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Heinz-Jürgen Schönhals

Julia

oder die wahre Liebe





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Julia oder die wahre Liebe

Eine Erzählung

 

Autor: Heinz-Jürgen Schönhals

 

Neubearbeitung: April 2019

 

Covergestaltung: Heinz-Jürgen Schönhals

 

Inhaltsangabe

Reinhard Dellinger, in seiner Ehe nicht besonders glücklich, weilt zu Besuch bei seinem Cousin. Dessen Ehefrau Klara bittet Reinhard am nächsten Tag, ihrer Mutter in Waldeck, Frau Falk, etwas Wichtiges zu überbringen. Auch seine frühere Verlobte Julia, verheiratete Esser, weile zur gleichen Zeit in Waldeck, sagt ihm Klara, die Schwester Julias; sie wolle ihre Mutter besuchen. Ein erneutes Zusammentreffen mit Julia fürchtet Reinhard und sehnt es gleichzeitig herbei. In Waldeck trifft er sich zunächst mit einem alten Schulfreund. Der, ein Lehrer für bildende Kunst, führt Reinhard einige Bilder in seinem Bilderkabinett vor. Ein Gemälde von Edvard Munch beeindruckt Reinhard derart, dass er nachts von einer Person des Bildes träumt. Am nächsten Tag besucht Reinhard Frau Falk. Da Julia noch nicht da ist, verbringen sie die Zeit mit Erzählungen. Frau Falk macht wie schon Klara seltsame Bemerkungen über Julia und ihren Mann, die beide in ihrer Ehe gar nicht glücklich seien. Überrascht ist Reinhard, dass er den gleichen Bilddruck, den ihm sein Schulfreund so ausgiebig beschrieben hat, wiedersieht; er hängt über einem Schreibsekretär im Wohnzimmer von Frau Falk. Ob Julia nun, wie erwartet, bei ihrer Mutter eintrifft und welche Konsequenzen das für Reinhard hat, wird am Schluss der Erzählung geklärt. 

Inhaltsverzeichnis

Erstes Kapitel: Reinhard Dellingers tristes Alltagsleben (Gelegentlich träumt er nachts von einem anderen Leben, das ihm wegen außergewöhnlich widriger Umstände, die ihn zur Aufgabe seines Medizinstudiums zwangen, entgangen ist. Mancher Traum führt ihm auch ein Leben an der Seite seiner einstigen Verlobten Julia Falk vors träumende Auge, die er irgendwann - im Traum - geheiratet hat.)

Zweites Kapitel: Dellingers Urlaubsfahrt zu Verwandten (Die Aussicht, seiner Ex-Verlobten wieder zu begegnen, hatte Reinhard schon während des Telefonats mit Klaus in eine freudig erregte Stimmung versetzt. Dabei hatte er kurz zurück an die Zeit mit Julia vor 25 Jahren gedacht…)

Drittes Kapitel: Gespräch mit Freunden über ‘die wahre Liebe‘ (… es sei eine Illusion zu sagen, die Liebe der Geschlechter sei etwas Hehres, Erhabenes. Die sogenannte Liebe sei in Wahrheit ein Überwältigen eines anderen … oder einer anderen. Das heißt, die Liebe habe - realistisch gesprochen - viel mit gegenseitiger Unterwerfung zu tun.)

Viertes Kapitel: Der Aufenthalt bei Cousin Klaus Eggebrecht („Julia wird übrigens auch in Waldeck sein“, sagte Klara nun doch den Satz, den er auf einmal insgeheim fürchtete, „sie möchte sich ein paar schöne Tage bei ihrer Mutter machen.“)

Fünftes Kapitel: Reinhards Fahrt nach Waldeck (Doch als es dann wirklich passierte, wie er es sich insgeheim gewünscht hatte, dass sie sich einem anderen zuwandte, eben diesem Esser, da bereute er mit einem Male sein Benehmen, da merkte er, was Julia für ihn bedeutete, dass es eben doch Liebe war, leidenschaftliche Liebe.)

Sechstes Kapitel: Das Elternhaus und der Garten: (Reinhard vermutete, der Anblick des einst so lieblichen, jetzt total verschandelten Gartens hatte ihn an sein aus dem Ruder gelaufenes Leben erinnert.)

Siebtes Kapitel: Besuch bei einem Schulfreund, einem Kunstlehrer; Betrachtung von Gemälden („… ich sehe in ihr eine Verliererin, ein Opfer schicksalhafter Verwicklungen; Verkettungen, könnte man auch sagen, und zwar Verkettungen im eigentlichen Sinne des Wortes, denn dass das Paar in der Mitte in Liebe und Leidenschaft miteinander ‘verkettet‘ ist, lässt sich leicht erkennen.“)

Achtes Kapitel: Der Traum von der ‘dark lady‘ (Er sieht die schwarzgekleidete Lady, von der Holger Retzlaff erzählt hat; nun tritt sie im weißen Grabgewand auf; die blonden Haare wirr um den Kopf, schreitet sie durch die engen Gassen von Waldeck.)

Neuntes Kapitel: Zu Besuch bei Frau Falk (Wenn also der neue Weg, den er ab jetzt wieder gemeinsam mit Julia gehen wird, der ihnen geradezu zwingend vorgezeichnet ist - müssten nicht alle Rücksicht, alle Feinfühligkeit und moralischen Bedenken ihre Bedeutung verlieren, müsste nicht der Wille des Schicksals allein den Ausschlag geben?)

Zehntes Kapitel: Rückfahrt (…verfiel er noch einmal in seine alte Neigung zum Spekulieren: Wenn Mechthild denn in Hamburg glücklich geworden wäre, warum erschien sie ihm ständig in seinen Träumen, warum hatte er letzte Nacht wieder so zwanghaft an sie denken müssen, dass sie ihm abermals in einem Alptraum erschien?)

Personen:

 

Reinhard Dellinger – Krankenpfleger

Gudrun Dellinger – seine Frau

Gerhard Leukel – ein Freund Reinhards

Günter Metzger – ein Freund  Reinhards

Klaus Eggebrecht – Reinhards Cousin

Klara Eggebrecht – dessen Frau

Adele Falk – Julias und Klaras Mutter

Julia Esser, geb. Falk – Reinhards frühere Freundin

Jost Esser – Julias Ehemann

Mechthild Ehrenwerth – Jost Essers frühere Verlobte

Holger Retzlaff – Kunstlehrer, Schulfreund von Reinhard

 

1. Kapitel: Reinhard Dellingers tristes Alltagsleben

Der Krankenpfleger Reinhard Dellinger hat nachts oft seltsame Träume, und er ist darüber nicht wenig beunruhigt. Immer wieder träumt er, er forsche nach der Adresse von Julia Falk, mit der er früher einmal verlobt war. Irgendwo im Norden, bei Hamburg, soll sich ihre Lebensspur verlieren, hat er herausgefunden - im Traum. Dabei weiß er genau, wo Julia heute wohnt: in Weiden, einer Stadt in Bayern, und sie ist dort verheiratet mit Jost Esser, einem Bankangestellten. Zuweilen tritt Julia in Reinhards Träumen auch persönlich in Erscheinung. Dann sieht er, nachdem er zu träumen angefangen hat, wie sie langsam auf ihn zukommt. Doch je mehr sie sich ihm nähert, desto stärker verändert sich ihr Gesicht. Wenn sie dann ganz nahe an ihn herangekommen ist, gleichen ihre Züge einer völlig anderen Person. Reinhard glaubt in dieser Person eine flüchtige Bekannte aus früherer Zeit zu erkennen, die gelegentlich am Rande seines jugendlichen Freundeskreises aufgetaucht war. Ihr Name ist ihm allerdings entfallen.

Da er schon oft in dieser alptraumhaften Weise geträumt hat, überlegte er, ob er nicht einen Psychologen zu Rate ziehen sollte, der ihn von dieser seltsamen Träumerei, die ihm allmählich auf die Nerven ging, befreien könnte. Doch rasch verwarf er den Plan wieder, er kam ihm albern vor. Außerdem ließ er nur ungern jemanden in seiner Vergangenheit herumspähen. Denn darauf lief es doch hinaus: der Therapeut witterte irgendein Trauma, welches er, Reinhard, nicht verarbeitet hat und das nun in aberwitzigen Träumen ständig wiederkehrend Gestalt annahm. Schon würde er nach Details fragen, würde sich anschicken, das Allerintimste aus Reinhards Kindheit, seiner Jugend, seiner frühen Mannesjahren hervorzukramen, um es zu inspizieren. Nein, so etwas kam für ihn nicht in Frage!

Vielleicht sollte er einmal selbst versuchen, die Störquelle, welche für seine Alpträume verantwortlich ist, aufzuspüren und zu beseitigen. Heilen durch Erinnern - so könnte das Programm seiner Selbsttherapie lauten. Eventuell haben sich bei ihm Schuldgefühle zu einem Schuldkomplex aufgeladen oder zu viele unglückliche Erlebnisse zu einer Angststörung ausgewachsen, und beide drängen nun als Alpträume aus seinem Unterbewusstsein hervor und verhageln ihm zusätzlich den Nachtschlaf. Wäre es da nicht naheliegend, etwas in seiner Vergangenheit herumzustöbern, dabei den Blick akribisch auf außergewöhnliche Stresserfahrungen oder eine Serie von Unglücken oder gar Katastrophen zu lenken, welche einst sein Leben für einige Zeit verfinsterten? Er brauchte dann nur noch die Stress auslösenden Ereignisse mit gezielten Fragen anzugehen und durch eine gründliche Analyse zu zergliedern und zu zerlegen - schon müsste die Erregung in seinem Unterbewusstsein abflauen, schon wäre seinen fatalen Träumen die Energie entzogen; auch seine innere Stabilität könnte er durch ein solches „therapeutisches Erinnern“ wiederherstellen!

Jedoch gab es da ein nahezu unüberwindliches Hindernis: Reinhard Dellinger blickte nicht gerne zurück. Allenfalls tat er es unfreiwillig, bei einem Treffen mit alten Freunden, wenn sentimentale Erzählungen und der Zauberer Alkohol seine Seele übertölpelten. Im nüchternen Zustand kam ihm die Vergangenheit immer wie eine verstaubte Dachkammer vor, in die hineinzugehen er nicht die geringste Lust verspürte. Denn was erwartete ihn dort anderes als ein düsteres Reich der verrotteten Objekte, wo ihn fortwährend der kalte Hauch des Unabänderlichen und Unwiederbringlichen anweht, wo er sein einst pralles, buntes Leben nur noch in vergilbten Fotos, altfränkischen Gemälden oder verwaschenen Aufzeichnungen betrachten und rückschauend in Selbstgesprächen erörtern kann? Und in diese ihn nur trübsinnig, nur grüblerisch stimmende Dachkammer sollte er also hineingehen, die Störquelle, die sich dort eingenistet, aufspüren und den Schalter an dem Störapparat entschlossen umlegen, auf dass mit diesem einen erlösenden Handgriff allen seinen entsetzlichen Traumgesichten - gewissermaßen mit einem Schlag - der Antrieb, der Strom abgedreht wäre?

Und wenn er die Störquelle nicht findet? Wenn sie in der Masse der Ereignisse, die schattenhaft, konturlos in seiner Erinnerung an ihm vorbeiziehen, überhaupt niemals vorhanden war?

Nein! Lieber nahm er seine fatalen Träume in Kauf, lieber wandte er weiter erhebliche Energie auf, um die Träume als unerheblich zu betrachten und beiseite zu schieben, statt sich seiner Vergangenheit zu stellen, das heißt mit großem Widerwillen in der besagten Dachkammer das Unsägliche in Angriff zu nehmen: den Marsch zurück ins Schattenreich des Gewesenen, um dort den ganzen, in dunkle Nischen, hinter verriegelte Türen weggeschobenen Ereignismüll - vielleicht vergeblich - hervorzukramen.

Ja, so dachte Reinhard nun einmal über seine Vergangenheit, so negativ, so verbittert, und es war deshalb nur zu begreiflich, dass er zögerte, überhaupt auf seine Vergangenheit zurückzublicken. -

Reinhard Dellinger ist zirka 45 Jahre alt. Seinen Beruf als Krankenpfleger übt er am Ludwig-Aschoff-Krankenhaus in B*** aus. Die Arbeit dort ist aufreibend. Wochenenddienste sowie Früh-, Spät- und Nachtdienste gehören zu seinem Alltag. Hat er Frühdienst, klingelt schon um halb fünf der Wecker, der Spätdienst endet meist erst um 21 Uhr, zum Nachtdienst muss er zweimal die Woche antreten. Dann hat er als Krankenpfleger Dinge zu tun, vor denen sich manch einer ekelt. Zu den angenehmeren Tätigkeiten gehören noch die üblichen Versorgungsdienste: Blutdruck, Puls, Temperatur messen, Ärzten und Ärztinnen bei Punktionen oder Infusionen assistieren, Patienten auf Operationen vorbereiten. Unangenehmer wird es, wenn er pflegebedürftigen Patienten beim Waschen helfen oder gar stinkende Wunden behandeln oder sich um Menschen mit Harn- oder Kotabgangsstörungen kümmern muss. Auch mit renitenten, psychisch gestörten Patienten hat er nicht selten zu tun. Manchmal muss er am Morgen 10 oder 12 Problem-Patienten innerhalb kurzer Zeit versorgen. Die meisten können sich nicht selbst waschen, nicht selbst umdrehen, nicht alleine essen oder selbständig auf die Toilette gehen. Rasch schnappt sich Reinhard dann seine Ausrüstung - darunter Waschschüsseln, Hand- und Badetücher, Inkontinenzunterlagen und jede Menge Windeln - und macht sich an die Arbeit. ‘O Stress, lass nach!‘ - stöhnt er dabei oft, jedoch flüstert er das nur in sich hinein, denn zu den Patienten muss er freundlich sein, darf mit tröstenden oder aufmunternden Worten nicht geizen. Doch zuweilen überfällt ihn die Befürchtung, er könnte dem Stress und den ständig steigenden Anforderungen auf Dauer nicht standhalten. Neulich quittierte ein älterer Kollege den Dienst, wegen Burn-out-Syndroms. Reinhard Dellinger meinte daraufhin, dieses Syndrom könnte bald auch ihn treffen, das heißt Schwäche und Mattigkeit kämen unaufhaltsam auf ihn zu, bis am Ende – vielleicht schlagartig – alle seine Kräfte verkümmerten und erlahmten. Doch schnell reißt er sich wieder am Riemen, verscheucht solche negativen Gedanken und redet sich ein, er übe einen interessanten Beruf aus, zu dem er von jeher Neigung und Talent entwickelt habe.

Gelegentlich träumt er nachts von einem anderen Leben, das ihm wegen außergewöhnlich widriger Umstände, die ihn zur Aufgabe seines Medizinstudiums zwangen, entgangen ist. Er sieht sich dann meistens als Chefarzt eines Krankenhauses seinem gehobenen Beruf mit großer Leidenschaft nachgehen. Mancher Traum führt ihm auch ein Leben an der Seite seiner einstigen Verlobten Julia Falk vors träumende Auge, die er irgendwann - im Traum - geheiratet hat und mit der er in einer prachtvollen Villa samt ebenfalls prachtvollem Garten lebt, zusammen mit ihren Kindern, und sie genießen das Leben, sozusagen an einem paradiesischen Ort, mit vollen Zügen. Wie gesagt: alles nur im Traum! Die Realität sieht anders aus: Statt zum Chefarzt oder überhaupt zum Arzt hat er es nur zum Krankenpfleger an einer Klinik gebracht, und er lebt in einem Vorort von B***, allerdings nicht zusammen mit Julia, sondern mit seiner Frau Gudrun und ihren beiden Kindern Elena und Ingeborg; auch wohnen sie nicht in einer Villa, sondern in einer Mietwohnung. Irgendwann vor Jahren, nachdem er die Uni. verlassen hatte und dann mancherlei Umwege gehen musste, an die er sich nur ungern erinnert, war er in einer Krankenpflegerschule gelandet, hatte dort schließlich die Abschlussprüfung bestanden und durfte sich staatlich geprüfter Krankenpfleger nennen. Am Ludwig-Aschoff-Krankenhaus in B. war er dann, als Krankenpfleger in der chirurgischen Abteilung, hängengeblieben.

Zweimal im Jahr nimmt Reinhard Dellinger für je zwei Wochen Urlaub. Dann fährt er mit seinem Wagen zu seiner alten Mutter ins Hessische, meistens alleine. Denn seine Frau, ein häuslicher Typ, bleibt lieber zu Hause bei Elena und Ingeborg. Vor allem lehnt sie es ab, ihre Schwiegermutter zu besuchen, die in W*** bei Groß-Gerau wohnt.