Moonlight Romance – 14 – Der geheimnisvolle Fremde

Moonlight Romance
– 14–

Der geheimnisvolle Fremde

Warum verbirgt er sich vor Julia im düsteren Wald?

Scarlet Wilson

Impressum:

Epub-Version © 2016 KELTER MEDIA GmbH & Co. KG, Sonninstraße 24 - 28, 20097 Hamburg. Geschäftsführer: Patrick Melchert

Originalausgabe: © KELTER MEDIA GmbH & Co.KG, Hamburg.

Internet: http://www.keltermedia.de

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Dargestellte Personen auf den Titelbildern stehen mit dem Roman in keinem Zusammenhang.

ISBN: 978-3-74093-472-9

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Da, plötzlich tauchte in der Ferne ein Licht zwischen den Bäumen auf. Vielleicht ein Wanderer mit einer Taschenlampe, der wusste, wo es lang ging zum nächsten Ort? Das würde die Rettung bedeuten. Unwillkürlich blieb Julia stehen, um Gewissheit zu erlangen. Das Licht kreiste und kreiste wie ein Irrlicht. Nein, eher so, als ob jemand signalisierte, wo er seinen Standort hatte. Oder als suchte er ein bestimmtes Objekt. Vielleicht eine einsame Person, die er überfallen und ausrauben konnte. Julias Herz begann bei diesem Gedanken wie wild zu schlagen. Sie rannte wie gehetzt in eine andere Richtung, um einer möglichen Entdeckung aus dem Weg zu gehen. Dabei stolperte sie nach einigen Metern über eine offen gelegte Baumwurzel und landete unsanft mit den Händen auf dem Waldboden. Schnell rappelte sie sich wieder auf und hetzte weiter wie ein Wild, hinter dem die Jäger her sind. Ihr Atem keuchte, die Luft schien ihr langsam auszugehen. Trotzdem hetzte sie weiter.

»Was für ein überwältigender Anblick!«, staunte Julia Wortmann, als sie vor dem mächtigen, schmiedeeisernen Tor des pompösen Landsitzes in Cornwall stand.

»Das kann man wohl sagen, Miss Julia. Somerley ist wirklich ein Juwel, nur leider für ungeladene Besucher wie unsereins nicht zugängig«, pflichtete ihr Walter Fox bei, den ihre Freundin Marlene und sie kurz nach ihrer Überfahrt von Calais in einem Lokal kennen gelernt hatten. Nachdem kurz darauf erfuhren, dass der charmante Engländer sich auch auf einer Studienreise durch Südwestengland befand, waren die beiden Damen neugierig geworden. Konversationsschwierigkeiten gab es zum Glück keine, denn Julia hatte in Bonn Anglistik studiert und Marlenes Vater stammte aus Liverpool. Und obwohl er ihre Mutter, die in Essen eine kleine Buchhandlung besaß, schon bald nach ihrer Geburt verlassen hatte, war Marlene zweisprachig aufgewachsen.

Als sich die Freundinnen nach der gemeinsam eingenommen Mahlzeit von dem Mann verabschieden wollten, bot Mr. Fox ihnen spontan an, sie in seinem Wagen mitzunehmen und als kundiger Reiseführer zu fungieren. Das war für die beiden jungen Frauen natürlich ein verlockendes Angebot. Erstens konnten sie sich bei ihrem schmalen Budget die Kosten für einen Mietwagen sparen, zumal weder Julia noch Marlene geübt im Linksverkehr waren. Zweitens konnte es nicht schaden, wenn man einen persönlichen Fremdenführer hatte, der viel von der Landschaft und seinen Sehenswürdigkeiten zu erzählen wusste.

»Somerley, was für ein schöner Name! Er klingt wie Musik und Rosenduft zugleich«, schwärmte Julia, die Nase noch immer zwischen die eisernen Gitterstäbe gepresst. Zu gern wäre sie jetzt durch den großen Garten geschlendert, um sich die Vielfalt der Rosenbeeten einmal aus der Nähe anzusehen, die von niedrigen Buchsbaumhecken eingesäumt waren. Sie waren so exakt in Form geschnitten, als hätte der Gärtner bei seiner Arbeit ein Lineal zur Hilfe genommen. Neben schneeweißen Lilienbeeten wuchs hell- und tiefblauer Rittersporn, ebenfalls vom satten Buchsbaumgrün eingerahmt. Die und die farbprächtigen Rhododendronhecken wirkten hinter den dicken Mauern wie zusätzliche Schutzwälle.

Doch der Höhepunkt all dieser Schönheit war für Julia das weiße schlossartige Gebäude im Hintergrund mit den vier Säulen vor dem Portal. Zur beiden Seiten war es verschachtelt gebaut mit Türmchen und Verzierungen am Dach. Somerley.

Julia bedauerte erneut, dass ihr der Zugang über den weißen Kiesweg, der direkt zu der breiten Freitreppe führte, verwehrt war. So blieb ihr nichts anderes übrig, als sich in ihrer Fantasie vorzustellen, dass sie über den weißen Kies direkt auf das Gebäude zuschritt, die vier Treppenstufen hinauf. Zu beiden Seiten standen vier wuchtige Säulen, durch deren Mitte sie zum Eingang gelangte. Die schwere Eingangstür öffnete sich danach wie von Geisterhand und gewährte ihr den Zutritt ins Innere des Gebäudes.

Julia schloss die Augen und betrat die großzügig gestaltete Diele im viktorianischen Stil, ganz in Weiß gehalten, mit rot-goldenen Fresken an den Decken. Auf den hellbraunen Holzdielen lagen kostbare Teppichen und Brücken in überwiegend Blau- und Rosatönen. Dem Eingang gegenüber befand sich eine geschwungene Treppe, die in das obere Stockwerk führte und an deren rechter Seite die stolze Ahnengalerie der Besitzer von Somerley zeigte. Das strenge Gesicht eines Herrn, der offensichtlich früh gestorben war, erregte ihre besondere Aufmerksamkeit. Es war ihr, als müsse sich um ihn eine geheimnisvolle Geschichte ranken, die sie gern ergründet hätte. Aus einem der geöffneten Zimmer, das in die Bibliothek oder das Esszimmer führte, schwebte der Duft von Lilien bis in die Diele, einen leicht morbiden Hauch von Schwermut verursachend.

Julia seufzte. Schade, dass die Besitzer anscheinend über genug Geld verfügten, so dass sie es nicht nötig hatten, ihren Besitz Fremden gegen Eintrittspreise zugängig zu machen. Somerley würde ihr also für immer verschlossen bleiben. Schade!

»Hallo du Träumerin, ich habe einen Mordshunger, mein Magen knurrt schon die ganze Zeit unüberhörbar. Wir sollten endlich ein Gasthaus aufsuchen«, meldete sich Marlene Müllers ungeduldige Stimme aus dem Hintergrund.

Julia drehte sich verwundert zu der Freundin um: »Wie kann man nur immerzu ans Essen denken. Wir waren doch vorhin erst in einem Restaurant«, entrüstete sie sich und ärgerte sich ein wenig darüber, dass sie so unsacht aus ihren Träumen wachgerüttelt wurde. Sie strich sich die langen schwarzen Haare hinter das Ohr zurück und drehte sich kopfschüttelnd zu ihrer Freundin um.

»Vorhin, sagst du? Das sind schon mindestens fünf Stunden her! Ach Schneewittchen, von Luft, dem Anblick von Grabhügeln und Steinen mit Inschrift allein kann kein Mensch leben. Wenn dieser Garten hier wenigstens geöffnet wäre und uns an Stehtischen ein Imbiss angeboten würde! Ich für meinen Teil möchte auf keinen Fall auf dieser Reise verhungern und mich neben all den Besichtigungen, die wir nun schon hinter uns haben, nebenbei auch noch etwas erholen«, konterte Marlene schlagfertig

»Im nächsten Ort werden wir bestimmt ein Restaurant finden«, versuchte Walter Fox die ungeduldige Touristin aus Deutschland zu trösten, die im Gegensatz zu ihrer Freundin weit wenig Geduld zu haben schien.

»Na gut, wenn ihr Zwei hier Wurzeln schlagen wollt, dann werde ich jetzt klingeln und die Besitzer um eine milde Essensgabe und einen kühlen Trunk anbetteln«, drohte Marlene scherzhaft und fügte hinzu: "Aber damit werde ich wohl kaum Erfolg haben, denn die Herrschaften wissen ihr Juwel mit großen Hecken, Mauerstücken und Gitterstäben vor Eindringlingen wie unsereins gut zu schützen. Ich gehe schon mal zum Auto zurück. Wenn ihr euch satt gesehen habt, lasst es mich wissen. Das heißt, wenn ich bis dahin nicht längst über alle Hügel davon bin.« Mit dieser scherzhaften Drohung schritt sie auf den schwarzen PKW im Hintergrund zu und nahm auf dem Fahrersitz Platz und kurbelte das Fenster herunter.

»Untersteh dich, überlass das Steuer lieber Mr. Fox«, rief Julia ihr entsetzt nach. »Du weißt doch, dass du keinen Führerschein besitzt. Wenn dich die Polizei ohne erwischt, landest du am Ende noch im Tower.«

»Bestimmt nicht. Da hinein kommen keine kleinen Fische, sondern nur Schwerverbrecher«, lautete die lakonische Antwort der Freundin.

»In diesem Fall hat ihre Freundin recht«, sagte Walter Fox lachend.

»Okay, ich gebe mich geschlagen. Julia stimmte in das Lachen des sympathischen Mannes ein.

Anfangs hatten sie und Marlene schon ein wenig gezögert, sich dem freundlichen Fremden anzuvertrauen. Aber nachdem er ihnen seinen Personalausweis gezeigt hatte und eine Bibliotheksausweis der Hochschule in Nottingham, die ihn als Dozent auswies, waren die Zweifel der beiden jungen Frauen schnell zerstreut gewesen. Von Marlene wusste Julia sogar, dass sie Walter Fox recht sympathisch fand mit seinen blonden Haaren, der reinen hellen Haut und den blauen Augen. Ihrem Geschmack nach war er allerdings ein wenig zu korrekt gekleidet, trug ein blauweißgestreiften Oberhemd zu Jeans und darüber eine dunkelblaue Lederjacke.

»Moment mal, dort hinten tut sich gerade etwas!«, rief Julia plötzlich ganz aufgeregt, die das Anwesen nicht eine Sekunde aus den Augen gelassen hatte.

»Wo?«, erkundigte sich der junge Dozent, der gerade den Besichtigungsplatz am Tor verlassen wollte, um zu seinem Auto zurückzugehen.

»Ich denke, dort vom Schloss her muss dieser Lärm kommen!« Julias Stimme war leiser geworden, während sie den Zeigefinger ihrer rechten Hand ausstreckte und ihm die Richtung wies.

»Dem Geräusch nach müsste es ein schweres Motorrad sein, das jetzt über den langen weißen Kiesweg direkt auf uns zusteuert. Scheint ein Irrer zu sein, weil er mit solch einem hohen Tempo über diesen unsicheren Untergrund rast, als sei der Teufel hinter ihm her!« Julia ließ abrupt die Eisenstäbe los, die sie mit beiden Händen fest umklammert hielt und wich ein paar Schritte zur Seite zurück.

Kurz darauf stoppte das Motorrad auch schon mit einem Ruck vor dem großen Tor, so dass ein paar Steine durch die Luft geschleudert wurden und sie einer davon am Kopf traf.

»Was für ein Idiot«, murmelte die junge Frau erschrocken, obwohl die Person in der schwarzen Lederkluft und dem riesigen Helm auf dem Kopf,der das ganze Gesicht verdeckte, sie beim besten Willen nicht verstehen konnte. Wahrscheinlich ist es ein Mann, dachte Julia, als sie ihn kraftvoll vom Sitz springen und das Tor aufschließen sah, während seine rechte Hand die Maschine hielt.

Das Schloss sprang auf und der Fremde schob sein Fahrzeug durch einen schmalen Spalt hindurch. Dann schwang er sich sofort wieder in den Sattel und gab ordentlich Gas, als könnte er nicht schnell genug von hier wegkommen. Inzwischen hatte wohl eine Automatik dafür gesorgt, dass sich das Tor hinter ihm wieder schloss. Julia, die sich noch immer die schmerzende Stelle am Kopf rieb, fand keine Gelegenheit mehr, hindurch zu schlüpfen. Was sie trotz der Schmerzen nur zu gern getan hätte.

»Ist wohl in großer Eile, der Typ«, sagte Walter Fox neben ihr und erkundigte sich, ob sie starke Schmerzen verspüre.

»Es geht«, wich Julia seiner Besorgnis aus, obwohl sie das Gefühl hatte, ihr würde über der Stirn eine dicke Beule wachsen. Dieser Rohling auf dem Motorrad hatte nicht einmal Notiz davon genommen, dass er sie verletzt hatte. Und wenn doch, sich einfach nichts daraus gemacht. Für ihn waren sie hier wahrscheinlich nur lästige Gaffer.

»Walter, haben Sie das bemerkt, dieser ungehobelte Mensch hätte mich beinahe auch noch umgerannt!«, empörte sich Julia. Anscheinend hatte auch Marlene die Begebenheit aus einiger Distanz mitverfolgt, denn sie kam plötzlich angerannt, um ihrer Freundin eine Schmerztablette anzubieten und einen Schluck Wasser.

»Vielleicht hat der Mann etwas ausgefressen und ist auf der Flucht«, sagte sie.

»Du meinst, es könnte ein Einbrecher gewesen sein? Nein, das glaube ich nicht. Der hätte wohl kaum einen Schlüssel für das Tor gehabt. Außerdem wären ihm bestimmt bei seiner Flucht die Hunde auf die Fersen gehetzt worden. Solche Familien haben doch immer scharf abgerichtete Hunde, Dobermänner oder Bulldoggen, die ihren Besitz bewachen. Und wahrscheinlich obendrein einen aufmerksamen mit einen Revolver ausgestatteten Butler, wenn nicht sogar ein oder zwei Security Leute zu ihrem persönlichen Schutz«, sagte Julia.

»Kann schon sein. Hättest du nicht so lange getrödelt, dann wäre dir auch nichts passiert und ich müsste mir keine Sorgen machen. Komm Julia, lass uns unsere Zelte hier abbrechen! Wir werden bestimmt auf unserer Rundreise noch so manches schöne Anwesen zu sehen bekommen, das nicht so hermetisch abgeschirmt ist wie dieses. Was meinen Sie, Mr. Fox?«

»Das will ich doch hoffen. Obwohl, Schloss Somerley ist schon ein kleines Juwel. Ich kann Ihnen nachher gern etwas über die Lords und Ladys der Familie Campbells erzählen, die hier seit Generationen leben. Das heißt, nur wenn Sie möchten. Allerdings müssten Sie mir vorher versichern, dass sie gruselfest sind und nachher nicht die halbe Nacht vor Angst wach liegen sollten.«

»Soll das etwa heißen, auf Somerley spukt es?«, erkundigte sich Marlene und lächelte amüsiert bei dieser Vorstellung.

»Man erzählt es sich zumindest. Somerley wird nicht nur hier in der Nähe das Spukschloss genannt«, verriet ihnen Mr. Fox mit leiser Stimme.

»Und warum?«, bedrängte Julia den Mann, der sich inzwischen wieder hinter das Steuerrad seines Autos geklemmt hatte und das Radio leiser stellte.

»Warum?« Walter Fox zögerte eine Weile, ehe er antwortete:

»Weil dort auf Somerley ein junger Mönch in den Vollmondnächten über die knarrenden Treppenstufen schreiten soll, um Ausschau nach seiner Geliebten zu halten, die ihn erschoss, als sie seiner Liebe überdrüssig wurde. Einige Besucher, die ihn gesehen haben wollen, behaupten sogar, man könnte die Einschusswunde noch heute bluten sehen.«

»Weiter«, bettelte Julia und hielt leicht den Atem an. Sie hatte es doch geahnt, dass sich hinter der leicht düsteren Fassade des Schlosses ein Geheimnis verbarg. Hatten seine Besitzer diesen farbenprächtigen Rosen- und Liliengarten vielleicht nur deshalb angelegt, um davon abzulenken?

»Ist doch alles Humbug!«, behauptete Marlene und kurbelte bereits wieder am Radio herum.

»Heute Abend, irgendwo in einem Hotel an einem Kaminfeuer erzähle ich Ihnen gern weiter«, versprach der Mann und startete den Motor.

»Erst machen Sie mich neugierig und dann kneifen Sie! Das finde ich nicht gerade fair«, rügte ihn Julia, die hinter ihm im Fond des Wagens saß. Marlene auf dem Beifahrersitz gähnte derweil laut und unüberhörbar. Für Sagen und Gruselgeschichten interessierte sie sich wohl gar nicht. Sie lehnte den Kopf in die Nackenstütze zurück und wippte mit ihren Fußspitzen zu der fetzigen Musik aus dem Äther.

»Noch ist die Sonne nicht untergegangen, Miss Julia. Solche Geschichten sollte man nur erzählen, wenn es dunkelt und sich der Nebel an den Hügeln reibt, wenn Elfen und Kobolde im Mondschein auf den Wiesen tanzen und die …« , versuchte Mr. Fox sich Gehör zu verschaffen.

»Walter, achten Sie lieber auf die Straße vor Ihnen, ehe wir uns auch noch verfahren. Und vor allen Dingen, verraten Sie uns endlich, wo und wann wir ein Gasthaus finden werden, in dem wir zu Abend essen und heute Nacht schlafen können«, entschied die praktische Marlene, die nicht umsonst das Fach Mathematik und Physik an einer Essener Schule unterrichtete.

»Du kleine Nervensäge«, sagte Julia ärgerlich, die sich gewünscht hätte, Mr. Fox wäre mit seiner Erzählung fortgefahren.

»Pah, wer hört sich schon Spukgeschichten an, wo doch jeder weiß, dass nicht ein Körnchen Wahrheit an diesen gruseligen Märchen ist«, erwiderte Marlene gelangweilt.

»Du kannst dir ja nachher im Hotel gern einen heiteren Videofilm ansehen, während Walter mir die versprochene Geschichte erzählt. Übrigens, was haltet ihr davon, wenn wir hier in der Nähe ein kleines Cottage mieten, um von dort aus Touren in die Umgebung zu unternehmen«, schlug Julia vor, der die leicht hügelige Landschaft, durch die sie gerade fuhren, gut gefiel.