Für meine Tochter

Kapitel 1 Einsendeschluss mit Gedicht, ein bisschen blinde Kuh und unzuverlässige Knochen

»Hier sind noch mehr! Gerade noch rechtzeitig zum Einsendeschluss!«, ruft Mama.

Sie hält einen Briefumschlag hoch, den sie dann feierlich auf den Küchentisch legt. Mittlerweile ist dort schon ein richtiger kleiner Briefumschlaghaufen entstanden.

Mamas Locken stehen in alle Himmelsrichtungen ab und ihre Wangen sind ganz rot. Ob vor Aufregung oder vom kalten Wetter draußen, weiß ich nicht. Wahrscheinlich von beidem.

»Das war eine super Idee mit dem Preisausschreiben!«, plappert sie auch schon aufgeregt weiter und guckt dabei mich und Sara abwechselnd an. »Das ist die beste Werbung für unseren Turm!«

Mama hat sich im Sommer ihren Traum erfüllt: ein Gästezimmer für Ferien- und Wochenendgäste bei uns im Leuchtturm. Und zwar im alten Leuchtturmwärter-Kojenzimmer.

Und vor ein paar Wochen hatten wir die Idee, ein exklusives Wochenende in unserem Turm zu verlosen. Denn der Sommer ist längst vorbei und die Besucher bei uns an der Küste werden langsam weniger.

»Und wie entscheiden wir, was das lustigste Fischgedicht ist?«, erkundige ich mich.

Denn das war die Aufgabe im Preisausschreiben gewesen: ein lustiges Fischgedicht schreiben.

Eddie, der wie Sara direkt nach der Schule mit mir nach Hause gekommen ist, schnappt sich einen Umschlag, macht ihn auf und liest vor: »Der Oktopus, der Oktopus, der aß den Kuchen mit Genuss und murmelte ganz träumerisch: ›Der schmeckt ja ganz verführerisch.‹«

Uroma lacht. »Das passt ja!« Und stellt ein großes Blech Pflaumenkuchen vor uns auf den Tisch.

Ganz so, als hätte er genau das geahnt, flitzt mein kleiner Bruder Linus in die Küche. »Kuchen!«, brüllt er dabei freudig und schiebt sich neben Eddie und Sara auf die Küchenbank.

Auch Sprotte, unser Findelhund, wird bei dem Wort Kuchen sofort wach und kommt unter dem Tisch hervorgekrochen. Dort befindet sich seit seinem ersten Tag bei uns im Leuchtturm sein Lieblingsplatz.

Ich nehme einen zweiten Umschlag vom Stapel. »Es war einmal ein Hecht«, lese ich, »der hielt sich für ’nen Specht. Doch als er auf dem Baume saß und eine dicke Raupe fraß, da wurde ihm ganz schlecht. Hier geht’s auch ums Essen«, stelle ich fest.

»Ist doch klar, warum!«, meint Eddie und lacht. »Reimen macht hungrig.«

»Wir ziehen einfach einen Umschlag«, antwortet Mama dann endlich auf meine Frage.

Sara nickt. »Das ist sowieso am gerechtesten.«

»Und wer darf ziehen?«, erkundige ich mich, den Mund voller Pflaumenkuchen.

»Ich natürlich!«, ruft Linus.

»Wieso ausgerechnet du?«, will ich wissen.

»Weil ich der Jüngste bin«, meint er.

»Oder soll die Älteste ziehen?«, fragt Uroma.

»Nein, der Hübscheste«, sagt Eddie und zeigt auf sich selber. Ich knuffe ihn grinsend in den Arm und deute dann auf Sara. »Die Schlauste sollte ziehen«, sage ich.

Aber Sara schüttelt den Kopf. »Nein, nein«, murmelt sie und wird ein bisschen rot. »Deine Mutter muss ziehen, sie ist doch die Gästezimmerchefin.«

Alle nicken, sogar Linus. Und Mama strahlt. Sie schnappt sich alle Briefumschläge, überlegt kurz und wirft sie dann hoch in die Luft.

Na ja, Briefe sind nun mal nicht federleicht und daher klatschen die Umschläge leider auch ziemlich unspektakulär wieder zu Boden. Trotzdem springt Sprotte auf, bellt freudig und flitzt begeistert durch die Küche.

»Sprotte!«, rufe ich. »Platz!« Aber Sprotte denkt nicht daran, sondern hüpft bellend weiter.

»Aus, Sprotte«, sagt Sara leise.

Sofort setzt der Hund sich vor sie hin, wedelt wild mit dem Schwanz und ich seufze. Auf mich hört das kleine Wollknäuel nie so gut. Denn obwohl er bei uns im Leuchtturm wohnt, ist er doch durch und durch Saras Hund.

»Und was nun?«, fragt Eddie.

Uroma lacht und sagt zu Mama: »Mach die Augen zu.« Dann legt sie ihr beide Hände auf die Schultern und dreht sie ein paarmal im Kreis.

»Was ist denn hier los?«, ertönt Lulas Stimme von der Küchentür. Da steht meine große Schwester und beobachtet uns mit hochgezogenen Augenbrauen.

»Wir ziehen jetzt den Gewinner unseres Preisausschreibens«, sage ich.

»Aha«, macht Lula nur und will schon wieder kehrtmachen, als sie den Kuchen entdeckt. In schwarz-weiß karierten Clogs mit einer riesigen Glitzerschleife vorne drauf kommt sie nun doch hereingepoltert, lässt sich am Küchentisch nieder und legt ihr nigelnagelneues Smartphone vor sich hin.

»Was soll ich jetzt machen?«, ruft da Mama, die immer noch mit geschlossenen Augen in der Mitte des Raums steht, die Arme weit vor sich ausgestreckt.

Lula stöhnt leise und zeigt uns allen einen Vogel, bevor sie sich ein Stück Kuchen schnappt.

»Lauf einfach los«, rufe ich Mama zu. »Mach ein paar Schritte, und der Umschlag, der dir dann am nächsten ist, hat gewonnen. Also nicht der Umschlag, sondern derjenige, der ihn geschickt hat.«

»Und ihr ruft Stopp«, lacht Mama und tänzelt nach rechts. Fast wäre sie gegen den Küchenschrank gestoßen, da wirbelt sie einmal im Kreis herum und tippelt ein paar Schrittchen nach links.

»Stopp!«, ruft der vor Ungeduld zappelnde Linus.

Mama reißt die Augen auf. Unter ihrem rechten Fuß liegt ein blauer Umschlag. »Das ist wohl der, der mir am nächsten ist, oder?«, fragt Mama in die Runde und alle nicken. Nur Lula nicht, die verdreht die Augen, ohne vom kleinen Bildschirm aufzuschauen.

Mama hebt den Umschlag hoch, öffnet ihn vorsichtig und liest:

»Tief unten auf dem Meeresgrund, da lebte eine Flunder.

Die fraß und fraß und fraß und fraß und wurde immer runder.

Und weil die Hose nicht mehr saß, trug sie fortan Pullunder.«

»Ich sag’s ja«, rufe ich. »Die denken alle nur ans Essen!«

»Wer hat denn jetzt gewonnen?«, will Linus wissen.

»Eine Familie Zankel«, antwortet Mama. »Mehr steht hier nicht. Nur noch eine Telefonnummer. Ich rufe gleich mal an.« Mit diesen Worten verschwindet sie aus der Küche.

Und ich bemerke, dass der Pflaumenkuchen auch schon so gut wie verschwunden ist. Ich will mir gerade eins der letzten Stückchen schnappen, als Uroma sagt: »Lass deinem Vater etwas übrig.«

Kaum hat sie das gesagt, weht Papa herein.

»Juhu, Papa ist da!«, brüllt Linus und springt ihm in die Arme wie jeden Nachmittag, wenn Papa von der Arbeit kommt. Papa gibt ihm einen Kuss, zwinkert mir zu und lächelt dann alle an.

Er sieht aus wie immer, trotzdem fragt Uroma: »Ist etwas passiert?« Typisch Uroma. Manchmal habe ich das Gefühl, sie kann hellsehen. Oder Gedanken lesen. Oder zumindest Stimmungen und Launen erahnen.

»Die Deichdorfer Küstenwache hat eben gerade eine Unwetterwarnung durchgegeben«, antwortet Papa.

Wie auf Knopfdruck schauen wir alle gleichzeitig zum Fenster. Es ist zwar schon ein bisschen dunkel draußen und der Himmel bedeckt. Das Meer sieht daher fast schwarz aus. Aber es ist ruhig. Kein Lüftchen regt sich.

Eddie ist aufgestanden und blickt besorgt auf die See. Bestimmt denkt er an seinen Vater, der täglich mit dem Fischkutter hinausfährt.

»In meiner Wetter-App steht nichts von Sturm oder Unwetter«, meint Lula und hält ihr Smartphone in die Höhe.

»Die Meldung kam auch erst vor einer halben Stunde. Der Sprecher berichtete von einigen Segelbooten, die anscheinend von einer einzelnen großen, urplötzlich auftauchenden Welle erfasst wurden und beinahe kenterten.« Papa hebt ratlos die Schultern. Er redet selten so viel. Eigentlich sagt er immer nur dann etwas, wenn es wirklich wichtig ist. Deswegen kann das nur eins bedeuten: Er ist beunruhigt.

Eddie schüttelt den Kopf. »So was gibt es doch gar nicht: einzelne Wellen mitten auf dem Meer!«

Ich schaue Uroma fragend an: »Und was sagen deine Knochen?« Uroma kann jeden Wetterumschwung in ihren Gelenken spüren. Gewitter oder Stürme oder Hitzewellen – alles hat sie bisher vorausgesagt, mindestens ein bis zwei Tage vorher.

»Nichts«, antwortet Uroma. »Ich spüre nichts.« Sie guckt von mir zum Fenster und dann wieder zurück. »Das ist sehr ungewöhnlich«, fügt sie leise hinzu.

Das finde ich allerdings auch. Auf Uromas Knochen ist sonst immer Verlass.

Ich merke, wie Sara aufhorcht. Auch Eddie guckt zu mir rüber und steht auf. »Ich sollte nach Hause gehen und Papa helfen, die Seepocke sturmfest zu machen. Sicher ist sicher.«

»Ich fahre dich«, meint Papa. »Und dich auch.« Das sagt er zu Sara.

»Kann ich nicht hier schlafen?«, bittet Sara. »Ich habe meine Schulsachen ja sowieso schon dabei.«

»Von mir aus gerne«, erwidert Uroma. »Aber frag vorher deine Mutter, ja?«

»Sobald das Telefon wieder frei …«

Lula hält Sara großzügig ihr Handy hin. »Du darfst es gerne einmal benutzen.«

»Danke«, sagt Sara und zieht sich zum Telefonieren in die Ecke zurück.

Bevor Eddie mit Papa aus dem Turm verschwindet, wispere ich ihm zu: »Grüße Jorrit von mir!«

»Wenn ich ihn doch nur sehen könnte, diesen kleinen Klabautermann. Oder hören.« Eddie seufzt. Ich weiß auch, warum. Nur ich kann die magischen Meereswesen erkennen. Und Jorrit, der kleine Klabautermann, der seit einiger Zeit auf dem Fischkutter von Eddies Familie wohnt, ist für alle anderen Menschen unsichtbar. »Aber immerhin hat Jorrit mir gestern eine Nachricht hinterlassen«, sagt Eddie.

»Eine Nachricht? Erzähl!«

»Die Sitzfläche der Bank im Führerhäuschen war ziemlich dreckig. Da hat er ›Putzen‹ reingeschrieben! Direkt in den Schmutz.« Eddie verzieht das Gesicht. Ich weiß nicht, ob das ein Grinsen sein soll oder ob er einfach nur genervt guckt, wahrscheinlich weiß er es selbst nicht so genau.

Ich muss lachen.

»Mit Ausrufezeichen!«, fügt Eddie hinzu und grinst jetzt doch.

Ich klopfe meinem Freund auf die Schulter. »Jorrit wird auf euren Kutter aufpassen.«

»Schon klar«, erwidert Eddie. Ich merke, dass er noch mehr sagen will. Seitdem Eddie weiß, dass es die magischen Meereswesen wirklich gibt, will er alles über sie erfahren. Aber ich habe ja selbst nur Fragen über Fragen. Und viel zu wenige Antworten.

»Bis morgen«, sagt Eddie dann aber nur noch kurz, denn mein Vater wartet.

»Bis morgen«, erwidere ich.

»Ich darf bleiben«, sagt Sara, die neben mir auftaucht und Eddie ebenfalls noch schnell zuwinkt.

Uroma steht immer noch nachdenklich am Küchenfenster. Ich greife nach meiner Perle, die in einer kleinen Glasflasche um meinen Hals hängt. Die Perle sieht aus wie immer. Weiß-rosa.

»Sieht sie anders aus?«, frage ich Sara trotzdem und halte ihr die Perlenflasche ganz nah vors Gesicht. Denn immer, wenn ein Meereswesen in der Nähe ist, ändert die Perle ihre Farbe.

Aber Sara schüttelt den Kopf.

Trotzdem. Das gefällt mir alles gar nicht. Wenn Uroma nichts in den Knochen spürt, der Wetterbericht nichts meldet und sogar die Küstenwache überrascht ist, dann kommt vielleicht gar kein Sturm.

Dann kommt vielleicht was anderes.

 

Kapitel 2 Farbenblind mit viel zu vielen Fragezeichen, Zeichen und Muster und mal wieder nicht ganz gehörte Geschichten

Beim Abendessen greife ich immer wieder nach meiner Perle und gucke sie an. Je öfter ich das tue, umso unsicherer bin ich, ob sie wirklich normal aussieht. Hat sich die Farbe nicht doch irgendwie verändert? Ist die Perle jetzt etwas heller als sonst? Weniger rosa? Oder bilde ich mir das alles nur ein? Sollte ich vielleicht an den Strand gehen, damit die Perle näher am Meer ist? Ich bin die neue magische Leuchtturmwärterin. Aber was bedeutet das? Muss ich jetzt etwas machen? Aber was? Oder ist es doch nur das Wetter, was schlechter wird? Nur, warum habe ich dann die ganze Zeit so ein mulmiges Gefühl?

Uroma sagt immer, man solle auf mulmige Magengefühle hören, denn sie seien unsere innere Alarmanlage.

»Jetzt leg doch mal das Ding weg!« Mamas Aufruf unterbricht meine Gedanken und ich lasse vor Schreck die kleine Flasche mit der Perle sinken.

Aber Mama spricht gar nicht mit mir, sondern mit Lula, die wieder mit ihrem Handy herumspielt.

»Warum habt ihr es mir dann zum Geburtstag geschenkt, wenn ich es gar nicht benutzen darf?«, mault Lula.

»Du darfst es ja benutzen, aber nicht unbedingt beim gemeinsamen Essen«, erwidert Mama.

»Aber Lisa hat mir gerade ein Foto von ihren neuen Stiefeletten geschickt und genau solche suche ich schon seit Ewigkeiten und …«, beginnt Lula, doch Mama lässt sie nicht ausreden. »Stellt euch vor«, sagt sie, nimmt gleichzeitig Lula das Ding aus der Hand und legt es beiseite. »Unsere Preisausschreibengewinner kommen schon am Wochenende!«

»Am Wochenende?«, sage ich. »Das ist ja schon morgen!«

»Genau«, sagt Mama. »Sie haben mich gefragt, ob sie ihren Preis sofort einlösen können, denn sie wohnen gar nicht weit weg von hier.«

»Aber Uroma hat am Sonntag Geburtstag«, protestiere ich.

»Und Samstag ist das Flutfest am Hafen!«, ruft Linus.

»Mir machen die Gäste nichts aus«, sagt Uroma.

»Sie reisen ja auch am Sonntagmorgen schon wieder ab«, wirft Mama ein. »Das gewonnene Wochenende geht von Freitagnachmittag bis Sonntag nach dem Frühstück.«

»Aber du wirst 100«, sage ich zu Uroma. »Das ist ein ganz besonderer Geburtstag.«

»Und deswegen freue ich mich, ihn mit ganz besonderen Leuten zu feiern«, erwidert Uroma und lächelt in die Runde. »Mit euch! Und wenn die Gäste schon so früh wieder fort sind, haben wir ja noch den ganzen Tag für uns.«

»Und zu unserem Hafenfest können wir sie gleich mitnehmen«, überlegt Mama laut. »Dann haben wir sogar ein richtig schönes Wochenendprogramm für sie. Und außerdem möchte Frau Zankel unbedingt in unser Heimatmuseum. Das liegt praktischerweise direkt auf dem Weg zum Hafen.«

»Haben sie Kinder?«, hake ich weiter nach.

»Zwei«, erwidert Mama.

»Wie alt sind die?« Linus ist schneller. Das hätte ich nämlich auch gleich gefragt.

Mama hebt die Schultern.

»Hoffentlich keine Babys«, murmelt Linus. »Die schreien immer nur.«

»Nein, nein«, sagt Mama und streicht Linus übers Haar. »Ein Babybettchen brauchen sie nicht, danach habe ich mich erkundigt. Aber Herr Zankel klang ziemlich erschöpft am Telefon und ganz danach, als könnte die Familie ein bisschen Erholung dringend gebrauchen. Und wo bekommen sie die besser als bei uns im Leuchtturm?« Mamas Augen glänzen. Sie liebt es, Gastgeberin zu sein.

Nach dem Abendessen gehen Sara und ich in mein Zimmer. Wir stellen uns an das runde Bullaugenfenster und blicken über das Meer hinaus. Viel sehen können wir nicht, denn mittlerweile ist es richtig dunkel. Aber windig ist es noch immer nicht.

»Ob es eine gute Idee war, dass ich neulich die Laterne angemacht habe?«, frage ich Sara und denke an die Geisterpiraten, die im Sommer zu uns an die Küste kamen, weil sie das Laternenlicht gesehen hatten.

Es war übrigens Uroma, die mir die alte Leuchtturmwärterlaterne gegeben hat. Darin ist ein Licht, das, wenn ich die Laterne berühre, so hell leuchtet, dass die magischen Meereswesen es aus aller Ferne sehen können.

Aber wie weit ist »aus aller Ferne«? Leuchtet sie bis zum Pazifik? Und zum Atlantik? Vielleicht sogar bis zum Südpolarmeer? Woher soll ich all diese Dinge wissen? Wie viele magische Meeresbewohner gibt es überhaupt? Und wie viele von ihnen sind gefährlich?