch langsam über den Schaft gleiten. Ihre kleinen hungrigen Augen weiteten sich und begannen erwartungsvoll zu funkeln.

Ja, sie würde ihn leidenschaftlich befriedigen. Und im Morgengrauen würde er dann zum Turnier von Gilling reiten. Es gab Gerüchte, dass König Stephen sich mit seinem jugendlichen Herausforderer Heinrich, dem Herzog der Normandie, geeinigt hatte. Veränderungen lagen in der Luft, und ein zu allem bereiter Mann konnte diese Gelegenheit nutzen.

Das vorrangige Ziel hatte Rhys heute erreicht. Die Zeit war nicht mehr fern, da er auch seine beiden anderen Ziele verwirklichen würde ...

TEIL I

»Ein hübscher Mund, um Lieder zu singen,
Wimpern lang und zart,
Ein Körper, wie geschaffen für die Lust ...
Romantische Musik, gespielt von Lauten,
Und heiße Küsse in der Nacht.
Schnell bereit zur Liebe,
Schnell bereit zum Streit,
Doch durch ein unsichtbares Band vereint.«

Aus einem mittelalterlichen Hausbuch

1

Rosecliff Castle, Wales, Oktober 1154

Isolde stand zwischen den Arbeitern, die in der Kapelle emsig am Werk waren. Ihre Stirn hatte sich in nachdenkliche Falten gelegt. Die Verschönerungen machten Fortschritte, dauerten allerdings wesentlich länger, als sie ursprünglich erwartet hatte. Nun ja, sie musste sich eben in Geduld fassen. Wenn die Arbeiten abgeschlossen waren, würde die Kapelle von Rosecliff dafür ein Schmuckstück sondergleichen sein.

Ihr Vater hatte sich anfangs dagegen gesträubt, den schlichten Gebetsraum verändern zu lassen, doch Isolde war hartnäckig gewesen und hatte schließlich ihren Willen durchgesetzt. Wenn er die verblüffenden Ergebnisse ihrer Bemühungen sah, würde Randulf Fitz Hugh bestimmt auch den vielen anderen Verschönerungen zustimmen, die Isolde für die Burg vorschwebten.

Ihre Stirn glättete sich, und ein glückliches Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie sich vorstellte, wie Rosecliff eines nicht allzu fernen Tages aussehen könnte. Ein Lustgarten müsste angelegt werden. Über dem Kamin in der großen Halle müsste – von einem erstklassigen Künstler gemalt – das Wappen ihres Vaters prangen: ein Wolf, von Rosen umrankt. Gobelins müssten die Wände schmücken. Und mehr Kandelaber wären auch wünschenswert – von der neuen Sorte, die sie in der Residenz des Bürgermeisters von Chester gesehen hatte, mit Auffangschalen für das Wachs ...

Isolde riss sich mühsam von ihren Zukunftsvisionen los und begutachtete das fast vollendete Fresko von Johannes dem Täufer. Sie trat möglichst weit zurück und kniff die Augen zusammen, um das gesamte Wandgemälde besser überblicken zu können. Unwillkürlich hob sie einen Arm und fuhr damit durch die Luft, so als hätte sie einen riesigen Pinsel in der Hand.

»Der Fluss muss sich nach unten hin, in Richtung des Altars, verbreitern ...« Isolde redete mehr mit sich selbst als mit dem Künstler, der etwas ängstlich neben ihr stand. »Und die Sonne ist viel zu gelb. Sie muss bleicher sein.«

»Auf dem Wandgemälde in der Abtei von Chester habe ich für die Sonne die gleiche leuchtende Farbe verwendet«, wagte der Maler zu widersprechen.

»Aber ich wünsche sie heller«, beharrte Isolde. »Denn sie soll nicht nur die Sonne, sondern den ganzen Himmel in all seiner Pracht repräsentieren.« Sie griff nach dem dünnen Stift, der hinter ihr Ohr geklemmt war, und zeichnete eine Linie in den feuchten Kalk. »Bleichere Sonne. Breiterer Fluss. Etwa so ...«

Der Mann nickte widerwillig. Er ließ sich nicht gern, von Frauen Befehle erteilen, von so jungen am allerwenigsten. Wäre sie nicht die Tochter des mächtigen Burgherrn gewesen, hätte er sich von ihr nicht dreinreden lassen. Aber sie war nun einmal die Tochter, und ihr verdankte er diesen lukrativen Auftrag. Wenn er sie nicht zufrieden stellte, war diese künstlerisch begabte junge Dame durchaus imstande, ihre Visionen selbst zu verwirklichen.

»Wie lange wird es noch dauern, bis diese letzte Wand fertig ist?«, fragte Isolde.

Er zuckte mit den Schultern und wischte seine mit Farben beschmierten Finger am Arbeitskittel ab. »Anderthalb Tage für die Malereien. Danach zwei oder drei Tage, damit alles gut trocknet.«

»Ausgezeichnet. Ich werde Vater Clemson bitten, die Weihe der Kapelle vor der Sonntagsmesse vorzunehmen. Und ich möchte, dass Ihr und Euer Assistent dann im Kirchenstuhl unserer Familie sitzt, damit alle Euer Werk richtig zu würdigen wissen.«

Dem Künstler war anzusehen, wie sehr er sich über das seltene Lob freute. Isolde dachte, dass sie solche Komplimente viel häufiger machen müsste. Ganz von ihren Plänen erfüllt, vergaß sie oft, höflich zu anderen Menschen zu sein.

Während der Mann sich wieder am großen Fresko zu schaffen machte, ließ sie ihren Blick zufrieden durch die ganze Kapelle schweifen. Schreiner hatten sechs lange Bänke und einen schweren neuen Altar geschnitzt. Steinmetze hatten ein schönes Geländer angefertigt, und ein alter Meister hatte aus einem Marmorblock, den Onkel Jasper in Chester gekauft hatte, das prächtige Weihwasserbecken gemeißelt. Jetzt fehlte nur noch das Kruzifix.

Isolde tastete in ihrem Ärmel nach der Pergamentrolle mit ihrem Entwurf. Ihre Mutter wünschte sich zu Ehren ihrer walisischen Heimat ein keltisches Kreuz. Vater Clemson wollte hingegen die klassische Form gewahrt wissen: den Sohn Gottes im Todeskampf. Isoldes Vater hatte sich nicht in diese Diskussionen eingemischt und schmunzelnd zu ihr gesagt, sie habe sich die Umgestaltung der Kapelle in den Kopf gesetzt und müsse deshalb auch alle Entscheidungen selbstständig treffen.

Das fiel ihr nicht leicht. Vom Gefühl her pflichtete sie eher ihrer Mutter bei, aber Vater Clemson war ihr Beichtvater, und wenn er glaubte, sie hätte zu wenig Ehrfurcht vor Jesus, würde sie als Buße viele Stunden kniend beten müssen. Deshalb konnte sie nur hoffen, dass ihr Kompromiss beide Parteien befriedigen würde.

Die Lösung war ihr heute beim Aufwachen eingefallen, im ersten schwachen Morgengrauen, noch bevor die Hähne krähten und die Kühe muhten. Um diese Zeit hatte sie oft die besten Ideen. Ihr schwebte ein keltisches Kreuz vor, höher und breiter als jedes Kreuz, das sie bisher gesehen hatte. In der Mitte würde der Erlöser ins Holz geschnitzt sein, Gottes größtes Geschenk an die Menschheit. Doch an den vier Enden des Kreuzes würden alte keltische Symbole an andere göttliche Geschenke erinnern: über dem Haupt des Gemarterten der Himmel, unter seinen Füßen die Erde, zu seiner Linken das Feuer, zu seiner Rechten das Wasser.

Sie hatte nur eine flüchtige Skizze entworfen, war aber davon überzeugt, dass sie noch nie einen so genialen künstlerischen Einfall gehabt hatte. Trotzdem war sie nervös, als sie die Kapelle verließ und sich auf die Suche nach ihrer Mutter und Vater Clemson machte. Sollte sie die Zeichnung jedem einzeln oder beiden zusammen vorlegen? Jedenfalls musste sie bald mit ihnen sprechen. Leider würde das Kruzifix bis Sonntag auf gar keinen Fall mehr fertig werden.

Während sie den großen Innenhof überquerte, kreisten ihre Gedanken um Farben wie Ocker und Olive, um die richtige Mischung für ein leuchtendes Violett. Deshalb bemerkte sie weder die kleinen Menschengruppen, die miteinander tuschelten, noch die beiden fremden Pferde, die vor den Stallungen von zwei jungen Burschen betreut wurden. Erst als sie die Halle betrat und zwei Mädchen – ihre jüngere Schwester Gwen und deren Busenfreundin Lavinia – Arm in Arm und mit geröteten Wangen am Kamin stehen sah, kehrte Isolde in die Realität zurück.

»Na, euch steht die Aufregung ja deutlich ins Gesicht geschrieben«, kommentierte sie. »Ist irgendwas passiert? Wo ist Mutter? Und Vater?«

»Im Arbeitszimmer«, antwortete Gwen mit wichtiger Miene. »Sie haben eine Botschaft vom Herzog der Normandie erhalten. Vom Herzog der Normandie!«, wiederholte sie dramatisch. »Glaubst du, dass er uns hier in Rosecliff besuchen will?«

»O nein, das geht nicht!«, stöhnte Isolde. »Jedenfalls nicht, bevor die Kapelle ganz fertig ist.«

Gwen warf ihr einen missbilligenden Blick zu. Mit dreizehn spielte sie sich gern als perfektes Burgfräulein auf und hatte wenig Geduld mit der älteren Schwester. »Kalk und Farben sind ihr wichtiger als eine ordentliche Frisur«, erklärte sie Lavinia und schüttelte den Kopf. »Du solltest einmal deine Haare und dein Kleid sehen, Isolde!«

»Gott sei Dank beschränkt mein geistiger Horizont sich nicht auf Kleider und Frisuren«, erwiderte Isolde ziemlich scharf. »Wir alle hoffen, dass auch du eines Tages irgendwelche anderen Interessen entwickeln wirst. Bis dahin bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als dein kindisches Benehmen zu tolerieren.«

Hochmütig ließ sie die albernen Mädchen stehen. Wenn der Herzog der Normandie ihren Eltern eine Botschaft gesandt hatte, wollte sie wissen, worum es sich handelte.

Das Arbeitszimmer ihres Vaters war ein kleiner Raum, der nur durch einen schweren Vorhang von der Halle abgetrennt wurde. Hier gehörte unbedingt eine richtige Tür mit kleinem Guckfenster, Riegel und Türklopfer hin, hatte Isolde schon oft gedacht. Doch im Augenblick war sie überaus froh über den Vorhang, der es ihr nämlich ermöglichte, das Gespräch zu belauschen.

»Wann findet die Krönung statt?«, hörte sie die Stimme ihres Vaters.

»Mitte Dezember in der Westminster Abbey«, antwortete ein Mann. »Aber vorher möchte er sich mit seinen Baronen beraten und ihren Treueschwur erhalten. Deshalb solltet Ihr schon in den nächsten Tagen aufbrechen.«

»So bald?«, rief Isoldes Mutter. »Aber Rand, wie soll ich in dieser kurzen Zeit alle Vorbereitungen treffen?«

»Beruhige dich, Josselyn«, sagte Randulf Fitz Hugh. »Du brauchst doch nur zu packen, und dann reisen wir ab.«

»Aber was ist mit den Mädchen? Und Gavin hält sich in Ludlow auf!«

»Wir werden ihm eine Nachricht zukommen lassen, dass er nach London kommen soll.«

London!

Isolde umklammerte den Vorhang mit einer Hand. Die ganze Familie würde nach London reisen, um an einer Krönung teilzunehmen? Dann dämmerte ihr, was das zu bedeuten hatte: Anfang des Jahres war Heinrich, der Herzog der Normandie, als König Stephens Erbe proklamiert worden. Wenn er jetzt gekrönt werden sollte, musste der alte König gestorben sein.

»Vielleicht wird mein Bruder John auch zugegen sein, denn Aslin Castle ist nicht allzu weit von London entfernt. Und mit Halyard können wir bei dieser Gelegenheit über Isoldes Zukunft sprechen.«

Isoldes freudige Erregung verflog im Nu. Sie hatte ihren Onkel nie kennen gelernt, und eine Reise nach London wäre ein großartiges Abenteuer. Allerdings nicht, wenn es damit endete, dass sie Lord Halyards ältesten Sohn Mortimer heiraten musste!

Ohne zu überlegen zerrte sie den Vorhang zur Seite und stürzte ins Arbeitszimmer. Sechs Köpfe drehten sich verwundert um, sechs Augenpaare musterten sie mit gehobenen Brauen. Außer ihren Eltern saßen zwei fremde Männer am Tisch, außerdem noch Osborn, der Hauptmann der Garde, und Odo, der Haushofmeister.

»Isolde ...«, rief ihre Mutter flehend.

Die Auge n ihres Vaters schleuderten Blitze. »Wie du siehst, bin ich beschäftigt, Tochter. Warte in der Halle auf mich.«

»Aber Vater, ich will Mortimer nicht heiraten!«, platzte sie heraus. »Das weißt du genau.«

Seine eisige Miene verriet ihr sofort, dass sie einen gravierenden Fehler begangen hatte. Ihre beharrliche Weigerung, geeignete Ehekandidaten zu akzeptieren, stellte seine Geduld schon seit geraumer Zeit auf eine harte Probe. »Warte in der Halle auf mich«, wiederholte er grimmig.

Die Stille im Raum war beklemmend, doch trotz ihrer Furcht war Isolde nicht gewillt, einen Rückzieher zu machen, und reckte trotzig ihr Kinn. »Gut, ich werde in der Halle warten, aber ich werde niemals einem so idiotischen Plan zustimmen!«

Einer der Besucher schnappte erschrocken nach Luft, weil die Tochter des mächtigen Randulf Fitz Hugh sich solche Unverschämtheiten erlaubte. Isolde machte wütend auf dem Absatz kehrt und verließ das Zimmer. Vergessen war die Kapelle, vergessen auch ihr gewagter Entwurf für das Kruzifix. Sie konnte nur noch daran denken, dass die ganze Familie zur Krönung des neuen Königs nach London reisen würde. Und dort wollte ihr Vater sie einem tollpatschigen jungen Ochsen zur Frau geben!

Er ließ sie absichtlich lange warten. Zuerst verließen die Kuriere sein Arbeitszimmer, kurz danach Odo und Osborn. Isolde kaute an ihren Fingernägeln, knirschte mit den Zähnen und warf Gwen, die gemütlich auf einer Fensterbank hockte und sie beobachtete, einen zornigen Blick zu.

Es schien ihr eine Ewigkeit zu dauern, bis ihre Mutter die Halle betrat und sich zu ihr auf die Bank setzte. »Wirst du den richtigen Umgangston mit deinem Vater denn niemals lernen?«, tadelte Josselyn milde. »Durch deinen ungestümen Auftritt hast du deine Lage nur viel schwieriger gemacht.«

»Er ist schwierig, nicht ich!«, rief Isolde. »Er weigert sich, mir zuzuhören.«

»Und du hörst mir offenbar nie zu. Habe ich dir nicht oft gesagt, dass ich nie zulassen werde, dass meine Kinder gegen ihren Willen verheiratet werden?«

»Doch, Mama, aber ...«

»Aber du glaubst mir nicht und erschwerst dadurch alles, Isolde!« Josselyn warf frustriert die Hände hoch. »Werden Gavin, Gwen und Elyssa auch so schwierig wie du sein?«

Isolde senkte beschämt den Kopf, starrte ihre auf dem Schoß gefalteten Hände an und kratzte getrockneten Kalk von einem Finger ab. »Ist Vater sehr böse auf mich?«

»Er ist fuchsteufelswild.« Josselyn stieß einen schweren Seufzer aus. »Du kannst noch von Glück sagen, dass er heute andererseits erleichtert und zufrieden ist, weil England nach neunzehn Jahren endlich wieder einen unangefochtenen Monarchen haben wird. Aber deine scharfe Zunge hat ihn mehr denn je davon überzeugt, dass du dringend der straffen Zügel eines Ehemanns bedarfst.«

»Zügel?«, schnaubte Isolde. »Hat Vater dich in eurer Ehe jemals gezügelt? Ich hatte nie diesen Eindruck.«

Ein weiches Lächeln huschte über das schöne Gesicht ihrer Mutter. »Bildlich gesprochen sind dein Vater und ich zwei gleich starke Pferde, die an einem Strang ziehen. Er hat seine Einflusssphäre, ich habe die meine. Aber ich bin seine Frau, und du bist seine Tochter, Isolde. Er ist außerstande, dich im selben Licht wie mich zu sehen. Ich glaube, es fällt ihm insgeheim sehr schwer, sein geliebtes kleines Mädchen irgendeinem fremden Mann überlassen zu müssen.« Josselyns Augen funkelten amüsiert, und jetzt grinste sie richtig schelmisch. »Vielleicht hat er sich gerade deshalb für Lord Halyards Sohn entschieden. Selbstverständlich zieht er auch in Betracht, dass es eine ausgezeichnete Partie wäre, aber ich glaube, ausschlaggebend ist für deinen Vater, dass Mortimer eher ein Junge als ein richtiger Mann ist.«

Isolde versuchte diese Information zu verstehen. »Willst du damit sagen, dass Vater mich mit einem Mann – einem Jungen – verheiraten will, der seine ehelichen Pflichten nicht ausführen kann?«

Josselyn griff lachend nach ihren Händen. »Nein, natürlich nicht.... aber ein Teil von ihm kann den Gedanken nicht ertragen, dass irgendein Mann seiner Tochter die Unschuld rauben wird.«

Isolde war völlig verblüfft. Sie wusste seit vielen Jahren über den Geschlechtsverkehr Bescheid, denn ihre Mutter hatte alle diesbezüglichen Fragen mit bemerkenswerter Offenheit beantwortet. Dass ihr Vater in solchen Dingen gehemmter sein könnte, war ihr nie in den Sinn gekommen. »Aber ... aber warum will er mich dann überhaupt zu einer Ehe zwingen? Warum kann er mich nicht in Ruhe lassen, bis ich einen Mann finde, den ich heiraten möchte?«

Ihre Mutter schüttelte den Kopf. »Isolde, du suchst nach einer logischen Erklärung, während dein Vater nicht logisch, sondern rein gefühlsmäßig reagiert. Er weiß, dass du heiraten musst und dass es sehr wichtig für Rosecliff ist, wen du heiratest, aber tief im Herzen ist ihm die Idee verhasst, und deshalb findet er sich noch am ehesten mit Lord Halyards Sohn ab.«

Isolde verschränkte ihre Arme vor der Brust. »Nun, mir ist es völlig egal, wie wohlhabend und einflussreich die Halyards sind – ich weigere mich, Mortimer zu heiraten! Er ist mager, hat hängende Schultern und Pickel im Gesicht. Außerdem wird er immer sofort rot, wenn ich ihn ansehe, was bei Gott nicht oft der Fall ist!«

Josselyn lachte wieder. »All diese Mängel werden in einigen Jahren verschwunden sein.«

»Aber ich liebe ihn nicht!«

Ihre Mutter wurde wieder ernst. »Ja, das ist der springende Punkt.«

Randulf Fitz Hugh verließ soeben sein Arbeitszimmer. Isolde sah in der vertrauten Gestalt diesmal ausnahmsweise nicht ihren Vater, sondern den Ehemann ihrer Mutter, einen Mann, den eine starke und intelligente Frau lieben konnte. Und obwohl es zwischen Vater und Tochter oft gewaltig krachte, begriff sie plötzlich, dass sie von einem Ehemann wie ihm träumte: kraftvoll, aber auch sanft; sehr selbstbewusst – sogar arrogant –, aber auch gerecht und rücksichtsvoll; zärtlich und leidenschaftlich ...

Furchtlos hielt sie seinem zornigen Blick stand und erhob sich ruhig. »Er ist sehr eigensinnig«, sagte sie zu ihrer Mutter. »Aber ich bin noch eigensinniger.«

Das entsprach durchaus der Wahrheit, dachte Josselyn, während sie beobachtete, wie ihre Erstgeborene hoch erhobenen Hauptes auf Rand zuging. Englische Arroganz und walisische Sturheit bildeten bei Isolde eine explosive Mischung, und es würde eines ganz besonderen Mannes bedürfen, um dieses wilde Geschöpf zu zähmen. Der arme Mortimer Halyard wäre dieser Aufgabe niemals gewachsen, und auch keiner der anderen jungen Burschen, die bei Rand um ihre Hand angehalten hatten.

Josselyn spielte geistesabwesend mit dem schweren Schlüsselbund von Rosecliff, der an ihrem Gürtel hing. Sie wünschte sich für ihre Tochter einen starken Waliser als Ehemann. Rand wünschte sich einen milden Engländer. Irgendwo in der Mitte zwischen diesen beiden Extremen würde Isolde wohl selbst den zu ihr passenden Mann finden müssen.

Oder aber der Mann würde sie finden müssen.

»Wie viele?«, knurrte Rhys, während Linus den Nackenschutz und die Achselstücke seiner Rüstung befestigte.

»Sechzehn Ritter nehmen am Turnier teil«, antwortete der riesige Knappe. »Das bedeutet ... das bedeutet ...« Mit gerunzelter Stirn starrte Linus seine Hände an und versuchte die einfache Rechenaufgabe mit Hilfe seiner Finger zu lösen.

»Acht Kämpfe«, kam Gandy ihm zu Hilfe. »Dann vier, dann zwei.«

»Acht Kämpfe«, wiederholte Linus dankbar. »Dann vier, dann zwei.«

»Na so was, ich wusste gar nicht, dass es in diesem Schuppen ein Echo gibt!«, spottete der gewitzte Diener.

»Lass den armen Jungen in Ruhe«, sagte Tillo, der gerade in den Schuppen humpelte.

»Den armen Jungen? Wenn Linus ein Junge ist, bin ich ein Kleinkind.«

»Du bist ein Zwerg, noch dazu ein sehr griesgrämiger«, konterte Tillo.

»Und du bist ein alter Krüppel«, entgegnete Gandy.

Linus schaute von seinen Fingern auf. »Seid nett zueinander«, mahnte er mit seiner tiefen Stimme.

Rhys zog sich den Brustpanzer über den Kopf. Manchmal, so auch jetzt, bedauerte er, diese seltsame Gruppe um sich gesammelt zu haben: den boshaften Zwerg, den er in Pleshing vor dem Schandpfahl gerettet hatte; den gutmütigen Riesen, der wie ein Ochse auf den Feldern in der Umgebung von Cockermouth pflügen musste, bis er ihn loskaufte; und den alten Krüppel Tillo, der Hunger gehabt und sich nach einigen üppigen Mahlzeiten geweigert hatte, Rhys wieder zu verlassen. Doch obwohl er sich selbst sooft über diese drei Gesellen ärgerte, bildeten sie für ihn doch eine Art Familie, und wenn andere Ritter über das eigenartige Trio lästerten, setzte er alles daran, die überheblichen Engländer auf besonders demütigende Art zu besiegen.

Er ignorierte das Gezänk und wandte sich an Tillo. »Ich vermute, dass es Neuigkeiten gibt, sonst wärst du nicht so schnell zurückgekommen?«

»Ja, es gibt Neuigkeiten.« Tillo hinkte zu einer Bank und setzte sich stöhnend hin. »Den Gerüchten zufolge soll die Krönung schon in zwei Wochen stattfinden, und alle wichtigen Lords wurden aufgefordert, daran teilzunehmen.«

»Alle?« Rhys hielt kurz den Atem an. »Auch die Lords der walisischen Grenzgebiete?«

»Ja, so wurde mir jedenfalls berichtet. Heinrich wünscht, dass alle ihm persönlich die Treue schwören. Ich glaube, dass dieser blutjunge König seine Königreiche mit eiserner Faust regieren wird. Gebe Gott, dass es der Bevölkerung unter seiner Herrschaft besser gehen wird als unter der seines trägen Vorgängers Stephen!«

»Meinem Volk, den Walisern, wird es auch unter einem neuen Herrscher nicht besser gehen«, murmelte Rhys. »Ein schwacher König erlaubt seinen habgierigen Baronen, das Land zu ihrem eigenen Vorteil auszubeuten. Ein starker König wird versuchen, die Gewinne an sich zu raffen. Das ist der einzige Unterschied.« Er schob seine Hände in die langen, dicken Lederhandschuhe und griff nach seinem Helm. »Wenn ich handeln will, muss ich es jetzt tun«, murmelte er vor sich hin.

Doch Gandy hatte ein scharfes Gehör. Die Augen des Zwerges leuchteten vor freudiger Erregung auf. »Dann reisen wir also nach Wales, zu diesem Rosecliff Castle, das du so hasst?«

Linus hatte ihn mit dem langen Schwert gegürtet. Rhys zog es aus der Scheide und betrachtete die scharfe Klinge. »Ja, wir reisen nach Rosecliff ... Aber erst nachdem ich jeden Ritter in diesem Turnier zermalmt habe. Jeden englischen Ritter«, schwor er grimmig.

2

Isolde fühlte sich miserabel. Sie hatte an ihrem Entschluss festgehalten und musste jetzt die Konsequenzen tragen. Aber das war so hart – und auch so ungerecht!

Ihr Vater hatte ihr die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten gelassen, die beide gleich schrecklich waren. Sie konnte nach London mitkommen und Mortimer Halyards Heiratsantrag persönlich, mit der gebotenen Höflichkeit annehmen. Oder sie konnte in Wales bleiben, ihren zukünftigen Mann damit vor den Kopf stoßen und die unvermeidliche Ehe unter denkbar schlechten Vorzeichen beginnen.

Randulf Fitz Hugh hatte sich weder von der Wut seiner Tochter noch von ihren flehentlichen Bitten erweichen lassen. Er bestand darauf, dass sie den unglückseligen Mortimer heiratete, und rief ihr ins Gedächtnis, dass sie schon drei Männer, die um ihre Hand angehalten hatten, unter irgendwelchen Vorwänden verschmäht hatte – brave Männer aus besten Adelsfamilien. Er war nicht gewillt, nun auch noch den jungen Halyard und dessen sehr mächtigen Vater durch eine Abfuhr zu verärgern. In den letzten drei Tagen hatten Isolde und ihr Vater kaum noch ein Wort gewechselt. Sogar jetzt konnte sie nicht glauben, dass er sie wirklich zu dieser Ehe zwingen wollte.

Ihre Mutter hatte sich aus der Diskussion herausgehalten und der aufsässigen Tochter nur erklärt, Frauen könnten ebenso wie Männer zu ihren festen Überzeugungen stehen, dürften dann aber auch nicht über die negativen Folgen jammern. Deshalb biss Isolde jetzt beim Abschied von ihrer Familie trotzig die Zähne zusammen.

»Ich werde eher den Schleier nehmen als diese Ehe eingehen«, verkündete sie, während ihr Vater sich in den Sattel seines Lieblingspferdes schwang. Mit verschränkten Armen und zurückgeworfenem Kopf starrte sie ihn böse an. »Ich meine, was ich sage!«

Nur ein zuckender Muskel in der Wange verriet Rands Zorn. »Die Kirche erwartet von ihren Dienern absoluten Gehorsam«, bemerkte er trocken. »Wenn du deinem irdischen Vater nicht gehorchen kannst, ist es höchst unwahrscheinlich, dass du dich dem himmlischen unterordnen wirst.«

Mit diesen harten Worten wendete er sein Pferd. Hinter ihm setzten sich auch alle anderen in Bewegung. Nur das aufmunternde Lächeln ihrer Mutter hielt Isolde davon ab, in Tränen auszubrechen, denn sie litt entsetzlich unter der Entfremdung von ihrem Vater.

Schweren Herzens beobachtete sie den fröhlichen Aufbruch ihrer ganzen Familie. Gwen und Josselyn ritten auf Zeltern, und die kleine Elyssa saß vor ihrer Amme im Sattel. Begleitet wurden sie von fünf Rittern, sieben Dienstboten, sechs Soldaten und acht Packpferden. Für eine Reise, die insgesamt nur einen Monat dauern würde, war das eine ziemlich große Gruppe, doch von Randulf Fitz Hugh, einem der mächtigsten Lords in den Grenzgebieten, wurde ein solches Gefolge erwartet, wenn er in London einen guten Eindruck machen wollte.

Alle, die in Rosecliff zurückblieben, beneideten die Reisenden um dieses Abenteuer – vielleicht mit Ausnahme von Osborn, der ganz zufrieden war, zu Hause zu bleiben und die Sicherheit der Burg zu gewährleisten. Das bedurfte keiner großen Anstrengungen, denn abgesehen von gelegentlichen harmlosen Scharmützeln zwischen irgendwelchen törichten Engländern und Walisern ging es im gesamten Herrschaftsgebiet von Randulf Fitz Hugh seit vielen Jahren sehr friedlich zu. Er wurde allgemein respektiert, und sogar die Waliser erkannten an, dass sie viel besser lebten, seit er für Ruhe und Ordnung gesorgt hatte. Seine Gemahlin, Lady Josselyn, wurde von allen geliebt, auch von ihren Landsleuten in den nahe gelegenen Dörfern Carreg Du und Afon Bryn, die ihr einst am meisten verübelt hatten, dass sie die Frau eines Engländers geworden war.

Isolde stieg zum Wehrgang hinauf, um ihre Familie noch etwas länger sehen zu können, doch das war so schmerzhaft, dass sie sich schließlich abwandte und mit dem Rücken an die massiven Steinzinnen lehnte. Osborn warf ihr einen wissenden Blick zu.

»Na, bereust du deine Entscheidung schon, Mädchen?«

Ja! »Nein.«

»Verstehe ...

»Ich bin hier viel glücklicher«, behauptete sie wider besseres Wissen. »So kann ich wenigstens die Fertigstellung der Kapelle überwachen und dann meine Pläne für die Halle in die Tat umsetzen. Gewiss, London zu sehen wäre interessant gewesen«, gab sie immerhin zu. »Aber mein Vater hätte einen viel zu hohen Preis dafür verlangt.«

Sie erwartete nicht, dass er ihr beipflichtete. Osborn war Randulf Fitz Hughs ältester Freund, und obwohl sie unter sich manchmal durchaus verschiedener Meinung waren, kritisierte der Hauptmann seinen Lehnsherrn niemals in Gegenwart Dritter. Auch jetzt erwies er sich als solidarisch. »Ich finde es durchaus verständlich, dass ein Vater seine Tochter möglichst gut verheiraten möchte.«

»Hat sein Vater ihn wirklich gezwungen, eine Frau zu heiraten, die ,er nicht wollte? Nein«, beantwortete sie vehement ihre eigene Frage. »Er hat sich für Mutter entschieden, obwohl doch alles gegen seine Wahl zu sprechen schien.«

Osborn schmunzelte. »Es war ungewöhnlich, das stimmt. Aber wer Augen im Kopf hatte, für den stand seit ihrer ersten Begegnung fest, dass sie füreinander bestimmt waren.«

Sie seufzte tief. »Genau darum geht es ja, Osborn! Kannst du das nicht verstehen? Auch ich möchte den Mann heiraten, der mir vom Schicksal vorherbestimmt ist.«

Er lehnte sich neben sie an die Mauer. »Dann hättest du nach London reisen sollen. Anlässlich der Krönung wird es dort von Aristokraten wimmeln. Hier in der Wildnis von Nordwales läuft dein Traummann dir bestimmt nicht über den Weg.«

»Aber in London hätte Vater mich gezwungen, Mortimers Heiratsantrag anzunehmen! Jetzt kann ich immerhin hoffen, dass der alte Lord Halyard meine Abwesenheit richtig deuten und seinen Sohn veranlassen wird, einen Rückzieher zu machen. Oder vielleicht gelingt es Mutter unterwegs, Vater zur Vernunft zu bringen.«

Osborn schmunzelte wieder. »Josselyn wird sich ohne jeden Zweifel einmischen. Du musst Geduld haben, Isolde. Irgendwann und irgendwo begegnest du vielleicht doch noch deinem Märchenprinzen.«

»Hmmm«, schnaubte Isolde, fühlte sich aber doch etwas wohler. Über die Schulter hinweg warf sie einen letzten Blick auf die Reisegruppe, die sich jetzt dem domen, der Grabstätte vergangener Zeiten, näherte. Dahinter begann die alte Straße quer durch den dichten Wald. »Bleiben sie wirklich einen ganzen Monat weg?«

»Vielleicht sogar noch etwas länger. Ich vermute, dass du während dieser Zeit in Rosecliff alle möglichen Veränderungen vorzunehmen gedenkst, über die dein Vater nach der Rückkehr vor Wut kochen wird.«

Ein Lächeln huschte über Isoldes Gesicht. Osborn hatte es von jeher verstanden, sie aufzuheitern. »Ja, ein Monat gibt mir reichlich Gelegenheit dazu ... Ich werde mich hier für die Freuden entschädigen, die in London auf mich gewartet hätten, wenn Vater nicht so stur gewesen wäre ...«

Beim domen zügelte Rand sein Pferd. Er hatte Newlin lange nicht gesehen, doch jetzt hockte der alte Barde wieder auf dem flachen Stein, der auf fünf aus dem Erdboden emporragenden Felsblöcken ruhte. Sein weiter grüner Umhang verhüllte den missgestalteten Körper und ließ nur den grauhaarigen Kopf frei. Wie alt mochte Newlin jetzt sein? Schon vor zwanzig Jahren, als Rand nach Wales gekommen war, hatte er uralt ausgesehen. Vielleicht hatten jene Waliser Recht, die glaubten, dass der weise Krüppel ewig leben würde. Sollte das der Fall sein, so hoffte Rand, dass Newlin seinem Erben Gavin und dessen Nachkommen ebenso gute Ratschläge wie ihm selbst geben würde.

Er gab ein Zeichen, und die ganze Gruppe ritt weiter. Nur Josselyn blieb dicht an seiner Seite.

»Na, unterwegs nach London?«, fragte Newlin.

»Ja, nach London«, bestätigte Rand. »Wir alle – ob nun Engländer oder Waliser – hoffen von ganzem Herzen, dass der junge Heinrich ein besserer König als Stephen sein wird.«

Der alte Barde zuckte mit einer krummen Schulter. »Wie jeder Herrscher, so wird auch er nicht all jenen gefallen, die in seinem Schatten leben müssen.«

»Wird er uns gefallen?«, wollte Josselyn wissen.

Newlin lächelte ihr zu, und es war nicht das abgeklärte Lächeln eines Greises, das er ihr schenkte, sondern das gänzlich unschuldige Lächeln eines Kindes. Nein, Newlin war wirklich nicht mit den Maßstäben normaler Menschen zu messen!

»Heinrichs Wünsche entsprechen in etwa jenen deines Mannes«, sagte er ruhig. »Friede durch Stärke und Wohlstand für alle.«

»Will das nicht jeder?«

»Im Grunde schon, aber nicht jeder versteht darunter das Gleiche.«

Rands Hände verkrampften sich um die Zügel, und er spürte, dass seine Finger nicht mehr so beweglich wie in seiner Jugend waren, sondern altersbedingt ziemlich schnell steif wurden. »Willst du damit sagen, dass Heinrichs Herrschaft zu neuen Konflikten in den Grenzgebieten führen wird?«

Der Barde zuckte wieder mit einer Schulter. »Vielleicht ... Vielleicht wird es aber nur ein anderer Ansatz sein, und die Zufriedenheit der Menschen wird bestehen bleiben ...«

»Ein anderer Ansatz? Die Leute hier sind jetzt schon seit vielen Jahren ...«

»Die Zeiten ändern sich.« Josselyn legte ihrem erregten Mann beruhigend eine Hand auf den Arm. »Wir können die Zukunft nicht vorhersagen. Wer weiß, was sein wird, wenn Gavin irgendwann der Herr von Rosecliff ist.«

»Falls er es werden wird«, murmelte Newlin. Obwohl er es ganz sanft sagte, zuckten Rand und seine Frau erschrocken zusammen, und Josselyn lenkte ihr Pferd näher an den domen heran.

»Ist Gavin in Gefahr? Droht ihm irgendein Unheil?« Der Barde bedachte sie wieder mit seinem unschuldigen Lächeln. »Mach dir keine Sorgen, Mädchen. Gavin wird sich seine eigene Zukunft schmieden, ebenso wie eure anderen Kinder. Aber vielleicht werden sie eine andere Wahl treffen als ihr glaubt.«

Josselyn entspannte sich. »Beziehst du dich jetzt auf Isolde und den törichten Entschluss ihres Vaters, sie zu einer Ehe zu zwingen?« Sie warf ihrem Mann einen strafenden Seitenblick zu, den er genauso vorwurfsvoll erwiderte.

Newlin schaute an ihnen vorbei, empor zu der imposanten Burg auf dem steilen Felshügel, die in der Morgensonne wie ein Kleinod schimmerte und uneinnehmbar zu sein schien, obwohl sie nichts Bedrohliches an sich hatte. »Auch Isolde wird ihr Schicksal selbst entscheiden müssen. Ihr habt eure Kinder sehr gut erzogen. Jetzt müsst ihr ihnen erlauben, ihr Leben selbst zu schmieden.« Nach diesen Worten zog der alterslose Barde sich völlig in sich zurück, und sein verkrüppelter Körper schien dadurch noch kleiner zu werden.

Rand und Josselyn kannten ihn gut genug, um zu wissen, dass er nicht mehr mit ihnen sprechen würde, und ritten deshalb langsam weiter.

»Gute Ratschläge, findest du nicht auch?«, murmelte Josselyn.

»Vielleicht«, gab Rand nach langem Schweigen zu.

»Du wirst Isolde also nicht mehr bedrängen, den jungen Halyard zu heiraten? Sollen wir nicht einen Reiter nach Rosecliff zurückschicken und ihr ausrichten lassen, dass sie uns unbesorgt begleiten kann? Ich finde es schrecklich, dass sie diese Reise nach London versäumt.«

»Du verlangst zu viel von mir, Weib«, knurrte Rand.

»Wirklich?« Josselyn lenkte ihren Zelter so dicht an seinen Hengst heran, dass ihre Knie sich berührten. »Rand ...«

»Nein, sie bleibt, wo sie ist. Isolde ist viel zu eigensinnig, und ich möchte, dass sie das einsieht.«

»Und ihre Verlobung mit Mortimer Halyard?«

Rand rutschte nervös im Sattel hin und her. Es fiel ihm wahnsinnig schwer zuzugeben, dass er sich möglicherweise in eine falsche Idee verbohrt hatte. »Ich werde noch einmal darüber nachdenken ... Aber sie braucht auf jeden Fall einen Ehemann.«

Für dieses Eingeständnis wurde er durch eine warme Hand auf seinem Oberschenkel belohnt. »Du bist wundervoll«, säuselte Josselyn. »Ich kann nur hoffen, dass Isolde einen so perfekten Ehemann wie dich finden wird.«

»Perfekt?«, schnaubte Rand. »Ha!«

»Vergangene Nacht warst du perfekt.« Sie schenkte ihm ein betörendes Lächeln. »Jedenfalls meiner Ansicht nach.«

Sie schauten einander tief in die Augen. Zwanzig Jahre war es her, seit Rand das junge walisische Mädchen zum ersten Mal gesehen hatte. In diesen zwanzig Jahren hatten sie eine Familie gegründet, eine mächtige Festung erbaut und gemeinsam ein Leben geführt, das er für nichts in der Welt eingetauscht hätte. Zwanzig Jahre, und er liebte Josselyn mit jedem Tag mehr – und begehrte sie genauso wie am ersten Tag.

Er legte eine Hand auf ihre und beugte sich zu ihr hinüber. »Ich kenne unweit von hier eine grüne Laube«, flüsterte er. »Dort wird uns niemand stören ... Wir können die anderen später einholen.«

Hinter ihnen saß Newlin lächelnd auf seinem Stein und wiegte sich wie in Trance vor und zurück. Veränderungen lagen in der Luft ... Niemand konnte sie aufhalten, und niemand – nicht einmal er – konnte vorhersagen, ob sie große Freude oder aber großen Schmerz auslösen würden.

Für Isolde zog sich der Tag entsetzlich in die Länge. Sie vermochte sich nicht einmal für die fast fertige Kapelle zu begeistern, und gegen Mitte des Nachmittags hielt sie es vor Trübsal nicht mehr in der Burg aus, die ihr ohne ihre Eltern und Schwestern sehr leer vorkam.

»Ich glaube, ich werde einen Spaziergang ins Dorf machen«, sagte sie in der Halle zu Odo.

»Sagt lieber Osborn Bescheid – und nehmt eines der Dienstmädchen mit«, riet er ihr.

Isolde nahm ein Dienstmädchen mit, sagte Osborn aber nicht Bescheid, denn er würde darauf bestehen, dass zwei Wachposten sie begleiteten, und sie wollte lieber mit Magda allein sein. Sie würden zwei Körbe mitnehmen, um – wie es jeden Tag gemacht wurde – Brot an bedürftige Haushalte zu verteilen. Magda war fast gleichaltrig, auch noch nicht verheiratet und würde Isoldes Dilemma deshalb bestimmt verstehen.

Nachdem sie die Zugbrücke überquert hatten, wandte sie sich an das schüchtern schweigende Mädchen. »Sag mal, Magda – hat dein Vater einen Ehemann für dich ausgesucht?«

Die mit üppigen Rundungen ausgestattete junge Frau schüttelte den Kopf. »Er hat außer mir noch fünf Töchter und vier Söhne und kann sich nicht um solche Dinge kümmern.« Ermutigt durch die Offenheit ihrer Herrin fuhr sie fort: »Seit kurzem habe ich einen Verehrer, mit dem mein Dad durchaus einverstanden ist.« Sie lächelte scheu. »Euer Vater liebt Euch sehr, Miss, das weiß jeder in Rosecliff. Ist es nicht verständlich, dass er einen guten und wohlhabenden Mann für Euch aussuchen möchte?«

»Ich glaube, dass ich diese Wahl selbst besser treffen kann. Außerdem hast du Mortimer Halyard vermutlich nie zu Gesicht bekommen«, fügte sie mit einer Grimasse hinzu.

Magda kicherte. »Gefällt er Euch nicht?«

»Überhaupt nicht.«

»Was erwartet Ihr denn von einem Mann?«

Ja, was? Isolde grübelte über diese Frage, bis sie das Dorf unterhalb der Burg erreicht hatten. »Er soll jung sein – oder jedenfalls nicht alt. Und kraftvoll.«

»Attraktiv?«

»Nach Möglichkeit, aber wichtiger ist mir, dass er männlich und anständig ist.«

»Groß?«

Isolde grinste. »Das wäre nicht schlecht.«

»Mit breiten Schultern? Vielleicht ein Musikant?«

Jetzt musste Isolde lachen. »Beschreibst du deinen jungen Mann, Magda?«

Das Mädchen schüttelte kichernd den Kopf. »Ich habe ihn beschrieben.« Es deutete auf einen Mann, der neben der Schmiede stand.

Isolde blieb stehen und betrachtete den Burschen, der Magda wegen seiner Größe und der breiten Schultern aufgefallen sein musste. Er wandte ihnen den Rücken zu, doch seine Haltung verriet, dass er jung und kräftig war. Ein ihr unbekanntes Instrument hing an seiner Hüfte. Zweifellos einer der vielen Musikanten, die von Ort zu Ort zogen und von den Zuhörern entweder beklatscht oder ausgepfiffen wurden.

Obwohl sie sein Gesicht nicht sehen konnte, malte Isolde sich aus, dass es genauso männlich wie seine Figur sein würde – kein Vergleich mit dem schmächtigen Mortimer Halyard! Wie es wohl wäre, wenn ein solcher Mann sie in die Arme nähme, küsste und das mit ihr machte? Dass er kein Adliger war, sondern aus dem einfachen Volk stammte, machte ihn für sie nur noch reizvoller. Ihr Vater wünschte sich einen Schwiegersohn mit Titeln, Besitztümern und Macht, während es Isolde nur auf Leidenschaft ankam.

Ein heißer Schauer überlief sie unwillkürlich. Ihr war klar, dass Vater Clemson unkeusche Gedanken dieser Art als Sünde bezeichnen würde, aber was konnte sie dafür, dass ein Leben ohne Leidenschaft und Dramen ihr unsäglich langweilig vorkam? Sie wollte eine große Liebe erleben, mit einem Mann, der sie zum Lachen und zum Weinen bringen konnte, der sie bis zur Weißglut reizte und den sie doch wider alle Vernunft liebte.

So als hätte er ihre Blicke gespürt, drehte der Musikant sich plötzlich um. Sie konnte nicht schnell genug wegschauen, und für einen Moment hatte sie das Gefühl, als würden seine kühnen schwarzen Augen sie durchbohren und mühelos in ihrer Seele lesen.

Magda kicherte wieder, griff nach dem Arm ihrer Herrin und zog sie die Straße entlang. Isolde stimmte in das Lachen ein, aber es hörte sich in ihren eigenen Ohren etwas gekünstelt an. Wer mochte dieser Fremde sein?

»Ooh, das scheint ein ganz wilder Kerl zu sein«, flüsterte Magda und drehte sich nach der Schmiede um. »Ich frage mich, wie er ohne den Bart aussehen würde.«

Isolde schwieg, drehte sich aber ebenfalls um. Sie kannte diesen dunkelhaarigen Fremden nicht und doch wurde sie das Gefühl nicht los, als hätte sie ihn irgendwo schon gesehen, als müsste sie ihn eigentlich erkennen.

Auch er starrte ihr nach, so als würde er sie gern kennen lernen. Wieder wandte sie hastig den Blick ab. Es schickte sich nicht für eine junge Dame aus gutem Hause, unbekannte Männer auf der Straße anzugaffen, und ihre Eltern wären zu Recht entsetzt über ein solches Benehmen.

Rhys ap Owain hatte hingegen keine Hemmungen, die beiden Mädchen zu beobachten, bis sie um eine Ecke bogen. Das, war also Fitz Hughs älteste Tochter ... Im Wald versteckt, hatte er an diesem Morgen gesehen, wie die große Gruppe sich auf den weiten Weg nach London machte. Später waren ihm im Ort Gerüchte zu Ohren gekommen, dass Isolde sich aus Trotz geweigert hätte, ihre Familie zu begleiten. Seitdem überlegte er unablässig, wie er das zu seinem Vorteil ausnutzen könnte.

Der kleine Satansbraten, an den er sich lebhaft erinnerte, war erwachsen geworden – und verdammt hübsch, das gestand Rhys sich widerwillig ein. Doch wenn sie es sogar wagte, sich gegen ihren Vater aufzulehnen, musste sie jetzt eine noch schlimmere Landplage als vor zehn Jahren sein ...

Er strich sich nachdenklich über den Bart. Dass Isolde in Rosecliff Castle zurückgeblieben war, würde ihm vermutlich sogar helfen, seine Pläne in die Tat umzusetzen. Randulf Fitz Hugh liebte seine Kinder abgöttisch, das war allgemein bekannt. Schon einmal hatte Rhys versucht, diese Schwäche seines Feindes auszunutzen, aber es war ihm damals nicht gelungen. Doch jetzt war er zehn Jahre älter, zehn Jahre klüger, zehn Jahre entschlossener, endlich Rache zu üben.

Zuerst würde er Isolde Fitz Hugh erobern, dann die Burg, und schließlich würde er ihren Vater und Onkel töten – und alle anderen, die sich ihm in den Weg zu stellen versuchten.

Mit gerunzelter Stirn betrachtete er die trutzige Festung auf dem Hügel. Zweimal war er im Verlies von Rosecliff Castle eingesperrt gewesen. Dieses Mal würde er sich nicht als Gefangener dort aufhalten, sondern als freier Mann – und nach kurzer Zeit als Burgherr.

Am nächsten Morgen saß Isolde im Schneidersitz auf ihrem Bett und bürstete ihre langen Haare. Normalerweise musste sie dieses breite Bett mit Gwen und Elyssa teilen, und oft hatte sie sich nach einem eigenen Schlafzimmer gesehnt. Als sie noch vor Sonnenaufgang erwacht war, hatte sie sich in die Mitte des Bettes gerollt, ausgiebig gestreckt und den vielen freien Platz genossen. Aber sie hatte keinen Schlaf mehr gefunden, weil ihr die vertrauten Geräusche fehlten. Keine Schritte von Dienstboten auf den Treppen und Korridoren. Kein gedämpftes Gemurmel aus dem Schlafzimmer ihrer Eltern, das sich direkt über ihrem befand. Rosecliff Castle kam ihr fast ausgestorben vor.

Aber sie wollte nicht wie am Vortag Trübsal blasen. Für den nächsten Monat war sie die Burgherrin, und sie würde ihre Pflichten ab jetzt gewissenhaft erfüllen, nahm sie sich fest vor.

Isolde träufelte einige Tropfen kostbares Lavendelöl auf ihre silberne Bürste, weil sie größten Wert darauf legte, dass die dichten kastanienbraunen Locken gut rochen. Diese Haarpracht war ihr ganzer Stolz, während sie ihre feinen Gesichtszüge und ihre Statur – mittelgroß, schlank, ohne üppige Kurven – ziemlich durchschnittlich fand.