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Als Ravensburger E-Book erschienen 2018

Die Print-Ausgabe erscheint im Ravensburger Buchverlag Otto Maier GmbH

© 2018 Ravensburger Buchverlag
Copyright © 2017 by Elly Blake

Published by arrangement with Elly Takaki
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel „Frostblood“ bei Little, Brown and Company.
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen.

Übersetzung: Yvonne Hergane
Umschlaggestaltung: Carolin Liepins, München
Verwendete Bilder von ©Yuriy Zhuravov/Shutterstock, ©iiiphevgeni/Shutterstock und ©Iulila Gatcko/Shutterstock

Alle Rechte dieses E-Books vorbehalten durch Ravensburger Buchverlag Otto Maier GmbH, Postfach 1860, D-88188 Ravensburg.

ISBN 978-3-473-47864-4

www.ravensburger.de

Für Darren, Nicklas, Aleksander und Lukas –
ich liebe euch für alle Zeit

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Ich bot dem Feuer meine Hand.

Funken sprangen aus der Feuerstelle auf meine Finger über, Hitze, die von Hitze angezogen wurde, und glitzerten wie flüssige Edelsteine auf meiner Haut. Mit der freien Hand zog ich einen Eimer mit schmelzendem Schnee heran und rutschte auf Knien ein Stück näher, bereit, mich damit abzulöschen, falls die Funken zu etwas Größerem aufflammen sollten.

Was genau meine Absicht war.

Die Wintersonnenwende war zwar noch sechs Wochen entfernt, doch mein Dorf, das sich hoch in den Bergen befand, lag schon lange unter einer dicken Schneedecke verborgen. Die Gabe einer Fireblood könne man nur in der Kälte wirklich prüfen, hatte Großmutter immer gesagt. Aber dann war sie gestorben, ohne mir mehr als die Grundlagen ihres Könnens beizubringen. Und Mutter hatte mir das Versprechen abgenommen, selbst dieses geringe Wissen niemals, niemals anzuwenden.

Es war ein Versprechen, das ich nicht halten konnte. Falls die Soldaten des Königs mich entdeckten, war es da nicht besser, wenn ich mit meiner Hitze umzugehen wusste?

Ich schloss die Augen und konzentrierte mich auf meinen Herzschlag, zwang die aufkeimende Wärme nach oben und hinaus, so wie Großmutter es mir gezeigt hatte. Wenn ich es richtig machte, würden die grellen Funken auf meiner Hand sich in winzige Flammen verwandeln.

Komm schon, glühe, glühe …

So viele Jahre hatte man mir eingebläut, mein Feuer zu unterdrücken, es geheim zu halten, es unsichtbar zu machen, sodass ich jetzt jedes Mal Mühe hatte, es in mir zu finden. Aber da war es, ein kleiner, wirbelnder Feuerfaden. Ich drängte ihn voran, zunächst widerstand er, aber dann wuchs er doch, ein bisschen und noch ein bisschen.

Das ist es. Ich hielt den Atem an aus Angst, den Bann zu brechen.

Ein eisiger Windhauch peitschte mir die Haare ins Gesicht. Die Funken auf meiner Hand erstarben, eilig flüchtete sich das Flämmchen zurück in mein Herz.

Mutter schlug die Tür zu und stopfte die Quiltdecke wieder in den Spalt darunter, wobei ihre zartgliedrige Gestalt unter dem Umhang erschauerte. »Furchtbar frostig da draußen. Ich bin bis auf die Knochen durchgefroren.«

Angesichts ihres Zitterns rutschte ich beiseite und gab den Blick auf das flackernde Feuer frei. »Ich dachte, du solltest einem Kind auf die Welt helfen.«

»Die Zeit war noch nicht reif.« Beim Anblick der hohen Flammen riss sie die Augen auf, dann kniff sie sie gleich wieder zu schmalen Schlitzen zusammen.

»Es war so kalt«, sagte ich mit einem entschuldigenden Achselzucken, und meine Freude schmolz dahin.

»Ruby, du hast doch geübt.« Ich kannte diesen enttäuschten Unterton in ihrer Stimme. »Wenn jemand beobachtet, was du da tust, wenn auch nur ein einziger Mensch das sieht … Die hetzen dir die Soldaten des Königs auf den Hals. Der verregnete Sommer, die magere Ernte … Die Menschen hungern und würden alles tun, um zu überleben – auch eine Belohnung kassieren, indem sie jemanden wie dich ausliefern.«

»Ich weiß, ich weiß. Du musst es mir nicht immer wieder sagen.«

»Warum tust du es dann immer wieder? Wir haben es schon schwer genug, auch ohne dass du ständig versuchst, deine Gabe einzusetzen.« Sie deutete auf einen Haufen halb verbrannter Fetzen. Auf dem Boden waren immer noch mehrere Brandflecken zu sehen.

Meine Wangen glühten. »Tut mir leid, dass ich neulich mal wieder die Beherrschung verloren habe. Aber Mutter – heute hab ich es fast geschafft, die Flamme unter Kontrolle zu halten!«

Sie schüttelte den Kopf so heftig, dass ich wusste, es hatte keinen Sinn, sie überzeugen zu wollen. Ich schlang mir die Arme um den Oberkörper und wippte beruhigend vor und zurück. Irgendwann streckte Mutter eine Hand aus und strich mir langsam eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Sei froh, dass du schwarze Haare hast und nicht die roten Flammen einiger anderer Firebloods, sagte sie immer. Meine Haut mochte für ein Kind des Nordens einen Tick zu sonnengebräunt sein, aber hier, in diesem verschlafenen Nest, in dem niemand über besondere Kräfte verfügte, weder über das Eis noch über das Feuer, hier sah keiner so genau hin.

»Ich weiß, dass deine Gabe ein Teil von dir ist«, sagte Mutter sanft. »Aber ich liege jede Nacht wach und mache mir Sorgen. Wie sollen wir dein Geheimnis wahren, wenn du dein Feuer immer wieder entfesselst, obwohl du weißt, wie schnell es sich verselbstständigen könnte?«

Diese Frage stellte sie mir immer und immer wieder, seit Monaten, seit ich entschieden hatte, mit dem Üben anzufangen. Und ich hielt darauf immer dieselbe Antwort parat. »Wie soll ich lernen, das Feuer zu beherrschen, wenn ich es nie entfessle? Und wenn wir hier nicht sicher sind, warum können wir dann nicht an einen anderen, sicheren Ort ziehen?«

»Fang nicht wieder damit an. Du weißt doch, dass wir es nicht einmal bis zur Grenze schaffen würden. Und selbst wenn, wären wir dort nur zwischen den Fronten.«

»Die Küste …«

»Wird inzwischen schwer bewacht.«

»Wir hätten schon vor Jahren aufbrechen sollen«, sagte ich verbittert. »Wir hätten nach Sudesien gehen sollen.«

Mutter wich meinem Blick aus. »Aber wir sind nun mal geblieben, und es hat keinen Sinn, mit der Vergangenheit zu hadern.« Sie seufzte, als sie den dezimierten Haufen Kienspäne sah. »Ruby, war es wirklich nötig, die Hälfte unseres Holzvorrats aufzubrauchen?«

Ich schluckte mein schlechtes Gewissen herunter. »Ich lege jetzt nichts mehr nach, ja?«

»Dann werden wir frieren, sobald das Scheit abgebrannt ist.«

»Ich halte dich warm. Hier, du kannst neben mir schlafen.« Ich klopfte auf meine Matratze, die ich näher ans Feuer gezogen hatte, gerade mal außerhalb der Reichweite fliegender Funken.

Mutters Blick wurde weicher und ein Lächeln umspielte ihre Lippen. »Du bist besser als jedes Feuer. An dir verbrenne ich mich nicht, egal wie nahe ich heranrutsche.«

»Genau. Eine Fireblood-Tochter zu haben kann nämlich sehr nützlich sein.«

Sie lachte auf, und mein Herz hüpfte vor Freude.

»Dafür bin ich auch sehr dankbar, glaub mir.« Sie zog mich an sich heran und keuchte lachend auf, als sie die Hitze spürte, die in Wellen aus mir herausströmte. »Als würde man ein gekochtes Hähnchen umarmen. Du solltest einen Spaziergang machen, um dich etwas abzukühlen. Vielleicht kannst du ja ein paar Zweige auftreiben, um unseren Holzvorrat wieder aufzustocken.«

Ich schob mich zwischen Schneewehen hindurch, und der Schnee zischte, wenn er oberhalb meiner Stiefel an meinen Schienbeinen zerschmolz. Von Südwesten her heulte der Wind, zerrte mir die Kapuze vom Kopf und zerzauste mir mit nach Kiefernadeln duftenden Fingern die Haare. Die Luft war bitterkalt, aber meine Haut war immer noch wesentlich heißer als sonst nach einer Übungsstunde. Mutter hatte mir zwar aufgetragen, Holz zu suchen, aber der Hauptzweck dieses Spaziergangs lag darin, mich abzukühlen – hier und jetzt, in der Sicherheit der dunklen Winternacht.

Es war nicht das erste Mal, dass ich mich so spät in den menschenleeren, schneeverhangenen Wald hinausschlich, um meine Hände in ein hastig zusammengeschustertes Feuer zu rammen im verzweifelten Versuch, über die Flammen zu herrschen. Aber mehr als mir den Mantelsaum zu versengen war mir bisher nie gelungen.

Ich sammelte eine Handvoll kleiner Zweige und fasste sie locker zusammen. Der Wald hielt den Atem an, nur das Rauschen des Windes in den Baumwipfeln zerschnitt die gespenstische Stille. Normalerweise kam nie jemand hierher, aber ich sah mich trotzdem hastig nach allen Seiten um, und in meinen Ohren rauschte mein Herzschlag. Dann schloss ich die Augen und hielt in meinem Inneren Ausschau nach dem winzigen Feuerfaden, den ich vorhin schon einmal gespürt hatte. In meinen Händen wurden die Zweiglein warm.

Der Wind wechselte die Richtung, rollte von Norden heran, die Überreste eines nasskalten Wintersturms im Schlepptau. Fröstelnd umklammerte ich die Zweige fester, kämpfte gegen die Kälte an, die durch meine Poren hereinsickerte und mir die Hitze aus dem Leib zog.

Plötzlich dröhnten aus der Ferne Schritte durch den Wald.

Ich ließ die Zweige fallen und kletterte auf einen Felsen, wobei schwere Schneeklumpen nach allen Seiten herunterklatschten. Nach Nordwesten hin verwandelte sich der Pfad in einen Hohlweg, der vor Schnee-Einfall geschützt war. Nur noch wenige Augenblicke, dann würde ich sehen, wer sich da näherte, ohne meinerseits gesehen zu werden.

Als Erstes kam eine Kapuze in Sicht, dann blitzte ein Metallhelm zwischen den vom stählernen Himmel grau gewaschenen Baumstämmen auf. Blaue Tuniken erschienen im grellen Weiß der Waldlandschaft.

Soldaten! Sie zerschnitten die Stille mit ihren schweren krachenden Schritten und ihren durchdringenden Stimmen.

Das Blut rauschte in meinen Adern, meine Angst erblühte als Hitze, die mich von oben bis unten durchströmte.

Tausendmal hatte man mich vor den Soldaten des Königs schon gewarnt, aber ich hatte mich immer damit beruhigt, dass unser Dorf zu unbedeutend war und zu weit oben in den Bergen lag, um nach Firebloods durchsucht zu werden. Vielleicht waren die Männer ja nur auf dem Rückweg von einer Reise in den unwirtlichen Norden. Aber unsere Hütte lag genau an dem Pfad, auf dem sie unterwegs waren. Es würde ein Leichtes für sie sein, dort haltzumachen, um unsere Vorräte zu plündern oder die Nacht zu verbringen. Und wir konnten es nicht riskieren, sie so in meine Nähe zu lassen, dass sie die Hitze spürten, die von meiner Haut ausging.

Ich glitt vom Felsen herunter und stürmte nach Hause. Mit pfeifendem Atem schoss ich an Bäumen und Sträuchern vorbei, nutzte das dichte Unterholz und meine Kenntnis von der Landschaft, um unbemerkt heimzukommen.

Als ich ins Haus kam, saß Mutter am Feuer. Ihr langer Zopf hing über die Lehne des aus Baumrinde geflochtenen Stuhls herab.

»Soldaten!«, keuchte ich, griff nach ihrem dicken Mantel, der immer noch am Feuer trocknete, und warf ihn ihr zu. »Im Wald. Wenn sie hier haltmachen …«

Mutter starrte mich nur eine Sekunde sprachlos an, bevor sie sich in Bewegung setzte. Sie schnappte sich einen Tuchfetzen, packte etwas trockenen Käse und Brot hinein, dann taumelte sie zu dem narbenübersäten Holztisch, auf dem Heilkräuter in der Wärme der Glut trockneten. Viele Stunden hatten wir damit verbracht, die kostbaren Heilpflanzen zu sammeln, und weder Mutter noch ich brachten es über uns, sie hier zurückzulassen. Hastig wickelten wir sie in kleine Stoffreste und steckten sie ein.

Aber wir waren noch nicht fertig damit, als die Tür krachend aufflog und ein Luftzug die restlichen Kräuter vom Tisch fegte. Zwei Männer tauchten in der verschneiten Dunkelheit auf. Ein weißer Pfeil zierte ihre blauen Tuniken.

»Wer von euch ist die Fireblood?« Die zusammengekniffenen Augen des Soldaten wanderten zwischen Mutter und mir hin und her.

»Wir sind beide Heilerinnen.« In Mutters Stimme lag Angst.

Einer der Männer stapfte mit ein paar großen Schritten auf mich zu und packte mich bei den Armen. Mein Magen rebellierte wegen der widerlichen Mischung aus altem Schweiß und fauligem Atem. Der Soldat ließ eine kalte Hand in meinen Nacken gleiten. Ich hätte ihn am liebsten gebissen, geschlagen, getreten, mit den Fingernägeln aufgeschlitzt, alles, nur um seine Hand loszuwerden, aber das Schwert an seinem Gürtel zwang mich stillzuhalten.

»Ihre Haut ist brennend heiß«, sagte er und kräuselte die Oberlippe.

»Sie hat Fieber«, erwiderte Mutter verzweifelt.

Ich holte bebend Luft. Versteck deine Hitze. Unterdrücke sie. Beruhige dich.

»Du wirst dich anstecken«, sagte ich und versuchte, das Zittern in meiner Stimme zu verbergen.

»Mit dem, was du hast, kann ich mich nicht anstecken.« Der Mann umklammerte mit einer Hand meinen Arm und zerrte mich zur Tür. Ich wand mich in seinem Griff, trat um mich und kippte dabei einen Eimer mit roten Beeren um, die ich noch kurz vor dem Schnee-Einbruch gesammelt hatte. Wie Blutstropfen rollten sie über den Boden und wurden unter den Stiefeln des Soldaten zerquetscht, als er mich ins Mondlicht hinausschleifte.

In meiner Brust stieg der Druck an. Es war, als wäre das Feuer aus dem Kamin unter meine Rippen gekrochen und drängte jetzt nach draußen. Großmutter hatte mir das Gefühl einmal beschrieben, aber bisher hatte ich es noch nie selbst erlebt. Es stach und brannte und presste von innen so heftig gegen meinen Brustkorb, dass ich mir am liebsten die Haut heruntergerissen hätte, um es freizusetzen.

Der Schmerz wuchs immer weiter an, bis ich schon dachte, er würde mich umbringen. Ich schrie auf – und ein Schwall brennend heißer Luft umschloss plötzlich meinen Angreifer. Er ließ mich los und stürzte unter Schmerzensschreien zu Boden.

Ich stolperte in unsere Hütte hinein, wo Mutter sich gegen den zweiten Soldaten wehrte, der sie zur Tür zu zerren versuchte. Ich griff nach einem Holzscheit vom Stapel und ließ ihn mit Wucht auf den Hinterkopf des Mannes krachen. Er kippte zur Seite und blieb reglos liegen.

Ich nahm Mutter bei der Hand, und gemeinsam stürzten wir in die Nacht hinaus. Der Soldat, den ich verbrannt hatte, kauerte immer noch auf allen vieren am Boden und drückte sich Schnee ins Gesicht.

Wir schoben uns so schnell wie möglich durch das dichte Unterholz, weg von unserem Häuschen, weg von dem einzigen Ort, der uns Wärme und Sicherheit geboten hatte, und mit jedem Schritt umwölkten die Angst und die Ratlosigkeit meine Gedanken und machten meinen Kopf so taub wie meine Finger. Ich musste Mutter von hier wegbringen, irgendwohin, in Sicherheit. An einer Weggabelung zog ich sie nach rechts zum Wald hin, wo wir uns zwischen den Kiefern verstecken konnten, die dort so dicht wuchsen, dass nicht einmal der Schnee zum Boden gelangte.

»Zu kalt«, protestierte Mutter keuchend und zerrte an meiner Hand. »Kein Schutz. Ins Dorf.«

Wir stürmten an Höfen und Häusern vorbei, duckten uns in den Schatten, bis Mutters Schritte immer langsamer wurden. Durch die Schneewehen, die sich wie eisige Wellen über den Pfad ergossen hatten, musste ich sie regelrecht hindurchschieben. Als wir uns in den Schatten neben der Schmiede zwängten, sah ich mehrere orangerote Lichter, die auf dem Dorfplatz auf und ab wippten.

»Fackeln«, raunte ich und brachte Mutter mit einem Zug am Arm zum Stehen.

Alles kam mir auf einmal so unwirklich vor. Seit ich zurückdenken konnte, war ich mindestens einmal in der Woche ins Dorf gekommen, nicht nur um Essen und Vorräte zu kaufen, sondern um auch mal der Einsamkeit unserer abgelegenen, winzigen Hütte zu entkommen, um mit anderen Menschen ein Lächeln oder Kopfnicken zu wechseln, um frisch gebackenes Brot zu riechen und manchmal sogar einen Hauch von dem Rosenwasser, das einige der Ehefrauen und Töchter der Ladenbesitzer trugen. Zwar konnte ich im Dorf niemanden wirklich als Freund bezeichnen, doch gab es durchaus einige, die meinen Gruß erwiderten oder die gern ein Fläschchen Stärkungsmittel von meiner Mutter in Empfang nahmen, weil ihr Vater, ihr Kind, ihre Schwester krank geworden war.

Nun war meine heile Welt in tausend Scherben zersprungen, wie ein Glas, das auf dem Steinfußboden zerschellte, und alles Vertraute war unwiederbringlich verloren. Vom Dorfplatz schlug uns ein fremder, falscher Geruch entgegen nach säuerlichem Fackelrauch und den Ausdünstungen zu vieler kaputt gerittener Pferde samt ihren ungewaschenen Reitern.

Wir wirbelten herum und wollten uns durch den schmalen Spalt zwischen zwei Häusern hindurchquetschen, doch schon tauchten drei Soldaten wie Schreckgespenster aus der Finsternis auf und fingen uns ein, bevor wir recht wussten, wie uns geschah. Wortlos wurden wir zum Dorfplatz gezerrt, wo die Leute sich in Grüppchen versammelt hatten, mit vor Angst und Bestürzung verzerrten Gesichtern, als wären sie eben erst aus ihren Betten gescheucht worden. Ich wehrte mich, suchte verzweifelt nach einem Ausweg, aber selbst wenn mir die Flucht gelungen wäre, wie hätte ich Mutter allein zurücklassen können? Reglos und stumm stand sie neben mir.

»Ist dies das Fireblood-Mädchen?« Der Mann war groß gewachsen, mit scharfen Wangenknochen und einem sandfarbenen Bart, und ein harter Befehlston schwang in seiner Stimme mit. Blank polierte Knöpfe glänzten an seinem Mantel.

Ich musterte die vertrauten Gesichter der Leute aus meinem Dorf. Graham, der Müller, mit seiner Tochter Flax. Die drei Bauern Tibald, Brecken und Tom mit ihren Frauen Gertie, Lily und Melody. Sie alle waren schon zu meiner Mutter gekommen, als Krankheiten sie plagten, hatten aber sicher keine Ahnung von meiner Gabe. Ich hatte immer gut aufgepasst, dass ich für sie nie etwas anderes war als eine gewöhnliche Nachbarin.

Ein Junge, etwa in meinem Alter, trat einen Schritt vor. Mir sank das Herz, als ich Clay erkannte, den ältesten Sohn des Fleischers. Beim Erntedankfest hatte er mich, während das ganze Dorf um das Feuer herum tanzte, zur Seite genommen, und seine Hand hatte in meiner gezittert, als wir uns im Schutz der Dunkelheit küssten. Bei der Berührung meiner heißen Lippen war er erstaunt zurückgezuckt, doch er hatte meine Hand nicht losgelassen. Seitdem warfen wir einander immer wieder verstohlene Blicke zu, wenn ich die Fleischerei seines Vaters betrat.

»Das ist sie, Hauptmann«, sagte Clay mit bebenden Lippen. »Sie hat meinen Bruder umgebracht.«

Mutter keuchte auf und drückte meine Hand. Mir war, als wäre mein ganzer Körper mit einem Schlag taub geworden.

Vor einigen Wochen war meine Mutter von Clays Vater gerufen worden, weil sein neugeborener Sohn einfach nicht trinken wollte. Als sie dort ankam, war die Haut des Babys schon ganz kalt. Mutter versuchte es mit jeder Salbe und jedem Trank, den sie kannte, schließlich ließ sie mich nachkommen in der Hoffnung, dass meine Hitze das Kind wieder aufwärmen könnte. Aber das Baby war trotzdem gestorben. Drei Tage lang hatte ich damals nicht aufhören können zu weinen.

»Du weißt, dass das nicht stimmt«, raunte ich Clay zu. »Ich hab versucht, ihn zu retten.«

»Fireblood!«, schrie Clays Vater. »Du hast das Unglück über uns alle gebracht!«

Ich schüttelte ungläubig den Kopf. »Clay? Du hast die Soldaten auf mich gehetzt?«

Clay verzog das Gesicht, gab aber keine Antwort, sondern wandte sich nur schweigend ab.

Wie auf einen unausgesprochenen Befehl hin zogen sich die Dorfbewohner zurück, während die Soldaten näher rückten. Innerhalb weniger Sekunden standen nur meine Mutter und ich noch da, zwei zitternde, von lodernden Fackeln umringte Frauen.

»Es gibt nur einen Weg, die Wahrheit herauszufinden«, sagte der Hauptmann und streckte mit einem sichtlichen Freudenfunken in den kalten Augen die Fackel nach vorn. »Firebloods verbrennen nicht.«

»Mutter, zurück!« Ich schubste sie zu Boden.

Die Fackeln, sechs oder sieben an der Zahl, kamen von allen Seiten näher, und ich spürte ihre Hitze auf meinem Gesicht. Von einer sprangen Funken auf mein Kleid über. Flammen fraßen sich durch den Stoff und brüllten in meinen Ohren. Meine Haut war glühend heiß, aber sie verbrannte nicht.

Der Hauptmann trat vor, und als er nach seinem Schwert griff, stürzte Mutter sich auf ihn. Sie fuhr mit den Fingernägeln über sein Gesicht, sodass ihm das Blut die Wangen hinabrann. Ich wollte sie zurückreißen, aber als ich nach vorne hechtete, rammte der Hauptmann seinen gestiefelten Fuß gegen meine Brust. Atemlos stürzte ich zu Boden, und das Feuer, das an meinen Kleidern leckte, verdampfte zischend im Schnee.

Während ich mich mühsam aufrappelte, hob der Hauptmann mit einer beinahe trägen Armbewegung das Schwert. Dann ließ er den Griff mit einem Übelkeit erregenden Krachen auf Mutters Kopf heruntersausen.

Wie eine zerbrochene Puppe fiel sie in sich zusammen. Ihr Haar lag auf dem Schnee ausgebreitet, wie mit Kohle hingemalt, ihr langer, wunderschöner Hals war seltsam verbogen, wie ein welker Blumenstängel.

Ich kroch zu ihr hin, packte sie bei den Schultern, rief ihren Namen. Meine Hände flogen zu ihrer Brust, ihrer Kehle, suchten nach dem Herzschlag, stark und gleichmäßig, wie er es immer gewesen war. Aber da war nichts.

Die Welt gefror zu Eis.

Nein. Nein. Nein.

Das kleine Feuerfädchen in meiner Brust wurde zu einem Inferno, viel zu stark, um es noch kontrollieren zu können. Und wozu hätte ich mich jetzt auch noch beherrschen oder meine Gabe verbergen sollen? Ich atmete tief ein, sog die Luft aus dem Himmel, aus den Bäumen, aus der Welt. Der Wind schien sich um mich zu drehen, als wäre ich das Auge des Sturms.

Und dann atmete ich aus.

Die Flammen, die meinen Körper bedeckten, explodierten als ohrenbetäubendes, wirbelndes Feuerrad nach allen Seiten. Vor meinen umnebelten Augen stürzten von Panik ergriffene, sich windende Soldaten zu Boden, schoben verzweifelt Hände und Gesichter in den Schnee.

Die stumme Gestalt meiner Mutter lag immer noch hinter mir, die Glieder merkwürdig verdreht. Ich streckte die Arme nach ihr aus, wollte sie an mich ziehen, aber schon packten mich mehrere Hände bei den Schultern. Ich schlug mit den Fäusten nach ihnen und suchte in meinem Inneren nach der Flammenquelle, die sie alle vernichten sollte.

Aber die Hitze erstarb schlagartig, als sie mich in eine Pferdetränke warfen. Mein Körper durchbrach die dicke Eisschicht, die sich auf dem Wasser gebildet hatte, wie Nadeln bohrte sich die Kälte in meine Haut. Die Wände aus grob gezimmertem Holz drückten mir in die Seiten. Ich stemmte mich hoch, die Brust bis zum Bersten mit dem Schmerz der Kälte gefüllt, wurde aber gleich wieder nach unten gestoßen. Mit starren Fingern umklammerte ich den Rand der Pferdetränke, die Nägel tief ins Holz gekrallt.

Schließlich zerrte mich jemand wieder heraus. Ich würgte und spuckte und atmete gierig die eisige Luft.

Der Hauptmann war in ein flackerndes orangefarbenes Licht getaucht, als er sich zu mir herunterbeugte. Er griff mir in die dampfenden Haare und schob sein Gesicht ganz nah an meins heran. Auf seinen krebsroten Wangen hatten sich Brandblasen gebildet.

»Für das, was du mir und meinen Männern angetan hast, wirst du bitter büßen! Du und dein ganzes Dorf, ihr werdet dafür bezahlen!«

Schon loderten hinter ihm Flammen auf, aus den Geschäften und Wohnhäusern drang schwarzer Rauch. Einige Dorfbewohner versuchten, sich den Soldaten in den Weg zu stellen, die ihre Fackeln an Wänden und Wagen und Holzstapeln lecken ließen, wobei sie johlten und jubelten, als wäre das alles ein großer Spaß. Ihre Stimmen mischten sich mit den Schreien der Leute, die zusehen mussten, wie ihr ganzes Hab und Gut niedergebrannt wurde.

Zorn mischte sich in meine Todesangst, brachte mein Blut zum Kochen und das Wasser in der Tränke zum Dampfen.

»Eine gerechte Strafe dafür, dass sie eine Fireblood beherbergt haben, findest du nicht?«, zischte der Hauptmann, und seine Augen funkelten teuflisch.

Alle, alle würden meinetwegen leiden.

»Für das, was ihr in dieser Nacht getan habt, werde ich dich töten«, flüsterte ich mit letzter Kraft.

Die Flammen warfen gespenstische Schatten auf sein schmieriges Grinsen. »Bindet sie an ein Pferd. Wir schaffen sie ins Blackcreek-Gefängnis.«

»Aber Hauptmann«, wandte einer der Soldaten ein. »Ihre Hitze …«

»Dann schlag sie eben bewusstlos.«

Ein scharfer Schmerz spaltete meinen Hinterkopf. Das Letzte, was ich sah, bevor die Welt in Schwarz versank, war der weiße Pfeil auf der Brust des Hauptmanns.

Das Zeichen des Frostkönigs.

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Fünf Monate später

Die Stiefelschritte schlurften schwerfällig heran, ein Zeichen dafür, dass die Wachen schon ziemlich tief ins Glas geschaut hatten. Die Sonne war gerade untergegangen, durch das winzige vergitterte Fenster drang nur noch ein schwacher rötlicher Schein in den Raum.

»Aufstehn, aufstehn, du kleine Drecksgöre!«

Ich lag in meiner üblichen Position da, die Knie angezogen, die Arme um den Oberkörper geschlungen, um meine Körperwärme festzuhalten, die der steinerne Boden so gierig aufsog. Als ich mich langsam aufsetzte, schlug meine Fußfessel klirrend gegen die Eisenkette. Drei Gesichter stierten durch die Gitterstäbe zu mir herein.

»Wie spät isses?«, lallte Bragger, eindeutig betrunken.

»Höchste Zeit für dich, zu deiner Baracke abzuziehen«, erwiderte ich mit einer Stimme, die heiser war vor Durst.

Er verzog das Gesicht zu einem schmierigen Lächeln. »Wie gefällt dir dein neues Schmuckstück?«

Ich schaute auf meine graue Fußfessel herunter. »Ich glaube, es passt nicht ganz zu meinem Kleid.«

Er schnaubte. »Wieso, is doch genauso schmuddelig wie alles andere an dir. Und wie fühlt sich’s an?«

»Überflüssig.«

»Dann hassu also nicht vor, deine Hitze so schnell wieder einzusetzen?«

»Kommt drauf an, ob du vorhast, deine besondere Aufmerksamkeit wieder mal einem der anderen Insassen zukommen zu lassen.«

Ein paar Wochen zuvor hatten Bragger und seine bierseligen Kumpane beschlossen, dass ihnen der hohle Husten des alten Mannes aus der Zelle neben mir lange genug auf die Nerven gegangen war. Seine Hilfeschreie waren durch die vielen Schichten aus Taubheit gedrungen, die ich mir zugelegt hatte, um das alles hier ertragen zu können. Obwohl das verdorbene Essen und der Schmutz hier im Gefängnis mich krank und schwach gemacht hatten, war ich in der Lage gewesen, einen Arm durch die Gitterstäbe zu strecken und Bragger einen hübschen kleinen Hitzschlag auf den bloßen Unterarm zu verpassen. Daraufhin hatten sie aufgehört, den alten Mann zu verprügeln, doch er war noch in der folgenden Nacht gestorben. Als Belohnung für meine Einmischung hatte ich seine Fußfessel geerbt.

»Geht dich alles nix an, du feurige Filzlaus«, sagte Bragger. »Vielleicht wenden wir uns ja nächstes Mal gleich dir zu. Wenn wir mit dir fertig sind, hältst du nich mal mehr einen Tag durch.«

Mir drehte sich der Magen um, aber nach außen hin gab ich mich aalglatt. »Das versprichst du mir doch schon seit Monaten, aber ich bin immer noch da. Kann es sein, dass ihr mich irgendwie ins Herz geschlossen habt? Dein Kumpel Templeton lässt mir inzwischen sogar Extrarationen zukommen.«

Templeton, der Kleinste und Stillste der drei, wollte schon protestieren, aber Bragger grinste nur. »Du willst uns doch nur gegeneinander aufhetzen, damit wir von dir ablassen. Darauf fall ich nicht mehr rein. Also noch mal, du kleines Dreckstück: Wie spät isses?«

»Die perfekte Zeit, um euch alle zu Asche zu verbrennen.«

Dass ich die Worte laut ausgesprochen hatte, wurde mir erst klar, als er auflachte. »Wenn du dazu noch genug Feuer im Leib hättest, dann hättest du das längst getan. Aber nur für alle Fälle – Rager, hast du den Eimer?«

»Klar«, sagte Rager und zog den Blecheimer scheppernd an den Gitterstäben entlang.

Ein Schlüssel klackte im Schloss, dann schwang die Tür auf.

»Wie spät isses?«, wiederholte Bragger, und seine tiefgrollende, ernste Stimme verriet mir, dass es nur noch schlimmer werden konnte, wenn ich jetzt nicht mitspielte.

Ich biss die Zähne zusammen. »Die perfekte Zeit, mich zu begießen.« Sein grinsendes Gesicht war eine Fratze grausamer Vorfreude.

Ich tat mein Bestes, ruhig zu bleiben und nicht zurückzuweichen. Aber ich konnte dennoch nicht verhindern, dass ich zusammenzuckte, als das eiskalte Wasser mich traf und zischend auf meiner Haut verdampfte. Die Wachmänner bogen sich vor Lachen.

»Immer wieder ein tolles Schauspiel«, johlte Bragger und verpestete die Luft vor meinem Gesicht mit seinem fauligen Atem. »Ein Dampfkessel in Gestalt von nem Mädchen. Was wohl passieren würde, wenn wir den ganzen roten Tee aus ihr herausquetschen?«

Langsam strich ich mir eine triefnasse Strähne aus dem Gesicht. Wachsam verfolgte er meine Bewegung.

»Ich hab keine Angst vor dir«, keifte er. Aber dann hielt er doch Abstand, als Rager vortrat und mir einen neuen Schwall Wasser ins Gesicht schleuderte, diesmal voller Eisklumpen, die mir die Wangen aufschlitzten und sich in meinen Haaren verfingen. Ich keuchte auf und wünschte, ich könnte den Dampf, der die Männer so entzückte, zurückhalten. Aber ohne den Dampf hätten sie auch keine Angst vor mir. Und ich hatte mehr als einmal erlebt, was sie den Gefangenen antaten, vor denen sie keine Angst hatten.

Die dritte Eimerladung klatschte mir gegen den Rücken. Ich begann zu zittern.

»Keine Ahnung, warum der Scharfrichter dich nicht schon längst geholt hat«, sagte Bragger. »Aber das ist nur eine Frage der Zeit.«

Er stieß mir in die Schulter, sodass ich das Gleichgewicht verlor. Sekunden später verließen sie meine Zelle. Ich rollte mich in einer Ecke zusammen, während die Tür krachend ins Schloss fiel und das Gelächter der drei Wachmänner langsam auf dem Flur verklang.

Ich bin so kalt wie die Gefängnismauern. Ich spüre nichts mehr.

Das Eis knackte wie brechende Knochen.

Mit einem Schlag wachte ich auf und mein Herz raste. Eine dunkle Gestalt, seltsam und nicht menschengleich, hatte sich über mich gebeugt und mir glühend heiß die Wange gestreichelt. Ich blinzelte den Traum beiseite und sah wieder meine vertraute Zelle vor mir.

Der Frost hatte das Gefängnis in eine weiße Welle getaucht, hatte Steinmauern mit Eis überzogen und war in jede Ritze und jedes Schlüsselloch gekrochen. Das gefrorene Wasser hatte den Boden um mich herum spiegelglatt werden lassen und war in Form von glitzernden Kristallen bis auf wenige Zentimeter an mich herangekrochen, sodass ich nur noch auf einer Insel blanken Steins kauerte.

Stiefelschritte näherten sich über den Gang und hielten vor meiner Zelle an. Ich unterdrückte ein Stöhnen. Nicht schon wieder. Bitte heute keine Wachen mehr.

Aber Wachen rochen nicht nach geöltem Leder und Seife. Als ich aufblickte, stand eine große Kapuzengestalt vor meiner Zelle und hielt eine Fackel in der rechten Hand. Mein Rücken versteifte sich, in meinem Nacken richteten sich die Härchen auf.

Eine zweite Gestalt mit Kapuze gesellte sich zur ersten. Sie war kleiner und stützte sich auf einem Gehstock ab, der bei jedem Schritt auf dem Boden klackte. Ein kurzer weißer Bart hing über den Kragen des Gewandes.

»Bist du gewiss, dass sie es ist?«, fragte dieser Mann leise, und seine gewählte Sprechweise wirkte unpassend an diesem von Mördern und Dieben bewohnten Ort.

»Schau«, sagte die andere Gestalt, deren Stimme tiefer und kräftiger klang. »Siehst du, wie das Eis sich weigert, sie zu berühren?« Er holte tief Luft und stieß sie dann kraftvoll aus. Sofort verwandelte sich die Luftfeuchtigkeit in meiner Zelle in Eiskristalle, die auf mich herabrieselten und verdampften, sobald sie auf meine Haut trafen.

Ich riss entsetzt die Augen auf und biss mir auf die Unterlippe, um nicht zu stöhnen. Das also waren Frostbloods, deren Gabe das genaue Gegenteil der meinen war. Ich versuchte, meine Angst zu verbergen und meinen Atem ruhig zu halten.

»Siehst du?« Seine Stimme war tief, aber triumphierend.

»Setz dich auf, Kleines«, sagte der kleinere Mann und klackerte mit seinem Gehstock an die Gitterstäbe, als würde er an meine Tür klopfen. »Wir wünschen mit dir zu sprechen.«

Ich regte mich nicht. Konnten die nicht einfach wieder verschwinden und mich in Ruhe lassen? So eine Angst hatte ich seit dem Tag nicht mehr gehabt, als die Soldaten ins Dorf gekommen waren. Schon die Wachen konnten mir das Leben zur Hölle machen, obwohl sie keine Gabe besaßen. Und zumindest hatten sie Angst vor meinem Feuer. Aber was konnte mir ein Frostblood alles antun?

»Mach schon!«, sagte der größere Mann, der sich breitbeinig vor dem Gitter aufgebaut hatte. »Setz dich auf, sonst suche ich mir einen Eimer Wasser, und dann schauen wir mal, wie du zitterst.«

Der Widerwille erhitzte meine Haut und ich richtete mich auf.

Der ältere Mann trat näher heran. »Wie alt bist du?«

Stirnrunzelnd suchte ich in meinem Kopf nach der richtigen Antwort. Hier drin, im Verlies des Königs, verschwammen die Tage zu Wochen zu Monaten zu Jahren …

Der Mann deutete meine Ratlosigkeit richtig. »Die Frühlings-Tagundnachtgleiche ist zwei Wochen her«, sagte er.

Ein dumpfer Schmerz machte sich in meiner Brust breit. Fast ein halbes Lebensjahr hatte ich also verloren. »Dann bin ich jetzt siebzehn.«

»Du hast die Soldaten des Königs verbrannt, einige von ihnen schwer«, sagte der Mann. »Aber mithilfe erfahrener Heiler haben sie überlebt.«

»Schade eigentlich«, erwiderte ich, die Stimme so kalt wie der eisüberzogene Boden.

Der Mann sah zu seinem Begleiter. »Seltsam, dass ihr Haar schwarz ist. Die wirklich Begabten haben meist feuerrote Haare.« Er streckte eine Hand durch die Gitterstäbe herein. »Zeig uns dein Handgelenk.«

Ich zog beide Hände an die Brust. »Warum?«

»Wir wollen nur mal schauen.« Seine Stimme war nun weich und warm.

Ohne nachzudenken, hob ich einen Arm, der zerschlissene Ärmel rutschte zurück und gab den Blick auf mein dünnes Handgelenk frei. Der Mann nahm seinem Begleiter die Fackel ab und hielt sie näher ans Gitter, sodass der Lichtschein auf die Ader fiel, die sich wie ein roter Wurm unter meiner Haut wand.

»Siehst du, wie rot sie leuchtet?«, staunte der Mann, während ich meine Hand wieder wegzog. Dann schob er seinen Ärmel hoch, um mir sein Handgelenk zu zeigen, an dem die Ader kaltblau statt rot pulsierte. »Wir wollen dir nichts Böses«, versicherte er mir. »Wir sind gekommen, um dir ein Angebot zu unterbreiten. Wenn du einen Auftrag für uns erfüllst, wirst du dafür deine Freiheit wiedererlangen.«

Das Herz schlug mir bis zum Hals. Das Wort Freiheit hallte wie der reine Klang einer Tempelglocke in meinen Ohren. Schon der Gedanke daran war Versuchung pur – frische Luft in die Lunge zu saugen, mir die Haut von der Sonne liebkosen zu lassen, den Wind in den Haaren zu spüren … Ich erbebte, hin- und hergerissen zwischen Sehnsucht und panischer Angst.

Es gibt Schlimmeres, als in einer Gefängniszelle dahinzusiechen.

Stumm und still warteten die zwei Gestalten im flackernden Fackellicht, nur das Eis knackte leise unter ihren Sohlen. Ihr Atem vernebelte die Luft mit kalten Dampfwolken.

»Worin besteht der Auftrag?«, fragte ich.

Der alte Mann sah sich um und schüttelte dann den Kopf. »Es geht um etwas, wobei du uns nur zu gern behilflich sein wirst.«

»Warum sollte ich einem Frostblood überhaupt bei etwas behilflich sein? Außer beim Sterben?«

Mit runzligen Händen strich er sich die Kapuze vom Kopf, enthüllte sein faltiges Gesicht, das dunkler war als meins. Er hatte fein geschnittene Gesichtszüge und schmale Wangen, und seine Augen, so hellblau, dass sie beinahe weiß erschienen, bohrten sich in meine. Der Hauch eines Lächelns umspielte seine Lippen. »Der Frost und das Feuer waren einst Freunde.«

»Nicht zu meinen Lebzeiten.«

Der Mann sah zwischen seinem Begleiter und mir hin und her. »Ich bin sicher, der Auftrag wird dich interessieren. Unser Ziel ist der Thron selbst.«

Ich presste die Hände gegen die kalte Steinwand, um nicht umzukippen. Das war genau das, wonach ich mich schon so lange sehnte. Das Einzige, was ich gewollt hatte, seit dem Tag, an dem die Soldaten mir alles im Leben weggenommen hatten. Ich wollte den König töten, der den Überfall auf mein Dorf befohlen hatte. Denn ohne den Frostkönig hätte es keine Soldaten gegeben, keinen Hauptmann, kein Gefängnis.

Meine Mutter wäre noch am Leben.

In meinem Kopf drehte sich alles, aber ich sah den Frostblood an. Sie wollten, dass ich den König für sie tötete, aber um welchen Preis? »Erwartet ihr, dass ich euch glaube?«

Der Mann streckte die Hände aus. »Wir sind hier und wir bieten dir einen Ausweg an. Wenn man uns entdeckt, wird man uns hängen.«

»Wenn ihr Glück habt.«

Er nickte.

»Und wenn ich ablehne?«

Der größere Mann blies geräuschvoll die Luft aus. »Dann verrottest du hier, bis eines Tages nur noch ein Häuflein Knochen von dir übrig ist, das von einer Kette zusammengehalten wird.«

Ich kräuselte die Lippen. »Ein Schrei von mir, und ihr verrottet an meiner Seite.«

»Ein verlockendes Angebot«, sagte der breitschultrige Mann. »Ich verstehe nicht, wieso bisher niemand versucht hat, dich zu befreien.«

Der alte Mann unterdrückte ein Lachen. »Das reicht, Arcus. Also, Mädchen, schlägst du ein?«

Ich wog meine Möglichkeiten ab. Nach dem zu urteilen, was ich von den anderen Gefangenen gehört hatte, waren die meisten Firebloods im Reich entweder umgebracht oder weggejagt worden. Einige siechten wahrscheinlich auch in irgendwelchen Kerkern vor sich hin, so wie ich. Aber früher oder später kam der Henker zu jedem.

Und diesen zwei Männern würde ich sicherlich sehr viel leichter entkommen können als dem königlichen Verlies.

Ich biss die Zähne zusammen und nickte.

Der ältere Mann beugte sich vor und blies ins Schlüsselloch. Eisnadeln bildeten sich im Schloss, dann klickte es leise, und die Tür schwang nach innen auf.

»Und meine Fessel?« Ich deutete auf meinen Knöchel.

Er kam näher, wobei er sich auf seinen Stock stützte, und stieß einen zweiten Atemzug aus. Eis kristallisierte sich im Verschluss meiner Fußfessel, schmolz aber eine Sekunde später wieder zu Wasser. Er versuchte es noch einmal, mit demselben Ergebnis.

»Dein Widerstand gegen die Kälte ist zu stark, Mädchen. Kannst du deine Gabe unterdrücken?«

Ich schüttelte den Kopf. Großmutter war gestorben, bevor sie mir alles hatte beibringen können.

Ein tiefes Stöhnen drang aus dem Wachzimmer zu uns herein.

»Die Posten werden langsam wach«, sagte der Mann, der Arcus hieß. »Geh zurück!«

Bevor ich auch nur einmal blinzeln konnte, blies er einen Schwall eisiger Luft auf die Kette, zog ein Schwert hinter seinem Rücken hervor und ließ es hinabsausen. Atemlos zuckte ich zusammen, als die eisspröde Kette auseinanderbrach. Das Krachen des splitternden Eisens dröhnte in die Gefängnisstille hinein, und ein weiteres Stöhnen war zu hören.

»Schnell!«, drängte der alte Mann.

Ich versuchte aufzustehen, aber der Schmerz in meinen Gelenken war so stark, dass ich wieder zu Boden sackte. Meine Muskeln waren inzwischen zu schwach, als dass ich hätte laufen können.

»Du musst sie tragen, Arcus.«

Arcus beugte sich zu mir herunter, und seine Kapuze war nur noch wenige Zentimeter von meinem Gesicht entfernt. Der Duft nach Seife und Pferd und Leder stieg mir in die Nase.

»Wenn du irgendwas versuchst«, flüsterte mir Arcus ins Ohr, »breche ich dir das Genick.«

Ich starrte ihn still an und wünschte, seine Augen in den dunklen Schatten sehen zu können. Nur Kinn und Unterlippe waren zu erkennen, beide voller Entschlossenheit und von einer dicken, hässlichen Narbe entstellt. »Wenn du mir wehtust, verbrenne ich dich so schlimm, dass selbst deine Geliebte schreiend vor dir davonläuft.«

Er schnaubte leise, dann schob er seine Arme unter meinen Rücken und meine Oberschenkel. Als er mich anhob, spürte ich das Gewicht der Fußfessel an meinem Knöchel. Ich stöhnte vor Schmerz und war überrascht, als Arcus mich wieder absetzte und ein Stück Stoff unter seinem Gewand hervorzauberte. Er wickelte es um meinen Fuß, damit das Metall der Fessel nicht mehr so in meine Haut einschneiden konnte. Dann nahm er mich wieder auf die Arme.

Als mein Oberschenkel die nackte Haut an seinem Arm berührte, zog er vernehmlich die Luft durch die Nase ein. Aber selbst mit meinem zusätzlichen Gewicht bewegte er sich schnell und geschmeidig. Als wir gerade die bröckelnde Treppe erreicht hatten, taumelte Bragger auf den Gang. Mit aufgerissenen Augen schaute er ungläubig zu, wie eine seiner Gefangenen davongeschleppt wurde.

Der Frost hatte den Boden mit einem glitzernden, weitverzweigten Netz überzogen. Es klang wie tausend klappernde Zähne als das Eis an Braggers Beinen hochkroch und sich über seinen Rumpf bis zu den Armen, Fingern und seinem Hals ausbreitete. Er öffnete den Mund, der sich jedoch sofort mit erstickendem Eis füllte.

Ich starrte zu dem alten Mann mit dem Gehstock, an dessen Hand Eiskristalle glänzten. Aber jetzt war keine Zeit, die Macht seiner Gabe zu bewundern. Weitere Wachen waren offensichtlich erwacht, ihre Stimmen drangen bereits in den Flur. Arcus stieg mit mir am gefrorenen Bragger vorbei die Treppe hoch, bis zu einer Tür, die von einem schmalen Brett offen gehalten wurde. Der alte Mann folgte uns rasch.

Als die schwere Tür hinter uns ins Schloss fiel, erzitterte ich angesichts meiner Lage: Ich befand mich tatsächlich wieder in Freiheit! Ich füllte meine Lunge mit der wundervollen reinen Luft hier draußen, und meine Augen schmerzten beinahe beim fast vergessenen Anblick der Sterne, die mir so hell vorkamen wie Fackeln in einem verdunkelten Raum.

Unter meinem Oberschenkel fühlte sich Arcus’ Arm bitterkalt an. Sein Atem ging inzwischen ziemlich flach.

»Meine Haut brennt, nicht wahr?«

»Es ist dein Gestank, der mir in der Nase brennt, Fireblood, und sonst nichts. Ich hoffe, Bruder Thistle hat genug Seife in der Abtei, um dich einigermaßen erträglich zu machen.«

Sollte mir recht sein, dass er meine Nähe nicht aushielt. Mir ging es mit ihm ja genauso.

»Seid Ihr Bruder Thistle?«, wandte ich mich an den alten Mann, der sich mühsam auf einen Wagen zuschob, der samt Kutscher auf der anderen Straßenseite in der Dunkelheit wartete.

»Der bin ich, Mädchen. Und wie heißt du?«

»Ruby«, antwortete ich. »Ruby Otrera.«

»Ruby. Ein Rubin«, sagte der Mann lächelnd. »Wie passend.«