Cover

Inhaltsverzeichnis

Buch
Autor
Widmung
BUCH EINS
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
BUCH ZWEI
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
BUCH DREI
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
EPILOG
DANKSAGUNG
Copyright

DANKSAGUNG

Für ihren Rat, ihre Weisheit und ihre Vernunft danke ich Mark Lucas und dem gesamten Team bei LAW. Dafür, dass sie lange vor allen anderen an mich geglaubt hat, gilt mein Dank Ursula Mackenzie und jenen, die das Risiko mit ihr gewagt haben.

Für ihre Gastfreundschaft und Freundschaft danke ich Elspeth Rees, Jonathan Margolis und Martyn Forrester – drei von vielen Freunden und Verwandten, die meine Fragen beantwortet, meinen Geschichten zugehört und mich auf meiner Reise begleitet haben.

Für ihre Liebe und Unterstützung danke ich schließlich Vivien, die mit all meinen Figuren und meinen schlaflosen Nächten leben musste. Eine weniger großartige Frau wäre ins Gästezimmer umgezogen.

 Autor

Michael Robotham wurde 1960 in New South Wales, Australien, geboren. Er war lange Jahre als Journalist für große Tageszeitungen und Magazine in London und Sydney tätig, bevor er sich ganz seiner eigenen Laufbahn als Schriftsteller widmete. Mit seinen Romanen stürmt er regelmäßig die Bestsellerlisten und wurde bereits mit mehreren Preisen geehrt, unter anderem mit dem renommierten Gold Dagger. Michael Robotham lebt mit seiner Frau und seinen drei Töchtern in Sydney. Weitere Informationen zum Autor unter www.michael-robotham.de

Michael Robotham im Goldmann Verlag:

Die Serie um Joe O’Loughlin und Vincent Ruiz:

Amnesie. Psychothriller

Adrenalin. Psychothriller

Todeskampf. Psychothriller

Dein Wille geschehe. Psychothriller

Todeswunsch. Psychothriller

Der Insider. Psychothriller

Bis du stirbst. Psychothriller

Sag, es tut dir leid. Psychothriller

Erlöse mich. Psychothriller

Der Schlafmacher. Psychothriller

Außerdem lieferbar:

Um Leben und Tod. Thriller

Die Rivalin. Thriller

 alle auch als E-Book erhältlich)

EPILOG

In den Albträumen meiner jüngsten Vergangenheit bin ich immer noch auf der Flucht – vor denselben Monstern, bissigen Hunden und Neandertalern von Halbstürmern –, aber sie wirken jetzt viel realer. Jock meint, es wäre ein Nebeneffekt des Levodopa, meines neuen Medikaments.

Die Dosis hat sich in den vergangenen zwei Monaten halbiert. Er sagt, ich hätte offensichtlich weniger Stress. Witzbold! Er ruft mich jeden Tag an und fragt mich, ob ich Lust auf ein Tennismatch habe. Ich lehne ab und er erzählt mir einen Witz. »Was ist der Unterschied zwischen einer Frau im neunten Monat und einem Playboy-Bunny?«

»Ich weiß es nicht.«

»Gar keiner, wenn der Ehemann weiß, was gut für ihn ist.«

Das ist noch einer seiner saubereren Witze, und ich wage es, ihn Julianne zu erzählen. Sie lacht, aber nicht so laut wie ich.

Während wir überlegen, ob wir das Haus wieder aufbauen oder ein neues kaufen wollen, wohnen wir in Jocks Wohnung. So versucht er, seine Fehler wieder gutzumachen, aber noch ist ihm nicht vollständig verziehen. Derweil ist er bei seiner neuen Freundin Kelly eingezogen, die hofft, dass sie die nächste Mrs. Jock Owens wird. Sie wird eine Harpune oder einen wasserdichten Ehevertrag brauchen, wenn sie ihn auch nur in die Nähe eines Altars kriegen will.

Julianne hat all seine Apparate und abgelaufenen Tiefkühlmenüs weggeworfen. Dann hat sie neue Bettwäsche und Handtücher gekauft.

Die morgendliche Übelkeit ist zum Glück vorbei, und ihr Körper wird jeden Tag größer (alles bis auf ihre Blase). Sie ist überzeugt, dass wir einen Jungen bekommen, weil nur ein Mann ihr so viel Kummer bereiten könnte. Wenn sie das sagt, sieht sie mich jedes Mal an. Dann lacht sie, aber nicht so laut wie ich.

Ich weiß, dass sie mich genau beobachtet. Wir beobachten uns gegenseitig. Vielleicht sucht sie nach Symptomen meiner Krankheit oder sie vertraut mir einfach nicht ganz. Gestern hatten wir einen Streit – unseren ersten, seitdem wir uns wieder zusammengerauft haben. Wir fahren für eine Woche nach Wales, und sie hat sich beschwert, dass ich mit dem Packen immer bis zum allerletzten Moment warte.

»Ich vergesse nie etwas.«

»Darum geht es nicht.«

»Worum geht es denn?«

»Du solltest es einfach früher machen. Das ist weniger Stress.«

»Für wen?«

»Für dich.«

»Aber ich habe gar keinen Stress.«

Nachdem ich fünf Monate lang auf Zehenspitzen um sie herumgeschlichen bin, dankbar für ihre Vergebung, habe ich beschlossen, eine Linie in den Sand zu ziehen. Ich habe sie gefragt: »Warum verlieben sich Frauen in Männer und versuchen dann, sie zu ändern?«

»Weil Männer Hilfe brauchen«, antwortete sie, als wäre das allgemein bekannt.

»Aber wenn ich der Mann werde, den du aus mir machen willst, bin ich nicht mehr der Mann, der ich bin.«

Sie hat die Augen verdreht und nichts gesagt, aber seither ist sie weniger empfindlich. Heute Morgen hat sie sich auf meinen Schoß gesetzt, ihre Arme um meinen Hals geschlungen und mich mit der Leidenschaft geküsst, die die Ehe angeblich tötet. Charlie hat sich die Augen zugehalten und »Igitt!« gesagt.

»Was ist denn los?«

»Ihr gebt euch Zungenküsse.«

»Was weißt du denn über Zungenküsse?«

»Das ist, wenn man sich gegenseitig voll sabbert.«

Ich habe Juliannes Bauch gestreichelt und geflüstert: »Ich will, dass unsere Kinder nie groß werden.«

 

Ich bin mit unserem Architekten an dem Loch in der Erde verabredet. Stehen geblieben ist nur eine ins Nichts führende Treppe. Der Druck der Explosion hat den Betonfußboden der Küche durch das Dach gehoben und den neuen Kessel in einen zwei Straßen entfernten Garten geschleudert. Die Druckwelle hat beinahe jedes Fenster in dem Block zerstört, und drei weitere Häuser mussten abgerissen werden.

Charlie sagt, sie hätte kurz vor der Explosion jemanden an einem Fenster im ersten Stock gesehen. Jeder, der sich dort aufgehalten hätte, wäre verdampft, meinen die Experten, was erklären würde, warum man nicht einmal einen Fingernagel, eine Faser oder einen einzelnen Zahn gefunden hat. Andererseits frage ich mich, warum D.J. hätte bleiben sollen, nachdem er das Gas aufgedreht und den Zeitzünder eingestellt hatte, der den Kessel zur Explosion gebracht hat. Er hatte reichlich Zeit, das Haus zu verlassen, es sei denn, er hatte einen in jeder Hinsicht »finalen« Akt geplant.

Charlie begreift nicht, dass er all das getan hat. Neulich hat sie mich gefragt, ob ich glaube, dass er im Himmel ist. Am liebsten hätte ich geantwortet: »Ich hoffe bloß, dass er tot ist.«

Seine Konten sind seit zwei Monaten nicht angerührt worden, und kein Mensch hat ihn gesehen. Es gibt keinerlei Belege, dass er das Land verlassen, sich um einen Job beworben, ein Zimmer gemietet, einen Wagen gekauft oder einen Scheck eingelöst hat.

Ruiz hat die Fakten seines frühen Lebens zusammengefügt. D.J. wurde in Blackpool geboren. Seine Mutter, eine Näherin, heiratete Lenny Ende der 60er Jahre. Sie kam bei einem Verkehrsunfall ums Leben, als D.J. sieben war. Er wuchs bei seinen Großeltern mütterlicherseits auf, bis Lenny wieder heiratete. Dann verfiel er Bridgets Bann.

Ich vermute, dass er genau die gleichen Erfahrungen gemacht hat wie Bobby, obwohl zwei Kinder nie gleich auf Missbrauch oder Sadismus reagieren. Lenny war die zentrale Figur im Leben beider Jungen, und sein Tod lag allem zugrunde.

D.J. beendete seine Lehre in Liverpool und wurde Klempnermeister. Er arbeitete für eine örtliche Firma, in der seine Kollegen sich eher respektvoll als freundlich an ihn erinnern. In einer Kneipe rammte er eines Abends eine zerbrochene Flasche in das Gesicht einer Frau, weil sie nicht über die Pointe seines Witzes gelacht hatte.

Ende der 80er Jahre verschwand er und tauchte in Thailand wieder auf, wo er eine Bar und ein Bordell betrieb. Zwei minderjährige Junkies, die versuchten, ein Kilo Heroin aus Bangkok zu schmuggeln, erklärten gegenüber der Polizei, dass sie den Lieferanten in D. J.s Bar getroffen hatten, doch D. J. hatte das Land bereits heimlich verlassen, bevor man ihn mit der Sache in Verbindung bringen konnte.

Er tauchte in Australien wieder auf, wo er auf diversen Baustellen entlang der Ostküste arbeitete. In Melbourne freundete er sich mit einem anglikanischen Pfarrer an und leitete ein Obdachlosenheim. Eine Zeit lang schien er auf den rechten Weg zurück gefunden zu haben. Keine K.o.-Schläge, gebrochene Nasen oder Rippen mehr.

Aber der äußere Schein kann trügen. Die Polizei in Victoria ermittelt jetzt das Schicksal von sechs Personen, die in einem Zeitraum von vier Jahren in dem Heim verschwunden sind und deren Sozialhilfe bis vor achtzehn Monaten weiterbezogen wurde, als D. J. wieder in Großbritannien auftauchte.

Ich weiß nicht, wie er Bobby gefunden hat, aber allzu schwierig kann es nicht gewesen sein. Bei dem Altersunterschied zum Zeitpunkt von D.J.s Verschwinden müssen sie einander praktisch fremd gewesen sein, doch sie entdeckten ein gemeinsames Begehren.

Bobbys Rachefantasien waren genau das – Fantasien –, aber D.J. hatte die Erfahrung und Gefühllosigkeit, um sie wahr werden zu lassen. Einer war der Architekt, der andere der Baumeister. Bobby hatte die kreative Vision, D. J. das Werkzeug. Das Endergebnis war ein Psychopath mit einem Plan.

Catherine wurde vermutlich auf dem schmalen Boot gefoltert und getötet. Bobby hatte mich so lange beobachtet, dass er genau wusste, wo er die Leiche begraben musste. Er wusste auch, dass ich zehn Tage später auf dem Friedhof sein würde. Einer von beiden muss von der Telefonzelle bei der Schleuse die Polizei angerufen haben. Und die Schaufel an Tante Gracies Grabstein zu lehnen, war ein makabrer Scherz mit explosivem Ausgang.

Auch andere Teile haben sich im Laufe der Wochen ins Bild gefügt. Bobby hatte von meiner Mutter von unseren Installationsproblemen erfahren. Sie ist berüchtigt dafür, die Leute mit Geschichten von ihren Kindern und Enkeln zu langweilen. Sie hat ihm sogar Fotoalben und die Baupläne gezeigt, die wir beim Bauamt eingereicht hatten.

D.J. hat Flugblätter in die Briefkästen der Häuser in unserer Straße geworfen. Jeder kleine Job war eine weitere Empfehlung und nützlich, als es darum ging, Julianne zu überzeugen. Nachdem er einmal im Haus war, war es leicht, obwohl er beinahe aufgeflogen wäre, als Julianne ihn eines Nachmittags in meinem Arbeitszimmer erwischte. Deshalb erfand er die Geschichte von dem Eindringling, den er gestört und aus dem Haus gejagt habe. Er sei ins Arbeitszimmer gegangen, um nachzusehen, ob irgendetwas gestohlen worden war.

Ende nächsten Monats beginnt der Prozess gegen Bobby. Er hat sich noch nicht geäußert, aber die Experten vermuten, dass er auf nicht schuldig plädieren wird. Die Anklage ist zwar überzeugend, gründet sich jedoch ausschließlich auf Indizien. Und keines davon legt eine Mordwaffe in seine Hand – weder für Catherine noch für Elisa noch für Boyd oder Erskine oder Sonia Dutton oder Esther Gorski.

Ruiz hat gesagt, danach wäre es vorbei, aber das stimmt nicht. Die Akte dieses Falls wird nie geschlossen werden. Schon vor Jahren haben Menschen versucht, damit abzuschließen, und das ist dabei herausgekommen. Wenn wir unsere Fehler ignorieren, sind wir dazu verdammt, sie zu wiederholen. Hör nicht auf, an den weißen Bären zu denken.

 

Die Ereignisse vor Weihnachten sind heute beinahe zu einem surrealistischen Bild verschwommen. Wir sprechen kaum darüber, aber ich weiß aus Erfahrung, dass sie eines Tages herauskommen werden. Manchmal höre ich spätnachts eine Autotür zuschlagen oder schwere Schritte auf dem Bürgersteig, und dann finde ich keine Ruhe. Ich bin bisweilen traurig, depressiv, frustriert oder ängstlich und ziemlich schreckhaft. Ich bilde mir ein, aus Hauseingängen und geparkten Autos beobachtet zu werden. Und wenn ich einen weißen Transporter sehe, versuche ich immer, das Gesicht des Fahrers zu erkennen.

Das alles sind übliche Reaktionen auf Schock und Trauma. Vielleicht ist es gut, dass ich das weiß, aber ich würde lieber aufhören, mich selber zu analysieren.

Natürlich habe ich immer noch meine Krankheit. Ich nehme an einer Studie in einer Forschungsklinik teil. Fenwick hat mich darauf gebracht. Einmal im Monat fahre ich zu der Klinik, hefte mir ein Namensschild an und blättere durch die neueste Ausgabe von Country Life, bis ich dran bin.

Der Laborleiter begrüßt mich immer mit einem munteren »Wie geht’s uns denn heute?«.

»Nun, da Sie fragen, ich habe Parkinson.«

Er lächelt besorgt, gibt mir eine Spritze und führt ein paar Koordinationstests durch, bei denen er mit einer Videokamera Ausmaß und Häufigkeit meines Tremors festhält.

Ich weiß, dass es schlimmer werden wird. Aber was soll’s! Ich habe Glück. Viele Menschen leiden unter Parkinson. Und nicht alle haben eine schöne Frau, eine liebevolle Tochter und ein neues Baby, auf das sie sich freuen können.

1

Wenn man von dem schrägen Schieferdach des Royal Marsden Hospital zwischen Schornsteinen und Fernsehantennen hindurchblickt, sieht man noch mehr Schornsteine und Fernsehantennen. Es ist wie die Szene aus Mary Poppins, in der all die Schornsteinfeger mit wirbelnden Besen über die Dächer tanzen.

Von hier oben kann ich gerade noch die Kuppel der Royal Albert Hall ausmachen. An einem klaren Tag könnte ich wahrscheinlich bis Hampstead Heath gucken, obwohl ich bezweifle, dass die Luft in London je so klar wird.

»Schöner Ausblick«, sage ich und blicke zu dem Teenager, der gut drei Meter rechts neben mir kauert. Sein Name ist Malcolm und er wird heute siebzehn. Er ist groß und dünn, mit dunklen Augen, die unruhig hin- und herflackern, wenn er mich ansieht. Seine Haut ist weiß wie glänzendes Papier. Er trägt einen Schlafanzug und eine Wollmütze, um seinen kahlen Kopf zu verbergen. Chemotherapie ist ein brutaler Frisör.

Es ist drei Grad über Null, aber der eisige Wind drückt die Temperatur unter den Gefrierpunkt. Meine Finger sind schon taub, und ich kann meine Zehen in den Socken und Schuhen kaum noch spüren. Malcolms Füße sind nackt.

Ich kann ihn nicht erreichen, wenn er springt oder fällt. Selbst wenn ich mich strecke und auf die Regenrinne stütze, fehlen mir immer noch zwei Meter, um ihn aufzufangen. Das weiß er. Er hat alles genau berechnet. Sein Onkologe sagt, Malcolm hat einen überdurchschnittlichen IQ. Er spielt Geige und spricht fünf Sprachen – aber in keiner mit mir.

Seit einer Stunde stelle ich ihm Fragen und erzähle ihm Geschichten. Ich weiß, dass er mich hört, aber meine Stimme ist nur ein Geräusch im Hintergrund. Er konzentriert sich auf seinen eigenen inneren Dialog und debattiert die Frage, ob er leben oder sterben soll. Ich würde gern an der Debatte teilnehmen, aber dazu brauche ich eine Einladung.

Der National Health Service hat eine ganze Latte von Richtlinien für den Umgang mit Geiselnahmen und angedrohten Selbstmorden. Ein Krisenstab ist gebildet worden, bestehend aus leitenden Ärzten des Krankenhauses, Polizisten und einem Psychologen – mir. Zunächst haben wir uns bemüht, alles über Malcolm in Erfahrung zu bringen, was uns dabei helfen könnte zu verstehen, was ihn zu diesem Punkt getrieben hat. Ärzte, Schwestern und Patienten sowie Freunde und Verwandte werden befragt.

Der erste Verhandlungskontakt ist der entscheidende Punkt des Einsatzes. Alles hängt an mir. Deswegen bin ich hier draußen und friere mir Hände und Füße ab, während die anderen drinnen Kaffee trinken, das Personal befragen und Flipcharts betrachten.

Was weiß ich über Malcolm? Er hat einen primären Hirntumor im rechten posterioren Schläfenbereich, gefährlich nahe an seinem Hirnstamm, der zu einer teilweisen linksseitigen Lähmung und Taubheit auf dem linken Ohr geführt hat. Er ist in der zweiten Woche seines zweiten Zyklus der Chemotherapie.

Heute Morgen haben ihn seine Eltern besucht. Der Onkologe hatte gute Nachrichten. Malcolms Tumor schien zu schrumpfen. Eine Stunde später schrieb er eine aus drei Wörtern bestehende Nachricht: »Tut mir Leid.« Er verließ sein Zimmer und krabbelte durch ein Gaubenfenster im vierten Stock auf das Dach. Irgendjemand musste vergessen haben, es abzuschließen, oder Malcolm hatte einen Weg gefunden, es zu öffnen.

Das ist es – die Summe meines Wissens über einen Jugendlichen, der sehr viel mehr zu bieten hat als die meisten Kinder seines Alters. Ich weiß nicht, ob er eine Freundin hat, einen Lieblingsfußballverein oder einen Leinwandhelden. Ich weiß mehr über seine Krankheit als über ihn. Deswegen hänge ich in der Luft.

 

Der Sicherheitsgurt unter meinem Pullover ist unbequem. Er sieht aus wie die Dinger, die Eltern ihren Kleinkindern anschnallen, damit sie nicht weglaufen. In diesem Fall soll er mich retten, falls ich abstürze, sofern jemand daran gedacht hat, das andere Ende irgendwo zu befestigen. Es klingt vielleicht lächerlich, aber solche Details werden in einer Krisensituation manchmal vergessen. Vielleicht sollte ich zum Fenster zurückkriechen und jemanden bitten nachzusehen. Wäre das unprofessionell? Ja. Vernünftig? Noch mal ja.

Das Dach ist mit Taubenkot gesprenkelt, und die Schieferziegel sind mit Flechten und Moos bedeckt. Es sieht aus wie versteinerte Pflanzen, doch es ist glatt und tückisch.

»Das ist wahrscheinlich egal, Malcolm, aber ich glaube, ich kann mir ein bisschen vorstellen, wie du dich fühlst«, sage ich in einem weiteren Versuch, ihn zu erreichen. »Ich habe auch eine Krankheit. Ich behaupte nicht, dass es Krebs wäre. Das ist es nicht. Und solche Vergleiche sind so, als würde man Äpfel und Birnen durcheinander schmeißen, aber es ist immerhin beides Obst, oder?«

Der Empfänger in meinem rechten Ohr fängt an zu knacken. »Was in Gottes Namen machen Sie da?«, fragt eine Stimme. »Hören Sie auf über Obstsalat zu quatschen, und holen Sie ihn rein!«

Ich nehme den Ohrhörer heraus und lasse ihn über meine Schulter baumeln.

»Die Leute sagen immer: ›Es wird gut. Es kommt schon alles wieder in Ordnung‹, du kennst das ja. Das sagen sie, weil ihnen nichts Besseres einfällt. Ich weiß auch nicht, was ich sagen soll, Malcolm. Ich weiß nicht mal, welche Fragen ich stellen soll.

Die meisten Menschen wissen nicht, wie sie mit der Krankheit eines anderen umgehen sollen. Leider gibt es kein Benimmbuch oder eine Liste von Dingen, die man tun und lassen soll. Entweder kriegt man diesen wässrigen ›Ich ertrag das nicht, ich fang gleich an zu heulen‹-Blick oder krampfhafte Fröhlichkeit und Kopf-hoch-Reden. Die andere Möglichkeit ist komplette Verdrängung.«

Malcolm hat nicht geantwortet. Er starrt über die Dächer, als würde er aus einem winzigen Fenster hoch oben im grauen Himmel schauen. Sein Pyjama ist dünn und weiß mit einer gestickten blauen Borte an Kragen und Ärmeln.

Zwischen meinen Knien sehe ich drei Feuerwehrautos und ein halbes Dutzend Streifenwagen. Eines der Feuerwehrautos hat eine ausfahrbare Leiter auf einer Drehscheibe. Ich habe sie bis jetzt nicht groß beachtet, aber nun sehe ich, wie sie sich langsam dreht und nach oben ausgefahren wird. Warum tun sie das? Im selben Moment strafft Malcolm die Schulter gegen das Schrägdach und erhebt sich. Er hockt auf der Dachkante, die Zehen über der Regenrinne, wie ein Vogel auf einem Zweig.

Ich höre jemanden schreien und merke, dass ich es selber bin. Wild gestikulierend bedeute ich ihnen, die Leiter herunterzufahren. Ich sehe aus wie der Selbstmordspringer, während Malcolm vollkommen ruhig wirkt.

Ich taste nach meinem Ohrhörer und höre das Getöse drinnen. Der Krisenstab brüllt den leitenden Feuerwehrmann an, der seinen Stellvertreter anbrüllt, der irgendjemand anderen anbrüllt.

»Tu’s nicht, Malcom! Warte!« Ich klinge verzweifelt. »Siehst du die Leiter? Sie wird heruntergefahren. Siehst du? Sie wird heruntergefahren.« In meinen Ohren rauscht das Blut. Er bleibt am Rand des Daches hocken, krallt seine Zehen fest und entspannt sie wieder. Im Profil erkenne ich, wie seine langen dunklen Wimpern langsam blinzeln. In seiner schmalen Brust pocht sein Herz wie das eines Vogels.

»Siehst du den Feuerwehrmann mit dem roten Helm?«, frage ich, um in seine Gedanken zu dringen. »Den mit all den Messingknöpfen auf den Schultern. Was meinst du, wie stehen meine Chancen, ihm von hier aus auf den Helm zu spucken?«

Für den Bruchteil einer Sekunde blickt Malcolm nach unten. Es ist das erste Mal, dass er irgendetwas zur Kenntnis nimmt, was ich gesagt oder getan habe. Die Tür ist einen Spalt weit aufgegangen.

»Manche Leute spucken gern Kirsch- oder Wassermelonenkerne. In Afrika spucken sie mit Dung, was ziemlich eklig ist. Ich habe irgendwo gelesen, dass der Weltrekord in Kudu-Dung-Spucken bei etwa zehn Meter liegt. Ich glaube, Kudus sind eine Antilopenart, aber die Hand ins Feuer legen würde ich dafür nicht. Mir ist gute altmodische Spucke lieber, und es geht nicht um Weite, sondern um Zielgenauigkeit.«

Er sieht mich jetzt an. Mit einem Zucken meines Kopfes schicke ich einen schaumigen weißen Knubbel im hohen Bogen auf den Weg nach unten. Er wird vom Wind erfasst, nach rechts abgetrieben und landet auf der Windschutzscheibe eines Streifenwagens. Schweigend sehe ich ihm nach und frage mich, was ich falsch gemacht habe.

»Sie haben den Wind nicht einkalkuliert«, sagt Malcolm.

Ich nicke weise und beachte ihn kaum, aber dort, wo ich noch nicht erfroren bin, spüre ich ein warmes Glühen in mir. »Stimmt. Zwischen diesen Gebäuden entsteht ein ziemlicher Windkanal.«

»Billige Ausreden.«

»Na, du hast es bisher ja noch gar nicht versucht.«

Er blickt nach unten und denkt darüber nach. Er schlingt seine Arme um die Knie, als wollte er sich warm halten. Das ist ein gutes Zeichen.

Einen Moment später segelt ein Spuckekügelchen in einem weiten Bogen nach unten. Gemeinsam sehen wir ihm nach, als wollten wir es mit schierer Willenskraft zwingen, auf Kurs zu bleiben. Es trifft einen Fernsehreporter direkt zwischen die Augen, und Malcolm und ich stöhnen harmonisch auf.

Mein nächster Schuss landet harmlos auf der Treppe vor dem Gebäude. Malcolm fragt, ob er das Ziel ändern kann. Er will noch mal den Fernsehreporter treffen.

»Schade, dass wir keine Wasserbomben haben«, sagt er und stützt das Kinn auf ein Knie.

»Wenn du auf irgendwen auf der Welt eine Wasserbombe werfen könntest, wer wäre das?«

»Meine Eltern.«

»Warum?«

»Ich will nicht noch mal Chemo kriegen. Mir reicht’s.« Er führt das nicht weiter aus, und das ist auch nicht nötig. Es gibt nicht viele Behandlungen mit schlimmeren Nebenwirkungen als Chemotherapie. Das Erbrechen, die Übelkeit, die Verstopfung, die Anämie und die schier überwältigende Erschöpfung können unerträglich sein.

»Was sagt dein Onkologe?«

»Er sagt, der Tumor schrumpft.«

»Das ist gut.«

Er lacht bitter. »Das haben sie beim letzten Mal auch gesagt. In Wahrheit jagen sie dem Krebs bloß durch meinen ganzen Körper hinterher. Er geht nicht weg. Er findet bloß ein Versteck. Sie sprechen auch nie von Heilung, sie sprechen von Remission. Manchmal reden sie auch gar nicht mit mir, sondern flüstern bloß mit meinen Eltern.« Er beißt sich auf die Unterlippe, und ein rotes Mal entsteht, wo das Blut in die Kerbe fließt.

»Mom und Dad denken, dass ich Angst vorm Sterben hätte, aber ich habe keine Angst. Sie sollten ein paar von den anderen Kindern hier sehen. Ich hatte wenigstens ein Leben. Noch fünfzig Jahre mehr wären nett, aber ich habe wie gesagt keine Angst.«

»Wie viele Chemozyklen sind es noch?«

»Sechs. Und dann warten wir ab und sehen weiter. Ich hab nichts dagegen, dass mir die Haare ausfallen. Eine Menge Fußballer rasieren sich den Kopf kahl. David Beckham zum Beispiel; er ist ein Wichser, aber ein verdammt guter Spieler. Keine Augenbrauen zu haben ist allerdings ziemlich bitter.«

»Ich habe gehört, Beckham lässt sich seine zupfen.«

»Von Posh?«

»Ja.«

Das entlockt ihm beinahe ein Lächeln. In der nachfolgenden Stille höre ich Malcolms Zähne klappern.

»Wenn die Chemo nicht wirkt, werden meine Eltern den Ärzten sagen, sie sollen es weiter versuchen. Sie werden mich nie gehen lassen.«

»Du bist alt genug, selbst zu entscheiden.«

»Versuchen Sie mal, denen das zu erklären.«

»Das mache ich, wenn du es willst.«

Er schüttelt den Kopf, und ich sehe die Tränen, die ihm in die Augen schießen. Er versucht, sie zu unterdrücken, doch sie quellen in dicken Tropfen unter seinen langen Wimpern hervor, die er mit dem Unterarm wegwischt.

»Gibt es jemanden, mit dem du reden kannst?«

»Ich mag eine der Krankenschwestern. Sie war echt nett zu mir.«

»Ist sie deine Freundin?«

Er wird rot. Bei seiner Blässe sieht es aus, als würde sein Kopf voll Blut laufen.

»Warum kommst du nicht mit rein und wir reden drinnen weiter? Ich kann keine Spucke mehr sammeln, wenn ich nicht einen Schluck zu trinken kriege.«

Er antwortet nicht, aber ich sehe, dass seine Schultern sacken. Er lauscht wieder seinem inneren Dialog.

»Ich habe eine achtjährige Tochter, die Charlie heißt«, sage ich, um ihn zu halten. »Ich weiß noch, wie wir, als sie vier war, zusammen im Park waren, und auf dem Spielplatz habe ich sie auf der Schaukel angeschubst. Und sie hat zu mir gesagt: ›Daddy, weißt du, wenn man die Augen ganz fest zumacht, bis man weiße Sterne sieht, und dann hinterher wieder auf, ist die Welt ganz neu.‹ Netter Gedanke, findest du nicht?«

»Aber es ist nicht wahr.«

»Es kann wahr sein.«

»Nur, wenn man so tut als ob.«

»Warum nicht? Was hält dich davon ab? Die Leute finden es leicht, zynisch und pessimistisch zu sein, dabei ist das unglaublich harte Arbeit. Es ist viel leichter, optimistisch zu sein.«

»Ich habe einen inoperablen Hirntumor«, sagt er ungläubig.

»Ja, ich weiß.«

Ich frage mich, ob meine Worte in Malcolms Ohren genauso hohl klingen wie in meinen. Früher habe ich diesen Kram geglaubt. In zehn Tagen kann sich viel ändern.

Malcolm unterbricht meine Gedanken. »Sind Sie Arzt?«

»Psychologe.«

»Sagen Sie mir noch mal, warum ich herunterkommen soll?«

»Weil es hier oben kalt ist und gefährlich und ich gesehen habe, wie Menschen aussehen, nachdem sie von hohen Gebäuden gestürzt sind. Komm rein. Zum Aufwärmen.«

Er blickt auf den Rummel aus Krankenwagen, Feuerwehrautos, Streifenwagen und Fernseh-Übertragungswagen hinab. »Ich hab den Spuckwettbewerb gewonnen.«

»Ja, hast du.«

»Und Sie reden mit Mum und Dad?«

»Auf jeden Fall.«

Er versucht aufzustehen, doch seine Beine sind kalt und steif. Wegen seiner linksseitigen Lähmung kann er seinen Arm nicht benutzen. Um sich nach oben zu hangeln, braucht er aber beide Arme.

»Bleib einfach, wo du bist. Ich sag denen, dass sie eine Leiter hochfahren sollen.«

»Nein!«, erwidert er drängend, und ich sehe seinen Gesichtsausdruck. Er will nicht im Scheinwerferlicht der Fernsehkameras und unter den Fragen der Reporter heruntergeholt werden.

»Okay, dann komme ich zu dir.« Ich bin erstaunt, wie mutig das klingt. Ich rutsche vorsichtig auf dem Hintern seitwärts, weil ich zu viel Angst habe aufzustehen. Ich habe meinen Sicherheitsgurt nicht vergessen, bin jedoch nach wie vor nicht überzeugt, dass sich jemand die Mühe gemacht hat, ihn zu befestigen.

Während ich mich auf der Regenrinne vortaste, schießen mir lauter Bilder durch den Kopf, was alles schief gehen könnte. Wenn dies ein Hollywoodfilm wäre, würde Malcolm im letzten Moment ausrutschen und ich würde ihn mit einem Hechtsprung auffangen. Entweder das oder ich würde fallen und er würde mich retten.

Andererseits könnten wir – weil dies das wirkliche Leben ist – beide umkommen oder Malcolm könnte überleben, und ich könnte als rettender Fänger selbst in den Tod stürzen.

Obwohl er sich nicht bewegt hat, sehe ich in Malcolms Blick ein neues Gefühl. Vor ein paar Minuten war er, ohne einen Moment zu zögern, bereit, von diesem Dach zu springen. Jetzt will er leben, und das Nichts unter seinen Füßen ist zum Abgrund geworden.

Der amerikanische Philosoph William James (ein heimlicher Phobiker) hat 1884 einen Artikel geschrieben, in dem er über das Wesen der Angst sinniert. Als Beispiel wählte er einen Menschen, der einem Bären begegnet. Ergreift der Mensch die Flucht, weil er Angst hat, oder bekommt er erst Angst, nachdem er bereits zu rennen begonnen hat? Mit anderen Worten, hat ein Mensch Zeit genug zu denken, dass irgendetwas beängstigend ist, oder geht die Reaktion dem Gedanken voraus?

Seither drehen sich Wissenschaftler und Psychologen in einer Art Huhn-oder-Ei-Kontroverse im Kreis. Was kommt zuerst – das bewusste Empfinden von Angst oder das pochende Herz und das ausgeschüttete Adrenalin, das uns motiviert, zu kämpfen oder zu fliehen?

Jetzt weiß ich die Antwort, aber vor lauter Angst habe ich die Frage vergessen.

Ich bin nur noch ein paar Schritte von Malcolm entfernt. Seine Wangen sind blau angelaufen, und er hat aufgehört zu zittern. Ich drücke meinen Rücken an die Mauer, schiebe ein Bein unter meinen Hintern und drücke meinen Oberkörper nach oben, bis ich aufrecht stehe.

Für einen Moment betrachtet Malcolm meine ausgestreckte Hand und greift dann langsam danach. Ich packe sein Handgelenk und ziehe ihn nach oben, bis ich meinen Arm um seine schlanke Hüfte legen kann. Seine Haut fühlt sich an wie Eis.

Man kann den Sicherheitsgurt vorne aufschnallen und die Riemen verlängern. Ich ziehe sie um seine Hüfte und wieder durch die Schnalle, sodass wir jetzt aneinander gebunden sind. Seine Wollmütze schabt rau an meiner Wange.

»Was soll ich machen?«, fragt er mit brüchiger Stimme.

»Du kannst beten, dass das andere Ende irgendwo festgebunden ist.«