Mit Menschenleben spielt man nicht: Kriminalroman

Manfred Weinland

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2017.

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Mit Menschenleben spielt man nicht

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Mit Menschenleben spielt man nicht

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Krimi von Manfred Weinland

Der Umfang dieses Buchs entspricht 92 Taschenbuchseiten.

Vier Kinder reicher Eltern werden entführt. Doch statt einer Lösegeldforderung soll das FBI als Gegenleistung eine der am besten gesicherten Banken News Yorks ausrauben. Dabei soll ein kleiner, kaum bekannter Regisseur diesen Raub filmen. Was aberwitzig klingt, ist dem Erpresser tödlicher Ernst. FBI Agent Trevellian und sein Kollegen finden zunächst nicht den geringsten Hinweis auf den Täter. Das Leben der vier Kinder muss geschützt werden, aber wie?

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Greenwich Village, 17. August, Glover-Anwesen

»Du bist geliefert, wenn mein Dad Wind davon kriegt!«, sagte das dunkelhaarige Früchtchen namens Luke mit dem feixenden Gesicht, das aus einer Bonbon-Werbung herausgefallen zu sein schien. »Was ist es dir wert, wenn ich dicht halte?«

Heather Carter stand immer noch wie erstarrt vor der offenen Schublade des Schreibtisches. Luke hatte sich indianerhaft angeschlichen und sie gerade zu Tode erschreckt.

Natürlich hatte sie nur erschrecken können, weil das kleine Monster genau wusste, wovon es sprach!

Heather stand seit drei Monaten in Diensten des Kosmetik-Moguls Arthur Glover. Gelungen war ihr dieser Coup dank hingebungsvoll gefälschter Bewerbungsunterlagen und einem Aussehen, das an die junge Brigitte Bardot erinnerte. Vielleicht hatte Glover ihren kleinen Betrug sogar erkannt. Aber er galt nicht gerade als Kostverächter, und es war nur eine Frage der Zeit, bis er sich seinen Großmut in Heathers Mansarde bezahlen lassen würde. So lange wollte Heather aber gar nicht warten. Sie wollte schon jetzt abkassieren.

Zu diesem Zweck hatte sie einen Tag abgewartet, an dem sie sich fast allein in der riesigen Villa aufhielt. Es hatte lange gedauert, bis die die wichtigsten Örtlichkeiten ausbaldowert hatte – aber nun wusste sie, wo das Kleingeld und wo die wirklich feinen Sachen lagerten ...

Sie hatte die Rechnung ohne Luke gemacht.

Sein unverschämtes Grinsen schien nur auf eine klatschende Ohrfeige zu warten. Aber Heather hatte sich im Griff.

»Was schwebt dir denn so vor?«, säuselte sie.

Er schien verblüfft, dass sie überhaupt auf sein unverschämtes Gehabe einging. Doch dann machte er, wie erwartet, das Beste daraus. Trotz seiner jungen Jahre – im letzten April war er acht geworden – und seiner abweichenden Schlankheit war er seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Man konnte den fetten Endvierziger bereits in ersten Ansätzen erkennen.

»Zieh dich aus!«, schnappte er. Seine Wangen hatten sich gerötet; die Augen glitzerten.

Jetzt war es an Heather, verblüfft zu sein. »Wie bitte?«

Luke wich einen Schritt zurück. »Zieh dich aus!«, zischte er. »Oder ich verpfeif’ dich!«

Seine Blicke wanderten begehrlich an Heather abwärts. Sie trug das hausübliche Kostüm, das der alte Glover vertraglich bestimmt hatte und gewiss nicht nur, weil er Nostalgie-Fan war. Heather sah aus wie eine Dienstmagd aus dem Viktorianischen Zeitalter – nur die Rocklänge wäre zu jenen Zeiten revolutionär kurz gewesen. Darunter lugten Strumpfbänder hervor.

Heather hatte akzeptiert, dass Arthur Glover solche erotischen Kicks im täglichen Leben brauchte. Dass sein frühreifer Bengel nun aber schon genauso anfing, haute sie fast um.

Was Mrs. Glover wohl dazu gesagt hätte?

Heather überlegte blitzartig. Sollte sie ihm eine scheuern und das lukrative Pöstchen kampflos sausenlassen? Oder sollte sie ...

Ihre Finger wussten bereits vor ihr, wofür sie sich entschieden hatte. Mit laszivem Augenaufschlag begann sie, ihre Bluse aufzuknöpfen.

Lukes Augen wurden groß. Seine Zunge glitt über die spröden Lippen, als Heather die Bluse abstreifte und darunter eine schwarze Korsage zum Vorschein kam, die kaum imstande war, ihre schweren Brüste zu bändigen.

Zugleich geschah etwas Unerwartetes: Heather erkannte, dass ihr die Vorstellung Spaß zu machen begann. Es geschah nur noch selten, dass sie bei erwachsenen Personen durch bloßes Auspacken solche Ehrfurcht erzeugte – eigentlich nie.

Sie hoffte nur, dass die Glovers nicht ausgerechnet jetzt von ihrem Ausflug zurückkehrten.

Als sie bei ihren schwarzen Nahtstrümpfen anlangte, geschah etwas Unerwartetes. Diesmal mit noch größerer Tragweite.

Applaus brandete auf.

Einen Augenblick lang hatte sie den Jungen aus den Augen gelassen, und als sie nun zu ihm blickte, wurde ihr heiß und kalt zugleich.

Denn sicher war: Er applaudierte nicht!

»Prima Vorstellung!«

Eine maskierte Gestalt trat in den Raum, gekleidet in einen blutroten Overall und unkenntlich gemacht mittels einer bleichen Clownsmaske, deren geronnenes Lächeln in dieser Situation blanken Horror erzeugte.

»Wer – sind Sie?«, stieß Heather hervor und raffte die abgelegten Kleidungsstücke vom Boden auf. »Was fällt Ihnen ...«

»Ich bin Marty, der Clown. Ich hole den Kleinen zu einer Privatvorstellung ab!«, schnitt ihr die Stimme hinter der Maske das Wort ab:

Der Kleine stand zwischen Heather und dem schrecklichen Clown wie zur Salzsäule erstarrt ...

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Greenpoint, Queens, 21. August, 12 Uhr mittags

Der Kindergarten lag im Schatten mächtiger Bäume, mit direktem Blick auf den Newtown Creek, einem Seitenarm des East River. Der Lärm der spielenden Kinder war erstorben; um diese Zeit wurden die ersten Besucher des elitären Kinderhorts bereits wieder abgeholt und nach Hause gebracht. Außerdem glühte die Sonne an diesem Tag bis in die letzten Schatten hinein, so dass sich viele der Kinder lieber drinnen in den vollklimatisierten Räumen aufhielten, als einen Hitzschlag zu riskieren.

Das kleine Mädchen auf der Schaukel schien davor keine Angst zu haben, und bislang war es den wachsamen Augen der emsigen Aufseherinnen offensichtlich entronnen.

Demi war noch recht neu hier. Bevor sie in diese Gegend gezogen waren, hatte sie einen Kindergarten in Brooklyn besucht. Dort waren auch ihre Freundinnen zurückgeblieben.

»Demi?«

Das Mädchen bremste die Schaukel ab und schaute zum Zaun, wo der fremde Mann winkte.

Demi war nicht dumm. Sie wusste, dass fremde Onkels Böses im Schilde führen konnten. Aber dieser hier machte ein ganz trauriges Gesicht. Da der Zaun dazwischen war, wagte sich das Mädchen nahe an ihn heran.

»Du musst mit mir kommen«, sagte der Mann eindringlich. »Jetzt gleich. Deiner Mum ist etwas passiert. Es geht ihr sehr schlecht.«

Eines der Kinder beobachtete aus der Ferne, wie Demi kurz darauf über den Zaun kletterte und mit jemandem auf ein wartendes Motorboot zurannte.

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Flushing Meadow, 26. August

Das Kaufhaus war brechend voll. Sommerschlussverkauf. Die gesamte Saisonware war drastisch herabgesetzt, in der Hauptsache Sportartikel und Sportkleidung. Der Laden war auf diese Dinge spezialisiert, und für Leute mit Geduld war so manches Schnäppchen zu machen.

Scarlett Willow hatte nicht nur Geduld – sie brannte auch vor mütterlichem Ehrgeiz. Der Stadtteil, in dem sie lebte, schien ihr wie ein Zeichen des Himmels. Und ihr Töchterchen hatte es auszubaden. Scarlett wollte einen großen Tennisstar aus ihr machen. Es verging kein Sonntag, den sie nicht auf einem Nebenplatz der Anlage verbrachte, wo man mitunter kiebitzen konnte, wenn die ganz Großen des Circus trainierten. Es ging nicht um Geld – davon hatte Scarlett Willow als Witwe eines angesehenen Geschäftsmannes selbst genug. Es ging um Ruhm und Anerkennung. All das, was ihr selbst immer versagt geblieben war.

Sie konnte sich die besten Trainer für ihre Tochter leisten. Was störte es da, dass Tawny erst fünf und ihr Tennisschläger fast größer als sie selbst war?

»Tawny?« Scarlett stand an der Kasse, beide Arme voll mit Röcken, Shirts, Schuhen und niedlichen Accessoires. Nur Tawny fehlte. Sie war im Strom der Menschen verschollen.

Und blieb es auch.

Weder Durchsagen durch die hausinterne Sprechanlage, noch sofort eingeleitete Suchaktionen brachten Erfolg.

Dass Tawny sich nicht ganz freiwillig von ihrer Mutter entfernt haben könnte, blieb jedoch auch nach Eintreffen der Polizei vorerst ein Verdacht.

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Staten Island, die Nacht vom 29. auf den 30. August

Als der heftige Ruck durch die Limousine lief, stieß Annie Little einen spitzen Überraschungsschrei aus. Sie merkte, wie der Wagen dank ABS zwar abrupt, aber kontrolliert zum Stillstand kam, und klopfte mit den Knöcheln gegen die getönte Scheibe, die sich wenig später mit einem leisen Sauggeräusch nach unten senkte.

»Was ist passiert?«, fragte Annie im gleichen Moment, als India sich neben dem apricotfarbenen Sharpei zu regen begann. Der Welpe machte einen seiner üblichen unnatürlich wirkenden Bellversuche, legte aber den nilpferdähnlichen Kopf mit den nach vorn geklappten Ohren sofort wieder friedlich auf die Vorderpfoten. Als Wachhund war er völlig überfordert.

Annie hatte eine Abneigung gegen das völlig überzüchtete Schoßhündchen, das India vor ein paar Wochen anlässlich ihres 5. Geburtstages, passend zur Tapete ihres Kinderzimmers, von ihrem Vater geschenkt bekommen hatte.

»Da vorn liegt jemand«, sagte Harry, der Chauffeur, ohne den Kopf zu drehen.

»Ein Unfall?«, krähte India sofort hellwach. Sie befreite ihren Lockenschopf aus den Falten des chinesischen Hirtenhundes.

Annie schüttelte unsicher den Kopf und befahl: »Leg dich wieder hin. Harry macht das schon!«

»Hoffentlich«, knurrte Harry.

India sah nicht aus, als wollte sie um diese Zeit und an diesem Ort Befehle ihrer Nanny annehmen. Der Sharpei heulte auf, als er von ihr als Trittleiter missbraucht wurde, damit sie über die Sitzlehne hinwegsehen konnte.

Annie ließ es seufzend geschehen. Als sie sich selbst vorbeugte, sah sie das Bündel im Scheinwerferlicht. Eine Gestalt, vermutlich eine alte Frau, lag mit grotesk verrenkten Gliedern mitten auf der Fahrbahn. Regungslos. Das Gesicht lag nach unten. Das sackartige Kleid verhüllte das meiste.

»Ist die Oma tot?«, flüsterte India.

»Steigen Sie nicht aus?«, fragte Annie, ohne darauf zu achten.

Der Chauffeur knurrte etwas Unverständliches und fügte dann deutlich hörbar hinzu: »Das gefällt mir nicht. Das gefällt mir überhaupt nicht!«

»Vielleicht lebt sie noch«, herrschte Annie ihn an. Sie schlief hin und wieder mit Harry, der genauso schwarz wie sie selbst war, aber in der Öffentlichkeit – und dazu zählte auch jeder Ort, an dem India mit von der Partie war – hielten sie vordergründige Distanz. Wie viele weiße Familien mit Vermögen bevorzugten auch die Wyatts dunkelhäutige Bedienstete – aber sie sahen es überhaupt nicht gern, wenn sich innerhalb des Personals etwas abspielte. Die Dienstverträge enthielten eine Klausel, die solche Fälle äußerst unromantisch regulierte.

»Ich rufe die Polizei«, entschied Harry. Er griff nach dem Telefonhörer. Der 12-Zylinder schnurrte weiter, während die Limousine mit angezogener Handbremse dastand.

Sie befanden sich auf der Rückfahrt von einem Kindergeburtstag auf Staten Island, und es würde ohnehin Ärger geben, weil Annie sich von India zu einer Überschreitung des Zeitlimits hatte breitschlagen lassen.

Annies stille Hoffnung war, dass sie den Unfall – oder was immer es war – als Grund für ihre Verspätung anführen konnte. Zu diesem Zweck musste Harry aber mitspielen.

»Und wenn sie noch lebt – aber vor unseren Augen stirbt, weil wir nichts tun?«

Sie sagte es, obwohl Harrys Zögern berechtigt war. Schon angesichts der Meldungen, die seit Tagen durch die Presse geisterten.

Die Straße unweit des High Rock Parks lag gottverlassen in der Dunkelheit. Seit ihrem Aufbruch war ihnen kein Fahrzeug mehr begegnet. Es musste kurz vor 23 Uhr sein. Um diese Zeit hätte die Limousine bereits auf dem Grundstück der Wyatts einrollen müssen. Nur mit Mühe hatte Annie den Mann am Steuer davon abhalten können, schon früher telefonischen Kontakt mit ihren Brötchengebern aufzunehmen.

Harry tastete routiniert eine Nummer in den Hörer.

Annie handelte, ohne zu überlegen. Mit einem Ruck öffnete sie die Fondtür und kletterte in die kühle Nacht. Ein Insekt taumelte gegen ihr erhitztes Gesicht, als sie an Harry vorbei nach vorn eilte, wo die Gestalt lag.

»Bleib stehen, du Verrückte!«

Angesichts ihres Alleingangs verzichtete Harry auf jede falsche Etikette. India krähte vergnügt, als auch er aus dem Wagen sprang und dem Kindermädchen nacheilte.

»Das wird Folgen ...«, setzte er an, als er das Bündel fast gleichzeitig mit ihr erreichte.

Der Rest seiner Predigt erstickte in einem dumpfen Stöhnen, mit dem er neben Annie zu Boden schlug. Aus den Büschen am Wegrand war eine maskierte Gestalt hervorgesprungen und hatte blitzschnell und mit großer Brutalität zugeschlagen.

Indias gellender Schrei zerriss die Stille.

Dazwischen klang verschrecktes Bellen.

Annie realisierte die veränderte Situation erst richtig, als sich der Baseball-Schläger zum zweiten Mal hob.

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Der Ruf erreichte uns exakt 23:17 Uhr auf dem Nachhauseweg. Aus dem Sprechfunk meines Sportwagens bellte eine Stimme, die unmöglich Linda Sanders, unserem Engel in der Zentrale, gehören konnte. Grabestief, feldwebelmäßig und nur mit sehr viel gutem Willen überhaupt als weiblich identifizierbar, scholl es uns entgegen: »Entführung auf Staten Island ...«

Auch Engel brauchen Schlaf. Deshalb verziehen wir Linda die Wahl ihrer Nachtvertretung, für die sie ohnehin nichts konnte. Milo murmelte noch etwas von »Stimmbruch«, dann hatten wir die Meldung bereits bestätigt und hielten Kurs auf den Brooklyn Battery Tunnel, der uns auf dem kürzesten Weg unter dem East River hindurch auf die andere Seite brachte. Von dort ging es oberirdisch weiter über den Gowanus Expressway zur Verrazano Narrows Bridge.