Moonlight Romance – 7 – Die Erbinnen von Manthurin

Moonlight Romance
– 7–

Die Erbinnen von Manthurin

Spukt es wirklich auf ihrem alten Castle?

Scarlet Wilson

Impressum:

Epub-Version © 2016 KELTER MEDIA GmbH & Co. KG, Sonninstraße 24 - 28, 20097 Hamburg. Geschäftsführer: Patrick Melchert

Originalausgabe: © KELTER MEDIA GmbH & Co.KG, Hamburg.

Internet: http://www.keltermedia.de

E-mail: info@kelter.de

Dargestellte Personen auf den Titelbildern stehen mit dem Roman in keinem Zusammenhang.

ISBN: 978-3-74093-119-3

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Tatsächlich, ein Gewitter zog auf. Von weitem zuckten Blitze auf, und es donnerte bereits in der Nähe. Ihre Augen wanderten am efeuumrankten Gebäude entlang und erreichten den trutzigen Turm mit dem verschlossenen Zimmer, das sie noch nie betreten hatte. Träumte sie, oder bewegte sich dort hinter einem der schmalen Fenster eine einsame dunkle Gestalt? Leslie schreckte zusammen, das Blut schien plötzlich langsamer durch ihre Adern zu fließen und ihr Herzschlag drohte fast auszusetzen. Sie fühlte sich augenblicklich am ganzen Körper wie gelähmt. War das vielleicht der ermordete Gatte dieser sagenhaften Lady Harriet, von dem der Großvater noch am Morgen erzählt hatte? Leslie lauschte in die Stille hinein, aber es war kein Klagelaut vom Turmzimmer her durch das dicke Gemäuer zu hören. Und doch hatte sie das Gefühl Zeugin einer schaurigen Szene zu sein, die sich hinter den regennassen Fensterscheiben abspielte.

Lady Gordon, der Lord hat schon zwei Mal nach Ihnen gefragt. Sie möchten bitte sofort in die Bibliothek kommen«, sagte die neue Hausdame vorwurfsvoll zu der jungen Frau im schwarzen Reitdress, die sich gerade anschickte, die Treppe zum oberen Stockwerk hoch zu gehen.

»Aber Miss Bloom, mein Großvater weiß doch, dass ich jeden Morgen um diese Zeit ausreite. Und Sie auch«, fügte die Lady verwundert hinzu. Dann nahm sie die schwarze Kappe vom Kopf und schüttelte nachsichtig lächelnd die langen blonden Haare, die ihr nun in ungebändigter Fülle bis über die Schultern fielen. In ihrer eng anliegenden, schwarzen Jacke, die ihre schmale Taille und ihre Zierlichkeit noch betonte, wirkte sie nicht gerade wie eine tollkühne Reiterin. Und doch hatte sie mit ihrem Braunen schon so manche Trophäe auf dem Rennplatz gewonnen. Reiten war ihre große Leidenschaft. Der sonst oft so gestrenge Großvater hatte sie bei dieser Passion schon immer unterstützt und vor einem Jahr sogar eine beachtliche Summe für den Erwerb ihres edlen Pferdes ausgegeben, das aus einem renommierten Gestüt in Warendorf bei Münster stammte. Einem Städtchen in Deutschland, der Heimat von Leslies verstorbener Mutter, die leider kurz nach ihrer Geburt gestorben war.

Als sie sich zu der Hausdame umdrehte, wunderte sich die junge Lady auch dieses Mal wieder über den maskenhaft starren Gesichtsausdruck der neuen Angestellten. Warum wohl hatte sie diese Frau von Anfang an nicht gemocht? Miss Bloom hatte ihr nichts getan, und doch fühlte sie sich jedes Mal unwohl in ihrer Gegenwart. Waren es die kalten, graugrünen Augen oder die herablassende Haltung mit der die Neue ihr oft begegnete, und die so gar nicht zu ihrer Stellung hier im Haus passte?

Mit einem Anflug von Wehmut dachte Leslie auch dieses Mal wieder an die alte Rose, die sie schon als Kind auf dem Arm getragen hatte und ein Leben lang so etwas wie Mutterersatz für sie gewesen war. Seitdem die liebe Vertraute vor zwei Monaten Manthurin verlassen hatte, um in den verdienten Ruhestand zu gehen, fehlte es Leslie noch mehr an Wärme und Fröhlichkeit auf Schloss Manthurin, dessen dickes dunkelrotes Backsteingemäuer ihr manchmal wie ein Gefängnis vorkam. Wie gut, dass Rose im übernächsten Dorf wohnte und Leslie immer mit offenen Armen empfing, sobald sie bei ihr auftauchte.

»Lady Gordon, Sie sollten sich doch beeilen«, hörte sie die mahnende Stimme der Hausdame im Hintergrund, bevor sie in Richtung Wirtschaftsräume verschwand. In ihrem grauen Kostüm, dem strengen schwarzen Knoten und dem blassen ungeschminkten Gesicht wirkt die Frau wie eine verkleidete Gouvernante, der nur noch eine goldumrandete Brille fehlte, dachte Leslie. Nur die hochhackigen Schuhe passten so gar nicht zu ihrem biederen Outfit. Leslie schluckte die unwillige Bemerkung hinunter, die ihr schon auf den Lippen lag. Dann durchquerte sie mit energischen Schritten die Empfangshalle mit den wertvollen Orientbrücken und dem üppigen Blumenschmuck in den kostbaren Porzellanvasen.

Was der Großvater wohl so dringend mit ihr besprechen wollte? Neugierig geworden klopfte sie an die schwere eichene Tür zur Bibliothek. Doch anscheinend hörte sie der Großvater nicht, deshalb drückte sie kurz entschlossen die Klinke hinunter. Zögernd betrat sie den großen, spärlich beleuchteten Raum mit den wuchtigen Regalen, die bis zur Decke reichten. Hier reihte sich ein Bücherrücken an dem anderen, sorgfältig geordnet nach alphabetischer Reihenfolge der Autorennamen. Die Klassiker, fein säuberlich getrennt von der modernen Literatur, und die kostbaren Unikate an einem ganz besonderen Platz hinter Glas. Sie waren neben der Gemäldesammlung in seinem Salon Großvaters ganzer Stolz, meist teuer erworben auf Auktionen. Zu ihrer Verwunderung sah Leslie, dass an diesem Morgen schon Feuer im Kamin brannte.

Seit seiner Herzoperation und dem langenKrankenhausaufenthalt fror ihr Großvater viel häufiger als früher. Deshalb plante er auch, zusammen mit ihr diese Reise nach Brighton. Das milde Klima dort würde ihm bestimmt gut tun und ihr ein wenig Abwechslung bringen.

»Leslie, mein Liebling, da bist du ja endlich«, sagte Lord Gordon, der sich gerade mit zwei Gästen in einer angeregten Unterhaltung befand. Dann erhob er sich etwas schwerfällig aus seinem braunen Ledersessel, ging seiner Enkelin entgegen und küsste sie leicht auf die Wange.«

»Ich wusste gar nicht, dass du Besuch hast, Großvater«, wunderte sich Leslie. Dann wandte sie sich mit einem Lächeln an den kleinen, dickbauchigen Herrn mit dem freundlichen roten Gesicht und der Glatze, der sich ebenfalls von seinem Platz erhoben hatte.

»Guten Tag, Onkel William! Wie schön, dich wieder einmal hier auf Manthurin zu sehen«, begrüßte sie den alten Freund der Familie, der schon seit Jahren zusammen als Rechtsberater und Notar für ihren Großvaters arbeitete.

»Die Freude liegt ganz auf meiner Seite, liebste Leslie. Jedes Mal wenn ich dich sehe, bin ich überrascht, dass du noch schöner geworden bist. Wie machst du das nur! Den Mann, der dich einmal bekommt, muss man wirklich beneiden.«

William Brown küsste die junge Lady auf beide Wangen.

»Du übertreibst maßlos, Onkel William! Im Gegenteil, ich muss gerade furchtbar aussehen. So erhitzt und verschwitzt nach dem langen Morgenritt«, erwiderte Leslie entschuldigend.

»Keineswegs, Lady Gordon. Mein Vater hat recht, Sie sind wirklich eine Schönheit«, meldete sich jetzt eine weitere

Stimme zu Wort. Ein junger Mann, den sie bisher hier noch nie gesehen hatte, beugte sich artig über ihre Hand und lächelte sie völlig unbekümmert an.

»Ich bin Henry Brown. Wir haben uns bisher noch nicht kennen gelernt. Allerdings werden Sie auch keinerlei Ähnlichkeit zwischen uns entdecken können, denn ich bin der Stiefsohn. Im Übrigen komme ich sowieso wohl eher auf meine schöne Mutter heraus«, witzelte der junge Gast.

Sein rotes Haar war dicht und trotz der Kürze noch immer leicht gelockt. Das Gesicht mit den hellblauen Augen und den vielen Sommersprossen auf der weißen Haut blickte fröhlich, ja fast übermütig in den Tag. Er ist keineswegs so konventionell und steif wie sein Halbbruder, oder die meisten Herren aus meinem Bekanntenkreis, dachte Leslie. Obwohl, neben Benjamin sowieso kein anderer Mann bestehen konnte.

Leslie, die ihrem Freund noch eben gezürnt hatte, weil er nicht zur verabredeten Stunde und am verabredeten Ort erschienen war, lächelte schon wieder, als sie an ihn dachte. Irgendetwas Wichtiges war ihm wahrscheinlich dazwischen gekommen. Er würde sich bestimmt gleich melden und dann sahen sie sich eben später. Schließlich hatte er Semesterferien und ein paar schöne, unbeschwerte Wochen lagen vor ihnen. Wenn auch heimliche, denn ihr Großvater wusste nichts von einer engeren Verbindung zwischen ihr und dem Sohn seines Verwalters, den sie von Kindheit auf kannte.

»Leslie, ich habe vorhin mein Testament aufgesetzt und soeben unterzeichnet«, sagte Lord Gordon gerade mit gewichtiger Stimme und bat seine Enkelin, sich zu ihnen zu setzen.

»Mit achtzig Jahren bin ich nun mal nicht mehr der Jüngste. Sogar William, der noch um einiges jünger ist als ich, denkt darüber nach, die Kanzlei bald an seinen ältesten Sohn zu übergeben.«Lord Gordon machte eine kleine Pause, räusperte sich und nahm Leslies Hand in die seine.

»Keine Angst, mein Kind. Noch werde ich das Zepter hier auf Manthurin nicht ganz aus die Hand geben, aber zumindest habe ich meine Nachfolge auch auf dem ­Papier geregelt, für den Fall, ich sollte doch eines Tages plötzlich die Augen ...«

»... Großvater, bitte nicht weiterreden«, unterbrach Leslie ihn entschieden. »Du wirst mit Sicherheit über neunzig Jahre alt werden, genauso wie dein Vater. Das heißt, wenn du die Medizin, die dir der Arzt nach deiner Herzoperation verschrieben hat auch regelmäßig einnimmst und keine Zigarren mehr rauchst.« Sie deutete vorwurfsvoll auf den Aschenbecher mit den Tabakresten, der auf dem schweren Beistelltisch mit der grünen Marmorplatte stand.

»Da siehst du mal William, wie energisch die junge Dame sein kann, meine Nachfolgerin, die nächste Herrin auf Manthurin! Ich hege keinen Zweifel daran, dass sie mit dem richtigen Mann an ihrer Seite die schwere Bürde einmal mit Bravour meistern wird.«

Bei den Worten »richtigen Mann an ihrer Seite« war Leslie leicht zusammengezuckt. Dass ihr Großvater ihr nach seinem Tod Manthurin mit allen Liegenschaften anvertrauen wollte, dass wusste sie schon seit langem aus vielen Andeutungen heraus, aber sie wusste auch, dass diese Aufgabe keine leichte sein würde. Doch den richtigen Mann an ihrer Seite, den suchte sie sich garantiert allein aus. Ach was, aussuchen, sie hatte ihn doch bereits gefunden. Eine feine Röte färbte ihre Wangen, als sie an Benjamin dachte. Benjamin studierte in Deutschland Tiermedizin an der Freien Universität Berlin. Daher konnten sie sich auch nur selten sehen, denn ein Wochenendflug von Deutschland nach England war für einen armen Studenten ziemlich teuer. Aber jetzt hatte ihr Liebster Semesterferien und besuchte seine Eltern, die in der nächsten Ortschaft wohnten und nichts und niemand würde sie daran hindern, sich mit ihm zu treffen.

Vor einem halben Jahr, als sie noch in London Architektur studierte, hatte Benjamin sie heimlich in London besucht. Ein kurze Stippvisite nur, aber eine ohne Heimlichkeiten und Versteckspiel, denn in einer Großstadt fielen zwei verliebte junge Menschen nicht weiter auf. Endlich hatten Benjamin und sie einmal zusammen ein Konzert und ein Musical besuchen können und waren verliebt durch die Parks und Straßen gebummelt. Sie hatten sogar in einer Diskothek bis tief in die Nacht hinein getanzt. Alles Dinge, die für andere junge Leute selbstverständlich waren. Nicht für sie.

Danach hatten sie in ihrer Studentenbude das erste Mal miteinander geschlafen und sich ewige Treue geschworen. Ein paar Tage danach bekam dann ihr Großvater diesen Herzinfarkt, der alle ihre beruflichen Pläne über den Haufen warf. Auf seinen Wunsch hin musste sie ihr Studium unterbrechen und ihn nach derEntlassung aus dem Krankenhaus nach Manthurin begleiten, um in seiner Nähe zu sein. Schließlich hatte er außer ihr keinen Menschen, der ihm nahe stand.

»Leslie hat ihren eigenen Kopf«, sagte der Großvater gerade an William Brown gewandt. »Ich hätte lieber gesehen, sie hätte Ökonomie oder Wirtschaftswissenschaften studiert, aber nein, sie wollte unbedingt Architektur studieren.«

»Ach Walther, lass sie doch studieren was sie will. Es reicht doch, wenn Leslie einen Mann heiratet, der ihren Besitz gut verwalten kann«, versuchte sein Freund ihn zu beschwichtigen.

»Du hast recht, William. Doch unsere junge Lady denkt vorläufig noch gar nicht ans Heiraten. Nicht einmal aus großen Bällen, zu denen ich sie hin und wieder begleitet habe, macht sie sich etwas. Sie zieht lieber einen Reitdress an, als eine Abendrobe.«

»Lass ihr Zeit. Wenn der richtige Mann auftaucht, dann kann sich das alles ganz schnell ändern«, erwiderte William Brown.

»Ich würde ihr sofort einen Antrag machen, wenn ich etwas älter wäre«, sagte der hübsche rothaarige Junge und sein Gesicht bekam einen schwärmerischen Ausdruck.

»Du?« Sein Stiefvater winkte lächelnd ab. Auch Leslie musste bei diesem Gedanken schmunzeln. Sie hatte den richtigen Mann ja bereits gefunden! Wie sollte sie da nach einer standesgemäßen Verbindung Ausschau halten! Benjamin und sie schrieben sich fast täglich E-Mails oder SMS und eines Tages würde der Großvater schon einsehen müssen, dass sie genau wie ihr Vater mit der Tradition brechen und ihre große Liebe heiraten würde. Einen Mann ohne Titel und Vermögen. Und dieses Mal würde der Großvater bestimmt versöhnlicher gestimmt sein als bei seinem Sohn. Darauf hoffte sie fest.

»Zeigen Sie mir nachher einmal Ihr Pferd, mit dem sie schon einige Rennen gewonnen haben?«, fragte Harry die junge Lady gerade.

»Ja gern. Wenn Sie wollen dürfen Sie ihn sogar einmal reiten. Das heißt, wenn er sie überhaupt aufsitzen lässt. Jonathan ist ein sehr eigenwilliges, sensibles Tier«, erwiderte Leslie.