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Horst Friedrichs

Die Stunde des Trappers

Western





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Die Stunde des Trappers

Western von Horst Friedrichs

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 100 Taschenbuchseiten.

 

Eine Eskorte aus Mohikanern und englischen Soldaten soll die junge Häuptlingstochter Changara zu ihrem künftigen Ehemann bringen. Zu der Eskorte gehört auch ein deutscher Adeliger. Dieser versucht, der jungen Frau hinter einem Gebüsch Gewalt anzutun. Doch Changara hat Glück. Zwei Trapper, die ihre Notlage bemerkt haben, schlagen den Mann bewusstlos und entführen sie unbemerkt vom Rest der Eskorte.

 

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

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© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

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1

Hudson Valley, New England, 1758 Changara, die junge Mohikanerin, fühlte sich unwohl auf dem von Pferden gezogenen Planwagen. Das lag zum Teil an dem Kerl neben ihr auf der Ladefläche, aber auch an der ungewohnten Art der Fortbewegung. Changara hatte gelernt, dass man seine Wege zu Fuß zurücklegte, solange man dazu in der Lage war.

Und jetzt war sie auf einmal eine derart wichtige Person, dass man ihr die Strapaze eines Fußmarsches von drei oder vier Tagen nicht zumuten wollte. Sie konnte es noch immer nicht begreifen.

Der sonderbare weiße Mann, der unter der Plane des Wagens mitfuhr, war ihr Lehrer. Und er schien Gefallen daran zu finden, ihr die Situation wieder und wieder zu erklären. »Du bist zur Begattung vorgesehen«, sagte er.

Changara presste die Lippen zusammen. Bisher war sie immer nur für die Dauer der Unterrichtsstunden mit ihm zusammen gewesen. Nun aber war er seit der Abfahrt am frühen Morgen in ihrer unmittelbaren Nähe und es fiel ihr zunehmend schwer, ihn zu ertragen.

Schwer zu ertragen war es ohnehin, das Land nicht sehen zu können. Die Plane verwehrte ihr den Blick auf die endlose Weite des Hudson Valley. Das Land der Wälder und Hügel, der Flüsse und Seen, hatte einst ihrem Volk ganz allein gehört. Doch das war Vergangenheit; nicht einmal die Ältesten des Stammes hatten jene glückliche Zeit noch miterlebt.

Changara hätte sich gern von ihrer Heimat verabschiedet in stummer, gedanklicher Zwiesprache mit der Natur, dem Quell allen Lebens. Doch die Engländer hatten es nicht erlaubt. Sie waren zu zwölft in ihren farbenprächtigen Uniformen und mit tödlichen Feuerwaffen ausgerüstet. Zusätzlich begleiteten vier kräftige und unerschrockene Mohikaner Krieger den Transport.

Dennoch hatten die Engländer Angst vor den Huronen. Die Verbündeten der feindlichen Franzosen waren heimtückisch und blutrünstig, und meist lauerten sie da, wo man sie am Allerwenigsten erwartete. Deshalb wollte man ihnen gar nicht erst zeigen, dass hier, mit dieser Eskorte, eine lohnende Beute reiste.

Changara erschauerte bei dem Gedanken, den Huronen in die Hände zu fallen. Entweder würden sie sie grausam foltern und töten, oder sie würden sie an einen reichen französischen Kaufmann weiter verkaufen.

Im Grunde, das wusste Changara, musste sie froh sein, so wohl behütet unterwegs zu sein.

Vor drei Jahren hatte der Krieg zwischen Neu-England und Neu-Frankreich begonnen, und nach wie vor war kein Ende der Schlachten und der Scharmützel abzusehen. Ihr Begleiter dagegen schien sich völlig sicher zu fühlen. Er war die Ruhe in Person.

»Schon bald«, sagte er bekräftigend, »wird es so weit sein. Dann wirst du begattet, und zwar nach allen Regeln der Kunst.«

Er wälzte sich auf den Strohsäcken herum und sah sie erwartungsvoll an. Gierig lauerte er auf die Wirkung seiner Worte, wie in der Hoffnung auf einen besonderen Wohlgeschmack. Seine Augen glitzerten und seine Zungenspitze glitt zwischen den Lippen hin und her, als wollte er jeden auch noch so kleinen Rest des unsichtbaren Süßen auskosten.

»Dein eigener Vater hat dich verkauft«, fuhr er fort, als ob sie es nicht längst wüsste. Aber es gefiel ihm, sie immer wieder darauf hinzuweisen und ihr auszumalen, was der Verkauf bedeutete. »Du wirst diesem englischen Major gehören. Der kann mit dir machen, was er will; immerhin hat er ordentlich für dich bezahlt. Immer wenn es ihm gefällt, wirst du für ihn die Beine breit machen, und du wirst seine Kinder zur Welt bringen. Vielleicht, wenn du dich als Hausfrau, Mutter und Bettgefährtin bewährst, heiratet er dich sogar eines Tages.«

Changara reagierte nicht. Statt dessen studierte sie das Furchengesicht des Mannes, diese verlebte, verwitterte Landschaft unter den schweren Tränensäcken der blass blauen Augen. Das weißgraue Haar auf seinem Kopf war kunstvoll frisiert und gehörte nicht ihm selbst. Es war eine Perücke wie sie auch von den britischen Offizieren getragen wurde. Doch ansonsten hatte er nichts mit einem Soldaten gemeinsam. Er trug einen schwarzen Anzug und geschnürte Lederstiefel; hager und spinnenbeinig sah er darin aus.

Er genoss das Vertrauen ihres Vaters, des großen Häuptlings Watankas. Changara konnte bis heute nicht verstehen, weshalb ihr Vater ausgerechnet diesen Mann dafür bezahlte, sie zu unterrichten. Denn es handelte sich bei ihm weder um einen Engländer noch um einen Polländer, sondern um einen Deutschen.

Prinz Gottfried von Hardebergen.

Changara hatte gelernt, was ein Prinz war. Nur ein König oder eine Königin waren von höherem Rang. Doch die Mohikanerin konnte sich nur schwer vorstellen, dass dieser seltsame, zerknittert aussehende Mann wirklich einen solchen Rang innehatte. Denn wenn es sich wirklich so verhielt, warum war er dann nicht in seinem Land jenseits des Großen Wassers geblieben?

Er sei ein Forscher, pflegte er auf solche Fragen zu antworten, und dabei zeigte er dann jedes Mal auf sein Skizzenbuch. In Leder gebundene Blätter aus Papier waren das, vollgekritzelt mit Zeichnungen von Käfern, Schmetterlingen und anderen kleinen Tieren. Seine Landsleute sollten von ihm erfahren, was hier, in der so genannten Neuen Welt kreuchte und fleuchte.

Das behauptete er jedenfalls.

»Damit hätten wir wieder ein neues Wort gelernt«, sagte er und beugte sich zu ihr herüber, als wollte er sie verschlingen. »Sprich mir nach: Begattung.«

»Begattung«, wiederholte Changara folgsam. Schließlich war es der ausdrückliche Wunsch ihres Vaters, dass sie sich alles merkte, was Prinz Gottfried ihr beibrachte.

»Und weißt du auch, was es bedeutet?«, fragte er mit seinem lauernden Gesichtsausdruck. »Das bedeutet, du bekommst einen Gatten, und der wird dich besteigen. Deshalb spricht man von Begattung. Daher kommt das Wort. So weit begriffen?«

»Ja, Sir«, antwortete Changara folgsam, wie sie es gelernt hatte. In der englischen Sprache war das so üblich. Jemand, der vom Rang her über einem stand, musste mit »Sir« angeredet werden. Im Falle einer Frau galt das auch für den Ehemann.

Changara entging unterdessen nicht, dass ihr hochwohlgeborener Lehrer mit seinen Glitzeraugen auf ihren Oberkörper stierte, obwohl das weiche Leder ihres Kleides eigentlich alles verhüllte. Allerdings zeichneten sich die Formen ihrer Brüste ab, und die waren ausgesprochen prall.

Ihr Lehrer hatte ihr gesagt, dass diese weiblichen Körperteile überaus wichtig seien und in der englischen Sprache als »tits«, Titten, bezeichnet wurden.

Einer der ersten Sätze, die ihr künftiger Herr und Gatte zu ihr sagen würde, werde ganz bestimmt lauten »Show your tits, zeig deine Titten.«. Eine solche Aufforderung müsse auf der Stelle befolgt werden.

»Bist du wirklich noch Jungfrau?«, fragte Changaras Begleiter zum hundertsten Mal und rückte noch ein Stück näher. Seine Augen glitzerten mittlerweile so stark, dass es den Anschein hatte, sie könnten jeden Moment aus den Höhlen springen.

»Ja, Sir«, antwortete Changara wahrheitsgetreu. Sie hatte es aufgegeben, von ihm wegzurücken. Sie konnte ihm nicht entweichen, doch sie warf einen sehnsüchtigen Blick nach vorn zum Kutschbock, wo die beiden englischen Soldaten saßen. Mit dem einen, der gerade nicht lenkte, hätte Changara nur zu gern den Platz getauscht.

Aber das würde ein Wunschtraum bleiben, denn sie sollte ja nicht gesehen werden. Man glaubte zu wissen, dass die heimtückischen Huronen nicht davor zurückscheuten, tief ins Feindesland vorzudringen und selbst die größte Übermacht aus dem Hinterhalt anzugreifen.

Die Hufgeräusche übertönten alle Laute des Waldes, den sie gerade durchfuhren. Nichts war zu hören vom Gesang der Vögel, dem Changara zehn Mal lieber gelauscht hätte als den widerwärtigen Anspielungen des Prinzen. Neben den beiden Zugpferden verursachten vor allem die Reitpferde des Begleitkommandos jene dumpfen und unheilvollen Laute, von denen jeder Einzelne sie der Ungewissheit ihres Zieles näher brachte.

Unvermittelt erschollen Befehle.

Der Soldat neben dem Wagenlenker drehte sich um und rief: »Der Lieutenant befiehlt eine Rast, Hoheit.«

»Soll mir recht sein«, antwortete der Prinz gnädig. »Endlich mal die Beine vertreten, das kann den Körpersäften nicht schaden.«

»Wie Sie meinen, Hoheit«, erwiderte der Soldat irritiert. Er wandte sich wieder nach vorn und brüllte über die Zugpferde hinweg, der Prinz sei einverstanden.

Prinz Gottfried setzte sich auf, hob die angewinkelten Arme und reckte sich. Dazu gab er ein wohliges Ächzen von sich, als wollte er ausdrücken, dass er mit sich und der Welt vollständig zufrieden war. Unvermittelt wandte er sich zur Seite, als würde er seiner Begleiterin erst jetzt gewahr werden.

»Geh schon mal raus«, bestimmte er mit einer herrischen Handbewegung. »Ich komme sofort nach.«

»Aber ich darf den Wagen nicht verlassen«, widersprach Changara.

»Papperlapapp.« Der Prinz schüttelte unwillig den Kopf. »Pinkelpausen sind genehmigt. Außerdem ist es deine Pflicht, mir ein wenig zu assistieren.« Er zeigte auf sein Skizzenbuch. »Da draußen in der Natur kannst Du mir ein bisschen was zeigen. Du kennst dich doch mit Vögeln aus, oder?«

Wieder grub sich dieses lauernde, erwartungsvolle Grinsen in seine Mundwinkel.

Changara ging nicht darauf ein, denn sie ahnte die Zweideutigkeit seiner Bemerkung lediglich. Dazu beherrschte sie die Sprache der Weißen noch nicht gut genug. Auch der Prinz sprach englisch mit einem harten gutturalen Akzent, aber er kannte alle Wörter, die man für eine fließende Unterhaltung brauchte.

Die Mohikanerin erhob sich wortlos. Als sie sich an ihrem Lehrer vorbei schob, konnte sie nicht verhindern, dass er wie zufällig ihren linken Oberschenkel berührte. Seine gierige flinke Hand war im Begriff, zu ihren Hinterbacken hinauf zu gleiten.

Sie konnte ihm gerade noch entwischen.

Als Changara die hintere Plane beiseite schlug und ausstieg, bemerkte sie, wie der faltige Kerl seine Perücke abnahm und sich ausgiebig die Kopfhaut kratzte. Seine Haare waren kurz, grau und struppig, und ganz oben gab es eine kahle Stelle wie bei jenen Kuttenträgern, die sich Mönche nannten.

Changara schüttelte sich, während sie die Plane zurückfallen ließ. Dass dieser hässliche hagere Mensch auch noch eitel war, konnte sie einfach nicht begreifen. Für wen in aller Welt unternahm er den vergeblichen Versuch, gefällig auszusehen?

Dass er sich erdreisten würde, ein Auge auf sie, die Tochter des großen Häuptlings Watankas zu werfen, hätte sie im Leben nicht erwartet. Dieser Prinz hätte ihr Vater sein können.

Gleich neben dem Wagenheck strich die Mohikanerin ihr Lederkleid glatt.

Die beiden Krieger ihres Stammes, die unmittelbar hinter dem Wagen ihre Pferde gezügelt hatten, blickten mit ehernen Mienen über sie hinweg. Sie wussten, dass sie die Tochter des Häuptlings nur dann ansehen durften, wenn diese das Wort an sie richtete.

Große muskulöse Männer waren es, deren scharf geschnittene Gesichtszüge durch die Schädelrasur noch betont wurden. Nur oben in der Mitte des Kopfes war das lange schwarze Haar stehen geblieben, das Zeichen der Mohikaner, die sich auf dem Kriegspfad befanden.

In diesem Fall standen sie ihren weißen Verbündeten zur Seite, den Engländern.

Die sechs Rotjacken am Ende der Kolonne musterten Changara mit unverhohlenem Interesse. Doch es lag Freundlichkeit in ihren jungen bleichen Gesichtern. Da war nichts von der schwülen, kaum verborgenen Gier, wie sie die Glitzeraugen des Prinzen widerspiegelten.

Es blieb keine Zeit für Changara, ein Gespräch mit den Männern anzufangen. Polternd tauchte Prinz Gottfried auf, schlug die Plane beiseite und kletterte unbeholfen über die Heckklappe. Fast hatte es den Anschein, als würden ihm die Spinnenbeine wegbrechen, wie er auf dem Boden landete. Doch er war gelenkiger, als er aussah. Changara hatte es etliche Male bemerkt, wenn er sich unbeobachtet fühlte. Sie war überzeugt, dass er in Wirklichkeit ein ausgesprochen zäher Bursche war.

Er klatschte in die Hände.

»Na, dann wollen wir uns mal in die Büsche schlagen!«, rief er unternehmungslustig.

Und die Soldaten lachten über seinen vermeintlichen Scherz.