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Als Ravensburger E-Book erschienen 2018

Die Print-Ausgabe erscheint in der Ravensburger Verlag GmbH

© 2018 Ravensburger Verlag GmbH
Copyright © 2017 by Elly Blake

Published by arrangement with Elly Takaki
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »Fireblood« bei Little, Brown and Company.
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen.

Übersetzung: Yvonne Hergane
Lektorat: Gabriele Dietz
Umschlaggestaltung: Carolin Liepins, München
Verwendete Bilder von © Yuriy Zhuravov/Shutterstock, © wacomka/Shutterstock, © Chevnenko/Shutterstock, © iiiphevgeniy/Shutterstock und © Elnur/Shutterstock

Alle Rechte dieses E-Books vorbehalten durch Ravensburger Verlag GmbH, Postfach 2460, D-88194 Ravensburg.

ISBN 978-3-473-47924-5

www.ravensburger.de

Für meine Mutter Nancy,
die mich die Liebe zum Wort gelehrt hat

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Auf der ausgedörrten Erde wirbelten meine Stiefel Staubwolken auf, als ich den Frostblood-Krieger umkreiste. Ein einziger kleiner Fehler, eine winzige Unaufmerksamkeit, und ich wäre verloren.

Seine linke Faust zuckte, bevor die rechte mit einem Eiszyklon hervorschoss. Aber ich kannte all seine Tricks, seine Finten, seine Ablenkungsmanöver. Ich wich aus und schleuderte aus den Handflächen eine Feuerwand auf ihn.

Mein Blick umwölkte sich, und eine Erinnerung bemächtigte sich auf einmal meiner: Meine Hände, feuerrot, wie sie sich zum eisigen Thron von Fors hinreckten, zum zeitlosen Denkmal der Frostblood-Herrschaft, dessen blitzende, todbringende Scherben mein dürftiges Feuer zu verhöhnen schienen. Ich konnte den Thron nicht schmelzen. Ich konnte den Fluch darin nicht zerstören.

Aber dann gesellte sich der Frost eines anderen zu meinem Feuer, und statt es zu löschen, verstärkte er es durch eine grellblaue Flamme, die zum Thron strebte, seine Kanten schmolz, seine Ecken abrundete, das Eis vor Wut über die Niederlage aufheulen ließ. Ich hörte, wie König Rasmus entzückt lachte, als der Minax sich aus dem sterbenden Herzen des Throns löste, sich als Schattenwesen an meine Haut schmiegte, Einlass begehrte, mir die Seligkeit von eintausend Sonnenexplosionen versprach und dass ich nie, nie, niemals wieder Schmerz oder Schwäche würde erleben müssen.

Mit einem Ruck kehrte ich in die Gegenwart zurück, taumelte, als ein eisiger Stoß mich an der Brust traf. Ich wankte, gewann mein Gleichgewicht wieder, aber meine Sicht blieb angesichts der viel zu wirklichen Erinnerung verschwommen. Neben meinem Ohr, dort, wo der Minax mich gezeichnet hatte, brannte meine Haut, und ich schrie auf.

»Ruby!«

Zwei Hände legten sich auf meine Schultern. Ich unterdrückte den Impuls, sie abzuschütteln und wegzulaufen.

Arcus’ Stimme drang tief und ruhig an mein Ohr, wollte mich besänftigen, aber der Schmerz darin war nicht zu überhören. »Atme ruhiger. Es geht vorbei.«

Es ist nicht wirklich es ist nicht wirklich es ist nicht wirklich.

Mein Herz schlug mir wie mit Fäusten gegen den Brustkorb. Etwas schnürte mir die Kehle zu. »Ich kriege keine Luft.«

Arcus schob eine Hand mit sanftem Druck zu meinem Brustbein, die abgespreizten Finger ruhten an meinem Hals. »Langsam und ruhig … Alles ist gut. Ich bin hier. Du bist in Sicherheit.«

Mit jeder Sekunde ließen die sanften Worte und seine Berührung meine Furcht ein Stück mehr schwinden. Ich blinzelte, bis ich den Schlossgarten sehen und den Duft der Rosen und der Silberkerzensträucher wieder wahrnehmen konnte. Kegelförmige Eiben standen rings um die große Lichtung Wache, dahinter beugten sich die höheren Ahornbäume und Birken über die immergrünen Büsche wie noble Herren über die Hand edler Damen. Die Wärme des spätsommerlichen Sonnenuntergangs beruhigte mich, ebenso wie das gelegentliche Rauschen der Blätter, die von der Hand von Cirrus, dem Westwind, gestreift wurden.

Ich wandte den Kopf und versank in Arcus’ eisblauen Augen. Seine Brauen waren sorgenvoll hochgezogen. Arcus’ Gesicht war bleich. Ich fuhr ihm mit einer zitternden Hand über die kalte Wange und lächelte, weil er nicht zusammenfuhr, als ich mit den Fingerspitzen seine Narben berührte.

»Deine Schübe häufen sich«, sagte er.

Als ich mit den Schultern zuckte, löste sich seine Hand, die immer noch an meinem Hals gelegen hatte, und rutschte zur Wölbung meiner Brust hinunter. Offenbar bemerkten wir das beide zugleich, denn ich spürte, wie ich errötete, und Arcus senkte hastig den Blick und ließ seine Hand zu meinem Oberarm wandern.

Es gab immer noch unausgesprochene Grenzen, die wir nicht überschritten, und ich war mir nicht sicher, ob dies an Arcus’ Selbstbeherrschung lag oder an der Tatsache, dass es nur selten Zeiten gab, in denen wir allein waren, und wir allzu oft gestört wurden.

»Habt ihr inzwischen etwas Neues über den Fluch herausgefunden?«, fragte er.

»Noch nicht.« Bruder Thistle und ich hatten viele Stunden damit zugebracht, in der Palastbibliothek nach Informationen über den Minax zu suchen, das Schattenwesen, das von Eurus, dem Gott des Ostwinds, in den Eisthron eingesperrt worden war. Eurus’ Fluch korrumpierte jeden Herrscher, der den Thron bestieg, stachelte ihn zu Krieg und Tyrannei auf, was den Fluch nur noch weiter befeuerte. Je mehr Gewalt und Tod, desto mehr erstarkte seine Macht.

Der Minax hatte in Arcus’ jüngerem Bruder Rasmus ein leichtes Opfer gefunden, in einem jungen Mann, der zu viel Wut und Angst in sich trug, um gegen den Fluch anzukämpfen. Unter dem Einfluss der verlockenden Versprechungen und der rauschhaften Befreiung von Furcht und Schmerz hatte König Rasmus seine Soldaten ausgeschickt, um Firebloods zu jagen und zu töten, und so hatten viele der Meinen bei Überfällen und Plünderungen ihr Leben verloren. Die Stärksten allerdings wurden in die Hauptstadt Forsia verschleppt, wo sie in der Arena des Königs kämpfen und sterben mussten. Soweit ich wusste, war ich die einzige Fireblood im ganzen Reich, die überlebt hatte, und mithilfe von Arcus und Bruder Thistle war es mir gelungen, den Thron zu schmelzen. Wir hatten angenommen, auch der Fluch würde damit gebrochen sein.

Aber wir hatten uns getäuscht.

Und nun taten Bruder Thistle und ich unser Bestes, meinen Visionen ein Ende zu bereiten, und damit auch dem Minax selbst.

Gedankenverloren rieb ich mir über die Narbe an meinem kleinen Finger. Sie kribbelte, wenn ich aufgebracht war, eine ständige Erinnerung an meine Zeit in der Frostblood-Arena und an das, was ich hatte tun müssen, um Arcus zu helfen, seinen rechtmäßigen Platz auf dem Thron einzunehmen. Aber jetzt, da der Minax immer noch frei umherwanderte, sich fremder Körper bemächtigte und darauf wartete, dass seine Zeit kam, begann ich mich zu fragen, ob ich durch die Zerstörung des Throns nicht mehr Schaden als Nutzen verursacht hatte.

Arcus beobachtete mich eine Minute lang, dann nahm er meine Hand und zog mich durch eine kaum sichtbare Lücke in der grünen Hecke auf einen sich windenden Pfad. »Ich möchte dir etwas zeigen. Schließ die Augen!«

Ich ließ mich von ihm führen. Der Boden unter meinen Füßen war mit Steinplatten und weichen Kiefernnadeln bedeckt, dann plötzlich wechselte er zu Kies, der unter unseren Stiefeln knirschte.

»Da sind wir. Du kannst die Augen wieder aufmachen.«

Er hielt meine Hand weiter fest, als ich die Augen aufschlug. Wir standen inmitten eines kleinen Urwalds aus Blumen, Büschen und klein gewachsenen Bäumen.

»Es ist alles weiß!«, keuchte ich erstaunt und näherte mich einem großen Kübel, in dem eine üppige Pflanze mit alabasterweißen Stängeln im blitzenden Sonnenlicht ihre Blütenpracht entfaltete. Ich strich über ein Blütenblatt, und die Kälte biss mir in den Finger. »Die sind ja aus Eis!«

Arcus stellte sich hinter mich, seine Brust streifte nur leicht meinen Rücken, und seine Hand berührte meine, als er die Blüte umfasste, die ich bewundert hatte. »Gefallen sie dir?«

Wie weiße Hobelspäne wölbten sich Blütenblätter über sanft gebogenen Stängeln, Stauden mit delikat durchbrochenen Rändern wie gehäkelte Spitze hoben die Köpfe aus dem Beet. Hohe, fedrige Farnwedel thronten über dichten Eisrosentrauben wie Eltern, die über einem Bett schlafender Kinder wachen. Winzige Bäumchen mit durchscheinendem Stamm, deren Rinde von einer frostigen Holzmaserung verziert war, trugen stolz ihre flachen, geäderten Blätter und pfirsichförmigen Früchte zur Schau. Eiskristalle hingen wie gefrorene Tränen von jedem Ast und jedem Zweig und schlugen leise klimpernd als verdrillte, feengleiche Gestalten in der morgendlichen Brise aneinander.

»Wunderschön«, hauchte ich. Seine Augen funkelten erfreut.

»Ich hatte gehofft, dass es dir gefallen würde«, sagte er weich. »Auch wenn es nicht gerade das naheliegendste Geschenk an eine Fireblood ist.«

In seiner Stimme schwang Verletzlichkeit mit, und ganz plötzlich wurde mir klar, warum. »Das hast du erschaffen?« Ehrfürchtig ließ ich den Blick noch einmal durch den Garten wandern, über das Meer der im Wind schwankenden Blumen, die sorgsam gestutzten Sträucher, die ranken Baumstämme und die gebogene, fast anderthalb Meter hohe Eismauer, die alles umgab. »Du ganz allein?«

Er nickte, auf den Lippen ein spitzbübisches Lächeln. »Es treibt Fürst Usthatius zur Verzweiflung, mich hier anzutreffen statt im Ratssaal. Aber ich habe ihm erklärt, dass mir das beim Nachdenken hilft.«

»Hilft es wirklich?«

»Ja. Es hilft mir, an dich zu denken.«

Seine Zärtlichkeit schmolz die letzte Anspannung in meinem Körper. Er schlang die Arme um mich, ich legte ihm meine um den Nacken, und unsere Lippen trafen sich vorsichtig und zart, als bestünden wir selbst aus demselben dünnen Eis wie die frostigen Blüten, das zerbrechen könnte, wenn wir uns zu fest aneinanderpressten.

Meine Fireblood-Haut wärmte seine, die bestürzende Kälte seiner Lippen kühlte meine auf eine angenehme Temperatur. Sein Kuss war weich und forschend, seine frisch rasierten Wangen seidenweich, der Geruch nach Seife von einem Hauch seines Körperdufts betont, den ich berauschender und schöner fand als jeden noch so betörenden Wildblumenstrauß.

Lange verloren wir uns in dem Gefühl, beieinander zu sein, ließen uns von der seltsamen Musik umfangen, die der Eisgarten um uns herum erzeugte. Arcus strich mir mit einer Hand über die Wange, mit der anderen zog er mich fester, fordernder an sich. Er schmeckte nach dem Minztee, den er jeden Morgen trank, und sein Haar fühlte sich unter meinen Fingern dicht und samtig weich an. Wie ein Garn von einer Spule, die über den Boden rollt, löste sich meine Selbstbeherrschung. Hitze entströmte meinem Körper, sodass aus den Bäumen über uns kleine Tropfen Schmelzwasser auf unsere Wangen herabfielen. Arcus lächelte und strich mir die Tröpfchen von Augenbrauen und Nase.

Ich trat gerade weit genug von ihm zurück, um ihm in die Augen sehen zu können. »Ich wäre schon mit einer einzigen Blume glücklich gewesen.«

»Eine einzige Blume wäre doch innerhalb von ein, zwei Stunden geschmolzen«, sagte er, und seine Stimme war heiserer als sonst.

Ich zog eine Braue hoch. »Denkst du wirklich, sie hätte eine ganze Stunde in meiner Hand überlebt?«

Er grinste, bevor er mich noch einmal küsste, die Arme eng um meine Taille gelegt. »Ich weiß, dass du manchmal aus dem Schloss rausmusst, und ich wollte dir etwas schenken, was dich daran erinnert, dass Eis nicht immer hart und gnadenlos sein muss. Es kann auch zart und einladend und formbar sein, es kann sich in vielerlei Gestalt zeigen, schmelzen und beim nächsten Mal in neuer Form wieder erkalten.«

Beim Klang seiner fürsorglichen Worte wurde mir warm ums Herz. Ja, es stimmte, nur zu gern wäre ich von Zeit zu Zeit dem königlichen Hof entflohen. Immer wenn der neue König nicht zugegen war, starrten die Höflinge mich an und machten sich ungeniert über mich lustig, stellten seine Entscheidung, eine »wilde Fireblood« in den Palast zu holen, unverhohlen infrage. Ich fürchtete, ich könnte für Arcus zur Belastung werden, denn er stand vor der großen Aufgabe, die neuen Mitglieder des Hofs, die ihn während der Rebellion unterstützt hatten, mit den etablierten Höflingen zu versöhnen, die seinerzeit König Rasmus nahegestanden hatten. Dass der neue König nun eine Fireblood nicht nur tolerierte und begünstigte, sondern vielleicht sogar in sie verliebt war, ging dabei so manchem zu weit.

Aber Arcus’ Worte erinnerten mich daran, dass er nicht wie sein Hofstaat war, dass er bereit war, sich mir anzupassen, wenn ich das brauchte, dass er mich so annahm, wie ich war, selbst wenn niemand anders es tat. Und das rührte mich mehr, als ich hätte sagen können. Ich wünschte, ich hätte die richtigen Worte finden können, um es auszudrücken, aber in letzter Zeit schien mir das immer schwerer zu fallen.

Gefühle für ihn zu haben war einfach. Doch diese Gefühle in Worte zu kleiden, wurde zunehmend schwierig für mich.

Arcus schaute mir in die Augen und lächelte, und er sah dabei so umwerfend und männlich aus, dass mein Herz raste. Immer wenn er lächelte, wurde sein strenges Gesicht strahlend schön. Ich schlang die Arme um seinen Nacken, spielte mit seinem Haar. Er zog mich an sich, seine Lippen streiften meine Wange und wanderten dann tiefer zur pulsierenden Halsschlagader.

Ein lautes Husten durchbrach die Stille. Ich zuckte zurück, doch Arcus presste den Mund weiter auf meinen Hals und ließ mich erst los, als ich die Hände gegen seinen Brustkorb stemmte. Er drückte mir einen letzten Kuss auf die Wange und drehte sich dann langsam um, die Arme immer noch um meine Taille geschlungen.

»Fürst Usthatius, Euer Timing ist mit Abstand schlechter als bei jedem anderen Menschen, den ich kenne. Was auch immer Euer Begehr sein mag, ich bin sicher, es hat Zeit.«

Er wollte sich wieder zu mir umdrehen, doch der Berater hüstelte mit säuerlichem Gesicht noch einmal und schaffte es tatsächlich, in dieses Hüsteln sowohl eine Entschuldigung als auch Missbilligung zu legen. »Ich fürchte, es hat keineswegs Zeit, Majestät. Es handelt sich um eine dringliche Angelegenheit.«

Arcus seufzte frustriert, und sein Blick umwölkte sich. »Wie viele dringliche Angelegenheiten denn noch …?«

»Sehr viele«, erwiderte Fürst Usthatius mit Augen, so grau schimmernd wie eine Gewitterwolke – ein klares Zeichen dafür, dass er gleich zu einer seiner nur allzu vertrauten Strafpredigten ansetzen würde. »Wenn man ganze Armeen nach Hause beordert, diplomatische Gespräche mit den Nachbarländern führt, die Herzen des Volkes für sich zu gewinnen versucht, und all dies gleichzeitig, dann ist es nun einmal so, dass man von allen Seiten gefordert wird. Hingabe. Opfer. Selbstlosigkeit. All dies wird von Euch erwartet, wenn Eure ehrgeizigen Pläne eine Chance haben sollen, in Erfüllung …«

»In Erfüllung zu gehen, ich weiß«, unterbrach ihn Arcus. »Ja, mein geschätzter Ratgeber, Ihr habt mir diese Lektion so tief in den Kopf gehämmert, dass ich die Worte selbst nachts im Schlaf noch höre. Allerdings brauche auch ich ab und zu ein bisschen frische Luft, um nicht völlig verrückt zu werden. Die Wahrnehmung dieses Bedürfnisses werdet Ihr mir doch sicherlich gönnen, nicht wahr?«

»Wenn Ihr das Bedürfnis nennen wollt, Majestät …«

Ich spürte, wie meine Wangen zu glühen anfingen.

Arcus drückte besänftigend meine Hand. »Worin besteht die Krise denn diesmal?«

»Ein Botschafter aus Safra ist soeben eingetroffen, und er besteht darauf, seine Nachricht ausschließlich Eurer Majestät persönlich zu überbringen. Außerdem habe ich eine Krisensitzung des Rates einberufen, um zu besprechen, wie die Verwundeten versorgt werden sollen, die aus den Kriegen heimkehren. Die Zahl der Flüchtlinge, die nach Forsia kommen, wird täglich höher, und wir müssen den steigenden Bedarf an medizinischer Versorgung und Unterkünften decken.«

Mit jedem Wort schienen sich immer mehr Gewichte auf Arcus’ Schultern herabzusenken. Mit einem tiefen Seufzer wandte er sich mir zu.

»Es tut mir leid«, sagte er leise.

Ich schüttelte den Kopf. »Du wirst gebraucht. Ich bin froh, dass ich dich überhaupt sehen konnte.«

Als er die Lippen aufeinanderpresste, kräuselte sich die Narbe an seiner Oberlippe. »Ich wünschte, das wäre alles nicht so kompliziert. Wollen wir uns morgen zur Abenddämmerung wieder treffen?«

»Gern, wenn du es einrichten kannst.«

»Auf jeden Fall.« Er betrachtete mich eingehend. »Bist du sicher, dass alles in Ordnung ist?«

»Natürlich. Keine Visionen mehr.«

Er erwiderte mein Lächeln, aber seine Augen wirkten ernst. Ein letztes Mal drückte er meine Hand, dann machte er sich auf den Weg zum Schloss. Fürst Usthatius wollte ihm folgen, blieb jedoch stehen und drehte sich zu mir um.

»Was ist?«, fragte ich. Immer noch fühlte ich mich verletzlich und ungeschützt – sowohl vor der lebhaften Erinnerung an die Flucht des Minax aus dem Thron als auch vor Arcus’ Küssen. Ich holte tief Luft, um mich zu beruhigen, um meine Hitze unter Kontrolle zu halten, die angestiegen war, wie immer wenn starke Gefühle mich erfassten.

Trotz seines Argwohns mir gegenüber klang Fürst Usthatius’ Stimme ganz ruhig. »Ihr tut ihm keinen Gefallen, indem Ihr ihn von seinen Pflichten als König ablenkt.«

»Ich zwinge ihn nicht, Zeit mit mir zu verbringen.«

»Aber Ihr ermutigt ihn dazu. Vielleicht solltet Ihr bedenken, welches Ziel er zu erreichen sucht. Für ihn und das Königreich wäre es besser und unkomplizierter, wenn Ihr nicht hier wärt.«

Seine schonungslose Offenheit ließ mich überrascht verstummen. Doch dann fand ich meine Stimme wieder. »Ihr findet also, ich sollte den Hof verlassen? Um Tempesiens willen?«

»Und um des Königs willen. Er führt hier jetzt ein neues Leben, und seine Zuneigung zu Euch bringt ihm beim Hofstaat keine Wertschätzung ein, im Gegenteil.«

Es war, als hielte er mein wundes Herz in seiner Hand und richtete einen Pfeil darauf. »Dass der Hofstaat dem König zu wenig Wertschätzung entgegenbringt, ist mir durchaus bewusst.«

Fürst Usthatius’ Ausdruck wurde weicher, fast als würde er mich bemitleiden, was sich noch schlimmer anfühlte als sein Tadel. »Lasst ihn in die Zukunft blicken. Lasst ihn selbst wählen, was für ihn das Beste ist, dann kann er in die Rolle des Königs hineinwachsen, der er sein sollte.«

»Und mit ›das Beste‹ meint Ihr Eure Tochter, nehme ich an?«

Er schob kaum merklich das Kinn vor. »Lady Marellas Tugenden und Fähigkeiten werden Euch sicher nicht entgangen sein. Jeder Mann, der ihre Hand bekäme, könnte sich glücklich schätzen, ganz besonders ein König, der darauf angewiesen ist, am Hof starke Verbündete zu haben.«

Ich senkte den Blick und versuchte die Eifersucht abzuschütteln, die mir die Kehle zuschnürte. Das Schlimmste war: Fürst Usthatius hatte recht. Marella war eine Frostblood von edlem Geblüt, selbstsicher, klug und bezaubernd, die perfekte Gefährtin, die Arcus den Weg als König auf die unterschiedlichste Weise ebnen konnte. Ich hingegen war eine dahergelaufene schlichte Fireblood, das Herz voller Flammen und das perfekte Ziel für das Misstrauen des gesamten tempesischen Volkes. Ich hätte nicht einmal dann eine schlechtere Partie für den Frostkönig abgeben können, wenn mich ein übel gesinnter Gott als sein komplettes Gegenteil erschaffen hätte.

»Ich sage dies alles nicht, um Euch zu kränken«, fuhr Fürst Usthatius fort. »Ich weiß, dass Ihr es versteht. Es ist nicht gut, die Wahrheit zu leugnen.«

»Die Wahrheit ist«, konterte ich, »dass ich meine Entscheidungen nicht davon abhängig mache, was der Hofstaat wünscht. Ich werde hier bleiben, solange König Arkanus mich hier haben möchte.« Ich hob das Kinn und zwang mich, seinem kalten, brennenden Blick standzuhalten.

»Dann möge das Glück Euch hold sein, Miss Otrera«, sagte er schließlich, und sein Tonfall ließ keinen Zweifel daran, dass er mich für ein dummes Kind hielt. »Ich fürchte nur, Ihr klettert viel höher, als Euch zugedacht gewesen wäre. Genau wie Pragera, der einst versuchte, Mount Tempus zu besteigen, um den Hort der Götter zu erreichen, und als Strafe für diese Anmaßung dazu verdammt wurde, bis in alle Ewigkeit ins Bodenlose zu stürzen.«

»In der Fireblood-Version der Legende«, wandte ich ein, »erbarmt sich Cirrus seiner und schenkt ihm Flügel, während er fällt.«

»Dann wollen wir hoffen, dass Eure Version die richtige ist. Ihr wandelt näher am Abgrund, als Ihr wohl denkt.«

*

»Wieder ein Festmahl am Hof, Mylady?«, fragte Doreena, während sie mir das Kleid – ein überladenes, hochtailliertes Ding aus ockerfarbener Seide – im Rücken zuknöpfte.

»Ja, ich freue mich auch schon sehr«, erwiderte ich und gab mir Mühe, nicht zu viel herumzuzappeln. »Arcus ist offenbar der Ansicht, je öfter er mich dem Hofstaat vor die Nase setzt, desto eher schließt man mich ins Herz. Klar, je öfter man in Pferdeäpfel tritt, desto mehr liebt man Pferde, nicht wahr?«

Doreena lachte auf ihre leise, verhaltene Art. »Habt Ihr bei Lady Marella Unterricht in Sarkasmus genommen?«

»Ich denke, das ist das einzige Fach, in dem ich keine Nachhilfe von ihr brauche.«

Doreena lächelte mich an. »Also, Ihr seid eindeutig weder ein Pferd noch seine …« Sie räusperte sich, um den Rest des Satzes nicht aussprechen zu müssen, was mich einmal mehr daran erinnerte, dass sie wesentlich kultivierter war, als ich es je sein würde. »Ihr seid so bezaubernd, dass man Euch sehr schnell ins Herz schließt, Mylady. Und bevor Ihr protestiert – ja, Ihr seid eine Lady. Schon allein, weil der König Euch so nennt. Ihr tragt teure Kleider und habt ein wunderschönes Gemach. Erst wenn Ihr Euren Platz akzeptiert, wird der Hofstaat Euch akzeptieren.«

Als wäre das so einfach … Aber in Bezug auf mein Zimmer hatte sie durchaus recht. Rote Brokatvorhänge machten aus meinem Himmelbett einen gemütlichen Kokon. Durch ein Bogenfenster mit Fensterkreuz, vor dem eine einladende Bank stand, konnte ich in den Garten mit seinen üppig wuchernden und in Form geschnittenen Hecken hinaussehen. Ein dick gepolsterter Ohrensessel schmiegte sich zwischen den Kamin und ein mit Büchern beladenes Mahagoniregal. Der Raum lag in dem Flügel, der von der königlichen Familie bewohnt wurde, und Arcus hatte ihn für mich ausgesucht. Er tat sein Bestes, es mir hier, an einem Ort weit weg von meinem Zuhause, so bequem wie möglich zu machen.

Und was genau war eigentlich mein Zuhause? Auch wenn die Menschen jetzt, wo die Jagd auf die Firebloods zu Ende war, inzwischen in mein Dorf zurückgekehrt waren – ohne meine Mutter würde es dennoch nie wieder dasselbe sein.

Wie ein Messer durchbohrte mich die Trauer. Meine Mutter war bei dem Versuch gestorben, mich vor den Soldaten des Frostkönigs zu beschützen, vor dem Hauptmann, der sie getötet und danach unser Dorf niedergebrannt hatte. Wäre sie jetzt hier, hätte sie mir sicherlich geraten, zu versuchen mich anzupassen, den Menschen ihre Vorurteile nachzusehen, die Hitze zu verbergen, die ihnen allen solch eine Angst einjagte. Aber genau das hatte ich während der letzten Wochen versucht.

Ich zupfte an der duftigen Spitze, die über meine Handgelenke herabhing, verbarg meinen Schmerz hinter kleinkarierten Nörgeleien. »Könntest du bitte der Schneiderin sagen, dass ich an Ärmeln und Kragen weniger Spitze möchte? Marellas Kleider werden immer schlicht geschneidert, aber bei mir scheint die Frau zu glauben, ich sollte in den Dingern aussehen, als wäre ich zu jung, um mir mein Essen selbst zu schneiden.«

Doreena ließ den Blick über mich wandern. »Ihr seht wunderhübsch aus, Mylady. Ihr seid vielleicht nur aufgeregt.«

Ich unterdrückte den Drang, mit ihr zu streiten. Jetzt wo sie ganz offiziell meine Kammerzofe war, war ich froh, dass sie mir vertraute und endlich freier sagte, was sie dachte. Außerdem hatte sie recht. Ich war wirklich aufgeregt.

»Ich hasse es, diesen versnobten Adeligen begegnen zu müssen. Sie starren mich an, als könnte ich jede Sekunde in Flammen aufgehen. Gestern Abend hat Lady Blanding mir Wein übers Kleid geschüttet und mir dabei geradewegs in die Augen gesehen! Am liebsten hätte ich ihre Haare in Brand gesteckt.«

Doreena stellte sich vor mich und musterte mich ernsthaft aus ihren braunen Eulenaugen. Immer noch wirkte sie wie ein Lebewesen aus dem Wald, schreckhaft und bereit, bei der geringsten Bewegung davonzuhuschen. Aber sie war die Erste gewesen, die sich mir gegenüber hier freundlich verhalten hatte, was angesichts der Tatsache, dass damals noch König Rasmus regierte, durchaus als sehr mutig gelten konnte.

»Ihr dürft nicht zulassen, dass Euer Temperament mit Euch durchgeht«, riet sie mir, und das nicht zum ersten Mal. »Denn dann lauft Ihr Gefahr, die Kontrolle über Eure Gabe zu verlieren. Und genau darauf lauern sie, um zu beweisen, dass Firebloods gefährlich und für den Hof untragbar sind. Sie wollen, dass der König Euch so sieht, wie sie Euch sehen: als Bedrohung.«

Bis zu einem gewissen Grad verstand ich sogar, warum sie mir gegenüber so feindselig waren. Nach mehreren Jahrhunderten der Kriege und gebrochenen Abkommen hatten Firebloods und Frostbloods nichts als tiefes Misstrauen füreinander übrig. Ich betrachtete meine Hände, klein und sonnengegerbt und harmlos wirkend, aber mit der Fähigkeit ausgestattet, ein ganzes Bataillon auszumerzen, wenn ich es wollte. Kein Wunder, dass ich am Hof gefürchtet war. Manchmal hatte ich sogar Angst vor mir selbst.

Ich sah in Doreenas bittendes Gesicht. »Es ist schwer, zu lächeln und so zu tun, als würde ich ihre Beleidigungen nicht hören.«

»Ihr müsst auch nicht lächeln. Sie einfach nur nicht in Brand stecken, das reicht.«

Ich brummte wenig überzeugt. »Das kann ich nicht garantieren.«

*

Auf dem Weg zum Speisesaal streifte mich eisige Zugluft, die aus der offenen Tür des ehemaligen Thronsaals strömte, und sofort bekam ich eine Gänsehaut. In den Wochen, seit ich den Thron geschmolzen hatte, hatte ich diesen Raum nicht mehr betreten, aber heute zog seine beklemmende Leere mich an, die gespenstische Stille, in der die Staubflocken im Zwielicht träge umherwirbelten. Bei Sonnenaufgang erstrahlten die Mosaikfliesen in grellen Farben, jetzt hingegen sah alles wie zu Grau verwaschen aus, muffig und verlassen.

Arcus benutzte diesen Raum nicht mehr als Thronsaal – er beherbergte das Echo von zu vielen entsetzlichen Erinnerungen. Stattdessen hatte er seinen schlichten, bescheidenen kantigen Eisthron in einem Empfangszimmer im Erdgeschoss platziert.

Meine weich besohlten Schuhe machten kein Geräusch, als ich mich der Stelle näherte, wo jahrhundertelang der massige Frostthron gestanden hatte.

Der Legende zufolge – oder der Geschichte, wenn man daran glaubte, dass die Überlieferungen wahr waren – war der Thron von Fors, dem Gott des Nordwinds, höchstselbst in Eis gehauen worden. Die Frostbloods einfach nur zu erschaffen hatte ihm nicht gereicht, er hatte ihnen auch einen riesigen Eisthron beschert, der die Macht ihrer Herrscher stärken sollte. Ein ausgesprochen hilfreiches Geschenk, wenn man bedachte, wie häufig zwischen den Frostbloods und den Firebloods Kriege aufflammten.

Um Fors nicht nachzustehen, hatte seine Zwillingsschwester Sud, Göttin des Südwinds, einen Thron aus Lava geformt, um ihren Fireblood-Herrschern mehr Macht zu verleihen.

Und auch ihr Bruder Eurus, Gott des Ostwinds, hatte versucht, seine eigene Menschenrasse zu erschaffen, doch er war gescheitert und hatte stattdessen nur gefräßige Schattenwesen zustande gebracht, die Frostbloods und Firebloods gleichermaßen töteten. Also hatte sich auch die weise und friedliebende Cirrus, Göttin des Westwinds, schließlich eingemischt und die Tausende von schattenartigen Minaxe an einen unterirdischen Ort namens Obscurum verbannt, eingekerkert hinter einem Tor des Lichts, das kein Sterblicher aufbrechen konnte. Und Neb, die Mutter der vier Geschwister, hatte verfügt, dass keins ihrer Kinder sich je wieder um die Belange der Sterblichen kümmern sollte, was bedeutete, dass das Tor des Lichts für alle Zeit verschlossen bleiben würde.

Doch Eurus, verschlagen, wie er war, hatte zwei seiner Minaxe vor der Verbannung gerettet und jeweils einen im Thron der Firebloods und der Frostbloods versteckt. Jeder Minax verfügte über die Macht, sich der Menschen zu bemächtigen, Könige und Königinnen zu Hass und Feindseligkeit aufzustacheln. Sie provozierten damit Kriege und Aufruhr und schickte unzählige Firebloods und Frostbloods in den Tod.

Nun war der Thron von Fors vernichtet, nachdem er jahrhundertelang die Vorherrschaft der Frostbloods gesichert hatte. An der Stelle, wo er gestanden hatte, erinnerte nur noch ein dunkler, nie wieder zu entfernender Fleck an ihn, ein rundes, schwarz glänzendes Mal. Darüber hinaus gab es noch die Narbe an meinem linken Ohr, die von der Wunde herrührte, die der Minax mir in ebendiesem Raum zugefügt hatte, gleich nachdem er aus dem geschmolzenen Thron entkommen war.

Ich strich mit den Fingern über die herzförmige Narbe.

Und sofort tauchte ich wieder tief in eine finstere Vision ein.

Ich stehe in einem höhlenartigen Raum mit schwarzen Steinsäulen, die sich hoch in die Finsternis recken. Ich bewege mich über den Boden, nicht gehend, sondern gleitend, es ist wie ein heiseres Verströmen, als bestünde ich aus Luft. Mit quälender Langsamkeit zeichnet sich ein schwerer schwarzer Umriss ab, schält sich als zerzaustes asymmetrisches Viereck aus der Nacht heraus.

Es ist ein Thron – groß genug, um zehn Männern Platz zu bieten, und doch sitzt nur eine einzige schmale Gestalt darauf, deren Füße weit über dem Boden baumeln. Grünliches Licht bricht sich in der Onyxkrone, deren Zacken spitz und knorrig sind wie ein verdrilltes, verwobenes Geweih, das sich zwei Handbreit hoch in die Luft streckt. Die Gestalt hält den Kopf leicht gebeugt, als wäre die Krone zu schwer für ihren zarten Hals. Als sie die Lider hebt, leuchten gelbe Augen auf, die mich dort festhalten, wo ich mich befinde, mehrere Meter von ihr entfernt. Ich kippe im undeutlichen Versuch einer Verbeugung nach vorn, dann richte ich mich wieder auf.

»Komm näher«, sagt die Gestalt. Die sanfte Stimme einer Frau.

Nur zu willfährig gehorche ich ihr und sehne mich danach, unter ihre Haut zu kriechen, um ihre Macht zu spüren.

»Hast du den Stein?«, fragt sie.

Ich reiche ihn ihr. Als sie ihn empfängt, erglüht ein Feuerschein um ihn herum und erleuchtet den Raum. Ein triumphierendes Lächeln umspielt ihre Mundwinkel, und der Anblick spült Glückseligkeit in mein Herz.

»Gut gemacht«, sagt sie. »Dafür sollst du entlohnt werden.«

Sie winkt mich näher heran, und Freude erfüllt jeden meiner Gedanken.

Während ich in ihre Finger hineinsickere, sehe ich zu ihrem Gesicht hoch. Tintendunkle Haarsträhnen kleben ihr an Wangen und Kinn.

Plötzlich war ich wieder zurück im Thronsaal und rang um den nächsten Atemzug. Schmerz pochte in meinen Handflächen. Ich bog die Fäuste auf – meine Fingernägel hatten mir zornige rote Halbmonde in die Haut gestanzt.

Ich rieb mir mit den Händen übers Gesicht, versuchte das Entsetzen über das Wiedererkennen wegzuwischen.

Denn als ich mich auf die Königin mit der knorrigen schwarzen Krone zubewegt hatte, war ihr Gesicht mein eigenes gewesen.